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Full text of "Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie 1882"

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UNIVERSITY OF ILLINOIS 
LIBRARY 



Class 

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P 11-20M 



Book 



Volume 



MUPS 1662. 



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Th«ft, mutilation, and und«rlining of bookt 
ar* reasons for discipHnary action and may 
result in dismlssal from th« Univ*rsity. 
University of Illinois Library 



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APR 2 4 1976 



L161— O-1096 



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Sitzungsberichte 

der 

philosophisch-philologischen und 
historischen Classe 

der 

k. b. Akademie der Wissenschaften 

zu ]S/Eünchen. 



Jahrgang 1882. 



Erster Band. 



München. 

Akademische Buchdruckerei von F. Stranb. 

1882. 

In Conimission bei G. Franz. 



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Inhalts - Uebersicht. 



Die mit * bezeichneten Vorträge sind ohne Auszug. 

Oeffentliche Sitzung der Jcgl. Akademie der Wissenschaften 
zur Feier des 123. Stiftungstages am 28. März 1882. 

Seite 

t. Prantl: Nekrologe 391 

y. Giesebrecht: Nekrolog 417 



Philosophisch-philologische Classe. 

Sitzung vom 7. Januar 1882. 

Wilb. Meyer: Der Ladas de Antichristo and Bemerkungen 

über die lateinischen Rythmen des XII. Jahrhunderts 1 

Sitzung vom 4. Februar 1882. 

*Bursian: Der Bhetor Menandros and seine Schriften . . . 237 
Unger: Die historischen Glosseme in Xenophons Hellenika . 237 

Sitzung vom 4. März 1882. 

*▼. Christ: Die Attikus-Ausgabe des Demosthenes .... 355 
Thomas: a) Bemerkungen zu einer Relation über Schweden aus 

dem Jahre 1578 355 

b) Der Einzug Kaisers Karl V. in München am 
10. Juni 1530. Zwei Briefe eines Venezianers als 
Augenzeugen 363 



189316 

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IV 

Sitzung vom 6. Mai 1882. 

Seite 

Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen 422 

Historische Classe. 

Sitzung vom 7. Januar 1882. 

y. Rieh!: Arcangelo Corelli im Wendepunkte xweier musik ge- 
schichtlicher Epochen 193 

Grcgorovias: Die Gründang der ersten wissenschaftlichen 

Akademie Corsicas 235 

Sitzung vom 4. Februar 1882. 

Friedrich: Die vocati episcopi Erchanfried and Otkar der 
Passaner und der Oadalhart episcopns der Freisinger Ur- 
kunden 313 

*v. Druffel: Beiträge zur militärischen Würdigung des schmal- 

kaldischen Krieges 348 

Sitzung vom 4. März 1882. 
v. Loh er: Ueber angebliche Menschenopfer bei den Germanen 373 

Einsendungen von Druckschriften 349. 492 



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Sitzungsberichte 

der 

philosophisch-philologischen und 
historischen Classe 

der 

k. b. Akademie der Wissenschaften 

zu München. 



1882. Heft L 



München. 

Akademische Buchdruckerei von F. Straub. 

1882. 

In Commission bei G. Franz. 



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Sitzungsberichte 

der 

köoigl. bayer. Akademie der* Wissenschaften. 
Philosophisch-philologische Classe. 



Sitzung vom 7. Januar 1882. 



Herr Wilh. Meyer hielt einen Vortrag: 

„Der Ludus de Antichristo und Bemer- 
kungen über die lateinischen Rythinen 
des XII. Jahrhunderts." 

Kaum eine andere lateinische Dichtung hat in neuester 
Zeit mehr Beachtung und Beifall gefunden, als das von Pez 
entdeckte, von ihm und Zezschwitz herausgegebene *), dann 
von Wedde 2 ) und Zezschwitz übersetzte Spiel vom Anti- 
christen. Während Hase und Wilken es weniger hoch 
stellten, haben Holland, Janssen, Zezschwitz, Wedde und 
Scherer 8 ) ihm die wärmsten Lobsprüche gespendet. Und 



1) Bernh. Pez Thesaurus Anecdotorura II, 3, S. 187—196. Zezsch- 
witz 1) Der Kaisertraum des Mittelalters, Leipzig 1877. 2) Vom römi- 
schen Kaisertum deutscher Nation, Leipzig 1877. (217 Seiten Einleitung, 
23 Seiten Text, 1 Seite Facsimile). 3) Das Drama vom Ende des römi- 
schen Kaisertums, Leipzig 1878 (Uebersetzung). 

2) Das Drama vom röm. Reiche deutscher Nation, Hamburg 1878. 

3) Karl Hase, das geistliche Schauspiel 1858, S. 25—30. Wil- 
ken, Gesch. d. geistlichen Spiele in Deutschland 1872, S. 145—152. 
Holland, Gesch. d. altdeutschen Dichtkunst in Bayern 1862, S. 612— 
623. Janssen, Gesch. d. deutschen Volkes I S. 231. Scher er, Gesch. 
d. deutsch. Litteratur, S. 77 — 79; vergl. denselben in der Zeitschrift f. 
deutsches Alterthum, 24 S. 450. 

[1882. I. Philos.-philol. hist. Cl. 1.] 1 



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2 Sitzung der phüos.-philöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

die Dichtung verdient allerdings Studium und Lob in reichem 
Maasse, als ein Erzeugnis« der Bliithezeit der mittelalterlichen 
lateinischen Poesie und als ein Vertreter der so schwierigen 
dramatischen Dichtungsart, in welchem durch Instinkt viele 
Gesetze derselben beobachtet sind. 

Trotz allen Lobes ist es doch dem Dichter in vielen 
Stücken schlecht ergangen. Zezschwitz hat zwar eingesehen, 
dass der Traktat des Adso die alleinige Vorlage des Ge- 
dichtes sei, aber nicht den Inhalt desselben von Stufe zu 
Stufe mit seiner Vorlage verglichen : der Weg, der allein 
zum richtigen Verständniss desselben führt. Dann meinte 
er, die münchner Handschrift (No. 19411, in welcher allein 
das Gedicht erhalten ist), habe den Text fast fehlerlos über- 
liefert, und hat sich desshalb mit einem Abdruck der Hand- 
schrift begnügt, der ein Facsimile ersetzen soll. In Wahr- 
heit ist aber der Wortlaut in dieser Handschrift durch viele 
Fehler entstellt, so dass Jeder sehen muss, wie er sich durch 
Kritik und richtige Interpunktion den Druck Zezschwitz's 
verbessern und verständlich machen kann. Emilich von der 
Form des Gedichtes schreibt Wedde 'Antike Metrik darf 
man hier gar nicht erwarten. Classischen Zunftphilologen 
ist im Interesse ihres Wohlbefindens von der Leetüre des 
Originals aufs dringendste abzurathen — ein Schlaganfall 
wäre beim Anblick dieser "Längen und Kürzen" etwas sehr 
Wahrscheinliches. Und auch von unserer heutigen Jamben- 
und Trochäenhackbrettpoetik ist hier keine Rede.' Was 
Wedde wohl thut, wenn wieder so ein klassischer Philologe 
nachweist, dass auch unser Dichter sein Haupt unter das 
Joch eines streng bestimmten Versgesetzes gebeugt und sich 
nicht geschämt hat, Silben zu zählen und darauf zu achten, 
dass er die Worttöne ja nicht unrichtig stelle? 

Desshalb schien es mir eine Pflicht gegen den Dichter 
zu sein, erstlich den Inhalt der Dichtung mit der Quelle 
zu vergleichen, sodann den Wortlaut des Gedichtes mög- 



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— — 



Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo and über lat. Bythmen. 3 

liehst gereinigt und verständlich wieder za geben, endlich 
die rythmischen Formen, deren sich dieser Dichter bediente, 
mit den Formen der andern rythmischen Dichter jener Zeit 
zu vergleichen und so deutlicher zu erklären. 

Die Sage vom Antichristen 1 ) gehört zu den 
wichtigsten christlichen Sagen, da sie nicht nur die Theo- 
logen fast aller Zeiten beschäftigt, sondern auch oft genug 
bei politischen Aufregungen eine Rolle gespielt hat. Der 
Sagenstoff, welcher sich in der griechischen Kirche hierüber 
gesammelt hatte, wurde wahrscheinlich schon vor dem 8. Jahr- 
hundert, mit ebenso grosser Belesenheit als reicher Phantasie 
dargestellt und weiter ausgemalt in einer Schrift, die den 
Namen des Methodius trägt. Im Abendlande hatte schon 
Agobard am Ende seiner an Ludwig den Frommen gerich- 
teten Schrift de Judaicis superstitionibus gewünscht : Utinam 
jnberet religiosissimi Imperatoris industria alicui de suis, ut 
colligeret omnia quae a magistris ecclesiae in scripturis 
sanetis de Antichristo intelligenda vel exposita vel signata 
sunt Dieser Wunsch war vielleicht schon erfüllt. Denn 
schon in mehreren Handschriften, welche in das VIII/IX. 
Jahrhundert gesetzt werden, findet sich eine lateinische 
Uebersetzung des Methodius, welche dann im Mittelalter 
wegen des Namens ihres angeblichen Verfassers bei Theo- 
logen wie Historikern Verbreitung und Einfluss gewann. 2 ) 
Dies Ansehen machte ihr nur eine Schrift streitig, welche 
aus derselben hervorgegangen ist. Die Schicksale dieser 
zweiten Schrift sind von Froben in Alcuins Werken (IV 

1) Theologisches Hauptwerk hierüber ist das Buch des Thomas 
Malvencia de Antichristo Lejden 1647 ; vgl. besonders Alexandre Oracula 
Sibyllina (1856) tom. II p. 490- 516. 

2) Vgl. A. v. Gutschmid in der historischen Zeitschrift 41 (1879) 
S. 152—154. Von demselben Gelehrten ist bald die VeröifentlichuDg 
des griechischen und lateinischen Textes sammt Besprechung aller ein- 
schlägigen Fragen zu erwarten. 

1* 



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4 Sitzung der phüosrphüol. Classe vom 7. Januar 1882, 

p. 526 = Migne Cursus 101 p. 1289) dargelegt. Zuerst 
schrieb Adso ,vor 954 auf Wunsch der Königin Gerberga 
diesen Traktat nebst einer an die Konigin gerichteten Vor- 
rede. Dann setzte Albainus in ein dem Cölner Erzbischof 
Heribertus gewidmetes Sammelwerk (auch in der münchner 
Handschrift 7797 f. 13 — 61) nicht nur die Schrift des Adso 
vollständig ein, sondern schrieb in der Vorrede zum ganzen 
Werke auch die Vorrede des Adso theilweise wörtlich ab. 
So findet sich der Traktat, selten mit des Albuinus Namen, 
sehr oft ohne jeden Namen und jede Einleitung in vielen 
Handschriften und ist desshalb unter des Alcuin und des 
Rabanus Namen und in den Supplementen zu Augustin ge- 
druckt (Migne 40 p. 1130 und 101 p. 1289). Floss, der 
all dieses nicht wusste, liess ihn wieder drucken in Haupts 
Zeitschrift (X, 265). 

Adso, die Quelle unseres Dramas, schreibt die Commen- 
tatoren der Bibel und besonders den Methodius aus und hat 
so ein ziemlich confuses Ganze zusammengebracht. Er schil- 
dert zuerst wie der Teufel bei der Einpfangniss und Geburt 
des Antichristen thätig ist, sodann in welchen Städten der- 
selbe geboren und aufgezogen wird, wie er auftritt und seine 
Macht auf Erden ausbreitet, insbesondere die Gläubigen 
schwer bedrängt. Erscheinen werde er nicht, nisi venerit 
discessio primum, id est, nisi omnia regna mundi discesserint 
a Romano imperio, cui prius subdita erant . . . Tradunt 
doctores nostri, quod unns ex regibus Francorura Roman um 
imperium ex integro tenebit, qui in novissirao tempore erit ; 
et ipse erit maximus omnium regum et ultimus, qui post- 
quam regnum suum fideliter gubernaverit ad ultimum Hiero- 
solymam veniet et in monte Oliveti sceptrum et coronam 
suam deponet. hie erit finis et consummatio Romanorum 
et Christianorum imperii. Dann erscheine der Antichrist. 
Dies veranlasst Adso noch einmal auf das Auftreten des 
Antichrists zurückzukommen, wie er sogar über die Trinität 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 5 

sich erhebe, in Jerusalem sich beschneiden lasse und von 
den Juden als der echte Messias aufgenommen werde. *) 
Dann bekehrten Elias und Henoch die Juden zum Chris ten- 
thum, würden getödtet, aber nach 3 Tagen wieder auferweckt. 
Nachdem der Antichrist 3 1 /* Jahr gewüthet, werde er von 
Gott in Babylon oder auf dem Mons Oliveti auf seinem 
Throne getödtet. 

Aus dieser ungeordneten Sammlung einzelner Notizen 
lässt unser Dichter eine im Einzelnen reichbelebte, aber 
doch im Ganzen einfache, sich klar entwickelnde und immer 
mehr spannende Handlung emporsteigen; er verzichtet auf 
manche auffallende Einzelnheiten, die Adso bot, auf alle 
theologischen Erörterungen, zu denen viel Anlass nahe lag: 
er ist nur auf die lebendigste Gestaltung seines Stoffes be- 
dacht, ein Verdienst, das einem mittelalterlichen Dichter be- 
sonders hoch anzurechnen ist. Zuerst macht sich der Kaiser 
die Christenheit unterthänig und legt dann in Jerusalem die 
kaiserliche Krone ab. Da erscheint der Antichrist, unter- 
wirft sich die Könige der Christenheit und mit deren Hilfe 
die Heiden, gewinnt durch Irrlehre die Juden, lässt dann 
diese, welche durch Elias und Henoch zum Abfall von ihm 
und zum Christenglauben bewogen sind, tödten und will 
sich eben als dem obersten Gott und dem Herrn der Welt 
huldigen lassen, da wird er getödtet und seine Anhänger 
kehren zur Kirche zurück. 

Zum besseren Verständniss scheint mir nothwendig, die 
einzelnen Theile des Dramas mit der benützten Quelle zu 
vergleichen. 

Die Bühne (No. 1 des Textes) stellt die Erde dar mit 



1) Eine Handschrift (ohne Adso's Namen) hat hier eine Inter- 
polation aus einem sibyllinischen Orakel saec. XI— XII, von dem bis 
jetzt drei Versionen gedruckt sind (bei Beda Migne 90 p. 1183, Got- 
fried von Viterbo Chronik. X p. 219, Forschungen z. d. Gesch. X p. 621 
= Mon. Script. XXII p. 375). 



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6 Sitzung der philos.-phüöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

sieben Thronen. Auf der Seite im Osten steht der Tempel 
von Jerusalem, neben diesem der Sitz der Synagoge (1.) und 
der des Königs von Jerusalem (2.)i der später (No. 48) als 
der Sitz des Antichristen in den Tempel verbracht wird. 
Auf der Seite im Westen steht das Imperium (No. 21. 30. 
31), der Sitz des Kaisers (3.), der auch dem Umfange nach 
das Gegenstück zu dem Tempel von Jerusalem bildet, da 
auf demselben ausser dem Kaiser noch die Kirche mit der 
Liebe und der Gerechtigkeit und der Pabst ihren Platz ein- 
nehmen. Neben dem Imperium steht der anfanglich leere 
(No. 9 u. 38) Sitz des deutschen Königs (4.) und jener des 
Königs von Frankreich (5). 1 ) An der Hinterwand, der Süd- 
seite, steht der Sitz des Königs von Griechenland (6.), end- 
lich jener der Gentilitas und des Königs von Babylon (7. 
vgl. No. 3). Da nun an dieser Seite wohl auch der Ein- 
und Ausgang (No. 99) gedacht werden muss, da ich aber 
zwischen den Ausdrücken Ad austrum (sedes regis Grecorum) 
und Ad meridiem (sedes regis Babiloniae et Gentilitatis) 
keinen Unterschied finden kann, so kann ich auch nicht 
bestimmen, welchen dieser Sitze der Dichter sich östlich, 
welchen westlich von diesem Eingange gedacht hat. 

No. 2 — 36. Das Heidenthum mit dem König von Ba- 
bylon betritt mit einem längeren Gesänge die Bühne und 
besteigt seinen Thron; ebenso das Judenthum und ebenso 
die Kirche, begleitet von der Liebe und Gerechtigkeit und 
gefolgt vom Pabste und dem Kaiser. In ähnlicher Weise 
nehmen dann noch die Könige von Frankreich, Griechen- 
land und Jerusalem ihre Sitze ein (No 2 — 9). Der Kaiser 
lässt den französischen König auffordern, den Berichten der 



1) Die Sache lässt sich am einfachsten so denken, dass der Sitz 
der Synagoge nördlich (also auf der Znschauerseite) vom Tempel, der 
des deutschen Königs nördlich vom Imperium, die der Könige von Jeru- 
salem und von Frankreich südlich von den Hauptthronen stehen. 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 7 

Geschichtschreiber und dem römischen Rechte gemäss ihm 
als seinem Herrn zu huldigen und Waffendienst zu geloben. 
Als dieser trotzig antwortet, die kaiserliche Würde gebühre 
eigentlich den Franzosen, wird er besiegt und zur Huldig- 
ung gezwungen. Der König von Griechenland wird dann 
aufgefordert dem Kaiser zu huldigen und Tribut zu zahlen, 
und thut es willig. Ebenso der König von Jerusalem (No. 
10 — 28). Da erhebt sich der König von Babylon, um das 
Christenthum zu vertilgen, und berennt zuerst Jerusalem, 
die Geburtsstätte desselben. Zu Hilfe gerufen, schlägt der 
Kaiser, der defensor ecclesiae, ihn in die Flucht (No. 29—36). 

Zur Erfindung dieser Handlung mag der Dichter an- 
geregt worden sein durch die Worte Adso's von dem Könige, 
welcher 'Romanorum imperium ex integro tenebit' und von 
der Macht des römischen Reiches: 'omnes populorum nationes 
Romae subiacebant et serviebant ei sub tributo', wo manche 
Handschriften auch bieten 'Romanis subiacebunt et servient 
eis'. Hauptsächlich aber haben beim Aufbau dieses Aktes, 
wie z. B. bei der Aaswahl der auftretenden Könige, bei der 
geschickten Einfügung der Bedrohung und Vertheidigung 
der Stadt Jerusalem, die Verhältnisse seiner Zeit, welche 
später näher beleuchtet werden, besonderen Einfluss auf den 
Dichter geübt. Um so deutlicher ist Adso's Einfluss in 
der folgenden Handlung zu spüren. 

Der siegreiche Kaiser betritt den Tempel von Jeru- 
salem, nimmt die Kaiserkrone vom Haupte und gibt, die 
Krone und das Scepter in den Händen haltend, Gott die 
Kaiserherrschaft zurück 'Tibi imperium resigno, regi regum, 
per quem reges regnant, qui solus imperator dici potes et 
es.' Hierauf kehrt er zurück, aber nicht auf den kaiser- 
lichen Thron, sondern auf den bisher leeren Sitz des deut- 
schen Königs. Die Kirche allein bleibt im Tempel zurück 
(No. 37 u. 38). Diese Handlung beruht durchaus auf den 
oben (S. 4) angeführten Worten Adso's: dies ist auch die 



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8 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 7. Januar 1882. 

von Adso hervorgehobene discessio 'omnia regna mnndi dis- 
cesserint a Romano imperio, cui prius subdita erant\ 

Der Antichrist und die Heuchler spielen von jetzt 
an Hauptrollen im Drama; es ist daher nothwendig, dass 
wir uns über deren Wesen klar werden. Der Antichrist ist 
kein gewöhnlicher Betrüger, kein blosser Pseudochristus, der 
morgen diesen Namen wieder ablegen und ein gewöhnlicher 
Mensch sein kann, sondern er ist ein Doppel wesen, fast wie 
Christus. Adso hebt wiederholt hervor, welche Mühe der 
Teufel bei der Erzeugung und bei dem Heranwachsen des 
Antichrists sich geben wird 'plenitudo diabolicae potestatis 
et totius malitiosi ingenii in eo habitabit\ Wie Adso vor- 
gebildet hat 'maligni spiritus erunt duces eins et socii semper 
et comites indivisi 1 , so fuhren (praecedent No. 42) zwei Geister 
den Antichristen in die Menschheit ein und bleiben ihm zur 
Seite. Dass unser Dichter hiefür die Gestalten der Heuchelei 
und Irrlehre gewählt hat, hat eine bemerkenswerthe Paral- 
lele bei Otto von Freising, der ebenfalls diese beiden Kräfte 
dem Antichristen beistehen lässt. 1 ) Der Antichrist steht 
über diesen Geistern, welche die Mitwisser seiner Bosheit 
sind. Daher der Ton, in dem er zu ihnen spricht. Die 
Heuchler dagegen sind keine Geister, keine Mitwisser 
des Antichristen und ihrer eigenen Bosheit sich nicht be- 
wusst; sie sind nur verblendete Menschen, welche den Anti- 
christen wirklich für den halten, als welchen die Heuchelei 
ihn ankündigt. 8 ) 

1) Chronicon 8, 1 Civitas Christi primo violentam a civitate mundi 
sab tyrannis infidelibusque regibus, secundo fraudulentam haereticorum, 
tertio fictam hypocritarum tempore persecntionem passa, nltimam tarn 
violentam quam fraadulentam fictamque ac omnium gravissimam sab 
Antichristo passura erit. Vgl. 8, cap. 3 zu Ende. 

2) So erklären sich die scheinbaren Widersprüche zwischen V. 1 52 — 
158 und 178—182, welche Scherer (Zeitschrift f. d. Alt. 24, 451) be- 
wogen, die V. 151 — 170 und unbestimmte Theile der benachbarten Spiel- 
ordnung für unpassende, spätere Interpolation zu erklären. 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 9 

Nachdem der Kaiser die Krone niedergelegt und den 
Sitz des deutschen Königs eingenommen hat, wiederholen 
Kirche, Heidenthum und Judenthnm ihre früheren Gesänge 
ganz oder nur zum Theile. Während dieser Gesänge treten 
die Heuchler auf, suchen zuerst durch Demuth und Schmei- 
chelei alle Fürsten zu gewinnen, wenden sich dann insge- 
sammt zum Könige von Jerusalem, den sie völlig für sich ge- 
winnen. Jetzt tritt der Antichrist auf, der seinen Panzer 
unter anderen Gewändern verbirgt (vergl. zu No. 40 des 
Dramas), begleitet von der Heuchelei und der Irrlehre. Er 
verkündet : Jetzt sei die Stunde seiner Herrschaft gekommen ; 
sie, die er zu diesem Zwecke herangezogen, sollten ihm helfen 
Christi Lehre zu vertilgen, indem die Heuchelei die Gunst 
der Laien gewinne, die Irrlehre die Kleriker verführe. Die 
Beiden gehen ihm dann voran und die Heuchelei verkündet 
den Heuchlern die Ankunft des Antichristen. Diese be- 
grüssen ihn freudig, die Religion sei schon längst in Ver- 
fall, die Kirche und besonders die Kirchenfürsten verwelt- 
licht. Er solle die Herrschaft übernehmen und die Welt 
reformiren. Der Antichrist tritt in Worten wie in der 
Kleidung Anfangs bescheiden auf und fragt, wie er, der Un- 
bekannte, die» erreichen solle. Die Heuchler versprechen 
ihm die Laien zu gewinnen, er solle die Lehre der Geist- 
lichen überwinden. Den Thron von Jerusalem würden sie 
ihm verschaffen, das Uebrige müsse er selbst thun. Der 
Antichrist erklärt sich dazu bereit. Darauf vertreiben sie 
den König von Jerusalem, krönen den Antichristen und 
stellen seinen Thron in den Tempel. 

Ausser den oben schon erwähnten Zügen sind dem 
Adso noch andere nachgebildet: dass der Antichrist gleich 
nach Niederlegung der Kaiserkrone erscheint, dass er zu- 
nächst nach Jerusalem geht und dort seinen Thron in dem 
Tempel aufstellt (Hierosolymam veniens . . suam sedem in 
templo sancto parabit). 



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10 Sitzung der philos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

Der Antichrist schickt sich nun an, die Reiche der 
Erde zu unterwerfen. Es ist bemerkenswerth, dass er Nichts 
gegen Christus sagt, sondern den Christen gegenüber sich 
ausgibt für Christus, den vom Himmel gesandten Gottessohn, 
den Heiden gegenüber für den Feind aller Götzenbilder und 
den Juden gegenüber für den ersehnten Messias. Zuerst 
lässt er durch die Heuchler dem griechischen Könige an- 
kündigen, er müsse sich unterwerfen oder kämpfen. Dieser 
huldigt ihm und der Antichrist malt ihm den ersten Buch- 
staben seines Namens auf die Stirue. Dem französischen 
Könige sendet er nur Geschenke; er werde ihm gewiss zu- 
fallen, da ja die spitzfindige Klügelei dieses Königs und 
seiner Leute ihm den Weg bereitet habe. Das geschieht 
wirklich. Der Antichrist küsst den König (nur diesen!) 
und bezeichnet ihn und die Seinen mit dem Male. Dem 
deutschen Könige, der wegen der kriegerischen Tüchtigkeit 
sehr zu fürchten sei, werden auch Geschenke gesendet, doch 
von diesem als die Versuchung eines Betrügers mit stolzen 
Worten zurückgewiesen. Darauf sendet der Antichrist sein 
Heer gegen die Deutschen, allein es wird geschlagen. Da 
versucht der Antichrist sein letztes Mittel : Wunderzeichen. 
Er heilt Kranke und weckt einen scheinbar Todten auf: 
der deutsche König wird im Glauben irre, unterwirft sich 
und wird sammt den Seinen mit dem Male gezeichnet. Ja 
er wird sogar mit dem Schwerte belehnt und unterwirft 
dem Antichristen den König von Babylon, der huldigt und 
mit dem Male gezeichnet wird (No. 49 — 81). 

Wichtige Bestandtheile dieser Handlung sind aus Adso 
entlehnt. Auch dort wird ausgemalt, wie der Antichrist 
'extollitur supra omne quod dicitur deus'. Auch sein Vor- 
gehen ist dasselbe 'reges et principes primum ad se conver- 
tet et deinde per illos ceteros populos' und 'qui in eum 
crediderint, signuni characteris eius in fronte suscipient 1 . 
Ja die Disposition fast des ganzen Aktes hat unser Dichter 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 11 

von dort entlehnt. Adso sagte: Eriget se contra fideles 
tribus raodis id est terrore, muneribus et miraculis; 
dabit credentibus in se auri atque argenti copias; quos 
muneribus corrumpere non poterit, terrore superabit; quos 
autem terrore non poterit vincere, signis et miraculis se- 
ducere tentabit: von unserem Dichter werden gegen den 
griechischen König terrores aut bellum (V. 200) ange- 
wendet, gegen den französischen munera (V. 219), gegen 
den deutschen signa (V. 275). Der König von Babylon 
wird nicht wie früher (No. 36) nur in die Flucht geschlagen, 
sondern dem Antichristen unterworfen ; dass dieses durch 
den deutschen König geschieht, ist durch die obige Stelle 
des Adso 4 ad se convertet reges et per illos ceteros populos 1 
und eine damalige Volksmeinung vorbereitet. Wenigstens 
sagt Otto von Freising in seinem Chronikon (8 cap. 3 
zu Ende) der Antichrist werde nur durch Heuchelei und 
den Trug der Irrlehre schaden, 'tormenta vero per poten- 
tem ad hoc sibi ascitum sanctis intentaturum. Si qui vero 
unum eum potentem utpote Romanorum imperatorem ad 
hoc ascire coutendunt . ., non calumnior\ 

Der Antichrist lässt nun den Juden verkünden, er sei 
der wahre Messias, der sie aus der Knechtschaft zur Herr- 
schaft erlösen werde. Freudig eilen sie ihm entgegen und 
werden ebenfalls mit dem Male gezeichnet. Da erscheinen 
die Propheten Elias und Henoch und belehren die Juden, 
dass Christus der wahre Messias, dieser aber ein Betrüger 
sei. Die Juden bekehren sich zum Christenthum. Dem Anti- 
christen werfen die Propheten seinen Betrug vor und sterben 
dann mit den Juden den Märtyrertod als wahre Christen 
(No. 81—99). 

So hiess es schon bei Adso: dicet Jüdaeis: Ego sum 
Christus vobis repromissus, qui ad salutem vestram veni, ut 
vos, qui dispersi estis, congregem et defendam. Tunc ad 
eum concurrent . . . Tunc mittentur in mundum duo magni 



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12 Sitzung der philos.-phüöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

prophetae, Elias et Enoch, qui contra impetum Antichristi 
fideles divinis armis praemunient. Postea . . Antichristus 
eoß interficiet. 

So aaf dem Gipfel der Macht, aber auch der Bosheit 
angelangt, beruft der Antichrist alle Könige mit ihren 
Mannen, um sich feierlich huldigen zu lassen, da jetzt die 
ganze Erde in Frieden ihm gehorche. Da donnert es über 
ihm und er stürzt herab. Seine entsetzten Anhänger kehren 
zur triumphirenden Kirche zurück, die den Gesang anstimmt, 
in den alle Anwesenden einstimmen: Lobet Gott unsern 
Herrn. Auch hier finden sich frei verwendete Elemente des 
Adso, welcher angibt, nach einer Ueberlieferung werde der 
Antichrist von Gott getödtet werden spiritu oris sui, nach 
einer andern von dem Engel Michael in monte Oliveti in 
papilione et solio suo : nach seinem Untergange werde den 
Verführten noch einige Zeit zur Rückkehr und Busse ge- 
lassen werden. 

Anspielungen auf Zeitverhältnisse finden 
sich in unserem Drama, doch nur wenige deutliche. Holland 
und Zezschwitz fanden in dem No. 29—36 geschilderten 
Zuge zur Befreiung Jerusalems eine Anspielung auf den 
Kreuzzug Friedrich Barbarossa's, der letztere insbesondere 
in der Niederlegung der Krone und dem Leerbleiben des 
kaiserlichen Thrones eine Anspielung darauf, dass auf dem 
Mainzer Reichstage im Jahre 1188 der Kaiser den Haupt- 
sitz nicht einnehmen wollte, weil derselbe dem Herrn zu- 
komme. Wedde und besonders Scherer haben sich dieser 
Ansicht nicht angeschlossen. Der letztere leugnet jede 
direkte Anspielung auf einen Kreuzzug und setzt die Ent- 
stehung der Dichtung in die frühere Regierungszeit Fried- 
riche, in die Jahre nach oder lieber vor 1160, da damals 
die inneren Streitigkeiten des Königreiches Jerusalem in 
Europa besonderes Aufsehen gemacht hatten. 

Die bezüglichen Theile der Dichtung sind in Kürze 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 13 

folgende : Neben dem Kaiser werden genannt : der König 
von Frankreich wohl als Repräsentant der abendländischen 
und der König von Griechenland als Repräsentant der grie- 
chischen Christen, der König von Jerusalem wegen der be- 
sonderen Stellung dieses Reiches. V. 117 — 146 weisen auf 
eine Zeit, wo Jerusalem von den Muhamedanern wieder 
ernstlich bedroht wurde. Die Rolle des Pab st es ist aller- 
dings eine auffallende. Er besteigt anfänglich mit der Kirche 
den Thron des Kaisers, und bleibt als stumme Person auf 
demselben während des ganzen Stückes, sogar als die Kirche 
und alle Anderen nach Jerusalem ziehen. Man könnte daran 
denken, das Drama sei während der heftigen kirchlichen 
Streitigkeiten im Ende der 50 er oder im Anfange der 60 er 
Jahre geschrieben und der Dichter habe, wie z. B. Radewin, 
es gemieden, für eine bestimmte Partei sich auszusprechen. 
Allein der Grund kann auch ein anderer sein. Bei Metho- 
dius ist natürlich vom Pabst keine Rede, bei Adso auch 
nicht. Wollte unser Dichter ihn einführen und mithandeln 
lassen, so musste er, wenn der Stoff nicht zu sehr abge- 
ändert werden sollte, ihn auch vom Antichristen verführt 
werden, also eine wenig rühmliche Rolle spielen lassen. 
Dies allein kann ihn veranlasst haben, den Pabst so im 
Hintergrund zu halten. 

In Betreff der deutlicheren historischen Anspielungen 
hat Prof. Wilh. v. Giesebrecht, welcher auch dieses 
Drama genau untersucht hat, folgendes Urtheil gefällt, dessen 
Mittheilung er gütigst gestattete : "Die historischen Bezieh- 
ungen im Spiele vom Antichrist sind nicht so klar, dass 
sich genau die Zeit der Abfassung bestimmen Hesse. Keinem 
Zweifel wird unterliegen, dass bei der Person des Kaisers 
nur an Kaiser Friedrich I. gedacht werden kann ; es kann 
dann nicht vor der Kaiserkrönung desselben (18. Juni 1155) 
entstanden sein. Da in dem ersten Theile des Spiels wegen 
der Vereinigung des Kaiserthums und Königthums in Frie- 



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14 Sitzung der phUos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

drichs Person der königliche Thron Deutschlands leer bleibt, 
ist meines Erachtens an eine Zeit zu denken, wo factisch 
es neben dem Kaiser keinen deutschen König gab. Da 
Friedrich's Sohn Heinrich im Juni 1169 zum König ge- 
wählt und bald darauf gekrönt wurde, dürfte das Spiel nicht 
nach dem Juni 1169 abgefasst sein. Das Verhältniss zwischen 
dem Kaiser und dem Könige von Frankreich erscheint im 
Spiele (V. 69 ff., 219 — 224) als ein feindliches, und in der 
That war jenes Verhältniss in den Jahren 1155—1169 meist 
so gespannt, dass man den Ausbruch eines Krieges befürch- 
tete, besonders in den Jahren 1162 — 1166. l ) Augenschein- 
lich ist, dass in der Zeit, wo das Spiel gedichtet wurde, 
Kreuzzugsgedanken das Abendland beherrschten, aber seit 
dem unglücklichen Ausgange des zweiten Kreuzzugs hat 
man sich unablässig mit solchen Gedanken beschäftigt. 
Schon 1150 plante mau einen neuen Kreuzzug in Frank- 
reich. 2 ) Friedrich wollte 1165 eine Kreuzfahrt unternehmen, 
wenn es ihm gelänge das kirchliche Schisma beizulegen. 8 ) 
Am 14. Juli 1165 erliess Alexander III eine Bulle 4 ), in 
welcher er alle Christen zur Vertheidigung der heiligen 
Stätten aufrief, und in den nächsten Jahren wurden in 
Frankreich und England Collecten gesammelt, um Kreuz- 
fahrer auszurüsten. So nahe es auch liegt das Spiel mit 
Friedrichs Kreuzfahrt i. J. 1189 in Verbindung zu bringen, 
halte ich dies doch nicht für th unlieb, weil dann der leere 



1) In dem Manifest des Kaisers aber die Reichstagsverhandlongen 
zu Würzburg 1165 heisst es: . . regem Francorum, qui nulla nostra 
culpa praeeunte una cum Rolando, imperii nostri hoste publico, eiusque 
sequaeibus imperialem nostrum honorem manifeste molitur auferre. — 
Mon. Germ. Legg. IL 137. 

2) Kaiserzeit IV. 335 ff. 

3) Schreiben Erzbischofs Reinald an König Ludwig VII. Du Chesne, 
Scriptores. IV. 727. 

4) ßymer, Foedera I. 21. 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Rythmen. 15 

deutsche Königsthron unerklärt bleibt und Frankreich da- 
mals dem Kaiser zur Kreuzfahrt verbündet war. Beziehen 
sich die bekannten Aeusserungen des Grerhoh von Reichers- 
berg in seinem Werke über den Antichrist l ) auf unser Spiel, 
so müsste dasselbe etwa um 1160 schon bekannt gewesen 
sein ; denn Gerhoh schrieb jenes Werk in der Hauptsache 
im Jahre 1161, 'setzte aber 1163 noch die zweite Vorrede 
hinzu. Mit gutem Grund wird man das Spiel in die Zeit 
um 1160 setzen können; jede genauere Zeitbestimmung er- 
scheint bedenklich." 

Betrachten wir die verschiedenartigen Weihnachtsspiele 



1) Lib. I. cap. 5. Sacerdotes . . iam non ecclesiae vel altaris 
ministerio dediti sunt, sed exercitiis avaritiae, vanitatum et spectacu- 
lorum, adeo ut ecclesias ipsas, videlicet orationum domus, in theatra 
coramutent ac mimicis ludorum spectaculis impleant. Inter quae nimi- 
rum spectacula adstantibus ac spectantibus ipsorum feminis interdum et 
Antichristi . . non ut ipsi aestimant imaginariam similitudinem exhibent, 
sed in veritate, ut credi potest, iniquitatis ipsius mysterium pro parte 
sua implent . . . Quid ergo mirum, si et isti nunc Antichristum vel 
Herodera in suis ludis simulantes eosdem non ut eis intentioni est lu- 
dicro mentiuntur sed in veritate exhibent, utpote quorura vita ab Anti- 
christi laxa conversatione non longe abest? . . Contigit, ut comperimus, 
aliquando apud tales ut eum quem inter ludicra sua quasi mortuum ab 
Elisaeo propheta suscitandum exhiberent peracta simulatione mortuum 
invenirent. Alius item Antichristo suo quasi suscitandus oblatüs (vergl. 
No. 69 des Dramas) intra Septem dies vere mortuus, ut comperimus, et 
sepultus est. Et quis scire potest, an et cetera simulata, Antichristi 
scilicet effigiem, daemonum larvas, Herodianam insaniam in veritate non 
exhibeant? . . . Exhibent praeterea imaginaliter et salvatoris infantiae 
canabula, parvuli vagitum, puerperae virginis matronalem habitum, stellam 
quasi sidus flammiger um, infantum necem, maternum Racheiis ploratum. 
Sed divinitas insuper et matura facies ecclesiae abhorret spectacula thea- 
tralia, non respicit in vanitates et insanias falsas, in quibus viri totos 
se frangunt in feminas . ., clerici in milites, homines se in daemonum 
larvas transfigurant . . . (sint) in coetu talium nonnulli genere clari, 
litterarum scientia illustres, divitiis ampli, corporis et vestium cultu 
splendidi. Gerhohi opera ined. cur. Scheibelberger I (1875) p. 25. 



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16 Sitzung der phüos.-phUol. Classe vom 7. Januar 1882. 

des XII. und XIII. Jahrhunderts: sie lassen sich auf eine 
ursprüngliche Dichtung zurückführen. Ebenso sind die ver- 
schiedenen Passions- und Auferstehungsspiele nur Weiter- 
und Umbildungen einer ursprünglichen Dichtung. Da Ger- 
hoh ein Antichristspiel gekannt hat, so dürften wir, falls 
das unsere erst später entstanden wäre, ganz sicher an- 
nehmen, dass es eine Umbildung jenes von Gerhoh gekannten 
sei. Allein es wird sich später bei Untersuchung der ryth- 
mischen Formen zeigen, dass wir es mit einer Originaldich- 
tung zu thun haben. Demnach müssen wir schliessen, dass 
dieses Drama schon vor 1161 existirte. Was Gerhoh davon 
erzählt, stimmt mit dem unsern (denn das Wunder des 
Elisaeus hat nichts damit zu thun); daraus anderseits, dass 
unser Spiel in dem Benediktbeurer Weihnachtsspiel ausge- 
schrieben ist, erkennen wir, dass es ziemlich verbreitet war. 
Der Dichter war ein Geistlicher, wie Sprache und In- 
halt anzeigen, aber ein Freund der weltlichen Prälaten, wie 
Scherer aus V. 171 — 174 folgerte, und endlich ein guter 
Deutscher. Denn er lobt nicht nur auf das Wärmste die 
Kriegstüchtigkeit der Deutschen (V. 227 — 232 u. 271—274), 
sondern er lässt auch den Kaiser dem terror und den münera 
des Antichristen widerstehen, und erst den signa desselben 
erliegen, die nach dem Evangelisten so wundersam sind, ut 
in errorem inducantur si fieri potest etiam electi. Doch 
auch darin geht er nicht zu weit. Denn auch der deutsche 
König empfangt das Mal des Antichristen und dient ihm. 
Ja,, wenn man überhaupt an eine Tendenz denken darf, 
möchte hierin für den Kaiser eine leise Warnung liegen: 
wenn auch noch so edel und kriegstüchtig, möge er bei 
den kirchlichen Streitigkeiten sehr auf der Hut sein, dass 
er seine Macht nicht dem Dienst des Bösen weihe. Allein 
die Hauptstücke der Dichtung, die Niederlegung der Kaiser- 
krone und die glorreiche Rolle der Juden, an die damals 
Niemand dachte, zeigen, dass der Dichter nur den ihm vor- 
liegenden Stoff möglichst lebendig darstellen wollte. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 17 

Das ist ihm in jeder Beziehung gelungen. Denn es 
sind nicht nur, was allgemein anerkannt wird, die Anlage 
des Dramas und die einzelnen Gedanken vortrefflich, sondern 
auch die Form erscheint mir eine durchaus entsprechende 
zu sein. Die Ausdrucksweise ist frei von gelehrten Dun- 
kelheiten, aber doch kräftig und würdevoll. Die lateinische 
Sprache ist zudem bei diesem Drama eher erträglich als bei 
irgend einem andern; denn wenn das Gedichtete wirklich 
geschehen wäre, so hätten sich viele der vorkommenden 
Personen eben jener Sprache bedient. 



1) Templum domini et VII sedes regales primum collocentur 
in hunc modum : Ad orientem templum domini ; hinc collo- 
cantur sedes regis Hierosolimorum et sedes Sinagogae. Ad 
occidentem sedes imperatoris ßomani ; hinc collocantur sedes 
regis Theotonicorum et sedes regis Francorum. Ad austrum 
sedes regis Grecorum. Ad meridiem sedes regis Babiloniae 
et Gentilitatis. 

2) His ita ordinatis primo procedat Gentilitas cum rege 
Babilonis cantans: 

Deorum immortalitas 
2 est omnibus colenda, 

eorum et pluralitas 
4 ubique metuenda. 



T : die Handschrift früher in Tegernsee, jetzt in München cod. lat. 
19411 in 8° saec. XII — XIII (ein Pacsimile in Zezschwitzs Ausgabe), aus 
welcher Pez (P), Zezschwitz (Z) und jetzt Meyer (M) den Text heraus- 
gegeben haben. Statt £ in T setzte ich stets ae, statt e in T setzte 
ich oft §. Das Kleingedruckte ist in T fast immer unterstrichen. End- 
lich ist in T Alles fortlaufend geschrieben. 

No. 1 domini hinc und roraani hinc M : huic T beide Male hierli- 

morum T rom. T, Romanorum P. — No. 2 procedat so T babiloni T, 

Babylon iae P. Vers 1 — 12 sind, wie Hase bemerkt hat, eingesetzt in 

das Weihnachtsspiel der Carmina Burana fol. 106 b der Hschr., p. 94 

[1882. I. Philos.-philol. hist. Cl. l.J 2 



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18 Sitzung der phäos.-phäol. Classe vom 7. Januar 1883. 

stulti sunt et vere fatui, 
6 qui deum unum dicunt 

et antiquitatis ritui 
8 proterve contradicunt. 

Si enim unum credimus 
10 qui presit universis, 

subiectum hunc concedimus 
12 contrarie diversis, 

cum hinc bonura pacis foveat 
14 clementi pietate, 

hinc belli tumultus moveat 
16 seva crudelitate. 

Sic multa sunt officia 
18 diversaque deorum, 

que nobis sunt indicia 
20 discriminis eorum. 

qui ergo tarn multifariis 
22 unum dicunt preesse, 

illorum deum contrariis 
24 est affici necesse. 

Ne ergo unum subici 
26 contrariis dicamus 

et bis divinam affici 
28 naturam concedamus: 

ratione hac decernimus 
30 deos discriminare, 

officia quorum cernimus 
32 ab invicem distare. 



von Schroetters Ausgabe. Es sind 4 Stroplien: 8 v;— , 7 — ^, 8 t^ — , 
1 J-v || 9 u-L., 7 — \j % 9 v — , 7 —\s mit der Reimstellung: *no, 
am, no, am; ce, ur, ce, är\ 7 et Bur.: qaia TPZ 8 perpetuae P 

17 offitia T 19 inditia T 21 ergo (g) M: g T 23 deum M, fehlt in 
T u. edd. 31 offitia T. 



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Wüh. Meyer.: Ludus de Antichristo und über tat. Rythmen. 19 

3) Quod etiam debet cantare per totum ludum in temporibus ; 
et sie ipsa et rex Babilonis ascendunt in sedem suam. 

4) Tunc sequitur Sinagoga cum Judeis cantans: 

Nostra salus in te domine. 

34 nulla vitae spes in horaine. 

error est in Christi nomine 

spem salutis estimari. 
Mirum si morti subeubuit, 
38 qui vitam aliis tribnit. 
qui se salvare non potuit, 

ab hoc qnis potest salvari? 
Non nunc, sed qui est Emmanuel, 
42 deum adorabis Israel. 

Jesum sicut deos Ismahel 
te iubeo detestari. 

5) Quod et ipsa cantabit in singulis temporibus et sie ascendat 
tronum suum. 

6) Tunc Ecclesia in muliebri habitu procedit induta thor- 
acem et coronata, assistente sibi Misericordia cum oleo ad 
dextram et Justitia cum libra et gladio ad sinistram utris- 
que muliebriter indutis. Sequentur etiam eam Apostolicus 
a dextris cum clero et Imperator Romanus a sinistris cum 
militia. 

7) Cantabit autem Ecclesia f condit. Alto consilio, his qui eam 
seeuntur ad singulos versus respondentibus : 



No. 3 cantari P, vgl. No 5 ipsa cantabit. Diese und die No. 5 
bezeichnete Wiederholung des Gesanges ist sicher in No. 39 gegeben. 
Sonst ist dazu im Spiele keine besondere Stelle, babilon. asscendunt T 

33-44: 3 Strophen '9 ^, 9 ^-^-, 9 u-L, 7 -i-u' mit der 
Reimstellung * no, no, n6| am ' 33 Jer. 3, 23 in domino deo nostro salns 
Israel 35 fol. 3a, 1 error 41 hunc (he) sed T: homines P, homo sed Z 
No. 5 in singulis in T, singulis in edd. No. 6 rom. T No. 7 die 
Worte cond. (conditor?) Alto consilio enthalten gewiss den Anfang 
eines Hymnus auf die Dreieinigkeit. Den Hymnus selbst vermochte 
ich nicht zu finden. 

2* 



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20 Sitzung der pküos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

Hqc est fides, ex qua vita, 
46 in qna mortis lex sopita, 

quisquis est, qui credit aliter, 
48 hunc dampnamus §ternaliter. 

8) Ascendit autem ipsa cum Apostolico et clero, Imperatore 
et militia sua eundem tronum. 

9) Postea procedunt et alii reges cum militia sua, cantantes 
singuli, quod conveniens visum fuerit; et sie unusquisque 
cum militia sua ascendet tronum suum, templo adhuc et 
uno trono vaeuis remaDentibus. 

10) Tunc Imperator dirigit nuntios suos ad singulos reges, 
et primo ad regem Francorum dicens: 

Sicut scripta tradunt historiographorum, 
50 totus mundus fuerat fiscus Romanorum 

Hoc primorum strenuitas elaboravit, 
52 sed posterorum desidia dissipavit. 

Sub bis inperii dilapsa est potestas, 
54 quam nostrae repetit potentiae maiestas. 

Reges ergo singuli prius instituta 
56 nunc Romano solvant inperio tributa. 

Sed quod in militia valet gens Francomm, 
58 armis inperio rex serviat eorum. 

Huic, ut hominium cum fidelitate 
60 nobis in proximo faciat, imperate. 

11) Tunc legati venientes ad regem Francorum coram eo 
cantent : 

Salutem mandat Imperator Romanorum 
62 dilecto suo inclito regi Francorum. 

Tuae discretioni notum seimus esse, 
64 quod romano iuri tu debea& subesse. 



No. 10 föl. 3 a 2. col. ad 49 hystoriograuornm T 51 w. 52, icie 
61 u. 62 13 Süben ohne die regelmässige Pause 58 inperio 1. Hand, 
imperio 2. Hd. T 59 hominium M: hominum T. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lab. Rythmen. 21 

Unde te repetit sententia tenenda 
66 summi imperii et semper metuenda. 

Cuias ad servitium dos te invitamus 
68 et cito venire sab precepto mandamus. 

12) Quibus ille: 

Historiographis si qua fides habetur, 
70 non nos imperio sed nobis hoc debetur. 

Hoc enim seniores Galli possederunt 
72 atque suis posteris nobis reliquerunt. 

Sed hoc invasoria vi nunc spoliamur. 
74 absit, invasoribus ut nos obsequamur. 

13) Tunc legati redeuntes ad imperatorem cantent coram eo: 

Ecce Franci super te nimium elati 
76 proterve se opponunt tuae maiestati. 

Immo et imperii tui ius infirmant 
78 illud invasorium esse dum affirmant. 

Digna ergo pena correpti resipiscant, 
80 ut per eos alii obedire discant. 

14) Tunc Imperator cantotf: 

Gorda solent ante ruinam exaltari. 
82 superba stultos loqui nolite mirari. 

Quorum nos superbiam certe reprimemus 
84 ac eos sub pedibus nostris conteremus. 

Et qui nunc ut milites nolunt obedire, 
86 tanquam servi postmodum cogentur servire. 



65 tremenda? 71 Hoc M: Iiluc TZ, illud P No. 13 legati 
fol. 3b 75 super te: superbi? vgl. Rom. 1, 30 superbos elatos 2. Tim. 
3, 2 elati superbi. Pause zwischen Praeposition und Namen auch in 131. 
11 infirmant M: infirmatur T (Wellenlinie über t), PZ 78 esse M: fehlt 
in T affirmät T, affirmatur PZ 81 ruinam P: riuam T; vgl. Prov. 
'ante ruinam exaltatur spiritus* 84 Jer. Lam. 3, 34: ut contereret sub 
pedibus suis. 85 ut milites nolunt ut milites obedire, T 86 cogentur P 
aus T cogntur; coguntur Z. 



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22 Sitzung der jjhilos.-phUol. Classe vom 7. Januar 1882. 

15) Et statim aciebus vadit ad expugnandum regem Fran- 
corum. Qui sibi occurrens congreditur cum eo et super- 
atus captivus reducitur ad sedem imperatoris. Et sedente 
imperatore stat coram eo cantans : 

Triumphi gloria est parcere devictis. 
88 victas ego tais nunc obsequor edictis. 

Vitam meam simul cum regni dignitate 
90 positam fateor in taa potestate. 

Sed si me pristino restitues honori, 
92 erit honor victi laus maxima victori. 

16) Tunc Imperator eum suscipiens in hominem et concedens 
sibi regnum cantal : 

Vive per gratiam et suscipe honorem, 
94 dum me recognoscis solum imperatorem. 

17) Et ille cum honore dimissus revertitur in regnum suum 
cantans : 

Bomani nominis honorem veneramur, 
96 Augusto Cesari servire gloriamur. 

Caius imperii virtus est formidanda 
98 honor et gloria maneant veneranda. 

Omniura rectorem te solum profitemur. 
100 tibi tota mente semper obsequemar. 

18) Tunc Imperator dirigens nuntios suos ad regem Gre- 
corum cantotf: 

Sicut scripta tradunt hystoriographornm, 
102 quicquid habet mundns, fiscus est Romanorum. 

Hoc primorum strenuitas elaboravit, 
104 sed posterorum desidia dissipavit. 

Sub his imperii dilapsa est potestas, 
106 quam nostrae repetit potentiae maiestas. 

Reges ergo singuli prius instituta 
108 nunc Romano solvant imperio tributa. 

No. 17 föl. 3b, 2- col. Et cantans P: cant. T, cantat Z, 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 23 

Hoc igitur edictum Grecis indicate 
110 et ab ipsis debitum censum reportate. 

19) Qui venientes ad regem cmtant coram eo: 

Salutem maudat et c, ibi mutantes 
Cuius ad servitium nos te invitamus 
112 et tributum dare sub precepto mandamus. 

20) Quos ille honeste suscipiens canta£: 

Romani nominis honorem veneramur, 
114 tributum Cesari reddere gloriamur, et c. 

21) Eosque cum honore dimittens ipsemet ascendet ad im- 
perium cantans: 

Romani nominis et c. 

22) Qui eum in hominem suscipiens et regnum sibi concedens 
cantatf : 

Vive per gratiam et c. 

23) Tunc ille suscepto regno revertitur cantaws: 

Romani nominis et c. 

-24) Tunc iterum dirigit nuntios suos imperator ad regem 
Jerosolimorum dicens: 

Sicut scripta tradunt et c. 

25) Qui venientes ad regem coram eo c(antant) : 

Salutem mandat imperator Romanorum 
116 dilecto suo regi Jerosolimorum et c. 

26) Quibus ille honeste susceptis cantatf: 

Romani nominis et c. 

27) Et ascendens ad imperium cmtat hoc ipsum iterans: 

Romani nominis et c. 

28) Quo ille suscepto concedit sibi regnum. 



111 servitutem P nos M aus V, 67 : fehlt m T No. 21 ascendet 
P; ascendens T fol. 4: nominis T. 



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24 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 7. Januar 1882. 

29) Ipso itaque reverso in sedein suam cum iam tota ecclesia 
subdita sit imperio Romano, consurgil rex Babylonis in 
medio suorum cantans: 

Ecce superstitio novitatis vanae, 
118 quam error adinvenit sectae christianae, 

Fere iam destruxit ritam antiquitatis 
120 et diis subtraxit honorem deitatis. 

Quorum cultum prorsus deleri ne sinamus, 
122 nomen Christian um de terra deleamus. 

Quod ab eo loco debemus inchoare, 
124 unde primo cepit h^c secta pullulare. 

30) Et ordinans acies suas vadit ad obsidendam Jerosolimam. 
Tunc rex Jerosolimae dirigitf nuntios suos ad Imperium 
cantaws: 

Ite h§c ecclesiae mala nuntiantes, 
126 nobis auxilium ab ipsa postulantes. 

H§c dum cognoverit Romanus imperator, 
128 ipse noster erit ab hoste liberator. 

31) Qui venientes ad imperium cantaw^ coram eo : 

Defensor ecclesiae nostri miserere, 
130 quos volunt inimici domini delere. 

Venerunt gentes in dei hereditatem, 
132 obsidione tenent sanctam ciyitatem. 

Locum, in quo sancti eius pedes steterunt, 
134 ritu spurcissimo contaminare qu^runt. 

32) Quibus ille: 

Ite vestros propere fratres consolantes, 
136 ut nostrum auxilium laeti postulantes 

Nos pro certo sciant in proximo venire, 
138 ne de ipsis valeant hostes saperbire. 



119 iam M: fehlt in T No. 31 ue | nientes fol. 4a, 2. cöl. 131 
vgl. Psalm. 78, 1 *Deus venerunt gentes in hereditatem tpanV etc. 132 
obsidione P: obsidionem TZ. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Äntichristo und über lat. Bythmen. 25 

33) Qui reversi stant coram rege cantantes : 

Viriliter agens ab hoste sis securus. 
140 adpropinquat enim ab hoc te redempturus. 

Quem debes in prelio constans prestolari, 
142 per hunc te gaudebis in brevi liberari. 

34) Interim dum Imperator colhgit exercitum angelus domini 
subito apparens c(antat) : 

Juda et Jerusalem nolite timere 
144 sciens te auxilium dei cras videre. 

Nam tui fratres assunt, qui te liberabunt 
146 atqne tuos hostes potenter superabunt. 

35) Tunc chorus : 

Juda et Jerusalem. 

36) Interim Imperator cum suis procedat ad prelium, et, finito 
responsorio, prelio congrediatur cum rege Babylonis. quo 
superato et fugam ineunte 

37) Imperator cum suis intret templum et postquam ibi ado- 
raverit, tollens coronam de capite et tenens eam cum 
sceptro f et imperio ante altare cantet: 

Suscipe quod offero. nam corde benigno 
148 tibi regi regum imperiura resigno. 

Per quem reges regnant, qui solus imperator 
150 dici potes et es cunctorum gubernator. 



139 Paral. 1, 28, 20 viriliter age etc. 143 Juda M: Judea TPZ 
vgl. Paral. 2, 20, 17: Juda et Jerusalem, nolite timere nee paveatis. 
cras egrediemini contra eos. No. 35 Judea et Jerim mit Neumen T 
chorus bezeichnet nicht die Zuschauermasse, sondern die Singenden 
vertreten die christlichen Beiche. No. 36 resp. prelio M : prelio resp. T 
u. edd. No. 37 'imperio' übersetzt Wedde mit 'Reichsapfel*. Ich kann 
weder diese noch eine andere hier passende Bedeutung finden, und 
halte, die Worte et imperio für verdorben. Vielleicht ist et zu tügen u. 
imperiali zu schreiben oder imperio als Adjektiv zu fassen, was ich 
mich erinnere schon gelesen zu haben, 149 reges fol. 4b. 



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26 Sitzung der phUos.'philol. CUisse com 7. Januar l&s:>. 

38) Et eis depositis super altare ipse revertitur in sedem an- 
tiqui regni sui, Ecclesia quae secum descenderat Jerosoli- 
mam in templo remanente. 

39) Tunc cum Ecclesia et Gentilitas et Synagoga vicissim 
cantant ut supra, procedant Ypocritae sub silentio et 
specie humilitatis inclinantes circumquaque et captantes 
favorem laicornm. ad ultimum omnes conveniant ante 
Ecclesiam et sedem regis Jerosolim§, qui eos honeste sus- 
cipiens ex toto se subdet eorum consilio. 

40) Statim ingreditur Antichristus sub aliis indutus 
loricam comitantibus eum Y p o c r i s i a dextris et Heresi 
a sinistris, ad quas ipse cantat: 

Mei regni venit hora. 
152 per vos ergo sine mora 

fiat, ut conscendam regni solium. 
154 me mundus adoret et non alium. 

Vos ad hoc aptas cognovi, 
156 vos ad hoc hucusque fovi. 

ecce labor vester et industria 
158 nunc ad hoc sunt mihi necessaria. 

En Christum gentes honorant 
160 yenerantur et adorant. 

eius ergo delete memoriam 
162 in me suam transferentes gloriaui. 
ad Yprocrisin: In te pono fundamentum. 
ad Heresim: Per te fiet incrementum. 
ad Yprocrisin: Tu favorem laicorum exstrue. 
ad Heresim: Tu doctrinam clericorum destrue. 



No. 40 sub aliis T: sub alis P, sub albis? M (aibae statt alba 
z. B. Paulinus Aqu. De resurr. str. 12 Angelus sedens in albis). Giese- 
brecht vermuthet sub velis, indem auch er ei in No. 46 nicht als Dativ 
fasst und in sehr ansprechender Weise die räthselhaften Worte No. 90 
tunc tollunt ei velum hierher bezieht. V. 151 — 170 5 Strophen '8 — u , 
8— v,ll w-L-, 11 v/~ mit der Reimstellung *6n, 6n, ru, ru* 155 
hoc M, fehlt in T 158 nunc om. P. 



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Wilh. Meyer: Ludtts de Antichristo und über lat. Rythmen. 27 

41) Tone ill§: 

Per nos mundus tibi credet, 
168 noraen Christi tibi cedet. 
Ypocrisis: nam per nie favorem dabunt laici. 
Heresis: et per me Christum negabunt clerici. 

42) Tunc precedent eum ipso paulatim sequente. Et postquam 
venerint ante sedem regis Jerosolimae Ypocrisis insu- 
surret ypoeritis annuntians eis adventum Antichristi. 
Qui statim oecurrunt sibi cantantes : 

Sacra religio iam dia titubavit. 
172 matrem ecclesiam vanitas oecupavit. 

Ut quid perditio per viros faleratos? 
174 deus non diligit seculares prelatos. 

Ascende eulmina regiae potestatis. 

176 per te reliquiae mutentur vetustatis. 

43) Tunc Antichristus : 

177 Qaomodo fiet hoc? ego sum vir ignotus. 

44) Tunc ipsi: 

Nostro consilio mundus favebit totus. 

Nos oecupavimus favorem laicorum. 
180 nunc per te corruat doctrina clericorum. 

Nostris auxiliis hunc tronum oecupabis: 
182 tu tuis meritis cetera consummabis. 

45) Tunc Antichristus veniens ante sedem regis Jerosolimae 
cantat ad ypoeritas: 

Quem sub ecclesiae gremio coneepistis, 
184 longis conatibus me tandem genuistis. 

Ascendam igitur et regna subiugabo, 
186 deponam vetera, nova iura dietabo. 



169 fa | fol. 4b 2. col. | vorem No 42 oecurr. T, oecurrent P 
173 Math. 26, 8 ut quid perditio haec (unguenti)? 177 hoc 1. Hd. über 
der Zeüe, Vgl. die demüthige Frage der Maria; Luc, 1, 34 Quomodo 
fiet istud, quoniain yiruni non cognoyi? 



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28 Sitzung der philos. -philo!. Clusse com 7. Januar 1SH2. 

46) Tunc exuentes ei superiora indumenta ascendunt expositis 
gladiis et deponentes regem Jerosolimis coronant Anti- 
christum cantantes: 

Firmetur manus tua et exaltetar d(extera) t(ua). 

47) Tunc rex Jerosolimis ascendit ad regem Teotonicorum 
solus cantans: 

Deceptus fueram per speciem bonorum. 
188 ecce destituor fraude simulatorum. 

Regni fastigia putabam f beata, 
190 si essent talium edictis ordinata. 

Romani culminis dam esses adyocatus, 
192 8ub honore viguit ecclesiae status. 

Nunc tuae patens est malum discessionis. 
194 viget pestiferae lex superstitionis. 

48) Interim ypocrittj conducunt Antichristum in templum do- 
mini ponentes ibi tronum suum. Ecclesia vero quae ibi 
remanserat multis contumeliis et verberibus affecta redibit 
ad sedem apostolici. 

49) Tunc Antichristus dirigitf nuntios suos ad singulos reges, 
et primo ad regem Grecorum dicens : 

Scitis divinitus ad hoc me vobis datum, 
196 ut per omnes babeam terras principatum. 

Ad hoc idoneos mmistros vos elegi, 
198 per quos totus mundus subdatur nostrae legi. 

Hinc primo terminos Grecorum occupate. 
200 Grecos terroribus aut bello subiugate. 

50) Qui uenientes ad regem Grecorum cantant coram eo : 

Rex tibi salus sit dicta a salvatore 



No. 46 Es ist unsicher, ob ei Nominativ oder Dativ ist. Jerosoli- 
morum P Firmetnr etc. Psalm. 89> 13 No. 47 asceod T, ascendat P 
187 spe d. h. specie oder spem T, spem P 189 beata ist aus einem 
Worte wie firmata entstanden. 190 talium | f. 5 a 191 vgl. 129 defensor 
ecclesiae 195 ad aus ab corrigirt T: ob edd. 201 dicta M, fehlt in T. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 29 

202 nostro, regum et orbis totius rectore. 

Qui sicut scripturis mundo fuit promissus. 
204 descendit de caelis ab arce patris missus. 

Ule semper idem manens in deitate 
206 ad vitam sua nos invitat pietate. 

Hie se vult a eunetis ut deum venerari 
208 et a toto mundo se iubet adorari. 

Huius edicti formam si tu preteribis, 
210 in ore gladii cum tuis interibis. 

51) Quibus ille: 

Libenter exhibeo regi famulatum, 
212 quem tanto dicitis honore sublimatum. 

Honor est et gloria tali obedire. 
214 huic tota mente desidero servire. 

52) Et hoc iterans venit ad presentiam Antichristi et stans 
coram eo c&ntat: 

Tibi profiteor decus imperiale. 
216 quo tibi serviam ius postulo regale. 

53) Et flexo genu offert ei coronam. tunc Antichristus depingens 
primam litteram nominis sui regi et omnibus suis in fronte 
et coronam ei in capite reponens cantatf: 

Vive per gratiam et suseipe honorem, 
218 dum me recognoscis eunetorum creatorem. 

54) Tunc ille revertitur ad sedem suam. 

55) Iterum Antichristus äirigit ypoeritas ad regem Fran- 
corum cum muneribus dicens: 

H§c raunera regi Francorum offeretis, 
220 quem cum suis ad nos per illa convertetis. 
Hi nostro ritui formam adinvenere, 



202 orb. tot. M : toc. orb. T 203 ex Script. T, ex tilgte M 210 
in ore gladii Num. 21, 24 u. sonst, No. 52 stans | fol. 5 a 2. col. No. 53 
vor coronam ist munera getilgt. 



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30 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

222 nostro adventui viam preparavere. 
Horum subtilitas nobis elaboravit 
224 tronum conscendere, qnem virtus occupavit. 

56) Tunc ypocritae acceptis muneribus vadunt ad regem Fran- 
corum et stantes coram eo cantaw/: 

Rex tibi salus sit et c. 
ultimam clausulam ista commutaDtes : 

Sed de tai regni certus deuotione 
226 rependit tibi vicem voluntatis bonae. 

57) Tunc rex acceptis muneribus canto/: 

Libenter exhibeo et c. 
et hoc iterans venit ad presentiam Antichristi et flexo 
genu offert ei coronam cantans: 

Tibi profiteor et c. 

58) Antichristus eo suscepto in osculum signans eum et suos 
in frontibus et imponens ei coronam canta/ : 

Vive per gratiam et c. 

59) Tunc iterum dirigit ypocritas ad regem Teotonicorum 
cantaws : 

Excellens est in armis vis Teotonicorum, 
228 sicut testantur robur experti eorum. 

Regem muneribus est opus mitigari. 
230 est cum Teotonicis incautum preliari. 

Hi secum pugnantibus sunt pessima pestis. 
232 hos nobis subicite donis si potestis. 

60) Tunc ypocritae acceptis muneribus transeunt ad regem 
cantantes coram eo: 

Rex tibi salus sit et c , 
ultimum versum iterum isto commutantes : 

Et his te honorans muneribus absentem 
234 amicum cernere desiderat presentem. 



No.56 aiadunt T 227 vis: ins edd., T eher ius als nis. 228 rob. exp. 
M: exp. rob. T eorum \f.5b, diese Seite ist bei Zezschwitz facsimilirt. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 31 

61) Tunc rex Teotonicorum cantat: 

Fraudis versutias cotnpellor experiri, 
236 per quas nequitia vestra solet mentiri. 

Sub forma veritas virtutis putabatur; 
238 ostendit falsitas, quod forma mentiatur. 

Per vos corrnpta est fides Christianorum. 
240 per me conteretur regnum simulatorum. 

Plena sunt fraudibus munera deceptoris. 
242 iniquus corruet per gladium ultoris. 

Secum pecunia sit in perditionem. 
244 gravem iniuria exspectat ultionem. 

62) Tudc ypocritae confusi redeunt et stantes coram Anti- 
christo c(antant): 

regni gloria, caput totins mundi, 
246 offensam aspice populi furibundi. 

Certe predictum est per fidem antiquorum, 
248 quod tu subities cervices superborum. 

Si virtute tua totus orbis subsistit, 
250 qua vi teotonicus furor tibi resistit? 

Tuam Germania blasphemat dicionem, 
252 extollit cornna contra religionem. 

Respice igitur nostram confusionem, 
254 in ea iudica tuam offensionem. 

Tuam potentiam iniuria testatur, 
256 cuius imperio ruinam comminatur. 



235—238 auch im Weihnachtsspiel der Carmina Burana föl. 106b 
— Schindler S. 94 242 iniquus M: in quos T edd. ulturis T 243 
Act. 8, 20 pecunia tna tecum sit in perditionem 246 offensam M: 
offensa TPZ furibunda, ä^ui corrig. T 248 Jerem. 27, 11 gens 
quae subiecerit cervicem suam sub iugo regis Babyloniae 250 teotoni- 

cus M : teotonicorum TPZ 251 G. Tuam T , igitur setzte M in den 
V.253 253 igitur fehlt in TPZ 255 testatur = provocat? 256 Von 
der 1. Hand comutatur, dann von derselben cominatur T, conver- 



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32 Sitzung der phüos.-jihüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

63) Tunc Antichristus : 

Consummabo uere gentem perditionis 
258 pro tanto scandalo sanctae religionis. 

Ecce superbiam humanae potestatis 
260 teret potentia divinae maiestatis. 

64) Tunc dirig# singulos nuntios ad reges dicens eis: 

Ite congregantes facultates regnorum. 
262 conculcent impetu farorem saperborum. 

65) Nuntii vero venientes coram regibus c(antant): 

Ecce noster dominus et deus deoram 
264 per nos exercitum convocavit suorum. 

Ut per hos teotonicum condempnet furorem, 
266 in bello martyrum consignabit crnorem. 

66) Tunc reges conveniunt ante tronum Antichristi. Quibus ille : 

Consummabo vere et c. 
Ite Germaniae terminos invadetis, 
268 superbmn populum com rege conteretis. 

67) Tunc omnes cantawtf: 

Deus nobiscuni est, quos tuetnr potenter. 
270 Pro fide igitur pugnemus confidenter. 

68) Et disponentes acies suas in occursum Teotonicorum con- 
grediuntur cum eis et superatur exercitus Antichristi. 
Tunc rex Teotonicorum rediens et sedens in trono suo 
cantol : 

Sangoine patriae honor est retinendus, 
272 virtute patriae est hostis expellendus. 

Jus dolo perditum est sanguine venale. 
274 sie retinebimus decus imperiale. 



tatur Z, imperinm , minatur P 259 snperbiam | 5b 2. col. 263 Dan. 
2, 47 deus vester dens deorum est, und sonst. 265 hos M : eos T 273 
Das soll wohl heissen: die von mir freiwillig aufgegebene, von dem Ant. 
durch Trug erschlichene kaiserliche Machtbefugniss lässt sich durch 



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Wüh. Meyer; Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 33 

69) Tunc ypocritae adducunt claudum coram Antichristo. quo 
sanato rex Teotonicorum hesitabit in fide. Tunc iterum 
adducunt leprosum, et illo sanato rex plus dubitabit. Ad 
ultimum important feretrum, in quo iacebit quidam simu- 
lans se in prelio occisum. iubet itaque Antichristus ut 
surgat dicens: 

Signa semper querunt rüdes et infideles. 
276 surge velociter, quis sira ego reveles. 

70) Tunc ille de feretro cantat: 

Tu sapientia supernae veritatis 
278 virtus invicta es divinae maiestatis. 

71) Et ypocritae secum c(antant) : 

Tu sapientia et c. 

72) Tunc rex Teotonicorum videns Signum seducitur dicens: 

Nostro nos impetu semper periciitamur, 
280 adversus dominum incauti preliamur. 

In huius nomine mortui suscitantur 
282 et claudi ambulant et leprosi mundantur. 

Illius igitur gloriam veneremar 
284 ** 

73) Tunc rex ascendit ad Antichristum hoc idem cantans. cum 
autem venerit coram eo flexo genu offert ei coronam 
c(antans) : 

Tibi profiteor et c. 

74) Tunc Antichristus signans eum et suos in frontibus et 
imponens ei coronam c(antat) : 

Vive per gratiam et c. 



Blut wieder erwerben und so, als Sieger über die ganze Christenheit, 
halte ich, wenn auch nicht den Titel, so doch den Glanz der kaiser- 
lichen Herrschaft fest. No. 69 iacebit M: iacebat T 276 surge M: 
surge surge T; vgl. Act. 12, 7 surge velociter. 278 | virtus föl. 6 T 
282 et lepr. M: et fehlt in T vgl. Matth. 11, 5 claudi ambulant, 
leprosi mundantur. Dass V. 284 ausgefallen ist, erkannte Wedde. 
No. 73 h* d. h. hoc T, cantans M (et hoc idem cantat P): cantat T 
vgl. No. 27 ascendens ad imperium cantat hoc ipsum iterans. 
[1882. I. Phiios.-philol. bist. Cl. 1.] 3 



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34 Sitzung der pMos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

75) Tunc committit sibi expeditionem ad gentes dicens : 

Vobis credentibus convertimur ad gentes. 
et dato sibi gladio c(antat) : 
286 Per te disponimus has fieri credentes. 

76) Tunc rex* veniens ad tronum Gentilitatis et mittens 
legatum ad regem Babylonis qui cantat coram eo : 

Potestas domini maneat in aeternura, 
288 quae adoranda quasi numen sempiternum 

condempnat penitus culturam idolorura, 
290 precipit abici ritus siuiulacrorura. 

77) Tunc Gentilitas ad legatum: 

Finxit invidia hanc singularitatem, 
292 ut unam coleret homo divinitatem. 

Ille iure deus cupidus estirnatur, 
294 qui spretis ceteris vult, ut solus colatur. 

Nos ergo sequimur ritum antiquitatis, 
296 diis discrimina reddimus deitatis. 

78) Tunc nuntius : 

Unus est dominus, qaem iure veneramur, 
298 qui solus deus est, 
et deiciens simulacrum c(antat) : 

ydolam detestamur. 

79) Statim gentiles concurrunt et preliantur cum exercitu 
Antichristi. et superatus rex Babylonis ducitur captivus 



No. 76 lengatum T qui Hess P weg. 287 Hehr. 7, 24 qaod 
maneat in aeternum, sempiternum habet sacerdotium. 288 quasi M : 
est quasi T 291 u. 292, 293 u. 294 im Weihnachtsspiel der Carmina 
Bur. fol. 106 a u. &, SchmeUer S. 94 292 homo coleret unam Bur. 
293 cup. deus Bur. 294 qui spas ceteris vult T, qui spretis ceteris 
vult Bur. 295 ergo M, igitur edd., in T scheint der Buchstabe über 
dem g eher i (igitur) als o (ergo) zu sein. No. 79 gentiles | fol. 6 a 
2. col. nach offert ist ei getilgt in T. 



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WÜh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Ryihmen. 35 

ad Antichristum. Tunc rex genu flexo offert coronam 
Antichristo d(icens) : 

Tibi profiteor et c, 

80) Tunc Antichristas signans eum et suos in frontibus et 
imponens coronam ei c(antat) : 

Vive per gratiam et c. 

81) Statim redeunt ad sedes suas omnes cantantes: 

Omnium rectorern te solutn profitemur. 
300 tibi tota mente semper obsequemur. 

82) Tunc Antichristus dirigens ypocritas ad Synagogam c(antat) : 

Judeis dicite Messiam advenisse 
302 et nie in gentibus tributnm accepisse. 

Judeis dicite: en ego sum Messyas. 
304 ego sum promissus eis per prophetias. 

83) Tunc ypocritae ad Synagogam: 

Regalis generis gens es peeuliaris, 
306 fidelis pppulus ubique predicaris. 

Pro tuenda lege iam dudum exulasti, 
308 procul a patria Messiam exspectasti. 

Hqc exspectatio reddet hereditatem, 
310 iocunda novitas mutabit vetustatem. 

Ecce mysterium tuäe redemptionis. 
312 rex enim natus est auctor religionis. 

Hie est Emmanuel, quem testantur scripturQ, 
314 per cuius gratiam tu regnabis secure. 

Erexit humiles et snperbos deiecit. 
316 potenter omnia sub pedibus subiecit. 

Surge Jerusalem, surge, illuminare, 
318 et captiva diu Synagoga laetare. 

n n 

No. 81 cant. omnes d. h. omn. cant. T 305 es: e fest) T; populus 
peeuliaris Deut. 7, 6 etc. Petr. 1, 2,9: genas electum, regale sacerdotium, 
gens saneta. 306 predicans T 311 Gor. 1, 15, 51 ecce mysterium vobis 
dico. 316 Cor. 1, 15, 26 omnia enim subiecit sub pedibus eins. 317 
Jes. 60, 1 Surge illuminare Jerusalem, quia venit lumen tuum. 318 et M, 

3* 



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36 Sitzung der phüos.'philol. Classe vom 7. Januar 1882. 

84) Tunc Synagoga : 

H§c consolatio divinae bonitatis 
320 laborem respicit nostrae captivitatis. 

Eamus igitnr obviam salvatori. 
322 dignum est reddere gloriam redemptori. 

85) Tunc Synagoga surgens vadit ad Antichristum et cantat : 

Ades Emanuel, quem semper veneramur, 
324 in caius gloria dos quoque glorianiur. 

86) Tunc venientem suscipit Synagogam signans eam et dicens : 

Per rae egredere vectem confusionis. 
326 tibi restituo terram promissionis. 

In tuo luraine en gentes ambulabunt 
328 et sub pacis taae lege reges regnabunt. 

87) Tunc Synagoga redeunte intrant Prophetae dicentes: 

Verbum patris habens divinitatem 
330 in virgine snmpsit humanitatera. 

Manen s deus effectus est mortalis, 
332 seraper deus factus est temporalis. 

Non naturae nsu sibi constante 
334 hoc factum est sed deo imperante. 

Nostram Christus sumpsit infirmitatem, 
336 ut infirmis conferret firmitatem. 

Hunc Judei mortalem cognovernnt, 
338 immortalem quem esse nesciernnt. 

Nee sermoni nee signis credidere. 
340 sub Pilato Christum crueifixere. 



fehlt in T No. 85 synagoga | fol. 6b 1. cöl. et cantat M: et cetera T 
325 für egredere vectem confusionis fand ich keine passende Stelle; 
am nächsten kommt Jonas 2, 7 terrae vectes concluserunt me. 327 am- 
bulant T Jes. 60, 3 ambulabunt gentes in lumine tuo. 333 sibi con- 

i 
stante (s östante) M : sie testante T P Z 334 operante P 335 Christus 

M, fehlt in T. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 37 

Moriendo mortem mortificavit. 
342 a Gehenna credentes liberavit. 

Hie surrexit vere non moriturus. 
344 regnat semper in proximo venturus. 

Hie seculum per ignem iudicabit, 
346 universos in carne suscitabit. 

A reprobis salvandos separabit. 
348 malos dampnans bonos glorificabit. 

Vere scitis quid scripturae loquantur. 
350 Enoch vivum et Heliam testantur. 

88) Tunc Synagoga: 

übinam sunt? 

89) Helias: 

Uli nos sumus vere, 

352 in quos fines seclorum devenere. 

Iste Enoch et ego sum Helias, 
354 quos hueusque servaverat Messias, 

Qui iam venit et adhuc est venturus, 
356 per nos primum Israel rederapturus. 

Ecce venit homo perditionis 
358 magnae muros consumraans Babylonis. 

Non est Christus (sed mendax Antichristus). 



360 



* * * * 



90) Tunc tollunt ei velum. statim Synagoga convertitur ad 
verba prophetarum dicens : 

Seducti fuimus vere per Antichristum, 
362 qui mentitur esse se Judeorum Christum. 



349 Verae P 350 enooh T 351 Helias add. M; sunt ? Uli. Nos sumus T 
352 8clorum T mit Strich durch 1, seculorum edd. vgl. 1 Gor. 10, 11 in qnos 
fines seculorum devenerunt. 355 adhuc | föl. 6 b 2. col. 357 vgl. 2 Thess. 
2, 3 homo peccati filius perditionis. 358 mur. cons. M : cons. mur. T 359 
sed m. Ant. M in der schon von Wedde bemerkten Lücke von T No. 90 
tollant ei velum, vgl. zu No. 40; Anstoss gibt mir nur, dass der Ant. nicht 
zu dieser Handlung gehört. 361 fuimus M : sumus T 362 esse M, fehlt 



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38 Sitzung der philos.~phüöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

Certa indicia sunt nostrae libertatis 
364 Helyas et Enoch prophetae veritatis. 

Tibi gratias damus Adonay rex gloriae, 
366 persoiiarum triuitas eiusdem substantiae. 

Vere pater deas est cuius unigenitus 
368 deus est. idem deus est amborum Spiritus. 

91) Interim ypocritae venientes ad Antichristum c(antant) : 

culmen regium divinae maiestatis, 
370 tibi subtrahitur honor divinitatis. 

Intravere senes doctores vanitatis, 
372 qui blasphemant tuae honorem potestatis. 

Judeis predicant tenore scripturarum 
374 te, rex omnipotens, caput ypocritarnm. 

92) Tunc Antichristus ad ypocrifas: 

Cum nie totus orbis studeat adorare, 
376 ius mei nominis quis audeat negare? 

Synagogam et senes mihi presentate. 
378 reos conveniam super hac levitate. 

93) Tunc ministri venientes ad prophetas et Synagogam c(antant) : 

Testes mendatii, precones falsitatis, 
380 Vos tribunal vocat divinae maiestatis. 

94) Tunc prophetae : 

Non seducet homo iniquitatis 
382 servos Christi ministris falsitatis. 

95) Tunc nuntii adducunt prophetas et Synagogam ad Anti- 
christum. quibus ille : 

Fert in insaniam f proprietatis 
384 vos, quos decipiunt vultus auctoritatis. 



in T 363 iuditia T 365—368 '7 + 7 - vJJ mit der Beimstellung 
'no, no, rü, rd* 366 trinitas P: trinitatis TZ 376 nurainis? 377 pre- 
sentate M: representate T 383 proprietatis ist aus dem Subjekte, wie 
doctrina vanitatis (vgl. 371, 413) verdorben. 384 quos | fol. 7a 1. Col. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 39 

Sanctis promissus sum redemptio futura. 
386 vere Messias sum, ut testatur scriptura. 

De me suscipite formam religionis. 
388 sum infidelibus lapis offensionis. 

96) Tunc prophetae: 

Tu blasphemus auctor iniquitatis, 
390 radix raali, turbator veritatis. 

Antichristus, seductor pietatis, 
392 vere mendax sub forma deitatis. 

97) Tunc Antichristus commotus dicit ministris: 

Ecce blasphemias meae divinitatis 
394 ulciscatur manus divinae maiestatis. 

Qui blasphemant in me divinam pietatem, 
396 divini numinis gustent severitatem. 

Pereant penitus oves occisionis 
398 pro tanto scandalo sanctae religionis. 

98) Tandem synagoga c(antat) confessionem istam : 

Nos erroris penitet. 
400 ad fidem convertimur. 

quicquid nobis inferet 
402 persecutor, patimur. 

99) Tunc ministri educunt eos et occidunt. interim vero dum 
occiduntur, Ecclesia c(antat) : 

Fasciculus mirrae dilectus meus mihi. 

100) Tunc ministris reversis Antichristus dirigit nuntios suos 
ad singulos reges c(antans): 

Reges conveniant et agmina suorum. 
404 adorari volo a gloria regnorum. 



386 sum M, felüt in T vgl. 303 ego sum Messias, ego sum pro- 
missus. 388 Jes. 8, 14 erit in lapidem offensionis. 392 deitatis M : 
pietatis T 397 Psalm 8, 22 oves occisionis. No. 99 Cant. 1, 12 403 su- 
orum M : söorum (ä. h. sanctornm) T 404 Matth. 4, 8 ostendit . . regna 
mundi et gloriam eorum. 



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40 Sitzung der phÜoa.-phüöl. Classe vom 7. Januar 1882, 

Cuncta divinitus manua ima firmavit, 
406 suos divinita8 hostes exterminavit. 

Pace conclusa sunt cuncta iura regnorum. 
408 ad cofonam vocat suos deus deorum. 

101) Tunc omnes reges conveniunt undique cum suis usque 
ad presentiain Antichristi (cantantes) : 

Cuncta divinitus et c. 

102) Quibus Antichristus : 

Ista predixerunt mei predicatores, 
410 viri mei nominis et iuris cultores. 

Haec mea gloria, quam diu predixere, 
412 qua fruentur mecum, quicunque meruere. 

Post eorum casum, quos vanitas illusit, 
414 pax et securitas uni versa conclusit. 

1 03) Statim fit sonitus super caput Antichristi et eo corruente 
et omnibus suis fugientibus ecclesia cantatf: 

Ecce homo qui non posuit deum adiutorem suum. 
ego autem sicut oliva fructifera in domo dei. 

104) Tunc omnibus redeuntibus ad fidem Ecclesia ipsos sus- 
cipiens incipit: 

Laudem dicite deo nostro. 



No. 101 cantantes P, fehlt in T 409 pre | fol. 7a 2. col. \ dixerrmt 
No. 103 Ecce homo etc.: Psalm 51, 9 u. 10. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Eythmen. 41 



Ueber die lateinischen Rythmen. 

Das Spiel vom Antichristen ist in festen ryth mi- 
schen Formen gedichtet. Allein, so viele auch über 
diese Dichtung geschrieben haben, keiner hat dieselben er- 
kannt. Die Formen der mittelalterlichen lateinischen Dich- 
tungen sind eben bis jetzt noch wenig erforscht, das Erforschte 
noch wenig bekannt. Muratori 1 ) gab nur werth volles 
Material für die Geschichte des Reims in den ältesten Zeiten. 
J. Grimm und Schindler 2 ) haben die Formen der 
von ihnen veröffentlichten schönen Gedichte nicht genügend 
erforscht. Du Merils 8 ) eifrigem Sammeln danken der- 
artige Forschungen die Grundlage ; er hatte auch den Blick 
für die Formen ziemlich geschärft: allein er hielt die ver- 
schiedenen Zeiten und Verhältnisse der einzelnen Dichtungen 
zu wenig auseinander, so dass er über die einzelnen Be- 
merkungen nicht zur Erkenntniss der wichtigen Fälle und 
der Gesetze durchgedrungen ist. Mone 4 ), der viel ver- 
kannte, zeigt in vielen einzelnen Bemerkungen feinen Sinn 
für diese Formen. Nachdem L6on Gautier 5 ) bei der 
Herausgabe gerade des Dichters, welcher den kunstmässigen 
Bau der rythmischen Verse sehr ausgebildet hat, diese 



1) Muratori, de rhythmica veterura poesi; Antiqu. Ital. III p. 664 
— Migne Cursus patrol. lat. 151 p. 755. — 2) J. Grimm u. Schindler, 
Lat. Gedichte des X. und XI. Jahrh. 1838. J. Grimm, Gedichte auf 
Friedrich L, Abh. der Berliner Akad. 1843 — Kleinere Schriften III, 
1 — 102. Schmeller, Carmina Burana, 1847, Bd. 16 der Bibl. d. lit. 
Vereins in Stuttgart. — 3) Ed. Du Meril 1. Poesies pop. lat. anterieures 
au douzierae siecle. Paris 1843. 2. Poesies pop. lat. du moycn äge. 
Paris 1847. 3. Poesies in^dites du moyen äge. Paris 1854 — 4) Mone, 
Lat. Hymnen des Mittelalters, 3 Bde. 1853 — 1855. — 5) L. Gautier, 
Oeuvres poetiques d'Adam de S. Victor, Paris 1858. 



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42 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 7. Januar 1882. 

Kunst durchaus verkannt und geleugnet hatte, war es Gaston 
Paris 1 ) leicht, zunächst diesen Irrthum nachzuweisen. Er 
knüpfte hieran eine Reihe feiner Bemerkungen über den 
Bau der rythmischeu Verse, die bis jetzt nicht beachtet 
wurden, weil sie in der Allgemeinheit, wie sie G. Paris 
aufstellte, unrichtig sind; in der richtigen Beschränkung 
dagegen sind sie anregend und wichtig und zeugen von 
dem Scharfsinn und richtigen Gefühl dieses Forschers. Karl 
Bartsch 2 ) hat nur eine einzelne Art von Gedichten, die 
Sequenzen, behandelt, und auch von diesen gehören nach 
meiner Ansicht nur die Sequenzen der späteren Periode zu 
den rythmischen Gedichten; aber hier hat er durch reiche 
und übersichtliche Zusammenstellung der Eigenthümlich- 
keiten viele Gesetze klar gelegt und weitere Untersuchungen 
erleichtert. Dann hat er bei verschiedenen Gelegenheiten 
einzelne Zeilen- und besonders Strophenformen der lateini- 
schen, romanischen und deutschen Dichter verglichen und 
besprochen. In neuester Zeit hat Zarncke 8 ) die Ge- 
schichte einer Rythmeuform behandelt, Ebert 4 ) und H ne- 
in er 5 ) haben mehrere Stücke der ältesten rythmischen 
Poesie näher untersucht. Leon G a u t i e r 6 ) hat den kunst- 
mässigen Bau der mittelalterlichen Rythmen zugestanden 
und eine Anzahl Gesichtspunkte für die Geschichte derselben, 
besonders für die Entwicklung der mittelalterlichen Zeilen- 



1) G. Paris, Lettre ä L. Gantier sur la versification Lat. rhyth- 
raique. Paris 1866. — 2) K. Bartsch, Die lat. Sequenzen des Mittelalters. 
Rostock 1868. -— 3) Fr. Zarncke, Berichte d. sächs. Ges. d. Wiss. zu 
Leipzig 1877 p. 57—69. — 4) Ad. Ebert, Geschichte der Literatur des 
Mittelalters Bd. I. IL 1874. 1880. Zeitschr. f. deutsches Alterthum 24 
p. 144—150. — 5) Joh. Huemer, Unters, über den jamb. Dimeter vor 
Karl d. Gr. Wien 1876. Unters, über die ältesten Lat. christl. Rhythmen, 
Wien 1879. — 6) L. Gautier, Les Epopees Francaises, Paris 1878, I, 
p. 281 — 298. Schon 1878 kündigte Gautier an 'Histoire de la poesie 
Lat. au moyen äge : Versification rhythmique, Hymnes, Proses, Tropes, 
Mysteites. (Sons presse.) 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 43 

und Strophenarten aus den altrömischen aufgestellt, welche 
er hoffentlich bald ausführlich darstellen wird. 

Die lateinischen Rythmen des Mittelalters verdienen 
eifrige Erforschung, nicht nur um des Inhaltes, sondern 
auch der Formen willen. Dichtungen, wie viele der Car- 
mina Burana, manche des Archipoeta, sehr viele Hymnen 
und Sequenzen, werden stets zu den Perlen der Weltlitera- 
tur gehören. Dann haben die lateinischen Rythmendichter 
besonders im XL und XII. Jahrhundert mit feinem Gefühle 
für den innern Bau der Zeilen Gesetze aufgestellt, welche 
auf die romanische Dichtung im Mittelalter grossen Einfluss 
.gehabt haben und zum Theil noch jetzt fortwirken, wie 
z. B. der romanische Versbau heute noch auf dem damals 
gelegten Grunde ruht; wenn auch ferner die deutschen 
Dichter des Mittelalters den Vers nach einem ganz andern 
Princip bauten, indem sie nur die betonten, nicht wie die 
lateinischen und romanischen Dichter auch die unbetonten 
Silben zählten, also nicht wie jene gleiche Silbenzahl in den 
entsprechenden Zeilen beobachteten, so haben sie doch den 
innern Bau der lateinischen rythmischen Zeilen in manchen 
Stücken z. B. in der beschränkten Zulassung des Hiatus 
beachtet. Und unser neuhochdeutscher Versbau, welcher die 
betonten Silben als Längen rechnet, den Tonfall des Vers- 
schemas und die Gleichheit der Zahl auch der unbetonten 
Silben mit Vermeidung des Taktwechsels beobachtet, steht 
auf demselben Standpunkt, wie viele lateinische Rythmen- 
dichter des späteren Mittelalters, welche ebenfalls den Takt- 
wechsel sich nicht gestatteten. 

Die Zeilen- und insbesondere die Strophenarten aber 
sind es vor Allem, welche die Dichter des XII. und XIII. 
Jahrhunderts mit freudiger Schaffenslust in wunderbarer 
Mannichfaltigkeit ersonnen haben. Die lateinischen Dichter 
waren sicher hierin die ersten, später mögen bei dem Wett- 
streite der lateinischen, romanischen und deutschen Dichter 



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44 Sitzung der phüos.-phüol. Glosse vom 7. Januar 1882. 

die lateinischen ein oder die andere Strophenform von den 
romanischen oder deutschen Dichtern entlehnt haben. Wenn 
auch die romanischen und germanischen Dichter der letzten 
Jahrhunderte, insbesondere die deutschen Dichter des 19. Jahr- 
hunderts vielerlei griechische, römische, orientalische und nor- 
dische Zeilen- und Strophenarten nachgeahmt haben, diejenigen 
Lieder und grösseren Gedichte, welche jedes einzelne Volk 
als den echten Ausdruck seiner Gefühle anerkennt und liebt, 
sind in Formen gekleidet, welche aus jener Zeit des über- 
reichen Schaffens sich — in bescheidener Zahl — erhalten 
haben. 

Der Eifer Vieler ist jetzt darauf gerichtet, die Vers- 
gesetze der mittelalterlichen Dichtungen in den romanischen 
und germanischen Sprachen festzustellen : dem sollte eigent- 
lich die Feststellung der Gesetze der mittelalterlichen latei- 
nischen Bythmen vorangehen, da diese auf jene Einfluss 
übten und da sie leichter zu erkennen sind. Denn während 
dort wichtige Stücke streitig sind, wie z. B. die Aussprache 
oder Unterdrückung von Endsilben, besteht hier nur über 
wenige unbedeutende Vorfragen Zweifel. Eine Hauptschwierig- 
keit bildet hier nur die Unsicherheit der Texte. Doch durch 
die Bemühungen von Dümmler und Wattenbach, jenes um 
die lateinischen Gedichte der früheren, dieses um die der 
späteren Zeit, fällt ja auch in diese Finsterniss schon jetzt 
einiges Licht. 

Obwohl ich von einem Gedichte der zweiten Periode 
ausging, habe ich doch von dem Ganzen der poetischen 
Formen der ersten Periode, d. h. sowohl von dem Bau der 
einzelnen Zeilen als von ihrer Zusammenfügung zu Strophen 
und Gedichten in der Zeit bis zum Beginne des XL Jahr- 
hunderts, ein Bild zu geben versucht, habe dagegen bei der 
zweiten Periode nur den Bau der einfachen Zeilen besprochen. 
Ich that dies, weil die Formen der ersten Periode noch sehr 
wenig erforscht sind, ihre Kenntniss aber zum Verständniss 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 45 

der späteren Formen nothwendig ist, weil das von mir be- 
handelte Gedicht im Anfang der zweiten Periode entstanden 
ist und weil endlich die Fülle der in der zweiten Periode 
geschaffenen neuen Zeilen- und Strophenformen eine ausser- 
ordentlich grosse ist. Bei dem oft mühsamen Zusammen- 
zählen werde ich nicht selten geirrt haben, habe auch um 
Text-Kritik mich nicht viel kümmern können. Wenn aber 
die Haupt/iige der Rytb mengeschichte richtig erkannt sind, 
so wird die Berichtigung solcher kleineren Fehler die Resul- 
tate nicht ändern. 

Indem ich die einzelnen Zeilen untersuchte, ach- 
tete ich a) auf die Silbenzahl und die Pausen, b) den Schluss, 
c) den Tonfall der sich entsprechenden Zeilen, endlich d) 
auf die Zulassung von Hiatus und e) auf den Reim. Die 
Gedichte schied ich in gleichzeitige und ungleichzeilige, 
die aus ungleichen Zeilen, d. h. aus Strophen, gebildeten in 
gleichstrophische (fast alle Hymnen), und ungleich- 
strophische. Wenn in diesen letzteren Paare unter sich 
gleicher, aber von den andern verschiedener Strophen an 
einander gereiht sind, so heissen sie Sequenzen; strenge 
Leiche nannte ich die Gedichte, in welchen auf eine Reihe 
von verschiedenen Strophen in einer zweiten Reihe dieselben 
Strophenarten in derselben Ordnung, sei es in gleicher oder 
in verschiedener Zahl, sich folgen; freie Leiche endlich 
diejenigen Gedichte, in welchen verschiedene Strophen zu 
einer Reihe oder zu mehreren von einander verschiedenen 
Reihen und Gesetzen verbunden sind. 

Die Rythmen saec. VI. — XII. 

Der Bau der sogenannten rythmischen Hexameter des 
Commodian hat mit dem Bau der späteren Rythmen wenig 
zu ihun; nicht viel mehr die barbarischen Achtsilber mit 
trochäischem Schlüsse, welche Augustin in dem Gedicht gegen 
die Donatisten sich construirt hat: doch finden sich bei 



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46 Sitzung der philos.-phüöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

ihnen die ersten sicheren Spuren des Reimes, indem bei 
Commodian die sämmtlichen Zeilen eines kleinen Gedichtes 
auf o, bei Augustin die 250 Langzeilen auf e enden. Da- 
gegen findet sich in den Soldaten- und ähnlichen Volkslied- 
chen der Kaiserzeit jenes Urprinzip aller rythmischen Poesie, 
dass in die langen, also betonten Stellen des Versschemas 
die betonten Wortsilben gerückt werden. Wenn auch die 
von dem Grammatiker Virgilius Maro gebotenen Zeilenarten 
zum Theil seine phantastische Erfindung sein mögen, so 
sehen wir doch bei ihm schon ganz die Gesetze der ryth- 
mischen Verse und reine zweisilbige Reime; und eben jene 
vielleicht neuerfundenen Zeilenarten zeigen, dass wir den 
rythmischen Dichtern auch dieser Zeit einige Neuerungen 
zutrauen dürfen und dass dabei vielleicht gerade die Ge- 
lehrten mithalfen. In manchen Dichtungen der nächsten Zeit, 
und besonders in den Gedichten der von Karl dem Grossen 
geehrten Dichter finden wir die Formen und die Technik, 
welche sich bis zum XII. Jahrhundert erhielten: die kata- 
lektischen trochäischen Tetrameter (15 v - / — ) mit steter 
Pause nach der 8. Silbe, die jambischen Trimeter mit Pause 
nach der 5. Silbe, die Zeilen zu 4 Jamben und die zu 4 
Trochäen, die Siebensilber mit jambischem und die mit tro- 
chäischem Schlüsse, lauter Formen, welche sich leicht auf 
die Formen der alten quantitirenden Poesie zurückführen 
lassen: in dem Bau der Zeilen das Gesetz, dass betonte 
Silben nicht zusammenstossen, sondern durch unbetonte und 
zwar in der Regel nur durch eine getrennt werden; die 
daktylischen Zeilenarten verschwinden, und in den regel- 
mässig dahinfliessenden trochäischen und jambischen Ryth- 
men findet sich nur hie und da ein Daktylus beim Eintreten 
von Taktwechsel, welcher in beschränkter Zahl von Fällen 
gestattet ist. Elision findet sich nicht, Verschmelzen zweier 
Vokale zu einem selten, aber auch Hiatus wird nicht zu 
häufig gestattet. Der trochäische Zeilenschluss wird durch 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 47 

ein mindestens zweisilbiges, der jambische durch ein min- 
destens dreisilbiges Wort gebildet. Die Zeilen, welche oft 
einsilbiger Reim oder einsilbige Assonanz bindet, sind meistens 
in Gruppen zusammengestellt: die trochäischen Fünfeehn- 
silber in Gruppen von je 2 oder 4 oder besonders von je 
3 Zeilen, die Trimeter besonders zu Gruppen von je 5 Zeilen 
oder, in Nachahmung der sapphischen Strophen, zu Gruppen 
von 3 Zeilen mit einem Fünfsilber, die übrigen Zeilenarten 
meistens in Gruppen von 2 oder 4 Zeilen. Ist ein Gedicht 
in derartigen einfachen Formen geschrieben, so ist schwer 
zu erkennen, ob es im 7. oder erst im 11. Jahrhundert 
entstanden ist. 

An diesem Stamme bildeten sich Auswüchse und Triebe, 
die theils wieder abstarben, theils fortwuchsen und sich ent- 
wickelten. So finden wir schon in irischen Gedichten des 
7. und 8. Jahrhunderts den Tonfall auch der trochäischen 
Verse so durchaus vernachlässigt, dass von Rythmus nicht 
mehr die Rede sein kann; ja sogar die wichtige Gleichheit 
der Zeilenschlüsse ist verletzt und unter die jambischen 
Schlüsse hie und da ein trochäischer gemischt und umge- 
kehrt; diese beiden Unsitten finden sich in einzelnen Ge- 
dichten bis zum Schlüsse des XI. Jahrhunderts. Sehr wich- 
tig wurde der Eifer, mit welchem die Iren den Reim 
pflegten. Die ältesten Beispiele von reinen zweisilbigen 
Reimen begegnen uns bei dem Grammatiker Virgilius Maro ; 
aus seinen Kreisen l$am er vielleicht zu den Iren, bei denen 
wir im 7. und 8. Jahrhundert reiche Reimfülle, ja sogar 
einmal Binnenreim und ein anderes Mal, das einzige Mal 
vor dem Schlüsse des XL Jahrhunderts, gekreuzte Reime 
antreffen. Bonifatius, Aldhelm, Hibernicus Exul und Dicuil, 
Iren oder Freunde von Iren, sind es, welche die Reimfülle 
auf das Festland verpflanzt und dieselbe aus den rythmi- 
schen auch auf die quautitirend gebauten Verse übertragen 
und so den Grund zu dem später so weit verbreiteten Ge- 



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48 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

schlechte der gereimten Hexameter gelegt haben. Grossen, 
hie und da überwuchernden Reichthum von Reimen finden 
wir später in den Gedichten Gotschalks und seiner Genossen, 
in manchen Stücken der Cambridger Sammlung und bei 
Wipo, bis gegen Ende des XI. Jahrhunderts die Anwendung 
des Reimes gesetzmässig wurde. 

Ein hässlicher Auswuchs ist zum Glücke wieder abge- 
storben. In historischen und religiösen Gedichten des 8. und 
9. Jahrhunderts findet sich mehr oder minder häufig vor 
der regelmässigen Zeile noch eine unbetonte Silbe, ein Vor- 
schlag, oder es ist in dem Innern der Zeile eine Silbe zu- 
gesetzt, indem ein Daktylus statt eines Trochäus eintritt. 

In der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts versuchte Notker, 
den freien Läufen der langgezogenen Melodien, mit welchen 
die einzelnen Silben des Alleluia ausgemalt wurden, Wörter- 
reihen von gleichem Tonfall anzuschmiegen. Wenn nun 
auch in diesen sogenannten Sequenzen der älteren Art die 
einzelnen Zeilen nicht rythmisch gebaut und die kühnen 
Strophen nur nach den Gängen der Melodie angelegt wurden, 
so dass also die Rythmen- und die Sequenzen-Dichtung da- 
mals zwei ganz geschiedene Gebiete waren, so wirkte doch 
der Eifer und die Kühnheit der Sequenzendichter auf die 
Rythmendichter. Es treten allmälich neue Zeilenarten auf; 
es finden sich Gedichte in schwankenden Zeilen, in denen 
die entsprechenden Zeilen an Silbenzahl und Bau sich nur 
ähnlich, nicht gleich sind, eine Art, die im Laufe des XI. 
Jahrhunderts wieder verschwindet ; insbesondere aber zeugen 
von einem neuen Geiste einige neue und kühne Strophen- 
formen, die sich im X. und XI. Jahrhundert finden. Damit 
dass im Beginn des XII. Jahrhunderts die Sequenzendichter 
sich herabliessen, ihre willkürlichen Zeilen und Strophen 
aufgaben und aus regelmässig gebauten rythmischen Zeilen 
ähnlich kühne Strophen zu fügen versuchten, war der ent- 
scheidende Schritt geschehen : um diese ganz neue und 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 49 

schwierige Aufgabe erfüllen zu können, mussten Neuerungen 
gemacht werden, und kräftiges Leben begann jetzt in allen 
Zweigen der rythmischen Dichtuug sich zu regen. 

Von den einzelnen Zeilen. 

Die Gedichte dieser früheren Zeit sind meistens gleich- 
zeilig, nur werden oft die einzelnen Gruppen durch Re- 
frain gekennzeichnet. Die Zeilen ohne Pause überschreiten 
fast niemals die Zahl von 8 Silben; (vgl. nur XIII, 1—4). 
Denn wenn eine der nachgeahmten antiken Zeilenarten (und 
fast alle damals gebräuchlichen rythmischen Zeilenarten 
waren Nachahmungen von antiken) mehr als 8 Silben zählte, 
so wurde sie, durch Verwandlung der Caesur in eine förm- 
liche Pause, zu 2 kleineren Zeilen zerlegt ; also bestehen die 
trochäischen Fünfzehnsilber stets aus 2 Zeilen zu 8 und zu 
7 Silben, die Trimeter aus 2 Zeilen zu 5 und 7 Silben, die 
Sapphischen und alcaeischen Zeilen aus 5 + 6, die phalae- 
cischen aus 6 + 5 und die asklepiadeischen aus 6 + 6 
Silben. Die wenigen Gedichte, in welchen diese Pausen 
nicht streug beobachtet sind (II, 27. 28 und IV, 3), sind 
auch sonst so roh oder entstellt, dass sie fast allen Regeln 
sich entziehen. Doch hatte man stets das Bewusstsein, dass 
die beiden Stücke zusammengehören und verband daher in 
den älteren Zeiten nur das Ende der Langzeilen durch 
Reim. Ja, man scheint für Langzeilen überhaupt eine Vor- 
liebe gehabt zu haben. Denn während es doch natürlich 
war in einem Gedichte, das aus gleichen Zeilen, z. B. jam- 
bischen Achtsilbern bestand, Zeile an Zeile zu reihen, wie 
dies auch *in der Regel z. B. bei Aldhelm und meinen Ge- 
nossen (VIII, 17 — 25) geschehen ist, sehen wir bei Dicuil 
je 2 solche Achtsilber zu Langzeilen verbunden. Ebenso 
sehen wir die trochäischen Achtsilber durch den Reim selten 
in Stücke von 4 Silben zerlegt (Virgil und III, 2), meistens 
die einzelnen Zeilen, aber bei Augustin Doppelzeileu von 
[1882. I. Philos.-philol. hist. Cl. 1.] 4 



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50 Sitzung der philos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

16 Silben an einander gereiht. In der ersten Hälfte, der 
Basis der Langzeile, ist öfter Schwanken in der Silbenzahl 
oder wenigstens im Rytbmus gestattet, während die 2. Halb- 
zeile fest gebaut ist. Vgl. IX, 2 a. X, 3. XI, 1. XII, 2. 

Gleiche Silbenzahl. 

Die Gleichheit der Silbenzahl ist ein wesentliches Merk- 
mal der rythmischen Gedichte, wenn sie auch nicht aus- 
reicht, um einen Rythmus zu bilden. Schon in dem Anti- 
phonarium Benchorense finden sich Gebete in Zeilen von 
ungefähr ähnlicher Silbenzahl nebst Assonanz, z. B. p. 153 
Tost Evangelium : Canticis spiritalibus delectati, | nos, Christe, 
consonantes canimus tibi, | quibus tua maiestas possit pla- 
cari, | oblata laudis hostia spiritali* : je 12 Silben mit Reim 
auf i; ähnlich besteht die dem Otloh zugeschriebene Prosa 
auf den heiligen Dionys (Du Meril 1843 p. 162) aus Lang- 
zeilen von 12 -f- 9 Silben, deren Halbzeilen einsilbig reimen, 
mit einer Einleitung von 2 Langzeilen zu 9 + 8 Silben. 
Ich kann diese an Silbenzahl gleichen Zeilen ebensowenig 
als die an Silbenzahl gleichen Strophen der Sequenzen älterer 
Art zu den Rythmen zählen, da der rythmische Bau der 
Zeilen fehlt. Andere Dichtungen, wie der gleichstrophische 
und gereimte Pilgergesang XV, 2 stehen auf der Grenze. 

Die gleiche Silbenzahl der entsprechenden Zeilen findet 
sich auch in den wirklichen Rythmen öfter verletzt, indem 
Silben zugesetzt sind. Zarncke (Ber. d. saechs. Ges. 
d. Wiss. 1877 p. 60) hat hierauf hingewiesen, sucht aber 
die Zahl der Fälle durch Mittel zu mindern, deren Anwen- 
dung ich nicht für richtig halten kann. Augustin hat die 
Gleichheit der Silbenzahl gewahrt, indem er keinen Hiatus 
zuliess, sondern die Endsilben auf m und auf einen Vokal 
vor anlautendem Vokal stets elidirte und die Silben ia, ea 
u. s. w. in der Regel zu einer verschmelzen Hess. In der 
folgenden Zeit ist in rythmischen Gedichten Verschmelzung 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über tat. Bythmen. 51 

zweier Vokale zu einem Laute noch gestattet, wie z. B. in 
dem irischen Gedicht (II, 20) sich solche Fünfsilber mit 
trochäischem Schlüsse finden 'regi cum sociis', 'errantem 
propriis', aber sie ist nicht häufig; vgl. I, 31. II, 16. Von 
Elision habe ich nur in einem Gedichte sichere Fälle ge- 
funden I, 33; hier werden durch Annahme der Elision 
sämmtliche überzählige Silben entfernt und es bleibt in dem 
Gedichte kein Hiatus übrig: allein das Gedicht scheint über- 
haupt nicht zu den rythmischen zu gehören. Wenn aber, 
wie in ziemlich vielen Gedichten, einerseits die Zulassung 
des Hiatus sicher ist, z. B. 'honor illi et potestas', anderer- 
seits die Zusetzung von Silben, z. B. 4 qui nos pastorem 
super gregem', warum sollte man dann dem Dichter die 
Inconsequenz zutrauen, dass er bald elidire bald nicht, und 
nicht vielmehr, den andern Fällen folgend, auch in Versen 
wie 4 ad expugnandum expellendum' zugleich Hiatus und 
Zusetzung einer Silbe annehmen? Ein Beweis für die Rich- 
tigkeit dieses Verfahrens liegt darin, dass in all den Ge- 
dichten, wo einerseits Hiatus gestattet ist, andererseits sich 
solche durch Elision entfernbare überschüssige Silben finden, 
daneben stets solche Verse vorkommen, aus denen die über- 
schüssigen Silben weder durch Elision noch durch Vokal- 
verschmelzung entfernt werden können. Indem ich nach 
diesem Grundsatze urtheilte, habe ich ausser in dem oben 
erwähnten Gedichte in keinem andern sichere Fälle von 
Elision gefunden. 

Vom Schlüsse der Zeilen. 

Der trochäische Schluss der Zeile wird durch ein min- 
destens zweisilbiges Wort gebildet, der jambische durch ein 
mindestens dreisilbiges; einsilbige schwere Wörter dürfen 
nicht im Zeilenschluss stehen, doch hie und da die Hilfs- 
wörter der Sprache, also kann z. B. natus est jambischen 
Schluss bilden. Vom Anfang bis zum Ende dieser Periode 

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52 Sitzung der phüos.-phüöl. Ciasse vom 7, Januar 1882. 

findet sich die Unsitte, Zeilen mit anderem Schlüsse einzu- 
mischen; besonders die Iren waren hierin sehr nachlässig; 
vgl. I, 29. 32. II, 20. V, 1. V, 2. VIII, 13. 14. IX, 5. 
Doch auch bei den Angelsachsen VIII, 17 — 25 und in an- 
deren Dichtungen früherer (z. B. II, 22. III, 3) und späterer 
Zeit (I, 37. III, 5 und bes. VIII, 30) sind widersprechende 
Versschlüsse in ziemlicher Zahl eingemischt. 

Vom Tonfall innerhalb der Zeilen. 

Die Gesetze zu erkennen, nach welchen das Innere der 
Zeile gebaut wurde, ist ebenso wichtig als schwierig. Zu 
berücksichtigen ist, wie es bei den späteren quantitirenden 
Dichtern stand. Die lateinisch redenden Menschen der spä- 
teren Kaiserzeit hatten für die Natur- und Positionslängen, 
wenn ich so sagen darf, in ihrer Zungenspitze ebensowenig 
Gefühl als wir, und, wenn sie quantitirende Gedichte machen 
wollten, mussten sie die Regeln über das, was lang und 
kurz sei, mühsam dem Gedächtnisse einprägen. Auf jenem 
angeborenen Gefühle hatte aber die Ersetzung einer Länge 
durch 2 Kürzen gänzlich und die Elision von Vokal vor 
Vokal zum Theil beruht. Es ist nur natürlich, dass diese 
beiden wesentlichen Eigenthümlichkeiten der quantitirenden 
Poesie abstarben, und dass die späteren quantitirenden Dichter 
Auflösung einer Länge in zwei Kürzen fast gar nicht, Elision 
in bescheidenem Maasse anwendeten. So kamen sie in den 
trochäischen und jambischen Reihen bei der gleichen Silben- 
zahl der entsprechenden Zeilen an. Aehnlich ging es in 
der griechischen Literatur. Ich habe (Abhandl. XV, II, 421) 
darauf hingewiesen, wie in einigen Sammlungen von Me- 
nandersprüchen (jambischen Trimetern) alle diejenigen weg- 
gelassen sind, in denen sich die gehasste Auflösung fand, 
deren Silbenzahl* also 12 überstieg. Auf diesem Wege, in- 
dem auch noch regelmässige Caesuren ängstlich eingehalten 
wurden, sind mehrere Gedichte entstanden, bei denen man 



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Wilh. Meyer: Ludm de Antichristo und über lat. Byihmen. 53 

schwankt, ob sie quantitirend oder rythmisch gebaut sind 
(vgl. I, 33). Was den Bau der entschieden rythmischen 
Gedichte betrifft, so ist das, was der Grammatiker Virgilius 
Maro hierüber sagt, an und für sich wenig, und davon wieder 
ein gut Theil unverlässig. So sind wir auf die Gedichte 
selbst angewiesen. Die reinen Gedichte zeigen, dass die 
Betonung des Lateinischen zu allen Zeiten im Wesent- 
lichen die gleiche war, kleine Dinge abgerechnet, wie 
nmlieris (immer), süadet^ langüit, oder que als einzelnes 
Wort betont (selten). Die griechischen und hebräischen 
Wörter, sowie fremde Eigennamen entziehen sich allen 
Regeln; besonders werden die hebräischen Wörter gerne 
auf der Endsilbe betont, so dass solche zweisilbige Wörter 
sogar jambischen Zeilenschluss bilden können. Consequenz 
darf man hier niemals erwarten. So ist z. B. in den ziem- 
lich rein gebauten Trimetern (II, 9) in den Pünfsilbern 
4, 4 Bethleem in urbe, 9, 2 Bethleem ad urbem dies Wort 
zweisilbig, in 11, 3 natus est Bethleem und 35, 2 a magis 
Bethleem zweisilbig und auf Beth betont, in dem Fünfsilber 
24, 2 et tu Bethleem dreisilbig und auf le betont, in dem 
Siebensilber 15, 2 Bethleem celeriter dreisilbig. 

Für den rythmischen Bau galt als Hauptgesetz, dass 
betonte Silben nicht zusammenstossen dürfen, sondern durch 
unbetonte getrennt sein müssen. Sehen wir die angewen- 
deten Zeilenarten an, so scheint es fast als ob die, welche 
bei der Entstehung der geregelten rythmischen Dichtung 
thätig waren, % die Parole ausgegeben hätten, die betonten 
Silben dürften nur durch eine unbetonte getrennt werden, 
daktylischer oder anapästischer Rythmus sei also nicht zu- 
lässig. Zwar bei Virgilius Maro finden wir in seinen so- 
genannten Versus liniati noch ziemlich viele Daktylen, allein 
diese Zeilenart scheint seine Erfindung zu sein und geblieben 
zu sein. Denn obwohl der daktylische Rythmus der latei- 
nischen Sprache nicht ferne liegt, finden wir dennoch in 



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54 Sitzung der philos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

den erhaltenen rythmischen Gedichten nicht nur keines, in 
welchem sich mehrere Daktylen an einander reihen, sondern 
selbst diejenigen, in denen zwei unbetonte Silben an einer 
bestimmten Stelle vorkommen, sind sehr wenige: XI, 1. 
XIII, l. 2. 3. 4. XV, 4. Durchaus zerbröckeln die Dak- 
tylen zu Jamben, statt — v->^ — ^ kann ebenso gut ^— ^ 
— ^ stehen, statt — ^^— v->— : ^— w— ^— . 

Der herrschende Rythmus ist stets trochäisch oder jam- 
bisch, und die Zeilen dieser Periode sind eigentlich nichts 
Anderes als längere oder kürzere Reihen von regelmässig ab- 
wechselnden betonten und unbetonten Silben. Wenn wir die 
zu kurzen Zeilen zu — ^ — ^, zu ^ — ^ — und — ^— ^— 
ausschliessen, so bleiben also folgende trochäische Reihen: 
— v^ — ^ — v^ (6 — v^)^ — w — v-> — v^ — (7 ^ — ), — ^ — ^ — w— ^ 
(8—^) und folgende jambische: w— w— ^ (5 — ^), v^— 

V^ V-> (6 O ), ^ ^ W V^ (7 (j) ? v-/ W W V-> 

(8 u — ). Diese Kurzzeilen sind es, die entweder selbständig 
oder in verschiedener Weise in Langzeilen zusammen gestellt, 
die Formen der Gedichte bilden. 

Hier zeigt sich nun die merkwürdige Erscheinung, dass 
in den trochäischen Reihen in der Regel der Tonfall des 
Schemas festgehalten, in den jambischen Reihen aber öfter 
vernachlässigt als beobachtet wird. Diese jambischen Reihen 
zu 5 — ^, 6 ^— , 7 — ^ und 8 ^ — beginnen häufiger mit 
einer langen Silbe als mit einer kurzen. Man könnte hie- 
für wohl einen theoretischen Grund finden. Alle zwei- 
silbigen Wörter der lateinischen Sprache gelten als Tro- 
chäen und von den drei- und mehrsilbigen hat naturgemäss 
mindestens die Hälfte ebenfalls trochäischen Tonfall — -^ — 
(omnium — die letzte Silbe aller Proparoxytona hat Neben- 
ton und kann in der rythmischen Poesie als betonte gezählt 
werden — ), — ^— u (imperator) u. s. w. ; demnach könnte 
man sagen, der trochäische Rythmus sei der lateinischen 



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Wilh. Meyer: Lucius de Antichristo und über lat. Bythmen. 55 

Sprache angemessener als der jambische. 1 ) Allein vielleicht 
hat hier die Praxis und nicht die Theorie eingewirkt. Für 
Sechs- und Achtsilber mit trochäischem und für Siebensilber 
mit jambischem Schlüsse konnte man bei den gangbaren 
metrischen Dichtern, dem Horaz, Prudentius, Boetius und 
Andern, nicht leicht andere gebräuchliche Schemata finden 
als eben jene trochäischen; anders stand es bei den jambi- 
schen: während Zeilen zu v — v — u sich einzeln fast nicht 
fanden, waren die Adonier zu — ^^ — ^ in der späteren 
Zeit ein sehr beliebtes Versmass; die Zeilen zu ^ — ^— ^— 
waren selten, die — ^ u _ v — i n den asklepiadeischen sehr 
gewöhnlich; für die Siebensilber mit trochäischem Schlüsse 
standen drei Vorbilder zu Gebote, das oft gebrauchte jam- 
bische ^ — ^ — ^ — u , das sehr oft gebrauchte pherekrateische 

— ^— ^^ — ^, und das minder häufige (z. B. Horaz Od. I, 8) 
logaödische — ^ ^ — u_w. Endlich als Vorbild für die Acht- 
silber mit jambischem Schlüsse konnte man wohl noch häu- 
figer als den jambischen Dirneter bei den metrischen Dich- 
tern die Glykoneen zu ganzen Gedichten verwendet finden. 
Vielleicht gewannen die Dichter hieraus das beruhigende 
Bewusstsein, ob sie den Siebensilber nun v — ^ — u-— ^ oder 

— ^ — ow — u oder — ^ ^ — v/ — u und den Achtsilber w — 
^ — ^ — ^— oder — ~ — vu — u— betonten, jedenfalls werde 
ein anerkanntes, antikes Versmass getroffen, und gewöhnten 
sich daher an die ständige Mischung. Wie dem auch sei, 
die Thatsache steht fest, dass vom Anfang bis zum Schluss 
dieser Periode in den jambischen Reihen zu 5 — ^ , 6 ^ — , 
7 —v und 8 °— die Betonung des Schemas in allen Ge- 
dichten sehr oft verlassen ist. In diesen Gedichten sind 
in Wahrheit nur die Silben , gezählt, d. h. unter Beobach- 



1) Sollten die Worte des Grammatikers Virgilius Maro Epit. 3, 2 
'inter omnes pedes dactylns et spondaeus principatum habent* einen ver- 
wandten Sinn haben? 



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56 Sitzung der phÜos.-philol. Clasae vom 7. Januar 1882. 

tung des gesetzmässigen Schlusses je 5 , 6 , 7 , 8 Silben in 
die Zeile gestellt, wie auch Aedilwold in einem Briefe an 
Aldhelm vor dem Jahre 706 (Jaffe Bibl. R. germ. 3 p. 37) 
seine gereimten Achtsilber (8 *—) charakterisirt 'carraen 
non pedum mensura elucubratuin, sed, octonis syllabis in 
nno quolibet vorsu conpositis, una eademque littera con- 
paribus linearum tramitibus aptata, caraxatum. 1 ) Ich be- 
schränke daher die Untersuchung über den inneren Bau der 
Zeilen auf die trochäischen Reihen. 

Schwebende Betonung oder Taktwechsel. 
Auch in den trochäischen Zeilen widerstreitet der Wort- 
accent oft genug dem Versaccent. Unsere Gelehrten nahmen 
in solchen Fällen die sogenannte 'schwebende Betonung' an 
(vgl. besonders Huemer's Untersuchungen S. 24 — 32), ver- 
mittelst deren sie nicht nur lesen können sine fine, sondern 
auch cäntemüs und civitas u. s. w., kurz vermittelst deren 
man allerdings Alles lesen kann, wie man will. Man ist 
dadurch soweit gekommen solche Betonung wie (IX, 1) 
Navis numqu^m turbäta quamvis fluctibus tönsa 
Nuptis quaque parata regi domino sponsa 
für möglich zu halten, und hiernach hat wohl auch D'Arbois 
de Jubainville (Romania 8, 147) seine Regeln über die ver- 
schiedene Betonung der lateinischen Wörter bei den Iren 
der verschiedenen Perioden sich zurecht gemacht. Aber im 
entschiedenen Gegensatz zu der auf Natur- und Positions- 
längen gegründeten quantitirenden Dichtung beruht ja das 
Wesen aller rythmischen Dichtung in der Beobachtung der 
gewöhnlichen Betonung und Aussprache, welche in der Prosa 2 ) 



1) Dass die sämmtlichen jambischen Zeilen in dem Hymnus auf 
den heiligen Gallus XIV, 3 (37 zu 7 — ^ und 30 zu 8 ^— ) reinen 
jambischen Tonfall haben, ist offenbar Absicht, deren Zweck ich noch 
nicht erkannt habe. 

2) Der Dichter der Trimeter über die Synode von 698 (II, 22) 
ueunt seine Verse Prosa; 'tua qui iussa nequivi, ut condecet, | pangere 



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Wüh. Meyer: Ladas de Antichristo und über tat. Rythmen, 57 

angewendet wird. Darin vor Allem beruht für uns moderne 
Menschen die Schönheit und die Wichtigkeit der rythmi- 
schen Poesie, welche durch die Annahme einer solchen Un- 
natürlichkeit, wie die schwebende Betonung sie ist, zerstört 
wird. Dies Princip, dass die Wörter wie in der gewöhn- 
lichen Rede betont und ausgesprochen werden, wodurch 
allein die rythmischen Verse sich den Gefühlen des Menschen 
zum richtigen Ausdruck so leicht auschmiegen, ist niemals 
aufgegeben worden, und auch wir müssen die einzelnen 
Wörter der rythmischen Verse ohne Rücksicht und Bewusst- 
sein des Versschemas aussprechen. So zerlegt schon der 
Grammatiker Virgilius Maro von den Achtsilbern 

Festa dium sollemnia Pupla per canam compita 
Quorum fistulae modela Poli persultant sidera 

den ersten so: primus versus est trium metrorum, quorum 
primuin per spondaeum et duo sequentia per dactylos pon- 
derantur, ut: festa I, deum sol II, lemnia III (so schrieb 
ich, festa deum I, sol II, lemnia III hat die neapolitaner 
Handschrift). *) 

Allein eine andere Freiheit, welche jene Theorie der 
'schwebenden Betonung' hervorgerufen hat, haben die Dichter 
der lateinischen Rythmen aller Zeiten mit Ausnahme einiger 
des XIII. und XIV. Jahrhunderts sich gestattet, und nach 
ihnen die romanischen und englischen Dichter des Mittel- 
alters und der Neuzeit. Indem nemlich die gleiche Silben- 



ore styloque contexere | recte, ut valent edissere m e d r i c i , ) scripsi per 
prosa, ut oratiunculam 1 , und die trochäischen Fünfzehnsilber aus dem 
8. oder 9. Jahrhundert de bonis sacerdotibus (I, 4) heissen 'prosa con- 
positi 1 . 

1) Die vielen Rythmen übergeschriebenen Neumen geben über 
solche Fragen keine Auskunft. Denn einmal gesteht z. B. selbst Fetis, 
es sei ihm nicht gelungen die reichen Neumen des Audi tellus (XIV, 1), 
mit dem Tonfall der Worte in Uebereinstimmung zu bringen, anderer- 
seits gilt der Satz: Singen kann man Alles. 



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58 Sitzung der phüos.-philol. Glosse com 7. Januar 1682. 

zahl und der gleiche Schluss aller Zeilen festgehalten wurde, 
gestatteten sich auch sehr formfeste Dichter unter die grosse 
Ueberzahl der genau nach dem Versschema betonten Zeilen 
einzelne zu mischen, in welchen eine betonte Silbe in eine 
andere Stelle gerückt wurde, als sie nach dem Versschema 
einnehmen sollte. Es finden sich also neben den Zeilen mit 
dem regelmässigen Tonfall: comparäbo cänibüs solche mit 
der Betonung : non pätet mortalibus. Da hiebei der Grund- 
satz festgehalten wurde, dass nicht 2 betonte Silben zu- 
sammenstossen dürfen, so entsteht in solchen Zeilen durch 
den Zusammenstoss von 2 unbetonten Silben daktylischer 
Tonfall ; die Zahl unbetonter Silben wird um eine vermehrt, 
die der betonten um eine vermindert; demnach ist in den 
entsprechenden Zeilen nur die gleiche Silbenzahl überhaupt, 
nicht die gleiche Zahl betonter uud unbetonter Silben ge- 
setzmässig. 

Die Möglichkeiten dieser Verschiebung der betonten 
Silbe, die ich Taktwechsel nenne, sind nicht so gar viele. 
In trochäisch schliessenden Zeilen muss ja der Länge des 
letzten Trochaeus eine Kürze vorangehen, sind also die letz- 
ten drei Silben gebunden, in jambisch schliessenden Zeilen 
muss die drittletzte Silbe lang sein uud dieser wiederum 
eine Kürze vorangehen, sind also die letzten vier Silben 
gebunden. Es kann also in den kleinen Reihen _v_u, 
^ — ^ — , — w — v ~ t überhaupt kein Taktwechsel eintreten, l ) 
in den Reihen _ v _ , u __ ^ (6 — v ) und — ^ — , ^ — ^ — 

(7 «^ — ) je 1: yj — vv — v und ^ — wv>_ w — , in w v/ 

— u — \j yS — *-*) drei i — v/ u — uv> — ^ ^ , ^ — uw — o — w, 
w — v> — w w _ w z. B. et lönge abivi 6 -— ^ , quas didici syl- 
labas ?u~, Bäiolat iram in corde, contendere non potestis, 



1) Es können nur — «-» — ^ und v> __ u _ m it einander vertauscht 
werden, wie oft genug geschieht, wenn eine dieser Reihen die erste 
Hälfte, die Basis einer Langzeile ist. 



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Wilh. Meyer: Lucius de Antichristo und über lat. Bythmen. 59 

qua terrae tribus lugebunt 8 ^ — . In den jambischen Reihen 
sind folgende Taktwechsel möglich: in w— , w_u, (5 — ^) 
und w_, u _ v — (6 u— )je 1: ~ ^ ^ — ^ und — ^ w __ ^ — , 
in ^ — ^ — , w_w (7 — u) und ^ __ u — , w — w — (8 ^ — ) 

je 2: — v>w — o w und — ^ — v>vy — v> , — uu — v^ — w — und 

_^__wu — u_ .; z. B. gäudium mägnum 5 — ^, örbis et 
dömina 6 ^ — , venditum ä Judäeis und fllic conflnit aqua 
7 — v , incolas esse növimus und pälam ömnium öculis 8 ^ — . 
Das sind die in diesen Zeilen überhaupt möglichen Takt- 
verschiebungen. Dieselben sind, wie oben bemerkt, in den 
jambischen Zeilen durchaus so zahlreich zugelassen, dass 
man keine Gesetze mehr verfolgen kann: dagegen die Zu- 
lassung der Taktwechsel in den trochäischen Reihen gleicht 
etwa der Zulassung des Hiatus in der rythmischen Dich- 
tung. Es gibt nur sehr wenige Gedichte, in denen sich 
kein Beispiel findet, wie z. B. in dem alten I, l und den 
späteren XV, 3. Aber in dem Maasse seiner Zulassung zeigt 
sich, was Boetius von dem Rythmus überhaupt sagt: docti 
faciunt docte, rustici rustice. In sehr vielen und gerade in 
den technisch besseren ist eine bescheidene Anzahl von Takt- 
wechseln zugelassen, was sich besonders darin zeigt, dass 
in den trochäischen Tetrametern (15 ^ — ) in den Sieben- 
silbern der 2. Hälfte sich mehr finden als in den Acht- 
silbern der ersten, obwohl hier die Möglichkeit doppelt so 
oft sich bietet als dort. So finden sich z. B. in 36 Zeilen 
des Paulus Diaconus (I, 3) 4 Taktwechsel in den Achtsilbern, 
7 in den Siebensilbern, in andern 69 Zeilen (1, 5) kein Takt- 
wechsel in den Achtsilbern, 11 in den Siebensilbern; und 
am Ende der Periode hat Peter Damiani (I, 27) in etwa 
222 Zeilen in den Achtsilbern nur 4 Mal, in den Sieben- 
silbern 15 Mal sich Takt Wechsel gestattet. Andere dagegen 
haben sich denselben mehr und mehr gestattet bis herab 
zu den Dichtern, die gleich Augustin sich begnügten, unter 
Beobachtung des richtigen Schlusses in jede Zeile die rich- 



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60 Sitzung der philos. -philo!. Clas.se com 7. Januar 1882. 

tige Zahl Silbeu zu setzen, aber um den Tonfall derselben 
sich nichts kümmerten. So finden wir in 92 trochäischen 
Fünfzehnsilbern eines Iren (I, 29) 48 Achtsilber und 30 
Siebensilber und bei Wipo (III, 5) in 54 trochäischen Acht- 
silbern 24 mit Taktwechsel. In solchen Gedichten ist von 
Rythmus ebenso wenig die Rede als in den jambischen. 

Silbenzusatz. 

Mitten unter regelmässigen trochäischen Achtsilbern 
finden wir Zeilen wie 4 lapidibüs auröque tecta' 'sed post- 
quam venit ergo säcer' und unter regelrechten trochäischen 
Siebensilbern solche 'et süscitävit populos', andererseits Acht- 
silber wie 'fidem reforma desperätis' Käufer a nöbis peccäti 
mölem', 'ädiuvä nos mündi salvator* und Siebensilber, wie 
'protomärtyrem Stephanüm'. In diesen Fällen ist eine un- 
gehörige Silbe zugesetzt, entweder durch eine unbetonte 
Silbe, die der Zeile vorgesetzt wird, einen Vorschlag, oder 
dadurch, dass im Innern der Zeile statt eines Trochaeus 
ein Daktylus eintritt. Diese unregelmässige Silbenmehrung 
gestatteten sich einige Dichter des 8. und 9. Jahrhunderts 
besonders in den trochäischen Achtsilbern, seltener in den 
trochäischen Siebensilbern ; vgl. bes. I, 38 ff. II, 25 ff. III, 6. 
Mit dieser Silbenmehrung hat die Freiheit nichts zu thun, 
welche ein alter irischer Dichter sich genommen hat (IV, 3). 
Im Anfang und im Schlüsse des Gedichtes beobachtet er 
sein Versschema (4 — ^ + 7 ^— ), allein da, wo er alle 
möglichen Körpertheile aufzählen soll, geht ihm die Sache 
der Form vor und er setzt mitunter Silben zuviel in die 
Zeile. 

Schwankende Zeilen. 

In mehreren Gedichten treffen wir bald wechselnden 
Rythmus der ersten Halbzeile (vgl. X, 3), bald Silben zu 
viel, bald zu wenig; vgl. II, 28. III, 8. IV, 3. VIII, 29. 
IX, 5. XI, 1. XII, 2-, aber die Ueberlieferung dieser Ge- 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 61 

dichte ist meistens ebenso schlecht als ihre Sprache, so dass 
man nie sicher entscheiden kann, ob diese Eigentümlich- 
keiten Fehler des Abschreibers, ob sie Ungeschicklichkeiten 
oder beabsichtigte Freiheiten des Dichters sind. Allein in 
mehreren Gedichten des 9. bis 11. Jahrhunderts ist es sicher, 
dass die Dichter auf die Gleichheit der Zeilen verzichteten 
und nur mehr oder minder auf deren Aehnlichkeit achteten. 
So gehen in dem Gedicht auf Placidas XIII, 3 dem Schlüsse 
_u v_ w 122 Mal drei Silben, 76 Mal nur 2 Silben voran. 
In XIV, 1 besteht nur die 3. Zeile stets aus 6 + 7 — ^ 
Silben ; die beiden ersten Zeilen sind sehr unregelmässig ; 
die 4. Zeile besteht aus 5 — ^ -f- 5 — ^ oder 5—^+6 
Silben; die 5. aus 5—^,6 oder 7 Silben + 5 — ^, 6 oder 
7 Silben ; die 6. aus 5—^,6 oder 7 Silben + 5 — ^ ; die 
7. Zeile besteht entweder aus 5 — ^ -f- 5 — ^ oder bildet 
eine Langzeile von 7, 8 oder 9 Silben. In dem 6. Gedichte 
der Cambridger Sammlung (XIV, 2) vom Jahre 1028 findet 
sich etwa 5 Mal 4 — " im 1. Halbvers; im übrigen finden 
sich 12 jambisch schliessende Halbverse (zu 5 ^ — ,6 ^ — 
und 7 v> _), die andern Halbverse sind gebildet 44 Mal aus 
5 __v und 16 Mal aas 6 — ^. Regelmässiger ist der Hymnus 
auf den heiligen Gallus gebaut (XIV, 3). In 68 Zeilen be- 
steht die erste Halbzeile 41 Mal aus 6 — ^, 24 Mal aus 
7 v — und 3 Mal aus 7 — ^ , die zweite Halbzeile hat stets 
reinen jambischen Tonfall und besteht 37 Mal aus 7 — ^ 
und 30 Mal aus 8 «-• — . In den letzten Zeilen der 17 
Strophen beginnt sowohl die erste wie die zweite Halbzeile 
trochäisch und besteht aus 6, 7 oder 8 Silben. In jenen 
68 Zeilen , den 4 ersten jeder Strophe , besteht also die 
Freiheit, dass am Ende jeder Halbzeile eine Silbe zugesetzt 
werden kann. 

Der Hymnus auf den h. Gallus ist aus dem Deutschen 
in's Lateinische übersetzt; man könnte so auf den Gedanken 
kommen, diese Freiheit der schwankenden Zeilen sei natio- 



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62 Sitzung der philos-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

naler z. B. deutscher Dichtweise nachgebildet. Allein ge- 
rade in diesem Gedichte ist so reiner Tonfall beobachtet, 
wie sonst selbst in keinem lateinischen Gedichte dieser 
früheren Zeit. 

Von dem Hiatns. 

Es ist fast unglaublich, aber wahr, dass man bis jetzt 
noch gar nicht darauf geachtet hat, wie die Dichter der 
lateinischen Rythmen sich zum Hiatus verhielten. Nur Du 
Meril (1847, p. 426) spricht bei Abaelard nebenbei von fc le 
soin constant avec lequel Taute ur a evite le concours des 
voyelles 1 und Zarucke (Ber. d. sächs. Ges. d. Wiss. 1877 
p. 61) bespricht das Verhältniss des Hiatus und der Elision 
in einigen trochäischen Fünfzehnsilbern des 9. — 11. Jahr- 
hunderts und kommt zu dem Schlüsse, dass (im 11. Jahr- 
hundert) l die Abneigung gegen den Hiatus allmälich ganz 
erlosch, absolut bei auslautendem m, während von den mehr 
gelehrten Verfassern das Zusammenstossen zweier Vokale 
nur gemieden ward.' Aber ich bin auf diese Untersuchung 
gerade geführt worden durch die Bemerkung, dass in den 
Gedichten des Archipoeta sich kein Hiatus findet. Ich habe 
diese Untersuchung nur auf das Zusammenstossen von Vo- 
calen im Aus- und Aulaut erstreckt, nicht auf das Zusammen- 
stossen von auslautendem m und anlautendem Vokale. Man 
wird allerdings noch einige Dichter auffinden köunen, die 
auch das Zusammenstossen von Endsilben auf m mit voka- 
lischem Anlaute gemieden haben (wie vielleicht der Dichter 
von I, 33), allein es werden wenige und von den ältesten 
seiu. Ich verstehe also hier unter Hiatus nur das Zusammen- 
stossen eines auslautenden Vokales mit einem anlautenden ; 
diesen zu vermeiden, konnte auch den rythmischen Dichtern" 
leicht als Forderung des Wohlklanges sich ergeben. 

Die Untersuchung vieler Gedichte hat mich gelehrt, 
dass die lateinischen rythmischen Dichter aller Zeiten sich 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lab, Bythmen. 63 

bewusst waren, der Hiatus sei unschön, und dass sie, je 
nachdem ihnen* mehr oder weniger an der Form ihrer Ge- 
dichte gelegen war, denselben mehr oder weniger vermieden 
haben. Denn zählt man die Hiaten einiger Zeilen altrömischer 
Prosa oder die Elisionen der hierin ziemlich unerquicklichen 
Sermonen des Horaz einerseits und die Hiaten in rythmi- 
schen Gedichten andererseits nach, so wird man in den 
Rythraen immer weniger Hiaten finden, als man finden 
müsste, wenn die Dichter ihre Zulassung nicht absichtlich 
beschränkt hätten. Zwischen den Halbzeilen, aus denen 
die Langzeilen der Trimeter, der trochäischen Fiiofzehnsilber 
u. s. w. bestehen, haben sich manche Dichter Hiatus er- 
laubt, wenn sie ihn auch sonst mieden. Ich bezeichne diesen 
Hiatus mit (h). In den 46 Zeilen (15 <->— ) des uralten 
Hymnus 'Apparebit repentina 1 (I, 1), finden sich 3 h und 
3 (h); in den 36 Zeilen (15 u _) des Petrus an Paulus 
Diaconus von ungefähr 763 (I, 7) findet sich kein h, in den 
36 Zeilen der Antwort des Paulus (1, 3) dagegen 5 h und 
l (h). In den 70 Triraetern des Paulinus Aquil. de Herico 
(II, 2) und den ihm zugeschriebenen 75 Trinietern de resur- 
rectione (11,4) findet sich kein h; ebenso keiner in den 
S. Gallener Gedichten von je 30 Zeilen (15 ^— ) aus den 
Jahren 829 und 838 (I, 10. 11) und in den 24 Trinietern 
auf Hug vom Jahre 850 (II, 12). In den 24 Zeilen (zu 
7 w- + 7 w-) des Hibernicus Exul (V, 1) findet sich 
kein h ; in den je 50 Zeilen der hymni eccles. von Dämmler 
No. IX (15 v_) und XIV (Trim.) je 1 h. In No. XI (50 
Zeilen zu 8 ^— ) und No. XX (12 Zeilen) der Cambridger 
Lieder ist kein h. In den Gedichten des Eichstädter Bischofs 
Heribert (1021 — 1042) sind wenig h (II, 18. X, 3), ebenso 
in denen des Petrus Damiani (II, 19. XIII, 5. XV, 5). Die 
16 jambischen Achtsilber vom Jahre 1080 (VIII, 8) haben 
kein h, und, während das Psalterium Mariae sonst der Technik 
der Gedichte des Anselm widerspricht, theilt es mit ihnen 



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64 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

den Zug, dass es wenige h hat (VIII, 11 und 30). Wir 
sehen an diesen Beispielen, dass von 600 — ilOO nach Chr. 
das Bewusstsein vorhanden war, der Hiatus sei eine zu 
meidende Unregelmässigkeit. 

Von dem Reim. 

Alliteration und Assonanz finden sich als rhetorisches 
Kunstmittel in allen Sprachen bisweilen angewendet; allein 
erst die regelmässige Wiederholung macht dieselben zu ge- 
setzmässigen Bestandteilen der poetischen Technik. Allite- 
ration findet sich in sehr alter Zeit zuerst bei Virgilius 
Maro, dann bei den Iren und besonders bei den Angel- 
sachsen in regelmässiger Wiederholung: ob einheimischer 
Dichtweise nachgeahmt oder Vorbild derselben, wird sich erst 
entscheiden lassen, wenn das Alter der nicht lateinischen 
alliterirenden Schriftstücke sicher gestellt ist. Bald aber 
verschwand die nur in wenigen Gedichten angewendete Al- 
literation aus der lateinischen ßythmik, wesshalb ich nicht 
weiter auf sie eingehe. 

Der Gleichklang der Vokale kann im Innern oder am 
Ende der Zeilen stattfinden. Gesetzmässige Anwendung des 
Reims im Innern der Zeile hat Moue in dem altirischen 
Hymnus auf die Maria erkaunt (No. 572; unten I, 31), wo 
in jeder 2. Zeile sich derartiger Reim findet 

2 conclamantes deo dignum hymnum sanctae Mariae 
4 ut vox pulset oinnem aurem per laudem vicariam 
6 opportwwam dedit curam aegrotauti homini. 

Dies ist das einzige mir bekannte Beispiel der Art. Der 
Reim am Schlüsse der Zeilen tritt während dieser Periode 
in mannichfachen Formen auf. Entweder sind nur die Vo- 
kale der letzten oder der beiden letzten oder der drei letzten 
Silben gleich, ein-, zwei-, dreisilbige Assonanz, oder es sind 
auch noch die Consonanten, welche diesen Vokalen folgen, 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 65 

gleich, ein-, zwei-, dreisilbiger Reim. Reim oder Assonanz 
der letzten drei Silben ist so selten gesetzmässig, dass man 
nicht eigentlich davon sprechen kann. Axich der reine zwei- 
silbige Reim, der im XII. Jahrhundert der allein herrschende 
wnrde, findet sich in dieser Periode in keinem Gedichte aus- 
schliesslich angewendet, sondern nur mit zweisilbiger Asso- 
nanz gemischt. Zweisilbiger Reim oder zweisilbige Assonanz 
ergreift bei jambischem Schlüsse die beiden letzten Silben, 
obwohl hiedurch dem trochäischeu Schlüsse gegenüber ein 
ganz anderes Prinzip entsteht. Denn in Reimen wie tonsa : 
sponsa wird die schwerbetonte Hauptsilbe der Wörter er- 
griffen , in Reimen wie trucibus : flatibus nur die End- 
silben. *) 

In den Institutiones des Commodian schliessen II, 8 die 
13 Hexameter mit e, II, 39 die 26 Hexameter mit o. Die 
sämnitlichen 250 Langzeilen von Augustins Rythmus schlies- 
sen mit e. Diese Thatsache genügt zum Beweise, dass der 
Reim nicht von den Arabern entlehnt ist, bei denen man 
denselben erst im Ende des 5. Jahrhunderts — allerdings 
meist dreisilbig und rein — nachweisen kaun, auch nicht, 
wie Zeuss meinte (Gramm. Celtica p. 948. 2 Aufl.), aus der 
Dichtweise der Celten entlehnt ist. Allein das ist wahr, 
dass er in celtischen Ländern besonders ausgebildet wurde. 
Denn an weitaus den meisten Gedichten der früheren Jahr- 
hunderte und darunter gerade an denen, welche in Hinsicht 
auf Sprache und inneren Bau der Zeilen zu den besseren 
gehören, begegnen wir theils dem Reime gar nicht, theils, 
und das besonders in der späteren Zeit, nur einsilbiger As- 



1) Für die Geschichte des Reimes in dieser älteren Zeit hat Mura- 
tori in seiner Abhandlung über die alten Rythmen (Ant. Ital. III, 664 
=: Migne Cursus 151 p. 755) das wichtigste Material gesammelt; vgl. 
Huemer's Untersuchungen p. 44—51 (52—55 über Alliteration), über 
die Reime der deutschen Gedichte des 9. u. 10. Jahrhunderts Zarncke 
in Verh. d. sächs. Ges. d. Wiss. 1874 S. 34. 

[1882. 1. Philos.-philol. hist. Cl. 1 .] 5 



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66 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

sonanz, die noch dazu von 3 oder 4 Zeilen meist wieder 
1 oder auch 2 Zeilen freilässt. Dagegen treffen wir feste 
zweisilbige Reime zuerst bei dem Grammatiker Virgilius 
Maro, der sich einen Gallier nennt. Weiterhin haben sich 
die Iren mit besonderem Eifer auf die Pflege des Reims 
geworfen und ihnen scheint es derselbe zu verdanken, dass 
er zu einem so wichtigen Stücke der poetischen Technik 
geworden ist. Ja, bei ihnen finden sich auch die ältesten 
Beispiele der Reimprosa. In dem oben (S. 50) angeführten 
Gebete des Antiphonariums Benchor, und in vielen umlie- 
genden Stücken (daselbst S. 152 — 154 und sonst) findet 
sich einsilbige Assonanz am Ende der Absätze. So ist es 
nicht zu verwundern, wenn diese Reimprosa sich verbreitete. 
In den von Schuchardt (Vocalismus S. 32 und 64) und Bou- 
cherie (Cinq Formules du 7. siecle. Paris 1867) besprochenen 
Formeln findet sich oft zweisilbige, oft auch nur einsilbige 
(in der letzten oder vorletzten Silbe) Assonanz in je 2 und 
selten in 3 und mehr Zeilen. Diese Reimprosa hielt sich 
die folgenden Jahrhunderte hindurch (z. B. in Roswith's 
Dramen), bis sie dann am Ende des XI. Jahrhunderts all- 
gemeiner und im XII. Jahrhundert sehr gewöhnlich wurde ; 
vgl. z. B. die dem Honorius Augustodun. zugeschriebenen 
Schriften und die um 1118 verfasste Polenchronik des so- 
genannten Martinus Gallus, dessen übertriebene Reimprosa 
besonders in der Ausgabe von Bandtkie 1824 hervortritt. 
Von den altirischen Gedichten sind besonders die l Ver- 
siculi familiae Benchuir' (IX, 1) merkwürdig. Denn hier 
tritt der Reim bereits in den drei Formationen hervor, die 
in dieser Periode überhaupt zu beachten sind. Es sind 40 
Pherekrateen der Art 

Area Cherubin teeta Omni parte aurata 
Sacrosanctis referta Viris quatuor portata. 
Virgo valde feeunda Haec et mater intaeta 
Laeta ac tremebunda Verbo dei subaeta. 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 67 

Diese 40 Verse haben 1) stets zweisilbige Assonanz 
oder zweisilbigen reinen Reim, 2) enden sie sämmtlich, nach 
Art der Tiraden, mit demselben Vocal, nemlich mit a; 
3) sind die Reime gekreuzt. Von diesen gekreuzten 
Reimen kenne ich in dieser Periode kein Beispiel mehr; 
nur in dem rohen Psalterium Mariae, das dem Anselm zu- 
geschrieben wird, jedenfalls nach meiner Ansicht noch aus 
dem XI. Jahrhundert stammt, finden sich manche Strophen 
mit gekreuzten Reimen; z. B. 

Ave cuius in tilio salutem pater posuit, 

In quo sicut in unico fidem nostrara constituit. 

Aber die Geschichte des zweisilbigen und die des Tiraden- 
reims bedarf näherer Darlegung. Die Vorliebe der Iren für 
den Reim beweisen zunächst die zahlreichen zweisilbigen 
Assonanzen und Reime in den Gedichten des Antiphonariums 
Benchorense (VIII, 13. 15), dann in den sehr % alten irischen 
Gedichten (III, 2. I, 31. 32. IV, 3) und in den kurz nach 
700 entstandenen Rythmeu ihrer angelsächsischen Nachbarn 
und Schüler (VIII, 17—25). Einen merkwürdigen Reim- 
reichthum zeigen die Gedichte der Iren, die bei den Caro- 
lingern wirkten, des Hibernicus Exul (V, 1) und des Dicuil 
(IX, 2. VIII, 1). So war der zweisilbige Reim auf dem 
Festlande bekannt geworden, und, wenn wir ihn auch in 
den nächsten Jahrhunderten nicht durch viele Beispiele be- 
legen können, so wundern wir uns wenigstens nicht, wenn 
wir z. B. in den Sprichwörtern des Wipo und in - seinem 
Klagegesang auf Konrad (III, 5) fast nur zweisilbige Reime 
finden. Im Verlauf des XI. Jahrhunderts wurde der Reim 
für die Dichter immer mehr unvermeidliches Gesetz, so dass 
auch Otloh (de doctrina spiritali, Pez Thes. III, 2, 432) 
einigermassen sich fügte 'interdum subjungo consona verba, 
quae nunc multorum nimius desiderat usus.' Hauptsächlich 
herrschte die zweisilbige Assonanz, wie z. B. in einem Ge- 

5* 



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68 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

dichte von 1080 (VIII, 8) neben 30 zweisilbigen Assonanzen 
(darunter nur 4 reine zweisilbige Reime) nur 2 einsilbige 
vorkommen. 

Der Tiradenreim, den wir schon bei Commodian und 
Augustin als erste Stufe sahen, hat sich die ganze Periode 
hindurch erhalten. In dem irischen Gedichte des Antipho- 
uariums Benchor. (VIII, 13) ist gleicher Reim oder Asso- 
nanz oft die 8 Zeilen der Strophe hindurch festgehalten ; 
ebenso iu den 8 oder 6 zeiligen Strophen von VIII, 16. 
Der Tiradenreim wurde auch in den quautitirend gebauten 
Versen *) angewendet. So folgen sich in den Versus ad 
Ebonem Rememsem (a. 816—835, bei Carol. 1 p. 623) 7 
Hexameter, die in der Caesur und am Ende mit i reimen. 
Eine merkwürdige Vorliebe für reichen Tiradenreim zeigen 
besonders die quantitirenden Gedichte des Gotschalk und 
seiner Schule. Denn während in den (verkannten) sapphi- 
schen Strophen der Liturg. Fontavellan. bei Migne 151 
p, 959 nur die ungleichen Halbzeilen reimen (Gemma coe- 



1) Die ersten gereimten Hexameter finde ich ebenfalls in irisch- 
angelsächsischen Kreisen; Koaena archiep. Eboracenais a. 767—781 gibt 
einem Briefe 6 Hexameter bei, von denen 5 den Reim in der Caesur- 
und letzten, 1 (Defendens vigili sanctos tutamine mandros) in der 7. 
und letzten Silbe haben; das letztere geschieht in den älteren Leoninern 
oft. In den Hexametern des Dicuil von 814 

Nunc genitum Carolo volo dilectare loquendo 

Per ludum faciens Uli argumenta canendo. 

Ecce quotus mensis si vis haec scire memento. 
dann : Successor Caroli felix Hlodvice valeto. 

Dicuil haec ego quae feci argumenta videto. 
dann: Longaevus victor Caesar Hlodvice valeto. 

Dicuil haec ego quae feci ioca visa teneto. 
finde ich die ältesten Hexameter mit Endreim (caudati), eine Art, welche 
ich bis zum Ende des XI. Jahrhunderts nicht mehr angetroffen habe. 
Denn die Versus ad Ebonem Remensem haben gemeinsamen Mittel- und 
Endreim, also Tiradenreim. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 69 

lestis pretiosa regis), haben hier (siehe Fr. Monnier, De 
Gothescalci et Joannis Scoti controversia, Paris 1853 p. 101) 
von 12 (schlecht edirten) sapphischen Strophen die 3 ersten 
in allen Caesuren und Zeilenschlüssen den Reim um, dann 
je 3 den Reim am, eni, or. Ebenda (S. 102) folgen sich 

6 Adonici auf e, 6: or, 6 : o, 6: em, 6: am, 12: em, 12: e, 
23 : i. In dem Briefe des Gotschalk an Ratramnus (circa 
840) folgen sich 14 Jonici auf o, 3 auf i, u. s. w. ; dann 
150 Hexameter mit leoninischem Reim, von denen aber 
z. B. 7 nacheinander in der Caesur und am Schlüsse mit 
as, 8 in der Caesur mit e und am Ende stets mit ore 
reimen. Dieser letzten Reimweise entspricht Gotschalks 
Rythmus (VII, l), in dessen 19 Strophen sämmtliche Halb- 
zeilen (4 in jeder Strophe) und die drei Refraiuzeilen auf i 
endigen, die Schlüsse der Langzeilen aber, zu welchen je 2 
Halbzeilen zusammentreten, in den Strophen 1 — 16 stets 
zweisilbig reimen oder assoniren (vgl. IX, 2). In dem 
andern Gedichte (XV, 1) endigt Gotschalk nicht nur die 
sämmtlichen 50 Zeilen und den Refrain auf e, sondern oft 
auch noch die trochäischen Viersilber, in welche die troch. 
Achtsilber hier stets zerlegt sind. Von den etwa 150 Acht- 
silbern aus dem Jahre 853 (VIII, 27) enden 1—24, 25—30, 
33 — 48 auf us, von jenen aus dem Jahre 900 (VIII, 28) 

7 auf i . . e, 7 auf it u. s. w., von den 36 Trimetern von 
c. 925 (II, 13) enden 1 — 18 und 21—36 auf a. Aehnliches 
findet sich in anderen Gedichten, die aus dem IX.-XI. Jahr- 
hundert stammen; so in der Coena Cypriani (I, 48) Reihen 
von 7 und 4 Zeilen mit einsilbiger Assonanz, in den Askle- 
piadeern (XII, 1) 2 mal 6 Zeilen auf a, 6 auf i-er, 6 auf 
i-us, 7 auf e-im und 6 auf olum ; die 17 ersten Zeilen des 
Pilgergesanges (XV, 2) enden auf e. Unter den Cambridger 
Liedern enden die 12 Zeilen von No. XX (XV, 3) auf a, 
von den 14 Zeilen von No. IX (I, 22) 12 (14?) auf e, die 
48 von No. XXVII (I, 21) auf a, und am Schlüsse der 



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70 Sitzung der phüos.-philöl. Glosse vom 7. Januar 1882. 

Periode finden wir bei Anselm von Canterbury 82 trochä- 
ische Fünfzehnsilber (I, 28), die sämmtlich mit e endigen. 
Nach dieser Vorgeschichte begreift sich leicht die hervor- 
ragende Rolle, welche der zweisilbige Reim bes. in der 
lateinischen nnd der Tiradenreim bes. in der romanischen 
Dichtung des XII. Jahrhunderts gespielt hat. 

Der Reim soll stets die sich entsprechenden, also ein- 
ander gleichen Zeilen binden. Wenn es also auch Sitte ist, 
die troch. oder jambischen Achtsilber Zeile mit Zeile reimen 
zu lassen, so kann man doch nichts dagegen sagen, wenn 
Augustin nur jeden zweiten troch. und Dicuil (VIII, 1) jeden 
zweiten jambischen Achtsilber mit Reim bindet; sie haben 
eben je zwei gewöhnliche Zeilen zu wiederum sich gleichen 
Langzeilen zusammengestellt ; auch dagegen lässt sich nicht 
viel sagen, wenn (VIII, 5, Cambrid. No. XI) mitten unter 
38 jambischen Achtsilbern, die Zeile um Zeile reimen, 12 
stehen, von denen nur die zweiten Zeilen reimen, die also 
Langzeilen zu 16 Silben bilden gleich denen des Dicuil. 
Auch der Reim ungleicher Schlüsse wie 

Scripturarum voces pluit 
Et virtutes intonuit 

ist nur hässlich, nicht ungesetzmässig. Dagegen war, soviel 
ich sehe, in den ältesten Zeiten der Beim der an Silben- 
zahl ungleichen Zeilen nicht gesetzmässig. Desshalb reimt 
in den aus ungleichen Theilen zusammengesetzten Langzeilen : 
in den troch. Fünfzehnsilbern, den Trimetern, den sapphi- 
schen und alcäischen Zeilen u. s. w., in den älteren Zeiten 
nicht die erste Halbzeile mit der zweiten Halbzeile derselben, 
oder mit der ersten Halbzeile der folgenden Langzeile. Denn 
im zweiten Falle würden gekreuzte Reime entstehen, — und 
so sind wirklich im XI. — XII. Jahrhundert die später be- 
liebten gekreuzten Reime entstanden — , im ersten Falle 
würden ungleiche Zeilen durch den Reim gepaart. Um so 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und Über lat. Bythmen. 71 

merkwürdiger ist es, dass in der quantitirenden Poesie nicht 
die Hexameter mit Endreim, sondern, und das schon seit 
dem Ende des 8. Jahrhunderts, jene mit leoniuischem Reime, 
d. h. Reime der Caesursilbe und der letzten Silbe, iu Auf- 
nahme gekommen sind. Denn der Reim auf diesen Silben, 
die nur das gemeinsam haben, dass jede eine Halbzeile 
schliesst, bindet nicht nur ungleiche Theile, sondern er 
stellt auch die im Verse meist betonte (Caesur-) Silbe der 
mindest betouten (Schluss-) Silbe entgegen. Doch finden 
wir in den quantitirenden sapphischen Zeilen des 9. Jahr- 
hunderts ebenfalls die ungleichen Zeilentheile durch den 
Reim verbunden. In der rythmischen Poesie finde ich diese 
Freiheit erst im XL Jahrhundert. Sie ist noch wenig 
auffallend in dem Gedicht von 1028 (Cambridge No. VI, 
unten XIV, 2), wo die Zeilen von 5 zu 7 Silben schwanken, 
dagegen auffallend in dem Hymnus auf den h. Gallus (XIV, 3), 
wo die Ungleichheit der Halbzeilen gesetzmässig ist, und 
in dem Gedicht von 1024 (XV, 4, Cambr. No. III), wo 
stets 8 — ^ zu 6 — v> reimt. In derselben Zeit lässt Heri- 
bert stets in seinen phalaecischen Zeilen (X, 3) die Halb- 
zeilen von 6 und 5 Silben und in seinen Trimetern (II, 18) 
die Halbzeilen von 5 und 7 Silben reimen. Bei Petrus 
Damiani finden sich eben solche Trimeter l ) (II, 19) und 
viele neue Fünfzehnsilber, deren ungleiche Halbzeilen (zu 
8 u — und 7 ^ — ) unter einander reimen. So ist auch die 
in der nächsten Periode häufige Verbindung der verschie- 
densten rythmischen Zeilen durch den gleichen Reim schon 
genügend vorbereitet. 

Von den Zeilenarten. 

Weitaus die meisten Rythmen der früheren Zeit sind 
in Formen gedichtet, welche Formen der quantitirenden 



1) Auffallend ist, dass in diesen Trimetern bald die Halbzeilen, 
bald die Trimeter, also bald gleiche, bald angleiche Stücke durch den 
Beim verbunden sind. 



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72 Sitzung der phüos.-phüol. Clause com 7. Januar 1882. 

lateinischen Dichtung nachgeahmt sind. Die Nachahmung 
der trochäischen Fünfzehnsilber (Art I) und Achtsilber 
(Art III) war einfach. Bei Nachahmung der jambischen 
Reihen liebte man es sehr, die Zeile ebenfalls mit einer 
betonten Silbe zu beginnen, so dass dann im Verlauf der 
Zeile einmal zwei unbetonte Silben hinter einander, also 
daktylischer Tonfall vorkommen musste; so lautet ^ — ^ — ^ 
meistens um in-vu-u, y_ü_ ü -in_uu-.v;_ 1 u.8,w. 
(vgl. oben S. 59; Art VIII. IX. X., 1. 2. II). Auf der andern 
Seite wurden nie daktylische Reihen nachgebildet, ja selbst 
die Zeilenarten sind sehr selten, in denen die Verbindung 
von zwei unbetonten Silben, also daktylischer oder anapä- 
stischer Tonfall, an einer bestimmten Stelle festgehalten 
wurde (vgl. IX, 1. XIII, 1. 2. 3. 4. XV, 4). Der Daktylus 
im Schlüsse blieb — v — , jeder vorangehende Daktylus konnte 
in v,__ w umgesetzt werden; also sind die Adonier ebenso- 
gut ^ — w— w als _^v>__u betont, so dass die Basis des 
jambischen Trimeters und der alcaeischen Zeile (XI), die 
2. Halbzeile der Phalaecischen Zeile (X, 3) u. s. w. mit 
dem Adonier (X) in der rythmischen Dichtung zusammen- 
fallen. Ebenso kann — v ^ _ ^ _ umlauten in ^ __ u — u — 
(vgl. XI, 1). Choriambischer Schlnss — ^^— musste um- 
lauten, so dass aus — u, _ uu_ wurde v>_, u_ u_ oder 
__v, v, _ u_ (XII. X, 3). Zwei Kürzen im Anfang mussten 
natürlich verändert werden ; so wurde aus w ^ _ ^ — ^ der 
sapphischen Zeile — ^— ^ — ^ (VI). 

In Betreff der übrigen Zeilen, die sich nicht als un- 
mittelbare rythmische Umsetzung bekannter quantitirender 
Arten ergeben, ist möglichst der Grundsatz festzuhalten, dass 
Dichter, die sich die Mühe geben in lateinischer Sprache zu 
dichten, auch die Formen der lateinischen Dichtweise dazu 
benützten. Wenn also neue Zeilenarten sich zwar mit un- 
mittelbaren quantitirenden Vorbildern nicht belegen lassen, 
aber nichts weiter sind als die geläufigen Kurzzeilen der 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 73 

rythmischen Poesie oder einzelne Stücke der geläufigen 
Langzeilen in neuer Zusammenstellung, so muss man den 
Dichtern dies Wenige von Phantasie und eigenem Wollen 
zutraaen (vgl. Art TV. V. VII. IX, 6. 6 a. (X, 1). XIII, 5); 
ja man muss sich eher wundern, nach den Zeilen construc- 
tionen des Virgilius Maro aus der frühesten und den kühnen 
Tongebäuden des Notker aus ziemlich früher Zeit, in dieser 
ganzen Periode so wenige und so bescheidene Neuerungen 
zu finden, und darf erwarten, dass in weiteren Publikationen 
manche neue Zeilenart zu finden ist. Die neuen Zeilenarten, 
welche sich nicht als neue Zusammensetzungen der geläu- 
figen Kurzzeilen der ^lateinischen rythmischen Dichtung er- 
geben, können frei erfunden, können aber auch nationalen 
germanischen oder keltischen Dichtungsformen nachgeahmt 
sein. Allein die wenigen Fälle der Art (XIII, 1. 2. 3. 4) 
sind vielleicht doch Nachbildungen von seltenen oder schwie- 
rigen quantitirenden Reihen ; jedenfalls gestatten sie durch- 
aus noch nicht die Annahme, dass in dieser Periode die 
Dichter lateinischer Rythmen nationale germanische oder 
keltische Dichtungsformen nachgebildet haben. 
,. Von den Zeilenarten habe ich zuerst die trochäischen 
aufgeführt, dann die jambischen. Die Trimeter stellte ich 
zu den trochäischen, da von den 2 Halbzeilen, in welche 
sie zerfallen, die erste durchaus wechselnden Tonfall hat, 
die zweite wichtigere aber zu den trochäischen Reihen ge- 
hört, und da die Nebeneinanderstellung der beiden, in den 
ersten Jahrhunderten beliebtesten Dichtungsformen belehrend 
ist. Vorangestellt habe ich die Notizen über den Gramma- 
tiker Virgilius Maro. Vollständige Sammlung des Materiales 
erstrebte ich nicht; (besonders werden sich viele Hymnen 
einreihen lassen ;) das gesammelte Material genügt aber wohl, 
um die aufgestellten Grundsätze zu prüfen. 



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74 Sitzung der phUos.'philol. Classe vom 7. Januar 1882. 

Im Beginne der rythmischen Dichtung steht eine räthsel- 
bafte Gestalt, der Grammatiker Virgilius Maro, ein 
Gallier aus den Zeiten, wo sich noch Gebildete fanden, die 
eben erst getauft waren, oder, wie Ozanam (La civilisation 
chretienne chez les Francs chap. IX) begründete, ein Gelehrter, 
der um 600 in Tours lebte. l ) Keil und Andere halten ihn für 
den thörichtsten von allen lateinischen Grammatikern, Oza- 
nam für den Erfinder einer Art Geheimsprache, die dann 
als jene greuliche schwülstige Sprache zu den irischen und 
angelsächsischen Gelehrten übergegangen sei und durch 
diese auf die mittelalterliche lateinische Literatur kräftig 
eingewirkt habe. Ich möchte Ozanams Ansicht verändern. 
Die Gelehrten jener Zeit lebten nur im Lateinischen, aber 
sie wussten auch nur zu gut, wie sehr ihr Latein von dem 
der alten Schriftsteller abstach ; wenn sie Verse macheu 
wollten, sahen sie, dass sie für die Prosodie kein Gefühl 
hatten und von dem Bau der Verse kaum Etwas wussten. 
Die meisten plagten sich nun im Schweisse ihres Angesichtes 
den Alten nachzulernen: daher die vielen grammatischen 
Compendien und Anleitungen zum Fabriciren quantitirender 
Verse. Man fühlt das bei Traktaten wie die Aldhelms sind 
(Mai Auetores class. V p. 501—599), nach denen Verse zu 
machen eine herkulische Anstrengung verlangte. Diese Rich- 
tung hat auch gesiegt. Aber zu wundern ist es nicht, wenn 
Andern die Geduld riss und sie, des mühseligen Nachäffens 
müde, selbstbewusst und kurz entschlossen das ihnen ge- 
läufige Latein als berechtigt festhielten. Virgilius Maro 
versuchte es, im Sinne dieser gallischen Gelehrten eine 
nationale lateinische Grammatik zu schreiben. Daher neben 



1) Mai hat in den Auetores classici V p. 1— -149 die Epistolae 
I — VIII und Epitoroae 1 — 15, in der Appendix ad opera edita ab A. Maio, 
Romae 1871, wiederum die Epistolae und Epit. 1 — 5 aus der. sehr ver- 
derbten neapolitaner Handschrift herausgegeben. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat, Bythmen. 75 

vielen alten richtigen Regeln manche neue, wie z. B. dass 
von gleichlautenden Wörtern die Substantive auf der vor- 
letzten, die Verba auf der letzten betont werden sollten, 
also lege von lex, lege von lego. Solche Regeln sind weder 
Witze noch Unsinn a priori. Daher die bei einem Gram- 
matiker unerhörte Erscheinung, dass wohl Huuderte von 
Citaten theils mit bekannten Namen, wie Terentius, Horatius, 
Cato, theils mit unbekannten, wie Glengus, Galbungus, 
Aeneas, sich' finden, allein unter all diesen Citaten kein 
einziges, das in einem alten Schriftsteller sich nachweisen 
Hesse. Daher sehr viele Citate mit l versus, metrum, canticum' 
u. s. f., allein in der ganzen Schrift keine einzige quanti- 
tirend gebaute Zeile, sondern nur Verse, welche nach dem 
neuen nationalen Gesetze der rytümischen Dichtweise mit 
Hiatus und Reim gebaut sind. Der Charakter dieser Rich- 
tung und ihr Gegensatz zu der andern scheint mir am 
besten durch folgenden Fall bezeichnet zu sein: bei allen 
Gelehrten waren durch den Spottvers des alten Virgil 
(Ecl. 3, 90) l Qui ßavium non odit, amet tua carmina, Maevi* 
Bavius und Maevius die klassischen Beispiele schlechter 
Dichter geworden, bei unserm Grammatiker wird der Vers 
des Virgil auf den Kopf gestellt und Maevius verherrlicht: 
Maevius vir in carminibus dulcissimus, de quo illud pro- 
centum est 4 qui favum mellis non amat, odit tua carmina, 
Maevi.' Natürlich suchten diese Leute ihrer Richtung auf- 
zuhelfen, sie als möglichst wichtig, möglichst alt und be- 
rühmt hinzustellen. Daher jene lächerlichen Erzählungen, 
die wie Satire klingen, von Grammatikern, welche um die 
Frage, ob ego einen Vocativ habe und um ähnliche, des 
Nachts sich aus dem Bette holen, 14 Tage lang fast ohne 
zu essen und zu trinken darüber disputiren und dabei bis 
zum Messer kommen ; daher jene fingirte Literaturgeschichte 
von Grammatikern derselben Richtung, jene Erfindung der 
zwölferlei Arten Latein und jener unerhörten Conjunktionen, 



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76 Sitzung der pküos.-pliüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

Präpositionen und Interjektionen, die weder lateinisch noch 
griechisch sind, noch, soviel ich finden konnte, keltische 
oder hebräische Wörter verbergen. 

In diesem Lichte sind wohl die Citate von Versen bei 
Virgilius Maro zu betrachten. Wir finden die Alliteration 
in Epist. 8, 2 und sonst: z. B. terni terna flumen fontes 
fronda ex una undatim daturi sepna semper. In manchen 
Citaten gelingt es vielleicht noch r die Versgesetze zu er- 
kennen, wie in der 'secta prosa' des Cicero (Epit. 2, 5): 

lau. contemptus pecuniae 

da. in omni molimine 

bi. per araorem (philo) sophiae 

lis. menti fiet peritae, 
wo Siebensilber (2 zu ^ — ^ ^ — ^ — 1 2 zu — u — ^u — v) 
mit zweisilbiger Assonanz angewendet zu sein scheinen. An 
anderen Stellen ist sicher rythmischer Versbau l ) sammt 
Reim; z. B. Epist. 2, 8 Donatus in quodam carmine: 

nostras omnis familia nostrates quoque pecora 
evadant imminentia hostilium pericula. 

Epit. 5, 3 Virgilius Asianus quatuor poeticos confecit versus : 
Summa in summis Potens (potestas?) caelis 
Celsaque cuncta Gubernat celsa. 

1) Nur Ozanara chap. IX ahnte diesen 'Enfin, ä Ja prosodie des 
poetes classiques on substituait une versification nouvelle, dont les dac- 
tyles et les spondees semblent mesures, non par la quantite, mais par 
Taccent. Au milieu des obscurites de cette etrange poetique, on re- 
marque cependant les compositions que Virgile nomme des proses, et qui 
rappellent en efifet les proses de Teglise, composees de vers de huit syl- 
labes. comme ce chant sur le lever du soleil: 

Phoebus surgit, coelum scandit, 

Polo claret, cunctis paret. 
A ces coupes faciles, a ces riraes, on commence ä soupconner que le 
grauimairien se meprend, et qu'au moment oü il promet les regles d'une 
metrique savante, c'est le secret de la po6sie populaire qu'il laisse echapper. 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lab. Bythmen. 77 

Epist. 3, 30 (de quatuor elementis) Plastus elegantissimo 
carmine disseruit dicens : 

Limo solubili lympha meabili 
Igne ardibili aura mutabili 
Mundus visibilis sumptus initii 
Cuins terribilis pendit tristitiara. 

Was auch der Sinn dieser theilweise verderbten Stellen sein 
möge, das ist sicher, dass es rythmisch gebaute Verse sind, 
Achtsilber mit jambischem Schlüsse (8 ^~), Fünfsilber mit 
trochäischem Schlüsse (5 — v ) und Sechssilber mit jambi- 
schem Schlüsse (6 ^— ) [stets 2 Daktylen], dazu mit Hiatus 
und mit Reim oder Assonanz in ein oder zwei Silben. 

Eine förmliche Theorie der Formen der rythmischen 
Poesie gibt Virgilius in der Epitome III De Metris. Er 
nennt metra die einzelnen Versfüsse, phona die Wörter, 
pedes die Silben. In § 11 definirt er 'Omnis versus hexa- 
metrus sive heptametrus rhetoricus est, trimetrus autem et 
tetrametrus et pentametius poeticus erit. De sapphico autem 
metro et heroico versu in quadam epistola . . descripsisse 
me sufficienter memini 1 . 

Von den Versarten führe ich folgende an § 2 Metra 
prosa quidem sunt per brevitatem, sicuti in Aenea lec- 
tum est: 

Phoebus surgit, caelum scandit, 

Polo claret, cuuctis paret. 

Hi duo versus octo metra habent . . . Omnes autem prosi 
versus per spondaeum edi solent. Hoc autem sciendum est, 
quod inter omnes pedes dactylus et spondaeus principatum 
habeant. Mederiorum versuum est nee prosos nee 
liniatos fieri . . Varrone canente: 

Festa dium sollemnia 
pupla per canam compita 



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78 Sitzung der philos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1883. 

quorum fistula modela 
poli perstiltant sidera. 

. . primus versus est trium metrorura, quorum primuni per 
spondaeum et duo sequentia per dactylos ponderantur ut: 
Festa deum I; sol II; (festa I; deum sol II V); lerania III. 

— Liniati versus quinque semper metris metiri debent, 
secundum illud Catonis elegantissimi rhetoris: 

Bella consurgunt poli praesentis sub tine 
Preco tempnuntur senum suetae doctrinae. 
Regis dolosi dolos fovent*) tyrannos 
Dium cultura moles neglecta per annos. 

Das Charakteristische dieser Verse scheint zu sein, dass der 
2. und 5. Fuss ein Trochaeus oder Spondens und dass das 
1. und 3. Wort stets zweisilbig, das 2. und 4. dreisilbig ist. 
Der letzteren Eigenschaft wegen scheinen sie liniati zu heissen. 

— Die Verse, welche Virgilius Perextensi nennt, verstehe 
ich noch nicht. Die Zeilen 

'Archadius rex terrificus 
laudabilis laude dignissimus' 
und l Sol maxiraus raundi lucifer 
omnia aera illustrat pariter* 

nennt er triphoni und quadriphoni, da sie von je 
3 oder 4 Wörtern gebildet sind. Von den carminum genera 
extraordinaria, die *Virgilius weiterhin erwähnt, besteht das 
cantamentum des Sagillius aus Fünfsilbern mit fcrochäischem 
Schlüsse und zweisilbigem Reime 

Mare et luna concurrunt una 
Vice altante temporum gande. ! ) 

Diese Beispiele zeigen bedeutende Fortschritte in der 
Entwicklung der rythmischen Dichtweise. Silbenzahl und 



1) Zu gande vgl. Epist. II, 3 diutina diei gande. 



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Wilb. Meyer: I/udus de Antichristo und über lat. Bythmen, 79 

Schluss der Zeilen ist gleich, Takt Wechsel und Hiatus ge- 
stattet. Die Construktion der versus liniati, mögen sie nun 
eine Erfindung des Virgil sein oder nicht, beweist jedenfalls, 
dass die rythmischen Dichter schon jener Zeit sich neue 
Zeilenarten zu schaffen wagten. Noch wichtiger ist, dass 
einige Male der . vollständige zweisilbige Reim angewendet 
ist, das älteste mir bekannte Beispiel. Von Strophenbau 
ist keine Rede und der Reim bindet nur gleiche Zeilen zu 
Paaren. Aus dem Allen ist klar, dass dieser Schriftsteller 
zum mindesten für die Geschichte der Alliteration und der 
rythmischen Poesie eindringendes Studium verdient. 



I. Trochaeische Fünfzehnsilber (15 v— ). 

Diese Zeile war zu allen Zeiten beliebt. Sie zerfällt 
stets in zwei Halbzeilen zu 8 und 7 Silben (8 — v +7 u— ). 
Die Pause nach 8 —^ ist nothwendig; vgl. No. 20. 37. 
Die Halbzeile 8 — ^ zerfällt oft und schon in den ältesten 
Gedichten in 2 Theile zu 4 — u + 4 -^ (vgl. No. 1. 16. 
18. 22. 37. 42); daher ist Taktwechsel in 8 _u seltener 
als in 7 ^— . Der Schluss von 8 — ^ ist selten unrein 
(vgl. 8 w— in No. 19. 36. 47.), in 7 u- oft: No. 29—37; 
vgl. 5. 19. 20. 22. 26. 42. 47. Silbenzusatz, zu 8—« wie 
zu 7 u— , findet sich in No. 38 — 46. Assonanz oder Beim 
findet sich am Ende der Langzeilen häufig. Die einsilbige 
Assonanz lässt von 3 oder 4 Zeilen oft 1 oder 2 frei; (vgl. 
No. 2 — 8. 17. 20. 41. 47). Einsilbige und zweisilbige Reime 
siehe in No. 9. 23. 25. 26. 27; zweisilbige bes. in No. 31. 
32 und in der Schlussstrophe von 29 ; Tiradenreim in No. 
21. 22. 28. 37. 48. Die Zeilen, sind meistens in. Gruppen 
von je 3 Z. zusammengestellt; aus Gruppen von je 2 Zeilen 
bestehen No. 1. 15. (22.) 26. 28. 31. 32. 34. 35. 42, aus 
Gruppen von 2 Zeilen mit Refrain No. 18. 33. 44. Je 4 



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80 Sitzung der phüos-philöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

Zeilen sind gruppirt in No. 8. 19. 29. Eine anders ge- 
baute Strophe schliesst die Gedichte No. 29. 31. 32. Die 
Initiulen der Strophen bilden das Alphabet in No. 1. 4. 12. 
13. 14. 18. 29. 32. 34. 35. 38. 45. 46. In No. 30 bilden 
die Anfange der Halbzeilen das Alphabet. In No. 2 geben 
die Stropheninitialen *Adelperga pia\ in No. 6 'Paulus feci\ 
in No. 41 Gaidhadlus. 

1,1. J ) A Du Möril 1843, 136 de judicio: Apparebit 
repentina. von Beda citirt. alphab. 23 Str. zu 2. h 3 (und 3 h 
zwischen den Halbzeilen). Tw nicht. Die Zeilen zu 8 _ w stets 
in 4 — w -[- 4 — u zerlegt, nur nicht in D, 2. i, 2* Paulus 
Diac. Carol. I p. 35 a. 763 de annis. 12 Str., deren Initialen 



1) Ausser den am betreffenden Orte angeführten Werken habe ich 
besonders benützt: 

Bench. Antiphonarium Monasterii Bencliorensis aus der aus Bobbio 
in die Ambroaiana gebrachten Handschrift saec. VJIl von Muratori her- 
ausgegeben in den Anecdota Ambros. IV, a. 1713, p. 121 —159. 

Carol, Poetae Latini aevi Carolini. ed. Em. Dümmler tom. I. 
(Mon. Germ, hist.) Berlin 1881. Schon vorher hatte er ausführlichen 
Bericht gegeben in 'Die handschr. TJ eberlief erung der lat. Dichtungen 
aus der Zeit der Karolinger 1 ; Neues Archiv IV, p. 89—159. 241-322. 
513—582. Dann hat D. in der Zeitschrift f. deutsches Alterthum (mit 
Zs. von mir citirt) 22 p. 423 zwei Gedichte (II, 28 und I, 42) heraus- 
gegeben; ebenda 22, 261 und 24, 151 hat D. 'Carolingiscbe Rythmen\ 
und in einer Hallenser Universitatsschrift 1881 'Rythmorum eccles. aevi 
Carolini speeimen' (Hymnus) veröffentlicht; dieselben stammen fast alle 
aus drei Handschriften : V, codex Veronensis XC (85) aus dem Ende des 
IX. Jahrh., beschrieben von Dümmler Ueberl. S. 152; B, cod. Bruxel- 
lensis 8860 aus dem Anfang des X. Jahrh. beschrieben ebenda S. 155; 
P, cod. Parisinus 1154 aus dem X« Jahrh. beschr. ebenda S. 114. Diese 
3 Handschriften sind die Fundgruben Du Merils und Dümmlers gewesen 
und enthalten den Hauptschatz der Rythmen des IX. Jahrhunderts. 

Boacherie, Melanges Latins et Bas-Latin s (Revue des langues Ro- 
man es VII) hat aus Handschriften des VIII— X. Jahrh. wichtige Rythmen 
veröffentlicht. Cambridger Lieder, hgb. von Jaffe in Zeitschr. f. d. Alter- 
thum 1869 p. 449. Mit h bezeichne ich Hiatus, mit Tw Taktwechscl. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Rythmen. 81 

Adelperga pia bilden, zu 3 Z, von denen 2 oder 3 meist assoniren. 
h ziemlich viel. Tw in 8 u — 4, 2 ; in 7 u — etwa 10 Mal. i, 3. 
Derselbe I p. 49 ad Petrum. Antwort auf Nr. 7, c. a. 781. 
12 Str. zu 3, von denen 2 oder 3 assoniren. h 5. Tw nur 11 
in 7 v — i, 4. Derselbe ? I p. 79 Alfabetum de bonis sacer- 
dotibus prosa conpositum. 23. Str. zu 3 (Ass. in 2 oder 3 Z.) 
h 11. Tw in 8 _u 4, in 7 u _ 20. J, 5. Derselbe I p. 625 
alphab. 23 Str. zu 3 (Ass. in 2 oder 3 Z.). h sehr viele, der 
Conjugationsbeispiele wegen. Tw in 8 — u nicht, 11 in 7 v^__. 
7 — v statt 7 ^ — kommt nicht vor, also ist 20, 2 zu stellen 
modus sonat litteris. I, 6. Daselbst I p. 628. 10 Str., deren 
Initialen bilden Paulus feci, zu 3 Z. mit 2 oder 3 Ass. h viel. 
Tw 2 in 8 ~u, 5 in 7 u — /, 7. Petri Grammatici Carol. 
I p. 48, c. a. 781. 12 Str. zu 3 Zeilen mit Ass. in 2 oder 
3 Z. h nicht. Tw 2 in 8 — w, 17 in 7 v — i, 8. Paulinus 
Aquileiensis Carol. I p. 133. de Lazaro. 27 Str. zu 4 Z. (2 oder 
3 mit Ass.) h 6. Tw 3 in 8 _u, 7 in 7 w_ . J, .9. Ber- 
nowinus Carol. I p. 416 'Hanc quisquis'. 5 Str. zu 3 Z. mit 
(oft zweisilbigem) Reim, h 1. Tw 4 in 8 — v , 5 in 7 u — 
I, 10. und 11. Strabo? Du Meril 1843 p. 246; Schubiger, 
Sängerschule p. 28. I, 10 ad Carolüm a. 829. 10 Str. zu 3. 
h nicht. Tw 6 in 8 _u, 3 in 7 u — 1,11 ad Lotharium 
a. 838. 10 Str. zu 3. h nicht. Tw 8 in 8 — u, 2 in 7 v_. 
J, 12. Du Meril 1843 p. 249 (Dümmler Ueberl. p. 116) Schlacht 
bei Fontenay a. 841. alphab. 13 Str. zu 3. h 5. Tw 8 in 8 
_ w, 5 in 7 v-. 7, 13. Du Menl 1843 p. 261 (Dümmler 
Ueberl. p. 118) de Aquileia. c. a. 850 alphab. 24 Str. zu 3. 
h 4. Tw in 8 _ w und 7 ^ — ziemlich viele. I, 14. Du 
Menl 1843 p. 264 (Dümmler Ueberl. p. 154) de Ludovico a. 
871. alphab. 10 Str. zu 3. Text zu unsicher. 1, 15. Dümmler 
Hymnus XIII. de resurrectione. 28 Str. zu 2. h wenig. Tw 2 
in 8 _u, mehr in 7 o— . J, 16. Dümmler Zs. 24 p. 152 
'Alexander urbis ßomae 1 . alphab. 12 Str. zu 3. h nicht. Tw 
nur in 7 ^ — 5 Mal, da 8 — o stets in 4 — u t|-4 — w 
zerfällt, fast quantitirend gebaut. i, 17. ebenda p. 153 ße- 
spice de coelo. 12 Str. zu 3 Z. mit Ass. h 4. Tw. 2 in 8 

— u, 4 in 7 v_. I, 18. Du Menl 1843 p. 182 Confessio. 
alphab. 24 Str. zu 2 nebst Refr. von 10 w—. h 11. Die 8 

— v sind sehr oft zu 4 — u -|- 4 — u zerlegt. Tw 5 in 8 

— w, 12 in 7 sj — Wenn die Refrainzeilen Poenitenti, ChHste, 
da veniam. Miserere mei piissime. Ab inferno, Christe, nos 

[1882. I. Philos.-pl.ilol. bist. Cl. 1 J 6 



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82 Sitzung der phüos.-phüol. Glosse vom 7. Januar 1882. 

libera in 4 — ^ -|" 6 u — (uad nicht in 6 — u -|- 4 ^— ) 
zu theilen sind, dann wären dies die ältesten Zehnsilber zu 

4 + 6 ^ 7, 19. Du Menl 1854 p. 286 (Hagen Carmina 

medii aevi No. 53) de Joseph 52 Str. zu 4. h ziemlich viele. 
Tw etwa 20 in 8 _u, etwa 36 in 7 ^ — 8 v>— statt 8 
— u 3 Mal? 7 — u statt 7 ^— p. 289 dixit: haec est imago. 
p. 294 consternati dixerunt. 7, 20. Guido Aretinus de musicae 
explanatione etwa 250 Zeilen zu 3 reimend oder assonirend. 
Viele h und Tw sowohl in 8 _v/ als in 7 w — Einmal fehlt 
scheinbar die Pause De quaternis habet Diatesseron vocabulum, 
das andere Mal Miror quatuor quosdem fecisse signa vocibus 
ist umzustellen fecisse quosdam. Einige Male scheint 7 — v 
statt 7 v — zu stehen (ibi vel diapente. plagis proti secundus). 
Die andern von Coussemaker veröffentlichten Gedichte Guidos 
sind zu schlecht edirt. 7, 21. Cambr. XXVII (vgl. Du M£ril 
1843 p. 278) de luscinia. 16 Str. zu 3, alle Z. endigen auf a. 
h 6. Tw 2 in 8 _ u, 7 in 7 u — 7, 22. Cambr. IX de 
Willelmo. 13 Z., die auf e enden (5 corr. ornabile, 1 corr. sona- 
bile). 4 h. 8 —v, = 4 — v -f 4 _„, nur nicht Z. 6, Z. 11 
.= 4 v_ + 4 —sj. Tw 6 in 7 u_ . 7 _ u statt 7 u_ 
in Z. 13. Die 8 Fünfzehnsilber in Cambr. XX (unten XV, 3), 
sind ganz rein, ohne h oder Tw, 8 — w stets = 4 — - u -j~ 
4 — sj. 1,23. Du Menl 1843 p. 280 de Constantio c. a. 
1020 30 Str. zu 3 Z. mit (oft zweisilbigem) Reim. Wenig h 
und Tw in 8 — ^ und 7 o — 7, 24. Ravaisson Rapport 
p. 404 (Migne 151 p. 729), zum Theil in Cambr. XXVI und 
Carm. Burana No. CCII, 47 (p. 92). 'Ad mensam philosophiae' 
25 Str. zu 3, Reim ein-, oft zweisilbig, h 5. Tw 11 in 8 — u, 
10 in 7 - — 7, 25. Sudendorf Registrum II p. 3. 'Ad oc- 
casum cuncta 1 . 26 Str. zu 3 mit Reim, der oft fehlt, h 2 ? 
Tw viele in 8 — v, und 7 w_. 7, 26. Du Menl 1847 p. 239 
'Inclitorum Pisanorum' a. 1088, c. 250 Z zu 2 gereimt, h und 
Tw in 8 u. 7 viele. Einige Male 7 — ^ . 7, 27. Petrus Damiani 
(f 1072) Migne t. 145 No. 218. 14 Str. zu 3 mit 3 h, keinem 
Tw in 8 — w, 1 in 7 u_; No 221 : 20 Str. zu 3 mit 7 h, 

keinem Tw in 8 _w, 6 in 7 No. 224 u. 225: 20 Str. 

zu 3 mit 3 h, 4 Tw in 8 _u, 3 in 7 v—. No. 226 (= p. 861 
Migne zz: Du Meril 1843 p. 131): 'Ad perennis vitae fontem' 
20 Str. zu 3 mit 1 h, kein Tw in 8 -u, 3 in 7 v — Reim 
stets ein- oder zweisilbig. 7, 28. Anselm Cant. Migne 158 
p. 1046 in laudem Mariae. 82 Z. zu 2 gruppirt ; jede Zeile 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 83 

endet auf e, wenig h, 1 Tw in 8 — v, 12 in 7 u — Derselbe, 
hymnus secundus: 9 Str. zu 3 mit einsilbigem Reim, der hie 
und da fehlt, h ziemlich. 5 Tw in 8 — wj 5 in 7 u — 

Troch. Fünfzehnsilber mit unreinem Schlüsse. 
I, 29. Bench. p. 136 de S. Patricio, alph. 23 Str. zu 4. 38 h. 
Tw 48 in 8— v, 30 in 7 u_. 8 Mal 7 _ v, statt 7 w_. (N 1 
corr. domini, V 7 que). Am Schlüsse eine Strophe von 4X8 
v — und 2 Xß — f -+* 5 — v ) mit zweisilbigem Reim. Eben- 
solche Schlussstrophen finden sich in den alten irischen Gedich- 
ten I, 31. 32, wo Mone also mit Unrecht sie tilgte. J, 30. 
Bench. p. 142 de S. Camelaco. alphab., doch merkwürdiger Weise 
so, dass nicht, wie soDst, die Anfangsbuchstaben der Langzeilen, 
sondern die aller Halbzeilen gelten, also A 8 — u, B 7 u — 
u. s. f. 12 Z. h 2. Tw 8 in 8_v, 2 in 7 u_. 3 Mal 7—w 
(deo, suum, suum). Corr. domino in G, dominum in R. J, 31. 
Mone 572. 'Cantemus in omni.' saec. IX. irisch. 13 Sti\ zu 2 
und Schlussstrophe zu 4X8 ^ — ; vgl. No. I, 29. Reim fast 
stets dreisilbig; dazu (das einzige Beispiel; siehe oben S. 64) 
Binnenreim, h 3. Tw 3 in 8— v, 5 in 7 o — 2 Mal 7—v. 
/, 32. Mone 314 de Michaele. saec. VIII. irisch, alphab. 23 
Str. zu 2 und Schlussstrophe zu 4X8 ^ — , die Mone tilgte ; 
vgl. No. I, 29. Der Reim, fast stets zweisilbig, fehlt hie und 
da. h viel. Tw 14 in 8_w, 10 in 7 u_. 11 Mal 7— u. 
I, 33. Dümmler Hymnus VI de Enoch. 35 Str. zu 2 Z. + 
4—^ Refrain, h findet sich in 17, 2. 22, 2. 23, 1 bis. 27, 2. 
(29, 2 novamque cod.). 30, 2. 33, 1. 35, 2, allein an all diesen 
Stellen ist eine Silbe zu viel, was sonst in diesem Gedichte 
nicht vorkommt. Also ist an diesen Stellen Elision anzu- 
nehmen. Auch Endsilben mit m vor anlautendem Vocal finden 
sich sonst nicht, als in 31, 2, wo Elision stattfindet (in 24, 1 
virorumque examine Hschr., also auch Elision). Diesem Klassi- 
cismus des Dichters entspricht es, dass auch «die unreinen Schlüsse 
1, 2 in polum. ß, 1 ac duces. 18, 1 et pii. 25, 1 cum patre. 
30, 2 ut iubar. 33, 2 regno patris, quantitirend gelesen, rein 
werden. ^ Tw 24 in 8 — u, -6 in 7 w — Wenn man die ge- 
ringe Zahl der Verstösse gegen die alte Prosodie betrachtet, so 
wird man dies Gedicht eher für ein quantitirend, als ein ryth- 
raisch gebautes erklären. I, 34. Hymnus IX de Hierusalem. 
alphab. 25 Str. zu 2. h nur 1, 2? Tw o in 8 — w, 3 in 7 w— . 
7 — w in 15, 1 et piae. 22, 1 est locus. /, 35. Hymnus VIII. 
de accusatione. alphab. 18 Str. zu 2. h viel. Tw 4 in 8 — u, 

6* 



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84 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

7 in 7 v — 7 — u : 15, 2. 17, 2 (Vocalverschmelzung in 3, 1. 
11, 1. 18, 2). 7, 36. Dümmler Zs. 23, 271 de divite. 13 Str. 
zu 3. h ziemlich viel. Tw in 8 und 7 viel. 8 w — statt 8 — ^ 
in 10, 2. 12, 2. 12, 3. 7, 37. Cambr. VIII. Gratulatio reginae. 
21 Z., die alle mit a cndeo. h nur Z. 11. Nach 8—v./ fehlt 
in Z. 14 die Pause; sonst zerfällt 8 — u stets in 4 — w (4^ — 
in Z. 7) + 4 — u ; in 7 u_ ist Tw nur Z. 20. 10 Mal 7 — v, 
statt 7 w — (9 Mal betont — v — ^ ^ — c). 

Troch. Ftinfzehnsilber mit Silbenzusatz. 1,38. 
Carol. I p. 24. De Mediolano a. 721 — 739. alphab. 24 Str. 
zu 3. viel h. Tw in 8 _u nur letzte Zeile, 8 in 7 u — Vor- 
schlag in 8-u 9 Mal, in 7 v,_? (24, 1. 20, 1). 7, 39 
Carol. I p. 119. de Verona c. a. 800. 33 Str. zu 3. viel h. 
viel Tw in 8 — w und mehr in 7 u — Vorschlag in 8-u 
etwa 25, in 7 u — etwa 6 Mal; — w u statt — ^ etwa 9 Mal in 

8 — v , 3 Mal in 7 v — Der Bau ist also von dem des vorigen 
Gedichtes verschieden. 7, 40. Carol. I p. 116. de Pippini vic- 
toria a. 796. 15 Str. zu 3. Tw nicht in 8 _-u, in 7 ^ — nur 
14, 2. Vorschlag sicher in 13, 2. 15, 2 (8 _u) u. 8, 2. 11, 2 
(7 ^— ). Dann in 8 Fällen, die man durch Elision (6) oder Vocal- 
verschmelzung (2) beseitigen könnte; — u v statt — v iü 6 
Fällen , die man durch Elision (4) oder Vokalverschmelzung 
beseitigen könnte. Da aber h in 2, 3. 9, 3. 15, 4 sicher ist, 
so ist auch in allen anderen Fällen Hiatus und Vocalzusatz, 
nicht Elision anzunehmen. 7, 41. Muratori Ant. Ital. III, 711 
aus cod. V; von Gaidhadlus. 11 Str., deren Initialen den Namen 
bilden, zu 3, meist 2 ZU. mit einsilb. Ass. Text (bes. die End- 
ungen) verdorben z. B. D 2 Populorum regi obsecrantes pro 
nostra facinora statt Polorum regi obsecrantes pro nostro faci- 
nore ; in A 2 del. superadstat. h viel. Tw in 8 _ ^ : J 1 ; 4 in 
7 w — Vorschlag 12 in 8 — o, 2 in 7 ^ — 7, 42. Dümmler 
Zs. 22, 426. de annis a principio, a. 718. 36 Z. meist gereimt 
zu 2. h viel. 8 — o stets in 4 — ^ -|-4 — v zerlegt und ohne 
Tw, 2 Tw in 7 u- und 2 Mal 7 — v . Vorschlag zu 8 — u in 
25. 29; (33 sunt del.). Vorschlag zu 7 v_ in 6. 20; in 3 
tilge simul; in 23. 25. 27. 24 ist Vocalverschmelzung. 7, 43. 
Dümmler Zs. 23, 266. de Judit. 18 Str. zu 3. h viel. Tw in 
8, 1. 16, 1. (?), in 7 v,_ 3 Mal. Vorschlag zu 8 — u in 8, 3 et 
absque arma triumphabit, — uu statt — u in 7 v — : 19, 3. 
2, 3 (16, 2 omnes in ore gladii?). 7, 4JL. Dümmler hymnus I 
de XIII diebus. 13 Str. zu 2 + Kefr. mirabilia fecit deus. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Eythmen. 85 

h viel. Tw 3 in 8 — v, 2 in 7 u — — v <-» statt — ^ 8 
Mal in 8 — ^, 13, 1 (?) in 7 u — Vorschlag oder Vocal Ver- 
schmelzung in 2, 1. 12, 1. 12, 2. J, 45. Hymnus XV. 'Avarus' 
alphab. 13 Str. zu 3. h viel. Tw 2 (3) in 8 _ v, 2 in 7 u_. 
Vorschlag 7 in 8 — ^, — ^ ^ nur in 5, 2 valde suspirans cum 
lamento. 1,46. Zarncke. Ber. d. sächs. Ges. d. Wiss. 1877 
p. 57 * Alexander puer\ alphab. 8 Str. zu 3. Zarncke Dahm 
keinen h und mehrfache Elision, dann Vorschlag an. Ich finde, 
indem ich mich (abgesehen von groben Fehlern wie D 2 und 
den verdorbenen Str. F. H) an die Hschr. halte, h in A 2. D 1. 
Tw in E 2. Vorschlag zu 8 — ^ in C 1 , zu 7 ^ — in J 1. 
C 2. 3. -~ ^ statt — ^ in A 2. 3. D 1. E 3. C 1. 

1,47. Pertz Abh. der berl. Acad. 1845 p. 264 de mundi 
rota saec. VII. 43 Str. zu 3, in 2 oder 3 ZI. meistens Asso- 
nanz, h und Tw sehr viel. Sprache barbarisch und Text schlecht, 
oft Silben zu viel. Doch scheint 7 — ^ statt 7 ^ — sicher in 
67. 68. Ebenso 8 ~ — statt 8— v in Zeilen wie 13. 49. 53. 
88. 96. J, 48. Coena Cypriani Du Menl 1843 p. 193 eben- 
falls sehr schlecht überliefert, h und Tw viel. Sicher ist auch 
öfter 7 — ^ statt 7 ^ — und 8 ^ — statt 7 ^ — , wie archi- 
triclinus hydrias, deridebatque Isaac. 7, 5, 4 Z. assoniren (öfter 
auch die 1. Halbzeilen). 

II. Jambische Trimeter (5-—^ -f~ 7 w — ). 

In dem jambischen Trimeter, der in den ersten Jahr- 
hunderten sehr beliebt war, ist die Hauptcäsur des römi- 
schen Senars zur Pause geworden, welche, abgesehen von 
den verwilderten Gedichten No. 26. 27. 28. 29, die Zeile 
in 2 Halbzeilen zu 5— ^ und 7 »— zerlegt. Taläwechsel 
findet sich im 2. Halbvers bei manchen Dichtern seltener, 
bei anderen häufiger; die 1. Halbzeile w — w — w gehört den 
jambischen Reihen an und hat auch bei den Dichtern, welche 
in 7 ^ — den Taktwechsel selten gestatteten, fast ebenso oft 
Taktwechsel (— w w — w) als nicht (w — w — w). Desshalb 
habe ich nur die Taktwechsel der zweiten Halbverse zu 
7 w _ ( w _ ww _ w _) notirt. Der Schluss von 5 — ^ ist 
stets rein (vgl. No. 2. 9. 26—29), der von 7 «— oft in 
7— * geändert; vgl. No. 2. 4. 9. 18. 20 — 24. Assonanz 



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86 Sitzung der phüos.-phüol. Glosse vom 7. Januar 1882. 

mehrerer Langzeilen der Strophe hat No. 1 — 9. 15. 16. 20. 
25. 28; Beim der Langzeilen No. 14. in No. 18 reimen 
die ungleichen Halbzeilen untereinander (5 — ^ : 7 w— ), in 
No. 19 bald die ungleichen Halbzeilen 5—^:7^—, bald 
die Schlüsse der Langzeilen. Tiradenreim hat No. 13. Die 
Zeilen treten zu Gruppen zusammen ; zu Gruppen von 2 Z. 
in No. 13. 20. 21; von 2 Z. mit Refrain in No. 11. 14. 
23. 26; von 3 Z. in No. 25. 27; von 3 Z. mit Refrain in 
No. 15; von 4 Z. in No. 16. 18. 28; von 5 Z. in No. 2-7. 
17. 22. 24; in Gruppen von 3 Z. mit einem Fünfsilber 
(5 — ^), also zu einer Art von sapphischen Strophen, in 
No. 1. 8. 9. 10. 12. 17. 19. Die Initialen der Strophen 
sind von den Buchstaben des Alphabets gebildet in No. 1. 
10. 14. 15. 16. 23. 26. 27. 28 (3 auf A); in No. 14 be- 
ginnen auch die zweiten Zeilen der Strophe mit dem be- 
treffenden Buchstaben; die Initialen von No. 22 bilden das 
Wort Stefanus m. 

II, 1. Paulus Diaconus? Carol. I p. 81 de malis sacer- 
dotibus (vgl. I, 4). alphab. 23 sapph. Str. mit Ass. in 2 oder 
3 Z. 7 h. Tw 18 (in 7 ^— ). II, 2. Paulinus Aquil. Carol. 
I p. 131 de Herico. 14 Str. zu 5 Z. meistens mit Ass. meh- 
rerer Zeilen, h o, (h) in 11, 3. Tw 18. 7—^ statt 7 ~— : 
4, 4. 10, 2; (10, 1 Cecidit ubi?). II, S. Derselbe? p. 136 
'Felix per omne'. 9 Str. zu 5 Z. oft mit Ass. mehrerer Z. 
Tw (h h 3, 4 Linguae eorum claves caeli factae sunt, wohl zu 
stellen Eorum linguae ; vgl. übrigens XIV, 1 Str. N Eorumque 
linguae claves caeli sunt factae. II, 4. Derselbe? p. 137 'Re- 
fulgit omnis'. 15 Str. zu 5 Z. oft mit Ass. mehrerer Z. h o. 
Tw 9. 7— v in 8, 3 antefertur diebus. 11,5. Derselbe? 
p. 138 'Refulsit almae'. 12 Str. zu 5 Z. mit Ass. mehrerer 
Zeilen, h 4, 4 (?), 5, 3 (dederunt templo?) 9, 4. Tw 7. II, 6. 
Derselbe? p. 140 'Jam nunc per omne'. 11 Str. zu 5 Z. mit 
Ass. in mehreren Z. h in 6, 1. 7, 3. II, 7. Derselbe? p. 141 
'Clara refulgent'. 9 Str. zu 5 Z. mit Ass. in mehreren Z. h 2, 2. 
Tw 7. 17,8. Derselbe?? p. 142. de destructione Aquilegiae. 
alphab. 23 sapph. Str. mit Ass. in mehreren Z. h 16. Tw 16. 
71, 9, Derselbe? p. 144 de nativitate domini. 42 sapph. Str. 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 87 

mit Ass. in mehreren Z. 3 (5) h, 8 (h). Tw 20. 7 — ^ in 
33, 2? 34, 2 corr. ammöniti sunt? 77, 10. Derselbe? p. 147 
confessio 'Ad caeli clara' (vgl. No. 19). alphab. 24 sapph. Str. 
h 3. 8 Tw. 77, 11. Carol. I p. 435 Planctus Karoli a. 814. 
22 Str. zu 2 + Refr. Heu mihi misero. h 9, (h) 3. Tw 13. 
77, 12 Du Märil 1843 p. $51 (Dümmler üeberl. p. 116). <Hug 
dulce nomen'. 8 sapph. Str. h o. Tw nur 'cum fores mitis- 
simus. II, 13. Du Menl 1843 p. 268 'de Modena'. 36 Z. 
zu 2. 4 h, S (h). Tw 5. 7— ^ : adorata ut dea. Z. 1 — 18 
u. 21 — 36 enden auf a (bes. i-a), 19 u. 20 auf ilis. 77, 14. 
Dümmler Hymnus VII de Christo, alphab., doch so, dass auch 
jede 2. Zeile mit demselben Buchstaben anfängt. 23 Str. zu 
2Z. + Refrain von 2 Trim. Einsilb. Reim. 6 h. Tw viel. 
77, 15. Dümmler Hymnus IV de accusatione hominis, alphab. 
21 Str. zu 3 Z. (mit Ass. in 2 oder 3 Z.) + Refr. Jesus 
clementer tribulantes subveni. h viel. Tw wenig. 77, 16. 
Dümmler Zs. 23, 268 'de Ester', alphab. 23 Str. zu 4 Z., Ass. 
in je 4 oder 2 Zeilen, h ziemlich viel. Tw 23. 77, 17. Oza- 
nam Documents hat S. 245. 248. 255 Trimeter (theils in Str. 
zu 5 theils in sapph. Strophen) mit oft unsicherm Texte ver- 
öffentlicht. 77, 18. Heribert a. 1021—1042 Bischof in Eich- 
statt Migne 141 p. 1370 (= Mone 111). 5 Str. zu 4 Z., in 
denen der erste Halbvers (5 — ^) mit dem 2. (7 u— ) reimt 
(per crucem sanctam lapsis dona gratiam?). h 1. Tw 2. 7 — ^ 
crimen necans in cruce. 77, 19. Petrus Damiani, Migne 145 
No. 220. Paenitens (vgl. No. 10 ; z. B. Str. 5 non coelum 
dignus oculis aspicere). 16 sapph. Str., in denen der Reim bald 
die Halbzeilen, bald die Langzeilen bindet, bald fehlt, h 0, 
(h) 4. Tw 1. 

Trimeter mit unreinem Schlüsse. 77, 20. Bench. 
p. 129 Apostolorum. 42 Str. zu 2 Z., die oft reimen, h c. 20. 
Tw c. 15. Vocalverschmelzung öfter auch im Schlüsse z. B. 
talibusque donariis. accedunt ei ut. 21 Mal 7 — ^ statt 7 ^ — . 
77, 21. Bench p. 132 de communicatione. 11 Str. zu 2. h 4. 
Tw 4. 7 — -^ in : laudes dicamus deo, u. Christus filius dei. 
11,22. Mon. Germ. Script. Longob. saec. VI— IX. p. 190, de 
synodo Ticinensi a. 698. 19 Strophen, deren Initialen bilden 
SSTTEEFPAANNVVSS MM, zu 5 Z. 'nequivi edissere ut valent 
medrici ; scripsi per prosa ut oratiunculain 1 . h c. 26. Tw c. 35. 
6 Mal 7 — ^ . (corr. F 4 concordat cum quatuor ?). 77, 23. 
Pttmmler Hymnus XI de Jobanne, alphab. 22 Str. zu 2 Z. mit 



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88 Sitzung der phüos.-pliilol. Classe vom 7. Januar 1882. 

Refrain von 2 Trimetern. h 9. Tw 15. Einsilb. Reim. 3 Mal 

7 — ^ . II, 24. Dümmler Hyinnus XIV de initio quadra- 
gesimae. 10 Str. zu 5 Z. h nur 4, 2. 6 Tw. 3 Mal 7—^ 
(mit dierum u. diebus). 

Trimeter mit Silbenzusatz und verwilderte. 
II, 25. Dümmler Hymnus XII de laude Mariae. 15 Str. zu 3 Z. 
mit Ass. in 2 oder 3 Z. h viel. Tw 7. Vorschlag zu 7 <-* — 

8 Mal (also auch 14, 3 laudabunt semper dominum Hsch. richtig), 
— v, ^ statt — ^ 4 Mal. II, 26. Dümmler Hymnus XVII 'Audi 
nos deus'. alphab. 10 Str. zu 2 Z. (mit Ass.) -f- Refrain 'suc- 
curre nos Christe'. Verwildert, h c. 8. 8 Z. bestehen aus 5 — ^ 
-{- 7 w — , 7 Z. aus 6 — v + " w — un ^ ^ Z. aus 5 — ^ + 
8 *• — . U, ,27. Dümmler Hymnus XVI de natale domini. 
alphab. 9 Str. zu 3 Z. Ganz verwildert. Wenig h. 10 Z. zu 

5 — ^ -j- 7 ^ — , 4 Z. zu 12 o — ohne Pause, die übrigen 1 3 
Zeilen meistens zu 6 — |— 7 ^> — . II, £#. Theodofrid saec. 
VII— VIH. Dümmler Zs. 22, 423 (vgl. Zs. 23, 280). alphab. 
25 Str. zu 4 Z. (oft mit Ass. in 2 oder 3 Z.). 'Ante secula'. 
h viel. Tw nicht viel. Text sehr verdorben, doch Sprache und 
Form des Gedichtes schon ursprünglich sehr roh. . Zeilen mit mehr 
und weniger als 12 Silben, ohne Pause, mit 4—^, 5 ^— , 

6 v — und 6 — v statt 5 — ^ , und mit 6 ^ — t 6 — ^, 8 ^ — 
statt 7 *• — scheinen sicher ; für 7 — ^ statt 7 ^ — kein sicheres 
Beispiel. II, 29. Dümmler Zs. 23, 273 'Adonai magne' 16 
Zeilen sehr verdorben, oft ohne die richtige Pause und mit 
einer Silbe zu viel oder zu wenig. 

III. Trochäische Achtsilber (8 — « ). 

Der trochäische Achtsilber ist gleich der ersten Halb- 
zeile des trochäischen Fünfzehnsilbers. Wie dort, zerfällt 
auch hier in manchen Gedichten die Zeile regelmässig in 
2 Theile: 4 — - + 4 — - (vgl. No. 2. 4. 5 a), hat also 
sehr wenig Taktwechsel; in andern ist dies nicht der Fall, 
und es wird bisweilen auf den Tonfall gar nicht geachtet 
(vgl. No. 3 u. 5). Der Schluss ist oft unrein; No. 3. 5. 7. 
Der Beim bindet je 4 und 4 Silben in No. 2 (das man 
also auch in Zeilen von je 4 — ^ eintheilen könnte), ge- 
wöhnlich Zeile um Zeile , bei Augustin Langzeilen von 



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Wilh. Meyer: Liidus de Antichristo und über lat. Bythmen. 89 

2 Mal 8 — ~ . Assonanz ist in No. 4. 6. 7, einsilbiger 
Reim in No. 3, zweisilbiger Reim in No. 2. 5. Tiraden- 
reim bei Augustin. Die Zeilen sind gruppirt : je 3 oder 4 
in No. 6, je 4 mit Refr. in No. 3 u. 8, je 6 in No. 7, je 
8 mit Refr. in No. 5, je 10 oder 12 Doppelzeilen mit Re- 
frain bei Augustin. In No. 3 werden die Initialen der 1., 
in No. 6 die der 1. und letzten Strophenzeile durch die 
.Buchstaben des Alphabets gebildet. 

III, 1. Augustin gegen die Donatisten ca. 393. Du Meril 
1843 p. 120. alphab. 17 Str. zu 12, 3 Str. (CDE) zu 10,, 
Epilog zu 30 Langzeilen von je 2 Achtsilbern. Jede Strophe 
hat den Refrain 'Omnes qui gaudetis de pace modo verum 
iudicate'. Jede Langzeile endet auf e. In jeder Zeile stehen 
8 Silben, jede vorletzte Silbe ist betont und wird auch durch 
Wörter wie dare, reus und ähnliche gebildet. Sonst ist Elision 
von schliessendem Vocale oder m vor anlautendem Vocale gesetz- 
mässig und die wenigen Verse, wo sie unterbleibt (wie epis- 
copum ordinäre, et si credo esse sanctum) sind wohl unrichtig 
überliefert. Vokalverschmelzung wird ausserordentlich oft an- 
gewendet, z. B. habeat paleas area vestra; doch unterbleibt sie 
in anderen Fällen. Auf den Tonfall der Silben ist ausser am 
Schlüsse nicht geachtet, so dass unter der Mitwirkung von 
Elision und Vocalverschmelzung die meisten Zeilen hässlich 
klingen. HI, 2. MoneNo.269 Summe sator. altirisch. 21 Z. 
Jede Zeile zerfällt in 4 — ^ _|- 4 — o und diese Halbzeilen 
reimen untereinander mit reinem zweisilbigem Reim (19 Mal) 
oder zweisilbiger Assonanz (2 Mal); vgl. S. 77 VirgiPs 'polo 
claret cunctis paret'. 6 h. Tw 0. III, 3. Dümmler Hymnus 
XVIH 'Ab aquilone'. alphab. 6 Str. zu 4 (mit Ass.) -|~ B- e " 
frain 'reddam rationem' oder 'reddam retributionem'. 3 h. Tw 6. 
4 Mal 8 w— statt 8—^. 111,4. Du Menl ' 1843 p. 271. 
28 Z. gereimt oder ass. zu 2, 3 oder 4. 2 h. Tw nur 1, da 
meist 4— u -|- 4 — v getheilt ist. III, 5. Wipo 1039 pro 
obitu Chuonradi imp. Mon. Germ. Script. XI, 274 (Du M^ril 
43 p. 290). 9 Str. zu 4 Langzeilen (von je 2 Achtsilbern) + 
Refrain 'rex deus, vivos tuere et defunctis miserere'. Es reimen 
die beiden Achtsilber jeder Langzeile unter sich mit reinem 
zweisilbigen Reim, nur 2 Mal mit zweisilb. Ass. und 5 Mal 
mit ein§ilb, Reim, 8 Langzeüen bestehen au§ 8 ü-r. -f 8 ^ — , 



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90 Sitzung der philos.-phi'ol. Clause vom 7. Januar 1882. 

2 aus 8u_ -J- 8 — o. h6. Tw so viele, dass von Rythmus 
keine Rede mehr ist. 

III, 5a. In XV, 1 finden sich 20 Zeilen zu 8 _ u , die 
stets in 4-w -J- 4_w (2 Mal 4 w_ -\- 4_w) zerfallen. 
In VII, 1 finden sich 38 Zeilen zu 8 — w mit 8 Tw. In XV, 4 
1 6 Zeilen zu 8 — w , von denen 13 in 4 _ w -}- 4 _- w zer- 
fallen, 2 Tw haben, 1 jambisch endet. 

Troch. Achtsilber mit Silbenzusatz und ver- 
wilderte. III, 6. Dümmler Hymnus V de commendatione. 
alphab. 15 Str. zu 4, 8 Str. zu 3 Z., mit Ass. oder Reim in 
2 oder 3 Z. Jeder Strophe folgt eine Zeile, die einen Anruf 
Gottes enthält, mit denselben Buchstaben beginnt, wie die Strophe, 
und mit deus schliesst z. B. aeterne rex deus in A, benigne 
fortis deus in B. viele h und Tw. Vorschlag 10 Mal, — w w 
statt — w 20 Mal. III, 7. Boucherie Melanges p. 28 de die 
iudicii. 13 Str. zu 6 Z. mit Ass. in 3—6 Z. der Str. h c. 20. 
Tw c. 16. — w w statt — ~ in 1, 1. 10, 5. 12, 3. 8 w_ statt 
8 _w in 4, 5. (6, 2 del dies?) 7, 1. 13, 2. III, 8. Dümmler 
Zs. 24, 154. de castitate. alphab. 14 Str. zu 4 Z. -f- Refr. 
'Adiuva nos deus meus ; in te posui cor meum' ; oft zu 2 as- 
sonirend. Gänzlich verwildert. Wenn man auch Silbenzusatz und 
starke Vocalverschmelzungen annimmt, so sind doch manche 
Zeilen, wie 9, 3 = 12, 3. 11, 3. 13, 3 u. 4. 14, 1 nicht in 
das Schema zu zwingen, h und Tw viele. 

IV. Trochaeische Elfsilber (4 — v, + 7 v— ). 
Da im troch. Fünfzehnsilber die erste Halbzeile oft in 
4 — « + 4 — ^ zerlegt wurde (vgl. S. 79 u. 88), so lag 
es nahe, das eine Stück zu 4 — ~ wegzulassen. So ist die 
Zeile von 4 — « + 7 — « entstanden. J ) Sie wurde früh 
gebraucht. 

IV, 1. Dümmler Zs. 23, 265 'Andecavis abbas\ 5 Str. zu 
4 Z. mit Refrain *Eia eia eia laudes eia laudes dicamus Libero'. 



1) Bartsch (siehe No. 2), nach dessen Ansicht diese Zeilenart der 
nationalen keltischen Poesie entlehnt wäre, erkannte nicht die Pause 
nach 4 — w und nahm eine Pause nach der 8., 7. oder selten 6. oder 5. 
Silbe an : natürlich, da alle jambisch auslautenden Zeilen meistens mit 
einem drei- oder viersübigen, selten einem mehrsilbigen Worte schliessen. 
Auch G. Paris, Romania 9 p. 188, hat die Pause nicht erkannt. 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 91 

Gewöhnlich bindet Ass. je 2 Zeilen ; einige Male fehlt sie. h 0. 
Tw in 3, 2. 4, 1. IV, 2. Bartsch Zeitschr. f. rom. Philol. II, 
(1878) p. 216 (vgl. ebenda III, 1879, p. 384) aus einem sehr 
alten Evangeliarium in Maihingen. 42 Z. einsilbig gereimt meist 
zu 4, 2 Mal zu 2, 1 Mal zu 6. h 7, (h) 6. 4 w_ statt 
4 — v, in 4 u. 42. Tw 4 in 7 «-; 6Mal 7-w statt 7 - — 
IV, 3. Mone No. 270 Hymnum luricae, altirisch. 92 Z. in Str. 
zu 4. je 2 Z. haben einsilbigen Reim, dazu oft noch Reim oder 
Ass. der vorletzten Silbe. Die ersten 17 und die letzten 12 
Zeilen sind rein gebaut mit nur 2 Tw in 7 w — und mit Fehlen 
der Pause in 8. 12. 87. In dem Mittelstück, wo der Dichter 
fremde seltsame Wörter aufhäufte, kümmerte er sich mehr um 
die Unterbringung dieser als um sein Zeilenschema. So fehlt 
hier oft die Pause, oft sind Silben zu viel, einige Male auch 
trochäischer Schluss hereingekommen. IV, Sa. In den 5 Stro- 
phen des Petrus Damiani (Migne 145 S. 939, unten XV, 5) 
kommen 1 5 Zeilen, zu 4 — « + 7w- mit Reim der Endsilben 
vor. 2 Mal steht 4 ^ _ statt 4 _ w und in dem 2. Falle 'Quid 
ergo miserrima quid facerem' fehlt auch die Pause. 

V. Trochaeische Siebensilber (7 v— ). 

Wie der erste Theil (8 — ^) der trochaeischen Fünfzehn- 
silber, so wurde auch der zweite Theil, der trochäische Sieben- 
silber, abgetrennt und einzeln zu Gedichten verwendet. *) 

V, 1. Hibernicus Exul. Carol. I p. 399. 'Versus Caroli Im- 
peratoris'. 48 Z. oder vielmehr 24 Langzeilen von 7 w — -\- 
7 w — , da je der 2. Vers den Reim hat. Derselbe bindet je 
2 Langzeilen und ist zweisilbig, ja meistens sind auch die 
Vocale der drittletzten Silben gleich. In den 48 Zeilen sind 
h 0, 19 Tw und 4 Mal 7— ^ statt 7 w_ (doch stets in der 
1. Hälfte der Langzeile). V, 2. In Dicuils Computus, über 
den Dümmler Ueberl. S. 256 genauere Nachricht gab, finden 
sich Buch II cap. XIIII folgende Zeilen, die nach Hellers, von 
Prof. Dümmler gütigst mir mitgetheilten, Abschrift lauten : De 
yrnpno per rythmum facto. 

Ceu tesserae in pirgis mutantur ludificis 



1) Bartsch hat auch diese Zeilenart (7 w {- 7 w — ) für national 

keltischen Ursprungs angesehen (vgl. Zeitschr. f. rom. Philol. III p. 383)* 
Dagegen G. Paris in Romania 9 p. 187. 



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92 Sitzumj der philos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

Sic hae partes in istis moventur versieulis. l ) 

Pulcherrimain auream non habeo aleam. 

Aleas quas habeo tibi donare volo. 

Domino caeli gloria atque terrae perpetua. 
Es sind 8 Siebensilber und 2 Achtsilber (8 w — ) mit einsilbigem 
Reim. Darin 2 h. Von den Siebensilbern haben 3 unreinen 
Schluss, von den 5 Zeilen zu 7 w _ haben 4 Tw. V, 3. 
Dümmler Zs. 23, 156. Katechismus 'de laude dei\ alphab. 
23 Str. zu 2 Z. mit dem Refrain 'Benedictus dominus Christus 
dei filius'. Gänzlich verwildert. Es sind hauptsächlich Zeilen 
zu 7 w — mit ziemlich vielen h und Tw. Doch sind Zeilen 
zu 7 — w, 8^ — , 8 — w, ja auch 9 — w darunter gemischt, 
die man weder durch Annahme von Silbenzusatz noch von 
Elision oder Vokalverschmelzung alle in das Schema von 7 w __ 
bringen kann. 

VI. Sapphische Zeilen (5 — ^+6 — ^). 

Interessant und lehrreich ist es, die Umwandlung der 
quantitirendeu sapphischen Strophe in die ryth mische zu 
beobachten. Das Schema der sapphischen Zeile war zuletzt 

— «- | ww — w — w: Jäm satis terris | nivis ätque dirae. 

Die Caesur ward zur Pause. Der Anfang v, w der zweiten 
Halbzeile musste dem rythinischen Dichter zu — ^ werden, 
also nivis ätque dirae. Da ein ans 2 oder mehr Längen 
bestehender Schluss im Lateinischen stets auf der vorletzten 
Silbe betont ist, so wurde der Schluss der ersten Halbzeile 

zu — , also Jam satis terris; das geschah um 

so lieber, weil nun die Basis der ersten 3 Zeilen der 4. Zeile, 
dem Adonier, gleich und so der ganze Aufbau der Strophe- 
klarer wurde. . Diese gar nicht so üble, neue rythmische 
sapphische Strophe zu 5 — ^ + 6 — « , 5 — ^ + 6 — v, , 
5 — ^ + 6—^, 5—^ hat also dieselbe Silbenzahl und 
Caesur und denselben Zeilenschluss wie die quantitirende 
und ist doch im Tonfall von jener alten ziemlich verschieden. 
Wir sehen hier auch, wie zwei verschiedene quantitirende 



1) nemlich in den vorausgehenden hexametrischen Spielereien. 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Rythmen. 93 

Zeilenarten in der rythnrischen Dichtung zu einer werden. 
Denn die rythmische sapphische Zeile ist so mit dem kata- 
lektiscben jambischen Trimeter w_w__w | __w__w_w gleich 
geworden, vgl. Jam sätis terris nivis ätque dirae 

und Trahuntque siccas raächinae carinas. 

VI, 1. Theodulfus. Carol. I p. 578 a. 818. 9 sappb. Str. 
In den 8 ersten Str. 5 — ^ 21 Mal — ^ w — w, und nur 3 Mal 

, in7w_3Tw. h 0. Dann Str. 9 Vale Ermen- 

gardis regina et augusta, Et tui tecum in seculo nati : Idcirco 
nostri in dulcedine cordis Semper habemus, also 3 Elisionen 
und 3 Tw. VI, 2. Ozanam Documents p. 239 S. Sylvestri. 
15 sapph. Str. b 8. in 6— w Tw 2? VI 3. Cambridger 
Lieder No. XXVIII Carmen aestivum. 5 sapph. Str. h. 1. 
Tw 2 in G— w. 

VIF. Verschiedene Trochaeische Zeilen. 

VII, 1. 8— - + 6_-. Gotschalk, Du Meril 1843 p. 177. 
19 Str., die alle beginnen 'Deus miseri. Miserere servi' und 
scbliessen 'Heu quid evenit mihi. Dazwischen stehen 4 Zeilen 
zu 8 — w. 6 — ^, 8 — w, 6 — w. Die Refrainzeilen und diese 
Zeilen scbliessen allesammt mit i. Dass die beiden .Kurzzeilen 
8 — w -j- 6 — w eine Langzeile bilden sollen, geht daraus her- 
vor, dass die Halbzeilen zu 6 _w in den Str. 1 — 13 stets mit 
zweisilbigem Reim (10) oder zweisilbiger Ass. (3) scbliessen. 
h 10. 8 Tw in den 38 Z. zu 8— -, 10 in den 38 Z. zu 

[*^ VII, 2. Gaston Paris und Jules Lair in Bibl. de l'ecole 
d. chartes 31 p. 389. 'Laxis fibris resonante 1 a. 942. 11 Str. 
von 3 Z. zu 12— w -f 1 Z. 8_w, dazu Refr. Cuncti flete 
pro Willelmo Innocenter interfecto. Dazu eine 12. Str. von 4 X 
12—^. Im Schlüsse der 4. Z. ist meist Ass. Sowohl die Z. 
zu 12 — w als die zu 8 — w zerfallen meist in 4 — w -[-4 — w. 
h ziemlich viel. 

Till. Jambische Achtsilber (8 v— ). 

In der späten quantitirenden Poesie wurden jambische 
Dimeter sehr oft, Glykoneen oft zu Gedichten verwendet. 
Nach der ersten Zeilenart oder nach beiden wurden die 



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94 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

jambischen Achtsilber gebildet (vgl. S. 55). Ein Gedicht 
mit rein jambischem Falle kenne ich nicht; nur sehr wenige, 
in denen eine bescheidene Anzahl von Tdktwechsel ist (vgl. 
No. 6. 8. 9. 12) ; in der Regel beginnt die Zeile ebenso oft 
mit — w als mit «— , ja manchmal öfter mit — « (vgl. 
No. 1. 13. 15. 16. 22. 24), so dass meist nur Silben ge- 
zählt wurden. Auch der Schluss ist oft unrein; vgl. No. 
12 — 30. 2. 5. 8. 9. Zweisilb. Reim oder Ass. findet sich 
in No. 1. 4. 8. 9. 10. 13. 15. 17—25. Einsilb. Ass. in 
No. 2. 9. Tiradenreim in No. 27; vgl. 13. 16. 26. 28. 
gekreuzte Reime hie und da in No. 30 (vgl. No. 29). Je 
2 Zeilen sind gereimt in No. 4. 5. 6. 7. 11. 17. 1., je 4 
in No. 8. 14. 15. Die Zeilen treten zusammen in Gruppen 
von je 2 in No. 17 — 26, von je 4 in No. 1—6. 8—12. 14. 
15. 27. 29. 30., je 6 mit Refrain in No. 16, je 8 oder 10 
mit Refrain in No. 13, je 12 in No. 26. Die Initialen 
der Strophen bilden die Buchstaben des Alphabets in No. 2. 
13. 26. 29., wobei in No. 13 die sämmtlichen Zeilen von 
A und D mit A und D beginnen ; in No. 22 bilden die 
Initialen von 9 Zeilen das Wort Nithardus. 

VIII, L Dicuil im Computus, a. 814, Dümmler Ueberl. p. 257. 
28 Z. oder vielmehr 14 Langzeilen, da nur jede 2. Zeile zu 
8 ^ — durch den Reim gebunden ist. Dieser ist 2 Mal ein- 
silbig, 5 Mal zwei- und dreisilbig, h 4. 1 7 Tw. VIII, 1 a. In 
XV, 1 finden sich 20 Z. zu 8 w — , von denen 16 als — ^ — ^, 
w — w __ und nur 4 als w — w — w — ^ __ betont sind. VIII, 2, 
Dümmler Hymnus III. de monachis. alphab. 24 Str. zu 4 Z., 
mit 2, 3 oder 4 Ass. 5 h. Viele Tw. 8 — w in f, 1. VIII, 3. 
Ozanam Documents hat p. 236 einen Hymnus von 8 Str. zu 
4 und p. 252 einen von 9 Str. zu 4 aus einer Handschrift 
des IX. Jahrb. gedruckt. VIII, 4. Cambridge No. VII Eccl. 
Trevirensis a. 1028 — 1035. 44 Z. reimend Zeile für Zeile mit 
ein-, meist zweisilbigem Reim, h 7. Tw 15. VIII, 5. Cambr. 
XI de Johanne abbate. 50 Z. Der einsilb. Reim bindet je 2 
einzelne Zeilen. Nur in 12 Z. bindet er jede 2. Zeile, also 
6 Langzeilen von 16 Silben, h 0. 1 Mal nee veste nee eibo 
frui. VIII, 6. Cambr. XXIX Verna suspiria. 6 Str. zu 4 mit 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 95 

Reim zu 2 oder 4. h 1. Tw 8. VIII, 7. Petrus Damiani 
(Migne 145) hat viele Gedichte in 8 ^ — geschrieben. Sie sind 
Zeile um Zeile ein- und mehrsilbig gereimt, h ist selten, Tw 
häufig, 8 — w nicht eingemischt. VIII, 8. Sudendorf Registrum 

1 p. 49 a. 1080. 4 Str. zu 4 Z. mit zweisilbiger Ass. (nur 2 Z. 
mit einsilbiger Ass.). h 0. Tw nur 4. 1 Mal 8 _ ^ . VIII, 9. 
Sudendorf I p. 55. Venite cuncti, a. 1084. 19 Str. zu 4 Z. mit 
ein- oder zweisilbiger Ass. h 10. Tw nur 9. 1 Mal 8 — w. 
VIU, 10. Du Menl 1843 p. 297 'Jerusalem mirabilis' c. a. 1095. 
9 Str. zu 4, meist mit 2 silb. Reim, h 2. Tw 20 (8 ~ w 2,4: 
conserens?). VIII, 11. Anselm Canterb. Migne 158 p. 931 =- 
Mone No. 621. 58 Str. zu 4, gereimt (ein- und zweisilbig) zu 2. 
h etwa 11. Migne p. 965 = Mone No. 627: 44 Str. zu 4, 
gereimt zu 2 (hie und da nur Ass.). 16 h. Migne p. 1035 = 
Mone No. 422—429: 17 Str. zu 4, gereimt zu 2. h 0. 

Jambische Achtsilber mit unreinem Schlüsse. 
VIII, 12. Daniel I, 85 <Rex aeterne', von Beda citirt, 16 Str. 
zu 4. h ziemlich viel. Tw 14. 3 Z. zu 7 w — und 3 Z. zu 
8 — ^ , meistens emendirt. VIII, 13. Bench. p. 139 de S. Com- 
gillo. alphab. 21 Str. zu 8, 2 (AB) zu 10, 1 (J) zu 7 Z.' + 
Refrain von 2 Achtsilbern. In A u. D fangen alle Z. mit A 
u. D an ; vgl. J. K. Reim meist zweisilb. Ass. in der ganzen 
Str. h 28. Tw 120, dazu 18 Mal 8_w. VIII, U. Bench. 
p. 133. hymnus mediae noctis 14 Str. zu 4. h 7. Tw 20. 
8 — w 8 Mal (corr. Dicamus laudes domino. und Quae stulte 
vero remanent, Extinctas habent lampades). VHI, 15. Bench. 
p. 143 Collectae. 10 Str. zu 4 mit (oft zweisilbigem) Reim. 
12 h. Tw 28. 1 Mal 8-~. VIII, 16. Benchur p. 159 Me- 
moria abbatum. 1 Str. zu 8, 5 Str. zu 6 ; dazu Refrain von 

2 Achtsilbern. (Ohne die Eigennamen :3 h. Tw c. 25. 3 Mal 
8 _ - ). Einsilb. Reim in allen Z. der Strophe. VIU, 17. Jaffe 
Bibl. rerum Germ. III p. 38 'Rector casae 1 vor 706. 200 Z., 
von denen stets 2 durch (oft zwei, ja dreisilbigen) Reim ver- 
bunden sind, h 18. Tw viele. 8— - c. 10 Mal. VIII, 18. 
ebenda p. 41, vor 706. 'Nuper dein 1 . 184 Z. ; ähnlicher Bau 
und Reim wie No. 17. 8_w c. 18 Mal. VIII, 19. ebenda 
p. 44 'Summum satorem' 46 Z. ; ähnlicher Bau und Reim. 
8 — w 2 Mal. VIU, 20. ebenda p. 45 an Aldhelm «Aethereus 
qui\ 78 Z. Bau und Reim ähnlich. 8_w 7 Mal. VIII, 21. 
ebenda p. 46 an Aethilwald 'Vale vale\ 78 Z. mit ähnlichem 
Bau und Reim. 8 — w 3 Mal. VIII, 22. ebenda p. 52 Boni- 



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96 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

facius c. 716 'Vale frater'. 28 Z. die Initialen von 9 Z. bilden 
den Namen Nithardus. Je 2 durch (oft zweisilbigen) Reim ver- 
bunden ; 1 Mal fehlt der Reim, h 3. Tw 15. VIII, 23. ebenda 
p. 308. vor 786. «Vale Christo'. 12 Z., je 2 durch (meist 
zweisilbigen) Reim verbunden. 7 mit Tw, 1 ohne Tw, 3 zu 
8_-. VIII, 24. ebenda p. 312. Berthgyth «Vale vivens' 
20 Z. zu 2 mit ein- und zweisilbigem Reim. 6 ohne, 14 mit 
Tw. h 2. VIII, 25. ebenda p. 314 Berthgyth 'pro me quaero\ 
16 Z. zu 2 mit Reim (der in 4 Z. fehlt), h 5. 1 Z. ohne 
Tw, 15 mit Tw. VIII, 26. Boucherie Melanges p. 15 u. Reiffer- 
scheid Bibl. ital. II, 80. Altus prosator' alphab. 23 Str. zu 
12 Z. mit Reim, der in der Regel nur 2 Z. bindet, h und Tw 
viele. 8_w c. 16 Mal. VIII, 27. Du Muril 1843 p. 255 
c. a. 850 'Dulces modos'. c. 150 Z. zu 4. Reim in 1 — 24 a, 
25 — 30 und 33 — 48 us, sonst meist zu 4 oder 2. h 5. Tw 
viele (14 in den 25 ersten Z.), 10 X 8 _ „. VIII, 28. Du 
Meril 1843 p. 266 <o Fulco' c. a. 900. 76 Z. Reim verbindet 
bald 7 bald weniger Z. h 9. Tw 32. 8 _~ 3 Mal. VIII, 29. 
Mone I, 395 aus der Darmstädter Hsch. saec. IX — Cambridge 
No. XXIII. 'Audax es vir iuvenis'. alphab. 23 Str. zu 4. In 
der Cambridger Hschr. ist der Text sehr geglättet, besonders 
sind Reime (auch gekreuzte) hereingebracht. Diesen Text hat 
Jaffe wieder geglättet. Ich halte mich an den Text Mones, 
der sehr roh ist. Ass. bindet oft je 2 Z., oft fehlt sie. h viele. 
Etwa 6 Mal nur 7 -— , 9 Mal 9, 2 Mal 10 und 11 Silben. 
8 __ ^ findet sich 7 Mal. VIII, 30. Psalterium Mariae unter 
den Schriften des Anselm Cant. (Migne 158 p. 1038). 632 Z. 
in Str. zu 4 Z., gereimt bald 1:2. 3:4, bald 1:3. 2:4 
mit einsilbigem Reim, h nur wenige. Dagegen sehr viele Tw. 
Sehr oft 8 — ~, z. B. in den 100 ersten Zeilen 45 Mal. Dem- 
nach stammt entweder dieses oder die andern Gedichte (VIII, 
11 u. I, 28) nicht von Anselm. 

IX. Siebensilber mit trochaeisckem Schlug» (7 — ^ ). 

IX, 1. Bench. p. 156 Versiculi familiae Benchuir. 10 Str. 
zu 4 Z. oder vielmehr zu Langzeilen mit gekreuztem Reim 
der Art: 

Vere regalis aula variis gemmis ornata 
Gregisque Christi caula patre summo servata. 
Stets sind die Vocale der beiden letzten Silben gleich und alle 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 97 

40 Z. enden auf a, die Consonanten zwischen den beiden letzten 
Silben sind oft ungleich. 7 « — statt 7 — « haben 3 Z., von 
den übrigen haben 16 den Tonfall — « ^ — « — ^ und 31 
— w — ww — w, so dass in diesem Gedichte die auch in der 
quantitirenden Poesie zu ganzen Gedichten verwendeten Phere- 
krateen rythmisch nachgebildet sind, h 8. Mehrere Vokalver- 
schmelzungen finden sich. IX, 2. Aus Dicuils Computus II 
cap. 7 (a. 815) hat Dümmler Ueberl. p. 258 (Ymnus per 
rythmum f actus) 12 Z. gedruckt, die ebenfalls als 6 Langzeilen 
zu fassen sind. Jedes der 3 Paare von Langzeilen hat am 
Schlüsse reinen zweisilbigen Reim ; die vorderen Halbzeilen 
reimen einsilbig mit: 

Gaudeo transiisse latos in campos prosae 
Viam perlustrans plene loquelae spaciosae. 
h 0. Der Tonfall ist nur 2 Mal jambisch ^ _ w __ w — ^ , 2 Mal 

v « w . _ w und 8 Mal — « ^ « — w . 

IX, 2 a. In dem Hymnus auf den h. Gallus (XIV, 1) wird 
die 2. Zeilenhälfte 37 Mal von Zeilen zu 7 — ^ gebildet, die 
merkwürdiger Weise stets den reinen jambischen Fall « — ^ — 

« — w haben. IX, 3. Petrus Damiani Migne 145 p. 937 No. 61, 
de Maria. 26 Str. zu 4 Z., je 2 durch zweisilb. (selten einsilb.) 
Reim oder Ass. verbunden, h 5. Von den 104 Z. haben 50 
den jamb. Tonfall ^ — ^ — ^ — ^. 26 — ww — ^ — ^ 24 — ^ — 

v w __ w . IX, 4. Du Meril 1854 p. 283 De resurrectione 'Audite 
omnes gentes'. alphab. 23 Str. zu 4 Z. -\- Refrain 'Jam Christus 
resurrexit'. Je 2 Zeilen sind durch zwei- oder einsilbigen Reim 
oder Assonanz verbunden. Der Text ist sehr schlecht, doch 
scheint es sicher, dass einige Zeilen mehr, einige weniger als 7 
Silben haben, einige mit ^ — schliessen. IX, 5. Unter den 
Schriften des Columban (Migne 80 p. 293) ist ein Gedicht 'de 
vanitate vitae' gedruckt, 29 Str. zu 4 Z. oder eher zu 2 Lang- 
zeilen, da je die 2. und 4. Kurzzeile meist durch zweisilbige 
Ass. verbunden sind. Das Ganze ist sehr roh, im Anfang sind 
mehr Zeilen zu 7 — ^ , gegen Ende mehr zu 7 w _ , darunter 
einige zu 8 ^ — und 8 — ^ . 

Langzeile zu 7 — " -\- 7 w — . 

IX, 6. Boucherie Melanges p. 6 aus einer Hschr. saec. VIII. 
2 Gedichte, a) 'Portatus sum ut agnus', 14 Langzeilen, je 2 
einsilbig gereimt, b) { A patre missus' 6 Str. von je 2 Lang- 
zeilen (zu7-u -|-7 w~) mit einer Schlusszeile zu 7u_ mit 

[1882. 1. Philos.-phüol. hist. Cl. 1.] 7 



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98 Sitzung der philos. -philo!. Classe vom 7. Januar 1883. 

einsilbigem Reim in den 3 Zeilen. In a) und b) h 6 ; von den 

26 Z. zu 7_u haben 19 den jamb. Tonfall, 5 ~ — ^ 

und 2—^ — ^ w__o; von den 32 Z, zu 7 «- haben 10 Takt- 
wechsel. 

Langzeile zu 6 — « + 7 — w . 

iX, 6a. In XIV, 1 besteht die 3. Zeile der 24 Strophen 
aus G -f" ' Silben. In der ersten Halbzeile haben 10 Str. 
6—^ (mit 1 Tw), 14: 6 w— (mit 7 Tw); die zweite hat 
trochäiscben Schluss und in 6 Str. den/ Tonfall o — ^ — ^ — w, 
in 9 — ^ — v/o — <^, in 7 — ^ ^ — ^ — ^ . 

X. FUnfsilber mit trochaeischem Schlüsse (5 — w ). 

Diese Zeilen, die Adonier, wurden in der quantitirenden 
Poesie der späteren Zeit oft selbständig verwendet. Auch 
in der rythmischen Poesie waren sie beliebt, da sie ja auch 
in den so häufigen jambischen Trimetern (II), in den sapphi- 
schen (VI) und alcaeischen (XI) Zeilen die Basis bildeten. 
Schon Virgil Maro hat sie mehrfach verwendet (S. 76). Thr 
Tonfall scheint fast ebenso oft ^ — ^ — « als — ^^ — ^ 
zu sein. 

X, 1. Den troch. Ftinfzehnsilbern Bench. p. 142 (oben I, 30) 
folgt eine Schlussstrophe 

Patricii laudes semper dicamus 
Ut nos cum illo senvper vivamus' 
offenbar Doppelzeilen von je 2 Fünfsilbern mit zweisilbigem 
Reime. Vielleicht finden sich solche auch in dem Gebete p. 152 
post benedictionem trium puerorum. 

Deus qui pueris fide ferventibus 
flammam fornacis frigidam facis 
(et) tribus invictis morte devicta 
precamur nobis aestibus carnis 
talem virtutem praestes adustis 
per te Jesu Christe qui regnas etc. Zuerst je 2 Dactylen 
(= Asklepiadeern XII), dann 8 Fünfsilber, in denen ich nur 
forn. fl. umgestellt und et getilgt habe. 

X, la. In XIV, 1 sind die Zeilen gern aus zwei Fünfsilberri 
gebildet, von denen über 100 den Tonfall — ^ ^ — ^, etwa 
17: ^_ u — ^ haben. X, 2. Cambridge No. I (Müllenhoff u. 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 99 

Scherer Denkmäler No. XXV). 11 Str. zu 6 Z., mit einsilb. 
Reim in je 2. h 5. 33 Z. za - w u — w, 23 zu v — v — u. 

Elfsilber mit troch. Schlags (Phalaecische Verse) (6 + 5 — « ). 
Die in der späteren quantitirenden Poesie oft gebrauchte 
Phalaecische Zeile -_^_^^_ ^_^__^ (vgl. Hagen Car- 
olina medii aevi S. 39) hat oft Einschnitt nach der 6. Silbe. 

X, 3. Heribert, Bischof von Eichstädt 1021—1042, Migne 
141 p. 1370 No. II und III. No. II 'Mare fons ostium' 7 Str. 
zu 3 Z. h 4. No. III 'Ave flos virginum' 5 Str. zu 3 Z. hl. 
Jede Zeile zerfallt in 6 und 5 Silben. Die erste Halbzeile, die 
Basis, ist schwankend im Rythmus, 17 X 6 w — ( ü — w — u — 
11, — u u — v.» — 6) , und 4 X 6 — ^ ( — ^ — w — ^ 3 , v — 
ww — v 1), die 2. Halbzeile hat stets troch. Schluss und 18 
Mal den Tonfall ~^-u 3 MaK-v-w. In No. III sind 

11 erste Halbzeilen zu 6 ^ — (w v, u — 5, — w v — u — 6), 

4 zu 6 — ^ (_u_-u-_u 3, u_-o u — u 1); die 2. hat 14 
Mal den Tonfall — u v — v , 1 Mal ^ — v — v, . Der meistens 
einsilbige Reim bindet die ungleichen Halbzeilen 6:5, nicht 
die Schlüsse der Langzeilen. 

XI. Alcaeische Zeilen (5 — - + 6 - -). 
% Regelmässiger daktylischer Tonfall war in der rythmi- 
schen Poesie nicht zugelassen. Daher wurde — ^ ^ — ^ — 
mit Beibehaltung des Schlusses ebenso oft ^ — - « — ^ — betont. 

Das. Schema der rythmischen alcaeischen Zeile ist also 

\j — kj 

— ww_v, | — w w __ w _ . Gedichte in selbständigen quanti- 
tirenden alcäischen Zeilen finden sich manche; siehe Mone 
No. 573. Rythmisch betonte alcäische Zeilen fand ich bis 
jetzt nur in einem älteren Gedicht: 

XI, 1. Dümmler Hymnus II. de adnuntiatione Mariae 
alphab. 23 Str. zu 2 Z., die meistens durch einsilb. Ass. ge- 
bunden sind, nebst dem Refrain Beata virgo | et dei genetrix. 
Der Text ist leider vielfach entstellt und unverständlich (vgl. 
Str. E. H. J). Die zweite Halbzeile hat stets 6 Silben (12, 1 
corr. Magi occurrunt | ferentes munera : offerentes cod.) mit 
dem richtigen Schluss v — ; 12 haben den Tonfall — ^ w — v _, 
die andern ^ — v — u — . Die erste Halbzeile, die Basis, ist 



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100 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

wie in X, 3 schwankend und das nicht nur im Rythmus, son- 
dern auch in der Silbenzahl. Von 43 Zeilen sind 33 richtige 
Fünfsilber mit troch. Schluss 5 — ^ ( 5 v __ kommt nicht vor ; 
22, 1 corr. Ymnum et laudes, laudibus cod.), 24 zu — ^ v — ^, 
9 zu ^ — < — v; 10 sind Sechssilber, h viel. 

XII. Asklepiadeische Zeilen 6 « — (- 6 « — . 
Der Scblu&s — ^ v, _ ist in ry thnrischen Versen unmög- 
lich. Denn alle mehrsilbigen lateinischen Wörter sind ent- 
weder auf der vorletzten oder drittletzten Silbe, keines auf 
der letzten oder viertletzten Silbe betont ; einsilbiger Schluss 
ist aber überhaupt selten gestattet, der von schwerbetonten 
Wörtern gebildete fast gar nicht, und selbst, wenn er ge- 
stattet wäre, würde andere Betonung eintreten ; so ver- 
wandelt sich omnibus rex zu omnibüs rex. Desshalb 
musste der Schluss — ^ ^ — in den rythraischen Gedichten 
zerfallen, und er zerfiel in der beliebten asklepiadeischen 
Zeile — « — v » — |__w^_w_ so, dass der Schluss ~ — 
gewahrt wurde, die Zeile also den Tonfall « — v,_ ^— oder 
_^ w__w__ bekam, folglich der zweiten Halbzeile absolut 
gleich wurde. Dadurch wurde das lebendige Maecenäs atavis | 
edite regibus zu dem eintönigen Alexandriner: Cunctärum 
ürbiüni | excellentissima, welchen nur die Abwechslung von 
— u v — \j — und ^ — v> — kj — belebt. 

XU, 1. Eiese Anthol. II p. XXXIX. Du Märil 1843 p. 239. 
(No. II auch Cambridge No. XXX). 2 Gedichte: I <0 Eoma 
nobilis' 3 Str. zu 6 Z. mit gleichem einsilb. Reim in den 6 Z. 
(in der 2. Str. 2 silb. Asson. i— er), h 0. Von den 36 Halb- 
zeilen zu 6 c/ — haben 20 v w — w — , 16 w — ^ — w — II. 'O 

admirabile' 3 Str. die erste zu 6 Zeilen mit dem Reim 'olum', 
die 2. zu 7 Z. mit dem Reim *e — im', die 3. Str. zu 6 Z. mit 
dem Reim us. h 0. 4 Zeilen nacheinander haben deD unreinen 
Schluss polum, solum, dolum, colum ; die Zeile Quo fugis amabo 

ist falsch. Von den 38 Halbzeilen zu 6 haben 14 den 

Tonfall — c v — w — 

XII, 2. S. Zenonis Sermones ed. Ballerini p. CLI , de 
Zenone. alphab. 67 Z. hie und da mit Reim. Der Text ist 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über Iah Rythmen. 101 

sehr verdorben. Die 2. Halbzeile ist meist rein, besonders der 
Schluss; die 1. Halbzeile ist wiederum (vgl XI, 1) schwankend; 
sie schliesst nicht nur mit Trochäus, sondern zählt hie und da 
sogar 7 Silben. 

XII, 3. Mone 1014 de Kiliano. 8 Str. zu je 3 asklep. 
Zeilen und 1 Achtsilber mit jamb. Schluss. Wegen der reichen, 
theilweise gekreuzten Reime, die alle Halbzeilen und den Acht- 
silbef binden, kann ich das Gedicht nicht für sehr alt halten; 
doch fällt es wegen der unreinen Reime (meist zweisilbige Ass.) 
wohl noch in den Anfang des XII. Jahrhunderts. 

XIII. Verschiedene neue Zeilen. 

XIII, 1. 9 c- — Dtimmler Zs. 23 p. 264. (bei Du Meril 
1847 p. 10 anderer Text). Audite versus parabolae. 6 Str. zu 
5 Z. mit Ass. in den meisten Zeilen, h 4. Bei Dümmler haben 

von den 30 Zeilen 29 den Tonfell — ^ « __ ^ w — w , ni *r 6> 1 
Si tantum vixisses tili mi. 27 haben Pause nach der dritten 

Silbe, nur in 4, 5. 6, 2. 6, 5 fehlt sie. Also ist das Schema 
__ \j \j 

^ — ^ -}" — ^ w — w — » vielleicht eine rythmische Nachbildung 
einer quantitir enden Zeile von 3 Daktylen. 

XIII, 2. Coussemaker Hist. de Tharmonie p. 108 gibt 2 
Versionen eines Gedichtes Jam dulcis amica venito, dessen 
Rythmus ich noch nicht erkannt habe. Es sind meist Z. zu 
9 — w, doch auch 9 ^ — und 10 w — Die Einmischung dak- 
tylischen oder anapästischen Tonfalls scheint regelmässig zu sein. 

XIII, 3. Dtimmler Zs. «23 p. 273 'Placidas fuit dictus'. 
44 Str. zu 5 Z. mit einsilb. Ass. in 3 r- 5 Z. Die 2. Halb- 
zeile ist stets sechssilbig und schliesst jambisch, sie hat 127 
Mal den Tonfall w — ^_. ^ — , 93 Mal — « ^ _« — Die erste 
Halbzeile schliesst stets trochäisch und besteht etwa 13 Male 
aus 7 Silben zu ^ — «_w__^. Die übrigen Zeilen schli essen 
mit — ^ w — «, welchen entweder 2 oder 3 Silben vorangehen, 
so dass entstehen 76 Siebensilber zu — « — « ^ — «, 32 Acht- 
silber zu — ww — v * — w sümite mödicum eibum, 90 Acht- 
silber zu w — w__w « — w in ipsis finibus örat. Vielleicht liegt 
eine Nachahmung des Paroemiacus zu Grunde, bei welcher nur 
das letzte Paar von unbetonten Silben festgehalten wurde ; vgl. 
No. 4. h viele, z. B. 14 in Z. 1 — 50. 

XIII, 4. In dem Codex Palatinus, Vatic. No. 833 saec. IX, 
stehen von fol. 49 an Epyt. civ. Piacent. Eccl. Beati Antonini; 



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102 Sitzung der philos.-philöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

unter diesen lautet eines fol. 51 A nach der von Prof. Eugen 
Bonnann gütigst mitgetheilten Abschrift : Epyt. 

Quis mihi tribuat, ut fletus cessent inmensi 
2 et luctus animae det locum vera dicenti? 

Licet in lacrimis singultus verba erumpant, 
4 de te certissime tuus discipulus loquar: 

Te generositas, minister Christi parentum, % 
6 te munda actio, Thomas, monstrabat honestum. 

Tecum virginitas ab incunabulis vixit, 
8 tecumque veritas ad vitae metam permansit. 
Tu casto labio pudica verba promebas, 
10 tu patientiam patiendo pie docebas. 

Te semper sobrium, te cernebamus modestum. 
12 Tu tribulantium vera consolatio verax. 

Errore veteri diu Aquilegia caeca 
14 Diffusam caelitus rectam dum rennueret fidem 

Aspera viarum nioguidosque montium calles 
16 Calcans indefessus glutinasti prudens scissos. 
4 loquor Gruter 6 actio Gruter, actis cod. 8 vitar inetam 
cod. 10 patientiam patiendo Meyer, patiens iam parcendo cod. 
11 cernebamus cod., retinebamus Gruter. 1 2- tribulantium Meyer, 
tribulantum cod.; vera scheint verderbt; eras? In diesem zu- 
erst von Gruter (pag. MCLXIX No. 6) edirten und von Troya 
(IV, III, 44) auf den in dem Gedichte von 698 (oben II, 22) 
genannten Thomas bezogenen Inschrift fand Corssen (Ausspr. II, 
1859, p. 397) schlecht gebaute Hexameter. Ich finde hier eine 
interessante rythmische Zeilenart, bestehend aus 2 Halbzeilen, 

zuerst einem Sechssilber mit jambischem Schlüsse ( v — v — u — ) 
und einem Achtsilber mit trochäischem Schlüsse, doch nicht 
aus 4 Trochäen bestehend, sondern aus dem Schlüsse — ^ v — w ; 
da a^uch die vorangehenden 3 Silben regelmässig den Tonfall 
w — yj haben, so liegt es sehr nahe, in dieser Zeile ^ — ^ — 
w v, — v eine rythmische Nachahmung des Paroemiacus zu sehen. 
Diese Zeile ist also die Umkehrung der in XIII, 3 zumeist an- 
gewendeten, h finden sich 3 ; Reim und Sinn gesellt die Zeilen 
1 — 10 zu Paaren. Zeile 1 — 11 sind rein, nur in Z. 4 Takt- 
wechsel in tuus. Zeile 12 — 16 weichen ab; der Schluss von 
12 — 15 ist richtig — v v — u, allein es gehen 4 Silben voran; 
in 13 diu kann wie in 10 patiendo Vokal Verschmelzung statt- 
finden; in 12. 14 und 15 scheint sich der Dichter 4 Silben 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Rythmen. 103 

statt der 3 gestattet zu haben, was, wenn er wirklich den 
Paroemiacus nachahmte, nicht auffallend wäre, also ninguidösqiie 
möntium cälles. In 15 ist der Anfang vielleicht herzustellen 
Viarum aspera. Gibt es eine andere rythmische Inschrift aus 
so alter Zeit? 

XIII, 5. Petrus Dam. (Migne 145) hat eine neue Zeilen- 
art :8w — -(- 7 o — in Strophen zu 3 Langzeilen, indem stets 
die ungleichen Halbzeilen ein- oder zweisilbig reimen. No. 40 : 
12 Str. zu 3 Z. Tw in 8 u_: 18, in 7 : 4. hl. No. 121 
fcorr. Z. 1 auratis deum ,— domini ed. — citharis) 12 Str. 
zu 3 Z. Tw 6 in 8 u— , 4 in 7. h 2. No. 172 : 3 Str. zu 3. 
h 0. Tw 3 in 8 u_, 1 in 7 u_. 

XIV. Schwankende Zeilen. 

XIV, 1. Das interessanteste Beispiel der S. 61 charakteri- 
sirten Compositionen von schwankenden Zeilen ist das in einer 
Handschrift zu Montpellier (saec. X — XI) erhaltene Gedicht 
über das Weltende 'Audi tellus' (hgb. von Paulin Blanc (1847) 
in den Mdmoires de la Soc. arch. de Montpellier II p. 450 bis 
510 mit vollständigem Facsimile ; ungenügend abgedruckt von 
Coussemaker Hist. de l'Harmonie p. 116; vgl. Fetis Hist. de 
la Musique IV p. 248 — 254). Es ist gleich merkwürdig wegen 
des Inhalts als wegen der beigeschriebenen Neumen und. der 
nicht erkannten Form, alphab. 24 Str. zu je 7 Langzeilen, 
von denen Z. 3 — 6 stets, Z. 1 , 2 und 7 oft in 2 Halbzeilen 
zerfallen. Einsilb. Reim oder Ass. bindet bald die Halbzeilen, 
bald die Langzeilen, bald fehlt er. Die 7 Zeilen bilden 5, fast 
ausnahmslos trochäisch schliessende Hauptgruppen, welche in 
der Handschrift meist dadurch angedeutet sind, dass über die 
betonten, vorletzten Silben in den Neumen das Zeichen n oder 
f geschrieben ist. Die I. Periode, der Eingang der Strophe, 
besteht aus den beiden ersten Zeilen, die beide trochäisch 
schliessen, 21 Mal reimen und deren Ende durch das Zeichen f 
über dem Schluss der 2. Zeile bezeichnet ist. Diese beiden 
Zeilen sind die unregelmässigsten. Die erste besteht in 9 Str. 
aus einer Z. von 9 — 13 Silben ohne Pause, in 14 Str. aus 
der in diesem Gedicht sehr beliebten Verbindung von zwei Fünf- 
silbern mit troch. Schlüsse (5 — ^ -f- 5 — «), in G aus 5 — ^ 
-\- 6 — w. Die zweite, kürzere Z. besteht in 5 Str. aus 10 bis 

• 1 4 — « , in 11 Str. aus 7—9 — ^ , in 7 Str. aus 5 — « + 
5 — ^ . IL Periode.) Die 3. Z. ist bezeichnet durch f im 



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104 Sitzung der phüos.-phüol . Classe vom 7. Januar 1882. 

Schlüsse der 2. Z. und n in ihrem eigenen Schlüsse. Sie ist 
die Hauptzeile der Strophe, denn in ihr allein haben die beiden 
Halbzeilen, in die sie stets zerfällt, ausnahmslos die gleiche 
Silbenzahl. Der Eythmus der Basis ist schwankend; in 10 Str. 
6 — w (mit Tw in Str. X), in 14 Str. 6 ^ — und zwar in 
7 Str. — w ^ , — « — und in 7 andern : w — ^ »_ « — . Die 
2. Halbzeile schliesst stets trochäisch ; l ) der eigentlich jam- 
bische Tonfall w _«__ v _ « ist nur in 6 Str. beachtet; 9 Str. 
haben — ^ — ^ ^ — «, 7: — ^ ^ , — « — ^ . Demnach sind ab- 
zuth eilen die Zeilen 

N Eorumque linguae claves caeli sunt factae. 
(vgl. II, 3 Paulinus Aqu. 'eorum linguae claves caeli factae 
sunt). 

R Erumpent locustae hactenus numquam visae. 

X Sanctorum cum eo agmina angelorum. 

Y Rapiet (capiet) aeternos Satanas cruciatus. 
III. Periode.) Im Schlüsse der 4. Z. steht 11 Mal das Zeichen n. 
Die beiden Halbzeilen reimen 12 Mal. Die erste Halbzeile be- 
steht stets aus 5_~, die 2. 13 Mal aus 5_^, 10 Mal aus 
6 Silben und zwar 3 Mal aus — w _ « __ ^ , 7 mal hat sie jam- 
bischen Schluss mit — ^ ^ — ^ __. IV. Periode.) Die 5. und 
6. Zeile in C enthalten ein Citat und sind unregelmässig. In 
12 Str. reimen dieselben, die 6. Zeile schliesst stets trochäisch 
und ist 21 Mal durch n bezeichnet. Die 5. Zeile besteht nie 
aus 5 — « -f- 5 — « , sondern die 1 . Halbzeile hat 3 Mal 5 — ^ , 

1 Mal 6 , 1 Mal 7 , 5 Mal 6 ~_, U Mal 7 «- (in 

E 8 — ^ ? in G ist zu schreiben quj cum sit de semine | natus 
iniquo); die 2. Halbzeile hat 8 Mal 5 — ^,3 Mal 6 — ^, je 

1 Mal 6 -— und 7—«, und 10 Mal 7 Die 6. Zeile 

bildet die erste Halbzeile 10 Mal aus 6 ^ — (5 Mal mit Tw), 
die zweite aus 6 — « in M O fi (mit Tw in ß) ; in den übrigen 
Strophen besteht sowohl die 1. wie die 2. Halbzeile aus 5— ^. 
(In G ist wohl zu stellen Dicet de virgine j se procreatum). 
V. Periode.) Die Schlusszeile reimt 14 Mal mit der 6. Zeile, 
sie schliesst trochäisch und ist im Schlüsse 21 Mal durch n 
gezeichnet. Sie ist meistens eine Langzeile ohne Pause (vgl. 
Z. 2) von 7 — 9—^, 4 Mal besteht sie aus 5— w -{-' 5— w. 



1) nur die überhaupt unregelmässige Str. C hat undique formidines; 
in Str. M 'candelabra lucentia 1 (bei Paulinus Aqu. 2, 1 candelabra luce 
radiantia) bildet ia eine Silbe. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und Über lat. Bythmen. 105 

Die verschiedenen Refrainzeilen haben theils jambischen, theils 
trochäischen Schluss mit Reim ; z. B. 

Veni benigne (veni ?) rex pie. 

subveni redemptis pretioso sanguine. 
(vgl. Paulinus Aquil., oben II, 3, purpurata precioso sanguine). 

Spes quibus ianuae nulla est reseranda (ae?). 

w _ 

Abgesehen von der feststehenden dritten Zeile zu 6 -« -[" 7 — ^ 
sind also besonders Fünfsilber mit trochäischem Schluss ver- 
wendet. Jedoch sind Halbzeilen eingemischt, in denen vorn 
oder hinten eine oder zwei Silben zugesetzt sind (6 — « , 6 ^ — , 
7 «_, 7 — w), wobei aber von den jambisch schliessenden Reihen 
nur einige zu 6 «.— im Schluss der 4. Zeile, die übrigen 
zu 6 ^ — und 7 w — nur in der 5. und in der ersten 
Halbzeile der 6. Zeile, und die Siebensilber mit trochäischem 
Schluss (7 — «) nur in der 8. Zeile zugelassen sind. Von den 
Ftinfsilbern haben über 100 den Tonfall — « - — «, etwa 17: 
^ — ^ — ^ . Der Dichter hat also in den entsprechenden Zeilen 
weder die Gleichheit des Tonfalles noch der Silbenzahl festge- 
halten, aber dennoch, wie z. B. der so verschiedene Charakter 
der 3., 4. und 5. Zeilen zeigt, Gesetze und Grenzen beobachtet. 
Vielleicht gelingt es noch durch genaueres Studium, welches 
dies merkwürdige Gedicht verdient, dieselben schärfer zu be- 
stimmen. l ) 

XIV, 2. Cambridge No. VI a. 1Ö28 de Heinrico coronato, 
13 Str. zu 3 Langzeilen; jede Langzeile zerfällt in 2 einsilbig 
reimende Halbzeilen. I. Langzeile 1) Halbzeile ist 4 — ^ 5 Mal, 
die Italia 1 Mal, 5—w 4 Mal, 6— w 3 Mal. 2. Halbzeile 
5 — w 5 Mal, die pia Gallia 1 Mal, 6—^7 Mal. II. Lang- 
zeile 1 . Halbzeile : cum Germania 1 Mal, 5 — « 6 Mal, 6 — « 
1 Mal, 6^—5 Mal. Zweite Halbzeile: 5-« 12 Mal, 7 - — 
1 Mal. III. Langzeile: 1. Halbzeile 5 — - 7 Mal, 6—^6 Mal. 
2. Halbzeile 5—- 10 Mal, 6^—1 Mal, 7 «— 2 Mal. Also 
12 jambisch schliessende Halbzeilen; sonst 5 Mal 4 — ^ in der 
ersten Halbzeile. Von den 44 Z. zu 5 — « sind 34 — « « — « , 
10 w — « — « betont, von den 16 Z. zu 6 — w 13 zu — ^ — « __ w , 
o zu *-» — — *-» v ^ . 



1) Vielleicht ist noch zu schreiben: Str. C2 (nee ullum) erit robur 
in illis. D5 Commeatns navium; cum raeatus cod. F3 laude dignus 
est (cod. et) pravus. K 3 Dividat (dividet cod.) O 4 in Sodoma (Apoc. 
XI, 8. cod. Edomes). 



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106 Sitzung der philos.-philol. Classe vom 7. Januar 1882. 

XIV. 3, Du Menl 1843 p. 156. Mtillenhoff und Scherer 
Denkmäler No. XII de S. Gallo. Ekkehard IV schreibt: Rat- 
pertus moDachus Notkeri condiscipulus fecit Carmen barbaricum 
populo in laudem S. Galli canendum, quod nos ut tarn dulcis 
melodia latine luderet quam proxime potuimus in latinum trans- 
tulimus. 17 Str. zu 5 Langzeilen, in denen die 1. und 2. 
Halbzeile ein- oder zweisilbig reimen, h nur 4, 1 und 17, 5. 
Der Bau der 4 ersten Zeilen der Strophen «ist gleich. Die 2. 
Halbzeile besteht 37 Mal aus 7—^, 30 Mal aus 8 ^— (nur 
8, 3 deum meum invocabo) und beginnt stets jambisch, so 
dass, das einzige Beispiel dieser Art aus so früher Zeit, alle 
Zeilen reinen jambischen Fall haben. Die erste Zeile ist 41 
Mal 6--, 24 Mal 7 -_, 3 Mal (7, 1. 8, 2. 3.) 7 _« (1, 2 
scheint misit an die Stelle des überzähligen unquam gesetzt 
werden zu müssen). Diese Halbzeile beginnt etwa 10 Mal mit 
« — , sonst mit — ^. Die 1. Halbzeile der 5. Langzeile besteht 
aus 6-w 12 Mal, 7_- 1 Mal, 7^-2 Mal, 8 -_- 14, 5, 
8 — w 16, 5 und beginnt stets mit — ^. Die 2. Halbzeile be- 
steht aus 6 — v 4 Mal, 7 u _ 7 Mal, 7 —v 4 Mal und je 
1 Mal 8 — ^ und 8 ^ — ; sie beginnt stets mit — ^ . 



Von den Strophen. 

Wie mühsam und langsam die rythmische Dichtweise 
von der Herrschaft der Formen der quantitirenden Poesie 
sich frei machte und sich eigene Wege bahnte, zeigt die 
Geschichte der Strophen noch deutlicher als die der Zeilen- 
arten. In den gleichzeiligen Gedichten des Horaz sind die 
Zeilen meist zm Gruppen von 4 Zeilen zusammengestellt, 
in dem Gedicht des Augustin sind je 10 oder 12 Zeilen 
gruppirt. So bilden auch die Zeilen der meisten rythmi- 
schen Gedichte gleichförmige Gruppen, die ich oben notirt 
habe: die troch. Fünfzehnsilber meist Gruppen von 3 Z., 
doch auch oft von 2 oder 4 Z.; die troch. Achtsilber 
Gruppen von 4, 6, 8, 10 oder 12 Z. ; die jamb. Trimeter 
von 2, 3, 4 und gern von 5 Z., die jamb. Achtsilber von 
2, 6, 8, 12 und besonders häufig von 4 Z. Auch die übri- 
gen Zeilenarten bilden gern Gruppen von 4 Z. ; doch finden 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 107 

sich auch Gruppen zu 3 (X, 3. XIII, 5. XIV, 2), zu 5 (XIII, 
1. 3) und zu 6 Z. (XII, 1. 3). Ferner wiederholte Augu- 
stin am Schlüsse jeder Strophe einen gleichlautenden Vers: 
in der quantitirenden Poesie ist die einfachste Strophenart 
die sapphische, in welcher drei gleiche Zeilen durch eine 
Kurzzeile abgeschlossen werden. Diese beiden Refrainarten 
finden sich auch in der rythmischen Poesie: die gleichen 
Zeilengruppen haben bald eine Zeile derselben Art zum 
Refrain (TI, 14. 15. 23. III, 3. 8. 5. V, 3. VIII, 13. 16. 
IX, 4. XI, 1. XII, 2. XIV, 2), bald eine andere meist kürzere 
(I, .18. 33. 44. II, 11. 26. VII, 1. 2. XIV, 3); zu den letz- 
teren gehören die sapphischen Strophen (VI) und die pseudo- 
sapphischen, aus drei Trimetern und einem Fünfsilber ge- 
bildeten Strophen (II, 1. 8. 9. 10. 12. 17. 19). Dann bilden 
bei Commodian die ersten Buchstaben der Zeilen oft Wörter, 
bei Augustin bestehen die Initialen der 20 Strophen aus den 
Buchstaben des Alphabets, Spielereien, die bei den späteren 
quantitirenden Dichtern nicht selten sind. Unter den alten 
rythmischen Gedichten sind viele Abecedarien, so unter den 
troch. Fünfzehnsilbern 13 Gedichte (in I, 30 bilden die An- 
fange der Halbzeilen das Alphabet), unter den Trimetern 
9 Gedichte (in II, 14 beginnt auch jede 2. Zeile mit dem 
betreffenden Buchstaben), unter den troch. Achtsilbern No. 3 
und 6 (in No. 6 beginnt auch die letzte Zeile der Strophe 
mit dem betr. Buchstaben), unter den jamb. Achtsilbern 4 Ge- 
dichte (in VIII, 13 beginnen in A und D sämmtliche Zeilen 
mit A und D) ; vgl. V, 3. IX, 4. XI, 1. XIV, 1; Namen 
oder Wörter bilden die Initialen in I, 2. 6. 41. II, 22 (in 
VIII, 22 die Initialen der Kurzzeilen). In den altirischen 
Gedichten I, 29. 31. 32 steht am Schlüsse eine Gruppe von 
Zeilen anderer Art. 

Strophenbildung zeigt sich erst spät. Wir finden 
aber abgesehen von den sapphischen und pseudosapphischen 
Strophen, die eigentlich nur aus gleichzeitigen Gruppen mit 



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108 Sitzung der phüos.-phÜol. Classe vom 7. Januar 1882. 

einem refrainartigen Schlüsse bestehen, nicht die Strophen 
der quantitirenden Poesie nachgebildet, sondern neue Arten. 
In dem sehr alten Gedichte IX, 6 folgen sich zwei Lang- 
zeilen zu 7 — ^ + 7 ^ — und eine Schlusszeile zu 7 ^ — 
mit Reim am Schlüsse der 3 Zeilen. Gotschdlk (VII, 1) 
lässt auf den stets sich wiederholenden Eingang deus 
miseri, miserere servi ein Paar Langzeilen zu 8 — ^ + 6 — v 
folgen und das Ganze durch den Refrain heu quid evenit 
mihi abschliessen. Die Halbzeilen zu 8 — ^ und zu 6 — ^ 
und die Refrainzeilen, alle reimen auf i. 

XV, 1. Ein anderes Gedicht Gotschalks *Ut quid iubes' (so, 
nicht quid iubes, nach dem Facsimile bei Coussemaker Hist. 
de 1'Harm. pl. II) bei Du M&il 1843 p. 253 besteht aus den 
Zeilen 8^ — , 8 ^ — , 8 — <-- , 8 — ^, 4 — ^ mit dem Eefrain 
cur iubes canere. Auch hier reimen alle Zeilen auf e. Der 
Bythmus von 942 (oben VII, 2) wiederholt dreimal die Lang- 
zeile von 4 — ^ + 4 — ^ + 4 — v , an die sich eine Zeile zu 
4 — ^ -j" ^ — v UQ d ei Q Refrain von 2 Zeilen zu 4 — ^ + 
4 — v schliesst. Es reimen die 3 Langzeilen und die erste 
Kurzzeile. 

XV, 2. Nur der strophenähnliche Bau, 6 + 6 + 8 Silben 
(Audi nos Rex Christe, Audi nos domine, Et viam nostram 
airige.) und der in den 3 Zeilen gleiche Reim ist es, wesshalb 
man den alten Pilgergesang bei Boucherie Melanges p. 33 noch 
zu den Rythmen rechnen kann. Denn sonst ist in diesen 38 
Strophen, von denen die ersten 6 alle mit e reimen, weder auf 
Rythmus noch auf Gleichheit des Zeilenschlusses geachtet. Im 
Hymnus auf den h. Gallus (XIV, 3) folgt auf 4 unter sich 
gleiche Langzeilen eine von diesen verschiedene Zeile. Das Merk- 
würdige ist, dass während die beiden Halbzeilen jener 4 Lang- 
zeilen ungleich sind und die erste meistens mit — ^ , die zweite 
stets mit ^ — anhebt, die beiden Halbzeilen der 5. Zeile ein- 
ander ähnlich sind und beide mit — ^ anheben. 

Endlich regt sich neues Leben. In dem Gedicht über das 
Weltende (XIV, 1) liegt sicherlich, so sehr die schwankenden 
Zeilen auch die Erkenntniss des Gesetzes erschweren, eine ziem- 
lich mannichfaltige Strophenform vor. Dies war gewiss die 
Folge jener kühnen Strophenconstructionen, die von den Se- 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über tat. Bythmen. 109 

quenzendichtern gewagt wurden. So finden sich in der Cam- 
bridger Sammlung unter die Gedichte in Sequenzenform meh- 
rere rythmische mit entwickelten Strophenformen gemischt. 

XV, 3. Cambridge No. XX, Rachel, ist nur ein Fragment 
von 2 1 ,'* Strophen. Auf 3 Langzeilen zu 4—^ + 4 — ^ -f- 

7 kj — folgen 2 Kurzzeilen zu 7 ^ — ; der gleiche einsilbige 
Reim bindet die 5 Zeilen, h und Tw findet sich nicht. 

XV, 4. Cambridge No. III de mortuo Heinrico II, a. 1024. 

8 Str. Auf zwei gleiche Zeilen zu 6 — ^ , die unter sich reimen, 
folgen eine Zeile zu 8 — ^ und eine zu 5 — ^ , die wiederum 
unter sich reimen. Diese 4 Zeilen wiederholen sich und dann 
folgt in jeder Strophe der Hexameter 'Heinrico requiem rex 
Christe dona perennem'. Der Reim ist meistens zweisilbig. 
Unter den 32 Sechssilbern finden sich 5 mit Taktwechsel und 
2 Z. zu 6 ^ — ; von den 16 Zeilen zu 8— ^ zerfallen 13 in 
in 4 — v ~\- 4—^, 2 haben Taktwechsel und 8, 2 lautet ut 
quiescat post obitum; die 16 Zeilen zu 5 — ^ haben alle den 
reinen Tonfall — ^ ^ — <~>. h 5. 

XV, 5. Petrus Damian, Migne 145 p. 939 No. 62. 5 Str. 
de Maria. Der hauptsächlichste Bestandteil ist die Zeile zu 

\j — 
7 v/ — . Es folgen sich nemlich eine Langzeile zu 3 — u -f- 7 v/ — , 

eine Kurzzeile zu 7 v — und 3 Langzeilen zu 4— ^ -}- 7 ^ — . 
Die 1. Zeile reimt mit der 2., die 3. mit der 4. und 5. Zeile. 
Der Reim ist meistens zweisilbig, h 2. Taktwechsel sind 6 in 
7 v — ; statt 4 — ^ steht 1 Mal 4 ^ — . 



Von den Rythmen des XII. und XIII. Jahrhunderts. 

Erstrecken wir auch die erste Periode der rythmischen 
Dichtung über 500 Jahre, so ist doch von den Erzeugnissen 
derselben nicht viel zu rühmen: der Bau der Zeilen ist 
meistens roh, der Reim nicht regelmässig und meistens un- 
bedeutend, die Zeilenarten wenige und nur Nachahmungen 
von altrömischen, die Strophenarten endlich äusserst wenige 
und unbeholfene. Das änderte sich um das Ende des XI. Jahr- 
hunderts. Die rythmische Dichtweise in lateinischer Sprache 
blühte ähnlich wie die in deutscher oder in den romani- 
schen Sprachen. Die epischen Dichtungen waren allerdings 



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HO Sitzutig der philos.-phüol. Clause vom 7. Januar 1882. 

fast alle den quantitirenden Hexametern aufgespart, allein 
die dramatische und insbesondere die lyrische Dichtung be- 
dienten sich der rythniischen Formen zum einfachsten Liede 
wie zum kunstreichen Leiche, zum frechen sinnlichen Ge- 
dichte wie zu den frommen Gesängen, welche noch jetzt 
von der Kirche festgehalten werden. Natürlich zeigen auch 
die Gedichte die verschiedensten Stufen von Kunstfertigkeit. 
Heiner von Lüttich hat sich noch um 1180 trochäische 
Fünfzehnsilber und jambische Sechssilber der Art erlaubt: 

Exscribensque communiter tuo quaeque libitu 

admisi poetico synaloephas passim ritu. 

Salutis amice Efficax medice. 
Er gesteht freilich, er habe die dazu gehörigen 480 Hexa- 
meter in 5 Tagen gemacht. Allein auf der andern Seite 
stehen hervorragende Meister. Von ihnen scheint mir bis 
jetzt Äbaelard der wichtigste zu sein, und es ist um so mehr 
zu bedauern, dass seine Gedichte theils so ungenügend theils 
noch gar nicht edirt sind. 1 ) In den kurz vor 1130 für 
Heloise und ihre Genossinen gedichteten Hymnen zeigt er 



1) L. Gautier, Les epopees Franc. I, 1878, p. 312 'ün grand 
nombre de Rhythmes inedits d'Abailard se trouvent dans le 'Breviaire 
du Paraclet 1 , qui est conserve a la Bibliotheque de Chaumont (Haute- 
Marne) 1 . Die folgenden Ausführungen werden zeigen, dass, so weit das 
bis jetzt veröffentlichte Material zu schliessen erlaubt, Abaelard's Ge- 
dichte weitaus die wichtigsten sind zur Beurtheilung der Frage, wie 
die Formen dieser Blüthezeit der rythmischen Dichtung sich gebildet 
haben; und wenn ich recht sehe, so sind sie auch von Wichtigkeit zur 
richtigen Beurtheilung der von den frühesten provenzalischen Dichtern 
angewendeten Formen. Die von Cousiu und bei Migne (178 p. 1775 — 
1816 genauer nach der Handschrift) gedruckten Hymnen lassen sich 
vielfach verbessern. Dass Greith die 6 Planctus sehr schlecht aus der 
Vaticanischen Handschrift Reg. 288 abgeschrieben hat, zeigte mir das 
Studium ihrer Rythmen und die Vergleichung des 3. Planctus, welche 
mein Freund E Monaci mir besorgte. Eine neue Ausgabe der gesammten 
Rythmen mit genauer Untersuchung ihrer Formen ist dringend zu 
wünschen. 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 111 

grosse Feinheit im Bau der Zeilen, überraschenden Reich- 
thum an verschiedenen Zeilenforinen, aber ziemlich einfache 
Strophenformen. Die Einfachheit in diesen hat er gewiss 
nur mit Rücksicht auf die Bestimmung dieser Hymnen ein- 
gehalten; denn in den Planctus, besonders dem 3. und 4., 
zeigt er seine Kraft auch im kühnen Aufbau von grossen 
Leichen. Die Gedichte, welche in dem göttinger Quaternio 
den Namen des Archipoeta tragen und die wenigen, welche 
ziemlich sicher dazu gehören, zeigen keinen besonderen 
Reichthum, aber hohe Reinheit der Formen, und der Dichter 
hat seine genialen Gedanken gewiss nicht so schnell in 
Worte gefasst, wie er sagt. Die reinsten und keuschesten 
Formen gab Adam von S. Victor seinen zum Theile noch 
jetzt fortlebenden geistlichen Dichtungen. Die Gedichte, 
welche in der Pariser Handschrift unter dem Namen des 
Walther von Chatillon vereinigt sind, zeigen keinen grossen 
Reichthum, wohl aber manche Unreinheiten der Formen, 
welch letztere nicht der schlechten Ueberlieferung oder Aus- 
gabe allein zuzuschreiben sind. Sind von den lateinischen 
Dichtungen des XII. und XIII. Jahrhunderts auch viele 
untergegangen, viele noch nicht veröffentlicht, so beweisen 
doch die gedruckten Sammlungen der Hymnen, die Carmina 
Barana und das, was einzeln besonders von Wattenbach 
veröffentlicht worden ist, den ausserordentlichen Reichthum 
der rythmischen lateinischen Dichtung dieser Zeit, so dass 
dieselbe im Verein mit ihrer Schwester, der quantitirenden 
lateinischen Dichtung, den Vergleich mit den nationalen 
germanischen oder romanischen Literaturen nicht zu schenen 
braucht. 

Diese reiche Thätigkeit hat sich auch einen wunder- 
baren Reichthum von Formen und mannigfache Gesetze 
für deren Anwendung geschaffen, und in deren allgemeiner 
Anwendung zeigt sich der internationale Charakter der 
lateinischen rythmischen Poesie. Es sind uns einige _ A&t 



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112 Sitzung der phüos-phüd . Classe vom 7. Januar 1882. 

leitungen für die Anfertigung rythmischer Gedichte er- 
halten, welche meistens ans den grosseren Anweisungen für 
schriftstellerische Thätigkeit, den Artes dictandi, genommen 
sind. Zarncke hat (in den Berichten d. sächs. Ges. d. Wiss. 
1871 S. 34 — 96) mehrere derselben veröffentlicht; sie lassen 
sich aas Handschriften vermehren und verbessern, wie z. B. 
die wichtigste Abhandlung bei Zarncke S. 55 — 81 nichts 
Anderes ist als ein sehr entstellter Auszug aus der Poetria 
des Magister Johannes Anglicus de arte prosaica, metrica 
et rithmica. 1 ) Allein diese Tractate sind spät entstanden 
und sprechen nur Weniges über einige Zeilenarten, dagegen 
viel Nutzloses über die Construction der einfacheren Stro- 
phen. So müssen wir fast Alles selbst aus den Gedichten 
zusammen suchen. Es ist nur natürlich, dass Formen, welche 
allen möglichen Gefühlen zum Ausdrucke dienten, in der 
verschiedensten Weise behandelt wurden. Von der Reimprosa 
an finden sich alle Zwischenstufen bis zu dem sorgfäl- 
tigsten Versbau; in den kecken Studentenliedern ist beson- 
ders in der Vagantenzeile, die aus einem trochäischen Sieben- 
und Sechssilber besteht (7^_ -f- 6— ^), oft dem einen 
oder dem andern Halbvers eine Silbe vorgesetzt ; der Schluss 
der Zeilen ist selten verletzt. Der Tonfall der Zeilen ist 
viel regelmässiger geworden ; die trochäischen Reihen haben 
weniger Tonwechsel und auch in den jambischen Reihen 
findet sich nicht mehr wie früher trochäischer Anfang in 
der Ueberzahl. Dann lassen sich bei den besseren Dichtern 
für die Anwendung des daktylischen Tonfalls, der bei Takt- 
wechsel entsteht, Gesetze aufstellen, die in manchen Zeilen- 
arten fast nie verletzt sind. Der Hiatus ist bei den besten 
Dichtern fast gänzlich verbannt und selbst bei denen, welche 

1) Handschriften sind in München Cod. lat. 6911 und in Brügge 
cod. No. 564; vgl. Delisle Not. et Eitr. 27, 2 p. 81. Weder Rockinger 
(in Quellen und Erörterungen IX, 1 p. 485) noch Andere haben diesen 
wichtigsten Theil der Schrift gewürdigt. 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 113 

minder auf die Form achten, nur in beschränktem Maasse 
zugelassen. Der Reim ist zu einem Hauptmerkmale ge- 
worden. Jede Langzeile und sehr oft auch die Halbzeile 
ist mit Reim belegt; dieser selbst ist nur im Anfange dieser 
Periode noch als einsilbige oder zweisilbige Assonanz zu 
finden ; bald, etwa von 1150 an, sind es nur die formlosesten 
Gedichte, in denen nicht die beiden letzten Silben gleiche 
Vokale und Consonanten haben. Die reinen Reime stehen 
bald paarweise, bald gekreuzt, bald in längeren Reihen ; oft 
verbinden und verschlingen sie die Zeilen der grösseren 
Strophen in bunter Mannichfaltigkeit. 

Was aber dieser Periode vor Allem ihr Gepräge gibt, 
das sind die neuen Zeilen- und Strophenformen und der Auf- 
bau der ganzen Gedichte. Sonst wird der Genuss dessen, 
was das Mittelalter hervorgebracht hat, oft gestört durch 
dessen Nachäffuug von Autoritäten; konnte man in der 
Bibel, in einem Kirchenvater oder alten Klassiker ein Vor- 
bild finden oder zu finden glauben, so war die stärkste Ge- 
schmacklosigkeit entschuldigt, ja als Zeichen von Gelehr- 
samkeit rühmlich; an den Formen der rythmischen Dicht- 
kunst können wir, wie an denen der mittelalterlichen Bau- 
kunst reine Freude haben. Denn hier galt nur, was für 
passend und schön befunden wurde. 

Schon im Anfange treffen wir bei Abaelard eine Fülle 
neuer Zeilen- und Strophenarten. Das Verhältniss der An- 
fänge dieser neuen Richtung der lateinischen Rythmik zu 
den Anfangen der provenzalischen ist nicht klar. Die Mög- 
lichkeit besteht, dass einzelne der neuen Zeilen- und Strophen- 
arten den Gesangsweisen des Volkes oder auch der Kunst- 
dichter nachgeahmt waren, doch für die Mehrzahl ist es 
sicher, dass sie nur Erfindungen der Dichter waten. Neben 
den schon früher gebräuchlichen Zeilen zu 8—^ +7^ — 
und 6 ^ — + 6 ^ — findet sich in den weltlichen Gedichten 
der Zehnsilber 4 — w + 6 ^ — und vor Allem der Drei- 
[1882. 1. Philos.-phüol. hist. Cl. 1.] 8 



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114 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

zehnsilber , die sogenannte Vagantenzeile 7 ^ — + 6 — ^ 
angewendet. 

Die Zeilen traten zu Gruppen zusammen, noch öfter 
wurden aus den verschiedenen Zeilenarten Strophen gebildet, 
anfänglich so, dass einem Paar gleicher Zeilen ein Paar 
anderer Zeilen folgt, oder dass das eine Glied einer Lang- 
zeile verdoppelt wurde und diesem Paare die andere Halb- 
zeile folgte, wie die berühmte Hymnenstrophe zu 8-w + 
8— v, + 7 w — ; 8— w -f 8— v, 7 v— aus 2 Fünfeehn- 
silbern entstanden ist, oder zwei verschiedenen Paaren oder 
Langzeilen eine dritte als Schluss angereiht wurde. Auf 
dieser Grundlage wurden dann oft sehr kunstreiche und 
vielfach zusammengesetzte Strophen gebildet, in denen nicht 
nur die gewöhnlichen Kurzzeilen angewendet, sondern auch, 
wahrscheinlich nach den Gesetzen des künstlicheren Ge- 
sanges, öfter jene Kurzzeilen in Theile zerlegt wurden. 

Die Gedichte wurden meistens aus gleichen Strophen 
gebildet; doch die künstlicheren vereinigten in sich meh- 
rere Strophenformen. Entweder folgte auf ein Paar gleicher 
Strophen ein Paar anderer Strophen, auf diese wieder ein 
Paar von neuen Strophen u. s. f., wie in der Sequenzen- 
form, oder einer Reihe verschiedener Strophen folgte eine 
» zweite Reihe, in welcher dieselben Strophenarten in der 
gleichen Ordnung wiederkehrten, oder es wurden endlich 
verschiedene Strophen zu einer oder zu mehreren Gruppen 
frei zusammengestellt. In diesen Gedichten wurden an die 
Kunst des Dichters die höchsten Anforderungen gestellt, 
und so finden wir hier einige Male quantitireud gebaute 
Stücke mit rythmisch gebauten, ja einmal sogar quantitirend 
und rythmisch und dazu nach Art der alten bloss silben- 
zählenden Prosen gebaute Stücke zu einem Ganzen ver- 
einigt. Sehen wfr bei dieser ganzen Entwicklung auf das, 
worauf es bei Kunsterzeugnissen besonders ankommt, auf 
die Schönheit und die Mannichfaltigkeit, so ist Ausserordent- 



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Wflh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 115 

liches geleistet worden. Wenigstens in den Strophen ist 
das Ideal eines harmonischen Baues vielfach erreicht worden. 
Durch den Eifer war die Leichtigkeit des Schaffens gewachsen; 
mit der Leichtigkeit der Kunstthätigkeit stellte sich aber 
bald die Küpstelei ein. Die rythmische Dichtung starb 
dann allmählich ab; allein sie hatte sich nutzbar gemacht. 
Sie hatte nicht nur vielen begabten Dichtern die Formen 
geboten, in denen sie ihre fröhlichen oder ernsten Gefühle 
ausprägten, sondern sie war auch in hervorragendem Maasse 
Gemeingut und Bindemittel der verschiedenen Nationen ge- 
wesen und hatte Anfangs als Lehrmeisterin, dann als mah- 
nende oder wetteifernde Freundin auf die nationalen roma- 
nischen und germanischen Dichtungen einen nachhaltigen 
Einflnss geübt, unter dessen Nachwirkungen die heutigen 
, Dichtungsformen stehen. 

Von der Silbenzahl der Zeilen. 

Auch in dieser Periode finden sich vielfach die den 
echten Rythmen verwandten Stilarten. Selten natürlich sind 
die nach Art der alten Sequenzen gebauten Strophen. In 
dem kunstreichen Leiche Bur. 39 p. 127 ist nach den Worten 
des Dichters auch die Prosenform angewendet; ich kann 
dies nur auf den Anfang beziehen, wo nach einer Einlei- 
tung von 2 X 13 Silben zwei Strophen folgen, welche aus 
Zeilen von 12, 19, 17, 16 und 15 Silben mit dem Reime 
etar in der ersten, isit in der zweiten Strophe bestehen; 
auch im Schluss der 3. und 4. Strophe sind die Reihen mit 
dem Reime amen, bez. orte wohl nach Prosenart gebaut. 

Näher als die S. 66 erwähnte reine Reimprosa steht 
der Rythmik jene Art von Knittelversen, in denen z. B. die 
Biblia pauperum geschrieben ist: 

Incipit Speculum humanae salvationis 

in quo patet casus hominis et modus reparationis. 

\ 8* 



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116 Sitzung der phtlos.-phüöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

Oder: Nullam sustineret debilitatem vel lassitudinem 

numquam sentiret infirmitatem vel aegritudinem. 

Der Reimprosa näher steht die Historia Apollonii Tyrii 
Bur. 148 p. 53, wo bald lange bald kurze Glieder reimen, 
oft mit einer Art Refrain. Die 116 Zeilen .von Bur. 17 
p. 14 sind wohl in 58 Langzeilen zu gruppiren, deren 1. und 
2. Halbzeile reinen zweisilbigen Reim haben. Die Silben- 
zahl der Halbzeilen schwankt von 5 zu 9, besonders häufig 
finden sich die Siebehsilber. 8 Langzeilen haben jambischen 
Schluss, die andern trochäischen. In Bur. 22 p. 24, wel- 
ches Gedicht sich nicht auf das Jahr 1188, sondern auf das 
Jahr 1146 bezieht, da jene auch von Otto von Freising, 
Gesta Frider. Prooem., erwähnte Prophezeiung (und zwar 
nach der kürzeren Fassung bei Jaffe Bibl. I, 64 und besser 
bei Giesebrecht IV, Docum. B, 6) in der 4. und 5. Strophe 
verarbeitet ist, reimt ebenfalls eine Kurzzeile auf die andere 
(einsilbig) ; dieselben bestehen aus 8 Silben mit jambischem 
oder 7 mit trochäischem Schlüsse (ohne Hiatus) In Bur. 
192 p. 73 schwanken die lateinischen Zeilen zwischen 7 ^— , 
7— u, 8w- und 8— v. Bur. 197 + 198 p. 76: einige 
Stellen sind in 7 u_4-6-v;, andere in 8 — ^ geschrieben ; 
sonst sind es einfache Kurzzeilen zu 6 — ^ , 7 ^ — , 7 — ^ , 
8—u und 9— u, meistens zu 3 oder 4 reimend. Vgl. Bur. 
182 p. 242, 158 p. 223, 51 p. 145. An das S. 60 er- 
wähnte altirische Gedicht (IV, 3) erinnert das Kneiplied 
Bur. 175 p. 235, dessen erste 20 und letzte 26 Zeilen reine 
troch. Achtsilber sind, während 10 Zeilen in der Mitte zum 
Scherze auf 9, 10 und 11 Silben steigen. 

Hievon zu unterscheiden sind diejenigen Gedichte, in 
welchen der regelmässigen Zeile hie und da eine Silbe vor- 
gesetzt ist. Es sind dies insbesondere manche kecke, in 
der Vagantenzeile geschriebene Gedichte der Carmina Burana ; 
so 78 p. 165. 25 p. 27. 125 p. 199 und andere. Vielleicht 
ist auch 176 p. 236 die scherzhafte Nachbildung eines Ge- 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 117 

dichtes von feinen Formen. Wie es hiebei zuging, zeigt 
die Vergleichong der nicht eben genau gebauten einleiten- 
den Stro'phA 1 — 4 von Bur. 36 p. 121 mit ihrer Parodie 
Str. 1—4 von Bur. 174 p. 223. 

Dies sind aber nur vereinzelte und seltene Ausnahmen. 
Die allgemein befolgte Regel war, dass die entsprechenden 
Zeilen gleichviel Silben zählen müssten. 1 ) 

Vom Schlüsse der Zeilen. 

In den Schluss der Zeilen (siehe S. 51) wurde in dieser 
Periode selten, aber immerhin häufiger als in der 1. Periode 
ein einsilbiges Wort gestellt. Sehr häufig finden sich im 
Schlüsse der nicht mit Beim belegten Zeilen die Pronomina 
und andere Hilfswörter der Sprache also hie et hoc, doch 
bei Walther von Chat, auch silvestre mel, Caesar vim, äquilä 
quae sie und Aehnliches. Im Reime werden lieber voll- 
tönende einsilbige Wörter genommen. So hat der Archi- 
poeta in No. III 19 Hexameter der Art 

Consilio cuius regitur validaque manu ius, 

wo natürlich V. 21 pretundo mit der Handschrift zu bessern 
ist in: 

Unde vereeundo vultu tibi verba precum do. 

(V. 4 ist haec und V. 19 non a ganz deutlich). So wundern 
wir uns nicht bei ihm die Versschlüsse forte:' vereor te: 
veste : penes te ; pascor : vas cor ; rectus : nee thus und sonst 



1) Joh. Anglicus (p. 68 Zarncke bemerkt von den Eigenschaften 
des Rythmus 'Conpar in numero sillabarum ponit pares sillabas in 
nnmero in latino sermone praeeipue, quia qui componunt cenographa 
romana, componnnt rithmos ita, ut paritas esse videatur in sillabis, licet 
non sit; zu cenographa (ornagrapha bei Z ) bemerkt ein Scholion 'Ceno- 
grapha dieuntur a cenos quod est commune et graphos quod est scrip- 
tura, quasi communis scriptura.' Joh. Angl. scheint den romanischen 
Dichtern faktische Ungleichheit der Silbenzahl vorzuwerfen. 



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118 Sitzung der phüm.-phüdl. Classe vom 7. Januar 1882. 

ähnliche zu finden ; z. B. in Strophe 29 Ton Ganymed und 
Helena (Zeitschr. f. d. Alt, XVIII p. 127) super te, aperte, 
per te, pater te. 

Unter diesen letzten Beispielen sind 2 Fälle einer sel- 
tenen Art. Die der quantitirenden Formen oft ebenso ge- 
wohnten Dichter hielten auch im Schlüsse der rythmischen 
Zeilen hie und da die quantitirende Messung der Wörter 
fest. So reimt Walther von Chat, loqui: egö qui; cönfert: 
lucrüm fert ; bei Radewin finden sich Schlüsse ä deö ; ab e6 ; 
m eä; bei Mone 1041 exitium: cor piüm; ceciderunt mäni- 
bus: vöto titulo quibüs; ja Bur. 84 p. 171 sogar tanta vi: 
conclävi. 

Der Schluss der entsprechenden Zeilen ist fast stets 
rein, selten unrein, wie in den hässlichen Rythmen des 
Reinerius Leod. (Migne 204 p. 95), wo statt 8 — <•' oft 8 ^ — 
und statt 6 <-'— oft 6—«' gesetzt ist, und in den 136 Z. 
zu 8 ^~ vom J. 1223 bei Du Meril 1847 p. 277, unter 
die etwa 14 Z. mit Schlüssen wie ruit, factum, inimicis ge- 
mischt sind. 

Vom Tonfall innerhalb der Zeilen. 

Einige prosodische Eigenthümlichkeiten finden sich auch 
in dieser Periode; so trennt Abaelard que öfter von dem 
vorangehenden Worte, z B. 8^- + 7-^: 4 Dum Christus 
finis utrius | que complet sacramenta 1 und betont demnach 
ütrosque; so sind heu, seu und ähnliche bald ein- bald 
zweisilbig ; auch Schlüsse, wie quöd adhuc, nomine? tenüs, 
älonge, deineeps, deinde, kann mau rechtfertigen. 

Abgesehen von den wenigen später zu besprechenden 
rythmischen Daktylen bestehen die Gedichte auch dieser 
Periode nur aus trochäischen und jambischen Reihen. Der 
Taktwechsel herrscht auch in dieser Periode durchaus und 
Gedichte von reinem Tonfall sind sehr selten. So findet 
sich bei Mone 233 ein Gedicht von 40 Langzeilen zu 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichnsto und über lat. Bytkmen. 119 

7 v _ a + 7 — • v b,. in dessen 40 Z. zu 7 ^ — nur 1 Takt- 
wechsel cor raeuni amplectere (Z. 15 corr. fateor aus A) 
vorkommt, während die 40 jambischen Zeilen zu 7 — v/ alle 
rein sind. In den Werken des Bernhard (Migne 184 p. 1319) 
sind mit 296 rein gebauten Zeilen zu 8-v 74 jambische 
Zeilen zu 8 ^ — gemischt, von denen nur 5 Tw. haben. In 
den 5 hübschen trochäischen Strophen zn7v- a + 6^—b; 
7 w— c + 7 u — c + 6 — v d in Bur. 47 p. 136 ist kein 
Hiatus, kein Tw. zugelassen ; ebenso sind die 8 trochäischen 
Strophen zu 4X8-^a + 3X7^-b+ 6 — ^ a in 
Bur. 71 p. 41 rein von Hiatus und Tw. Vgl. noch Omer 
No. 5. 10. 31. Noch auffallender ist es, wenn die jambischen 
Reihen rein sind, wie in Bur. 122 p. 196 6 Langzeilen zu 
7 — u -|- 6 ^ — ohne Hiatus und Tw. ; dann Bur. 35 p. 120 
(Str. 11) 4 solche Zeilen, wo ex fraudibus alternis (alterius 
cod.) et ignominia zu bessern ist; bei Adam I, 48 Str. 
1 — 11 kommen in 22 Langzeilen zu 8 w_ -+- 7— ^ nur 

3 Tw. in den Z. zu 8 ^ — und 2 in den Z. zu 7 -j- ^ vor. 
Besonders die .kunstreich gebauten Sequenzen und Leiche 
scheinen strenger gebaut zu sein; so scheint Bur. 31 p. 115 
rein von Tw. und in der Sequenz Bur. 51 p. 59 (Bartsch 
Sequenzen p. 242) findet sich in den ersten, jambisch ge- 
bauten Strophen kein Tw. und auch sonst nur sehr wenig. 
Doch in fast allen Gedichten aller Dichter ist Taktwechsel 
zugelassen; in den troch. Reihen allerdings seltener als in 
den jambischen. 

Die trochäischen Zeilen zu 8 — ^ zerfallen fast stets in 

4 — ^ + 4 — ^, wo Taktwechsel unmöglich ist; aber auch 
dann, wenn nach der 4. Silbe keine Pause ist, findet sich 
sehr selten Taktwechsel. So bei Walther von Chat. VIII, 15 
Et eis non condescendam ; vgl. 73. 85 und X, 67, 73.; in 
VIII, 77 und X, 115 opfert er, wie öfter dem Citat den 
richtigen Rythmus 'quia in labiis suis'. Am häufigsten 
noch findet sich der Taktwechsel (v_uv_v_) in den 



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120 Sitzung der phüos.'phüöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

troch. Siebensilbern, wenn es auch selten ist, dass wie bei 
Adam II, 481 Str. 2, 5 oder wie beim Archipoeta V Str. 16, 
4 Zeilen mit Tw. sich unmittelbar folgen; sonst treffen 
beim Archipoeta in No. VII 16 Tw. auf 66 Z., in IV 21 Tw. 
auf 128 Z., in IX 15 auf 132, in X (Aestuans intrinsecus) 
13 Tw auf 120 Z., undjn V 26 Tw. auf 100 Z. Bei Wal- 
ther v. Chat, treffen in No. II etwa 20 Tw. auf 78 Z., in 
No. I etwa 27 auf 96 Z. In Ganymed u. Hei. treffen 10 Tw. 
auf 268 Z., in Jupiter und Danae 15 Tw. auf 108 Z., in 
Phyllis und Flora (Bur. 65 p. 155) 33 Tw. auf 316 Z. 

Die troch, Sechssilber 6—^ sind meistens rein. Takt- 
wechsel (u — uw__u) ist häufiger als in 8 — ^ , aber seltener 
als in 7 w-, So kommen in den 60 Z. zu 6 — v bei Abae- 
lard Hymn. 60 und 61 nur 3 Tw. vor und in den 36 Z. 
zu 6— v in Bur. 86 p. 49 nur 2 Tw. Bei Walther von 
Chat, treffen in I 6 Tw. auf 66 Z., in II etwa 5 Tw. auf 
48 Z., in Gan. u. Hei. 4 Tw. auf 268 Z , in Jup. u., Dan. 
8 Tw. auf 108 Z., in Phyllis und Flora etwa 30 auf 316 Z., 
in den sapph. Strophen, in Zeitschr. f. d. Alt. 5 (1845) 
p. 467, 4 Tw. auf 93 Z. Beim Archipoeta treffen wir eine 
merkwürdige Regel : von seinen 460 Z. zu 7 — ^ + 6 — « 
hat nur eine einzige V, 19, 1 cum sancto Martino Tw., der 
höchst wahrscheinlich durch Umstellung zu entfernen ist. 
Es ist klar, wie wichtig dieses Merkmal ist zur Erkenntniss 
dessen, was ausser den Gedichten des Göttinger Quaternio 
etwa von dem Archipoeta gedichtet sein könnte. G. Paris 
bemerkt p. 19 von der Vagantenzeile (7^— • + 6— ^) 
'dans le second hemistiche (feminin) les bons versificateurs 
ne fönt jamais des fautes (er meint diesen Taktwechsel); 
Celles qu'on trouve <jä et lä sont peütetre attribuables aux 
manuscrits, d'autant plus que toujours elles se redressent 
par une simple renversion'. Die an und für sich richtige 
Beobachtung ist in dieser allgemeinen Fassung entschieden 
falsch; ich wenigstens habe ausser jenen Gedichten der 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 121 

Göttinger und Stabloer Handschrift nur sehr wenige ge- 
funden, in welchen der zweite Theil der Vagantenzeile stets 
yon Taktwechsel frei ist. 

Bei den jambischen Reihen besteht noch immer grosse 
Lust, die Zeile trochäisch zu beginnen. So haben von den 
72 Z. zu 5 — v in Abaelard's Hymn. 48. 49 u. 50 sicher 
32 den Tonfall — u v, _ v, , von den 48 Z. in Hymn. 70—73 
etwa 25. Die Zeilen zu 6 v- haben ebenfalls sehr oft den 
Umlaut -^ü_u_ statt u _ v _ o _ , so bei Adam ein Mal 
6 unter 10 Z., des andern Mal 6 unter 18 Z. ; in der Klage 
des Oedipus (Zschr. XIX p. 90) sind 24 Z. mit Tw. unter 
84 Z.; beim Archipoeta I etwa 83 Tw. in 180 Z. 

Wie in den Zeilen zu 7—^ und 8 v — die Möglich- 
keit des Taktwechsels eine doppelte ist — uv_u— v und 
_v — uv — v, so tritt er hier auch häufiger ein. Selten 
ist ein Verhältniss wie bei Du Meril 1847 v. 125, wo auf 
19 Z. zu 7— v nur 6 Tw. treffen; dagegen treffen ebenda 
p. 255 51 Tw. auf 105 Z. ; bei Abaelard im Hymn. 33—36 
gar 36 Tw auf 40 Z. zu 7 — ^. Wenn in den jambischen 
Achtsilbern auch solche Häufung von Tw. selten ist, wie 
in Bur. 165 p. 228, wo auf 28 Z. 24 mit Tw. treffen, so 
ist ihre Zahl doch stets beträchtlich; z. B. treffen bei 
Abaelard Hymn. 37-40 auf 88 Z. 39 mit Tw., bei Adam 
I, 281 aaf 52 Z. 29 mit Tw., II p. 8 auf 56 Z. 28 mit Tw. 
Während wir oben (S. 119) bei Bernhard die mit troch. 
Achtsilbern gemischten jambischen Achtsilber fast rein 
trafen, sind bei Petrus Vener., Migne 189 p. 1018, unter 
56 troch. Achtsilber nur 16 jamb. Achtsilber ohne Tw., 
dagegen 48 mit Tw. gemischt. In der um 1118 abgeschlos- 
senen Polenchronik des sogenannten Martin us Gallus finden 
sich in 120 Z. zu 8-^ -f lu- in den Zeilen zu 8-w 
kein Tw., in den Z. zu 7u- nur 19, dagegen in 56 Z. 
zu 8 v— nicht weniger als 31 mit Tw. 

Man könnte nun die Regel so formuliren wollen: der 



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122 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

Bau der Zeilen sei in dieser Periode nicht viel anders als 
in der früheren ; es seien eben bei troch. oder jamb. Schlüsse 
die letzten 3 oder 4 Silben gebunden; die vorangehenden 
Silben seinen von den Dichtern nur gezählt worden ; jedoch 
habe im Allgemeinen Vorliebe für trochäischen Tonfall ge- 
herrscht. Diese Regel wäre unrichtig; denn es gibt Ge- 
setze, welche die Dichter auch in der Stellung derjenigen 
Silben beobachteten, welche den gebundenen vorangehen. 

Minder wichtig ist jenes Gesetz, dass bei Taktwechsel 
in troch. Sechs- nnd Siebensilbern, also beim Tonfall ^ — w , 
v — v und v — v, , u _ u — die drei ersten Silben nicht aus 
einem, sondern aus zwei Wortern bestehen sollten. Denn 
dieses Gesetz findet sich nur in sehr wenigen Gedichten 
beobachtet. In Ganymed u. Hei. (268 Z.) finden sich in 
den Z. zu 7 v — 10 Tw. und in den Z. zu 6~w 4 Tw.; 
nur 2 Z. zu 7 v- beginnen mit Natüram, die andern mit 
Si nescis etc. In den 140 Langzeilen zu 7w- -f 6-^ 
im Pantheon des Gotfried von Viterbo (Mon. Script. XXII 
p. 305) beginnen die 6 Z. zu 7 ^— und die 5 Z. zu 6— ^, 
in denen sich Tw. findet, stets mit ^, — ^ z. B. ut sänet 
egrotum. In den 108 Langzeilen zu 7^— + 6— ^ von 
Jupiter und Danae haben wohl 15 Z zu 7 ^-— und 8 zu 
6— v Tw., allein keine einzige derselben beginnt mit einem 
dreisilbigen Worte ^ — u. In den 316 Langzeilen zu?w- 
+ 6-^ von Phyllis und Flora haben 33 Z. zu 7 ^ — und 
30 zu 6— v Tw., doch finden sich darunter nur folgende 
dreisilbige Anfänge Dixisti de clerico, (Acantho), Secundum ; 
Neptunus und Aetatis. 

Dagegen ist ein anderes Gesetz sehr wichtig: Man 
kann Tausende von Versen durchlesen, bis man solche Sechs-, 
Sieben- und Achtsilber findet, wie: 

Transgrediar mürum oder In läbiis tüis 
Congaüdeant hodie oder Sed epulas regias. 
Auditui meo däbis oder Dömine läbia mea. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über Tat. Bythmen. 123 

d. h. es wird vermieden, drei- und mehrsilbige 
Wörter so in die Zeile zu stellen, dass deren 
beide letzten Silben unbetont sind, also der Schluss 
des Wortes einen reinen Daktylus bildet. Ueber den 
Grund dieser Regel werde ich später handeln, hier zunächst 
über ihre Anwendung in den verschiedenen Zeilen, 

Dass Niemand daran denke, es sei hier nur ein Spiel 
des Zufalls, vergleiche man z. B. die in Hildeberts Ge- 
dichten (Migne 171 p. 1339) gedruckte Lamentatio pecca- 
tricis animae mit dem Gedichte vom Jahre 1128 bei Du 
Meril 1847 p. 270. In den 420 Zeilen Jenas Gedichtes 
findet sich kein einziger reiner Daktylus, in den 144 Zeilen 
dieses Gedichtes nicht weniger als 18, wobei solche, wie 
opere pro nefario, nicht gezählt sind. 

In den troch. Sechssilbern findet sich der reine Dak- 
tylus äusserst selten. Walther von Chat, hat ihn dreimal 
sich gestattet 

VII, 40 in deo Beelzebub transgrediar mürum 
und dem Citat zu Liebe in 

V, 87 Caesar^m si liberas erröribus suis, 
diffusa est grätia in läbiis tuis. 
Unter den 93 sapphischen Zeilen in Zeitschr. f. d. Alt. 5 
(1845) p. 467 findet sich in Z. 93 esüriunt nünquara; am 
auffallendsten ist jener einfachste aller Leiche Bur. 62 p. 153: 
von den 12 Kurzzeilen zu 6—^ haben 9 Tw. und von 
diesen wieder 5 reinen Daktylus; aber das ganze Gedicht 
ist dunkel und der Eingang 

Nos düo böni sub äere tetro 
Sint tibi töni sub celeri (sceleri cod.) metro. 
Tempore solis stant pecora retro 
lässt auf absichtliche Verdrehung des Rythmus schliessen. 

Für die troch. Siebensilber hat G. Paris dies Gesetz 
erkannt: p. 17 'Je ferai une remarque, c'est que la derniere 



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124 Sitzung der phüos.'phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

syllabe (Tun proparoxytonon, etant toujours compte comme 
tonique, ne peut jamais etre suivie d'une syllabe accentuee; 
ainsi ou ne trouvera jamais un proparoxytonon suivi d'un 
disyllabe ou d'un proparoxytonon trisyllabe. Je n'ai pas 
rencontre d'exception a cette rögle.' Die Beobachtung ist 
fein; allein schon in dem so beschränkten Materiale, das 
6. Paris stndirt hatte, hätte er sichere Ausnahmen finden 
können. In den etwa 260 Zeilen zu 7 ü ~ des Abaelard 
(Hymnus 56 — 59; planctus II— VI) findet sich kein reiner 
Daktylus. In den vielen troch. Siebensilbern des Adam a S. 
Victore findet sich kein mit reinem Daktylus schliessendes 
Wort; denn das, welches Bartsch Sequ. p. 188 da, wo er 
von dieser Zeile spricht, mit den Worten anführt l Ein sel- 
tener Fall ist der, dass der Vers einsilbig beginnt und mit 
einem dreisilbigen kretisch betonten Worte fortgesetzt wird 
Sed conditum gratia Adam 1, 11, 28 ' ist ganz regelmässig 
betont: Sed conditum gratia. Hieraus ergibt sich, dass die 
'Prose attribuee ä Adam' n, 456 nicht von ihm sein kann ; 
denn hier finden sich ausser 4 Hiatus folgende Sieben- und 
Achtsilber 

Gongaüdeant hödie Sed epulas regias 
Pauperibus erogato Glädio Thomas sübditus. 

In den vielen Hunderten von troch. Siebensilbern des 
Archipoeta findet sich kein einziger rein daktylischer Wort- 
schluss. Walther von Chat, hat auch diese Zeile nicht 
immer sorgsam gebaut; so 

IX, 50 quae singula trutinans; 52 hie igitur ärtium. 

vgl. IX, 103. 116. VI, 43. 67. VII, 63. In den 232 Zeilen 
des Scheirer Rythmus (Zschr. f. d. Alt. 23, 176) findet sich 
kein reiner Daktylus ; also sind die Conjekturen (8, 1 Judex 
inquiit bone und) 11, 1 Ignoscier pöterat nicht richtig. 
Ueberhaupt muss man lange suchen, bis man Gedichte 
findet, wie Omer No. 23, wo unter 42 Z. sich folgende 3 



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WüK Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bytlmen. 125 

finden: Dum flösculum tenera. Aut diligeus equitem. Sed 
respice militem. 

Die troch. Achtsilber sind meistens getheilt in 4 — « 
-}- 4 — yj , wo dann Taktwechsel überhaupt picht vorkommen 
kann. Doch auch da, wo jene Pause nicht beobachtet wird, 
ist Taktwechsel sehr selten, und noch viel seiteuer finden 
sich dann rein daktylische Wortschlüsse, wie unter den 10 
troch. Achtsilbern in Omer No. 28: 

Ver prodiens in virore. Jam Veneria a caterva. 
Sic revocat me Minerva. Hac igitur ratione. 

Es ist aber, wie nachher bemerkt werden wird, auch mög- 
lich, dass hier prodiens, Venerfs, revocat, igitur betont 
und so der rythmische Fehler zu einem einfachen Takt- 
wechsel verwandelt wurde. 

Der Bau der jambischen Zeilen ist überhaupt nachläs- 
siger als der der troch. Zeilen; so findet sich rein daktyli- 
scher Wortschluss hier häufiger, und Dichter, welche den- 
selben in den troch. Reihen nicht zugelassen haben, haben 
ihn wenigstens in ein oder der andern Art der jambischen 
Reihen öfter zugelassen. 

Jambische Fünfsilber (5 — ^ ). Abaelard in Hymnus 
48—50 hat unter den 32 Zeilen mit dem Tonfall — u v — v 
nur folgende 2 : Frontibus regum und Fruitur vita. Da- 
gegen treffen auf die viel geringere Zahl solcher Zeilen in 
Hymn. 70—73 13 Z. und in Planet. I 5 Z. mit rein dak- 
tylischem Wortschlusse. 

Die jambischen Sechssilber (6 ^ -) haben sehr oft den 
Tonfall —^ «_w ._ (vgl. oben S. 121); darüber, ob die drei 
ersten Silben — « « durch ein einziges Wort gebildet werden 
dürften, waren offenbar die Schulmeinungen getheilt. In 
Abaelards 720 Z. zu 6 -— (Hymn. 10—28) finden sich 
nur 4 Z. wie Comites eligunt. Süscipit hominem ; in seinen 
236 Zehnsilbern zu 4—« + 6 v_ (in Hymn. 1 — 9; 



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126 Sitzung der phüos.-phüol. Glosse vom 7. Januar 1882. 

29 — 32; 45 — 47. 51) findet sich nur der eine Gäude virgo 
virginum glöria. Adam hat weder in seinen zahlreichen Z. 
zu 6 «- noch in den ebenfalls zahlreichen Zehnsilbern zu 
4 — ^ + 6 ^— reinen Daktylus sich gestattet; I, 181, wo 
sich unter 48 Zehnsilbern folgende finden: Cöeli praeest 
hödie civibus und Interesse fäciat gaudiis, ist auch aus 
anderen technischen Gründen verdächtig. Unter den 624 Z. 
zu 6«- des Petrus Vener. (Migne 189, 1012) fand ich 
nur 4 mit reinem Daktylus, wie Redditur saeculo. In den 
80 Z. zu 6 -- bei Bernhard (Migne 184 p. 1313) fand 
ich keinen reinen Daktylus, in den 120 Zehnsilbern (ebenda 
p. 1323) nur 2: Eadem gloria und Animae miserae. Ebenso 
ist Bur. 76 p. 46 (70 Z.) frei davon; in Bur. 150 p. 57 
(118 Z.) findet sich nur Thalamus sequitur und Portiter 
ilia. In den 84 Z. der Klage des Oedipus kommen drei vor. 
Man meine aber iiicht, der rein daktylische Wortschluss 
sei in den jamb. Sechssilbern allgemein gemieden worden. 
In Bur. 157 p. 223 findet er sich 7 Mal in 30 Z. Der 
Archipoeta hat in I etwa 83 Zehnsilber mit dem Tonfall 
— « — w , _w w, _«_ und unter diesen 14 der Art, wie Übi 
palam loquitur veritas. Auch in der Apokalypse des Wal- 
ther kommt er sehr oft vor; so 8 Mal in den 110 ersten 
Zeilen. Auf die 50 Zeilen zu 6 « — in Omer 22 treffen 
nicht weniger als 14 Z. mit rein daktylischem Worte. 

In den jambischen Sieben- und Achtsilbern kann bei 
Taktwechsel rein daktylischer Wortschluss an 2 Stellen ein- 
treten: 

Läncea regis cöeli. Sic mors neminem läedit. 

Läcrimis flenda seduüs. fit nequitiae vindipem. 
Sicher ist hier der daktylische Wortschluss in dem Falle, 
dass das Wort im Anfange der Zeile steht, nur wenn ein 
zweisilbiges Wort ihm folgt. Folgt dagegen ein viersil- 
biges oder ein ö'n- und dreisilbiges Wort, so kann man an- 
nehmen, dass das daktylische Wort hier, wie sonst immer, 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 127 

auf der letzten Silbe einen zweiten Ton habe, also zn be- 
tonen sei: 

Glädiis renitentes. Eruit ab infernis. 
Möritür pro iustitia. Monachüs simulätus est. 
Doch gibt es Dichter, welche anch diese letztere, zweifel- 
hafte Betonung vermieden haben. 

In den jambischen Siebensilbern sind reine Daktylen 
sehr selten. Unter den 36 jamb. Siebensilbern mit Tw. bei 
Abaelard (Hymn. 33 — 36) sind vier unsichere daktylische 
Wortschlüsse; wie Oleum de taberna und die beiden sicheren 
Filios illa data und Gratiae tenet tipum. In den 105 Z. 
zu 7 — - bei Du Meril 1847 p. 255 sind 51 Z. mit Tw. 
und darunter 3 zu — ««, — «, — w i 1 zu — « , — ««,_«. 
In dem rohen Leiche Bur. 35 p. 119 sind unter etwa 12 Z. 
mit Tw. Feminae iüncto märi und Psällere virgo pridem. 

Die Zeilen zu 8 « — sind viel häufiger als die zu 7 — « ; 
so lassen sich auch mehr Fälle von rein daktylischem Wort- 
schluss in ihnen nachweisen. Ausser in dem oben (S. 123) 
angeführten Gedichte von 1128 finden sich im Prolog der 
Polenchronik des sogenannten Martinus Gallus unter 31 
Achtsilbern mit Taktwechsel 9 mit fehlerhaftem Rythmus, 
während er in den 120 Z. zu 8—« + 7 « — nur einmal 
(III, 11 resistere potuit) sich findet. Dieses Beispiel zeigt, 
wie die verschiedenen Zeilen verschieden behandelt wurden. 
Dagegen findet sich in den 90 Z. zu 8 « — bei Bernhard 
Migne 184 p. 1315 kein reiner Daktylus, in den 192 ebenda 
S. 1317 nur 2; in den etwa 360 Z. zu 8 «— bei Abaelard 
nur Angelus äutem päuperi; in etwa 460 Zeilen bei Adam 
nur Vindicent membra meritis. 

Demnach hat reinen daktylischen Wortschluss Adam 
von S. Victor durchaus gemieden, der Archipoeta in 7 « — 
und 6 — « gemieden, dagegen in 4 — « + 6 « — oft zuge- 
lassen; Walther von Chat, in 7 ^— und 6 — ^ einige Male 
und in 6 ^ — oft zugelassen ; Abaelatd in 6 — « , 7 « — , in 



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128 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 



6 « — und 8 « — gemieden, in 7 — « und oft in 5 — * zu- 
gelassen. *) 

Schon aus dem Bestehen dieses Gesetzes von der Ver- 
meidung rein daktylischen Wortschlusses ergibt sich zur 
Genüge, dass die Silben, welche den durch Zeilenschluss ge- 
bundenen Silben vorangehen, nicht bloss gezählt werden. 
Dasselbe beweist die Beobachtung eines anderen Gesetzes. 

Ueber die Betonung der einsilbigen Wörter be- 
merkt G. Paris p. 15 4 I1 faut y ajonter le traitement, natu- 
rellement assez arbitraire, des monosyllabes : ils ont ou 
n'ont pas l'accent, ä la volonte du poete, uniquement astreint 
ä ne pas violer l'accent oratoire. 1 Freilich erhebt er (p. 15 
u. 20) Einsprache gegen Verse, wie 'Post deum spes sin- 
guläris. Summa laus filio' und,- während er das Zusammen- 
stossen von 2 betonten Silben in der Keile sonst zurück- 
weist , bemerkt er : Deux toniques Pune pres de l'autre 
'Summa laus filio'; car de regarder 'laus' comme atonon, il 
n'y a pas d'apparence In Wahrheit beobachten die Dichter 
im Gebrauch der einsilbigen Wörter bestimmte Regeln. 
Wenn zwischen 2 betonten Silben nur eine unbetonte steht, 
so kann jedes Wort diese unbetonte bilden; sogar solche 
Verse wie fit lex perit per te sind nicht selten, ja sogar Si 
sacerdos ut plebs est findet sich bei Walther von Chat. I, 
102; Häufungen finden sich, wie beim Archipoeta 

IV, 1, 4 Nön est in me försitan, fd quod d6 me Sintis 
IV, 28, 2 in te nön est mäcula, nön est in te dolus. 

Wenn dagegen bei Taktwechsel zwei unbetonte Silben sich 
unmittelbar folgen und die zweite unbetonte Silbe durch 
ein einzelnes Wort gebildet wird, so darf die« nur ein 
Hilfswort der Sprache seiu, Pronomen, Adverb, Präposition, 



1) Das Vorkommen dact. Wortschlusses in der früheren Periode 
habe ich nicht untersucht. Keiner kommt vor in den 248 Z. zu 8 w — 
über den h. Emmeran ans Clat. monach. 14436 (Dümmler im N. Archiv 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lai. Bythmen. 12S9 

Conjunktion, Hilfszeitwort (auch fit); schwere einsilbige 
Wörter sind dagegen an dieser Stelle verboten. Ausnahmen 
sind bei den deutschen Dichtern sehr selten, bei den fran- 
zösischen finden sich mehr und besonders, wie es scheint, 
bei den früheren. Im Archipoeta fand ich nur die Zeile IX, 
17, 2 Urbs bona flos ürbium; in den umfangreichen Ge- 
dichten mit mehr oder weniger Taktwechsel, wie »in dem 
Scheirer Rythmus, Ganymed und Helena, Jupiter und Danae, 
Pbylli8 und Flora und anderen, fand ich niemals ein Wort 
wie rex in der 2. unbetonten Silbe. Dagegen finden sich 
welche, aber immerhin sehr wenige, bei Abaelard, Adam, 
Walther von Chat, und ähnlichen. So fand ich bei Abae- 
lard etwa 11 Zeilen zu 6 «- der Art 'Quarta lux decorat, 
den Zehnsilber Sed nömini | tüo da glöriam, 3 Z. zu 8 « — 
wie In quo summa stat operum, den Siebensilber Illäta 
mors äggregat, und die Ftinfsilber Salve crux säncta. Ätque 
stant rötae. Bei Adam findet sich diese Unregelmässigkeit 
am häufigsten in Z. zu 8 «— , wie Quöd laudäre mens äp- 
probat (etwa 8) ; in den selteneren jamb. Sechssilbern fand 
ich Mira vis fidei; in den jamb. Siebensilbern Püer lux 
sempiterna. Der Fünfsilber Salve crux ärbor ist durch die 
Formel 'salve crux' veranlasst, ebenso der Siebensilber 'Sunt 
fides spes Caritas' (I, 169); vgl. Hildebert (Migne 171 p. 1411), 
wo sich in 203 Z. nur die eine findet Da fidem spem chäri- 
tatem. Bei Walther von Chat, kann man sich auf die Aus- 
gabe wenig verlassen; steht in dieser z. B. II, 18 Nam iste 
grex höminum, so haben Handschriften grex ipse; doch 
auch so finden sich nur wenige Fehler der Art, wie I, 25 
Die päpadic pontifex, und in IV Super ius iürium. Vernat 
vi pröpria; in Dens seit nescio hat Walther wieder, wie 
öfter, dem Citat den guten Versbau geopfert. In den Ge- 



VII, 605) saec. XI; (je ein Drittheil hat zweisilbigen Beim, zweisilb. 
Assonanz oder einsilb. Reim). 
[1882. I. Philos.-philol.hist.Cl. 1.] 9 



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130 Sitzung der phttos.-phüöt. Classe vom 7. Januar 1882. 

dichten von St. Omer finden sich in No. 22 und 30 vier 
Sechssilber der Art Häusit lex inguinis, in 33 Nee tarnen 
res älia, in 16 Nünquam füit rex Angliae, und so findet 
sich dieser Fehler noch mehrfach in Gedichten französischen 
Ursprungs; so sind bei Hildebert (Migne 171 p. 1339) in 
420 Z. zu 8 « - spes, rex, da und lis als zweite unbetonte 
Silbe gebraucht; ebenda (p. 1432) findet sich unter 138 Z.: 
Pirätae vis importüna, wo wie öfter der Dichter lieber vis 
als zweite unbetonte Silbe gebrauchte, als dass er durch die 
Umstellung Vis pirätae importüna einen Hiatus in die Zeile 
gebracht hätte. Bei Bernhard (Migne 184 p. 1317) finden 
sich unter 192 Zeilen zu 8 «- sogar folgende 5: Quändo 
cor nostrum visitas. Tibi laus honor nüminis. Veni veni 
rex optime. In quo mea mens deficit. Rex virtütum rex 
gloriae; allein diese Ausnahmen erschüttern nicht die Regel, 
die in vielen Tausenden von Versen, wo sich so oft Gelegen- 
heit zur Verletzung geboten hätte, stets beobachtet ist. 

Die bisher dargelegten Gesetze über die Anwendung 
des Taktwechsels überhaupt und im Besonderen über die 
Vermeidung des daktylischen Wortschlusses in den meisten 
Zeilenarten und seine Zulassung in einigen wenigen, sowie 
über die NichtVerwendung der schweren einsilbigen Wörter 
in der letzten Silbe des Daktylus haben, nach meiner An- 
sicht wenigstens, ihren einfachen und vernünftigen Grund. 
Wohlklang ist auch in den rythmischen Gedichten das 
höchste Ziel. In den jambischen und trochäischen Reihen, 
d. h. im einfachen Wechsel der betonten und unbetonten 
Silben, braucht es nicht viel Vorsicht. Dagegen braucht es 
derselben beim Taktwechsel, d. h. beim Eintritt daktylischen 
Tonfalles oder der unmittelbaren Aufeinanderfolge von 2 un- 
betonten Silben. Da die erste unbetonte Silbe immer mit 
der vorausgehenden betonten zusammenfällt, so handelt es 
sich um die zweite. Hier sind nun, abgesehen natürlich 
von vielsilbigen Wörtern, wie 'solum imperatorem', deren 



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tyilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. ttythmen. 131 

Betonung unsicher ist, drei Fälle möglich : 1) die zweite un- 
betonte Silbe gehört zum nächsten Worte, 2) sie wird durch 
ein einzelnes Wort gebildet, 3) sie bildet mit den voraus- 
gehenden Silben ein Wort. Im 1) Falle, also in Versen, wie 

Secundo redärguor. Et vincit tacendo, 
gleitet die Stimme leicht über die beiden unbetonten Silben 
dahin. Ebenso, wenn 2) die 2. unbetonte Silbe durch ein 
einzelnes Wort und zwar durch ein Hilfswort der Sprache, 
durch Pronomen, Conjunktion, Praeposition, Hilfszeitwort 
und Aehnliches gebildet ist, wie in 

Jeiunant et abstinent. Semper et ündique. 
Jügulätur in proelio. 
Wird dieselbe aber durch ein einsilbiges Substantiv oder ein 
Verbum gebildet, so entsteht eine Stockung; denn in Zeilen, wie 
Urbs bona flos ürbiüm. Nülla spes erit exitus. 
Da fidem spem chäritätem, 
hält die Zunge an den Wörtern flos, spes, spem an, wäh- 
rend sie zu der unmittelbar folgenden betonten Silbe eilen 
sollte. Daher sind solche Zeilen fehlerhaft und wurden ge- 
mieden. Die 3) Möglichkeit ist, dass die unbetonte Silbe 
mit den vorausgehenden ein Wort bildet, wobei also dak- 
tylischer Wortschluss entsteht. In Zeilen, wie 

Transgrediar mürum. In läbiis tuis. 

Congäudeant hodie. Sed epulas regias. 

Auditui meo däbis. fit nequitiae vindicem. 

Läncea regis coeli 
schnappt nach dem reinen Daktylus die Stimme ab, und der 
Fluss des Rythmus wird unterbrochen ; dazu kommt, dass 
in den meisten Fällen die Zeile so zerrissen wird, dass dem 
Daktylus eine einzelne Silbe vorangeht; desshalb ist der 
rein daktylische Wortschluss besonders selten in den Zeilen 
zu 6-« und zu 7 « —. 

Anders geartet wird der Tonfall in den Reihen zu 
5 _ w und 6 ^ — . In Früitur vita, Virginum flore entstehen 

9* 



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132 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

statt einer Zeile zwei Versstücke, die gut zu einander und 
in den Verlauf der Zeilen passen. Die Sechssilber Virgin um 
glöria, Hodie civibus zerfallen in zwei gleiche Theile, welche 
zu einander passen und im Verein mit andern Zeilen nicht 
stören. Diese Theilung ist so natürlich, dass, wie wir später 
sehen werden, die jambischen Sechssilber öfter so zerlegt 
und auch noch gereimt werden, z. B. Resonet consonet. Mea 
lux, mea dux. Hierin liegt vielleicht der Grund, warum 
Abaelard gerade in diesen Sechssilbern oft sich Wörter wie 
sol lux pax fons erlaubt, wo sonst eine Kürze steht, z. B. 

Cuius pax iügis est. Fides spes illa sunt. 

Aber jedenfalls ist dies der Grund, wesshalb selbst Dichter, 
welche sonst den rein daktylischen Wortschluss vermieden 
haben, ihn gerade im jambischen Sechssilber zugelassen 
haben, und wesshalb derselbe sich überhaupt bei dieser 
Zeilenart so oft findet. 

Demnach ist es ') gleichgiltig, ob die Zeilen mit einem 
Jambus oder einem Trochäus anheben, ob der Tonfall im 
Verlauf der Zeile jambisch oder trochäisch ist, auch gleich- 
giltig, wie viel betonte und unbetonte Silben die Zeile zählt ; 
dagegen müssen die entsprechenden Zeilen gleiche Anzahl 
von Silben und gleichen Schluss haben, und der Zeilenschluss 
sammt den vorangehenden Silben muss, unter Beobachtung 
der oben dargelegten Gesetze, wohlklingenden rythmischen 
t Fluss haben. 

Dies Gesetz widerspricht allerdings unserm jetzigen 
deutschen Versbau, der genaue Beobachtung des Schema's 
verlangt, d. b. dass die entsprechenden Zeilen auch den 
gleichen trochäischen oder jambischen Anfang und den 



1) d. h. in allen einfacheren Zeilen Verbindungen ; denn in den sehr 
kunstvollen Strophenformen, in welchen die verschiedensten Kurzzeilen 
rasch abwechseln, wird zur scharfen Charakterisirung der einzelnen Zeilen 
das Schema meistens beobachtet. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über tat. Bythmen. 133 

gleichen troch. oder jamb. Tonfall der ganzen Zeile haben. 
Dagegen wundere ich mich, dass G. Paris den Taktwechsel 
licence oder fante (p. 19) nennen konnte. Denn dieser Bau 
der lateinischen Rythmen, wornach bei gleicher Silbenzahl 
und gleichem Schlüsse der Tonfall der ganzen Zeile nicht 
nach der Schablone regelmässig, aber nach bestimmten Ge- 
setzen wohlklingend gebaut wird, ist ja das Ideal, dem die 
romanischen und englischen Dichter nachstreben müssen. 
Man müht sich in neuester Zeit, z. B. in den französischen 
Gedichten, besonders in den Alexandrinern feine Gesetze des 
Baues nachzuweisen: ob mit Recht, kann ich nicht beur- 
theilen ; aber das ist sicher, dass die Dichter der lateinischen 
Bythmen des XII. und XIII. Jahrhunderts solche, ganz feste 
Gesetze sich geschaffen hatten. Ich bin auch der Ueber- 
zeugung, dass diese Dichter den Taktwechsel nicht aus Be- 
quemlichkeit, sondern aus einem andern guten Grunde an- 
gewendet haben. Fast alle Eurzzeilen sind in diesen Jahr- 
hunderten mit Reim und zwar mit dem vollklingenden zwei- 
silbigen belegt ; wenn nun der Tonfall aller Kurzzeilen regel- 
mässig der gleiche ist, so ist Eintönigkeit unvermeidlich. 
Wie der rythmische Fluss der Silben den Wohlklang wahrt, 
so wehrt der Taktwechsel die Eintönigkeit ab, bringt Ab- 
wechslung und Mannichfaltigkeit in die Reihen der sonst 
regelmässig abwechselnden betonten und unbetonten Silben 
und gibt dem Dichter wie dem Deklamator die Möglichkeit, 
die Darstellung plastischer zu machen, wozu den griech. und 
roem. Dichtern die Elisionen und die Ersetzung von 1 Länge 
durch 2 Kürzen zu Gebot gestanden waren. Der jetzige 
deutsche Vershau wird oft eintönig und klappernd genannt; 
die romanischen und englischen Dichter haben dieselbe 
Freiheit der Rytbmenwahl, wie die lateinischen Dichter des 
Mittelalters ; sie haben es zwar nicht, wie jene, zu bestimm- 
ten Gesetzen über den Taktwechsel gebracht ; aber auch so, 
wo sie in diesem Punkte nur ihrem Geschmacke überlassen 



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134 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

sind, befinden sie sich wohl bei jener Freiheit. Damit man 
den Klang solcher Verse auch im Deutschen erproben könne, 
bat ich meinen Freund Ludwig Laistner einige Verse des 
Ludus de Antichristo mit Beobachtung wenigstens der zahl- 
reichen Taktwechsel des Originals zu übersetzen. Ludus V. 
329—348: 

Wort, dem Vater gleich an göttlichem Wesen, 
Hat Menschenart in der Magd sich erlesen : 
Gott verbleibend, den Leib des Tods empfing es, 
Gott noch immer, ein ins Zeitliche ging es. 
Nicht nach Weltlaufs immer gleichem Geschehen 
Vollzog sich das : von Gott war es versehen. 
Christus machte ünsre Schwachheit sich eigen, 
In den Schwachen sich mä'chtig zu erzeigen. 
Juden durften ihn sehen in niedrer Hülle, 
Die nicht ahnend der Gottheit Lebensfülle 
Keinen Glauben dem Wort, den Zeichen schenkten, 
An das Kreuz ihn unter Pilatus henkten. 
Der dem Tode sterbend die Kraft genommen, 
Aus der Hölle erlö'set hat die Frommen — 
Auferstanden ist er, starb nicht in Wahrheit, 
Herrscht ohn Ende, wird kommen bald voll Klarheit, 
In Feuersglüt das Weltgericht vollstrecken, 
Allesamt uns im Fleische äuferwecken, 
Verworfene und Auserwä'hlte scheiden, 
Böse strafen, Güte mit Licht bekleiden. 

Vom Hiatus. 

Das Zusammenstossen eines Vokals im Auslaut mit 
einem Vokal im Anlaut des folgenden Wortes wurde auch 
in dieser Periode als unschön betrachtet und desshalb ver- 
mieden, uud zwar weit mehr als in der früheren. Die meisten 
Dichter haben auch den Hiatus zwischen den Halbzeilen (h) 
vermieden. Selten ist es allerdings, dass bei einem Dichter 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 135 

sich gar kein Hiatus findet, wie in den Gedichten des Archi- 
poeta (abgesehen natürlich von dem Citat l Tu autem' in I, 
4, 4), der sogar in den Zeilen 7 ^~ a -f- 7 ^ — b den Hiatus 
zwischen den Halbzeilen vermeidet. Demnach lautet die 
bekannte Zeile: Menm est propositum | in taberna mori, so 
grosse Verbreitung auch das natürlichere Mihi est prop. 
gewonnen hat. Bei Äbaelard und Adam trifft oft auf 100 
Zeilen ein Hiatus; auch bei Walther von Chat, sind sie 
selten, so schlecht auch die Ueberlieferung ist. So ist No. I 
frei; II nur 78 Et ferre prae äliis. III nur in 44. 55. 76. 
IV Apokalypse etwa 7 h und 10 (h). V in 45 und in dem 
Citat 88. VI 3. 18. VII, 118 (h). VIII, 9. 22. 25. (72. 
77. 78. Citate) 104. IX, 2. 26. 95. 121. 154. 162. in 34 (h). 
X 5 h und 3 (h). In den 121 Zeilen bei Bernhard (Migne 
184 p. 1315) ist ein h; in den 140 Zeilen des Gotfried 
von Viterbo (Pantheon, Mon. Script. XXII p. 305) 4 h vor 
est, 1 h vor 4 in' und 1 (h). In den 56 Z. zu 8 w- und 
den 126 Z. zu 8—^ + 7 w — der um 1118 beendeten 
Polenchronik des Martinus Gallus findet sich kein h. In 
den 203 Z. zu 8 — ^ bei Hildebert (Migne 171 p. 1411) 
stehen aus rhetorischem Grunde 6 h nach Tu und Te und 
in Quanti illi tantus iste; sonst findet sich nur Dans usiae 
unitatem und Alpha et £2. In den 316 Zeilen von Phyllis 
und Flora stehen 2 h nach de und 4 (h). In den 268 
Zeilen von Ganymed und Helena 4 h vor est und 4 andere, 
dann 1 (h). Die 108 Zeilen von Jupiter und Danae sind 
frei von h wie (h). Im Scheirer Rythmus (232 Z.) steht 
(h) Str. 12, 4. 24, 3. 31, 4. 37, 3; h scheint nicht vorzu- 
kommen , da 28, 2 unsicher und 48, 1 falsch ist. Und 
welche Gedichte man auch untersucht, stets ist der Hiatus 
nur sparsam zugelassen; so in dem rohen, nur Silben zäh- 
lenden Gedichte bei Du Meril 1847 p. 270 nur 5 Mal in 
144 Zeilen zu 8 ^ — Ich will zum Beweise einige Partien 
der bunten Sammlung der Carmina Burana durchgehen: 



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136 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7, Januar 1882. 

No. 2 p. 2 kein h, ebenso kein h in 3 p. 3, 10 p. 8, 12 
p. 10, 15 p. 12 (nur 2, 7), 16 p. 13, in dem rohen Ge- 
dichte 17 p. 14 nur 5 h, 18 p. 16 (nur 21, 2; nicht 11, 6) 
u. s. f. In No. 34 p. 118 sind die Reime noch unrein, 
doch nur 1 (h) ; in den grösseren Leichen sind zwischen 
den Zeilen manche (h), doch innerhalb der Zeilen wenige h : 
so in dem rohen 35 p. 119 5 h; 36 p. 121 3 h (5 h) und in 
der Nachahmung 174 p. 233 3 h, 1 (h); 38 p. 125 1 (h); 
40 p. 129 kein h; 41, 42, 43 kein h; 45 p. 135 u. 275 
1 h; 46 p. 135 kein h u. s. f. 

Ich glaube, aus diesen und den obigen (S. 63) Bei- 
spielen ergibt sich die Gewissheit, dass der Hiatus den 
Dichtern lateinischer Rythmen aller Zeiten für unschön galt 
und dass, wenn auch romanische und germanische Dichter 
den Hiatus vermieden haben, dies dem Einflüsse der latei- 
nischen Rythniik zuzuschreiben ist. 

Von dem Reime. 

Ein Hauptmerkmal der Rythmen dieser Periode ist der 
reine zweisilbige Reim, welcher gleiche Vokale in den beiden 
letzten Silben und gleiche Consonanten am Anfang und 
Schluss der letzten Silbe verlangt: 

iterat: superat, doloris: amoris. 

Aber auch in dieser Periode finden sich noch viele Ge- 
dichte mit unreinen Reimen : es sind nur die Vokale der 
letzten Silbe gleich, die Schlussconsonanten ungleich (ein- 
silbige Assonanz, selten) in somnis: edocti, oder es sind die 
Vokale der beiden letzten Silben gleich, fast stets mit 
gleichen Schlussconsonanten der letzten Silbe (zweisilbige 
Assonanz) prophetica: irrita, oder es sind nur die Vokale 
(und der schliessende Consonant) der letzten Silbe gleich, 
(einsilbiger Reim) animas : »recreas. Solche unreinen Reime 
finden sich zu jeder Zeit in kunstlosen, besonders in histo- 



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WÜh. Meyer: Ludus de Antichristo und über tat Bythmen. 137 

Tischen Gedichten; so z. B. in dem Kreuzlied von 1146 
Bar. 22 p. 24 einsilbige Reime meistens mit Ass. in der 
vorletzten Silbe, und in den 136 Z. zu 8^- vom Jahre 
1223 bei Du Meril 1847 p. 277 unter vielen reinen zwei- 
silbigen Reimen auch einsilbige, wie lectulo: proelio, tradi- 
dit: profuit, scandalis: piaculis. In der ersten Hälfte des 
XII. Jahrhunderts haben aber selbst sehr formenfeste Dichter 
noch unvollständigen oder unreinen Reim. So hat Äbaelard 
hie und da nur Assonanz der letzten Silbe, weitaus in den 
meisten Fällen Reim der letzten Silbe mit häufiger Assonanz 
der vorletzten, und weniger häufig reinen Reim der beiden 
letzten Silben; demnach kann der Hymnus 'Mittit ad vir- 
ginem' (Daniel H, 59; Migne 178 p. 1815; Du Meril 1847 
p. 423), wenn er auch sowohl von Hiatus als von rein 
daktylischem Wortschlusse frei ist, nicht von Äbaelard sein, 
da er nur zweisilbige Reime hat. Bartsch (Sequenzen S. 228) 
hat noch bei Adam a. S. Victore und bei anderen Franzosen 
eine Reihe unreiner oder unvollständiger Reime nachge- 
wiesen (doch kann ich solche einsilbige Reime wie II, 157 
Adam nicht zutrauen); allein auch in den mühsam gereim- 
ten Gedichten des Radewin (um 1140) findet sich oft noch 
Verschiedenheit der Consonanten, welche die beiden letzten 
Silben trennen. Wenn wir nun in vielen kleineren und 
grösseren Gedichten der Carmina Burana (z. B. No. 6 p. 5, 
53 p. 147, 55 p. 147, 104 p. 182, 121 p. 195, 156 p. 220 
und 72 p. 42, 35 p. 119, 89 p. 172, 141 p. 212, 143 p. 214) 
noch unvollständige und unreine Reime finden, brauchen 
wir dieselben desshalb nicht vor dem XH. Jahrhundert an- 
zusetzen. 

Doch der reine zweisilbige Reim hatte schon gegen 
Ende des XI. Jahrhunderts, wo der Reim mit besonderem 
Eifer gepflegt wurde (siehe S. 67) und zum gesetzmässigen 
Bestandtheil wenigstens der rythmischen Gedichte sich aus- 
bildete, mehrfach Anwendung gefunden. L. Gautier (Les 



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138 Sitzung der phüos.-phüöl. Glosse vom 7. Januar 1882. 

Epop. Fran§. I, 1878, p. 331) meint, der reine zweisilbige 
Reim sei im Anfange des XL Jahrhunderts in Deutschland, 
wenn nicht erfunden, so doch besonders ausgebildet worden 
und dann um 1080 nach Frankreich gelangt, und führt 
einige kurze Gedichte aus Todtenrolleu oder Grabinschriften 
(besonders aus Simons Gesta abbatum S. Bertini in Mon. 
Germ. Script. XIII p. 639 8 Hex. von 1065?, p. 643 6 Hex. 
von 1095) um 1090 an, die reine zweisilbige Reime haben. 
Wenn ich auch oben (S. 67) glaube nachgewiesen zu haben, 
dass der zweisilbige Reim viel älter ist und schon von den 
Galliern oder Iren ausgebildet, dann in den nächsten Jahr- 
hunderten, zwar bekannt aber nicht bevorzugt, im Stillen 
fortlebte, bis er endlich zu einer höheren Rolle wieder her- 
vorgeholt wurde, so stimmen doch mit der von Gautier an- 
gesetzten Zeit noch andere Fälle. Dümmler hat im Neuen 
Archiv I p. 180 30 Hexameter mit reinem zweisilbigen 
Reim (nur 1 Mal minus: idus) von 1095 veröffentlicht und 
S. 184 17 Hexameter derselben Art (nicht nur mit leoni- 
nischem, sondern auch mit Endreim) aus den ersten Jahren 
nach 1100. Doch sind dieses nur kurze Gedichte und mir 
ist es sehr unwahrscheinlich, dass die 300 leoninischen 
Hexameter mit reinem zweisilbigem Reim (nur 44 potest: 
obest; 297 signa: Corinna), welche Dümmler (Zeitschr. f. 
deutsches Alt. 14 p. 245) aus einer Handschrift in Ivrea 
hat drucken lassen, schon um 1075 entstanden seien; die 
historische Anspielung ist vielleicht anders zu deuten als 
Dümmler sie gedeutet hat. Noch weniger kann der be- 
rühmte Hymnus Veni sancte Spiritus, 10 Str. zu 3 Z.* (aa b) 
mit nur 3 Taktwechseln, keinem h und reinen zweisilbigen 
Reimen schon zur Zeit des Königs Robert von Frankreich 
entstanden sein. Dagegen finden wir im Anfange des XII. 
Jahrhunderts schon öfter die reinen Reime. So in den 
c. 200 Zeilen in der Chronik des sogenannten Martinus 
Gallus, die um 1118 abgeschlossen wurde. Und etwas später 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 139 

sind in den grossen Rythmen des Petrus Vener. die reinen 
Reime gehäuft, während in dem daktylischen Hymnus auf 
Maria Magd, die Reime oft unrein sind z. B. Pondere quo 
scelerüm gravidos | exoneräns levet ad superos. Auffallend 
ist auch in dieser Beziehung wie Reiner von Lüttich noch 
um 1180 (Migue 204 p. 79) gedichtet hat. Der rythmische 
Prolog zu dem Gedicht l de Conflictu' hat reine Reime, die 
Hexameter des Gedichtes selbst haben entweder keinen oder 
einsilbigen Reim ; das Gedicht über die Reliquien des h. Lau- 
rentius hat im Prolog Caudati und im eigentlichen Gedicht 
Leonini mit reinem Reim, ebenso die rythmische Oratio an 
denselben ; dagegen das rythmische Officium de S. Spiritn 
wieder einsilbigen Reim. Wir können diese Thatsachen 
dahin zusammenfassen, dass in der ersten Hälfte des XU. 
Jahrhunderts auch kunstreiche Dichter sich noch des ein- 
silbigen Reimes ' bedienten ; dass um 1150 der reine zwei- 
silbige zwar zur unbedingten Herrschaft gekommen war, 
aber doch noch manche Dichter, denen sehr wenig an der 
Form lag, sich des verdrängten einsilbigen oder unreinen 
zweisilbigen bedienten. Neben dem zweisilbigen findet sich 
in manchen Gedichten auch dreisilbiger so oft, dass er 
gewiss beabsichtigt ist. Von den 21 Strophen der Klage 
des Oedipus haben 9 dreisilbigen Reim in allen 4 Zeilen 
(enio, enui, erie, ilia, uria, ilii, itio, erui, abilis), 6 drei- 
silbigen Reim in je 2 oder 4 Zeilen (emina : umina, oculus : 
umulus, enuit : ebuit, erminis : iminis, abula : ecula, omni : 
acui); eine andere Spielart zeigt Mone No. 447, wo die 
Vokale der drei letzten Silben gleich, die Consonanten un- 
gleich sind, fulgida : culmina, endida : errima, hodie : gloriae 
(filium : luciferum), angelos : angelos, merita : femina, emio : 
epio, omnia: gloria, virginum : filium, eperat: praebeat, 
issime: virgine, abili: flamini. 

Es ist verboten, dass dasselbe Wort in der nächsten 
Zeile wieder den Reim bildet. Doch können rhetorische 



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140 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

Grunde dies verlangen, wie bei Hildebert (Migne 171 
p. 1434): 

Sine motu sine loco Motnm praebes praees loco; 

und so findet sich diese Reimart besonders oft (8 Mal) in 
dem Gedicht bei Hildebert (p. 1411). 

Ueber die von einsilbigen oder von metrisch betonten 
Wörtern gebildeten Reime wie päscor: väs cor, aparte: 
super te, habe ich oben beim Zeilenschlusse gehandelt 
(S. 118). Falsche Reime werden nicht nur von nachlässigen 
Dichtern gesetzt, welche Zeilen mit jamb. und troch. Reime 
mischen, wie Reiner Leod. 

Tüa me lübricum Vivere pudicum, 

sondern auch mit Ueberlegung als Künstelei; so Bur. 43 
133 Str. 8 

quam dülcia Sunt haec gäudia 

Veneris furta sunt pia. 

Ergo pröpera Ad haec munera 

Garent laude dona s£ra. 

Ebenso in No. 57 p. 149 und 275 8 Stücke der Art 'Queam | 
lmeam | Jam pudoris tangere. Auf denselben Fall bei Adam 
II, 297 (gräni: Gethsemani, gyrum: märtyrum, freti: per- 
peti, cibus: volatilibus) bat Bartsch (Sequ. S. 186) auf- 
merksam gemacht; doch Adam I, 135 'Dulcis ardor, ros 
divine, Bonitatis germine Eadem substantia' ist wohl genu- 
inae zu schreiben. Noch Johannes Anglicus (p. 68 Zarncke ; 
siehe oben S. 112) schreibt hierüber 'Annotninatio ponit 
similia principia et correptionem et productionem attendit 
ut hie: 

Nos trans mundi märia ducas, o Maria 

Deviis per ävia nobis esto via. 

Diese Arten des Reimes sind aber nur seltene Aus- 
nahmen. Die Fülle der gewöhnlichen, reinen Reime ist in 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und Über tat. Eythmen. 141 

dieser Periode eine ausserordentlich grosse, da fast alle Kurz- 
zeilen mit Reim belegt werden. Der gleiche Reim bindet 
nicht nur Paare von Zeilen, sondern durch die Auflösung 
der Langzeilen in Kurzzeilen ist der gekreuzte und dann 
wiederum auf die mannichfachste Art verschlungene Reim 
herbeigeführt worden. So wurde aus dem Paar 8 — ^ + 
7 v — c und 8 — v -f- 7 ^ — c zunächst 8 — v b + 7 w — c 
und 8-wb -J" ? w — c, daraus wieder 4 — v a -f 4 — w a 
■f 7^-c und 4 — ^ b + 4-wb + 7 ^ — c und mit 
Variationen 4 — ^a -+- 4— ^a + 7^— c, 4 — ^a + 
4_v a -{- -7 v— c oder 4-«a -+- 4— ^b + 7 w — c, 
4_va + 4 — ^ b + 7 w _ c, ja sogar mit Unregelmässig- 
keit Bur. 6 p. 5 frängit tränsit | velut umbra | quae non 
est corporea, wo der zwiefache Reim in der ersten den 
Schlussreim der zweiten Zeile ersetzt. Auch die aus gleichen 
Zeilen bestehenden Gedichte werden durch den Reim zu 
Strophen gegliedert, indem derselbe die gleichen Zeilen 
durch verschiedenartigen Reim auf das bunteste verschlingt. 
So haben bei Bernhard (Migne 184 p. 1315) die je 11 jam- 
bischen Achtsilber der 1. 3. und 5. Strophe die Reimstel- 
lung ababbbaab, ab, die der 2. und 4. Strophe die Reim- 
stellung babaaabba, ab, wobei alle a durch eris, alle b 
durch ia gebildet werden; die je 10 jamb. Achtsilber der 
folgenden 5 Strophen haben die Reimstellung sosoossoo, 
o u wobei alle s durch itas, alle o durch io gebildet werden 
(in Str. 6 ist k Et mortis festinatio 1 nach 'Homo quae vitae 
brevitas 1 zu stellen). So ist es nicht zu wundern, dass der 
gleiche Reim oft Zeilen von der verschiedensten Länge 
bindet; so gehen in Bur. 28 p. 33 die sämmtlichen Zeilen 
der 2. Strophe (5 *> — + 6 */- -f 3 X 7 *- + 3 X 8 "-) 
auf itur aus, und nicht nur reimen die Schlüsse der Va- 
gantenzeilen mit den oft beigegebenen Hexametern, wie 
Nee regnabant Schismata sed vi modernörum 
Effodiuntur opes irritamenta malorum. 



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142 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 7. Januar 188$. 

sondern in Bur. 156 p. 221 str. 6 — 11 reimen auch die Halb- 
zeilen des Rythmus mit der Caesur des Hexameters, wie 

Si quis istis ütitur more modernorum 
Turpiter abutitur hac assuetudine morum. 

Es ist natürlich, dass, um die Kunst zu zeigen, die 
Reime auch vielfach getauft wurden ; hiefür nur wenige 
Beispiele: Bur. 74 p. 165 enden 22 Zeilen abwechselnd auf 
ium und io ; Omer 25 32 Z. abwechselnd auf ies und ium ; 
Mone 376 7 Z. auf io, 7 uit, 7 itur, 7 itas. Bur. 95 p. 174 
(Marner; bei Zingerle Wien. Sitzungsber. 54, 1866, p. 319) 7 
auf a, 7 e, 7 i, 7 o, 7 u; Bur. 98 p. 177 20 Z. auf ies; 
Mone 665 22 Z. auf ia, Flacius No. 71 29 Z. auf io. Doch 
scheinen die rythinischen Dichter, welche ja auch auf die 
Wahl der verschiedenen Zeilen, auf den Bau der Strophen 
und ganzen Gedichte bedacht sein mussten, nicht so viel 
Künstelei entwickelt zu haben als die Dichter der gereimten 
Hexameter *) (denn ausser einigen sapphischen Strophen 
finden sich andere quantitirende Zeilen- und Strophenarten 
mit Reim äusserst selten); diesen war die Form gegeben, 
und sie konnten sich der Reimkünstelei ungestört über- 
lassen. Wenn z. B. die Zeilen 

Peracto triduo vitam in mortuo reformans corpore 
Surgit continuo nullo jam denuo passurus tempore 

an Künstelei es aufnehmen können mit den Hexametern 

Soluere vincula pellere vincula noxia eures 

Sunt mala saecula sunt modo regula pessima plures, 

so zählt das rythmische Gedicht (Migne 189 p. 1012) nur 
208 Zeilen, das quantitirende (bei Flacius p. 232) fast 3000. 



1) Die vielen verschiedenen Arten der gereimten Hexameter habe 
ich in der Abhandlung 'Radewins Gedicht über Theophilus 1 , Sitzungsber. 
der Akad. 1873 I, zusammengestellt. 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 143 

Ueberhaupt scheint mir dieser Tausch vorgekommen zu sein : 
der Reim war ursprünglich aus der rythmischen Dichtung 
in die quantitirende gekommen (siehe oben S. 68) ; der 
regelmässige zweisilbige Reim aber wurde in saec. XI-XTI 
zuerst in den Hexametern herrschend und gesetzmässig und 
ging von da in die rythmische Dichtung über. 

Von den Zeilenarten. 

Die Zahl der Zeilen in der früheren Periode war eine 
bescheidene. Wir fanden die Kurzzeilen 5 — ^ , 6«-, 6 — ^ , 
7v,_, 7 — ^ , 8 ^ — , 8 — ^ und in 4 — ^ + 7 ^ — auch 
den Theil von 8 — ~ verwendet, um (nicht zahlreiche) Lang- 
zeilen zu bilden. Zu diesen Kurzzeilen ist in dieser Periode 
noch 5«- zu rechnen, und auch Zeilenstücke von 1, 2 u. 3 
Silben, sowie die Stücke von 4«- und 4 — ^ finden sich 
selbständig unter jene Kurzzeilen gemengt. Diese Kurzzeilen 
finden sich nun in vielerlei Verbindungen; entweder folgen 
sich die gleichen Kurzzeilen, wie 5«- -["" 5 « — , 7 u - + 
7 v. — , oder verschiedene , wie 8 — « _|- 7 « — , 7 w — 4- 

6 — ^ . Von diesen Verbindungen ist der Schluss stets mit 
Reim belegt, das erste Stück ist bald ohne Reim, bald hat 
es ebenfalls Reim, als 7 « — a -f 7 « — b oder 7«_a -p 
7w — a, 8 — v,a-f- 7 « — b u. s. f. Wenn alle Kurzzeilen 
gereimt sind, so kann man zweifeln, ob man noch von 
Langzeilen sprechen darf; allein die Dichter wechseln selbst 
mit dem Reim. So in Kehrein Sequ. No. 147 (Daniel V, 
208), wo auf 6 Zeilen zu 7 ^ — a + 7«-b und 6 Z. zu 

7 - — c + 6 — v d folgen 2 Z. zu 7 -— + 6-^ e, 2 Z. 
zu 7«--|- 7 w_ f, und 4 Z. zu 7«~ + 6~«g. Ich 
nehme also die Verbindungen c(er Kurzzeilen hier auf wie 
Langzeilen und reihe sie bei der Kurzzeile ein, welche das 
erste Stück bildet. 

Sehr selten ist der Fall, dass die Zeilen von 9, 10 oder 
11 Silben nicht eine regelmässige Pause haben, sich also 



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144 Sitzung der phüos.-phüol. Glosse vom 7. Januar 1882. 

nicht als die Verbindung von zwei bestimmten Kurzzeilen 
behandeln lassen, Silbenreihen mit wechselnder Caesur oder 
Pause, welche bei den Griechen und Römern gewöhnlich 
und in den nationalen Dichtungen des Mittelalters nicht 
selten sind, wurden in der lateinischen rythmischen Poesie 
der älteren Periode ängstlich gemieden, was wohl ein Erb- 
stück aus der trockenen Handhabung des Versbaues in der 
späten quantitirenden Poesie war. So kam es, dass auch 
die lat. rythmischen Dichter unserer Periode von der Fessel 
der stets gleichen Pause nur sehr selten sich frei machen 
konnten. 

Viele rythmische Gedichte dieser Periode sind noch 
nicht gedruckt; selbst von den gedruckten habe ich die 
Hymnen nur vereinzelt in Betracht gezogen, und doch ist 
die Fülle der hier zusammengestellten Zeilenarten eine grosse. 
Bestimmte Gesetze in der Zusammenstellung der Eurzzeilen 
zu Langzeilen kann ich nicht finden. Aber natürlich haben 
sich nur die wohlklingenderen Bahn gebrochen. So wurden 
von den Verbindungen gleicher Glieder die mit gleichem 
Reime der Kurzzeilen gemieden, wenn die Kurzzeilen nur 
wenige Silben umfassen ; 6 « — a + 6 w — * * 7 w __ a -f- 

7 ~ — a finden sich in der bessern Zeit selten in längerer 
Reihe. Von den Verbindungen der ungleichen Kurzzeilen 
wurden besonders die beliebt, welche bei gleichem Tonfall 
wechselnden Schluss hatten, also nicht 8 — * + 7 — « aber 

8 — « + 7 «— oder 8^ + 7-w; nicht 7 « — + 6 «— , 
wohl aber 7 * — -j- 6 — «. 

In den Verbindungen zu 4 — « + 5 « — und 4 — « + 
6«- kommt es sehr oft vor, dass die Basis, das Stück 
zu 4 — « , schwankt, d. h. mjt 4 « — vertauscht werden kann. 
Adam hat nur 4 — « + 6 «— , Abaelard hat nur 4 — ^ + 
7 w _, aber auch 4«- + 5 « — und 4 « — + 6 « — , und 
fast alle anderen Dichter lassen in 4 — « + 6"— auch 
4 v, _ zu. Sonst ist dies Schwanken des ersten Zeilenstückes 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über tat Bythmen. 145 

selten. Nur in den über 200 Z. bei Du Meril 1847 p. 128 
(zu 6«-x + 6 ^ — a) steht im 1. Gliede statt 6«_x 
sehr oft 6 — ^ ; ebenso kami in den Zeilen zu 6 « — a + 
6v,_a + 6^ — b bei Reiner Leodic. (Migne 204 p. 95) 
statt der beiden ersten Stücke zu 6 « — a auch 6 — ^ ein- 
treten ; ebenso steht in den Z. zu 8 — « + 7 « — desselben 
Reiners auch oft 8 ^— . Sonst aber ist unreiner Schluss 
in diesen ersten Kurzzeilen ebenso selten wie in den letzten. 
Die zusammentretenden Kurzzeilen sind meistens nur um 
1 Silbe länger und kürzer ; denn die nicht häufige Ver- 
bindung 7^— + 4^—, 7^— + 4 — « scheint mir eine 
Nachahmung* des Gesanges zu sein. 

Bartsch hat (Zeitschrift f. roman. Philol. III, 1879, 
359 — 384) versucht, mehreren Zeilen (von 7 + 7 Silben, 
von 11-8 + 3 oder 7 + 4, von 10 = 5 + 5, und von 
Silben) Keltischen Ursprung nachzuweisen. Er ging da- 
von aus, er sei berechtigt, wo er bei Frauzosen und Proven- 
zalen Formen antreffe, die im Keltischen sich wiederfinden, 
im Lateinischen aber nicht begegnen, einen Zusammenhang 
anzunehmen. Da aber all diese Zeilen im Lateinischen uns 
begegnen, und zwar oft und schon frühe (vgl. z. B. die 
Zeilen zu 5 ^ — ), so kann ich wenigstens einen solchen Ein- 
fluss des Keltischen, wie ihn Bartsch sich dachte, nicht an- 
nehmen. Die Sache steht vielmehr so: Wir sehen schon 
bei Abaelard eine grössere Anzahl von zusammengesetzten 
Zeilen, von denen wir in der früheren Periode Nichts ge- 
sehen haben, die aber auch nicht als Umbildungen antiker 
Zeilen angesehen werden können. Abaelard hat seine Hymnen 
kurz vor 1130 gedichtet; er sagt nur von den früheren 
Hymnen 'tanta est frequenter inaequalitas syllabarum, ut 
vix cantici melodiam recipiant, sine qua nullatenus Hymnus 
consistere potest'; dass er die Zeilenarten seiner Gedichte 
selbst erfunden habe, sagt er nicht. Wenn dennoch manche 
von ihm erfunden sind, so beweist sein Stillschweigen zum 
[1882. 1. Philos.-philol. hist. Cl. 1.] 10 



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146 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

mindesten, dass damals solche Zeilenconstructionen nichts 
Seltenes waren. Die Thatsache steht fest: im Uebergange 
des XI. zum XII. Jahrhundert tritt eine Fülle von neuen 
Zeilen- und, wie sich nachher zeigen wird, von neuen Strophen- 
formen auf. Die Dichter waren offenbar damals von einem 
neuen Geiste erfüllt; sie wagten es, ja sie fanden es für 
rühmlich neue Formen zu schaffen. Die Frage ist nun, wie 
sie dieselben schufen. Bei dem ältesten provenzalischen 
Dichter ganz im Anfange des XII. Jahrhunderts und bei 
einigen ihm folgenden, Abaelard nahe stehenden,, finden sich 
auch neue Zeilen- und Strophenarten, und es wäre demnach 
möglich, dass die lateinische Rythraik manche Formen aus 
der provenzalischen entlehnt habe. Ich glaube das nicht. 
Denn jene Formen sind im Verhältniss zu den bei Abaelard 
vorkommenden wenig an Zahl und in Hinsicht auf die 
Pausen und den Schluss der Zeilen viel unreiner als die 
lateinischen. Viel weiter brächten uns diese provenzalischen 
Dichter auch nicht; denn sie sind alle ebenfalls Kunst- 
dichter, die ihre Formen selbst erfunden haben können. 
Auf der andern Seite hatten die lateinischen Dichter in den 
kühnen, vielgestaltigen Tongebäuden der alten Sequenzen 
ein hohes Ziel, dem nachstrebend sie zur Schöpfung neuer 
Zeilen und Strophen geführt werden mussten; ferner war 
die Musik theoretisch und praktisch mit ausserordentlichem 
Fleisse betrieben worden. So haben wir schon im XI. Jahr- 
hundert einige neue Strophenformen und bei Petrus Damiani 
(f 1072) eine neue Strophen- und Zeilenform gesehen. Der 
kühne Aufbau der grossen Gedichte Abaelards (vgl. Planctus 



1) Ich citire besonders die schon oben S. 41 genannten Carolina 
Bnrana (Bur), Du Merils 1843, 1847 und 1854 erschienene Samm- 
lungen, Mones Hymnen, die Oeuvres poetiques tfAdam de S. Victor 
von Qautier, Archipoeta in Grimms kleinen Schriften IN, dann die von 
Mone im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit VII, 1838, S. 102 
— 114 und 287-297 gedruckten Gedichte der Handschrift No. 351 in 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bytkmen. 147 

III und IV) zeigt, dass dies nicht der erste Schritt auf 
einem neuen Wege ist, sondern dass schon Manche voran- 
gegangen waren, deren Namen und Gedichte wir eben nicht 
kennen. Meine Ansicht ist demnach, dass viele Dichter sich 
oft die Kurzzeilen nach eigenem Gutdünken zusammenstellten. 
Für den Strophenbau leugnet dies Niemand, warum sollte 
es bei den Zeilen anders gewesen sein? 



Bythmische Daktylen. 

Allerdings bestehen die regelmässigen rythmischen Reihen 
nur aus Trochäen und Jamben, und daktylischer Tonfall ergibt 
sich nur beim Eintritt von Taktwechsel. Da aber die latei- 
nische Sprache dem daktylischen Tonfall auch in Rythmen nicht 
widerstrebt und da sogar in den deutschen Gedichten des Mittel- 
alters daktylische Reihen vorkommen,, so wäre es sonderbar, 
wenn in den lateinischen Rythmen sich gar keine rythmischen 
Daktylen fänden. Ich habe solche in folgenden Gedichten ge- 
funden: a) Im Weihnachtsspiel der Carm. Bur. 202, 47 p. 92 
sind 8 Strophen der Art 

Cöncupesceutia mixti sapöris 
In'gerit sömnia lenis amöris 
also genau entsprechend den quantitir enden Daktylen in Bur. 
46 p. 136 

Hoc amor (?) praedicat haec macilenta 
hoc sibi vendicat absque perempta 
In Bur. 44 p. 134 sind verschiedenartige Stücke: Str. 2 zwei 
Stücke der Art: 

Jämque Diöne iöcis agöne r^levat, crüciat corda suörum. 
Str. 3 besteht aus 2 solchen Paaren 

Tela Ciipidinis äurea gästo l'gnem commercia cörde molesto. 



der Stadtbibliothek zu S. Omer, die 10 Gedichte des Walther v. Chat, 
nach der ungenügenden Ausgabe von W. Müldener Hannover 1859; 
Flacius, varia . . de corrupto ecclesiae statu poemata a. 1754; für 
Äbaelard benutzte ich die Ausgabe in Mignes Cursus Fatrol. 178, für 
welche die Hschr. neu benützt wurde. Mit x bezeichne ich reimlosen 
Zeilenschluss. 

10* 



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148 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

In Str. 4 scheinen quantitirende Adonier und rythm. Viersilber 
wie 'expäveo' gemischt zu sein. Vgl. Bur. 167 p. 229 Str. 1. 
Die Zeilen in Brit. Mus. Egerton 274 (Philipp de Greve?, 
P. Meyer Archives d. miss. Ser. II, 3 p. 284) 

Veritas equitas largitas corruit etc. (vgl. S. 149) 
sind eher als 6 w — -\- 6 ~ — zu lesen. 

Zeilenstöcke yon weniger als 5 Silben. 

Beim Singen wird sehr oft innerhalb der Zeile eine Pause 
gemacht und so die Zeile in 2 Stücke zerlegt. Die Dichter 
haben dies nachgeahmt und diese Pause oft durch Reim 
kennbar gemacht. Wenn also bei Adam, der die Strophe zu 
7 v, — aabccb gerne anwendet, sich I, 131 findet 
Spiritus paraclitus Procedens divinitus 

Manet ante secula. 
Populis discipulis Ad salutem sedulis 
Pacis dedit oscula 
und so fort durch 5 Strophen, so ist hier offenbar der erste 
Siebensilber in 2 Theile zu 3^ — a + 4 ^ — a zerlegt. Wenn 
bei dieser Theilung Stücke mit gleichem Schlüsse entstehen, so 
können sie unter sich reimen ; andernfalls muss jedes Stück in 
einer andern Zeile seinen Reimgenossen suchen. Im Allgemeinen 
sind diese Zerlegungen der Zeilen nicht häufig und finden sich 
fast nur in kunstvollen und zum Gesang bestimmten Gedichten. 
Man liebte es, diesen besondern Innenreim durch den sonst fast 
verbotenen Gebrauch eines schweren einsilbigen Wortes zu 
markiren, so Bur. 36 p. 123 Gratia solatia, mea dos amorum 
flos, mea lex livorum fex; mea dux te mea lux. 

Diese Zerlegung findet sich häufig in den troch. Sieben- 
silbern in der oben gezeigten Weise 3 ^ — a + ^ ^ — a > so m 
Bur. 42, 131 'nemoris vis frigoris', 'rideo cum video'; 191 
p. 251 o et o cum gaudio, 15 p. 12 Judica nil clandica; 10 
p. 8, wo in 4 Strophen jede 2. und 5. Zeile so getheilt ist. 
Die andere Theilung zu 4 — ^ -f- 3 ^ — findet sich vielleicht 
in Abaelards Planctus I 

Miserande iuvenis : Gentis tantae concidis. 
In Bur. 45 p. 275 möchte ich der Interpunktion wegen ver- 
binden 

Brachia eius ligo, pressa figo basia, nee talia . . und 
Strenua sese plicat et intricat genua, nee ianua etc. 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 149 

Ebenso sind die 9 Strophen von Mone 582 zu je 2 Mal 
Jesse proles quibus doles leva moles scelerum 
Mater solis carens dolis lux in polis siderum 
nur die Langzeilen 8 — ^ -f- 7 ^ — zerlegt in 4 — ^ a -]- 4 — ^ a, 
4 — ^ a -\- 3 ^ — b. Ueber die Zeilen zu 4 — «a-f-4 — « a 
-\- 3 ^ — b siehe nachher. 

Die trochäischen Achtsilber sind in der Regel zu 4 — ^ -f 
4: — w zerlegt und diese Theile oft unter sich gereimt ; siehe 
hierüber bei der Zeile 8 _ « , Andere Zerlegung wie Fidelis | 
in coelis | coetus und Volenter | decenter | laetus (Bartsch Sequ. 
p. 226 ) oder Pallentis aurore | rore und Fluit ex amore j more 
bei Johannes Anglicus (Zarncke p. 70) sind selten. Auch der 
jambische Achtsilber (8 ^ — ) wurde nicht selten in 4 ^ — a -f- 
4 w — a zerlegt. So ist von den je 4 Zeilen zu 8 «-- in Bur. 
20 p. 21 Str. 2 und 6 je die 3. und 4. gebildet aus 4 ^ — a 
— 4w — a -)- 8 ^ — a. 

Andere Zeilen sind seltener zerlegt (vgl. Bartsch Sequ. 
p. 236). In einem Gedichte der Sterzinger Handschrift (bei 
Zingerle, Wiener Sitzungsber. 54, 1866, S. 324) avis suavis 
statt 4 — w; Bur. 57 p. 149 u. 275 vidi viridi, videns invidens 
mit falschem Reime statt 5 ^ — Die Theilung von 6 — ^ zu 
Sic in duris curis. Irretitur citur (bei Zingerle p. 324), Lupus 
ut astutus, Polo sine dolo bei Mone 854 ist unschön ; sonst 
konnte man 6 — u und 6 c — nur mit Hilfe des Taktwechsels 
theilen ; so hat Abaelard Planctus I statt 6 — u -f- 7 w — : 
Vae mihi, vae tibi, miserande iuvenis. 
In strägem commünem gentis tantae concidis. 
Bur. 43 p. 133 Str. 5 Est pater est mater, | Est frater qui 
quater. 

Häufiger sind die Z. 6 ^ — zerlegt; z. B. Adam I, 50 In- 
tonet consonet, wobei dann oft der durch ein schweres, einsil- 
biges Wort gebildete Reim eintritt: Bur. 149 p. 56 Anna dux 
mea lux | Iste quis sit ambigo. So sind vielleicht auch die 
Strophen im Brit. Mus. Egerton 274 (Philippe de Greve? bei 
P. Meyer, Archiv d. missions Ser. II, 3 p. 284) als 6 w_ a 
-|~ b, 6u_a -f b, 4v_a -)- b zu messen: 
Veritas, aequitas, largitas corruit 
Falsitas pravitas, parcitas viguit 
Urbanitas evanuit. 

Die Zeile 7 — v scheint in 3 — u a -(- 4 — v a zerlegt zu 



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150 Sitzung der pJiüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

sein in Bur. 160 p. 225 Procantem anhelantem, Flacius 52 In- 
grate pietate. Viel gefälliger ist die Theilung zu U — -f- 

3 — v, in Bur. 45 p. 275 (7 u_ + 7 — w): 

Mitior amasia Dans basia mellita. 

Veluti sub anxio Suspirio sopita. 
Bur. 38 p. 126 zum Schluss von Str. 5 u. 6 je 1 , und zum 
Schluss von Str. 7 und 8 je 2 Verbindungen zu 7 ^ — a -f- 

4 ^_a + 3-ub = 7v_ -f- 7 — v. 

Wiederholung ron Zeilenstttcken. 

Beim Gesang wird ganz gewöhnlich im Anfang oder am 
Schluss der Zeile ein beliebiges Stück derselben wiederholt. 
Natürlich sind diese Wiederholungen in den nicht neumirten 
Handschriften selten ausgeschrieben, wie Bur. 145 p. 216 Re- 
frain Vincula, vincula, vincula rumpebat. Dieses Verfahren 
des Gesanges scheinen die Dichter nachgeahmt zu haben, indem 
sie statt der repetirten gleichen Worte, andere von demselben 
Tonfall setzten. Wenn so das Stück einer Langzeile, also eine 
Kurzzeile, doppelt oder öfter gesetzt wurde, so entstand daraus 
eine Strophe; so ist aus 7 v--f 7o_b, + 7 w_. -j-7-ub 

entstanden die Reimstrophe 7 ^ — aab, 7* ccb, aus 8 — w 

+ 7w- b, + 8—^4-7 w__ b die berühmte Strophe 8 — * a 
+ 8— v,a-f7^ — b, 8_vc-f8_uc + 7v-_b. Zur 
Zeilenbildung konnte dieses Prinzip der Wiederholung nur in- 
sofern dienen, als man Stücke der zerlegten Kurzzeile repetirte. 
Sind die Zeilen in gleiche Theile zerlegt, so ist unsicher, 
ob man sich die Wiederholung im Anfang oder im Schluss 
denken soll. So Bur. 20 p. 21 Perit lex | manet fex | bibit 
grex und Sed cum sis | plena vis | cedat lis. Dann der Re- 
frain von Bur. 81 p. 167 vireat, o floreat, o gaudeat | In 
tempore iuventus ; Bur. 8 p. 6 Spem concipis, te decipis et 
excipis | Ab aula summi principis. vgl. Omer 19, Bur. 42 p. 132 
Schluss; so ist in Bur. 59 p. 150 eine Masse von 9 Mal 4 ^ — 
auf ia eingeschlossen von 7 ^ — ia und 8 ^ — ia. 4 — ^ -|- 
4 — ^ -J- 7vy — (=8 — ^ -{- 7^—) ist erweitert in den 6 
Zeilen zu 4 — ^ a -J- 4 — ^ a -j- 4 — ^ a -f" 7 ^ — b in Bur. 
154 p. 217 Str. 1. 4. 7 : 

Eia dolor nunc me solor velut olor albus neci proximus ; 
vgl. Daniel Thes. II, 68. Zu einer Art Strophe geworden sind 
die 20 Zeilenpaare zu 4 - ^ a -f- a -J- b, 4 ~~ ^ c -j- c + b, 



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Wüh. Meyer: Ladies de Antichristo und über lat. Bythmen. 151 

die Abaelards Hymn. 74 — 77 bilden und von denen 4 Paare 
auch im Planctus V vorkommen : 

Israelis murus fortis unde meus 
Inimicus et amicus eras summus. 
Deutlicher ist diese Erweiterung, wenn die Theile der zer- 
legten Zeile ungleich sind; nur kann hier öfter Zweifei ein- 
treten, in welcher Weise man die Zeilentheile zusammenfassen 
will. So wird in Bur. 151 p. 59 (Bartsch Sequ. p. 242) die 
erste und letzte Strophe geschlossen durch 4^ — -j"^ — ~r 

3 — ^ = 7 — ^ : Exceperam | me miseram | quid feci. So 
Bur. 3 p. 3 8u-a, + 4^a+4^a-i-3^b = 
8^ — -f- 7—v- vgl. Omer 28. So erklärt sich wohl am 
einfachsten die Zeile 4 — ^ a + ^ — u a + 3 ^ — b als die zer- 
legte und durch Verdoppelung des ersten Gliedes erweiterte 
Zeile 7^ — =4 — ^ -+- 3 ^ — ; man kann sie freilich auch für 
die alte Zeile 4 — ^ -f" 7 ^ — mit Zerlegung der Z. 7 ^ — in 

4 — v -J- 3 v — ansehen. Abaelard hat im Planctus III 2 Paare 
der Art: 

stupendam plus quam flendam virginem 
quam rarum illi virum similem. 
Derselbe hat im Hymn. 78 und 79 4 Str. zu je 4 Z. der Art, 
denen er in Hymn. 80 und 81 4 Strophen zu 4 Z. von 4 — <-» 
-f- 7 ^ — parallel gesetzt hat. In Bur. 154 p. 217 schliesst 
Str. 2. (5.) 8 mit je 4 Z. der Art und Joh. Anglicus (p. 58 
Zarncke) citirt: 

Deo meo raro paro titulum 
Astra castra regit egit seculum. 
Wie in den Strophen die Zahl der Theile der Langzeilen, 
so wurde auch die Zahl der Zeilentheile noch vermehrt; so 
bei Petrus Clun. (Migne 189 p. 1017) 4—- -|- 4 — v a , 
4— v, -f 4 — v, a -|- 3 u — b; Bur. 59 p. 150 6 Mal 4 — ^ 
(ecto) -f- cilia. 

Auf diese Weise lässt sich vielleicht eine sehr schwierige 
Zeilenart erklären. Abaelard Planctus III hat 47 Zeilen, die 
fast alle zu « — w a -f" w — ^ a -f- — ^ — b gebaut sind : 
Ad festas choreas cöelibes. 
Et planctus ut cäntus celebres. 
In manchen Zeilen fehlt der Innenreim, wie 'Promisso | que 
fräudet | dominum', in andern tritt im ersten oder zweiten oder 
in beiden __ « ^ statt « — « ein : U nicae quod ndee diluit. 
Hac valde virgine nobiles. 4'nnuos virginum ejlegos. Dann 



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152 Sitzung der philos.-philol, Classe com 7. Januar 1882. 
finden sich 9 Z. mit dem Baue « _ « a -[" w — w a + — ^ — 

Nee möae nee tüae öbstes glöriae 
Penigrans et plörans viicem planctibus; 
nm* 2 Mal steht — ^ w statt w __ ^ . 

Ich kann die erste Zeilenart nicht als Neunsilber mit Innen- 
reim fassen ; denn abgesehen von allen andern Bedenken, wie 
den Caesuren, kennt Abaelard keine Neunsilber der Art; auch 
die 2. Art kann nicht als Verbindung von Sechssilber und 
Fünfsilber erklärt werden; denn der Sechssilber würde 1 Mal 
jambisch, 8 Mal trochäisch enden. Vielmehr scheinen mir jene 
Verse Sechssilber (6 w „), diese Achtsilber (8 « _) mit Repe- 
tition der ersten drei Silben zu sein ; indem statt 'Ad festas, 
ad festas virgines' gesetzt ist 'Ad festas choreas virgines' und 
statt 'Perägrans, perägrans vacem planctibus' : *Peragrans et 
plorans v. pl.' Da nun die Zeile 6 (8) ^ — ebenso gut mit — w « 
als mit ^ _ w beginnen kann, so gestattete sich Abaelard auch 
einige Male — « « statt » — « zu setzen. 

Wiederholung am Schlüsse. 

Auf die Wiederholung von Schiusssilben beim Gesang sind 
Zeilen zurückzuführen, wie Omer 4: 

Festa dies agitur Qua sol verus oritur 
Suscipit natura naturam 
Redimit factura facturam. 
Bei Du Meril 1817 p. 22 folgen auf 10 Z. zu 4 w _ -f 6 -_ 
mit dem Reim eris wie '0 natio nefandi generis' 4 erweiterte 
Zeilen, in welchen die letzten Silben von 4 ^ _ repetirt sind, wie 
Considera misera quare damnaberis 
Quod literam perperam interpretaveris. 
Aus diesem Prinzip der Wiederholung am Schlüsse sind, wie 
ich glaube, die Zeiienverbindungen zu erklären, in welchen sich 
4 ^ — an die jambisch schliessenden Kurzzeilen 5 «— , 7 « — 
und 8 « — anschliesst. Die Verbindung von 8 ^ — und 4 ^ — 
findet sich häufig, indem 4 « — bald vorangeht, bald nachfolgt ; 
die Verbindungen 5 ^ — -j- 4^ — , 7 ^ — -{- 4 ^ — habe ich 
bei den betreffenden Kurzzeilen besprochen. 

Der Möglichkeiten, diese kurzen Zeilenstücke mit einander 
zu verbinden, sind oft mehrere. In manchen, wenn auch im 
Vergleich zur deutschen Poesie (vgl. Bartsch Germania XII, 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. By Mimen. 153 

129—194) wenigen, Gedichten sind der Zerlegungen so viele, 
dass eine Gliederung derselben zu gewöhnlichen Zeilen sehr 
schwierig ist; vgl. Bur. 200 p. 78, 160 p. 224. Flacius 42, 56 
u. andere. Andererseits wird es nicht Wunder nehmen, dass 
ein oder das andere dieser Zeilenstücke auch selbständig ge~ 
braucht wurde. So ist der Schluss der 5 Strophen von Bur. 
23 p. 25 gebildet aus 8~« aaa -f* — « b -f- 8 — ^ aa -\- 
— ^ b, und — ^ — findet sich öfter zwischen längeren Zeilen 
eingeschoben; vergl. Bur. 84 p. 170. 201 p. 79 Das Stück 
w — v, ist zum Abschluss von 7 w _ benützt in Bur. 38 
p. 126 und in dem Schlüsse Bur. 161 p. 225 (nach der 
Hdschr.) : 

Sentio Veneris officio turbari 
Oculus Cordis hanc praeambulus venari. 
Häufiger treten die jamb. Viersilber (4 w — ) selbständig auf. 
Selten als Basis einer Zeile, wie wohl in Bur. 42 p. 131: 
Et aethera silentio turbavit 
Exilio dum aves relegavit, 
und in der Verbindung 4 ^ — -f- 6 ^ — (siehe bei 6 v> __) ; 
häufiger mit 8 w __,; dann in Verbindung mit trochäisch schlies- 
senden Zeilen; so werden Bur. 179 p. 240 5 Z. zu 8 — ^ (auf 
iti) geschlossen mit 'non dormiant | et sermones inauditi | pro- 
siliant; vgl. die Verbindungen 5 — ^ ~J- 4^_, 6 — ^ -j- 4 ^ — 
und 7 — v, -|- 4 U — 

Der trochaeiscJie Viersilber (4— w) tritt häufiger selbständig 
auf; vgl. Mone 554, wo die Strophen aus folgenden Zeilen zu- 
sammengesetzt sind 1) 6 — ^x -f 4 _ ^ a -f- 5 — ^ a -f 4 — 4; 
2)4--x+6-ua + 5-wa-|-4-«b; 3) 7 w_ n -f 
7 — wx -[- 4 — ^ b. Die Basis bildet 4 — u in den Verbindungen 

4 — v, -f- 5w_, 4 — - -f 6-_, 4 — - -f 7 w_. (4 — - -|- 
7 — . y ), wo es bei vielen Dichtern mit 4 ^ — wechselt. 

Trocliacische FUnfsilber (5 « — ). 

Der jambische Fünfsilber, welcher in der früheren Periode 
uns nicht vorgekommen ist, findet sich in dieser nicht selten. 
Er ist natürlich stets frei von Taktwechsel. 

Abaelards hymn. 62 — 69 enthält 27 Str. von je 3 Z. zu 

5 v — -f- 5 ^ — a, ger. zu 3, z. B. Pörtae claviger | äulae cäe- 
licae; (1 h; in Hymn. 65 u. 66 einige fehlerhafte Zeilen; hymn. 
68 = Da». 5, 235 == Kehrein 385; vgl. Bartsch Sequ. p. 214). 



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154 Sitzung der plUlos.-philol. Glosse vom 7. Januar 1882. 

5w — a -j- 5« — a findet sich in Mone 448 von 7 — ~ b 
-\- 7 — « b gefolgt ; ebenso 5« — a + 5 w — a-}"^ — «b 
in Bar. 154 p. 218 Str. 3. 6. 9; 5w_a + 5w__a + 
8 — w a 2 Mal in Bnr. 43 p. 133 Str. 8. Für die Verbind- 
ung 5 w — a -f- 5« — b bieten die 3 Strophen von Bur. 163 
p. 226 ein schönes Beispiel, wo 8 Z. zu 5 w — mit Reimstel- 
lung abababaa durch 4 « __ b abgeschlossen werden. 

In verschiedenen Verbindungen geht 5 « — voran. So in 

5 « — -j- 4 « — : Cur damnaberis | gens misera in Bernhards 
Hymn. Laetabundus. In Omer 8 schliesst jede der 5 Strophen 
mit 2 Mal 5 «_a -f- 4 w_a -f- 6«-b; ebenso kommt in 
Mone 170 öfter die Verbindung vor: propter fragiles | ut agiles. 
Mit 6 — v, verbunden in Bur. 133 p. 206: 4 Str. zu 5 «_ a 
-|- 6 — wb + 5v — a -f- 6 — ^ b -f- 5 v _ a + 5 %< — a -{- 

6 — « b + 5 w — a. In Bur. 166 p. 228 ist Str. 1 zusammen- 
gesetzt aus 3 Mal 5^_x -J- 6 — ^ a + subveni, Str. 2, 3 
u. 4 dagegen aus 3 Mal 5w~x + 6v — a -+- subveni ; der 
Refrain besteht aus 5 ^ _ x + 6 ^ — a + subveni. 

Gemischt findet sich 5 w — in Bur. 24 p. 27 mit Zeilen 
zu 4 + 6 *_, in Abael. Planet. IV 5u_a + 8 V -a + 

4 * b (18 Strophen); in Bur. 11 p. 8 beginnen 9 Str. mit 

2X(5«-a -f" 3-ub + 4 ^ — c) , vielleicht = 8 — v mit 
Innenreim -j" 4w_; die Verbindung 8 — ^ -j- 5^ — a -f- 

7 <~ — a kommt in Bur. 43 p. 133 Str. 3 zwei oder drei 
Mal vor. 

Als Schluss findet sich 5 v— in verschiedenen Verbind- 
ungen ; so in 4 — ^ + 5 w _ ; 6 — v -|- 5 w __ ; 7 ^ — -J- 
5 u _. ; 8 — \j -j- 5 v — Den Neunsilber 4 — > -\- 5 ^ — hat 
Abaelard öfter verwendet; so in Planctus II 8 Z. gereimt zu 
2 (3 Z. mit 4^_); dann besteht Hymnus 86 — 94 aus 32 
Strophen zu 4 X (4 — » + 7 w — ) und 2 Z. zu 4 — w oder 
4w_-J- 5v_b; vgl. Mone 1050 Str. 5 und die 12 Zeilen 
in dem münchener Rachelspiel, Du Meril Origines p. 172 u. 174. 

Jambische Fflnfsilber (5 — w ). 

Ueber den Taktwechsel in dieser Zeile siehe oben S. 121, 
über den rein daktylischen Wortschluss S. 125. Diese Adonier 
wurden schon in der früheren Zeit selbständig zu Gedichten 
verwendet. Während in Abaelards Planctus I 6Z. zu 5 — v x 
•f 5-ua stehen mit 5 daktyl. Wortschlüssen , stehen in 
Hvmn. 48. 49 u t 50 72 Z. gereimt zu 3 (aab), wobei jede 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 155 

3. Z. (b) in 48 auf a, in 49 auf at, in 50 auf um reimt, so 
dass vielleicht 24 Langzeilen zu 5 — vaab(ccb etc.) anzunehmen 
sind ; darin finden sich nur 2 daktyl. Wortschlüsse. 5 — w a a a a 
und 5— ^ aaa findet sich in Bur. 43 p. 133 Str. 5 u. 6. 

Von den Verbindungen, in welchen 5 — ^ die Basis bildet, 
ist die auffallendste die Zeile 5 — ^ x -f~ 4v — a, welche 
Abaelard Hymn. 70 — 73 in 12 Str. zu 4 Z., gereimt zu 4, ver- 
wendet hat, ohne h, aber mit 13 rein daktyl. Wortschlüssen 
und den 2 Z. 'Pedes eorum | pedes recti' und 'Tamquam ex 
aere | sint candenti'. 31 sapphische Strophen aus 5 — w -f- 

6 — v gebildet finden sich in Zeitschr. f. deutsch. Alt. 5 (1845) 
p. 467, ohne Reim; Borgia (Memorie di Benevento II, 277) 
hat 10 sapph. Strophen mit nur 2 Z. zu v — u — v> , 38 zu 
— w v — v und ohne Tw in den Zeilen zu 6 — ^ ; jedes Stück 
zu 5 — kj reimt mit dem folgenden 6 — w z. B. Aula beati | 
praesulis barbati ; der Schluss 5 — w ist ohne Reim ; ich glaube 
nicht, dass das Gedicht vor dem XII. Jahrhundert entstanden 
ist. Die sapphische und die alcaeische Zeile (5 — u -|- 6 w — ) 
sind gemischt in der Strophe bei Adam II, 219: 2 Mal (5 — u a 
4- 6—^ b) + 7 ^— c, +2 Mal (5— w d + 6 » — e) + 

7 ^— c und in den 3 Strophen von Bur. 83 p. 169, welche 
beginnen mit 2 Mal (5 — <-» a -[" 6 v — D ) "f* 2 Mal (5 — v c 
-J- 6 v — d) + 2 Mal (5 — u e -f" 6 — u f) ; besonders aber 
in dem Leiche Bur. 62 p. 153, dessen Str. 1. 2. = 9. 10 
bestehen aus 3 Mal (5_va + 6— v, b) , Str. 3. 4 = 11. 
12 aus 3 Mal (5 — w a + 6 ^—b), Str. 5. 6. 7. 8 = 13. 
14. 15. 16 aus 3 Mal (5— v a -f 5 v_.b). In den 48 Z. 
zu 5 — v> finden sich 9 rein daktyl. Wortschlüsse. 

Vgl. die Zeilen 7w — -|~ 5 — « . 

Jambische Sechssilber (6 « — ). 

Die Zeile 6 « — ist uns in der früheren Periode in der 

alcaeischen Zeile 5 — w -}- 6 w und öfter in der umgeformten 

asklepiadeischen 6 « — -|- 6 « — begegnet. Auch in dieser Pe- 
riode tritt die asklepiadeische Zeile so oft auf, dass die einzeln 
verwendeten Zeilen zu 6 w — sicher nur aus der Zerlegung jener 
Langzeile herstammen. Ueber den Taktwechsel in dieser Zeile 
siehe oben S. 121 und über rein daktylische Wortschlüsse 
S. 125 und 132. 

Weitaus am verbreitetsten ist die Zeile 6 « - x -f- 6 w — a. 
Pie Hjrinni diurni 10^- 3 8 Abaelard^ umfassen in 90 Str. 360 



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150 Sitzung der philos.-philol. Clause vom 7. Januar 1882. 

Langzeilen, von denen je 2 reimen ; einige Reihen finden sich 
im Planctus III. (in H. 14 Ist Arduum coeloruin caliem refu- 
giunt umzustellen in Coel. ard. ; in H. 18 Ncc aetas terrena 
in 'ferrea' zu ändern, H. 26 Ubi Christus sponsa eius est ecclesia 
in: Vir Christus sponsa est eius eccl.) mit 4 h und 2 (h) in 
den 360 Z. vgl. oben S. 125 u. 129. Die Apokalypsis dos 
Walther von Chat, umfasst 440 Z., gereimt zu 4 (vgl. S. 120 
u. 135). Petrus Yener. (Migne 189 p. 1020) hat 84 Z. ge- 
reimt zu 2, ohne h, mit vier rein daktylischen Schlüssen; die 
erste Hälfte der Zeile hat 3 quantitirend betonte Schlüsse iu 
'Hugo pius pater. Clausus adhuc latet. Quae dentur dat deus.' 
Bernhard (Migne 184 p. 1313) hat (nach 16 Z. zu 7 w_ -j- 
6—w) 40 Z. zu 6w_ -|- 6w_a gereimt zu 4, mit 2 h. 
Bur. 150 p. 57: 20 Str. zu 3 Z. ; in Str. 16 einige falsche 
Zeilen, mit 3 h und 5 (h), reine Daktylen in 9, 4 und 10, 2. 
Im Weihnachtsspiel 202 p. 81 u. 82 5 Str. zu 4 ger., mit 
1 Mai l pariet ftlium' und 2 h in 'dei et'. Du Meril 1847 
p. 180, 39 Str. zu 4, gereimt zu 4. Nur 2 Mal 'E'xpedit 
vivere' und 'dücere fügias'; umzustellen 'Qui coeunt nimis | 
incurrunt obitum' und 'Tarn cito volebant | nuptias fieri.' Denn 
6 — w statt 6 w _ fand ich nur in folgendem Gedichte. Du 
Meril 1847 p. 128, über 200 Z. gebunden zu 2, oft zu 4 
durch ein- oder zweisilb. Reim oder Ass. Reine Daktylen, wie 
'nitixirna crimina' kommen nicht viele vor, dagegen wird sehr 
oft die erste Kurzzeile (6 ^ — x) durch 6 — ^ , wie : Affirmare 
queo. Ipsi pätiüntur. I mmo si secündam', gebildet. In den 5 
Strophen von Flacius 1 3 -)- 1 4 werden 4 Z. zu 6«-x-fa 
geschlossen durch 6 ~ — a, in den 3 Strophen von Fiac. 21 
werden 3 Z. zu 6 ^ — x -{- a geschlossen durch 4 ^ _ a -|- 
6w — a + 8 w — a . 

Fortlaufende Reihen von Zeilen zu 6 « — a -|- 6 w _ a, 
d. h. mit dem gleichen Reim in beiden Kurzzeilen, sind wohl 
der Eintönigkeit halber vermieden worden. Dagegen finden 
sich Reihen von 6 ^ — aaabbb in Bur. 36 p. 122 Str. 5. 6. 
20. 21. 30. und in der Nachahmung 174 p. 233 Str. 5. 6. 
15. 16., mit Reimen wie dira sors, est mors, vitae sors, ut 
nix, aut vix, corde pix, die in 174 zum Theil nachgeahmt sind. 

Häufiger finden sich Reihen der Langzeilen 6w — a -\- 
6 w — b, also mit gekreuztem Reim der Kurzzeilen. Bar. 76 p. 46 
5 Str. von je 6 Z., zuerst 2 Mal (6 u — a -f- 6 ^ — b), dann 
4 Mal (6 v _ c -f- 6^-d), ohne b oder reinen Dactylus, In 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über tat. Rythmen. 157 

den 2 Str. von 74 p. 165 folgen auf 4 Z. zu 6 u — a -f- 
6v> — b noch 6^ — b -f- 6o — a -f - 6 u — b, ohne h oder 
rein. Dact., und mit dem Reim ium und io für a und b in den 
22 Z. Eine Str. zu 4 Z. in 202, 33 p. 89 mit der Reim- 
stellung ab ab c b c b. Flacius No. 22 hat 2 Str. von je 
4 Z. zu a + b, No. 15 zuerst 3 Z. zu a -f- b, dann 1 Z. 
b + a, 1 Z. a -f b. 

Die asklepiadeische Zeile zerfiel in 2 völlig gleiche Theile ; 
diese einzelnen Stücke zu 6 ^ — wurden nun in der mannig- 
fachsten Weise verwendet. Von den verschiedenen Verbindungen 
der Sechssilber mit sich selber gibt Adam viele Beispiele : 
4 Mal (6 x + a) II, 89; (II, 40: 2 Reihen von 6 ab ab 
u. 6 c d c d u. I, 293 von abab u. ddee, jede durch 6 _v 
geschlossen) ; Strophen von 6 ^ — aabccb I, 30. 344. II, 81 ; 
Strophe von 6 v — aaabcccb II, 229, 5; Strophe zu 6 ^ — 
aaaabccccb II, 90, zu ababc dedec II, 229, 8. 

Solche Verbindungen finden sich auch sonst oft. Z. B. hat 
Petrus Vener. (Migne 189 p. 1012) 104 Paare von Langzeilen 
zuGv. — aab, ccb mit sehr wenig h und nur 4 Z. wie 'red- 
ditur saeculo' und mit unreinem Schlüsse iu Christe deus meus | 
ad te clamo reus und Quando sine fine | summus ab homine. 
Als solche Langzeilen sind auch die 11 Strophen des Reiner 
von Lüttich (Migne 204 p. 95) 6u — aabccb zu denken ; 
denn während die 6 ^ — b stets reinen Schluss haben, bestehen 
die mit a oder c reimenden Kurzzeilen 22 Mal aus 6 ^ — und 
ebenso oft aus 6_w. Mone 658, 44 — 57 hat eine künstliche 

Reimstrophe zu 6 < aabccb d , eefggfd; Bur. 157 p. 223 

4 Str. zu 6^ — ab ab bbaaab mit nur 1 (h), aber 7 rein 
dact. Wortschlüssen; abgesehen von 4 Z. haben alle den Ton- 
fall — \j u — yj — . 

Die Verbindungen, welche 6 ^ — mit anderen Kurzzeilen 
eingeht, so dass es die Basis der Verbindung bildet, sind nicht 
häufig. Z. B. 6 v _ a -+ fi-vb, 6.-a-f 6-ub Bur. 
40 p. 130 Str. 3; vgl. Adam II, 404; über die Zeile 6_v 
-j- 7 — v wird am Schlüsse beim Ludus de Antichristo ge- 
handelt werden. Mit 8u — oder 4 u — -[- 4 ^ — tritt 6 w — 
zusammen in Bur. 43 p. 133 Str. 8, u. 159 p. 224 Str. 2. 3. 

An andere Kurzzeiien schliesst 6 t — sich an in : 5v — -|- 
6 <~> — , 5 — ^ -f~ 6 vy — und 7 — ^ -f- 6 ^ — ; besonders in 
4 -(- 6 u — • Da ^ dieser Verbindung die Kurzzeile zu 4 Silben 
den unwesentlichen Theil bildet, so behandle ich die Zeile hier. 



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158 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882, 

Die Zehnsilber zu 4 + 6 ^ — kommen in verschie- 
denen Formen vor, je nachdem der erste Theil aus 4 ^ — oder 
4—^ oder bald 4 — ^ bald 4^— besteht oder endlich die 
Pause nach 4 öfter vernachlässigt wird. 

Die Verbindung 4 ^ — + 6 ^— findet sich ohne Reim 
in 4 v— bei Du Menl 1847 p. 222 in 10 Z., die alle auf 
eris reimen; Omer 22 (5 Str.) reimen die 4^— a und die 
6 ^ — b unter sich; am künstlichsten ist der Beim in Bur. 75. 
p. 45, wo in den drei Paaren Z. 1 u. 2, 4 u. 5, 7 u. 8 
4 ^ — a zu 4v/-a und 6 ^ — b zu 6 v — b reimt, dagegen 
in den Zwischenzeilen 3 u. 6 4 ^ — b zu 6 ^ — b und 6 ^ — a 
zu 4 ^ — a der vorangehenden Zeilen reimt. Erweitert ist die 
Zeile in Flacius 129, wo 2 Mal 4 v — a + 4 *•— a + 6 °~~ a 
eingesetzt ist (vgl. mit dem Anfang Joh. Anglicus bei Zarncke 
p. 74); in Omer 22, wo auf die 4 Z. zu 4 **>— a -f- 6 v/— b 
2 Absätze von je 4 ^— a -f- 6 ^ — a + 6^— a -j- 6^ — b 
folgen ; endlich in Omer 32 , wo auf 3 Z. zu 7 — <^ a folgen 
4 ^ — b 4" 6 *■/ — b, 4 ^ — c -f- ^ ° — c M~ 6 v — b ; b ist in 
allen 8 Strophen *ula\ 

Selten besteht die Basis dieser Zehnsilber nur aus 4 — ^ , 
wie stets bei Adam und z. B. Flacius No. 17; in der Regel ist 
neben 4 — ^ mehr oder minder häufig 4 ^ — zugelassen. Die 
Vernachlässigung der Pause kommt nur in wenigen Stücken 
vor, bes. in den Ludi; so in einem Osterspiel 
Et dicant sur rexit a mortuis 
viri for tes vobis dabimus. 

Nach der gewöhnlichen, bes. von Gautier verfochtenen An- 
sicht, ist dieser Zehnsilber eine rytbmische Nachbildung der in 
späterer Zeit ziemlich beliebten daktylischen Reihe 'Quam cu- 
pere^m tarnen ante necäm'. Mir scheint diese' Ableitung durch- 
aus unsicher; denn ausser der Silbenzahl und dem Schlüsse 
haben die Zeilen nichts gleich; die Caesur nach der 4. Silbe 
ist in der daktylischen Reihe durchaus nicht gesetzmässig, und 
der anlautende Daktylus sollte rythmisch zu u — ^ oder — v <-» 
werden; im Zehnsilber ist aber — v^ — v/ der regelmässige An- 
fang, « — . w — die Ausnahme. Vielleicht ist die Zeile 4 — w -f- 
6u — eine freie Erfindung, nachgebildet den alten Zeilen zu 
4 — w -f- 7 « — und 5 — ^ -|- 6 « — 

Nur aus Zehnsilbern besteht Äbaelard's Hymn. 29 — 32, 
22 Str. zu 4, gereimt zu 2, mit 2 h und 1 Mal Virginum 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lab. Bythmen. 159 

glöria' ; 4 v, _ ist nicht selten ; in 29 '0 vere beata pauper 
puerpera' tilge vere. Du Menl 1843 p. 294 90 Z. in Str. 
zu 4, ger. zu 2, ohne h, mit 2 rein daktyl. Wortschlüssen 
und oft 4 w — ; das Gedicht bezieht sich auf ein Ereigniss von 
1087; da aber die Reime fast alle rein sind, ist seine so frühe 
Entstehung unsicher. Die Klage des Oedipus (Zeitschr. f. d. 
Alterth. XIX p. 90) 21 Str. zu 4 ger., wird von Joh. Anglicus 
p. 71 Modus rithmi autenticus ab antiquo tempore genannt, 
ist aber gewiss nicht alt, da sie reine zwei-, oft auch dreisilbige 
Reime hat (oben S. 139); der Bau ist nicht rein: 4 « — 13 
Mal ; 24 Tw in 6 ^ _ , darunter 3 mit daktyl. Wortschluss ; 
h 7. Arcliipoeta No. I: 45 Str. ger. zu 4, ohne h; 22 Mal 
4 w — ; in den Z. zu 6 « — 83 Tw, darunter 14 mit rein 
daktyl. Wortschluss. l ) Eine Reimstrophe von Zehnsilbern zu 
abab, baab hat Flacius No. 17; noch künstlichere (von 
Philippe de Greve?) P. Meyer im Archiv, d. Missions II, 3 
p. 283. 

Häufiger treten die Zehnsilber mit andern Zeilenarten zu 
Strophen zusammen. Äbaelard's Hymn. 1 — 9, 45 — 47 u. 51 
bestehen aus 74 Strophen von 8 «-a-|- 8« — a-|- 10 u — b 
-f- 10 « — b; in den 148 Zehnsilbern findet sich oft 4« — , 
kein daktyl. Wortschluss und 1 Mal sta t ; einige Z. zu 10 w_ 
auch in Hymn. 52 u. 53. Verschiedene Verbindungen bietet 
Adam: Strophen zu 4, ger. zu a a b b oder a a a a oder abab 
II p. 274. 220. 293; Strophen aus 2 Theilen zu je 3 mit 
dem Reim aaa + ^ — w b I> 68 und II, 312 oder zu je 4 
mit dem Reim aaaa -f ^ — w *> I? 271; Strophen aus 2 
Theilen zu je 2 Z. a a + 7 «_ b I, 265 u. II, 101 (106); 
II, 99 stehen 3 Z. zu ulo -f- 5 Z. zu ia. Statt 4 — v, steht 
bei Adam niemals 4 w — ausser in I, 70 In te*rra päx | et iu- 
bilätio; allein dies ist ein Citat; die Z, zu 6 «_ haben nie 
rein daktylischen Wortschluss. Wenn demnach in I, 181 auch 
die Strophen form, 2 Mal (3 Z. -f- 4 — v,), keinen Anstoss er- 
regt, so macht das Faktum, dass 8 Mal 4 ^ -— und 2 Mal 
daktyl. Wortschluss (vgl. 6 _ ^ in Str. 5) sich findet, es mir 
sehr zweifelhaft, ob diese Sequenz von Adam ist. Auch bei 
Bernhard (Migne 184 p. 1323) werden 30 Str. zu 4 Z., ge- 



1) Verbessere aus der Hschr.: 14, 3 Redditurus; 21, 4 darapnatus; 
26, 3 lucemae; 29, 3 omne (ornnem?) maleficura; 30, 3 Quae; 31, 1 In- 
sistite ; 36, 1 vobis ; 39, 2 hoc mihi. 



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160 Sitzung der philos.-phüöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

reimt a a a a , durch 4 — ^ geschlossen ; darin nur 2 Mal 4 •> — 
und 2 daktyl. Wortschlüsse; in Flacius 74 reimt, was ich 
sonst nicht fand, auch die Basis der Zeile : 4 a -|- 6 b, 4 a + 
6b, 4c; 4d -\- 6b,^4d -{- 6b, 4c. In Bur. 80 p. 167, 

5 Str. zu 4 ; obwohl die 4 Z. gleichen Reim haben, steht nicht 
minder nach dem 1. als dem 2. Paare ein Refrain; in No. 82 
steht am Ende jeder Strophe von 4 Z. mit gleichem Reim ein 
reimloser Schluss von — ^ : exul etc. Die 8. Strophe (Philipp 
de Greve?) bei P. Meyer Arch. d. Miss. II, 3, p. 281 besteht 
aus 2 Theilen zu je 2 Z. zu 10 ^ — und 1 Z. 8 — ^ mit Reim 
a a b. Interessant ist die Mischung dieser Zehnsilber und der 
troch. Fun falber in der wachsenden Strophe Bur. 24 p. 27 
Quod spiritu | David praecinuit | Nunc exposuit u. s. w. 

Trocliaeisclie Sechssilber (6 — ^). 

Diese Zeile ist, mit sich selbst verbunden, in der geistlichen 
Poesie weniger selten als in der weltlichen. Ueber Taktwechsel 
und rein daktylischen Wortschluss in derselben siehe S. 120 
u. 123. Abaclard hat (Hymn. 60. 61.) 15 Str. zu 4, gereimt 
zu 2, ohne h mit nur 3 Tw. Die 6 Strophen von Bur. 86 
p. 49 beginnen mit 2 Mal (6 — ^ a -\- 6 — ^ b); dagegen 
finden sich in Mones Hymnen viele Strophen von 2 Mal (6 _ ^ . 
a + b) in 789. 1051, von 6 — - aabb in 790. 813, 29 
Strophen zu 6 — « aaa -)- 5 ^ — b, 6 — ^ c c c -|- 5 ^ — b, 

6 — ^ ddd -{" & " — b m No. 498, also Erweiterung von 6 — ^ 
-[- 5 w — . 

Den ersten Theil bildet 6 — w in verschiedenen Zeilen- 
verbindungen, so in Bur. 140 p. 211 8 Str. zu 6 — ^ a -|* 
4 -_ b, 6— - + 4 -_b, und in 100 p. 178 (6_- a + 
4-_b)X 2 + 6--c + 4w_d + 6_.ee + 4 ~_ d. 
Dann in 6 — ^ x -j- 5 .— ., von welcher Zeile Mone No. 209 

7 Strophen zu 4, gereimt zu 2 bietet; Bur. 107 p. 184 be- 
steht aus 3 Str. zu 6 — ^ -|- 5 ^ — a, 6 — « -|- 5. — a, 
7 . — b, -\- 6 — « -|- 5 « — b. Vier Langzeilen zu 6 — . -f- 
7 . — a stehen in Mone 372 Str. 7, je 2 solche finden sich 
im Anfange der 5 Strophen von Bur. 23 p. 25. Die Verbin- 
dung 6 — «a -|- 7 — ^a + ? — ^ a -\- 6« — b findet sich 
in den 7 Str. von Omer 26. 

Den SchlCTss der Zeilen Verbindungen bildet 6 — . in den 
4 Z. zu 4 — . +6 — . in Abaelards Planctus V und in den 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Rythmen. 161 

Verbindungen 5 ^ __ -[*- 6 — ^ , 5 — ^ -|- 6 — ^ , 6 « — -f- 
6_w, 7 w_ + 6 (!), 8u_ + 6 — w und 8_w -f 

6 — «. Die 5 Str. von Bur. 124 p. 198 bestehen aus 5 ^ — a 
-f 6-wb, 5 o — a + 6 — - b, 6 — - + 6 — ~ b, 4 — w -f 

6-.b. 

Trochaeische Siebensilber (7 w — ). 

Wir fanden schon in der vorigen Periode den zweiten Theil 
des troch. Ftinfzehnsilbers, die Zeile zu 7 « _, von demselben 
abgetrennt und als selbständige Zeile theils mit sich selbst, 
theils mit anderen Kurzzeilen zu Verbindungen zusammenge- 
stellt, welche die quantitirenden Dichter nicht gekannt hatten. 
Dieselben sind in dieser zweiten Periode weit zahlreicher und 
wichtiger. Ueber den Taktwechsel in dieser Zeile siehe oben 
S. 120, über den hiebei möglichen rein daktylischen Wort- 
schluss S. 123. 

Zunächst geht die Zeile oft mit sich selbst Verbindungen 
ein: 7 «__ -f 7 « — 

7« — x-f7 o — a, mit Reim nur in jeder zweiten Kurz- 
zeile. Äbaelard hat (in Hymn. 58 u. 59) 44 solche . Lang- 
zeilen, gereimt zu 2, während in den dazu gelhörigen Hymn. 56 
u. 57 die ersten Kürzzeilen unter sich reimen zu 7 w_a -f- 

7 v — b. Der Kern des (sonst mit vielen fremden Lappen auf- 
geputzten) Weihnachtspiels der Carmina Burana 202 p. 80 — 89 
ist in dieser Zeilenart geschrieben : 43 Strophen zu je 4 Lang- 
zeilen, gereimt zu 4; auch in Bur. 28 p. 33 finden sich 4, 
dann 3, dann 4 solche Langzeilen mit gleichem Reim. Häufig 
in den Ludi des Hilarius, Du Möril Origines p. 226. 229. 231. 
245. 2M. Walther von Chat, hat in I u. II unter die Strophen 
von 7v — + 6 — va an beliebigen Stellen Strophen (im 
Ganzen 9) eingeschoben , die aus 3 Z. zu 7 ^ — -f- 7 ^ — a 
und einem bald vollständigen, bald unvollständigen, aber mit 
jenen 3 Zeilen reimenden Hexameter bestehen. No. IX dagegen 
besteht aus 131 Z. zu 7 w_ -|- 7 v_a in Reimgruppen von 
4, 5, 6 oder 8 Zeilen, mit 5 h, vielen Tw und daktyl. Wort- 
schluss in 50. 52. 103. 106; dazwischen stehen einmal 19, 
dann 12 Hexameter mit und ohne Reim. 

Die Verbindung zweier unter sich reimenden Zeilen zu 
1 \j — , also 1 \j— a + 7c — a, ist nicht selten. Äbaelard 
hat Planctus V 16 Z. und PL VI 56 Z., die meistens zu 2, 
oft auch zu 4 gereimt sind. Das Gedicht auf ein Ereigniss 

[1882. I. Philos.-philol. bist. Cl. 1.] 11 



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162 Sitzung der phüos.-phüol. Glosse vom 7. Januar 1882. 

von 1128 bei Du Möril 1847 p. 260 mit vielen unreinen 
oder unvollständigen Reimen besteht aus 156 Z. in Str. zu 4, 
gereimt zu 2 oder 4; darin die Z. : 'Cleri defensor pius' un£ 
4 Nee audebat quis tuam (quispiam?)\ In derselben Z. ist 
gedichtet das von Waitz veröffentlichte Liebesconcil (Zeitschr. 
f. d. Alt. 7, 1849, p. 160), 238 Langzeilen mit meistens 
reinen Reimen; vgl. noch Du M^ril Orig. p. 167 (Tres magi, 
Orleans). Doch scheint diese Zeilenart wegen der zu rasch 
sich folgenden gleichen Reime als eintönig nicht viel Anklang 
gefunden zu haben. 

Die Verbindung von 7 v — a -}- 7 i — b, 7 v — a -|- 
7 v~b, also mit gekreuztem Reime, gefiel weit mehr. Schon 
Abaelard hat Hymn. 56 u. 57 11 Strophen zu je 2 Langzeilen 
der Art; dann 4 Str. in Planctus II. Bur. 164 p. 227 be- 
steht aus 5 Str. von je 3, und 87 p. 50 (von a. 1208) aus 
1 Str. von 4 solchen Zeilen. Der Archipoäa No. VII hat 11 
Strophen von je 3 Zeilen zu 7 v — a -|- 7w_b, ohne h und 
in den 16 Z. zu 7 w — mit Tw keinen daktyl. Wortschluss; 
(verbessere aus der Hschr. : 3, 3 crederis ; 6, 2 David mansu- 
ötior ; 6, 3 fehlt 'Et'). 

Lehrreich ist es zu sehen, wie Adam die Siebensilber mit 
einander verbunden hat. II, 80 folgen sich a a, b b, cc, b b. 
Von den Zeilen a + b stehen 2 Paare I, 214; II, 191 ; 
4 Paare II, 252; drei Z. II, 323; 4 Z. I, 18 und 8 Z. mit 
den gleichen Reimen I, 133. Viel häufiger hat Adam die Zeile 
7u — a -f" 7^ — b durch Vervielfältigung der ersten Kurzzeile 
zur Reimstrophe erweitert. Die, wie die Stabatstrophe, gebil- 
dete Strophe 7 a a b c c b findet sich einzeln in vielen Gedichten, 
ja I, 74 und I, 323 bestehen gänzlich aus je 9 solchen Strophen. 
Die aus drei solchen Gliedern bestehende Strophe ist, wie bei 
den Zeilen 8 — ^ -|- 7 v— , so auch hier selten; I, 54 ist 
eine, II, 176 2 Strophen zu aabccbddb. Dagegen ist 
aaab cccb häufiger (I, 54. 306. II, 82. 240. 285. 293. 456?); 
sogar aaaabccccb ist nicht selten I, 229. II, 20. 116. 204. 
In I, 82 wechselt die Reimstellung: 4 Str. haben aaabccb, 
je 1 hat ababccb und aaaabbb. 

«So werden wir uns nicht wundern, aus den Zeilen zu 
7 ^ — auch sonst verschiedenartige Reimstrophen gebildet zu 
sehen. 5 Reihen von 7u-aaa hat Bur. 202, 43 p. 91, 12 
Mone 377. 16 Strophen von 7aaaa hat Abaelard in Hymn. 
78 — 81 ; 2 Reihen von je 6 Z. mit gleichem Reim in Planet. IV. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 163 

Je 1 Strophe zu aab ccb in Planet. IV u. VI; dieselbe Str. 
hat Hilarius bei Du Menl Orig. p. 227. 228. 274. In Placius 
71 folgen sich 29 Z. auf io. Der Leich im Brit. Mus. Eger- 
ton 274 (Philippe de Gr&ve? bei P. Meyer Archives des miss. 
II, 3, 280) beginnt mit 7w — abcabc; ebenda folgt die 
Strophe aab ccb. 6 solche bilden Bur. 88 p. 171; aus der- 
selben bestehen auch die 30 Z. des Hymnus *Veni Sancte 
Spiritus' Mone 186, nur dass hier alle dritten Zeilen auf ium 
reimen. Bur. 129 p. 203 besteht aus 6 Strophen zu 7 w — 
a aab ab, Omer 23 aus 7 Str. zu aababa, Omer 17 aus 
7 Str. zu aabaaba, 18 aus 4 Str. zu abababec, Flacius 
95 aus 3 Str. zu ababaaab, Flac. 67 aus 7v — ababab, 
dann 7 w — a -f 4 ^ — b und wieder 7 v—abab, Flac. 47 
endlich aus 7 w — ab ab a b ab c edd. 

Von den Zeilen Verbindungen , in welchen 7 ^ — einer 
anderen Zeile vorangeht, ist die ungleichste 7 <*• — -(- 4 ^ — . 
Sie ist, wie ich glaube, aus der Nachahmung der im Gesänge 
häufigen Wiederholung der letzten 4 Silben entstanden; des- 
halb ist der gleiche Reim in 7 v __ a und 4 v _ a nicht selten. 
In Bur. 45 p. 135 u. 275 findet sich diese Zeile öfter; der 
Refrain von 59 p. 1 50 besteht aus 3 Z. zu 7 v — a -f- 4w — a; 
38 p. 126 Str. 7 = 8 besteht aus 7w-a + 4w-a, 7v-b 
-f4u-b; 4 v-c + 7 w-c, 7 w-d + 4 u-d + 8-v c; 
vgl. die Zeilen in Bur. 130 p. 203, und mehr in Bar. 159 
p. 224; dann die Sequenz des Petrus Bles. (Migne 207 p. 1129) 
Str. 5 u. 6 und den dort folgenden Leich Str. 3. 12. 13. 

Nicht so häufig ist die Zeile ohne Reim in 7 ^ — Abae- 
lard hat in Hymn. 82 und 83 die 3. und 4. Zeile von 5 Str. 
gebildet aus 7 w — x + 4 w — a; nur in 1 Strophe reimt 7 w — 
mit 7 «._. Aehnlich hat Adam I, 305 Str. 5: 7.--)- 
4v-a, 7w_ -|" 4u_a, 4" 4 — üb; 7 ^_ c + 4^ — d, 
1 v — . c -f- 4^ — d, -|" ^ — u b- Pie 5 Strophen von Bur. 
139 p. 210 beginnen mit 4 Z. zu 7 u-x -(- 4 ^ — a, und 
der Refrain von 57 p. 149 besteht aus 7w — + ^° — a » 
7 u_ -|- 4u_a, 7u~b 4- 7u_b, Flacius 70 besteht 
nur aus 4 solchen Zeilen. 

Oefter wurde die Zeile 7u_a 4" 4 v_b angewendet. 
Mone 324 besteht aus 7 Strophen von 4 Z. zu 7v — a 4" 
4v-b und dazu 7 v — a. Die 8 Strophen von Bur. 56 p. 148 
(besser im Codex Christin, und bei Wright Myst. p. 114) be- 
ginnen mit 7 y-a-[- 4 ^ — b, 7v — a-(- 4 v-b-f 7 v — b. 

11* 



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164 Sitzung der phüos.-phüol. Glosse vom 7. Januar 1882. 

Die 5 Str. von Omer 8 beginnen mit je 2 Z. der Art. Flacius 
65 besteht aus 5 Z. zu 7^_a 4" 4u_b, dazu 7 w — a + 
7 v — a und einem mir unklaren Schlüsse. Das lateinisch- 
provenzalische Lied Bur. 81, str. 3 cui tant a ben beginnend, 
dessen Anfang, wie ich bei anderer Gelegenheit nachweisen 
werde, No. 169 p. 231 bildet, hat die hübsche Strophenform 
7w_ a-f 7w_a + 7^_ a + 4 -_b + 7 w_a -f- 
4 w_b. In Bur. 38 p. 125 Str. 1 u. 2 ist unter die Z. zu 
7 w — ein einzelner Viersilber gemischt. 

Von der Verbindung 7« — a -j- 4 — «b finden sich bei 
Abaelard in PI. V 4 Paare, 2 Paare in Mone 372. 5 Paare 
7« — x 4" 4 — ^aa hat Hilarius bei Du Me*ril Orig. p. 246. 
Häufiger sind die Erweiterungen ; so in Abaelards PI. VI 4 Str. 
zu 7 w-aab + 4— «c + 7«-b + 4 — « c ; in Bern- 
hards Sequenz Laetabundus folgen auf 4 Absätze zu 7 w — x 
4. 7 w__x + 4 — v b, 2 zu 7 o_a -(- 7 - — a -f 7 - — a 
-j- 4 — w b. Bei Adam finden sich 9 Strophen zu 7 ^ — a 4~ 
a + 4-w b, 7 «_c + c + 4-w b in I, 74; 1 Strophe 
II, 100; von 7 ^ — aaa -\- 4-«b, 7 «_ccc -f" 4 — «b 
finden sich 5 Strophen in II, 481 (?), je 1 in I, 252 u. 342. 
Eine Variation bietet Bur. 15 p. 12 Str. 1 zu 7« — ab 4* 

4 — v c + 7v — ab 4" 4= — «c 4" 7 ^ — ddee 4* 4 — «c. 

Aus der Verbindung von 7« — -[* ^ w - a (einige Male 
mit Reim der Z. zu 7 « — ) bestehen die beiden ersten Zeilen 
der 9 Strophen in Abaelard' s Hymnus 82 — 85; in Planctus III 
finden sich 2 Mal je 3 Reihen zu 7 w — a 4~ 5 « — b. Eine 
Variation bilden die Strophen von Hymn. 41 — 44 zu 7 a 4" D 
4- a 4" 5^_c 4" ?v — a + ^ w — c > un ^ die 6 Strophen 
von Mone 1160 (Guido von Basoches) zu 7 x -(- a, 7 x + a, 
7 x -)- 5 « - a. Eine noch stärkere Variation bilden die (ent- 
stellten) 5 Strophen von Flacius 81 u. 82 , welche Gedichte 
zusammen gehören, da die Strophe gleich ist und 'Si deus est 
animus' den Anfang von 81 u. Schluss von 82 bildet; das 
Maass ist: 7 ^ — a 4* *> > a -[- b, 7o__c4"^° — c + 

5 w._d 4- 5 - — d 4- 5 w_ d, 4- 7 v — e + f, e + f. 

14 Zeilen zu 7 v_ x 4" 5_u, alle einsilbig auf a 
reimend, hat Du Menl Origines p. 124, und 6 auf orum der- 
selbe p. 115. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Rythmen. 165 

Die Vagantenzelle (7 v \- 6 — w ). 

Keine Zeile ist in der rythmischen Poesie häufiger ange- 
wendet worden, als die wohlklingende Verbindung des troch. 
Siebensilbers mit dem troch. Sechssilber. 

Wenn die 12 Strophen zu 4 Z. bei Petrus Damiani (f 1072 ; 
Migne 145 p. 939) wirklich von ihm wären, so wären sie das 
Slteste Beispiel; allein dagegen spricht entschieden der volle 
zweisilbige Reim, der die 4. Z. jeder Strophe bindet und der 
in den andern Gedichten des Petrus Damiani ebenso wenig sich 
findet als bei den übrigen Dichtern dieser Jahre. So sind einst- 
weilen die 4 Z. zu 7 ^ — a -f- 6 — ^ b bei Abaelard (Planet. II) 
das älteste Beispiel. Jobannes Anglicus (bei Zarncke p. 69) 
bemerkte 'Rithmus qui constat ex XIII sillabis aliquando con- 
gonantiam habet duplicem (7 ^ — a + 6 — « b), aliquando uni- 
cam (7w — x-f- 6 — wb). Von diesen Arten ist die letztere 
weitaus häufiger. 

Adam hat nur 4 Z. zu 7x + 6b in I, 267 nebst eini- 
gen Erweiterungen^ Weit verbreitet ist dagegen diese Zeile 
in der weltlichen Dichtung, und zu diesem Ansehen hat ihr 
vielleicht der Archipoeta verholfen. Schon oben (S. 120) habe 
ich bemerkt, dass er in der Z. 6 — ^ keinen Taktwechsel sieb 
gestattet. Er bindet stets 4 Z. durch gleichen Reim. No. IV 
besteht aus 128 Z. ohne h und mit 21 Tw in 7 w_. (20, 1 
hat auch die Hschr. miseria; vgl. Bur. 194, 1 p. 74.) No. II, 
100 Z. ohne h mit 26 Tw in 7 ^ — ; in 19, 1 ist Sancto cum 
Martino' zu stellen (verbessere aus der Hschr. 2, 2 meis; 9, 3 
ist viell. uideor in vereor zu ändern; 10, 2 habens (os?) de- 
corum; 11, 2 nee; 11, 4 pro tuis ; 15, 2 uix; 25, 2 regit, 
nicht reget). No. IX (codex Stabul.) 132 Z. ohne h mit 15 Tw 
in 7 v — (16, 2 ist 'potenter agens dicat opus deo gratum' 
wohl in 'potenter aggreditur' zu bessern). No. X 'Aestuans 
intrinsecus' 120 Z. ohne h mit 13 Tw in 7 v, — Ohne Tw 
in 6 — v ist z. B. auch Bur. 19 p. 19 'Utar .contra vitia' ; 
denn 9, 3 'Si veüt causari* u. 11, 4 'ut bursa det granum' 
(Hschr. 'Et inbursant granum') beruhen auf Conjektur, ebenso 
die 3 h in 4, 1. 12, 3. 4. Roher ist der Versbau bei Walther 
von Chat, in Strophen zu 4 mit gleichem Reim der 4 Zeilen, mit 
Tw in 7 « — und in 6 — * und anderen Unreinheiten, von 
denen manche allerdings durch eine vernünftige Kritik und 
Handschriftenbenützung werden beseitigt werden, No. III 80 Z. 



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166 Sitzung der phUos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1883. 

mit etwa 3 h und vielen Tw. No. V 84 Z.; die beiden letzten 
Zeilen sind des Citats wegen schlecht gebaut. Z. 17 — 19 wird 
durch 2 Distichen gebildet. No. VII 120 Z., ohne h mit vielen 
Tw, mit daktyl. Wortschluss in 40 u. 63. In den übrigen 
Gedichten sind vierzeilige Strophen verwendet, deren drei erste 
Zeilen aus 7 « — -f- 6 — « bestehen, deren 4. Z. jedoch durch 
einen vollständigen oder verstümmelten Hexameter mit dem 
gleichen Endreim gebildet wird; es ist diess fast immer eine 
sogenannte auctoritas, ein Citat aas einem bekannten Schrift- 
steller. *) No. VI besteht aus 17 solchen Strophen mit 2 h (?) 
und daktyl. Wortschluss in 43 u. 67. No. I 22 Strophen 
zu 7 v _ -)- 6 — ^ a, unter welche 5 Str. zu 7 ^ — -[- 7 « — a 
gemischt sind, ohne h, mit etwa 27 Tw in den 96 Z. zu 7 « — 
und 6 Tw in den 66 Z. zu 6 — o. No. II 16 Str. za7^ 
+ 6— v a u. 5 Str. zu 7w- 4- 7«_a; mit h in Z. 78 
und etwa 20 Tw in den 78 Z. zu 7 ^ — und wenigen in 

6 — « . Dieser Sorte von Strophe sind verwandt jene rohen 
Vagantenzeilen in Bur. 156 p. 221 Str. 7 — 11, wo auf 2 Zeilen 
zu 7(8) - _ a + 6(7)_ - b folgt 7(8) w_c + 6(7)— - b 
mit einem Hexameter, dessen Caesur auf c und Ende auf b 
reimt, der also 7 ^ — c -f" 6 — «b vertritt. 

In den folgenden drei Gedichten ist, wie oben S. 122 be- 
merkt, bei Taktwechsel der Anfang der Zeile fast stets durch 
ein 1- und ein 2-silbiges Wort gebildet. Ganymed und Helena 
(Zeitschr. f. d. Alt. 18 p. 127), 67 Strophen zu 4 Zeilen, ge- 
reimt zu 4 mit etwa 8 h, 1 (h) und mit 10 Tw in 7 ^ — 
(darunter nur 9, 3 = 10, 3 natüram) und 4 Tw in 6 — w. 
Jupiter und Danae (ebenda p. 457), 108 Z. ohne h und mit 
1 5 Tw in 7 w_ und 8 in 6 — ^ , stets aus v, , — « , gebildet 
(4, 2 Quam e*rat coäctus üt | räperöt Diönae?; 21, 3 iram statt 
viam). Phyllis und Flora Bur. 65 p. 155, 316 Z. mit 2 h 
(11, 4. 40, 8) und 4 (h) und mit 33 Tw in 7 «_ und 30 
in 6 — « , doch unter jenen nur 3, unter diesen nur 2 Tw mit 
« — « , alle andern mit « , — 

Der Scheirer Rythmus (Zeitschr. 23 p. 176), 232 Z. ohne 
h und mit (h) nur in 12, 4. 24, 3. 31, 4. 37, 3; Tw viele in 

7 w — wie in 6 — «. (8, 1 Index inquit bone, fac, ne?; 11, 1 



1) Diese Neigung hat Walther wohl auch veranlasst, die 3. u. 6. 
Zeile der Stabatstrophe VIII, 63 und 66 zu bilden aus 

Si manus aere vacet Pauper ubique iacet. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lab. Rythmen. 167 

Hoc ignosci poterat?; 11, 4 Quod lascivo rapuit morsu, non 
avaro Hschr. richtig; 12, 1 sub tot aestibus? 28, 2 Et regni 
divitias?; thesauri et splend. Hschr.; 48, 1 tot ac unum esse?). 
Das grösste, in dieser Zeilenart geschriebene Gedicht ist wohl 
der aus 224 Strophen = 896 Zeilen bestehende Rythmus des 
Haymarus de expugnata Accone; die Form ist nicht eben rein, 
er hat nicht viele h, aber viele Tw, vermeidet jedoch den 
daktyl. Wortschluss (denn in 123, 398 und 536 ist gale*a zu 
betonen, so 'ne'c galöae nöstrae sunt | £is ädversätae; 364 morti 
dant feruentes?, 370 nostri est peccati? 479 pavimenta domuum?, 
domini H) ; er reimt nicht nur prophanos: libera nos, sondern 
auch discessit: unde sit. Welcher Unterschied ist zwischen 
feinem und rohem Zeilenbau, kann man in den zwei Rythmen 
sehen, die unter Gotfrid's von Viterbo Namen gedruckt sind. 
Der eine aus dem Pantheon XXIII (Mon. Germ. Script. XXII 
p. 305) hat in 35 Str. zu 4, gereimt zu 4, nur 4 h vor est, 
1 vor in und 1 (h), dann 6 Tw in 7«_ und 5 Tw in 6 — * , 
doch stets mit ^ , __ ^ , also *ut sänet egrötum'. (Zu bessern 
sind wohl die Z. zu 7 ^ — Non in lumbis Habrae: Abrahae? 
vgl. Hebr. 7, 9; pugna innarrabilis : mirabilis cod. B 2; qui 
semel introivit : introiit ; dann 6 — w debuit iudici : indici ? 
Falsch sind die Zeilen Nos vincimus diabolnm per sancte crucis 
Signum: Vinc. diab. nos per crucis Signum?; Hanc Christus 
ecclesiam ab inferis erexit; ab?). Dagegen die 48 Strophen 
'Gesta Heinrici VI auctore ut videtur Gotifredo' ebenda S. 334 
haben zwar im Ganzen wenig h und in den Z. zu 6 — ^ nur 
10Tw( w ,- w und v,__w), allein in den 192 Z. steht statt 
7 «__: 23 Mal 7_o, 14 Mal 6-.- und 3 Mal 8 w __ ; in 
den übrigen 148 Z. zu 7 «— sind allerdings sehr wenig Tw. 

Ziemlich selten ist die Verbindung 7 ^ _ a + 6 — ^ b. 
Abaelard Planctus II hat 4 Z. der Art. 

Variirt findet sich die Zeile in mannigfacher Art , am 
häufigsten so, dass die Zeile zu 7 ^ — oder die zu 6 — - ^ wieder- 
holt wird. Adam I, 267 Str. 8: 7 -_x 4- 6 — ^ a, 7-— x 
+ 6 — v, a, 7v»b + 7w_b + 6-wc; 7 «_ x + 6—- d, 

7 w_ x + 6 d, 7 w_ e + 7 ^ — e + 6 — w c; hierauf 

Str. 9: 7v/ — aab •+- 6 — uccd, 7 u — eeb -f- 6 — uiid. 
II, 247 die harmonische Strophe 7 u — aa -f- 6 — vb, 7 <-» — cc 
~\- 6 — v b, eine Strophenform, die in der geistlichen Dichtung 
nicht selten ist. Dieselbe wurde durch Vermehrung der Zeilen 
zu 7 v — erweitert, so finden sich bei Daniel Thes. 5, 67 zu- 



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168 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

erst 2 Str. zu 7aa 6b -f- 7cc 6b, dann je eine Strophe zu 
7aaa 6b -f- 7ccc 6b und 7aaaa 6b 4- 7cccc 6b. 
Bur. 47 p. 136 besteht aus 5 hübschen Strophen von 2 Z. zu 
7u-a -(" 6 — w b» denen die Erweiterung 7cc 6d -f- 7ee 

6 d folgt; das Gedicht ist frei von h und Tw. Bur. 101 p. 179 
besteht aus 4 Str. zu 7 v_ a -f- 6— v b, 7w — a + 6 — wD > 
7w-c -f- 6-ub, 7u-c + 7 — vb, wobei die Reime 
von 7u- öfter nur einsilbige sind. Bur. 137 p. 209 besteht 
aus 5 Str. zu 7u..a^- 7 */ — a -f 6-ub, 7 w_ (a) + 
6 — wb mit einigen unreinen Reimen. Bur. 10 p. 8 besteht 
aus 4 Str. zu 7u — a -f" 7 w — a (= 3 v — a -f- 4 w — a) -f* 
7u- a + 6 _^ b + 7 o— c ( = B v ~ c -f- 4u- c) + 
6 —ob. 

Die Zeilen Verbindung 7u — x -f* 7 — va bildet bei Du 
Möril 1847 p. 125 ein Gedicht von 6 Strophen zu je 3 Z„, 
ohne h; es sind in den 19 Z. zu 7w- nur 2 Tw, in den 
19 Z. zu 7-u 6 Tw. 14 Z. ohne Tw in 7 — w und nur 
2 Tw in 7 ^— bei Hilarius, Du Märil Origines p. 241. Eine 

Str. von 4 X ( 7 ^— x + 7 — ^ a ) in Bur - 202 > 37 P- 90 5 
vielleicht je 2 solche Zeilen in Bur. 31 p. 115 Str. 3. 4. 5. 
Strophen von 2 Zeilen zu 7 v. — a -|* 7— vb finden sich 2 
in Bur. 46 p. 136 Str. 3. 4; 20 Str. bei Conrad von Gaming 
(Mone 233) ohne Tw in 7 w— wie in 7 — w, niir 1 Mal 'Cor 
ine'um complectere'. Zur Strophe ist diese Verbindung auf. die 
gewöhnliche Weise erweitert bei Abaelard Planctus II in dem 
zweimaligen 7w — a + 7 * — a + 7 — wD > 7 v — c ~f" 7 v _ c 
-(- 7 — w b, und bei Hilarius, Du Me'ril Origines p. 231. In 
Bur. 134 p. 207 Str. 2 u. 3 folgt auf 2 Z. zu 7 ^— a + 

7 — * b die Erweiterung 7 w— . c + 7w-e -f- 7 — v b. In 
den beiden Strophen 7 = 8 von Bur. 39 p. 128 folgen auf 3 
Zeilen zu 7 _ v, a 4 Langzeilen zu 7 v — x -j~ 7~wb. 

Die Verbindung 7 v — a + 8 v — D findet sich 2 Mal in 
Bur. 35 p. 119 Str. 11, und je 2 Mal am Schluss der 3 
Strophen von Bur. 170 p. 65. 2 Zeilen zu 7u-x-|- 8 — v, a 
in Bur. 202, 5 p. 81 (Ut haec [virga] floruit | omni carens 
nutrimento). 

Von den Verbindungen, in welchen die Zeile zu 7v — 
die 2 Stelle einnimmt (4 — w -j- 7v — , 6u — -f .7 w — , 
8ü- + 7 w _ , 8 — v -f- 7v — )» w ^ * cn die Verbindung 
zu 4 — « + 7 w — hier behandeln. Diese alte Zeile (siehe 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 169 

S. 90) hat am meisten Äbaelard verwendet. Hymn. 86 — 94 
bestehen aus 32 Strophen von je 4 Z. zu (4 _ ^ -[- 7 ^ _ 
a a b b) und 2 Z. zu (4 — w -|- 5w_cc). Während in den 
Zeilen 4 — ^ -)- 5 « — Dicht selten 4 « — steht, findet es sich 
in den Zeilen zu 4 — « -}- 7 « — nicht (hymn. 90 ändere 
Qui si palma | non pollemus 'nostrum' in martyrum). In 
Hymn. 80 und 81 hat Äbaelard 4 Strophen zu je 4 Z. aaaa; 
diese Zeilen zu 4 — « -(-7« — a sind parallel den Zeilen zu 
4 — oa + 4— v, a + 3w-b in Hymn. 78 u. 79. Die 3. 
und 4. Zeile der 4 Strophen von Hymn. 84 und 85 'ist aus 
4 — w-}-7o__a gebildet und parallel zu 7u-(a)-f 4w_b 
in Hymn. 82 u. 83 ; auch hier steht niemals 4 « — statt 4 — 
Hilarius bei Du Meril, Orig. p. 244 — 246, hat 2 Strophen zu 
(4 — u -f- 7 v — ) aaaa und 2 Strophen zu a a a , stets mit 4 — v> . 
Bei Adam sind die Zeilen zu 4 — ^ -f- 7 « — in I, 140 un- 
sicher, sicher die je 2 Zeilen II, 239 und IL 383. Zur Strophe 
verwendet ist die Zeile bei Daniel Thes. 5, 231 (4 — « -{- 
7 w_a) X 2 + 7 w — a, (4— - + 7 w_a) X 2 + 7 w_a, 
wo 1 Mal die Pause nach 4 vernachlässigt ist. Das Schema 
der 3 Strophen von Bur. 127 p. 201 ist: (4— ~ + 7w-a) 
X 2 + 7 w_b, (4_o + 7 o__ c ) X 2 + 7 ~_b, 11 — «d 
+ (4— w -|- 7«__x) + 6-wd; doch ist in 4 — « + 

7 w — einmal die Pause vernachlässigt, und statt 4 — « steht 
2 Mal — w v, — w . 

Jambische Siebensilber 7 — ^ . 

Ueber den Taktwechsel, der in dieser Zeile an 2 Stellen 
eintreten kann, und über hiebei vorkommenden rein daktyl. 
Wortschluss siehe oben S. 121 und 126. Die Zeile ist nicht 
häufig und findet sich meist nur in Verbindung mit andern. 

Äbaelard eröffnet den Planctus IV mit 6 Z. zu 7 — ^ mit 
gleichem Reim. Das längste Gedicht ist das auf die Erober- 
ung Jerusalems Du Meril 1847 p. 255, 35 Str. von 3 Z., ge- 
reimt zu 3, mit dem Refrain 'Jerusalem exulta' ; h 0, 51 Tw, 
darunter 8 rein daktyl. Wortschlüsse. Wegen der reinen Reime 
ist es mir fraglich, ob das Gedicht schon 1099 entstanden ist. 

Mit anderen Zeilen gemischt ist 7 — « in Bur. 126 p. 200, 
wo in den 5 Strophen auf 7 — « a a a folgt 8 « — b ~\- 1 — ^ a 
-J- 8w-b -f- 7-wa, mit 16 Tw in 7— v, , aber ohne 
daktyl. Wortschluss und ohne h im ganzen Gedicht; in den 

8 Strophen von Omer 32 folgen auf 7 — « a a a die jamb. 



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170 Sitzung der phüos.'phüöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

Zeilen 4«-b -f- 6 w — b+4o_-c+^°— c > + 6 « _ b 
(b im ganzen Gedicht — ula), mit 10 Tw in 7 — ^ , doch ohne 
h und ohne daktyl. Wortschluss im ganzen Gedicht. 

Ausserdem dass 7 — w gern zum Abschluss von Strophen 
oder Strophentiieilen benützt wird, findet sich eine grössere 
Anzahl solcher Zeilen unter andere gemischt in dem rohen 
Gedicht Bur. 35 p. 119 Str. 3 = 13; 1; 17 und sonst, und 
in den Knittelversen von 17 p. 14. 

Zeilen Verbindungen, in denen 7 — v, den Anfang bildet, 
sind selten. Adam I, 306 hat eine Strophe (7) zu 7 — v, x + 
4 « — a + 7 — ux-|-4w — a + 7— ^b, 7-wx-f-4w-c 
-f- 7— * x + 4 w_c + 7—v, b. Bur. 35 p. 120 Str. 11 
bietet 4 X (7 — ^ a + 6 ^ — b) z - B. 'Ex fraudibus altemis | 
et ignominia' und Bur. 122 p. 196 6 Mal dieselbe Langzeile; 
In beiden Fällen haben sowohl 7 — <-' als 6 ^ — reinen jam- 
bischen Tonfall ohne Tw. Eine Erweiterung dieser Zeile ist 
das Maass der 5 Strophen von Omer 13 zu 7 — v^a-f- 7 — ^ a 
-f 6^/- b + 6 ^— b + 7— v, a + 6u-b -f- 7— ^a 
(mit dem Refrain von 2 Mal : 4 ^ — c -f- 4^ — c + ? — ^ a ) 5 
in Str. 1 und der letzten Zeile von Str. 2 — 5 reimt 7—^ stets 
mit ura , während in Str. 2 — 5 die 3 ersten Zeilen zu 7 — ^ 
im Reime wechseln; h 0, in den 22 Z. zu 7 — v 1 Tw. 

Häufiger sind die Verbindungen, in welchen 7 — v sich an 
eine andere Zeile anschliesst. Ueber 4 — <-- -f- 7 — ^ , 6^ — 
-f- 7 — <-/ und 6 — ^ -f~ 7 — ^ wird am Schlüsse bei den 
Maassen des Ludus de Antichristo zu handeln sein. Häufiger 
ist 7 ^— -|~ 7 — <-> und vor Allem 8 ^ — + 7 — ^ ; sehr 
selten 4 — o -f- 4 — ^ -|- 7 — ^ . 

Jambische Achtsilber (8 ~ — ). 
Ueber den in dieser Zeile an 2 Stellen möglichen und 
äusserst häufigen Taktwechsel und über hiebei vorkommenden 
rein daktyl. Wortschluss siehe oben S. 121 und 127. Die Zeile 
kommt meist in Gruppen von 4 Zeilen vor, mit der Reimfolge 
aabb oder ab ab oder aaaa. Je 4 Zeilen mit dem Reim 
aabb finden sich zunächst im Prolog der a. 1118 abgeschlos- 
senen Polenchronik des sogenannten Martinus Gallus, 56 Z. 
ohne h, aber mit 9 daktyl. Wortschlüssen in den 31 Z. mit 
Tw. 22 Str. zu aabb hat Äbaelard Hymn. 37 — 40 ; in Hymn. 
1 — 9, 45 __ 47 u . 51 folgen auf 2 Z. zu 8._aa 2 Zehnsilber 
zu bb. In Hymn. 52 — 55 hat Äbaelard 25 Strophen mit ge- 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 171 

kreuzten Reimen a b a b ; in Planctus II u. VI im Ganzen 6 
Strophen zu aaaa. In diesen etwa 360 Zeilen fand ich nur 
einmal daktyl. Wortschluss. In der Mischung des Reimes geht 
Adam viel weiter als Abaelard; die vierzeilige Strophe hat 
meistens die Reimstellung ab ab, oft aber auch aa bb und 
aaaa (ab b a fand ich nicht) ; vgl. I, 63 10 Str. ; I, 281 13 Str. ; 
II, 8 14 Str. ; II, 13 13 Str.; II, 303 13 Str. ; if, 434 13 Str. 
(viel aaaa). II, 157 hat mit Ausnahme der Strophen 4, 3 und 
4. 5 (it). 7 (e. a.) 9 (a. at) in den 15 Str. nur einsilbigen 
Reim auf a; dieser Umstand und Verse 'melior est quam millia , , 
der falsche Reim Quae velle pötest mens pia', der Reim 'Quae 
praefulget Augustinus' unter lauter Reimen auf a machen die 
Autorschaft des Adam höchst zweifelhaft; auch II, 494 kann 
schon wegen der Reimstellung (nur aa bb) kaum von Adam 
sein. Bei andern Dichtern findet sich diese Mischung kaum ; 
bei Bernhard (Migne 184 p. 1317) 48 Str. zu 4, gereimt zu 4, 
mit 2 daktyl. Wortschlüssen; bei Hildebert (Migne 171 p. 1339) 
105 Str. zu 4, ger. zu 4 mit etwa 26 h, ohne 8 — « (denn 
in Vitam contempsi supernam ist superam zu bessern), und 
ohne daktyl. Wortschluss (denn in der Schilderung des Para- 
dieses ist 'Ager additur lucidus Jamque sub agro lucidus' in* 
aditur und Fonsque zu bessern). Da Möril 1847 p. 266 ff. 
hat drei Gedichte veröffentlicht, die sich auf dasselbe Ereigniss 
a. 1128 beziehen; sie bestehen aus Strophen zu 4 Z., gereimt 
zu 4; im 1) p. 266 zu 14 Str. finden sich 6 h, 8 Mal troch. 
Schluss wie patrem tuum jugulasti, 1 Mal tänti sceleris cönscii ; 
im 2) p. 268, 13 Str., 4 h, die Schlüsse sine fine u. corde 
pio und 4 daktyl. Wortschlüsse; im 3) p. 270, 36 Str., h 5, 
etwa 7 troch. Schlüsse und mindestens 17 rein daktyl. Wort- 
schlüsse, so dass hier von rythmischem Bau der Zeile keine 
Rede ist, sondern nur von gleicher Silbenzahl und meistens 
gleichem Zeilenschluss. In den 34 Strophen vom Jahr 1223 
(Du Menl 1847 p. 277) finden sich 14 Zeilen mit unreinem 
Schlüsse, aber nur der eine, unsichere daktyl. Wortschluss : 
Libera nunc de carcere. 

Von späteren kunstvolleren Dichtern werden aus den Zeilen 
zu 8u- mannigfache Reimstrophen gebildet. So besteht Bur. 5 
p. 4 aus 3 Str. zu abba, cddcc ohne h und ohne daktyl. 
Wortschluss. Bur. 165 p. 228 aus 4 Str. zu ababcxc ohne 
daktyl. Wortschluss. Mancherlei Reimstrophen finden sich in 
den von Flacius veröffentlichten späteren Gedichten, so No. 23 



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172 Sitzung der phüos.-phüol. Ciasse vom 7. Januar 1882. 

aabccb (3 Str.); 94 abab, baab; 113 abababab (3 Str.); 
30 (2 Str.) ababcc, abba, abb; No. 85 und 86, die zu- 
sammengehören, abab aabb, aab aabb; No. 87 aaabbb 
bbbccdddd; No, 69 mit Einschiebung von 4 « __ aaab + 
4 « b -|- bb + 4^ — b -f- bb; eine noch künstlichere Stel- 
lung in Bril^ Mus. Egerton 274 (Philippe de Greve?, bei 
P. Meyer in Archives d. miss. II, 3 p. 281) Str. 12—17 und 
bei Bernhard (Migne 184 p. 1315; oben S. 141). 

Von den Verbindungen, welche 8 « — mit andern Zeilen 
eingeht, ist die von 8 » — -+- 4 « — sehr häufig ; denn in den 
künstlicheren Gedichten wird 8« — oft zerlegt in 4 u _ + 4 u — 
z. B. Omer 13 Refr. '0 partium | disparium | mirabilis iunc- 
tura | Remedium | nascentium | de carne peritura' statt 8^ — 
-|- 7 — v, ; so findet sich die Verbindung von 4 ^ — und 8 ^ — , 
z. B. oft in der Sequenz und in dem Leich bei Petrus Bles. 
(Migne 207 p. 1127 u. 1129). Hilarius bei Du Menl Ori- 
gines p. 276 hat 2 Str. zu 8v — aaa -|- 4 — ^ b, 8v — ccc 
-J- 4 — w b. Du Meril Origines p. 110 (Resurrectio aus Orleans) 
hat 9 Str. zu 8u — aa -|- 5 — ob mit unreinem Reim. Die 
Verbindung von 8 « — und 6 — « ist selten; z. B. Bur. 146 
p. 216 ; vgl. Omer 19: 4w_a-}"^ w — a *4~ ^ v, — a -j- 
4« — a -J- 6 — v b -j~ ^ w — a 4" ö — «b. Die Verbindung 
8 ^ — a -f- 7« — a , die in der früheren Periode bei Petrus 
Damiani (Migne 145 No. 40. 121. 172) häufig ist, habe ich 
in dieser Periode nicht gefunden, wenn man nicht Adam II, 80 
Strophe 6 zu 2 Mal 4 v, — a + 4« — a -f- 7 w — b hierher 
rechnen will. 

Die wohlklingende Verbindung 8« — a -(- 7 — ^b hat 
immer mehr Beifall gefunden. Adam I, p. 48 hat 11 Strophen 
zu je 2 Zeilen ohne Reim in 8 u_; in den 22 Z. zu 8 ^ — 
sind nur 3 Tw, in den 22 Z. zu 7 — - nur 2 Tw. Bur. 202 
p. 94 No. 62 5 Str. zu je 2 Mal (8 ~_a + 7 —» b) ; in 
Bur. 36 p. 122 bestehen Str. 11 — 14, 25 — 27 und in 174 
p. 234 Str. 10. 11. 21. 22 aus je 2 Zeilen zu 8 o_a -f 
7 — ^ b mit manchen Tw, aber keinem daktyl. Wortschluss. 
Die Gedichte des Priors Conrad von Gaming, Mone 901 u. 957, 
bestehen ebenfalls aus (24 u. 18) Strophen zu je 2 Z. zu 
8^ — a -{- 7 — « mit sehr wenig Tw und keinem daktyl. 
Wortschlusse. Zwei solcher Langzeilen bilden den Anfang der 
3 Strophen von Bur. 68 p. 38. Hilarius hat bei Du Möril 
Origines p. 230 und p. 253 je 1 Str. zu (4 u — a -f- 4v — a 
-f- 7 — w) aabb. 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 173 

Die Zeile ist variirt in Bur. 16 p. 13, wo 6 Strophen 
ohne h bestehen aus 3 Mal (8 ^__a + 7~«b) -f- 7 — « b 
-}- 8w_a + 7-ub, ohne daktyl. Schluss in den Z. zu 
8 v, — oder 7 — v, . Eine ähnliche Strophe findet sich 3 Mal 
in Flacius No. 18: 3 Mal (8 -_ a + 7-wb) -f 7 — - b 
-}- 8^ — c -|" 8 « — c + 7-vb; dieselbe Strophe steht in 
No. 19, so dass man 18 u. 19 verbinden möchte, wenn nicht 
am Schluss von 18 eine Strophe aus 7u- stünde. Flacius 89 
besteht aus 3 Strophen zu 2 Mal (8 v — a -f- 7 — v b) + 

3 Mal 6 w— c + 7— ~b; No. 105 aus 3 Str. zu 8u- ab 
ab -f 7— v, c , + 8 u— b + 7— w C ; No. 93 aus 8 ^ — 
ababcc + 7 — ^ d , + 8 «^ — - e e + 7 — ^d und nach 
dem Stücke von 2 Mal (8 — -•-' n -(- 7 v/— o) aus dem Schlüsse 
von 8u — hh + 7— vi, -p 8^-kk + 7 --vi. Diese 
Strophe zu 8 ^ — aa -f- 7 — ^ b , -f- 8v-cc + 7 — ^b 
findet sich 2 Mal in dem Leiche in Brit. Mus. Egerton 274 
(Philippe de Greve? bei P. Meyer in Archiv, d. miss. II, 3 
p. 280) und scheint später beliebt geworden zu sein; die 
grossen, aber späten Gedichte bei Flacius p. 90 — 100, p. 175 — 
189, p. 482 — 495 (nach 1312) bestehen aus solchen Strophen. 

Selten findet sich 8 ^ — als zweites Glied einer Zeilen- 
verbindung; so in 7^ — -j- 8^ — und in 8 — ^ -j- 8 ^ — . 

Trochaeteche Achtsilber (8 — « ). 

Die troch. Achtsilber zerfielen schon in der früheren Pe- 
riode (S. 88) bei manchen Dichtern fast stets in 2 Theile zu 

4 — v. In dieser Periode ist dies die Regel, das Fehlen der 
Pause ist Ausnahme. Taktwechsel ist also sehr selten; wenn 
er vorkommt, so ist meistens das erste Stück 4 — ^ durch 
4 w__ ersetzt. Die Theile zu 4 — ^ wurden sehr oft unter 
sich gereimt. Die Zeilen 8 — u haben selten gekreuzte Reime. 

Die Zeilen zu 8 — v/ treten oft in Gruppen zu 2 auf ; so 
Adam II, 181 13 Str. zu 4 Z., gereimt zu 2 ohne h oder 
Tw, stets mit Pause nach 4 — ^. Abaelard hat im Planctus 
III 2 Mal die Verbindung 4 — - v/ a + a + 8— ^b, 4 — ^ c 
+ c + 8— ^b. Bei Hildebert (Migne 171 p. 1411) stehen 
203 Z. ger. zu 2 ; 1 Mal fehlt die Pause, 1 Mal steht das Citat 
'Da fidem spem caritatem\ Ebenda p. 1432 138 Z. ger. zu 2; 
6 h; einige Male fehlt die Pause; einige Tw, um den Hiatus 
zu vermeiden : 'Piratae vis importuna. Nescire quem est huma- 
num. Rapina sit in ruinam'. Du M^ril 1843 p. 190 150 Z. 



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174 Sitzung der philos.-phäol. Classe vom 7. Januar 1SS2. 

zu 2 gereimt. Bur. 186 p. 72, 30 Z. zu 2 ger. mit 'möllitef 
geren» me ipsum' ; 168 p. 230 11 Str. zu 4, ger. zu 2; dar- 
unter 5 Z. ohne Pause; 73 p. -43, 36 Z. zu 2 gereimt, mit 
3 Z. ohne Pause. 175 p. 235, 56 Z. zu 2 ger. Z. 1 — 20, 
30 — 56 sind regelmässig, nur 2 Zeilen ohne Pause; die Zeilen 
21 — 29 schwellen des Scherzes halber auf 9, 10, 11 Silben an. 
Gruppen von je 4 Zeilen bilden die 36 Z. bei Hildebert 
(Migne 171 p. 1720) ohne h und Tw, doch mit 7 Z. ohne 
Pause nach 4 — ^. Der Archipoeta hat in No. II 94 Z., ohne 
Pause in 35. 36. 92 und ohne Tw und h. Es folgen sich 
16 Z. auf onum, 5 onam, 7 ivüs, 6 ui, 10 orte, 7 orat, 14 
atum, 3 ittas, 6 itas, 10 este, 9 itis; bei Beginn einer neuen 
Reimart steht stets ein grosser Anfangsbuchstabe; stets sind 
es 5 oder mehr Zeilen mit gleichem Reim, doch 66 — 68 bilden 
eine Gruppe von nur 3. Grimm hat eben nach Tutus ibo quo 
me mittas den Vers 'Hederarum ferens vittas' übersehen. Das 
folgende Non ist gross geschrieben ; (V. 80 ist insanus aus der 
Hschr. herzustellen). Zu diesen einfachen Massen gleichgereimter 
Zeilen bildet das entgegengesetzte Extrem die Reimstrophe in 
Brit. Mus. Egerton 274 (Philippe de Greve? bei P. Meyer 
Archiv, d. miss. II, 3, 280) mit 8 — ^aaa bbbba, ceddee. 

Nicht stets sind die Z. zu 8 — w rein; Mone 521 besteht 
aus 72 Z. gereimt zu 2 oder 4 fast stets mit reinen zweisil- 
bigen Reimen, also wohl später als saec. XI; unter die Z. zu 
8 — ^ sind 6 Paare zu 8 « — und 1 Paar zu 7 « — gemischt; 
viele Z. zu 8 — v, haben nicht die Pause, 11 haben Tw., dar- 
unter 6 rein daktyl. Wortschlüsse. Viel schlimmer sind die 
Zeilen des Reinerius Leod. um 1180 (Migne 204 p. 95) im 
Officium de S. Spiritu ; unter 36 Z. 8 — « sind fast 20 Z. zu 
8 « — : also 8 Silben ohne Rücksicht auf Rythmus oder Schluss. 

In mancherlei Zeilenverbindungen bildet 8 — « den ersten 
Theil. 8 — ^ -|- 4 « — liegt zu Grunde der Variation in Bur. 
179 p. 240, 6 Str. zu 8 — - aaaaa + 4 «__b + 8—« a 
-[- 4 ^ — b. Die Zeile 8 — ^ -\- 5 v, — findet sich öfter in 
Mone 170 wie Gaude plaude ama clama | voce valida; ebenso 
bei Joh. Anglicus (Zarncke p. 70) Pallentis aurore rore | vultus 
defluit | Fluit ex amore more | qui mox conruit. Leicht variirt 
ist diese Zeile in Bur. 131 p. 204, 4 Str. zu 8- wa + 
5v— b + 8— wa+5-_b, + 5o_c + 8_wd + 
8 — w/d -[" & u — c, womit der Strophenbau von Bur. 114 
p. 189 (5 Str r ) völlig übereinstimmt, nur dass hier die Theile, 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 175 

von 8 — v auch Reim haben: also 4 — ua 4" 4 — va + 
5 w — b, 4 — uc 4~ 4 — ^ c 4~ 5u — b, 5u_d + 4 — we 
4~ 4 — ue -|" 8 — ^e -f- 5w — d (die deutsche Nachahmung 
ist fehlerhaft); nur der Schluss ist verändert in Bur. 110 
p. 186 (4 Str.): 4 _v a -f a + 5u-b, 4-^c + c + 
5w — d, 7v — e -f- 4 — uf -f- 4 — ^ f 4" 5 w — e und noch 
abweichender ist 155 p. 219 Str. 1, 2, 6: 8 _w a -f- 4— v a 
+ 4 — u a -j- 5w — b + 5u — b -j- 4 — ^ c 4" 4 — u c + 
7 v, — d + 7 w— d. 

Die Zeile 8 — «a 4" 6 — ^ b findet sich bei Äbaelard im 
Planctus I 6 Mal. Hilarius bei Du Meril Orig. p. 253 hat 2 Z. 
zu (4 — ^ a 4" 4 — « a + 6 _ v, ) bb und 2 Z. zu (8 — ^ c 
4~ 6_u) dd. In Bur. 36 p. 122 bestehen Strophe 8. 9. 23. 
24 und in 174 p. 233 Str. 8. 9. 18. 19 aus 4— ^a + 
4 — ^ a -f- 6-^'b, 4 — ^c + 4 — ^ c -4- 6 — ^b; Bur. 46 
p. 135 beginnt mit 4 Zeilen zu 8 — ^ a + 6 — UD > von denen 
je 2 zu einander reimen. Omer 5 besteht aus 4 Str. zu 4 Mal 
(8 — v a -|- 6 — ^ b) mit Refrain von 7 vy — a b a b. Einseitige 
Erweiterungen dieser Zeile sind die 6 Strophen von Bur. 52 
p. 145 zu 8 — v a a a a a 4" 6 — *■> b (ora) und die 6 Str. von 
Bur. 120 p. 195 zu 8 — uaaaaaa -f- 6— ^b (uta), mit 
3 Z. ohne Pause und Tw in 6, 1 (3, 3 u. 4 sind wohl um- 
zustellen). Eine schönere Erweiterung bilden die 4 Strophen 
von Omer 14 zu 8 — ^a 4" 6 — <^a + 6 — ^ D 4* 8 — ^ a 
+ 6—^ b, und Bur. 36 p. 122 Str. 7. 22. 31 = 174 p. 233 
Str. 7. 17 zu 8 — ^/ a ('ante' in No. 36) + 6 — ^ b -f 8 — v a 
4- 8 — ^ a +6 — v b. Harmonisch gebaut ist die Strophe 
zu 8 — ^ a + a + 6 — uD , 8 — uC + c + 6 — ^b, deren 
x 6 das Gedicht bei Adam 1 , 223 bilden. Drei Strophen der 
Art finden sich in Flacius No. 74, zum Theil mit der künst- 
lichen Reimstellüng 4-ua 4" 4— yb, + 4 — va-f 4 — üb 
-J- 6— vc, 4" 4 — üb -|" ^ — wa, -f" 4 — vb -|- 4 — va 
-j- 6 — u c. Diese Strophe wiederum ist variirt im Brit. Mus. 
Egerton 274 (Philippe de Greve? bei P. Meyer Arcbives des 
Missions II, 3 p. 288): 8a + 6b + 8a + 6b + 7- üb, 
+ 8a -f- 6b + 8a + 8a + 6b + 6b, + 8a -f 8a 
4-8a4-6D + 6b, 4-8a + 6b + 8a-f8a + 6b. 

Die Zeile 8 — u -|- 7— v liegt zu Grunde der Zeile 
4 — \j a -|- 4 — va 4" ^ — ^ b, deren 40, zu 2 gereimt bei 
7— v, Äbaelard's Hymn. 33 — 36 bilden; von den 40 Z. zu 
7 — v haben 35 Tw und mindestens 5 rein daktyl. Wortschluss. 



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176 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 7. Januar 1662. 

Die regelmässige Verbindung von 8 — u und 8 u — ist 
nicht selten. Bei Petrus Vener. (Migne 189 p. 1018) wechselt 
stets 8 — kj a -j- 8 — wa mit 8u_b -j- 8 ^_ . b (vgl. Got- 

schalk oben S. 108) mit 48 Tw in den 64 Z. zu 8 ' Bei 

Bernhard (Migne 184 p. 1319) stehen 37 Strophen zu8-w 
aabb -f- 8« — c, -f- 8 — «ddee -f- 8 v, __ c, mit ziemlich 
vielen h, aber nur 5 Tw in den 74 Z. zu 8 »— . Mone 483 
besteht aus 5 Strophen zu 8 — ^ a -f* a + 8 ^ — b > 8_«c 
-f- c + 8 w_b. 

Weitaus die gebräuchlichste von diesen Verbindungen ist 
der alte Fünfzehnsilber. 118 Zeilen zu 8— v, -j- 7 ^ — mit 
oft unreinem oder unvollständigem Reime in 7 » — zu 2 in 
der Zeitschr. f. d. Alt. 5 (1845) p. 464. In den 36 durch 
reinen Beim zu je 2 gebundenen Fünfzehnsilbern des Beiner 
von Lüttich findet sich 11 Mal 8 ^ — statt 8 — ^, ja in Ad- 
misi poetico synaloephas passim ritu fehlt sogar die Pause; 
nicht besser sind die 6 Z. im Officium de S. Spiritu (p. 95). 
In der um 1118 schon vollendeten Polenchronik des sogenannten 
Martinus Gallus hat nur 7 ^ — den Reim, allein 8 — v, zer- 
fallt stets in 4 — ^ -f-4 — ^ und sämmtliche Zeilen sind frei 
von h; zu je 2 sind die Zeilen gereimt in II, 27 (6 Z.) und 
III, 11 (20 Z.), zu je 3 in I, 16 (30 Z.) und III Prolog 
(60 Z.; in 22 lies mit H: In his ergo collaudemus deum et 
Laurentium.) ; II Prolog 10 Z. auf imus. Bei Adam findet 
sich sowohl 8 — v.x + 7w-a (I, 377. I, 175. — II, 446 
ist der Reime wegen unecht — ) als 8 — ^ a -f- 7 v, — b (I, 19) 
und 4 — - a + 4 — - a + 7 w__b (I, 40. 169; bes. II, 365). 
Dieselbe Zeile 8 — «a + 7« — b findet sich in 7 Strophen 
zu 4 gleich gereimten Zeilen bei Alanus (Migne 210 p. 577)} 
dann bei Flacius No. 33 und 101. 

Die Erweiterung dieser Zeile zu 8 — v,a -f- 8 — « a -f- 
7w_b, 8-wc -f 8 — v, c + 7 w _ b, die Strophe des Stabat 
mater, ist das wichtigste Strophenmaass der geistlichen ryth- 
mischen Dichtung. Besonders oft hat Adam sie angewendet. 
Schon Petrus Vener. (f a. 1158) hat (Migne 189 p. 1018) 
2 Strophen. Bei Bernhard (Migne 184 p. 1315) 6 Strophen, 
deren 7 « — stets auf eris reimt. Walther von Chat, hat in 
No. VIII 28 und in No. X 25 Strophen mit einigen Tw und 
nicht häufiger Vernachlässigung der Pause in 8 — ^ . Die Er- 
weiterung hat Adam nirgends weiter getrieben als bei diesen 
Strophen. In II, 335 folgen sich Strophen zu 8aa-f 7 « — b, 



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Wüh, Meyer: Ludus de Antichristo und über tat. Rythmen. 177 

8cc -f- 7 v, — b, dann 8aaa -f* 7 ^ — b, 8ccc-f- 7 « — b, 
endlich 8aabb -J- 7 ^ — c , 8ddee + 7w_c. Besonders 
liebte er es, die Theile von 8 — ^ wieder zu reimen, so oft 
4 — uaabb + 7u — c, 4 — wddee -f- 7v_ c ; 4 — v a a 
bbcc + 7 u— d, 4— v, eeffgg -f 7,-d II, 117, ja 
I, 307 8-vaaa+K~ b + 4—wcc. dd. ee+7u_b; 
I, 334 ist Adam zu 4 — u a a. b b. c c. d d -{- 7 ^ — e, 4 — w 
ffgghhii -f- 7 w> — e und II, 204 gar bis zu 4 — v a b a b. 
cdcd. efef -f- 7^ — g, 4 — vhihi.klkl.mnmn -f- 
1 kj — g gestiegen. l ) Hilarius, bei Du Me>il Origines p. 243, 
hat 8aabb 7 c, 8ddee 7 c, 8 ff gg 7 c; (vgl. p. 275). 

Unregelmässige Variationen der Zeile 8 — u -f- 7 ^ — oder 
der Stabatstrophe finden sich mancherlei. So folgen im Leiche 
des Brit. Mus. Egerton 274 (Philippe de Greve? bei P. Meyer 
Arch. d. miss. II, 3 280) auf eine Stabatstrophe 2 Strophen 
zu 8 — uaabb -f- 7w__c + 7 ^ — c + 8 — v a. Das in 
der Form durchaus reine Gedicht Bur. 71 p. 41 besteht aus 
8 Str. zu 8 — uaaaa + 7u_ bbb -f- 6-vc; genau 
denselben Bau (nur andern Reim in 6 — v ) haben die 3 Strophen 
von Flacius No. 16. In Flacius 31 folgt in 2 Strophen auf 
8 — vabab -|- 8v-c,c + 8-vb der Schluss 8 — ^ d + 
7«__e + 8— od + 7w__ e , + 8— - f + f+ 7 w__x. 

Einfache Zeilen von mehr als 8 Silben. 

Neunsilber. Die 3 Strophen von Bur. 113 p. 188 
bestehen aus 8^-va-f 9v — b-|-8— ua-j-^u— b, denen 
8u__c-f" & " — x + 8 w— c folgt. Die 6 Zeilen zu 9 w_ 
haben reinen troch. Tonfall und 4 lassen sich in 4 — u -\- 
5^_, 2 in 6— v -f 3v_ theilen. In Bur. 36 p. 123, 
bestehen die Str. 15. 16. 17. 28 und in Bur. 174 p. 233 die 
Str. 12, deren Schluss verdorben ist, aus je 4 gleich reimenden, 
längeren Zeilen mit einem Schluss von 4v — Von jenen längeren 
Zeilen bestehen 2 aus 8 w — , wie Florenti desolatio, 1 aus 10 
Silben, wie Sed hesitat adhuc nobilitas, die übrigen aus 9 Silben 
mit jambischem Schluss; sie sehen aus wie Z. zu 8 ^ — , in 
welchen, wie es beim Gesang leicht geschieht, einmal statt 



1) Sehr beliebt ist bei Adam eine Erweiterung der Zeile, nach der 
andern Seite : 8 — w a -f" 8 — ° a, -\- 7 ^ — bccb; in sehr vielen 
Gedichten finden sich eine oder 2 von diesen Strophen eingemischt, selten 
3 wie in I, 212. II, 240. 
[1882. 1. Philos.-philol. hist. Cl. 1 J 12 



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178 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

£iner unbetonten Silbe 2 gesetzt sind. Bur. 128 p. 202 be- 
steht aus 4 Strophen zu 9 v — a + 8 v — b, 9 v — a -f" 
8u_b, 7 w_c + (8) w_x + 6 v_c; die 4 Z. zu 9 u — 
haben weder bestimmten Tonfall noch Pause. 

Bur. 68 p. 38 besteht aus 3 Str. zu 8u-a -f 7— wb, / 
8w/— a -f 7— v, b, 9— „ b + 8 u_a, 9 — ^b+8,- a; 
die Z. zu 9 — w haben keine wiederkehrende Pause , keinen 
bestimmten Tonfall und mehrere daktyl. Wortschlüsse. In Bur. 
51 p. 145 sind Zeilen zu 8— v, 9 v— , 9 — u und 10 _ u 
gemischt. 

Zehnsilber. Mone 359 besteht aus 4 Strophen von 
Zehnsilbern mit troch. Schlüsse und der Reimstellung a b a b 
a a b b. Von den 32 Z. haben 24 rein troch. Tonfall — w — w 
— yj — u — ^ , 8 Z. leichten Taktwechsel. Hilarius, Da Me'ril Orig. 
p. 250, hat 10 solche Zeilen, mit 2 Tw. In Bur. 167 p. 229 
besteht die erste Strophe aus 4 Zehnsilbern mit troch. Schlüsse, 
worin vielleicht scherzhafte Daktylen stecken : Sic mea fäta can- 
£ndo solör, darauf deutet wenigstens der folgende rythmische 
Hexameter 

Cura crescente labore' vigente vigore labente 
(vgl. die Trini Salientes : qui cruciatur ad hoc reparatur ut hie 
patiatur in meiner Abhandlung über Radewins Theophilus, 
Sitzungsber. 1873 I p. 32); in Str. 2 u. 3 haben die Zehn- 
silber jambischen Schluss. 



Von den Strophen. 

In den gleichzeiligen Gedichten bildet der Reim die 
Gruppen oder Strophen : Reimstrophen ('consonantia ad dif- 
ferentiam facit in rythmo simplici' Johannes Angl.) ; in nicht 
gleichzeiligen Gedichten kennzeichnet ausser dem Reim die 
Verschiedenheit der Zeilen die Absätze. Beispiele verschie- 
dener Reimstrophen sind bei den Zeilenarten angeführt. 

Die einfachste Art der Strophenbildung ist die gepaarte 
a a b b oder a a a a. Diese Paarung ist auch in den ge- 
reimten Hexametern regelmässig. So ist es unmöglich, dass 
beim Archipoeta No. VI auf 22 leoninische Hexameter 23 
caudati folgten ; Grimm hat den nach III, 2 stehenden Vers 



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Wüh. Meyer; Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 179 

'Sic da pauperibus sie in celis coacerva' übersehen; (ver- 
bessere auch 4 totus. III, 1 loquatur) ; so entstehen 6 Strophen 
zu a a a a. Bei Abaelard ist diese gepaarte Stellung die vor- 
herrschende: so 6— «aabb, 8« — aabb, (5— « + 4«—) 
aaaa, (5 «- + 5 «-) aaa, (4 — « + 6 w — )aabb, 
(6 ^ — -|" 6 w '— ) a a b b. Auch wenn die Strophe aus ver- 
schiedenen Zeilenarten zusammengesetzt ist, stehen sie mei- 
stens paarweise : so 8«~aa + (4 + 6 «~) bb, dann 
die 6 zeiligen Strophen (4 — « + 7 °— ) a a b b + (4 + 
5 v — ) cc, die 14 zeiligen 7« — aaaabbbb + 8 — « c c 
+ (4— w + 7 «— ) dddd. 

Bei den andern Dichtern ist diese schlichte Strophen- 
bildung selten. Die nächste Stufe ist die gekreuzte Stellung 
der Zeilen a b a b. Diese sehr verbreitete Art findet sich 
bei Abaelard, freilich nicht sehr häufig, sowohl bei gleichen 
Zeilen 7 ^ — abab, 8^ — abab, als bei ungleichen 8 — ^ a 
-[- 6 — ^ b. Adam mischt in gleichzeitigen Gedichten fast 
stets die Reimstrophen, z. B. bald 8 ^ — a b a b , bald a a b b , 
bald aaaa; (vgl. S. 162 u. 171). 

Der wichtigste Fortschritt in der Strophenbildung war 
der, dass von einer Verbindung zweier Kurzzeilen die eine 
wiederholt wurde (s. S. 150); gewöhnlich ist dies die erste, 
so dass bei einmaliger Verdoppelung aus dem Zeilenpaar 
a + b , a + b die Strophe a a b c c b entsteht ; die Zahl 
der wiederholten Glieder steigt bis auf aaaabccccb, 
selten darüber. Diese Form findet sich bei Abaelard so- 
wohl bei gleichen Zeilen : 4 — «aabccb, 5-^aabccb, 
7«-aabccb, als bei ungleichen: 4-«aa 3 «_ b + 
4-wCC 3»-b, 7«-aa 7— « b + 7 «-cc 7 — « b. 
Diese Art der Strophenbilduug hat Adam in der Regel an- 
gewendet. Er liebt es, das Gedicht mit der Strophenbil- 
dung a a b c c b zu beginnen, mit aaabcccb fortzusetzen 
und mit aaaabccccb zu beenden , wobei in den aus 
8 — « + 7 v,— erweiterten Zeilen noch oft durch die Auf- 

12* 



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180 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

lösung von 8—« in 4-« a + 4— « a die doppelte Zahl 
von Reim stellen geschaffen wird. Sehr selten ist in einer 
Strophe die erweiterte Zeile dreimal gesetzt 8-« aa 7 ^ — b 
+ 8-- cc 7 - — b + 8 — - dd 7 -_b (Adam II, 177 
u. 271) und 7- — aabccbeeb (I, 54 u. II, 176). Auf 
diesem Prinzip der Zeilenerweiterung baut Johannes Anglicus 
sein System auf. 

Selten wird das zweite Glied allein vermehrt wie in 

Omer 22, wo auf 4 X (4 a + 6 « — b) folgt 4 * — a + 

6«-aab, 4 w_a + 6 «— aab; häufiger beide Glieder, 
so bei Abaelard 6 «-aa + 7«— bebe und bei Adam 
oft 8-«aa -f 7 " — beeb, und Bur. 71 p. 41 : 8 — « 
aaaa + 7 «__bbb + 6-—« ; vgl. S. 177. Oft werden bei 
der Erweiterung die Stücke umgestellt, so: 8—« a 5 « — b 
8 — v, a 5 «-^b, 5 w — c 8 — w d 8 — « d 5 «— c, oder 5 «— a 
6 — ob 5a 6b 5 a, 5a 6b 5 a. Wie Gedichte aus wachsen- 
den Strophen, so werden auch Strophen aus wachsenden 
Zeilen gebildet, so Bur. 24 p. 27 aus 5 « _ und 10 (4 + 6) 
- — : 10a + 5a + lOaa + 5a + lOaaa + 5a -j- 
10 a. In anderen Fällen wird dieselbe Kurzzeile als Schluss 
festgehalten, aber verschiedene Zeilen vorangesetzt: so Bur. 
124 p. 198 5 - — a + 6— « b, 5 - — a + 6 — - b, 6— - 
+ 6 — b, 4 — - + 6 — - b. 

Diese Strophenarten kann man aus den vorhandenen 
Zeilenarten erklären. In sehr vielen Fällen sind die ver- 
schiedenen Kurzzeilen in freier und willkürlicher Weise zu- 
sammengesetzt. So bei Abaelard auf noch einfache Weise 
in den 6 Strophen zu 5« — a + 8 «-— a + 4 — w b, 5c 
8c4b, 5d8d4b (Planet. IV), in den 4 Str. zu 7 --aa 
-j- 7 « — b 4 — « c -f 7«-b 4-«c und den zahlreichen 
Str. zu 7^ — a + x + a + 5^ — b + 7 ^ — a 5 - — b. Mit 
der Uebung sfieg die Fertigkeit, und wir finden in vielen 
Gedichten noch vielgestaltigere und verschlungenere Zeilen- 
strophen, als die oben verzeichneten Reimstrophen es waren. 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 181 

Bedeutenden Einfluss scheint Philippe de Greve (f 1237) ge- 
habt zu haben. Paul Meyer hat in den Archiv, d. Miss. II, 
3, 257 ausfuhrliche Nachriebt über die Handschrift Egerton 
274 des britischen Museums gegeben, wo vor einer Samm- 
lung sehr kunstreicher lateinischer und französischer Ge- 
dichte der Name des Philipp steht. In Romania VII, 1878, 
p. 99 hat er über einige ähnliche Gedichte in der Hand- 
schrift des Brit. Mus. (addit. 30,091) berichtet. Schon vor- 
her hatte Coussemaker (l'Art harmonique) aus der sehr reich- 
haltigen Hschr. 196 zu Montpellier viele Auszüge gegeben. 
Diese Sammlungen hängen alle unter sich zusammen. Zu 
ihnen gehören noch mehrere andere. In einem Fragment 
in München wird Flacius 7 In veritate comperi als 'motetus 
episcopi Wilhelmi Parisiensis' angeführt; aus einer Samm- 
lung solcher Gedichte sind viele in die Carmina Burana 
übergegangen, noch mehr bieten die No. 1 — 148 bei Flacius, 
und eine sehr reichhaltige, mit Melodien versehene Samm- 
lung enthält die schöne Handschrift der Laurentiana (Plut. 
29, 1; vgl. Bethmann in Pertz Archiv Xn p. 719). Aus diesen 
Quellen sollte einmal klar gestellt werden, was. die lateinischen 
rythmischen Dichter in kunstreichem Strophenbau geleistet 
haben. 

Vom Aufbau der Gedichte. 

Die Dichter blieben nicht stehen beim harmonischen 
Bau einer einzelnen Strophe, sie erstreckten ihre Kunst auch 
auf den Aufbau der ganzen Gedichte. Baldric (f 1131), 
Du Meril 1843 p. 292, hat vielleicht schon um 1090 7 kunst- 
reiche quantitirend gebaute Strophen gedichtet, von denen 
I = III = V, II = IV und VI = VII ist (Du Meril hat 
III u. IV verstellt). In den rythmischen Gedichten finden 
wir, auch abgesehen von den geistlichen Sequenzen, sehr 
kunstreiche Anlage. Zunächst die reine Sequenzenförm in 
Bur. 171 p. 65, wo Str. 1 = 2, 3 = 4, 5 = 6, 7 = 8; 



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182 Sitzung der phüos.-philöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

ebenso 38 p. 125 (4 verschiedene Strophenpaare) ; 40 p. 129 
(5 Paare, da Str. 1—4 in je 2 Theile zerfällt und 5 = 6 ist) ; 
45 p. 135 u. 275 (4 Paare); 51 p. 59 (Bartsch Sequ. p. 242; 
6 Paare); Petrus Blesensis bei Migne 207 p. 1127 (5 Paare) ; 
Flacius No. 74. Dann jene strengen Leiche, in denen sich 
dieselbe Strophenreihe wiederholt. So jener einfachste aller 
Leiche Bur. 62 p. 153 Str. 1. 2 = 9. 10; 3. 4 = 11. 12; 
5. 6. 7. 8 = 13. 14. 15. 16. Bur. 85 p. 47, wo Str. 1=4; 
2 = 5; 3 = 6 (Str. 1 u. 4, 3 u. 6 sind Variationen von 
8—^ und 7 « — , Str. 2 u. 5 von 7 ^— und 6 — *). In 
Bur. 20 p. 21 ist Str. 1 = 5, 2^6, 3 = 7, 4 wahr- 
scheinlich = 8. Drei gleiche Reihen hat Bur. 154 p. 217, 
wo Str. 1 = 4 == 7, 2 = 5 = 8, 3 = 6 = 9 ist (Str. 1. 
4. 7 sind Variationen von 8— ^ und 7 ^ — ; Str. 2. 5. 8 
von 7 v—, und Str. 3. 6. 9 von 5 v— -f- 5 — ^ -[- 6 ^— ). 
Eines der grössten Gedichte der Art ist Bur. 36 p. 121 ; 
nach einer Einleitung in schwankenden Zeilen (Str. 1 — 4) 
folgen Str. 5. 6 = 20. 21 =-30; Str. 7 = 22 = 31 (mit 
dem gleichen Reim ante) ; 8. 9 = 23. 24; 11 — 14 = 25—27; 
15— 17 = 28; 18 = 29. Eine vollständige Nachahmung 
dieses Leiches fand ich in Bur. 174 p. 233. Auch in den 
rohen Formen von Bur. 35 p. 119 ist ein Leich versteckt, 
wie die Gleichheit der Str. 4. 5. 6 mit 14. 15. 16 und die 
Aehnlichkeit von 3 mit 8 und 17 andeutet. Einen ein- 
fachen Leich dieser Art hat auch Abaelard Planctus IV, 
wo die Reihen 7-uaaaaaa, ?v- bbbbbb, 6 ^ — ab 
abcdcd und 9 Mal (5u_a-}-8w-a + 4-wb) sich nur 
mit der Aenderung wiederholen, dass statt 7 — v eintritt 
7 v, — aaaaaa. 

Die 5 andern Planctus des Abaelard sind frei aufge- 
baute Gedichte ; er liebt hiebei öfter die chiastische Stellung ; 
so z. B. in Planctus I: auf die Einleitung zu (5 — ^ -f - 
5 — u)- aaaaaa folgen 4 Str. zu (6 ^ — aa 7 v — bebe) 
und 2 Str. zu (8-va 6 — ^b 8 — v a 6 — üb), auf diese 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Rythmen. 183 

das Centrum des Gedichtes 7 ^-aaaa, worauf die vorher- 
gehenden Theile in anderer Ordnung folgen : 2 Str. aus 8 — u 
und 6 — v gebildet und 6 <-» — a 7 ^ — b, 6 ^— a 7^-b mit 
2 Zeilen = 6 — ^ + 7 ^ — b. Den kunstreichsten Aufbau 
hat Planctos III. Hier finden sich die oben S. 151 be- 
sprochenen Zeilen zu w_v-» a, v — v a, _-u_b (= 9«-) 
und v_ua, w — v a, — w_ u_b (= llv,_). Das Ge- 
dicht besteht nach der Einleitung von 9 " — aaaa, aaaa 
-J- (4-ub + 4 — v b + 3^_) dd + 9v-eeee + 
(4— u f + 4— i/ f + 3^~) gg + 9 w—hhhh aus 2 
grossen Theilen, in deren erstem Jephtas Zusammentreffen 
mit der Tochter, im zweiten das Opfer selbst geschildert 
wird. Der erste Theil besteht aus zwei fast gleichen Ab- 
schnitten, die mit 'Victor hie e proelio' und 4 Ut sexu sie 
animo' beginnen und aus 7 ^— , 11 " — aaa, 7 ^ — , 3 X 
(7 u _c + 5«-b), 7«—, 11 ^ — ddd gebildet sind. Der 
2. Theil 4 His gestis rediit' besteht aus 4 Abschnitten a) 
(6 - — + 6 w— ) aaa + 12 X 9 « — , b) Reihen von 
7 w __, 6 « — , 7 ^ — , 6 ^ — , 7 ^ — , c) 2 Strophen zu 2 Mal 

(4 a + 4 — - a + 8 — - b) + 7 - — cedd, d) 16 Z. 

zu 9 «— Einfach ist der Leich bei Petrus Vener. (Migne 
189 p. 1017), der nach dem Eingang von 4 — ^ + 5 ^ — 
aus Variationen von 4 — « + 4 — « und 7 v— besteht. 
300 Zeilen umfasst das Gedicht bei Petrus Bles. (Migne 207 
p. 1130). Kunstreicher sind Bur. 43 p. 132 und das Ge- 
dicht (von Philippe de Greve) bei P. Meyer Arch. d. miss. 
II, 3 p. 280. Unsicher ist, wohin man ein solches Gemisch 
von Strophen rechnen soll, wie es sich in dem nach 1241 
entstandenen Gedicht über die Ungarn findet (Forschungen 
12 p. 643). 

Der Höhepunkt der künstlichen Form ist erreicht, wenn 
in ein und demselben Gedichte sich verschiedene Dichtweisen 
mischen. Schlecht gebaute quantitirende daktylische Zehn- 
silber enthält Bur. 98 p. 177 ; einige scheinen auch in Bur. 



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184 Sitzung der phüm.-philol. Classe vom 7. Januar 1882. 

161 p. 225 eingesetzt zu sein. Dagegen fand ich in den 
freien Leichen Bur. 46 p. 135, 44 p. 134 und 39 p. 127 
grössere quantitirend gebaute Stücke neben rythmisch ge- 
bauten. So besteht No. 46 aus rythmischen Strophen von 
8 — w +6--, 8 — - +7-— ,7-- + 7 — - und 7 -_ 
aaaa, welchen quantit. gebaute Daktylen 4 Hoc amor (?) prae- 
dicat | haec macilenta' folgen. In Bar. 44 folgen auf ryth- 
mische Daktylen mit Str. 4 'Felix seu peream' quantit. ge- 
baute daktylische Trimeter und Tetrameter. Das merk- 
würdigste Stück scheint mir No. 39 zu sein, wo nach des 
Dichters eigener Angabe prosa, versus (d. h. quantitirend 
gebaute Zeilen), satira und rythmachia gemischt sind (siehe 
oben S. 115). 

Die rythmischen Formen des Ludu-s de 
An tichristo. 

Prüfen wir nun nach den bisher entwickelten Grund- 
sätzen die Formen des Ludus de Antichristo, so ergeben 
sich auffallende Thatsachen. Die gleiche Silbenzahl 
in den entsprechenden Zeilen beobachtet der Dichter streng ; 
ich glaube die 4 Strophen 1 — 32 richtig hergestellt zu 
haben; und, wo in den Dreizehnsilbern die Silbenzahl in 
der Handschrift verletzt ist, fuhren fast immer auch andere 
Merkmale darauf, dass der Schreiber den Text entstellt hat. 
Ich habe sie desshalb überall hergestellt. Den Schluss 
der Zeilen behandelt der Dichter mit besonderer Fein- 
heit. In den 300 reimlosen Halbzeilen ist der jambische 
Zeilenschluss selten durch ein einsilbiges Wort gebildet und 
dann nur durch die Hilfswörter der Sprache, nemlich 1 Mal 
in, 1 nos, 7 est, 2 sum, 1 es, 1 sunt, 1 sit, und bei tro- 
chäischem Schlüsse et es, ad nos, ubinäm sunt und in me. 
Ist der Schluss gereimt, so wird er nie durch ein einsilbiges 
Wort gebildet. Mit einem zweisilbigen Wort schliessen 
von den in der ersten Zeilenhälfte stehenden und reimlosen 



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Wüh. Meyer: Ludus de Anttchristo und über lat. Bythmen. 185 

66 Zeilen zu 6-^ 51, von den 17 ebenda stehenden Zeilen 
zu 7 — « gar 1 1 ; dagegen von den die Langzeilen beenden- 
den und mit Reim belegten 54 Zeilen zu 6-« schliessen 
nur 6 mit zweisilbigen Wörtern, und von den ebenda stehen- 
den 270 mit Reim belegten Zeilen zn 7-« schliessen nur 
8 mit zweisilbigen, 77 mit dreisilbigen, 131 mit viersilbigen 
und 54 mit fünf- und mehrsilbigen Wörtern. Der Dichter 
hat also von 83 nicht gereimten trochäischen Versschlüssen 
62, dagegen von 324 gereimten trochäischen Versschlüssen 
nur 14 durch ein zweisilbiges Wort gebildet, es demnach 
gemieden, ein zweisilbiges Wort iu den trochäischen Reim 
zu stellen. Die gleiche Sorgfalt zeigt sich im Reime selbst: 
er ist stets zweisilbig und rein, und Fehler, wie in 392 das 
mit sich selbst reimende pietatis, finden sich nicht. 

In den andern Stücken zeigt der Dichter nicht die 
gleiche Sorgfalt oder Schulung. Den Hiatus zu meiden, 
gibt er sich nicht viel Mühe; so hat er ip den 3X)0 Drei- 
zehnsilbern etwa 25 Hiatus im Innern der Halbzeilen und 
etwa 8 zwischen denselben. Aehnlich steht es mit dem 
Taktwechsel. Die in den lyrischen Stücken (V. 1 — 48, 
151—170, 365—368 und 399—402) vorkommenden 16 Z. 
zu 7 — « haben 3 Tw, die 8 Z. zu 8 ^ — sind rein, die 
15 Z. zu 8 — v, haben 4 Tw, die 19 Z. zu 9^— haben 
7 Tw und die 10 Z. zu 11 *_ 3 Tw. In den 300 Drei- 
zehnsilbern und 38 Zeilen zu 4-« -{- 7_ « kommen vor: 
38 Z. zu 4 Silben, von denen 34 aus 4 — « , 4 aus 4«- 
bestehen; 167 Z. zu 6 ^ — , davon 70 mit Tw; 120 Z. zu 
6 — ^, davon nur 17 mit Tw; 30 Z. zu 7 »~ ohne und 
nur 7 mit Tw; 284 Z. zu 7 — ^, darunter 118 mit Tw. 
Also auch hier ist Taktwechsel in den troebäischen Zeilen 
6 — « und 7 « — seltener als in den jambischen 6 « — und 
7__w, Rein daktylischer Wortschluss bei Takt- 
wechsel kommt vor, aber selten ; in 6«~: V. 90 positam 
fäteor, dann in 177. 253. 271. 290. 397; in 6--: 139 



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186 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

virfliter ägens, 219 haec münera regi, 231 sunt p^ssima 
pestis; in 7 « — nicht. In den so zahlreichen Zeilen zu 
7 — « findet sich von der sichern Art des daktylischen 
Wortschlusses (siehe S. 126), wo auf den Daktylus ein 
zweisilbiges Wort folgt, nur V. 365 Tibi grätias dämus, 
dagegen 18 Verse, in denen auf das daktylische Wort ein 
viersilbiges und 1 Vers, in dem ein einsilbiges Wort folgt, 
welche Verse aber wohl anders zu betonen (maneänt vene- 
rända, mäneat in aeternum) und nicht hierher zu rechnen 
sind. Unter den 15 Z. zu 8 — « findet sich der unsichere 
44 Te iübeo detestari und unter den 19 Z. zu 9«- der 
sichere 31 OflTcia quorum cernimus; die 10 Z. zu 11 «- 
sind frei von daktylischem Wortschluss. 

Das Merkwürdigste sind die von dem Dichter verwen- 
deten Zeilenarten. Die im Anfang des Gedichtes vor- 
kommenden Zeilen zu 9»- ohne bestimmte Pause sind 
sehr selten, die Zeilen zull »~ (153 — 170) ohue bestimmte 
Pause sind ohne Beispiele. In den Zeilen zu 8 — ^ wird 
nicht nur die gewöhnliche Pausenach 4 — ^ vernachlässigt, 
sondern sogar Takt Wechsel gestattet. Von 329 an treten 
38 Z. zu 4 — « + 7 — ^ a auf, in denen 4 Mal 4«- statt 
4 — v gesetzt ist. Diese Zeilenart fand ich nirgends sonst 
und könnte sie nur mit den Zeilen zu 4-wa + 4-«a 
+ 7 — wb bei Abaelard Hymn. 33 — 36 vergleichen. Die 
Dreizehnsilber hat der Dichter so gebaut, dass er den 
Schluss der ganzen Zeile stets trochäisch bildete, dann nach 
der 6. oder 7. Silbe regelmässige Pause machte und die 
erste Halbzeile entweder jambisch oder trochäisch schloss. 

So ergeben sich folgende 4 Zeilenarten 1) 6 ^ f- 7 — w, 

2) 6 — ^ + 7-w, 3) 7u— + 6 — w, 4) 7-^ + 6— *: 

1) Quam nöstrae repetit potentiäe maiestas. 

2) Digna ergo poena correpti resipiscant. 

3) Tötus mündus füerat ffscus Romanörum. 

4) Proterve se oppönunt tüae mäiestati. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 187 

Vier Zeilen im Anfange haben keine dieser regelmässigen 
Pausen: 50. 51 (= 103. 104). 60. 61. z. B. 

60 Salutem mandat imperator Romanorum. 

Es ist, wie S. 18 u. 144 gezeigt wurde, sehr selten, dass 
der Schluss der ersten Halbzeile bald trochäisch, bald jam- 
bisch ist; unser Dichter gestattet sich diesen Wechsel auch 
in den Zeilen (7—- oder 7 -— + 7 - — ) 365—368. Aber 
geradezu ohne Beispiel in den lateinischen Rythmen ist es, 
wie er in diesen Dreizehnsilbern (und so wohl auch in den 
oben genannten Zeilen zu 9«- und 11 »-) die Pause 
wechselt und sich durch diese Emancipation von der Schab- 
lone der Freiheit nähert, welche die antiken und die mo- 
dernen Dichter haben. Einen Einblick in die Art, wie er 
dichtete, gewährt folgende Beobachtung: unter dem 1. Hun- 
dert von Dreizehnsilbern finden sich 62 Z. zu 6 + ? — - w 
gegenüber 30 Z. zu 7 + 6 — ^ ; im 2. Hundert 87 Z. zu 

6 + 7 — " gegenüber 13 Z. zu 7 + 6 — «; im 3. Hundert 
97 Z. zu 6 + 7— - gegenüber 3 Z. zu 7 + 6 — -. Offen- 
bar schwankte der Dichter, als er seine Dichtung begann, 
zwischen den verschiedenen Arten und hat damals auch jene 
4 Zeilen ohne Pause nach der 6. oder 7. Silbe zugelassen; 
während des Dichtens gewann er eine Vorliebe für die Zeilen 
mit der Pause nach der 6. Silbe und besonders für die mit 
jambischem Schlüsse vor dieser Pause (180 Z. zu 6 ^— + 

7 — w gegenüber 66 Z. zu 6 — ^ + 7«—). In dieser That- 
sache liegt der Beweis, dass der Dichter sich seine Zeilen 
selbst construirt hat. Natürlich konnten in jener Zeit, wo 
dieses Selbstschaffen so gewöhnlich war, auch Andere die- 
selben Verbindungen finden. Allein nur die eine Form 
7 ^— + 6 — ^ ist gleich der weitverbreiteten Vaganten- 
zeile. Für die Form 6 — ^ + 7— ^ und 7^« + 6 — « 
habe ich kein Beispiel gefunden. Bartsch Sequ. S. 196 sagt 
fc Bemerkens werth ist bei Adam I, 174: 



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188 Sitzung der phUos.-phUol. Classe vom 7. Januar 1882. 

Indissolubili bitumine fundata 
Miris ac variis lapidibus distincta 

die seltene Anwendung dreizehnsilbiger Verse (jambisch) mit 
einer Caesur nach der 6. Silbe, also der französische Alexan- 
driner.' l ) Ich habe oben S. 104 eine Reihe von Zeilen zu 
6 + 7 — ^ mit demselben Schwanken der Basis von 6 ^ — 
zu 6 — ^ nachgewiesen ; allein, obwohl auch in jenem merk- 
würdigen Gedichte der nemliche Stoff wie in unserm Ludus 
behandelt ist, so hat doch unser Dichter seine Zeilenform 
6 + 7 — « nicht von dort entlehnt. Das beweist einmal 
die Vermengung der Zeile 6 + 7 — ^ mit 7 + 6 — ^, die 
in dem Gedicht von Montpellier nicht vorkommt, sodann 
der Umstand, dass trotz des gleichen Inhaltes unser Ludus 
keine Anklänge an jenes Gedicht enthält. Wie Bartsch in 
jenen Dreizehnsilbern den französischen Alexandriner fand, 
so fanden Andere in den Zeilen unseres Ludus die Nibe- 
lungenzeile, und die Zeile 7 ^— + 6—« ist gleich mit 
der berühmten Vagantenzeile. Unser Dichter ist von selbst 
und zufällig zu diesen Zeilenarten gekommen. Das zeigt 
vielleicht Weg in jenen so schwierigen Fragen über manche 
Formen der epischen Poesie der verschiedenen Völker. Sie 
sind sich oft sehr ähnlich, und manche haben desshalb be- 
hauptet, dass ein Volk sie von dem andern entlehnt habe. 
Die erzählende Dichtung braucht ebenmässig dahin fliessende 
Zeilen ; sie nimmt nun entweder die längsten der Kurzzeilen, 
die Zeilen zu 8 « — oder*8 — ^, oder Langzeilen. Die Lang- 
zeilen zerlegt die menschliche Stimme stets in 2 Theile, 
deren jeden sie in einem Zuge spricht. So wird jede Lang- 
zeile durch Caesur oder Pause in 2 Kurzzeilen zerlegt. Diese 
müssen natürlich einander im Umfange ähnlich sein. Zur 

1) In dem Gedicht des Philippe de Greve (?) bei Paul Meyer, . 

Archives d. Missions II, 3 p. 280 findet sich die aus 6 w (-7 — « 

erweiterte Strophe 6 ^ — aa 7 — b, 6« — cc 7 ~ w b. 



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Wüh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Rythmen. 189 

Bildung solcher nicht zu kurzer und nicht zu langer Zeilen 
sind die Verbindungen der Kurzzeilen zu 6 und zu 7 Silben 
und wenn zwischen die betonten Silben öfter 2 unbetonte 
treten, auch die zu 8 Silben die geeignetsten. Wenn also 
bei verschiedenen Dichtern und Völkern sich ganz ähnliche 
aus jenen Elementen gebildete Zeilen finden, so ist diese 
Aehnlichkeit eine ebenso zufällige, oder vielmehr ebenso 
natürliche, wie die Aehnlichkeit dieser Dreizehnsilber mit 
dem Alexandriner, mit der Nibelungen- und der Vaganten- 
zeile. 

• Der Strophenbau unseres Dichters ist ein sehr un- 
entwickelter uud einfacher. Die Dreizehnsilber und die 
Zeilen zu 4— <-> -f~ 7— ^ reimen alle paarweise; desshalb 
muss nach V. 283 und 359 eine Zeile ausgefallen sein. Ge- 
paart sind auch die Zeilen in deu 5 Strophen (151 — 170) 
zu 8-waa -|- 11 u_ bb, in der Strophe (45 — 48) 8 — ^ 
aa + 9 ~ — bb, in der Strophe (365—368) (7 + 7 ~ — ) 
aabb und 399 (7 ^— -f- 7 ^— ) aa. Einfachen gekreuzten 
Reim zeigen die 4 Strophen (1 — 32) zu 8 ^— a + 7—"« b 

+ 8-— a+7--b, 9 c + 7--d + 9--C + 

7 — v, d und die 3 erweiterten Strophen 9 »_aaa 8 — « b, 
9v,__ccc 8 — ^ b , 9 ^ — d d d 8 — ^ b. Höher ist die 
Kunst des Dichters nicht gestiegen. 

Sorgfalt zeigt demnach nur der Reim und der Bau des 
Schlusses. Der einfache Strophenbau weist anf- frühe Zeit 
der Entstehung. Die häufige Zulassung des Hiatus und 
die (seltene) des daktylischen Wortschlusses, besonders aber 
der Wechsel des jambischen und trochäischen Schlusses der 
ersten Halbzeile und das Schwanken der Pause von der 6-. 
zur 7. Silbe widersprechen den Regeln der Schule. Zum 
Theil zeigt sich hier derselbe unabhängige Geist, welcher 
in der Umformung des vorliegenden Sagenstoffes und in dem 
Entwurf des ganzen Dramas sich gezeigt hat. 



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190 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 7. Januar 1882. 

Nachträge. 

Zu S. 68. Die ältesten gereimten Hexameter sind wohl die von 
Dragoni, Cenni storici sulla Chiesa Cremonese p. 334, und Troya, Storia 
d'Italia IV. 2 p. 538 veröffentlichten. Zuerst 2 Leonini mit clari : Rihaldi, 
aequorum : virorum, dann 1 Hex. mit Innenreim, 1 Hex. mit Eigennamen 
und de88halb ohne Reim, dann 3 Paare caodati 'dictus : relictus, creatus : 
glorificatus, Jani: vani' mit dem 4. Paare (octuageni: septuageni ?) : 
Ducentum atque decem tum quatuor octuagenae 
Sunt anni domini sex et bis septua genta (676). 
Den so natürlichen Endreim hatte ich im Anfange der Geschichte der 
gereimten Hexameter oft vermiest. 

Zu S. 67 u. 138 (Zweisilbiger Beim vor 1100). Neben Wipo ist 
bes. Ekkehart IV von S. Gallen zu nennen. In dem Prolog des am 
1030 dem Johannes, Abt von Trier und der Limburg, gewidmeten Liber 
Benedictionum nennt er seine meistens zweisilbig gereimten Leoninischen 
Hexameter 'presso tramite stricti 1 mit der eigenen Erklärung 'propter 
consonantiam duplarum plerumque syllabarum, ut monuisti, minus po- 
tenter inquiens, concinnari per unam; (vgl. Dümmler in Zeitschr. f. d. 
Alterthum 14, 1867, S. 11). 

Zu S. 75. Durch die besondere Liberalität der französischen Re- 
gierung habe ich die Pariser Handschrift 4976 (die Epitomae des Vir- 
gilius Maro) erhalten. Der Text ist reichhaltiger und oft besser als 
der Mai's. Das oben Gesagte finde ich bestätigt; so hat die Hschr. 
'Festa I, deum sol II, lempnia III (vgl. S. hl u. 78); auch diese Fas- 
sung des Textes bietet kein quantitirend gebautes Citat, dagegen wird 
z. B. das Oantamcntum bei Mai Epit. III 'Mea Matrona tuam amplector 
zonam 1 zu 2 richtigen rythroischen Zeilen gebessert 'Mea, mea Matrona, 
tuum amplector soma\ 

Zu S. 53 u. 103. Der longobardische rythmische Hexa- 
meter. 

Als Zeugnisse, wie tief die Bildung in der Longobardenzeit ge- 
sunken sei, führt man (vgl. Corssen, Aussprache II p. 397) Inschriften 
der Zeit an, — mit Recht, wenn dies wirklich, wie die Gelehrten meinen, 
quantitirend gebaute Hexameter sein sollten. Das ist unmöglich. Denn 
aus derselben Zeit und derselben Gegend gibt es gut gebaute Hexameter, 
und jene Zeilen, die der Fehler wegen gewiss allgemeinen Spott erregt 
hätten, stehen auf den Gräbern von Königen und ihnen Nahestehenden. 
Dann steht (nach den von Prof. Eugen Borroann gütigst mir übersendeten 



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Wilh. Meyer: Ludus de Antichristo und über lat. Bythmen. 191 

Collationen von Cod. Vat. Pakt. 833 saec. IX, fol. 50] neben der In- 
schrift Gruter p. 1169 Z. 1 'RITM.', Z. 3 'MKTR.\ so dass die beiden 
ersten Zeilen wohl als troch. Fünfzehnsilber (im 1. fehlen 2 Silben) zu 
fassen sind; neben der berühmten Inschrift auf den Bischof Damian 
(unten No. 2) steht ebenfalls 'RITHM.' Dadurch ist bewiesen, dass 
solche Inschriften durchaus nicht als quantitirend gebaute angesehen 
werden sollten. 

Die Gedichte, welche ich diesen Spuren folgend zusammenfand und 
hier in aller Kürze verzeichnen muss, bestehen aus Zeilen, die in der 
Kegel 15 Silben zählen (vgl. No. 2. 4. 5.), seltener 14 und 16 (vgl- 
No. 2. 4. 5.) und noch seltener 13 oder 17 (vgl. No. 2. und 9?). Diese 
Zeilen enden stets mit — ^ v — ^ (ausgenommen einige Zeilen in No. 
1 und 10), und zerfallen, den Caesuren des Hexameters entsprechend, 
in 2 ungleiche Theile (vgl. das Facsimile von No. 5 bei Troya). Der I., 
kleinere, Theil besteht sehr selten aus 6 ^ — , meistens aus 6 — ^ , 

7 v — und seltener aus 7 — ^ mit oder ohne Tw, selten aus 8 ^ — und 
noch seltener aus 8 — u ; der II., längere, Theil besteht selten aus 7 — u: 
-!— \j — ^ \j — v , oft aus 8 — \j (— w w — v/ *• — v oder v — o -i- c «-/ 
— w), und noch öfter aus 9 — ^ ohne Tw: -L^-i-v/— c/ u-U\j, fast 
nie aus, 9 — v mit Tw:^ — uv-^-v^ — v. 

Die Gedichte verzeichne ich nach Troya, Storia d'Italia tomo IV, 
parte III (Godice diplomatico Longobardo), wo sie alle abgedruckt sind, 
und den Longobardiscben Regesten im Neuen Archiv III, 1877, pag. 
229- 318 : 

1) Epitaphium des Königs Cuningbert, Pavia a, 700; 8 Z. ; 2 un- 
reine Schlüsse : robustissimus rex und viduata gemet. Troya p. 50, Reg. 
p. 241. 2) Epit. des Damian, Bischof von Pavia a. 710; in der Hschr. 
als RITHM. bezeichnet, 26 Z. zu 15 (17), 16 (6), 14(2), 17 (1) Silben; 
der II. Theil (11 Mal 9 — J : J-v-L-^ — ^ w — u , 7 Mal 8 — w: 
-i-i/ui-u \j — w) beginnt nur 3 Mal mit einer unbetonten Silbe. Troya 
p. 111; Reg. p 244. 3) Epit. des Königs Ansprandus, Pavia a. 712; 

8 Z. (in Z. 4 fehlt ein Wort). Troya p. 122; Reg. p. 245. 4) Epit. 
ducis Audoaldi, Pavia a. 718 ; 13 Z. Troya p. 269; Reg. p. 247. 5) Epit. 
Theodotae, Pavia a. 705 oder 720; 28 Z. Troya p. 70; Reg. p. 249. 
6) De Fundatione Civitatis novae, circ. a. 734; 7 Zeilen, deren Schlüsse 
fehlen. Troya p. 599; Reg. p. 255. 7) Epit. Cumiani episcopi, Bobbio 
a. 736; 16 Z. (II. Theil 12 Mal -i-v-J-^ J-^ v-^-u). Troya p. 628; 
Reg. p. 256. 8) Epit. Cunipergae, Cuniberti regis filiae, Pavia circ. 
a. 740; 11 Z. Troya p. 78: Reg. 260. 9) Verdorben zu sein scheint 
Gruter Inscr. p. 1169 No. 4 (aus Piacenza), 12 Z. mit dem mir unver- 
ständlichen Schlüsse: Tabella en heroieum triligat exaroetrnm* 



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192 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 7. Januar 1882. 

10) Ich weiss nicht, ob hierher gehört Gruter p. 1169 No. 5 (aus Pia- 
cenza), 10 Z., von denen jedoch 5 mit — ^ — ^ schliessen. 11) Die 
Grabschrift des Bischofs Felix (t a. 724 in Ravenna in Mon. Germ. 
Script. Longob. p 375) scheint zuerst Nachbildungen von Distichen zu 
enthalten (vgl die Schlüsse 'praesules digni deo; Felix amator fuit. 
magnanime floruit. etc. =: dem 2. Theil des Pentameters?), dann von 
'Cuius ope fretus 1 an Nachbildungen von Hexametern. x ) 

Vielleicht sind die oben S. 102 besprochenen Zeilen zu 6 ^ (- 

g — v w — u eine Abart dieser rythmischen Hexameter; sicher ist dies 
die Zeile, in welcher ein Dichter (also saec. VIII?) viele Räthsel ge- 
schrieben hat: ungefähr 370 Zeilen in Gruppen von je 6 bei Mone An- 
zeiger 1839 S. 219 und Riese Anthol. lat I p. 296—304 und II p. LXVI 
— LXXVJ; jede Zeile besteht aus 14 Silben und zerfallt in 2 Stucke; 
das I. besteht aus 6, das IL aus 8 Silben zu -Lu-Lü — u und — u v-r 

ego nata duos patres habere dinoscor; 
auf etwa 10 Verse trifft ein Taktwechsel: w — w w — \s oder v — ^ 
-!— \j \j — u, z. B. 

extremos ad brümae me prfmo confero mense 
Diese bei den Longobardeh vorkommenden rythmischen Hexameter 
haben sich weder weit verbreitet noch lange erhalten. 



1) Die Inschriften 'O Rhode dulcis anima' (Gruter p. 1176, 7; Fleetwood pag. 
476, 1), 'Bardorum bella' (Peregrini-Pratilli, Hist. princ. Longob. III p. 335) und 
'Christe fave* (Troya p. 545; Reg. p. 253) scheinen mir ursprünglich anständige 
quantit. Hexameter enthalten zu haben, die durch Zuthaten entstellt wurden 



Wilh. Meyer gibt in Uebereinstimrauug mit H. Prof. Trumpp 
zu S. 104 seiner Abhandlung 'die Geschichte des Kreuzholzes 1 (Abh. XVI, 
2. Abth.) und zu S. V von Trumpps Abhandlung 'Das Hexaemeron des 
Pseudoepipbanius' die Erklärung ab, dass er selbst das arab. aethiop. 
Hexaemeron niemals für eine üebersetzung oder Umarbeitung des syri- 
schen Epiphaniustextes gehalten hat, (auch die Bemerkung in Vita Adae 
et Evae S. 190 war in diesem Sinne gemeint), und dass er jetzt, nach 
Vergleich ung des von Lagarde (Symmikta II) übersetzten syrischen 
Textes des Epiphanius de Mensuris (cap. 21) mit dem von Trumpp über- 
setzten arab. aethiop. Hexaemeron, die feste (Jeberzeugnng gewonnen hat, 
diese arab. aethiop. Schrift habe sowohl mit dem griechischen als mit 
dem syrischen Texte des Epiphanius durchaus Nichts zu schaffen, sei 
Vielmehr aus andern, noch zu erforschenden Quellen abgeleitet. 



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Sitzungsberichte 

der 

philosophisch-philologischen und 
historischen Classe 

der 

k. b. Akademie der Wissenschaften 

zu IVCiinchen. 



1882. Heft IL 



München. 

Akademische Buchdruckerei von F. Straub. 

1882. 

In Commistion bei G. Franz. 



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Sitzungsberichte 

der 

königl. bayer. Akademie der Wissenschaften. 



Historische Classe. 



Sitzung vom 7. Januar 1882. 



Herr v. Riehl hielt einen Vortrag: 

„Arcangelo Corelli im Wendepunkte zweier 
musikgeschichtlichen Epochen." 

I. 

Das siebenzehnte Jahrhundert trägt in der Musikge- 
schichte den Character einer Episode. 

Es hat keine so grossen, schöpferischen Meister aufzu- 
weisen, wie das sechzehnte in den überragenden Gestalten 
Palestrina's und Orlando Lasso's oder wie das achtzehnte in 
Bach, Händel, Gluck, Haydn, Mozart, deren Hauptwerke 
heute noch lebendig fortwirken. Die allermeisten Tonschöpf- 
ungen des sieben zehnten Jahrhunderts bieten im Gegensatze 
hierzu fast nur noch antiquarisches, historisches Interesse. 
Seine Meister wurden von den Vorgängern und Nachfolgern 
verdunkelt und verfielen der Geschichte. 

Allein zum Ersätze ist dieses Jahrhundert höchst wich- 
tig für die Genesis neuer musikalischer Formen, 
die sich aus älteren Anfängen damals langsam zu steigender 
Klarheit und wachsendem Einfluss entwickelten und aus 
untergeordneten Versuchen des sechzehnten Jahrhunderts zur 
[1882. I. Philos.-philol.bist.Cl. 2.] 13 



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194 Sitzung der histor. Classe vom 7. Januar 1882. 

Herrschaft neuer Kunstgattungen im achtzehnten hinüber- 
leiteten. 

Die Meister dieser episodischen Zeit lösten bewusst und 
unbewusst die mittelaltrigen Musikformen auf, welche durch 
Palestrina ihren reichsten und reinsten Inhalt gewonnen 
hatten, und entwarfen die Grundlinien der modernen Formen. 
Und wer im Sinne solch überleitender Vorarbeit der Ge- 
schichte verfallt, der hat darum doch nicht umsonst ge- 
arbeitet. 

Ist also auch das siebenzehnte Jahrhundert arm für 
den heutigen praktischen Musiker und für den geniessenden 
Musikfreund, so gewährt es dafür dem wissenschaftlichen 
Forscher, vorab auf dem Gebiete der musikalischen Technik 
und Tektonik, überaus reiche Ausbeute, die noch lange 
nicht ganz gehoben ist. 

Jene neuen Formen und Gattungen waren: die italie- 
nische Oper und das französische Musikdrama, die weltliche 
Cantate und das Oratorium mit den Unter formen des Reci- 
tativs und der Arie; dann die Sonate und Suite mit ihren 
zahlreichen Verzweigungen bis hinauf zur Symphonie und 
zum Streichquartett. 

Zwar hatte das sechzehnte Jahrhundert hier überall 
bereits die ersten Keime gebracht, wie das achtzehnte die 
klassische Blüthe bringen sollte; aber dazwischen bereitete 
das siebenzehnte den Boden und förderte und regelte das 
Wachsthum der neuen Form und Art. 

Und nicht blos der Form. Denn auch im geistigen 
Gehalte, im Kunstideal ward damals eine grosse Wandlung 
angebahnt. Im sechzehnten Jahrhundert hatte noch die 
strenge objective Kirchenmusik geherrscht, in. der ersten 
Hälfte des achtzehnten hingegen gelangte die freiere, sub- 
jectivere geistliche Musik zur höchsten Macht; die Messe 
weicht dem Oratorium, um vollends in der zweiten Hälfte 
der weltlichen Tonkunst den überragenden Platz zu räumen. 



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v. Biehh: Arcangelo Corelli. 195 

Daneben war die rein instrumentale Kunst, die absolute 
Musik, im sechzehnten Jahrhundert noch in ganz unter- 
geordneter Dienstbarkeit verharrt, während wir sie in der 
ersten Hälfte des achtzehnten bereits ebenbürtig neben dem 
Gesänge erblicken. Und rasch gelangt sie dann in der fol- 
genden symphonischen Periode zur fast despotischen Herr- 
schaft. 

Der scharfe Gegensatz des achtzehnten Jahrhunderts 
zum sechzehnten, der gewaltige Umschwung begreift sich 
aber nur durch die dazwischen liegende rastlos zersetzende 
und ebenso rastlos formbildende Thätigkeit des siebenzehnten 
Jahrhunderts. 

Unter den Meistern dieser episodischen Zeit behauptet 
der Römer Arcangelo Corelli (geb. zu Pusignano 1653, gest. 
zu Rom 1713) einen hervorragenden Platz. 

Man hat ihn stets geehrt als den Begründer des kunst- 
reichen Geigenspiels und des concertmässigen Geigensatzes, 
als den Ahnherrn einer langen Geschlechterreihe glänzender 
Geigenvirtuosen, die in ununterbrochener Folge von Meistern 
und Schülern bis auf Viotti herabreicht. Allein es erging 
ihm dabei wie geraume Zeit sogar Seb. Bach: über dem 
Virtuosen Corelli wurde der Komponist Corelli vergessen, 
dessen beste Werke sich gerade dadurch auszeichnen, dass 
sie auf alles blos virtuosenhafte Beiwerk strenge verzichten, 
wie man lange genug über dem Orgelvirtuosen Bach den 
universal epochemachenden Tonsetzer Bach vergessen hat. 
Beides ist leicht begreiflich. Der reproduktive Musiker ge- 
hört der Gegenwart voll und ganz; je schöpferischer da- 
gegen der „productive" Musiker war, um so mehr gehört 
er auch der Zukunft. Die Zeitgenossen spendeten Corelli 
das höchste Lob, indem sie ihn „Virtuosissimo di Violino" 
nannten und auf mehreren gleichzeitigen Porträts ist er mit 
einem Notenblatte in der Hand dargestellt, welches die An- 
fangstakte seiner fünften Solo-Sonate zeigt. Diese Solo- 

13* 



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196 Sitzung der histor. Classe vom 7. Januar 1882. 

Sonaten des Virtuosen galten lange und gelten vielfach auch 
heute noch fiir sein ausgezeichnetstes Werk, jedenfalls waren 
sie das verbreitetste, und unter ihnen gewann die zwölfte, 
La Follia, die grösste Popularität bis auf diesen Tag, ob- 
gleich sie doch wohl die schwächste und inhaltlich ärmste 
von allen ist. Aber sie ist die virtuosenhafteste. Eine 
Aussprache dieser alten Tradition, die in dem Komponisten 
Corelli zunächst den Virtuosen ehrt, finden wir selbst noch 
bei Fetis, wenn derselbe in seiner Biographie universelle 
des Musiciens die Solo-Sonaten als Corelli's Chef d'oeuvre 
bezeichnet. 

Allein der Schwerpunkt des grossen kunstgeschichtlichen 
Einflusses, den Corelli als Komponist übte, liegt nicht in 
diesem Werke sondern in seinen Geigen-Trios und in den 
Concerti grossi. Die letzteren bieten uns den Schlüssel 
zum historischen Verständniss der italienischen Orchestrir- 
ung wie sie, im scharfen Gegensatze zu Bachs Orchester, 
bis in's letzte Drittheil des vorigen Jahrhunderts auch in 
Deutschland herrschte; die ersteren dagegen, die Kirchen- 
und Kammer-Trios, sind die Vorläufer des klassischen deut- 
schen Streich-Quartetts, wobei freilich das verbindende Mittel- 
glied jener zahlreichen italienischen Trio-Componisten aus 
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht übersehen 
werden darf, die den strengen Styl Corellis unter dem Ein- 
flüsse des Opern-Satzes schmeidigten, popularisirten und 
trivialisirten, — eine Gruppe von Kleinmeistern, die jetzt 
ganz verschollen und historisch noch gar nicht gewürdigt ist. 

Der Kammer-Komponist Corelli, der Meister des alten 
Streich-Trios und der Prophet des neuen Streichquartetts, 
ist es, auf welchen ich hier vorzugsweise mein Augenmerk 
richte. 

Er wird uns aber in dieser historischen Stellung nur 
verständlich, wenn wir seine Werke untersuchen im Zu- 
sammenhang mit der ganzen musikalischen Bewegung seiner 



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v. Riehl: Arcangelo Corelli. 197 

Zeit, im Wendepunkt jener zwei grossen Epochen. Gleich 
einem Januskopfe schaut er vor- und rückwärts. Das gilt 
zumal vonj der Periode seiner eingreifendsten schöpferischen 
Thätigkeit, in den achtziger und neunziger Jahren des sieben- 
zehnten Jahrhunderts. Was Corelli damals geworden war, 
das ist er in seinem späteren Lebensalter auch wesentlich 
geblieben. 

II. 

Corelli gehört zu jenen Meistern, die sich auf ein enges 
Kunstgebiet beschränken (wir besitzen von ihm nur Kamnier- 
und Konzertmusik für Streichinstrumente). Innerhalb dieser 
Gattung hielt er dann weiter eine bestimmte Form fast aus- 
schliessend fest, — die Sonatenform, oder genauer die Form 
der Kirchensonate und der Suite. Auch im Aufbau dieser 
Form gestattet er ,sich im Einzelnen wenig Freiheit, ringt 
aber nach fein abgestuften Unterschieden der Empfindung 
und des Ausdrucks. Grosses und Gewaltiges hat er uns 
nicht zu sagen ; aber was er uns sagt ist die vornehm feine, 
oft geistreiche Aussprache eines edeln, reinen und innigen 
Gemüths. 

Ein kühner Neuerer war er durchaus nicht. Diese 
Rolle würde schon seinem persönlichen Wesen widersprochen 
haben, welches als bescheiden, schlicht, anspruchslos, ja mit- 
unter sogar als schüchtern und verlegen geschildert wird, 
selbst in jenen Tagen, wo er sich eines europäischen Rufes 
erfreute und mit Ehren und Auszeichnungen überhäuft wurde. 
Sein Gesicht, aristokratisch fein wie seine Musik — wenig- 
stens nach dem Stiche von Anderloni *) — Erinnert eher an 
einen etwas reservirten vornehmen Herrn, an den „Marquis 



1) In einer ßadirung nachgebildet bei Vidal, J^es fostruments $ 
ajrchet. Paris 1377 U. Vol. p. 114, 



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198 Sitzung der histor. Clause Vom 7. Januar 1882. 

von Ladenburg 11 , welchen Titel ihm der Kurfürst Philipp 
Wilhelm von der Pfalz verlieh, 2 ) als an einen Künstler. 

Corelli war nicht frühreif; er veröffentlichte sein erstes 
Werk erst im dreissigsten Lebensjahre (1683), steht aber 
mit demselben auch schon fest und fertig in abgeschlossener 
Eigenart vor uns, die sich später nur glättet, läutert und 
erweitert, nicht aber im Wesen verändert. Er schrieb ver- 
gleichsweise nur wenig, nur sechs Werke. Allein dies sind 
dann wirkliche Opera, wie er sie auch ausdrücklich nennt; 
sie umfassen zusammen 72 Sonaten. 

Sie gliedern sich in zwei Gruppen, welche zugleich 
chronologisch als zwei Perioden erscheinen: 

Erste Periode : Opus 1 — 4; 48 Kirchen- und Kammer- 
Trios von 1683 — 1694 — Corelli führt den älteren mehr- 
stimmigen Sonatenstyl der Italiener zu seinem Höhepunkte 
und bereitet die Formen des späteren klassischen Streich- 
quartettes vor. 

Zweite Periode: Op. 5 und 6; 12 Solo-Sonaten für die 
Violine 1700 und 12 Concerti grossi 1712. Hier tritt Co- 
relli der Virtuose mehr in den Vordergrund, erscheint aber 
in dem letzten Werke zugleich auch als Mitbegründer einer 



2) Laut der Inschrift auf Corelli's Grabmal im Pantheon zu Rom. 
Dort heisst es Arcangelo Corellio . . . Philippi Wilhelmi Comitis Pala- 
tini Rheni S. R. I. Principis ac electoris beneficentia Marchioni de La- 
den(s)burg . . . Petrus Cardinalis Ottobonus . . . monumentum ponere 
curavit. Philipp Wilhelm regierte von 1685—90; er war, wie Häusser 
sagt (Gesch. der rhein. Pfalz II, 761), „unter seinen Zeitgenossen als 
ein gelehrter Fürst gerühmt". Corelli soll sich einige Zeit am kur- 
pfälzischen Hofe aufgehalten haben; dies könnte aber nur während der 
Regierung des Kurfürsten Karl (1680-85) gewesen sein. Wenn Wasie- 
lewski („die Violine und ihre Meister" S. 44) angiebt, dass Kurfürst 
Philipp Wilhelm jene Gedenktafel habe errichten lassen, so wird dies 
schon durch den Wortlaut der Inschrift widerlegt, abgesehen davon, dass 
Philipp Wilhelm bereits 23 Jahre vor Corelli gestorben ist und diesem 
also schwerlich einen Grabstein gesetzt haben wird. 



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v. Bielü: Arcangelo CorellL 199 

auf grössere Vollstimmigkeit gebauten neuen Orchestrirung, 
zunächst des Streichchores. 

Das Ansehen und der Einfluss dieser Kompositionen 
nicht blos in Italien sondern im musikalischen Europa ist 
schon durch die zum Theil recht schönen gestochenen Aus- 
gaben bezeugt, welche bei Lebzeiten des Meisters und un- 
mittelbar nachher in Rom, Bologna, London, Amsterdam, Ant- 
werpen und Paris erschienen. Einen alten deutschen Druck 
finde ich nirgends verzeichnet. Es könnte dies auffallen, da 
Corelli einige Zeit in Deutschland gelebt und gewirkt hat, 
in fortdauernder Beziehung zu deutschen Künstlern und 
Fürsten stand (noch sein letztes Werk ist dem Kurfürsten 
Johann Wilhelm von der Pfalz s ) gewidmet), und nach dem 
Zeugnisse von Printz, Quanz , Mattheson u. A. unter den 
deutschen Musikern noch lange als eine grosse Autorität 
geachtet und studiert wurde. Die Armuth Deutschlands nach 
dem dreissigjährigen Kriege und der traurige Zustand unsers 
damaligen Musikalien- Verlags und -Handels erklärt aber wohl 
zur Genüge, dass sich die Deutschen, hier wie anderswo, 
statt in einheimischen Drucken mit Paris und London zu 
wetteifern, lieber mit einheimischen Abschriften der Pariser 
und Londoner Drucke begnügten. 

Erst in neuester Zeit unternahm es Chrysander in seinen 
„Denkmälern der Tonkunst" eine deutsche Ausgabe Corelli's 
in diplomatisch getreuem Abdrucke der Römischen und 



3) Kurfürst Johann Wilhelm (reg. v. 1690—1716), durch seine Kunst- 
und Prunkliebe bekannt, war • der Gründer der Düsseldorfer Gemälde- 
Gallerie. Auch Corelli, mit Carlo Cignani und Carlo Maratta befreundet, 
war ein leidenschaftlicher Bilder-Sammler und brachte eine stattliche 
Privat-Gallerie zusammen, die er dem Kardinal Ottoboni vermachte. 
Händel sagte (nach Hawkins, bei Chrysander, Händel I 226), Gemälde, 
die er umsonst sehen konnte, seien Corelli's besondere Liebhaberei ge- 
wesen. Allein durch das unentgeltliche Betrachten von Bildern pflegt 
man doch keine Sammlung zu erwerben. 



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200 Sitzung der histor. Classe vom 7. Januar 1882. 

Bologneser Originaldrucke durch Joseph Joachim herstellen 
zu lassen. Diese höchst verdienstliche Ausgabe gerieth aber 
in's Stocken und so besitzen wir davon bis jetzt nur den 
ersten Band, welcher die 48 Trios, also die frühere Periode 
Coreliis umfasst. Es ist dies aber der kunstgeschichtlich 
wichtigste Theil von unseres Meisters Schaffen, und da seine 
späteren Solo-Sonaten ohnedies immer verbreiteter waren 
und in Neudrucken zugänglicher geblieben sind, als jene 
fast verschollenen Trios, so darf man wohl sagen, dass selbst 
durch die unvollendete Chrysander'sche Ausgabe das Studium 
und die Kenntniss Corelli's wieder neu erweckt worden ist. 
Zu bedauern bleibt nur, dass sein letztes Werk, die Concerti 
grossi, bis auf diesen Tag zu den bibliothekarischen Selten- 
heiten gehört. 

Auch in anderer Weise wurde, das Studium Corelli's 
neuerdings gefordert durch Jos. Wilh. von Wasielewski, der 
in seinen beiden Schriften: „Die Violine und ihre Meister" 
(1869) und „Die Violine im 17. Jahrhundert und die An- 
fänge der Instrumentalcomposition" (1874) unsern Künstler 
eingehend und gründlich gewürdigt hat. Dass übrigens auch 
ein so ausgezeichneter Kenner wie Wasielewski sich erst ein- 
leben musste in die Kenntniss Corelli's, beweist das Ver- 
hältniss der zweiten Schrift zu der erstgenannten. Das 
jüngere Buch ergänzt, vertieft und berichtigt die Ausführ- 
ungen des älteren, und beide zusammengenommen geben erst 
das treffend gezeichnete Bild unsers Meisters. Noch grös- 
seren Dank des Forschers aber erwarb sich Wasielewski 
durch die Partitur-Ausgabe von 38 „Instrumentalsätzen 
vom Ende des 16. bis Ende des 17. Jahrhunderts" (Bonn, 
M. Cohen 1874). Wir erhalten hier eine reiche Auswahl 
zwei-, drei- und mehrstimmiger Sonatenwerke von den Vor- 
läufern Corelli's seit Florentio Maschera (1593) bis zu seinen 
Zeitgenossen Bassani, Veracini und Giuseppe Torelli, nach 
Handschriften und Drucken der Bibliotheken von Berlin, 



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t\ Riehl: Arcangelo Corelli. 201 

Dresden, Brüssel und Bologna. Und dieses ebenso seltene 
als werthvolle Material setzt uns erst in den Stand, durch 
Vergleichung mit den Vorgängern die Schranke wie die 
Grösse von Corelli's historischem Verdienste genauer zu 
würdigen. 

Wasielewski hat aber hiermit die Untersuchung über 
Corelli keineswegs abgeschlossen, sondern dieselbe vielmehr 
erst recht eröffnet, und so glaube ich denn auch im Nach- 
folgenden auf manche unbeachtete Thatsache aufmerksam 
machen und manche neue Gesichtspunkte hervorheben zu 
können. 

III. 

Nicht weil Corelli im Anfang sondern weil er in der 
Mitte der neuen instrumentalen Bewegung steht, weil er 
ihren ersten Höhepunkt bezeichnet, erscheint er epoche- 
machend. Er bat die Geigensonate und das Streichtrio nicht 
erfunden, aber er hat die älteste Form beider Gattungen 
so scharf gefestet, so klar ausgerundet und mit einem so 
entsprechenden Inhalte erfüllt, dass seine Sonate und sein 
Trio für lange Zeit massgebend blieb, soweit nur der Ein- 
fluss der italienischen Musik reichte. Sein Name wurde 
zum Stichwort der Periode und blieb im Gedächtniss der 
Nachkommen auch als die Namen und Werke seiner Vor- 
gänger und Nachfolger längst vergessen waren. 

Die Instrumentalsätze eines Marini, Neri, Vitali, Bassani, 
Veracini gehören doch zunächst der Spezialgeschichte der 
italienischen Musik; Corelli gehört der allgemeinen Musik- 
geschichte. 

Seine Werke drangen schon um desswillen über Italien 
hinaus in die Welt, weil er selber persönlich in die Welt 
gekommen war, weil persönliche und künstlerische Bezüge 
ihn, den Italiener zugleich mit den beiden andern grossen 
Musikvölkern verbanden, mit den Deutschen und Franzosen» 



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202 Sitzung der histor. Clause com 7. Januar 1882. 

Iin 17. Jahrhundert begannen die Musiker zu wandern: 
ein persönlicher internationaler Austausch hebt an, wie ihn 
die frühere Zeit nicht gekannt hat. Am fleissigsten wan- 
derten die Ialiener, und ihre Wanderschaft steigert sich 
nicht selten zur Auswanderung, um in der Fremde dauernd 
colonisatorisch zu wirken, auf Grund der Ueberzeugung, 
dass Italien das Land der höheren musikalischen Cultur sei. 

Hier gehen die Instruraentalkoinponisten voran, welche 
als Virtuosen ihre eigenen Werke vortrugen und an den 
Höfen musikliebender Fürsten gerne einen längeren Auf- 
enthalt nahmen. Deutschland, Frankreich und England 
wurde am häufigsten besucht, in späterer Zeit lockte auch 
Russland. Nicht ganz so beweglich waren die Opernkom- 
ponisten, dafür wanderten aber die Sänger und brachten 
die italienischen Opern mit. Am sesshaftesten waren die 
Kirchenmusiker. Ihr persönlicher Einfluss blieb darum auch 
viel mehr örtlich begrenzt, ihre Werke oft örtlich ver- 
borgen, wobei zudem noch die konfessionellen Schranken 
bemalend in den Weg traten. Die sinkende Macht der 
Kirchenmusik seit dem Ausgang des siebzehnten Jahrhunderts 
gegenüber der aufsteigenden Herrschaft der weltlichen wird 
zu einem Theile schon durch die scheinbar geringfügige 
Thatsache erklärt, dass der weltliche Musiker in alle Welt 
wanderte, während der Kirchenmusiker zu Hause blieb. 

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts wanderten die 
Italiener nach Deutschland um zu lehren und blieben Italiener ; 
die Deutschen wanderten nach Italien um zu lernen und 
verwälschten dort nicht selten. In der zweiten Hälfte des 
Jahrhunderts kehrte sich aber die Sache um. Die Bedeu- 
tendsten der ausgewanderten Italiener verdeutschten oder 
französisirten sich in der Fremde, wie Sacchini, Piccini, 
Cherubini, Viotti, Clementi; denn die nationalen Centren 
des europäischen Musiklebens lagen nun nicht mehr in Rom 
und Neapel sondern in Wien und Paris, 



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v, Bielü : Arcangelo Corelli. 203 

Das so überaus wichtige musikalische Wanderleben und 
Auswandererwesen jener beiden Perioden verdiente nach Ur- 
sache und Wirkung einmal selbständig untersucht zu werden. 

Corelli ist nicht viel und nicht lange gereist ; aber seine 
Wanderjahre sind zugleich seine Lehrjahre gewesen; erst 
nachdem er von ihnen heimgekehrt, begann er seine Werke 
zu veröffentlichen, und für seinen späteren internationalen 
Einfluss waren seine Reisen doch sehr massgebend. 

Sein erster Ausflug nach Paris (1672), von wo ihn 
Lully's Eifersucht wieder verscheucht haben soll, gilt neuer- 
dings für sagenhaft oder schlechthin für erdichtet, weil 
Hawkins 4 ), der von dieser Reise erzählt, seine Nachricht 
nicht näher begründet habe, auch sonst über einen Aufent- 
halt Corelli's in Paris nichts aufzufinden sei. 

Allein wenn wir in den Biographien der älteren Musiker, 
und vollends der kleineren Meister, nur diejenigen Thatsachen 
gelten lassen wollten, welche urkundlich belegt sind, dann 
bliebe von den meisten Musikergeschichten wenig oder gar 
nichts mehr übrig. Und wo will man denn weiter heute noch 
in Paris einen Nachweis darüber finden, dass sich vor mehr 
als zweihundert Jahren einmal ein neunzehnjähriger, damals 
noch sehr unbekannter italienischer Musiker des Studiums 
halber vorübergehend dort aufgehalten habe? 

Hawkins sagt von Corelli: About the year 1672 his 
curiosity led him to visit Paris probably with a view to 
attend the improvements which were making in music under 
the influence of Cardinal Mazarin. 

Vidal (a. a. 0. II, 111 flf.) citirt diese Stelle, um den 
Zweifel an Corelli's Pariser Aufenthalt zu bestärken; denn 
Mazarin (+ 1661) sei damals schon elf Jahre todt gewesen. 
Auf Mazarin's Todesjahr kommt es aber hierbei meines Er- 
achtens gar nicht an. Wenn unter dem Einflüsse des Kar- 



4) Historjr of tbe seiende aud practic of music, T. IV, 



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204 Sitzung der histor. Clause nun 7. Januar 1882. 

dinals wirklich „improvements", Verbesserungen, in der 
Musik gemacht worden waren, so konnten dieselben auch über 
seinen Tod hinaus nachwirken und noch lange nachher einen 
fremden Künstler zum Studium herbeilocken. Es fragt sich 
nur, welches diese Verbesserungen gewesen sein könnten ? 

Mazarin wird in der Geschichte des Pariser Opernwesens 
genannt, insofern er 1647 den Versuch machte, durch eine 
italienische Truppe die italienische Oper bei den Franzosen 
einzubürgern. Dieser Versuch misslang jedoch vollständig 
und führte später (nach des Kardinals Tode) vielmehr zum 
Gegentheil, nämlich zu den Anfängen einer national franzö- 
sischen Oper. Von Verbesserungen unter dem Einflüsse des 
Kardinals kann also hier doch nicht geredet werden. 

Dagegen gibt uns Vidal selbst, nur wenige Blätter vor 
seiner Kritik der Hawkins'schen Stelle, auf Seite 102, sehr 
dankenswerthe Notizen aus sonst schwer zugänglichen zeit- 
genössischen Quellen, die uns an eine „Verbesserung" ganz 
anderer Art unter Mazarin's Auspicien denken lassen. Zu der 
Zeit, da der Kardinal auf der Höhe seiner Macht stand, ver- 
anlasste Ludwig XIV. die Einführung der Streichinstrumente 
bei der Kirchenmusik durch Lully, und als im März 1660 
der päpstliche Heirathsdispens für Ludwig und die Infantin 
Maria Theresia in Paris einlief, wurde dieses Ereigniss durch 
ein vom Streichchor begleitetes Tedeum gefeiert. Ein langer 
Streit entbrannte über diese Neuerung der kirchlichen In- 
strumentalmusik, die den Einen ein Fortschritt, den Andern 
eine Profanation däuchte; allein sie behauptete sich. Ein 
Jahr nach Corelli's angeblichem Aufenthalte in Paris schreibt 
der Mercure galant : On ne chante presque plus d'airs ä 
quatre parties dans les temples et les menuets y sont de- 
venus ä la mode. 

Nun wurde es später eine der Lebensaufgaben Corellis, 
die Instrumentalmusik in der Kirche immer fester einzu- 
bürgern, und er hat epochemachend die Geigen neben die 



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v. Rieht: Arcangelo Corelli. 205 

Orgel und über die Orgel gestellt. In seinen für die Kirche 
geschriebenen Streich-Trios läuft der Einfluss der französi- 
schen Suite ganz deutlich mit unter, ja es fehlt sogar der 
ächte Menuett nicht (z. B. Op. I, Son. 7, Satz 3), dem nur 
die ausdrückliche Ueberschrift mangelt. 

Sollte da nicht wenigstens die Hypothese erlaubt sein, 
dass bei den „improvements", welche unter Mazarin's Ein- 
fluss, oder mindestens zur Zeit, da der Kardinal herrschte, 
in der französischen Musik eingeführt wurden, an die Geigen- 
musik in der Kirche zu denken sei, und dass also gerade 
die Stelle bei Hawkins, um derentwillen man Corelli's Pariser 
Reise bezweifelt, dieselbe vielmehr wahrscheinlicher mache? 
Aber selbst wenn unser Meister jene Reise gar nicht unter- 
nommen hätte, behält die Sage davon, wie so manche 
Künstler-Anekdote, dennoch eine tiefe innere Wahrheit: sie 
versinnbildet Coreliis Rieht ang und seinen geistigen Rapport 
mit der musikalischen Bewegung in Frankreich. 

Von Lully, der damals die französische Musik geradezu 
persönlich vertritt, dürfen wir aber auch in anderem Sinne 
nicht absehen, wenn wir Corelli würdigen wollen. 

Man beachtet Lully gewöhnlich nur als den Schöpfer 
der Tragedie lyrique, und in dieser weitwirkenden That 
gründet auch sein grosser historischer Name. Allein die 
Forderung, die Musik dem Worte, die Melodie den rhetori- 
schen Accenten zu opfern, wurde von Lully selbst nur auf 
den dramatischen Gesang beschränkt, und in ihrem Erfolg 
beschränkte sie sich zunächst nur auf die französische Opern- 
bühne für einen kurzen Zeitraum. Von dieser Tendenz bleibt 
Corelli völlig unberührt. Er bereitet die Herrschaft der ab- 
soluten Melodie vor bei einer rein musikalischen Architek- 
tonik des Instrumentalsatzes und ist insofern ein folge- 
rechterer Widersacher des französischen Musikdramatikers 
als selbst die gleichzeitigen italienischen Operncomponisten. 



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206 Sitzung der histor. Classe vom 7. Januar 1882. 

Aber Lully paralysirte seine eigene Einseitigkeit durch 
die zahlreichen instrumentalen Intermezzos, Pantomimen, 
Ballette, mit welchen er seine melodielos deklamatorischen 
Gesangseenen durchwob. Ja er war früher schon ein an- 
erkannter Meister dieser absoluten, architektonischen Musik, 
bevor er (seit 1673) der Meister der dramatischen Recitation 
wurde. Lully's Tänze, Pantomimen und Ouvertüren ver- 
breiteten sich auch in's Ausland, während sein dramatischer 
Gesang nur in Frankreich Wurzel fassen konnte. Obgleich 
er, meines Wissens, niemals grössere selbständige Instru- 
mentalwerke komponirte, verdient er doch einen Platz 
in der Geschichte der Instrumentalmusik. Und zwischen 
diesem Lully und unserm Corelli besteht allerdings ein 
geistiges Band. Beiden gemeinsam ist das Streben, zum 
Urquell der Melodie, zum Voiksliede zurückzugreifen, wie 
es als Tanzlied sein schärfstes rhythmisches Gepräge und 
den nächsten Uebergang vom Gesang zum ' Instrumente ge- 
funden hat; Beiden gemeinsam aber auch das Streben, die 
Tanzweise über sich selbst zu erheben, so dass sie sich als 
melodisch schöne Form der Aussprache mannichfaltigster 
Stimmungen bietet. 

Man braucht nur die Correnten, Sarabanden und Giguen 
in den Sonaten der Vorgänger Corelli's, eines Marini, Magni, 
Vitali, Bassani (vgl. Wasielewski „Instrumentalsätze 44 S. 17, 
18, 46, 56, 57), mit den entsprechenden Corelli'schen Tanz- 
weisen zu vergleichen, um zu erkennen, wie Corelli diese, 
ich möchte sagen kunsthandwerklichen, Formen doch erst 
auf ihre künstlerische Potenz erhoben hat. 

Hierin ist er denn auch Lully weit überlegen; aber 
dieser französisirte Florentiner, dessen Kunstverstand grösser 
war als sein Genie, überragt dafür seinen römischen Lands- 
mann durch die vielgestaltigen neuen Probleme, welche er 
der Tanzmusik zu erschliessen sucht, ganz besonders nach 
Seiten der orchestralen Tonmalerei. Auf diesem Wege folgte 



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v. RieJü: Arcangelo Corelli. 207 

ihm Corelli nicht, wohl aber Franz Couperin in vielen 
Klaviersätzen seiner „Ordres u . Couperin's Technik aber 
wirkte anregend auf Sebastian Bach, wie Corelli's auf Händel. 
Und so sehen wir Deutsche, Italiener und Franzosen auch 
hier wieder in weittragender Wechselbeziehung, und wenn 
Corelli auch niemals in Paris gewesen wäre, so führen doch 
die Wege seines Schaffens öfters nach Paris. 

Unbestritten ist, dass Corelli um 1680 längere Zeit in 
Deutschland verweilte und zwar am bayerischen und pfälzi- 
schen Hofe. Printz sah ihn am markgräflichen Hofe zu 
Ansbach, wo später Giuseppe Torelli wirkte und starb; 
Chrysander berichtet von seiner Anwesenheit in Hannover, 
wo damals die Instrumental - Kapelle vorzugsweise Lully 
spielte. 6 ) 

Was Corelli auf seinen deutschen Wanderjahren bei 
unsern Künstlern gelernt und welchen rückwirkenden Ein- 
flnss er etwa auf dieselben geübt habe, das lässt sich nicht 
mehr nachweisen ; nur der spätere Einfluss seiner Werke 
und seiner Schüler bis in die zweite und dritte Generation 
liegt uns deutlich vor Augen. 

Seine direktesten persönlichen Beziehungen zur deut- 
schen Kunst knüpfen sich aber örtlich nicht an München 
oder Heidelberg, Ansbach oder Hannover, sondern an Rom, 
wo er (1708) mit Händel zusammentraf. ' 

Händel war damals dreiundzwanzig, Corelli fünfund- 
fünfzig Jahre alt. Die grössten Gegensätze des Künstler- 
charakters standen in den beiden Männern verkörpert neben- 
einander : — der junge Deutsche dem bereits auf der Höhe 
des Mannesalters stehenden Italiener an Geist und Gaben 
gewaltig überlegen, ein universal angelegtes Genie, voll 
Drang und Kraft, die ganze weite Welt seiner Kunst zu 
umfassen, während Jener, ein feines, in gemessenen Schranken 



5) Chrysander, Händel I, 357. 



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208 Sitzung der histor. Classe vom 7. Januar 1882. 

trefflich entwickeltes Talent, mit dem grösseren Theile seines 
Schaffens schon abgeschlossen hatte; — Händel ungestüm, 
selbstgewiss ; Corelli zurückhaltend und bescheiden ; der Eine 
nach dem Tiefen, Grossen und Gewaltigen ringend, der 
Andere eine anmuthige, sinnig gemüthvolle Kunst in ruhi- 
gem Gleichmass pflegend. Man erzählt gewöhnlich nach 
Hawkins, wie Händel seinen Humor über Corelli habe spielen 
lassen, und wie dieser nicht im Stande gewesen sei, eine 
Ouvertüre Händeis mit dem Feuer vorzutragen, welches der 
deutsche Meister forderte und dem Italiener vergebens zu 
veranschaulichen suchte. Dies lässt sich wohl begreifen. 
Doch sollte man dabei nicht vergessen, dass andererseits 
Händel auch seine Achtung vor dem älteren und mit Recht 
berühmten Meister dadurch thatsächlich' aussprach, dass er 
auf dessen Wunsch nachher eine Sinfonia im mehr italie- 
nischen Geschmack statt jener Ouvertüre setzte. Kunstge- 
schichtlich wichtiger als diese Anekdote ist aber der Aus- 
tausch und die gegenseitige Anregung, welche wir in den 
Werken beider Meister nach ihrem Zusammentreffen in Rom 
wahrnehmen. Mit Recht bemerkt Wasielewski, dass Händel 
die methodisch normale Behandlung der Streichinstrumente 
Corelli's in sich aufgenommen habe, während andererseits 
Corelli's Instrumentalsatz in seinen vier Jahre später ver- 
öffentlichten Concerti grossi bisweilen sehr stark an Händeis 
Orchesterstyl erinnere. 

Die vorstehenden Andeutungen genügen wohl, um dar- 
zuthun, dass der bescheidene, auf so eng begränztem Kunst- 
gebiet thätige Corelli zu seiner Zeit nicht bloss Italien au- 
gehörte sondern der musikalischen Welt und die damalige 
internationale Machtstellung der italienischen Musik, em- 
pfangend und schaffend, wesentlich fördern half. 



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v. BieJü: Arcangelo Corelli. 209 



IV. 



Ich wende mich nun zu einer genaueren Untersuchung 
von Corelli's Kirchen- und Kammer-Trios (Op. I — IV), in 
welchen ich nach Form und Inhalt die bedeutendsten Vor- 
studien des siebenzehnten Jahrhunderts zu der späteren 
klassischen Kammermusik des deutschen Streichquartetts 
erblicke. 

Der dreistimmige Satz ging hier dem vierstimmigen 
voraus ; durch hundert und mehr Jahre musste das Streich- 
trio bis zur äussersten Uebersättigung dargeboten werden, 
bevor es durch das Streichquartett verdrängt wurde. Wenn 
Corelli die Dreistimmigkeit mit ganz besonderer Vorliebe 
handhabt, so folgt er hierin nur d|rri herrschenden Ge- 
schmacke seiner Zeit und seines Volkes, den er aber ver- 
edelt und festigt. 

Durch das Trio nimmt er Stellung als weltlicher Com- 
ponist gegenüber den Kirchencomponisten, als Meister der 
Geige gegenüber den Meistern der Orgel und des Kirchen- 
gesanges. Der Kirchensatz gründete auf der Vierstimmig- 
keit und strebte nach noch reicherer Polyphonie; denn er 
ging aus vom Chorgesang und den natürlichen vier Lagen 
der menschlichen Stimme. Der weltliche Instrumentalsatz 
dagegen ist, gleich dem Volksliede, von dei* Einzelstimme 
ausgegangen, welche zunächst eine zweite, dann eine dritte 
Stimme zur Begleitung sucht. 

Diese Gegensätze stehen zu Corelli's Tagen noch schroff 
neben einander. Während sich Ottavio Pitoni bemühte, eine 
zwölfehörige, d. h. achtundvierzigstimmige Messe zu schrei- 
ben, 6 ) erblickten die italienischen Opern- und Geigencom- 
ponisten vielmehr in durchsichtiger reiner Dreistimmigkeit 
den Triumph einer schönen, anmuthigen Harmonie. 



6) S. Proske Musica divina, Tom. I. LVJ. 
[1882. 1. Philos.-philol. hiat. Cl. 2.] 14 



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210 Sitzung der histor. Classe vom 7. Januar 1882. 

Der höhere Rang der Dreistimmigkeit vor der Poly- 
phonie ward zu einem förmlichen Dogma des musikalischen 
Fortschrittes. Matheson 7 ) behauptet , dass in einem Trio 
mehr Kunst stecke als in vielstimmigen Sätzen, dass ein 
rechtes Trio das grosseste Meisterstück der Harmonie sei; 
er beruft sich dabei auf die gleiche Ansicht italienischer 
und französischer Schriftsteller und lässt seine Weisheit in 
den Versen des Christoph Donaverus gipfeln: 

Crede, tribus bene qui cecinit, bene pluribus ille 
Noverit harmonico concinuisse sono. 
Die gedachte Dreistimmigkeit ist dann aber hoffentlich cor- 
recter wie die Prosodie dieses Distichons. 

Obgleich nun der vielstimmige Satz als besonders kirch- 
lich, der dreistimmige als weltlich galt, setzte Corelli doch 
auch seine Kirchensonaten für drei Stimmen. Er hält so 
folgerecht auf die reine Dreistimmigkeit, dass er in seinen 
sämmtlichen 48 Trios den Geigen nicht einen einzigen 
Doppelgriff gibt. In seinen Solosonaten dagegen wimmelt 
es von Doppelgriffen, weil der Geiger mit dem Basso con- 
tinuo drei reale Stimmen darstellen soll. Diese Sonaten 
sind darum viel schwerer wie jene Trios ; denn der Geiger 
hat hier für Zwei zu spielen. Wir begreifen dann auch, 
dass später eine fremde Hand die Solosonaten als Trios be- 
arbeitete und solchergestalt Verwirrung in den Katalog der 
Corelli'schen Werke brachte. Der Bearbeiter zog nur die 
Dreistimmigkeit an's Licht, die bereits in den scheinbar 
zweistimmigen Sätzen steckte. Schon der blosse Titel „Trio u 
wirkte vor hundertundfünfzig Jahren wie eine Empfehlung. 
Eine Sonate für Violine und Klavier, die wir heute ein Duo 
nennen, nannte man darum auch ein Trio, weil man in 
diesem Falle das Klavier für zwei Stimmen zählte. Setzte 



7) „Neu eröffnetes Orchester" (1713) und „Vollkomm. Kapellmeister" 
(1739) S. 344 f. 



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v. BieM: Arcangelo CorelU. 211 

man dagegen zu drei Solostimmen ein begleitendes Klavier, 
so zählte man das letztere nicht mit und nannte das von vier 
Spielern ausgeführte Musikstück gleichfalls ein Trio. 

In Corelli's Concerti grossi, welche orchestral angelegt 
und stellenweise zu vier-, ja sechsstimmigem Satze gesteigert 
sind, bilden die drei Solo-Instrumente doch wieder ein Trio, 
als Kern des Ganzen. 

Dies führt zu der weiteren Thatsache, dass das italie- 
nische Opern-Orchester noch bis über die Mitte des acht- 
zehnten Jahrhunderts, auch wenn es über vollen Streich- 
end Blasechor verfügte, dennoch zumeist dreistimmig ge- 
halten war (die Viola mit dem Basse oder die zweite Vio- 
line mit der ersten gehend). Die Instrumentation der Opern- 
Arien Hasse's, der zu Dresden über das beste Orchester 
seiner Zeit verfügte, bewegt sich, scheinbar dürftig aber 
absichtlich, in überwiegender Dreistimmigkeit und selbst 
noch Jomelli's Opern-Partituren zeigen meist ein nur drei- 
stimmig geführtes Streichquartett; in seinen Messen, und 
seinem Miserere dagegen behandelt er das Quartett vier- 
stimmig; denn hier schrieb er für die Kirche. 

Seb. Bach, von der Kirchenmusik ausgehend, steht 
jenem italienischen Orchester ganz ferne ; er denkt polyphon, 
auch wenn er eine Arie begleitet. Händel, weit mehr von 
italienischer Kunst berührt, und durch die Oper zum Ora- 
torium dringend, behauptet eine mittlere Stellung. 

Auf die Frage, wie sich denn jene so langdauernde 
und weitgreifende Vorliebe der Italiener für den dreistim- 
migen Satz ästhetisch erklären lasse, dürfte Folgendes zu 
antworten sein: Man rang die Melodie zu befreien. Die 
thematische Vielstimmigkeit aber hatte die Melodie gefesselt 
und verhüllt. Die Melodie ist der Zeichnung, die Harmonie 
der Farbe vergleichbar; Corelli und die italienischen Opern- 
componisten strebten vor allem nach einfach schöner, klarer 
Zeichnung bei nur leichtem, durchsichtigem Farbenauftrag. 

14* 



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^1 



212 Sitzung der histor. Classe vom 7. Januar 1882. 



Sie arbeiteten wohl thematisch, aber die sich kreuzenden 
Stimmen sollten doch immer der Hauptstimme, der leiten- 
den Melodie dienen. Die Entwicklung des freien Satzes 
aus dem gebundenen war ihr Problem, und drei Stimmen 
führten leichter zu dessen Lösung als vier oder mehrere. 
Die Kunst im vielstimmigen Satz bald frei bald gebunden 
zu schreiben, melodisch und thematisch zugleich, die Kunst, 
die alte und neue Technik zu verschmelzen und auf die 
höhere Potenz des ächten Quartettstyls zu erheben, ist dann 
vollauf erst Haydn und Mozart gelungen, und auch diesen 
erst in ihrer mittleren Periode. Corelli's Trios sind primi- 
tive und doch überaus feine Vorstudien dazu. 

Zum Verständniss seiner durchsichtig dreistimmigen 
Schreibart ist abfer nicht bloss der Rückblick auf die alten 
Contrapunktisten förderlich, sondern auch der Vorblick auf 
die Satzweise unserer Zeit. Wir sind neuerdings in der 
Musik immer coloristischer geworden, ganz wie in der 
Malerei, und streben darum nach tief gesättigten, stark con- 
trastirenden Modulationen, die nur durch selbständige voll- 
klingende Mittelstimmen erreicht werden können. Das hier- 
durch gewonnene harmonische Helldunkel dämpft und ver- 
schleiert dann die melodischen Haaptumrisse nicht minder 
stark als es die alten Contrapunkte gethan, aber in ganz 
anderer Weise. Gerade dieses Helldunkel, welches wesent- 
lich im Alt und Tenor liegt, floh Corelli. Er wollte einen 
lichten, frischen Klang mit klarsten Conturen der Melodie. 
Darum schrieb er seine Trios auch nicht für Violine, Viola 
und Violoncell, sondern für zwei Violinen und Bass. So 
hatten es seine Vorgänger gethan, so thaten auch seine 
Nachfolger bis weit über die Mitte des achtzehnten Jahr- 
hunderts. Die beiden Geigen, enge geführt, häufig gekreuzt, 
bewegen sich dabei überwiegend in einer höheren Mittel- 
lage; der Bass schreitet in der Tiefe, manchmal volle zwei 
Oktaven von den Oberstimmen entfernt, seinen einsamen 
Weg und steigt nur selten zur Tenorlage auf. 



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r. Riehl: Arcangelo Corelli. 213 

Man hat schon oft bemerkt, dass Corelli's Geigenstimmen 
das dreigestrichene d nur selten überschreiten und hat dies 
durch die erst schwach entwickelte Technik des damaligen 
Violinspiels erklärt. Diese Technik war aber nach anderer 
Richtung (Doppelgriffe und Harpeggien) gar nicht schwach. 
Corelli bedurfte keiner hohen und höchsten Lagen, weil er 
keine tieferen Mittelstimmen hat, welche die Oberstimme 
gedeckt und verdunkelt hätten. Je tiefer und voller d. h. 
dunkler, unsere Mittelstimmen wurden, um so höher mussten 
dagegen die Geigen geführt werden, um ihren hellen herr- 
schenden Klang zu behaupten. 

Wenn aber Corelli's Geigen nicht hoch gehen, so gehen 
sie andererseits auch nicht tief, und auf Letzteres hat man 
meines Wissens noch nicht aufmerksam gemacht. Man 
kann die erste Stimme seiner meisten Triosätze, ja mitunter 
eines ganzen Trios spielen, ohne die G-Saite auch nur ein 
einzigesmal zu berühren. Und selbst die zweite Geige steigt 
nur selten, nur gleichsam nothgedrungen zu den vollen 
tiefen Klängen der G-Saite herab ; höchstens wird bei feier- 
lich langsamen Schlusskadenzen von dieser Regel eine Aus- 
nahme gemacht. Corelli verschmäht es also geradezu, die 
sämmtlichen Klangregister seines Instrumentes auszubeuten, 
und hier stand doch keine technische Schwierigkeit im 
Wege. Allein er braucht keinen Alt und Tenor, er will 
keinen haben, weil ihm der helle, freudige Klang der 
höheren Saiten schöner dünkt und die Sopran-Melodie, welche 
er so einseitig sucht, am klarsten hervortreten lässt. Seine 
beiden Geigenstimmen sind concertirende Soprane, die sich 
in gleicher Lage kreuzen. Dies wurde noch lange nachher 
als förmliches Dogma der Theorie gefordert. Im Jahre 
1752 schreibt noch Quantz 8 ) : „Ein Trio muss so beschaffen 



8) Vergleft&e „ Joh. Joach. Quantzens Versuch einer Anweisung die 
Flöte traversiere zu spielen", S. 303, ein Werk, welches keineswegs hlos 



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214 Sitzung der histor. Classe vom 7. Januar 1882. 

sein, dass man kaum errathen könne, welche von beiden 
(Ober-) Stimmen die erste sei." Wie getreu die Praktiker 
selbst jener späteren Zeit noch diesem Gebote folgten, das 
bezeugen z. B. die Trios Alessandro Besozzis (1700 — 1775) 
und Johann Christian Bach's (des „Mailänder Bach"), zweier 
Meister, die zwar nach Anlage und Inhalt der Sätze bereits 
ganz andere Wege eingeschlagen haben wie Corelli, von 
denen aber im Punkte der Stimmlagen und der instrumen- 
talen Technik noch wörtlich dasselbe gilt, was ich hier von 
Corelli sagte. 

Bei Corelli's Solo -Sonaten (op. 5) dagegen gestaltet 
sich die Sache sofort anders: der hoch geführte Bass des 
begleitenden Cembalo und die Oberstimme liegen hier weit 
enger bei einander als in den Trios und die Geige steigt 
nicht selten und wirkungsreich zur tieferen Lage herab. 
Nicht ein verändertes Ziel sondern die anderen Mittel der 
Klangwirkung gestatteten und geboten Beides. 



Corelli steht in einer Uebergangsperiode. So folgerecht, 
ja einseitig darum auch seine Trio-Technik nach dem neuen 
Ziele der Befreiung und Herrschaft der Melodie ringen mag, 
so scharf und streng er die damals moderne und weltliche 
Dreistimmigkeit durchführt, so hängt seinem dreistimmigen 
Satze doch noch die Eierschale der alten Kirchenmusik 
an: — der „Basso continuo", mitgespielt von der Orgel bei 
den Kirchensonaten, vom Klavier oder der Orgel bei den 
Kammersonaten. 

Mit diesem „Continuo" stehen wir vor dem Kreuz aller 
modernen praktischen Musiker, die sich bemühen, solche 
Werke des siebenzehnten und achtzehnten Jahrhunderts 



eine Flötenschule sondern auch eine Kömpositionsschule nnd eine Funö> 
grübe lehrreicher historischer Notizen ist. 



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v. Biehl: Arcangelo Corelli. 215 

durch die Aufführung für uns neu zu beleben ; und was ich 
hier sage, gilt nicht blos von Corelli und seinen Genossen, 
sondern auch ^_ von gar manchem Continuo Bach's und 
Händers. 

Im Continuo legt uns der alte Meister folgendes Räthsel 
vor : er gibt ein streng dreistimmiges Werk, die drei Stim- 
men sind voll und ganz in der Partitur ausgeschrieben, 
aber mit dem Basse (Violone o Arcileuto) geht nun noch 
unausgesetzt die Orgel oder das Klavier, welche nichts Neues 
und Selbständiges bieten, sondern nur die in Ziffern ange- 
deuteten Harmonien verdoppeln und ergänzen sollen. Also 
hatte der Komponist doch das Bedürfniss gesättigterer Mittel- 
stimmen, also empfand er doch die Leere des übergrossen 
Abstandes zwischen Sopran und Bass! Und er füllt sie aus 
— nicht durch eine vierte selbständige Stimme, denn da 
wäre ja das Trio ein Quartett geworden, sondern durch 
ein viertes Instrument, welches aber keine selbständige 
Stimme führt, also durch eine Tautologie. Erst ein Men- 
schenalter nach Corelli's Tode begannen die Italiener bei 
ihren Trios diesen Continuo hinwegzulassen; bei den Solos 
und bei vielstimmigen Werken hat er sich noch länger be- 
hauptet. 

Zu den drei Stimmen, deren Qang aufs Genaueste vor- 
geschrieben ist, gesellt sich im Continuo ein viertes 
Instrument, welches improvisirend ausfüllen soll. Auch 
dieses Improvisiren erscheint uns unorganisch, und wir 
möchten heutzutag eine solche Improvisation wohl kaum 
mehr dulden, selbst wenn sich der rechte Mann dazu fände. 
Wir suchen also den Continuo schriftlich zu enträthseln, 
wir schreiben ihn aus. 

Wie die alten Meister sich diese Enträthselung dachten, 
das hat uns Joh. Ph. Kirnberger in einem klassischen Muster 
gezeigt, indem er den Continuo der Trio-Sonate aus dem 
„Musikalischen Opfer" seines Lehrers Seb. Bach vierstimmig 



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216 Sitzung der lüstor. Classe vom 7. Januar 1882. 

aussetzte. 9 ) Und so hat man sich denn auch neuerdings 
oft genug in mehr oder minder stylgerechter Ausfüllung 
alter Continuo-Bässe versucht und könnte dergleichen auch 
leicht bei Corelli's Partituren einfügen. 

Denken wir uns die Kirchensonaten von einem grossen 
Streichchor ausgeführt und die fortlaufende Orgelbegleitung 
durch wechselnde harmonische Fülle oder Aussparung wie 
durch geschickte Registrirung fein abgestuft, dann mag das 
Ganze auch für ein modernes Ohr wirksam klingen. Die 
blos verstärkende und ergänzende Rolle des Orgel-Continuo 
stört uns nicht, weil wir durch Kirchengesang und Ora- 
torienwerke an dieselbe gewöhnt sind. Bei diesen ist denn 
auch der historische Ursprung aller Continuo-Bässe zu 
suchen. Der Kirchenchor bedurfte der fortwährenden Ton- 
angabe und Harmonie- Verstärkung durch die Orgel, und 
als man den Gesang auf Instrumente übertrug und so zur 
selbständigen polyphonen Instrumentalmusik kam , nahm 
man den ausfüllenden Fundamental- Bass der Orgel aus alter 
Gewohnheit mit und übertrug ihn im Zimmer aufs Klavier. 
Erst als der letzte Continuo aus dem Konzertsaale ver- 
schwand, war die Emancipation der Instrumentalmusik von 
der Kirchenmusik vollendet. 

Soweit ist nun aber Corelli auch in seinen Kammer- 
Trios noch lange nicht. Ueberwiegend aus Tänzen zusammen- 
gesetzt, haben diese doch noch den Continuo des Klaviers, 
der uns die wirksame Ausfuhrung der reizenden kleinen 
Werke auf's äusserste erschwert. Schon aus dem Grunde, 
weil die tonschwachen Cembali des siebenzehnten Jahr- 
hunderts ganz andere Instrumente waren als unsere voll- 
tönenden Flügel. Besetzen wir ein solches Trio einfach, so 
erdrücken die unaufhörlichen Accordenfolgen des modernen 



9) Diese Ergänzung Kirnbergers ist neuerdings abgedruckt in der 
Peters'schen Ausgabe jenes Trios. 



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v. Eiehl: Arcangelo Gorelli. 217 

Klaviers die feine Stimmführung der Geigen. Auch wider- 
strebt es unserm Fundamentalbegriff der höheren Kammer- 
musik, zu drei realen Stimmen unablässig noch eine blose 
Ausfüllstimme zu hören. Und überdiess ist das früher so 
bescheiden dienende Klavier seit Mozart und Beethoven so 
herrschgewaltig und herrschsüchtig geworden, dass uns 
dessen blosse Diener-Rolle befremdet und stört. 

Nach vielen praktischen Versuchen, die ich angestellt, 
fand ich zuletzt folgende Wege, um die so überaus schönen 
Corelli'schen Kammer-Trios, ohne irgendwelche fremdartige 
Zuthat, dem modernen Ohre zu retten. Entweder: Man 
spare den voll ausgeschriebenen Continuo des Klaviers nur 
für kräftige Tutti-Stellen auf, und lasse bei den zarteren 
und weicheren Partieen die drei Streichinstrumente für sich 
allein den vollen Zauber reiner Dreistimmigkeit entfalten. 
Oder : man beseitige den Continuo ganz und gar. Dies kann 
aber nur geschehen, indem man die Lage des Basses häufig um 
eine Oktave erhöht und dadurch den allzugrossen und leeren 
Abstand zwischen Ober- und Unterstimmen aufhebt. Ein 
Blick in die Partituren lehrt, dass uns dies der Komponist 
sehr leicht gemacht hat, und da wir doch Corelli's Bass- 
Instrument, Violone oder Arcileuto, gewiss nicht mehr an- 
wenden werden, sondern unser Violoncello, so haben wir 
auch ein Recht, seinen Bass violoncell-mässig umzuschreiben. 
Noch viel schöner jedoch, namentlich auch bei grosser Be- 
setzung, wird sich die Klangwirkung gestalten, wenn wir 
die Bassstimme, häufig um eine Oktave erhöht, durchaus 
der Viola übertragen und dann bei Forte- und Tutti-Stellen, 
das Violoncello in der tieferen Oktave mit einsetzen lassen, 
gleich dem Pedalbasse einer Orgel. Der Corelli so eigen- 
tümliche Character der Zartheit und Innigkeit kommt auf 
diese Weise wohl am schönsten zur Aussprache, während 
die Verdoppelung des Basses verhütet, dass derselbe nicht 
durchweg „zu jung 4 ' klingt, 



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218 Sitzung der histor. Clause vom 7. Januar 1882. 

VI. 

Corelli's Kirchensonaten wurden ihrer Zeit in Italien 
beim Gottesdienste gespielt. Ich berichtete bereits, dass da- 
mals die Geigen in die Pariser Kirchen eingedrungen waren. 
Auch in Italien vollzog und festigte sich gleichzeitig, wenn 
nicht früher, diese Neuerung. Schon Carissimi hatte Instru- 
mente zu seinen Motetten gefügt, und Corelli's „Lehrer und 
Vorbild" Giovanni Battista Bassani hatte in Bologna seine 
Messen und Motetten von Geigen begleiten lassen. Nur in 
Rom hielt man die profanen Instrumente strenge fern vom 
Gottesdienst. Allein Corelli's Sonaten weckten so sehr die 
Andacht und Bewunderung der Römer, dass von nun an 
auch in den römischen Kirchen die Sonate ihren Platz er- 
oberte, und das begleitende Orchester von den kunstreichen 
Gesängen der Messe nicht mehr zurückzuhalten war. 

Die leidenschaftliche Vorliebe für concertmässige In- 
strumentalmusik beim Gottesdienste steigerte sich dann im 
achtzehnten Jahrhundert bis zum Uebermasse. Erzählt uns 
doch Dittersdorf in seiner Selbstbiographie, dass der Geiger 
Spagnoletto in der Kirche San Paolo in Bologna ein Violin- 
concert von Tartini zwischen den Psalmen und der Vesper 
gespielt s habe unter dem stillen Beifall eines grossen Publi- 
kums von Kennern und Musikfreunden. 

Die Kirchensonaten Corelli's bestehen grösstenteils aus 
vier Sätzen : einem langsamen Satze als Introduktion, einer 
Allegro-Fuge, einem langsamen Mittelsatze, der mitunter 
auch zum blosen Ueberleitungs-Satze zusammenschrumpft 
und einem raschen, öfters fugirten Schlusssatze. Das Ganze 
fällt solchergestalt in einen etwas bedenklichen Parallel ismus 
auseinander. Dies verhinderte jedoch nicht, dass diese Form, 
die übrigens Corelli nicht geschaffen hat, sich noch bis über 
die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts erhielt, wie wir 
denn sogar noch von einem Zeitgenossen Haydn's und 



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v. BieJü: Arcangelo Corelli. 219 

Mozart 's, Florian Gassmann (1729—74) sechs Kirchenquar- 
tette für Streich-Instrumente mit je zwei langsamen Sätzen 
und zwei Fugen besitzen. 

Die Präludien und langsamen Mittelsätze in Corellfs 
Kirchentrios sind zwiefacher Art, entweder eine blose Ein- 
leitungsmusik oder selbständige hymnenartige Adagios. 

Ausnahmsweise schreibt unser Meister wohl auch ein 
Allegro-Präludium. Dies zeigt dann (wie z. B. Op. I 7 u. 9 ; 
Op. III 6) die Form der alten Toccata in einem etuden- 
artigen Spiel mit ganz kurzen nachahmenden Motiven und 
Figuren-Gruppen. In solchem präludirendem Suchen und 
Anschlagen der Grundharmonie (schon der Wortbegriff der 
Toccata und der synonymen früher gleichfalls gebräuch- 
lichen Tastata deutet darauf hin) hatten sich die alten 
Orgelmeister zuerst von der Gesangmelodie zu einer rein in- 
strumentalen Figurirung von Läufen und Harpeggien her- 
über gewagt. 10 ) 



10) Die Frage, was eine Toccata sei? lässt sich so allgemein gar 
nicht beantworten; denn zu verschiedenen Zeiten, ja bei verschiedenen 
Meistern derselben Zeit hat dieses Wort einen ganz verschiedenen Sinn. 
In den Intonazioni d'Organo der beiden Gabrieli (1593) stehen die Toc- 
caten als sehr breit ausgeführte Vorspiele neben den weit knapper und 
kurzer präludirenden „ Intonationen ". In Frescobaldis Fiori Musicali 
(1635) ist die Toccata gegen theils ein ganz kurzes Präludium. In dem 
„Wegweiser die Orgel recht zu schlagen", Augsb. 1692, ist umgekehrt 
die Tastata ein kurzes Vorspiel, die Toccata und Toccatina dagegen eine 
kleine, aus zwei bis drei Sätzchen gebildete Orgelsonatine. In Joh. Speth's 
Ars magna consoni et dissoni (Ende des 17. Jahrhdts.) ist die Toccata 
eine freie, über mehrere Motive ausgeführte Fantasia. Georg Muffat in 
seinem Apparatus musico-organisticus (1690) gibt vollständigen drei- bis 
viersätzig aufgebauten Orgelsonaten den Titel Toccata. In Seb. Bach's 
Klavier-Uebung Vierter Theil (um 1742) stehen zwei Toccaten, welche 
wir Fugen-Phantasien mit breit angelegtem Vor- und Nachspiel nennen 
würden. Clementi macht in einer Sonate von 1781 die Toccata gar 
zum Finale ! und gibt unter diesem Namen einen regelrechten zweithei- 
ligen Sopaten-Satz, Presto, der durch gar nichts mehr als etwa die 



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220 Sitzung der histor. Clause vom 7. Januar 1S82. 



Tieferen künstlerischen Werth als die Präludien besitzt 
jene zweite Gruppe der langsamen Sätze in Corelli's Souaten, 
welche ich hyinnenartige Largos oder Adagios nannte. In 
der Regel in die Mitte gestellt, finden sie sich mitunter 
auch am Anfange wie z. B. das überaus edle und stimmungs- 
volle Grave, womit die fünfte Sonate des ersten Werkes 
beginnt. 

Corelli soll ein besonderer Verehrer Palestrinas gewesen 
sein und sich bei seinem Aufenthalte in Deutschland um 
die Verbreitung Palestrina'scher Werke eifrig bemüht haben. 
Letzteres möge dahingestellt bleiben. Aber manche jener 
Adagios erscheinen wirklich vom Geiste des grossen Prä- 
nestiners berührt. In einfachster Rhythmik angelegt, im 
schlichtesten Ghoraltone und doch höchst geistvoll harmo- 
nisirt, athmen diese Hymnen eine kindesreine Frömmigkeit, 
die uns bald an das Et in terra pax hominibus der Missa 
brevis von Palestrina, bald an Mozart's Ave verum erinnert. 
Wir hören Streichinstrumente und glauben einen reinen 
A capella- Gesang zu hören. Die Kirchentonarten haben 
freilich dem neuen Dur und Moll bereits Platz gemacht; 
dennoch dünken wir uns vom Ende des siebenzehnten Jahr- 
hunderts zum Ende des sechzehnten zurückversetzt. Es wird 
uns auf einmal wieder klar, dass die Instrumentalmusik an- 
fangs nichts weiter als ein auf Instrumenten gespielter Ge- 
sang gewesen ist, wie es bei Porster's Liederbuch von 1539 
heisst: „Zu singen und (oder) auf allerlei Instrumenten zu 
gebrauchen, 41 und wie wir bei Frescobaldi's wundersamen 



reiche Figurirung an die alte Toccata erinnert. Stylvolle neueste Toc- 
caten (von Rheinberger n. A.) dürfen wir wohl als selbständige Instru- 
mentalsätze bezeichnen, welche auf zwei kurzen, stark contrastirenden 
contrapunktischen Motiven aufgebaut und bald thematisch streng, bald 
freier durchgeführt sind mit energisch entwickelter Figurirung, die dann, 
bei der Kürze der Motive etudenartig klingt und also wieder auf Gabrielas 
Toccatenform zurückdeutet. 



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v. Biehl: Arcangelo Corelli. 221 

Orgelsätzen über das Kyrie und Christe eleison des grego- 
rianischen Chorals 11 ) keine Orgel mehr hören sondern einen 
Kirchenchor ohne Worte. 

So wäre es auch leicht manchem Corelli'schen Grave 
und Adagio Worte zu unterlegen, und wir hätten einen 
Kirchenchor. (Vgl. die Mittelsätze von Op. I, 3 ; 9 ; Op. III, 
7 ; 8.) Gleich den Altmeistern der Orgel hält er hier seine 
Geigen und Bässe fast durchweg im Tonumfang der Sing- 
stimme ; er gibt ihnen keine Portschreitung, keine Figurir- 
ung, die nicht streng gesanglich wäre. 

So manche Adagios Tartini's und anderer späterer 
Italiener sind gleichfalls Gesänge ohne Text, auf die Geige 
übertragen ; aber sie sind Solo-Gesänge, die bereits den Ein- 
fluss der Opern-Arie verrathen ; Corelli's Adagios sind akkord- 
liche Chorgesänge im Kirchenstyl. Man ahnt dabei nicht, 
dass er ein Zeitgenosse und Freund des sonst so herrsch- 
gewaltigen Opernkomponisten Alessandro Scarlatti war. Die 
eben so frisch aufblühende Oper hat noch keine Macht über 
ihn gewonnen. 

Wohl aber finden sich einzelne Sätze in seinen Sonaten, 
die den Einfluss des schlichten weltlichen Volksliedes neben 
dem Kirchengesang verrathen. Denn zum melodischen Motiv 
drängt es ihn überall, obgleich er auch die thematischen 
Motive des gelehrten Satzes gar wohl zu handhaben ver- 
steht. Aber die contrapunktisch-thematischen Motive hatte 
er in der Schule gelernt, die melodischen quollen ihm aus 
der Seele. Er steht zwischen zwei grossen Epochen, und 
dem melodischen Motiv gehörte die Zukunft. Noch herrschte 
der Kanon und die Fuge und sollte durch Händel und Bach 
sogar zu weit höherer und höchster Herrschaft gelangen; 



11) Aus den „Fiori musicali" neuerdings abgedruckt bei Franz 
Commer „Kompositionen für die Orgel aus dem 16., 17. u. 18. Jahrhdt.", 
Heft II. 



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222 Sitzung der histor. Classe vom 7, Januar 1682. 

aber fünzig Jahre nach Corelli's Tode siegte tlie freie Me- 
lodie und mit diesem Siege erstand unsere klassische sym- 
phonische Periode. Corelli hat sie geweissagt. 

Ich wende mich zu den Allegro-Sätzen seiner Kirchen- 
Trios. Sie basiren entweder auf Formen der Tanzmusik 
oder — der Fuge, wobei der Meister dann auch mitunter 
eine Tanzweise fugirt. 

Manche dieser Tanzweisen sind recht heiter, ja muth- 
willig, wobei die fröhliche Laune dann freilich durch ernst- 
hafte contrapunktische Arbeit gezügelt, aber keineswegs 
unterdrückt wird. So ist z. B. in Op. I, 9 das Schluss- 
allegro eigentlich eine Corrente, jener Tanz, mit welchem 
man die Bälle des siebenzehnten Jahrhunderts, wie heutzu- 
tage mit der Polonäse zu eröffnen pflegte. Die kanonischen 
Imitationen der drei Stimmen erinnern uns zwar daran, dass 
wir nicht im Tanzsaale sondern in der Kirche sind, allein 
der Komponist scheint doch das Bedtirfniss einer noch deut- 
licheren Mahnung selber empfunden zu haben, denn er lässt 
die Corrente in vier hochfeierliche Adagiotakte auslaufen, 
die nun fast wie ein „Amen u klingen ! Das Finale der fol- 
genden Sonate ist eine verkappte Gavotte, der nächstfol- 
genden eine Giga, die man nicht einmal verkappt nennen 
kann. Bach hat in so mancher Sarabande seiner Suiten 
und Partiten den Kirchenstyl in die Tanzmusik getragen; 
Corelli bringt umgekehrt die Tanzweise in die Kirche. Und 
doch haben wir auch hierbei nicht entfernt den störenden 
Eindruck des Fremdartigen oder Frivolen. Der Meister ist 
nicht minder fromm, wenn er sich im leichten Schwünge 
des Menuett als wenn er sich im Schwerschritte des Chorals 
bewegt. Für religiös und künstlerisch naive Gemüther gibt 
es keinen besondern Kirchenstyl; die weltliche Kunst wird 
von selber kirchlich, wenn wir sie möglichst rein und hoch 
fassen. Skeptische und künstlerisch reflektirte Perioden 



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v. Biehl: Arcangelo Corelli. 223 

und Menschen suchen dagegen das Kirchliche im Herauf- 
beschwören abgestorbener alterthümlicher Formen. 

Und nun n6ch ein Wort von den Fugen der Corelli- 
schen Kirchensonaten. Es wäre ungerecht, dieselben mit 
den strengen, ernsten, herben, spröden,, tiefsinnigen, gross- 
artigen Fugen unserer deutschen Orgelmeister von Froberger 
bis zu Buxtehude und Händel und Bach zu vergleichen. 
Sie können sich mit den besseren und besten dieser Werke 
weder an äusserer Kunst noch an Tiefe des Gehaltes messen. 
Aber sie sind und bleiben docb frische, kräftige, fein und 
geistreich gearbeitete Fugen, die den langsamen Sätzen ein 
wirksames Gegengewicht bieten. Ihr Hauptreiz liegt in den 
rhythmisch und melodisch meist sehr originell und schön 
erfundenen Themen; wer aber mit der Fugen-Technik ver- 
traut ist, der weiss, dass nur derjenige ein gutes Fugen- 
Thema erfinden kann, der es auch gut durchzuführea ver- 
steht; denn die verschiedenen Möglichkeiten stylgerechter 
Durchführung müssen schon von vornherein in dem Thema 
stecken und in ihm vorgeahnt und vorgedacht sein. 

Den Gesammtcharakter der Corelli'schen Kirchensonaten 
möge noch eine Parallele erläutern. Unter den gleichzeitigen 
deutschen Meistern der instrumentalen Kirchenmusik steht 
Keiner nach Geist und Richtung Corelli näher als Georg 
MufFat. Er kam nach Paris und studierte Lully ; dann weilte 
er zu Rom, als Corelli eben seine ersten epochemachenden 
Werke veröffentlicht hatte. Aus Muffat's Orgel-Toccaten 12 ) 
(1690) spricht uns derselbe reine, milde, kindlich fromme 
Geist an, wie aus Corelli's Werken, derselbe Sinn für die 
formschöne Melodie eignet Beiden ; in der Technik des 
Satzes begegnen sie sich häufig; Muffat ist harmonisch 
gründlicher und tiefer und hält strenger an den typischen 



12) Vergl. namentlich die beiden Toccaten, welche Prof, Herzog 
in seinem „Album für Organisten" S. 55 u. 67 mittheilt. 



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224 Sitzung der histor. Classe vom 7. Januar 1882. 

Formen des alten Kirchensatzes, Corelli ist erfindungsreicher, 
originaler und bahnbrechender. Der liebenswürdige Passauer 
Dom-Kapellmeister wurde vergessen, während der römische 
Geigenvirtuose weltbekannt blieb. Aber in unserer Zeit, 
wo wir Muffat wiedergefunden und schätzen gelernt haben, 
verstehen wir unsern italienisch anmuthigen deutschen Meister 
erst ganz und begreifen, dass er so schreiben konnte, wie 
er schrieb und doch auch ein Zeitgenosse und Landsmann 
des tiefsinnig mächtigen, herben Dietrich Buxtehude sein 
konnte, wenn wir ihn mit Corelli zusammenhalten — im 
Wendepunkte zweier Epochen. 

VII. 

Zu Corelli's Zeit gab es noch keine öffentlichen Konzert- 
Institute wie heutzutage. Wenn er Sonaten in der Kirche 
spielte, so hatte er dort wohl ein grosses und gemischtes 
Auditorium und trat an die volle Oeffentlichkeit : Kammer- 
musik dagegen schrieb man für einen erlesenen Kreis von 
Kennern und Kunstfreunden, für das Hauskonzert und zwar 
zunächst im vornehmen Hause. Aus den Sälen der Fürsten- 
und Adelsschlösser drang diese aristokratische Kunst dann 
aber auch in den Kreis bürgerlicher Leute, die sich keine 
Kammermusiker halten konnten , die aber selbst gesellig 
musizirten; die Kammermusik wird später zugleich Haus- 
musik. Durch die Dilettanten ist sie volksthümlich und 
mächtig geworden. Ihre Triebkraft stockte und ihre Macht 
sank, als sie zuletzt den Dilettanten über den Kopf ge- 
wachsen war. 

Diese Entwickelung währt von der zweiten Hälfte des 
siebenzehnten Jahrhunderts bis in die ersten Jahrzehnte des 
neunzehnten, von Corelli bis Beethoven. Wesen und Wachs- 
thum unserer Kunstgattung lässt sich ohne diese äusser- 
lichen Thatsachen gar nicht erklären. Bei aller Art Musik 
ist die Frage, unter welchem Dache sie ursprünglich ge- 
pflegt wurde, überaus wichtig. 



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v. Riehl : Arcangelo CorelU. 225 

Corelli fand dieses gastliche Dach für seine Person wie 
für seine Kunst in dem Palaste des Kardinals Pietro Otto- 
boni ,s ), der an jedem Montag Konzerte aufführen Hess 
durch seine eigenen Instrumentalisten, die päpstlichen Sänger 
und bedeutende fremde Künstler, unter welchen Händeis 
Namen vor Allen glänzt. Der Kardinal bot bei diesen 
Musikabenden, die Corelli leitete, seinen Gästen nicht blos 
die erlesensten Kunstgenüsse (auch die- Poesie gesellte sich 
zur Musik), sondern entfaltete auch äusserlich eine „maje- 
stätische Pracht' 1 . 

Die „Akademien" Ottoboni's sind ebenso vorbildlich 
für die spätere ähnliche Kunstpflege deutscher und nament- 
lich österreichischer Fürsten und Edeln, wie Corelli's Trios, 
Sonaten und Konzerte vorbildlich wurden für die späteren 
Formen der klassischen deutschen Instrumentalmusik. 

Wir begreifen den durchweg vornehmen Character der 
Corelli'schen Kammertrios erst ganz, wenn wir sie uns für 
jenen erlesenen kunstaristokratischen Zirkel geschrieben 
denken. % 

In der Gliederung der Sätze unterscheiden sich die- 
selben von den Kirchentrios durch die Suitenform. Bei den 
späteren zwölf Solosonaten hat Corelli nur sechsen diese 
Form gegeben, der andern Hälfte die Kirchenform ; bei den 
Concerti grossi stellt sich die Form der Kirchensonate zur 
Form der Suite wie acht zu vier. 

Die bewegliche Tanzweise erhält in den Kammertrios 
ihr Gegengewicht durch feierliche Präludien, zwischendurch 
eingestreute Adagio-Mittelsätze und den getragenen Hymnen- 
oder Liedes-Ton der Sarabanden. So verflechten sich auch 
hier wieder Motive des Kirchensatzes mit einer oft fein 
kontrapunktirten Tanzmusik. Bei Tartini und anderen 



13) Ausführliches über diesen merkwürdigen Mäcen gibt Chry- 
sander, Händel I, 211 ff. 

[1882. 1. Philos.-philol. hist. Cl. 2.] 15 



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226 Sitzung der histor. Classe vom 7.- Januar 1882. 

späteren Meistern finden wir noch lange die gleiche 
Mischung. 

Scheinbar eine blose Mosaik kleiner Tonstücke, welche 
lediglich durch die Einheit der Tonart zusammengehalten 
werden, zeigen die Kammertrios bei genauerem Studium 
doch auch ein Band innerer Einheit, der einheitlichen Ge- 
müthsstimmung, die in Kontrasten und Parallelen oft recht 
fein zum Kampfe und zum Abschlüsse kommt. Man ver- 
gleiche z. B. in Opus II das frische, muntere elfte Trio mit 
dem zart anmuthigen zehnten, und halte beiden anderer- 
seits das achte gegenüber, welches einen tief seh wermüthigen 
Character ausspricht. Jedes dieser drei Trios hat eine Alle- 
mande; rhythmisch sind diese drei Tänze sehr ähnlich ge- 
halten ; allein die Allemande der munteren Sonate soll Presto 
gespielt werden, die Allemande der anmuthigen Allegro und 
jene der melancholischen gar als ein schwer einher schreiten- 
des Grave. Weit entfernt also blos Tanzstücke zusammen- 
zureihen, beugt Corelli die Tanzweise sogar im Tempo der 
angestrebten Stimmung und gibt Tänze, die gar keine Tänze 
mehr sind. Denn die ächte Allemande verträgt das Grave 
sowenig wie das Presto, da ihr vielmehr das Allegro mode- 
rato eignet. (Nach Mattheson 14 ) soll sie „das Bild eines 
zufriedenen oder vergnügten Gemüthes sein, das sich an 
guter Ordnung und Ruhe ergötzt".) 

' Corelli war nicht der erste Italiener, welcher so frei 
verfuhr. Auch bei seinen Vorgängern wird die feierliche 
Sorabanda mitunter bereits zum Allegro oder gar zum Presto. 

Dies führt mich zu einem andern Punkte. Corelli be- 
schränkt sich in seinen Trios auf nur wenige Tanzformen 
(Allemande, Corrente, Gavotte, Sarabanda und Giga, wozu 
noch ein einzigesmal die Ciaconna kommt). Er hält Haus 
mit diesen fünf Arten, während die späteren Suiten- Kom- 



14) Vollk. Kapellmeister S. 232. 



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v. Biehl: Arcangelo Corelli. 227 

ponisten eine weit reichere und buntere Musterkarte von 
Tanz weisen führen. Durch jene Beschränkung erhalten 
seine Trios eine gewisse Einförmigkeit, die ich nicht rühmen 
will, gewinnen andererseits aber auch eine Einheitlichkeit, 
die dann doch ein Vorzug ist. 

Da es sich hier um spanische, französische und deutsche 
Nationaltänze handelt, so könnte man erwarten, dass Corelli 
diese Unterschiede ausbeuten und in Rythmik, Melodik und 
Modulation, recht naturalistisch nachbildend, gegen einander 
setzen werde. Dies thut er jedoch ganz und gar nicht. Er 
glättet statt zu schärfen und italienisirt die spanische Sara- 
banda nicht minder wie die deutsche Allemande oder die 
französische Gavotte. Namentlich wandelt er die spröde 
Grandezza der Sarabanda gerne um in den zarten weichen 
Gesang einer italienischen Canzonette oder auch in schlicht 
andächtige Hymnen -Weise. Der Melodik des heimischen 
Volksliedes müssen sich bei ihm alle ausländischen Tanz- 
weisen beugen, so dass sie durchaus nicht mehr acht klingen, 
aber das gesammte Kunstwerk der Sonate klingt dafür um 
so ächter. Die Tanzformen gaben ihm nur die Grundlage 
rhythmischer Manichfaltigkeit , und das Characteristische 
weicht dem Schönen. 

Hier wie in manchem anderen Stücke deutet Corelli 
prophetisch auf Haydn, der uns den französischen Menuett 
so gründlich verdeutscht und in so manchem Andante den 
italienischen Siciliano, in so manchem Rondo sogar die 
Zigeunermusik in 's Deutsche übersetzt hat. Die Roman- 
tiker des neunzehnten Jahrhunderts bestrebten sich in ähn- 
lichen Fällen umgekehrt, die deutsche Musik zu magyari- 
siren oder zu slavisiren. 

Eine klar und folgerecht entwickelte Aesthetik der 
Tonkunst gab es zu Corelli's Zeiten noch nicht. Und wann 
hat es eine solche überhaupt gegeben? Die Künstler tas- 
teten und experimentirten damals noch, die wahren Ziele 

15* 



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228 Sitzung der histor. Classe vom 7. Januar 1882. 

der neuen Instrumentalmusik zu finden. Die Gefahr einer 
Verirrung in den Nebel der Tonmalerei und Tondichterei 
lag dabei nahe genug, wie Euhnau zeigt, wenn er „biblische 
Historien mit Auslegung" in 6 Sonaten giebt, Buxtehude, 
wenn er die Natur der 7 Planeten in 7 Klaviersuiten dar- 
stellen will, Proberger, wenn er seine Reiseabenteuer in 
Instrumentalsätzen schildert. Auch Couperin der in den 
seltsamen Ueberschriften seiner Klavierstücke bald Räthsel 
aufgibt bald Räthsel löst und uns gar eine ganze fünfaktige 
Komödie auf den Tasten vorspielen will, 15 ) gerieth auf 
diesen Abweg. Nur lässt man sich in solchen Dingen kleine 
schalkhafte Spielereien eher gefallen als ernstgemeinte grosse 
Probleme. Dass auch altitalienische Geigen-Komponisten 
die Klippe der Tonmalerei streiften, bestätigt Wasielewski 
durch die in den „Instrumentalsätzen" etc. mitgetheilten 
Proben von Carlo Farina (1627) und Marco üccellini (1669). 

Von derlei Verirrung blieb Corelli vollständig frei. 
Statt des vergeblichen Bestrebens, Bilder und Vorstellungen 
in Tönen zu malen, die man nur in Worten schildern und 
aussprechen kann, begnügt er sich weislich, die innere 
Logik des musikalischen Aufbaues in einer durch Melodie 
und Harmonie allein zu erzielenden innerlichsten Aussprache 
der Empfindung und Stimmung voll und rein wirken zu 
lassen. Er ebnete dadurch die Bahn, auf welcher später 
unsere klassischen Meister der Symphonie und des Quar- 
tetts das Höchste erreichten, indem sie in ihrer Instrumental- 
musik nichts weiter gaben als — Musik. 

Stylistisch zeichnen sich Corelli's Kirchen- und Kammer- 
trios durch hohe Einfachheit aus, die darum doch nicht 
arm oder leer klingt, selbst heute nicht, nach fast zwei- 
hundert Jahren. 



15) S. .Werke von Couperin", herausg. v. Job. Brahms, in den 
„Denkmälern der Tonkunst", S. 208 ff. 



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ü. Biehl: Arcangelo Corelli. 229 

Die Grösse der damaligen italienische Meister des In- 
strumentalsatzes wie der Oper gründet überhaupt in dem 
Streben, durch die denkbar einfachsten Mittel ergreifend 
schon zu wirken; sobald dieselben Künstler durch die Lust 
an dem äusserlichen Formenspiel der Coloratur und anderem 
melodischen Schnörkelwerk verlockt, diesem Streben untreu 
werden, sinken sie dann aber auch doppelt tief herab. Wo 
einem A. Scarlatti, Pergolese, Leo und selbst Hasse wahr- 
haft Schönes und Grosses gelang, da war es allemal das 
einfach Schöne und einfach Grosse. Kein Kunstschriftsteller 
hat gerade diese eigenste Signatur jener Italiener schärfer 
erfasst und beredter dargestellt als Wilhelm Heinse in seiner 
„Hildegard von Hohenthal", einem Buche, welches, trotz 
der poetischen Schlacken der verunglückten Romanform, in 
seinen abhandelnden Theilen mit unvergleichlicher Intuition 
in Geist und Form jener Meister eindringt und einführt. 

Schöpferisch bahnbrechend in der gedachten Richtung 
war Giacomo Carissimi vorangegangen; schon vor Corelli 
hatte er von 1640 — 80 auf dem Gebiete des Gesanges ganz 
ähnliche Ziele verfolgt wie unser Meister auf dem instru- 
mentalen. Man könnte ihn den Corelli der Kantate nennen. 
Vom kirchlichen Style ausgehend, vereinfachte er denselben, 
indem er ihn mit dem volksthümlich schlichten Melos ver- 
band. Sein Ideal war das einfach Schöne. „Wie schwer 
ist es, so leicht zu sein !" soll er angesichts seines eigenen 
Schaffens gesagt haben. Dasselbe Wort liesse sich auch in 
Corelli's Mund legen, während bei Bach's Werken die Zu- 
hörer vielmehr umgekehrt ausrufen möchten: „Wie leicht 
ward es ihm, so schwer zu sein!" 

Die Violinstimmen der Corellischen Trio's sind fast 
durchweg streng gesanglich geführt ; alles Beiwerk von blos 
schmückenden Coloraturen, Mordenten, Trillern etc. ist ver- 
schmäht; nicht einmal der damals unvermeidliche Triller 
bei der Schlusskadenz ist vorgeschrieben. 



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230 Sitzung der histor. Classe vom 7. Januar 1882. 

Ob diese Stimmen so ganz ohne Verzierung vorge- 
tragen wurden, wie sie geschrieben stehen? Ich bezweifle 
es. Allein wir sind dem Komponisten dankbar, dass er die 
übliche Verschnörkelung und Verkröpfung seiner in ihrer 
einfachen Cantilene so reizenden Melodien dem Belieben des 
ausführenden Künstlers anheimgestellt hat. Nach unserm 
Belieben fügen wir sie dann auch nicht zu. Wie dankbar 
würden wir gleicherweise Couperin sein, wenn er geradeso 
verfahren wäre wie Corelli und seine oft köstlichen Melodieen 
nicht mit endlosem Beiwerk von Trillern und Mordenten 
selber wieder verdorben hätte! Er stellt uns nun vor die 
Gewissensfrage, ob wir diese Melodien schmucklos schön 
spielen sollen, wie sie im Grunde gedacht, oder zopfig auf- 
geputzt, wie sie leider geschrieben sind. Aber Couperin 
ist Klavier-Komponist, und die Klavier-Sonate wurde von 
jeher schnörkelhafter behandelt als der mehrstimmige Geigen- 
satz. Durch's Klavier wären wir auch niemals zu der edeln 
Feinheit des Quartettstyls gekommen. 

Was ich hier von der erquickend reinen gesanglichen 
Führung der Violinstimmen Corelli's sagte, das gilt vollauf 
nur bei seinen Trios. In den Solosonaten wuchert schon 
vielerlei Verschnörkelung. Namentlich lockt ihn hier der 
Versuch eines freien Allegros (dessen volles Gelingen erst 
einer späteren Zeit vorbehalten war) zu einer Art Akkord- 
Colpratur, die zopfig trocken fast wie eine Schulübung 
klingt (z. B. Sonate III, Satz 4; VI, 3 etc.), und er ent- 
geht dieser Manier selbst in fugirten Sätzen nicht; in der 
„Follia" aber erscheint sie in schlimmster Gestalt. Wenn 
diese Sonaten den Trios auch in breiterer Anlage einzelner 
Sätze und kühnerer Führung so mancher Melodie, mitunter 
auch in originellerer Harmonisirung überlegen sind, so stehen 
sie doch im Ganzen hinter jenen schon darum zurück, weil 
bereits der Mehltbau des Virtuosenthums auf ihnen liegt. 
Nicht in dem Prunk glänzend reicher Technik, sondern in 



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v. Eiehl: Arcangelo Corclli. 231 

der rührenden kindlichen Reinheit, in dem zarten Goldton 
des keuschen einfach Schönen ruht Corelli's Grösse, — die 
Grösse eines Virtuosen, der aller Virtuosität entsagt — , ruht 
das Geheimniss des ergreifenden Eindrucks, den seine Werke 
auch hente noch machen, wenn sie fein, rein und innig 
vorgetragen werden. Und hierin sind seine älteren Trios 
den Solosonaten weit voraus. 

Merkwürdig ist, dass trotz des Virtuosenthums, wel- 
ches sich in der Solotechnik der italienischen Geiger nach 
Corelli immer breiter macht und bei Tartini (das Recht der 
Gattung überhaupt vorausgesetzt) zu imponirender Meister- 
leistung steigert, — die eigentlichen Trio-Komponisten an 
dem Kanon der melodischen Einfachheit tiberwiegend fest- 
hielten. Eben darum wurden sie vielleicht kunstgeschicht- 
lich so wenig beachtet, denn lange genug sahen die Kritiker 
im Portschritte der Technik schlechthin den Fortschritt der 
Kunst. Allein eben darum auch bilden sie eine Brücke 
zum klassischen Streichquartett, welches aus der Virtuosen- 
sonate nicht erwachsen konnte und nur solange rein und 
acht blieb, als es sich dem Virtuosenthum jeglicher Art 
ferne zu halten verstand. 

Diese zahllosen, jetzt völlig vergessenen Trios der spä- 
teren Periode übten einen stillen aber tiefgreifenden Ein- 
flu8s. Hat doch selbst Phil. Em. Bach, der uns in seinen 
Klaviersonaten so ganz andere, neue Wege führte, in jungen 
Jahren dem italienischen Trio nach Form und Art gehul- 
digt. 16 ) Und Haydn schrieb, wohl schon gleichzeitig mit 
seinen ersten Quartetten, die wiederum eine neue Bahn ein- 
schlugen, nebenbei doch auch noch Trios für 2 Geigen und 
Violoncello nach der beliebten alten Weise. C. F. Pohl 
hat in seiner inhaltreichen und grundlegenden Biographie 
Haydn's (Band I, S. 344 ff.) hierauf aufmerksam gemacht, 



16) Bitter, Ph f E. B*cb S. 59, 



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232 Sitzung der hlstor, Classe vom 7. Januar 1882. 

dabei aber, wie mir scheint, die Bedentang dieser Trios, 
ihren Gegensatz zur alten Orgelmusik und ihren Zusammen- 
hang mit der neu aufsteigenden Quartettmusik nicht ein- 
gehend genug gewürdigt. Pohl fuhrt 34 solcher Trio-Kom- 
ponisten der späteren Zeit an, Deutsche und Italiener in 
bunter Reihe, und doch wohl alle, wenigstens in ihren Trio- 
werken vom italienischen Geiste berührt. Ich möchte zu 
Pohrs Verzeichniss ergänzend noch folgende Meister fügen, 
deren Trios mir bei meinen Studien durch die Hände ge- 
gangen sind: Alessandro Besozzi, Franc. Zanetti, Demachi, 
Franc. Negri, Carlo Monza, Giov. Ferrandini, Gipv. Elia 
Selva, Pietro Beretta, Joh. Christ. Bach, Leopold Gassmann, 
Florian Deller, Anton Stamitz. Diese Komponisten wenden 
sich, wenigstens in den mir bekannten Trios, von der Form 
der Kirchensonate wie von der Suitenform gleicherweise ab 
und bringen dafür ein dreitheiliges Trio, dessen erster Satz 
Andante, Adagio oder Moderato, der zweite ein breit aus- 
geführtes, selten fugirtes Allegro, der dritte ein Menuett 
ist oder doch Tempo di Menuetto. Man erkennt diese 
Grundform in den ältesten Klavier- und Violinsonaten wieder, 
die Mozart in seiner Kindheit (1763 — 68) schrieb und in 
vielen Klaviersonaten und Klaviertrios Haydn's. Das Volks- 
oder Kirchenlied ist dann bei jenen Spät-Italienern kaum 
mehr melodisch beeinflussend gewesen, wohl aber die Can- 
tilene der Opernarie. Im Quartett und der Symphonie 
schuf Haydn einen ganz andern Aufbau der Sätze. Seine 
Schüler blieben aber auch im Quartett noch ausnahmsweise 
der dreith eiligen Form des spätitalienischen Trios getreu. 
So hat Ignaz Pleyel in der (wohl in den neunziger Jahren 
des vorigen Jahrhunderts componirten und dem Könige von 
Neapel gewidmeten) achten Sammlung seiner Quartette noch 
ein solches, welches ganz nach Art jener italienischen Trios 
aus einem Adagio, einem contrapunktisch gehaltenen Allegro 
und einem Schluss-Menuett, sämmtlich in gleicher Tonart, 



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v. Rieht: Arcangelo Corelli, 233 

besteht, — vielleicht als ein Zeichen der Huldigung für den 
königlichen Gönner in Italien. 

vni. 

Bei einem Geigen-Komponisten, der so ganz aus der 
Seele seines Instrumentes erfand und schrieb wie Corelli, 
fragen wir auch nach der Art der Instrumente, die ihm 
dienten und auf welche er rechnete. Können wir uns doch 
auch den grossen Unterschied in Bach's, Mozart's und Beet- 
hoven's Klaviermusik nicht vollauf erklären ohne einen Seiten- 
blick auf die grundverschiedenen Instrumente ihrer Zeit. Bei 
Corelli steigert sich das Interesse der Frage noch durch den 
Umstand, dass sein Leben in die Periode der höchsten Blüthe 
jenes niemals wieder erreichten Kunstgewerbes der grossen 
Cremoneser Meister fiel. , 

Als Corelli seine 48 Trios schrieb standen ihm zweier- 
lei ausgezeichnete Instrumente bereits zu Gebote: die Bres- 
cianer Geigen eines Maggini (1590—1640) mit ihrem kräf- 
tigen aber noch etwas herben und melancholischen Klang, 
und die Cremoneser Geigen der Amati, insbesondere des 
Nicolo Amati (1596 — 1664) mit ihrem kleineren, aber äusserst 
weichen , „leise verschleierten, jungfräulichen 44 Silberton. 
Dieser zwiefache, eng verbundene Klangcharakter des sprö- 
den und doch edel zarten Tones entspricht auch dem Geiste 
von Corelli's Werken. 

Der grosseste aller Meister des Geigenbaues, Antonio 
Stradivari, war zwar ein Zeitgenosse Corelli's, ja sogar neun 
Jahre älter als dieser. Allein zu der Zeit, da Corelli durch 
seine Trios die Kammermusik zu neuer Höhe emporhob, 
arbeitete Stradivari noch in der Weise seines Lehrers Nicolo 
Amati (sogenannte amatisirte Stradivari-Geigen, bis 1680). 
Dann mühete er sich, neue und eigenartige Verbesserungen des 
Geigenbaues zu erfinden (bis 1700), und erst von da bis gegen 
1725 stancl er auf der Höhe seiner originalen Meisterschaft. 



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234 Sitzung der histor. Classe com 7. Januar 1882. 

Diese Periode fällt noch zu einem guten Theil mit der 
zweiten Periode Corelli's zusammen (1700-1712), mit der Zeit 
seiner Virtuosen-Sonaten und seiner orchestralen Konzerte. 

Vidal sagt (a. a. 0. I, 1 20) : Lorsque Stradivari faisait 
ses recherches pour arriver ä la perfection du violon, il 
avait ä sa disposition des violinistes de talent et bien cer- 
tainement Corelli n'a pas ete etranger aux essais multiplies 
qu'a du faire le grand maitre pour mener ä bonne fin ses 
experiences. Obgleich ein direkter Einfluß Corelli's auf die 
Verbesserungen des Stradivari nicht nachgewiesen ist, so 
hat diese Ansicht bei der künstlerischen Herrscherstellung, 
die unser Meister damals in Italien einnahm doch viele 
Wahrscheinlichkeit. 

Man könnte also sagen : die Brescianer und ältere Cre- 
moneser Schule des Geigenbaues wirkte mitbestimmend auf 
Corelli's Spiel und Schreibart. Dagegen wirkten seine Kunst- 
bestrebungen mitbestimmend auf die Fortschritte, durch 
welche die jüngere Cremoneser Schule (Antonio Stradivari 
und Giuseppe Guarneri) den Gipfel der Tüchtigkeit und des 
Ruhmes im Geigenbau erreichte. 

Die Bässe Corelli's aber zeigen deutlich, dass er das 
Violoncello im heutigen Sinne, wie wir es den Bemühungen 
Stradivari's (seit 1700) verdanken, bei seinen Trios noch 
nicht besessen hat. Eher liesse die Führung des Basses 
seiner Solosonaten schon an ein mitgehendes Cello denken. 
Aber erst in den Concerti grossi tritt dasselbe als Solo- 
Instrument unter dem Namen eines Violoncello di concer- 
tino ausdrücklich hervor. 

So verkünden Corelli's Werke selbst in diesen äusser- 
lichen Dingen den Wendepunkt zweier musikgeschichtlicber 
Epochen. 



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Herr Gregorovius hält einen Vortrag über: 

„Die Gründung der ersten wissenschaft- 
lichen Akademie Corsicas", 

und teilt folgendes mit: 

Am 19. December 1880 hat sich in Bastia, der be- 
deutendsten Stadt dieser Insel, eine Gesellschaft gebildet 
unter dem Namen : Societe des sciences historiques et natu- 
relles de la Corse. Sie hat sich ein Statut in französischer 
Sprache gegeben, ein Directorium ernannt, und zu ihrem 
Präsidenten den Professor am Lyceum Bastia's, Herrn Abbe 
Letteron, zu ihren Vicepräsidenten den Baron Cervoni und 
den Rat am Appellhof Herrn de CarafFa erwählt. 

Die Liste ihrer Mitglieder weist schon heute eine starke 
Beteiligung von Corsen auf; viele historische Namen alter, 
noch fortdauernder Geschlechter Corsicas sind darin ver- 
zeichnet, von den Arrighi, Casanova, Colonna, GafFori, Vincen- 
telli bis zu den Bonaparte. 

Dem Programm der Societät gemäss hat dieses durch- 
aus patriotische Institut zu seinem Hauptzwecke gemacht 
die naturwissenschaftliche Erforschung der Insel und die 
Förderung des Studiums der Landesgeschichte. Und gerade 
hier bietet sich der Vaterlandsliebe der Corsen ein weites 
Gebiet der Tbätigkeit dar. Der Vortragende nimmt sich 
hier die Gelegenheit, von dem eigenartig abgeschlossenen, 
individuellen Character der Geschichte Corsicas zu sprechen, 
welche sich Jahrhunderte lang in den Heldenkämpfen des 
Eilandes gegen die Herrschaft der Republik Genua bewegt 
hat, bis sie in der Gesetzgebung des Pasquale Paoli cul- 
minirt und in die Gestalt des Welteroberers Napoleon aus- 



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236 Sitzung der histor. Classe com 7. Januar 1881. 

geht, von dessen Zeit an Corsica keine politische Geschichte 
mehr hat. 

Der Vortragende verbreitet sich sodann über die Ge- 
schichtschreiber der Insel, welche im Verhältniss zu ihrer 
geringen Raumaasdehnung und Volkszahl sogar mehr und 
bessere Historiographen hervorgebracht hat, als andere Inseln 
des Mittelmeeres. Er erinnert an die Entstehung der cor- 
sischen Landeschronik im Beginne des 15. Jahrhunderts und 
ihre Zusammenfassung in dem Nationalwerke Filippinis, des 
Zeitgenossen Sampiero's, und gibt eine üebersicht der cor- 
sischen Geschichtschreiber bis auf die Gegenwart. 

Da die mittelalterliche Historiographie Corsica's heute 
einer kritischen Revision bedarf, so hat sich die neugegrün- 
dete Gesellschaft die lobenswerte Aufgabe gestellt, aus den 
Archiven der Insel wie des Festlandes neues Urkunden- 
material zu ziehen, noch nicht edirte corsische Memoiren 
zu sammeln, und dann in ihren Bulletins zu veröffentlichen. 
Diese Publicationen wurden in der Regel monatlich ausge- 
geben. Der Vortragende legt die Reihe der während des 
ersten Jahres 1881 von der Societät veröffentlichten Bulle- 
tins der Classe zur Einsicht vor. Unter den darin abge- 
druckten schätzenswerten Beiträgen zur corsischen Geschichte 
hebt er besonders hervor, die neu begonnene Sammlung von 
unedirten Briefen des Pasquale Paoli, welche jene ergänzen 
soll, die Niccolo Tommaseo im elften Bande des Archivio 
Storico Italiano im Jahre 1846 herausgegeben hatte. Nach 
ihm aus Bastia zugekommenen Nachrichten haben sich im 
corsischen Privatbesitz heute schon mehr als 2000 noch 
nicht edirte Briefe Paoli's vorgefunden. 

Herr Gregorovius machte endlich der Classe den Vor- 
schlag, sich in Verbindung mit der neu gegründeten wissen- 
schaftlichen Societät Bastias zu setzen durch Austausch der 
akademischen Publicationen, was einstimmig genehmigt wird. 



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Philosophisch-philologische Classe. 



Sitzung vom 4. Februar 1882. 



Herr Bursian hielt einen Vortrag: 
„Der Rhetor Menandros und seine Schriften." 
' Derselbe wird in den Abhandlungen veröffentlicht. 



Der Classensekretär legt eine Abhandlung des 
Herrn G. F. Unger vor: 

„Die historischen Glosseme in Xenophons 
Hellenika." 

In der ersten, bis zum Ende des peloponnesischen 
Krieges reichenden Abtheilung der Hellenika (I— II 3) findet 
sich eine Anzahl sachlich meist werthvoller Angaben — be- 
treffend die Summe abgelaufener oder das Datum neu An- 
hebender Kriegsjahre, ferner abgerissene Notizen über ein- 
zelne Ereignisse und andere Mittheilungen geschichtlichen 
Inhalts — , welche von vielen Kritikern für unächte Zusätze 
erklärt worden sind. Einen Theil derselben hat schon Mars- 
ham (canon chronicus, 1672) und Dodwell (de cyclis, 1701 ; 
chronologia Xenophontea, 1702) angefochten; die Verdacht- 
gründe, welche sie geltend machten, waren so einleuchtend, 
dass die meisten Späteren ihrem Urtheile zustimmten, viele 
weiter giengen und der unächten Stellen noch mehr auf- 
fanden oder aufzufinden glaubten; im weitesten Umfang 
und oft in überzeugender Weise übte die Athetese Brückner, 
de notationibus annorum in historia graeca Xenophontis 



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238 Sitzung der phüos.-phUöl. Classe vom 4. Februar 1882. 

suspectis, 1838. Nach ihm sind viele Stellen wieder in 
Schutz genommen worden; aber alle zu vertheidigen haben 
nur sehr wenige gewagt und der Versuch ist schlecht genug 
ausgefallen. Gegenwärtig gelten die Jahrsummen und die 
Datirungen allgemein für interpolirt; von den andern Stellen 
sind zwar die meisten in den Ausgaben der Unächtheits- 
klammern entledigt, jedoch nicht sowohl in Folge einer 
überzeugenden, alle Bedenken niederschlagenden Verteidig- 
ung, welche ihnen etwa zu Theil geworden wäre, als viel- 
mehr wegen des Bestehens einer zweiten Controverse, von 
deren bis jetzt noch nicht gelungener Schlichtung die Ent- 
scheidung der Frage nach der Aechtheit vieler angefochtenen 
Stellen abhängt. Sie werden verdächtigt, weil ihr Inhalt 
einem andern Jahre anzugehören scheint als der des an- 
grenzenden ächten Textes; aber dieses Hauptkriterium ist 
selbst oft fraglich und unsicher. Von den sieben Jahres- 
wechseln, welche während der von Xenophon Hell. I 1 — 
II 3 behandelten Zeit (Herbst 411 — Herbst 404) einge- 
treten sind, finden sich sechs theils ausdrücklich angegeben 
theils durch Erwähnung von Winters Ende oder Frühlings 
Anfang genügend angedeutet; einer ist nicht kenntlich ge- 
macht und steht weiter nichts fest, als dass er entweder 
im ersten oder im fünften Capitel des I. Buchs zu suchen 
ist: im ersten Fall treffen die I 2, 1. 3, 1. 4, 2 bemerklich 
gemachten Jahrübergänge in 409 408 407, im andern in 
410 409 408; erst von I, 6, 1 und dem J. 406 an ist die 
Zeitrechnung sicher. 

Der Zweck vorliegender Untersuchung ist, zunächst die 
Zeit der Hell. I 1 — 5 erzählten Ereignisse und damit die 
Stelle des fraglichen Jahreswechsels zu ermitteln ; auf dieser 
Grundlage dann die Ausscheid nng der unächten Stücke vor- 
zunehmen ; endlich die Entstehung der Interpolation zu er- 
klären und den verlorenen Werken nachzuforschen, als deren 
Fragmente man die werthvollen Glosseme anzusehen hat. 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 239 

I. Ordnung der Jahre. 

Der erste, welcher sich mit der Frage nach der Stelle 
des zweifelhaft gelassenen Uebergangs in ein neues Kriegs- 
jahr eindringender beschäftigte, war Dodwell. Er suchte 
ihn im ersten Capitel und Hess demgemäss im Laufe des- 
selben den Wechsel vpn 410, bei t^J de älfop exet I 2, 1 
den von 409 eintreten und bezog I 3, 1 stiel <f 6 %eifAcov 
eXrjye auf 408, dqxo^evov de tov eagog I 4, 2 auf 407 ; dass 
die Uebergänge von 406 405 404 in dem dreimal vorkom- 
menden Tq) (J 5 etiiovxi exet I 6, 1. II 1, 10. 3, 1 zu finden 
sind, war ausser Frage gestellt, weil das Datum der von 
16,1 an erzählten Vorgänge durch Zeugnisse anderer 
Schriftsteller bekannt ist. Die Jahrordnung Dodwells er- 
hielt sich lange Zeit unangefochten in Kraft; erst Haacke, 
de postremis belli pelop. annis 1822 stellte die Behauptung 
auf, dass das erste Capitel nur die Zeit eines halben Jahres 
umfasst, das Datum aller von I 2, 1 bis I 5, 1 behandelten 
Ereignisse um ein Jahr früher als bei Dodwell zu setzen 
und erst in I 5 der Jahreswechsel von 407 zu suchen ist. 
Das Gewicht der Gründe, welche er geltend machte, war so 
bedeutend, dass zuerst Boeckh, dann Krüger, allmählich fast 
alle deutschen Forscher, welche mit dieser Frage sich zu be- 
schäftigen Anlass hatten, auf seine Seite traten und Dod- 
wells Ansicht nur in seiner Heimat, bei Clinton, Grote und 
andern, sich in ungeschwächter Anerkennung behauptete. 
Eine neue, noch jetzt fortwirkende Wendung führte Emil 
Müller, de Xenophontis historiae graecae parte priore, 1856 
herbei, welcher beide Fragen mit grosser Sachkenntniss in 
Angriff nahm und in scharfsinniger Weise viele Punkte in 
eine neue Beleuchtung brachte. Die Dodweirsche Ansicht 
hat durch ihn wieder Anhänger gewonnen, noch grösser 
war sein Erfolg in der Unächtheitsfrage : sein Werk ist es, 
dass auch von solchen nur noch wenige Stellen entschieden 



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240 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 4. Februar 1862. 

beanstandet werden, die seiner Ausicht über die Jahrver- 
theilung beizustimmen nicht vermocht haben. Die Triftig- 
keit der Gründe, welche für Haacke sprechen, und die Ge- 
waltsamkeit der Mittel, welche Müller behufs ihrer Weg- 
räumung anwendet, hat Breitenbach, das Jahr der Rück- 
kehr des Alkibiades, neue Jahrbb. f. Philol. 1872 p. 72 ff. 
treffend hervorgehoben, auch einen* positiven Fortschritt 
durch den Nachweis der Stelle gemacht, an welcher allein, 
wenn der vermisste Jahreswechsel in I 5 zu suchen ist, der- 
selbe gefunden werden kann; indess auf durchschlagenden 
Erfolg durfte er schon desswegen nicht rechnen, weil er 
auf die andere Frage nicht näher eingegangen ist und sich 
dort lediglich die Ansichten Müllers angeeignet hat, welche 
mit dessen Behandlung der Jahrübergänge in engstem Zu- 
sammenhang stehen. Dazu kommt aber, dass auch seine 
Widerlegung Müllers mit der Thatsache nicht fertig wird, 
welche die Hauptstütze der Dodwell'schen Ansicht bildet. 

Diese besteht darin, dass die im ersten Capitel erzählten 
Vorgänge sichtlich über Frühlings Anfang 410 herabreichen, 
es also unmöglich ist, mit Haacke den I 2, 1 gemeldeten 
Jahreswechsel auf diesen dort bereits überschrittenen Zeit- 
punkt zu beziehen. Andrerseits besitzt aber auch Haacke's 
Anordnung einen unerschütterlichen Halt an den Worten 
huxvTol TQelg *f\Gav I 4, 7, welche sich auf den Zwischen- 
raum zwischen dem I 4, 2 angegebenen Jahreswechsel und 
dem J. 405 beziehen und es zwingend nothwendig machen, 
diesen Wechsel in das J. 408 zu setzen, von wo wir dann 
rückwärts gehend mit dem I 3, 1 angedeuteten Uebergang 
auf 409, mit dem zuerst erwähnten von I 2, 1 also doch 
wieder auf 410 kommen. Dieses unüberwindlich scheinende 
Dilemma lässt vermuthen, dass beide Parteien irgend einen 
Grundirrthum, ein ttqcotov xpsvdog mit einander gemein 
haben, und eine* genauere Betrachtung der beiderseitigen 
Beweisgründe darf wohl hoffen, zur Erkenntniss desselben 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 241 

durchzudringen. Die Dodwell'sche Ansicht hat ausser dem 
vorhin erwähnten Argument nur noch ein einziges, ein Ar- 
chontendatum des Dionysios von Halikarnassos, der es bloss 
gelegentlich vorbringt und auch in anderen Daten dieser 
Art sich "von Flüchtigkeitsfehlern *) nicht frei erhalten hat. 
Dagegen die Haacke'sche lässt sich von Jahr zu Jahr durch 
Belege bestätigen, welche sich zum Theil auf den inneren 
Zusammenhang der laufenden Geschichte mit Thatsachen 
anerkannten und unumstösslichen Datums stützen, und zu- 
gleich bildet eben der gegen sie sprechende Umstand, dass 
der Inhalt des ersten Capitels über den Frühlingsanfang 
410 herabführt, ein noch grösseres Hinderniss für die An- 
ordnung Dodwells und Müllers selbst: denn sein zeitlicher 
Ueberschuss beträgt nicht, wie es diese voraussetzt, ein 
ganzes Jahr sondern höchstens ein paar Monate, er führt 
nicht in den Frühlingsanfang 409, sondern, wenn weit herab, 
in Mitte 410. 

Lässt sich annehmen, dass Xenophons Eriegsjahr erst 
einige Zeit nach Frühlings Eintritt anhebt, so ist die einzige 
nennenswerthe Schwierigkeit, welche Haacke und seine Nach- 
folger uicht bewältigt haben, aus dem Wege geräumt. Diese 
Annahme darf in der That aufgestellt werden. Es ist be- 
kannt, dass der Ueberfall von Plataia durch die Thebaner 
im Beginn des Frühlings 431, welchen Thukydides zur 
Grundlage des Anfangs der Jahre des peloponnesischen 
Krieges nimmt, nicht das einzige Ereigniss war, welches 
auf solche Ehre Anspruch hatte: mit ebenso viel Recht 
konnte man die erste Feindseligkeit, welche von den Pelo- 
ponnesiern selbst verübt wurde und die Athener selbst be- 
traf, zur Epoche nehmen, den Einfall jener in Attika bei 
Oinoe, und Thukydides hat, was ebenso bekannt ist, incon- 



1) Vgl. den .bekannten betreffs des Arch. Tbudemos, de Dinarcho 
13 p. 999. 
[1882. I. Philos.-philol. hist. Cl. 2.J 16 



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242 Sitzung der phUos.'phüol. Classe vom 4. Februar 1882. 

seqaenter Weise eiomal (V 20) das selbst gethan. Ebenso 
inconsequent behandelt er die Uebergabe Athens als Schlass 
des Krieges, dessen letzte Zackungen ein halbes Jahr dar- 
nach verendeten ; erst mit der Ergebung der attischen Kle- 
ruchen auf Samos hat er abgeschlossen. Diese sieht Xeno- 
pbon als Ende des Krieges an: bat er sich hierin nicht 
nach seinem Vorgänger gerichtet, warum soll er es in An- 
sehung der Anfangsepoche gethan haben? Die Voraussetz- 
ung aller Erklärer, dass seine Kriegsjahre mit Frühlings 
Eintritt beginnen, stützt sich auf eine einzige, von vielen 
(mit Recht) für unächt erklärte Stelle (I 3, 1), welche man 
methodischer Weise eben desswegen aus dem Spiel hätte 
lassen sollen. Des Genaueren wird von der Jahrepoche 
Xenophons am Schlüsse dieses ersten Abschnitts die Rede 
sein ; hier nur so viel, dass jener Einfall bei Oinoe um un- 
gefähr ebenso viel Zeit (1 — 2 Monate) nach dem Ueberfall 
von Plataia stattgefunden hat als der über Frühlings Ein- 
tritt 410 herabführende Zeitüberschuss der Vorgänge von 
Hell. I 1 ausmacht. 

I 2, 1 : 410. 

Die Unmöglichkeit, mit dem Inhalt von I 1 die Zeit vom 
Herbst 411 bis Frühlingsanfang 409 auszufüllen, gesteht 
Müller p. 55 f. insofern selbst zu, als er die Behauptung auf- 
stellt, der Text dieses Capitels sei sehr lückenhaft überliefert; 
seinen Versuch, die angeblichen Lücken zu ergänzen und die 
Ereignisse in diesem Sinn zu datiren, hat bereits Breiten- 
bach p. 76 widerlegt. Die Zeit jener Vorgänge reicht nicht 
weiter als in den Mai 410. Die Schlacht bei Abydos fand 
im November 411 statt, I 1, 2 (xq%oia£vov %e^u3i>os *) ; die 



1) Winters Anfang ist der Frühuntergan £ des Siebengestirns, Som- 
mers Anfang dessen Frühaufgang. Nach neueren Berechnungen fiel jener 
zur Zeit des peloponnesischen Krieges unter dem Horizont von Athen 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 243 

siegreichen Feldherrn bedurften, um den Erfolg gebührend 
auszunutzen und die Macht Athens im Norden und Osten 
wiederherzustellen, namhafte Verstärkungen ; um sie zu er- 
wirken, überbrachte einer von ihnen, Thrasylos, die Glücks- 
botscbaft persönlich in Athen. Das Gesuch wurde bewilligt 
und Xenophon erzählt seine Ausfahrt mit den Verstärkungen 
unmittelbar nachdem er den Jahreswechsel vermerkt hat, 
welchen die eine Partei 410, die andere 409 vor sich gehen 
lässt. Dass diese erst aQxo^ievov tov &£qov$, d. i. Mitte 
Mai 409 abgiengen, ist begreiflich : der Zugang von Schiffen 
konnte erst nach' dem Winter erwartet werden und da in- 
zwischen am Ende dieser Jahreszeit in der Schlacht von 
Kyzikos die feindliche Flotte fast vollständig vernichtet 
worden war, so bestand kein dringender Anlass zu sofor- 
tiger Absendung im Frühling 410; dass diese aber noch 
bis in den Mai des nächsten Jahres hinausgeschoben worden 
wäre, findet Haacke mit Recht undenkbar, zumal bei der 
Bereitwilligkeit, welche das Volk von Anfang an zeigte, 
und bei dem grossen Interesse, das es selbst haben musste; 
es mangelt an allen Anzeichen einer Verzögerung, für die 
auch Müller p. 25 keine Erklärung zu geben weiss. Als 
unter Thrasylos Führung ein von Agis ') drohender Angriff 
auf die Stadt vereitelt wurde, da zeigten die Athener noch 
grösseren Eifer seinem Gesuch zu willfahren, und die Volks- 
versammlung fasste Beschluss über die Stärke und Beschaffen- 
heit der Streitkräfte, welche er bekommen sollte, I. 1, 34 
diä %av%a ezi nqo^vpioreQOi i\oav eq> a r^e nai ensi/jqcpi- 



4. November, dieser 16. Mai; doch geben die alten Astronomen für jenen 
ein späteres Datum (Euktemon 10. November), s. Boeckh Sonnenkr. 
p. 86. 95. 

1) Ans Ttgopopriv noiovyLkvos § 33 lässt sich nicht mit Sicherheit 
auf gute Jahreszeit schliessen, vgl. IV 1, 6 diex^tfioc^e avv nqovoyinlq 
rä intr^Sfia \ctpßdv(av (Luckenbach, de ordine rerum a pugna apud 
Aegospotamos p. 45). 

16* 



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244 Sitzung der phüos.-phüol. Ciasse vom 4. Februar 1882. 

occvto xtX. Dies geschah um die Zeit der Schlacht von 
Kyzikos; nicht lange nach dieser gieng Tbrasylos ab: als 
die Nachricht von ihr nach Athen kam, schreibt Diodoros 
XIII 52, da wurde das ganze Volk von Begeisterung er- 
griffen, grossartige Opfer und Feste den Göttern gewidmet, 
für den Krieg aber Mannschaften ausgehoben und Schiffe 
ausgerüstet, welche man dem Alkibiades zuschickte. 

Die Friedensgesandtschaft, welche nach der Schlacht 
bei Kyzikos von Sparta nach Athen abgieng, setzt Philo- 
choros bei Schol. Eur. Or. 361 unter Arch. Theopompos = 
Ol. 92, 2. 411/0; massgebend für die Zeitbestimmung der 
Schlacht ist Diodors Angabe, Mindaros habe seine Flotte 
ijÖTj tov %ei(xo)vog XiqyovTog (XIII 49) zusammengezogen, um 
die Scharte von Abydos auszuwetzen. Dies geschah also spä- 
testens Mitte März 410, möglicher Weise schon Ende 
Februar zur Zeit des ersten Wiederbeginns der Seefahrt. 
Er fuhr von Abydos hinüber gegen Sestos; die attische 
Flotte, durch Absendungen bedeutend geschwächt, wich nach 
Kardia zurück, wo Alkibiades mit fünf Schiffen eintraf und 
auf die Nachricht, dass die Feinde von Abydos nach Kyzi- 
kos gefahren seien, die Schiffe nach Sestos zurückgehen Hess. 
Als sie dort eben gegen den Feind ausfahren wollten, kamen 
Theramenes and Thrasybulos mit 40 Schiffen herau, iü Parion 
vereinigte sich die ganze Flotte, Tags darauf kam es zur 
Schlacht (Xen. I 1, 11 — 16). Diese mit Müller in den Mai 
410 zu setzen, verbietet das Zeugniss Diodors, gegen wel- 
ches Müller keinen besseren Einwand vorzubringen weiss, 
als dass der Gewährsmann desselben, Ephoros, ein unzuver- 
lässiger Gewährsmann sei. Die Schlacht fallt spätestens 
Anfang April, frühestens Mitte März; nach ihr folgen Er- 
eignisse, welche den Schluss des Kriegsjahres jedenfalls in 
den Lauf des Frühlings bringen. 

Am Tage nach dieser Schlacht ergab sich Kyzikos den 
Athenern; 20 Tage später fuhren sie nach Selymbria; dort 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 245 

und in Perinthoa gut empfangen, srflchten sie Chrysopolis 
am Bosporus auf, befestigten den Ort und errichteten eine 
Zollstätte daselbst; mit der Rückfahrt in den Hellespont, 
etwa Ende April oder Anfang Mai, endigen die Bewegungen 
der attischen Flotte in diesem Kriegsjahr (Hell. I 1, 19 — 22). 
Auf Seiten der Peloponnesier macht die Verlegung einer 
Besatzung nach Byzantion den Schluss. Als Agis von De- 
keleia aus eine Menge Kornschiffe *) dem Peiraieus zu- 
steuern sah, kam er auf den Gedanken, Athen die Zufuhren 
aus dem Pontus abzuschneiden ; sein Plan wurde genehmigt 
und Klearchos, welcher die Schlacht bei Kyzikos mitgemacht 
hatte, mit 15 von Megara, den Boiotern und andern Bundes- 
genossen gestellten und bemannten Schiffen ausgeschickt; 
drei von ihnen fielen im Hellespont dem attischen Wacht- 
geschwader in die Hand, mit den andern erreichte er glück- 
lich Byzantion. Jene Kornschiffe, deren Anblick die ange- 
gebene Wirkung hervorgebracht hatten, waren ohne Zweifel 
die ersten, die seit Winter im Frühjahr aus dem Pontus 
zurückkamen, also um Anfang März 410 im Peiraieus aus- 
gelaufen und gegen Anfang April wieder angelangt ; ihre 
Ausfahrt lässt sich noch einige Tage, ihre Znrückkunft 
zwei Wochen früher denken als hier angenommen ist. 2 ) 



1) nXoTa noXXa aitov I 1, 35, nicht die zur regelmässigen Zeit, 
im September kommenden, für welche r« nXota der ständige Ausdruck 
ist (JI 1, 17. V 4, 21. Demosth. c. Polycl. 19). 

2) Der iiaqiyog nXoog Hesiods op. 676 beginnt mit Arkturs Spät- 
aufgang (op. 650), dem bei den Bauern , Seefahrern und Astronomen 
(deren Witterungskalender, die Parapegmen, auf den Gebrauch jener 
berechnet waren) üblichen Frühlingsanfang; im Text haben wir überall 
den modernen, auch den alten Geschichtschreibern gewohnten der Nacht- 
gleiche vorausgesetzt. Der sog. scheinbare Spätaufgang des Arktur traf 
in Athen damals auf 24. Februar, Boeckh Sonnenkr. p. 96. Plinius hist. 
nat. II 122 (vgl. 125) schreibt sogar mit Beziehung auf den 8. Februar: 
ver aperit navigantibus maria; Vegetius IV 39 nennt den 10. März 
natalis navigationis ; Clodius Tuscus zum 17. März; p£ya nsXayos n%e- 



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246 Sitzung der phüos.-philol . Classe vom 4. Februar 1882. 

Von da bis zur zweiten Woche des Mai bleibt Spielraum 
genug für das Unternehmen des Agis. 

In den Mai fuhrt den Jahreswechsel Xenophons schon 
der Wortlaut von I 2, 1 T(jj de älty etei Idd-rjvdioi fxev 
Qoqmov hei%ioav, QqaavXog de %a tb xprjcpio&ivTa nhna 
Xaßdiv Y.al nevTaxtaxtliovg tüv vavTwv nekcaotaq Ttoirjod- 
/ievog i^€7vlevaev aQ%opievov xov &aqovQ elg Za/xov. Aus der 
Corresponsion von Id&rjvaioi (xev mit &qccovXoq de erhellt, 
dass beide Unternehmungen zu gleicher Zeit begonnen haben ; 
wäre die des Thrasylos erheblich später in's Werk gesetzt 
worden, so würde fxev nicht am Platze sein. Zwischen dem 
Anfang der Befestigung von Thorikos und der Ausfahrt 
des Thrasylos um 16. Mai liegen also nur die wenigen Tage, 
welche die Wehrhaftmachung der Schiffsmannschaft weg- 
nahm. Jenes (xev — de kann den Begriff der Gleichzeitig- 
keit nur dadurch erhalten, dass sich die gemeinsame Be- 
stimmung Ttp aXkif) ezei auf einen bestimmten Zeitpunkt, 
d. i. auf den Eintritt des neuen Kriegsjahres, nicht auf eine 
beliebige Zeit des ganzen Jahres bezieht. Auf diesen aber 
werden wir auch durch den Zweck jener Befestigung ge- 
führt, welche offenbar, wie auch die Erklärer bemerken, 
durch den Plan des Agis veranlasst worden ist: wenn die 
Spartaner die Kornschiffe nicht nach Athen lassen wollten, 
so konnten sie auch wieder, wie früher schon geschehen, 
an der Südostküste Attikas ihnen nachstellen. Der Anfang 
jenes Kriegsjahres mag also etwa auf den 9. Mai fallen. 

Gegen die Verlegung dieses Jahreswechsels in 409 ent- 



stcci. Gegenwärtig befahren die Hydrioten und Spezzioten vom März 
an das Meer, Aug. Mommsen griech. Jahreszeiten p. 19; so früh and 
noch früher haben natürlich allezeit nur kühne oder dringliche Unter- 
nehmungen begonnen. Von Athen bis Olbia lassen sich neun, bis Pan- 
tikapaion (von der Istermündung bis zur Sudspitze der Krim geraden 
Wegs auf hoher See, Skyl. 68) zwölf Tage Fahrt zählen, auf den bürger- 
lichen Tag 1000 Stadien gerechnet. 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 247 

scheidet auch der sicilische Synchronismus. Thrasylos lan- 
dete, nachdem er drei Tage in Samos verweilt hatte, (um 
21. Mai) auf der gegenüberliegenden Küste von Pygela, ver- 
wüstete die Gegend, berannte die Mauern und schlug die 
Milesier, welche den Einwohnern zu Hülfe gekommen waren ; 
Tags darauf fuhr er nach Notion, von da nach Kolophon, 
welches zu den Athenern übergieng; in der Nacht machte 
er einen Einfall im angrenzenden Lydien d^/id^ovTog xov 
aixov (I 2, 4). Am 17. Tage darnach, also Mitte Juni, er- 
schien er vor Ephesos und griff die Stadt mit Tages An- 
bruch auf zwei Seiten an, erlitt aber eine schwere Nieder- 
lage, weil die Uebermacht gegen ihn war : Tissaphernes 
hatte der Stadt ein Heer zu Hülfe geschickt und die Mann- 
schaft von 27 sicilischen Kriegsschiffen leisteten tapferen 
Beistand. Von diesen heisst es I 2, 8 eßo^rjoav — Aal 

2VQCCKO01OI di % GL7ZO TÜV 7tQOt€QO)V SlKOOl VBtoV Kdl 01710 

kv€Q(ov 7thts, aC etv%ov tote naqayevoixevai (vecoozi rjycovaai 
ftetä — Ttiv OTQCtTTjyuiv), xal 2elivovoicu dvo. Im Juni 409 
waren die Griechen Siciliens selbst so bedrängt, dass sie 
ihre Mannschaften zu Hause dringender brauchten als je. 
Im Anfang des Frühlings 409 (Diod. XIII 54, vgl. mit 44 
extr.) landete Hannibal mit mehr als 100000 (nach Ephoros 
204000) Mann in Lilybaion, vereinigte mit seinem Heere 
das der Egestaner und andern Bundesgenossen, rückte vor 
Selinus und eroberte binnen drei Monaten (Hell. I 1, 37) 
zuerst diese Stadt, dann Himera. Die Selinuntier lagen 
schon seit 410 mit Carthago im Krieg, mussten also auf 
einen Angriff schon lange gefasst sein und hatten sich auch 
nach Unterstützung umgesehen (Diod. XIII 44) ; es ist also 
undenkbar, dass sie die zwei Kriegsschiffe mit 400 streit- 
baren Männern inzwischen heimzurufen unterlassen oder 
gar, was Müller und andere durch Verbindung von aal 
2ehvovaiai dvo mit dem Relativsatz in den Text hinein 
lesen, im Frühjahr 409 jene erst nach Asien geschickt 



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248 Sitzung der phüos.-philol . Classe rom x 4. Februar 1882. 

hätten. Die unerträgliche Härte, welche an dieser Verbin- 
dung auffällt, benutzt Müller, um die seine Zeitrechnung 
störenden Worte als ein aus Thukyd. VIII 26 xcu 2eXi- 
vovvriai ovo eingedrungenes Glossem zu streichen ; näher 
hätte es doch gelegen, eine so unpassende Construction gar 
nicht anzunehmen : xcci JSeXtvovoiai, ovo gehört za ißorjdrjOav 
xal Suqcckooioi, die anakoluthische Veränderung im Aus- 
druck des Subjects entschuldigt und erklärt sich aus dem 
Dazwischentritt und der Anziehungskraft der Parenthese. 
Die Erwähnung der Selinuntier ist, wie Riemann, qua ra- 
tione Hellenicon textus restituendus sit, diss. Paris 1879, 
bemerkt, wegen § 10 Selivovoioig di unentbehrlich und 
Müller scheint dies selbst gefühlt zu haben, da er, noch den 
zweiten Vorschlag macht, xal 2ekivovaioi zu schreiben. 
Dieser ist freilich schon aus äusseren Gründen wenig ein- 
leuchtend und hat auch bei Niemand Beifäll gefunden ; sach- 
lich aber kommt es auf dasselbe heraus, ob man mit Müller 
und den meisten Erklärern die zwei im J. 412 gekommenen 
Schiffe der Selinuntier bei Kyzikos untergegangen und 
bloss die Mannschaft, oder (was das Richtige ist) auch die 
Schiffe in Ephesos anwesend denkt: Thatsache ist, dass im 
Juni bei Ephesos die Mannschaft den Ephesern hilft ; das 
kann aber wegen der sicilischen Vorgänge nur 410, nicht 
409, geschehen sein. 1 ) 

1) Im Text ist vielleicht mit Riemann at nach xai einzusetzen. 
Schenkl in Bursians Jahresb. 1879. XVII 9 hält die Stelle für lücken- 
haft, lässt aber die Möglichkeit zu, dass die zwei Schiffe während der 
Schlacht von Kyzikos irgendwohin detachirt waren und so dem Ver- 
derben, welches alle andern betraf, entgiengen. Letzteres ist wahrschein- 
lich der Fall gewesen. Alle von Mindaros bei Kyzikos befehligten Schiffe 
giengen verloren (Xen. I 1, 18. Diod. XIII 51. Plut. Ale. 28); wären 
die von Selinus dabei gewesen, so müsste man mit Kurz annehmen, dass 
sie gleich den peloponnesischen und syrakusischen durch den Neubau in 
Antandros ei setzt worden seien (Xen. I 1, 24 f.); dass Pharnabazos sie 
allein von der Wohlthat der Holzanweisung ausgeschlossen habe, wäre 



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Unger: Die histor. Glosseihe in Xenophons Hellenika. 249 

Die Selinuntier wurden 410 von den Egestanern, wel- 
chen Cartbago punische und campanische Hölfstruppen ge- 
schickt hatte, geschlagen ; sie wandten sich dann nach Syra- 
kus mit der Bitte um Beistand, die Egestaner baten in Car- 
thago um weitere Verstärkungen. Hier fasste man nun den 
Plan, die Griechen aus der ganzen Insel zu jagen und rüs- 
tete desswegen 'den Sommer und den darauffolgenden Winter 
hindurch 1 , Diod. XIII 44. Selbstverständlich werden die 
Selinuntier, als sie sich nach fremder Hülfe umsahen, nicht 
die Absicht gehabt haben, noch länger die Peloponnesier 
mit 400 streitbaren Männern, die sie jetzt selbst dringend be- 
durften, zu unterstützen : die Botschaft, welche diese zurück- 
rief, ist wohl gleichzeitig mit der nach Syrakus bestimmten 
abgegangen, nach der eben citirten Angabe zu schliessen 
zwischen Mai und Juli 410. Daraus erklärt sich eine auf- 



unbegreiflich. Es ist aber nirgends zu lesen, dass Mindaros sammtliche 
verfügbare Schiffe zu der Unternehmung, welche so unglücklich ausfiel, 
genommen: vielmehr erhellt aus Diodoros, welcher XIII 45 ihm zuerst 
84, dem Dorieus 13 Schiffe zuweist und die Summe nach der Vereinig- 
ung beider ausdrucklich auf 97 angibt, dass nach dem Verlust von 30 
Schiffen in der Schlacht bei Abydos (Xen. I 1, 1. Plut. Ale. 27) ihm 
noch 67 geblieben sind; diese erreichten aber vor der Schlacht von 
Kyzikos durch Nachschub mindestens die frühere Zahl von 97, Diod. 
XIII 49 ix T€ ttjg TIeXoTtovvriaov noXkctt nagfyevr^d-riaav xccl rtccQa t<ov 
SXkiov ofAoiiüs. Wenn also bei Kyzikos 60 (Xen I 1, 11) oder 80 (Diod. 
XIII 50) untergegangen sind, so war damit nicht die ganze Flotte ver- 
nichtet; vielmehr behaupteten sich bezeugter Massen noch namhafte 
Ueberbleibsel in den Gewässern ausserhalb des Hellespont unmittelbar 
nach der Schlacht, Plut. Ale. 28 ov povov tov 'EMfanovzov dxov 
ßtßaiiüg (ol *4&rjvatoi) aXXä xcci xrjg ixXkvig ^aXänaijg ij-ylctaccv tovg 
AccxeSatfxoviovg, Mindaros glaubte noch bei Beginn derselben nur die 
40 Schiffe sich gegenüber zu haben, welche bei Eröffnung des Unter- 
nehmens in Sestos gestanden waren; gegen diese genügten 60 vollauf 
und eben daraus, dass er die Zeit vor dem Wiedereintreffen der andern 
aus Makedonien benützen wollte, erklärt sich sein früher Aufbruch noch 
vor Ende des Winters. 



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250 Sitzung der phüos.-pMol. Classe vom 4. Februar 1882. 

fallende Uebergehung bei Xenophon. Nach der Niederlage 
vod Ephesos bat Thrasylos um die Leichen der 400 ge- 
fallenen Athener und fuhr nach Notion, wo sie beerdigt 
wurden; in Methymna, wohin er sich von da begab, sah 
er die 25 syrakusischen Schiffe von Ephesos heransegeln: 
er griff sie an, nahm vier weg und jagte die andern zurück 
(I 1, 12). Die Nichterwähnung der zwei selinuntischen 
Schiffe an dieser Stelle wird als ein Beweis der angeblichen 
Unächtheit von %al lelivovaiai dvo angesehen ; sie erklärt 
sich vielmehr daraus, dass jene inzwischen den Heimruf er- 
halten und befolgt hatten. 

Die Unmöglichkeit, die Schlacht von Ephesos in das 
J. 409 zu verlegen, geht ferner aus Xenophons Mittheilung 
von der Mitwirkung der syrakusischen Mannschaft und von 
der kurz zuvor erfolgten Zusendung fünf neuer Schiffe her- 
vor. Als Hannibal Ende März 409 in Lilybaion landete, 
meldeten das die Selinuntier sogleich nach Syrakus und 
baten um Hülfe (XIII 54) ; dort Hess man auf sich warten, 
zunächst wegen eines Krieges mit den Chalkidiern, als man 
aber dann auf die Nachricht von der Belagerung diesen 
beilegte und (der ebenso undankbaren wie grausamen Be- 
handlung, welche das eroberte Selinus erfahren sollte, nicht 
gewärtig) grosse jedoch zeitraubende Rüstungen machte, 
unterlag die Stadt, ehe sie fertig waren. Entweder im Zu- 
sammenhang mit diesen Vorbereitungen oder (wie Müller 
p. 46 annimmt) nach dem Fall von Selinus, jedenfalls spä- 
testens bei Beginn der andern Belagerung haben die Syra- 
kuser ihre Schiffe zurückgerufen : denn der Angriff auf das 
an dem Kriege zwischen Egesta und Selinus gar nicht be- 
theiligt gewesene Himera musste auch den Kurzsichtigsten 
über die Absichten Hannibals die Augen öffnen. Ueber die 
Zeit der Rückkehr des Geschwaders besitzen wir das be- 
stimmte Zeugniss Diodors XIII 54, nach welchem sie in den 
letzten Tagen der Belagerung Himeras erfolgte ; dieses zu be- 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 251 

mangeln hat Müller p. 46 um so weniger Grund, als es ja 
mit seiner eigenen Ansiebt von der Zeit des Heimrufes 
stimmt und das Einzige, was er daran auszusetzen hat, der 
Vorwurf, dass Diodor so spreche als hätten die Sikelioten 
damals bloss jene 25 Schiffe besessen, ist erstens, wie der 
Wortlaut üav€7tXevoctv 7tqog zrjv c lf.Uqav rcevze itqdg zalg 

BLTLOÖL TQirjQBig TKXQCC ZCJV 2lXeXlO)ZWV, (XQ TtQOTBQOV flSV (X7te- 

ozdXxeioav zaig ^iaxedaifxovioLg inl Gv\i[iaylav zoze (f dve- 
OTQeipav and zijg ozQctzelag lehrt, völlig unbegründet, zwei- 
tens aber ändert er gar nichts an der gemeldeten Thatsache 
selbst. Da Himera nach Müllers eigner, zutreffender Rech- 
nung im Juni 409 erobert worden ist und damals die Schiffe 
schon zurückgekehrt waren, so können diese nicht wohl ein 
Gefecht Mitte dieses Monats bei Ephesos mitgemacht haben, 
jedenfalls aber nicht im Juli 409 oder noch später bei Me- 
thymna geschlagen worden sein. 1 ) Diodors Zeugniss wird 
überdies durch ein zweites, von M. hier nicht berücksich- 
tigtes bestätigt, Justin. V 4 Syracusanorum auxilia inlatum 
a Carthaginiensibus Siciliae bellum domum revoeavit; es 
setzt voraus, dass die Heimberufung der Schiffe spätestens 
beim Anfang der Belagerung von Gela ergangen ist. 

Nach alle dem wird man das Gewicht eines Zeugnisses, 
des einzigen, welches für die Dodwellsche Anordnung der 
Jahre spricht, nicht sonderlich hoch anzuschlagen brauchen. 
Dionysios v. Halik. über Lysias 21 Jiodozog, etg zwv pezä 
GqaavXXov KazaXeyevzwv iv zqi neXo/tovvrjaiaii^ noXe^, 
(xeXXiov ixnXeiv eig zrjv Idoiav eni rXccvKiTtnov aq^ovzog 



1) Xen. I 2, 10 inst ij noXig anujXojXei bezieht Müller unrichtig 
auf die Zeit zwischen den Schlachten von Ephesos und Methymna ; wenn 
Ende Juni 409, wie er dem entsprechend annimmt, die Nachricht von 
dem Falle der Stadt Selinus nach Ephesos gekommen wäre, so würde 
ja die Fahrt der Abgesandten, welche dieselbe überbrachten und die 
Schiffe heimriefen, so lange gedauert haben wie die ganze Belagerung 
von Himera. 



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252 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 4. Februar 1882. 

e'xcov vr t 7iia naidia öia^rjuag hiorqoaTO setzt die Ausfahrt 
des Thrasylos Ol. 92, 3. 410/09, wodurch sie in den Mai 409 
zu stehen käme. Diodotos fand in der Schlacht bei Ephesos 
den Tod , sein Bruder aber , den er für diesen Fall zum 
Vormund bestimmt hatte / , bestahl , nachdem er eine Zeit 
lang den Todesfall verheimlicht hatte, acht Jahre lang die 
Hinterbliebenen um ihr Vermögen. Diese acht Jahre spielen 
eine Hauptrolle in der Rede, in den von Dionysios aufbe- 
wahrten Fragmenten werden sie dreimal erwähnt (c. 25; 
zweimal c. 27) ; das erste beginnt mit der Mittheilung des 
Todes an die Familie, c. 25 inei de rqt XQ° V V idriXwoe %6v 
xtavatov atTÖlg xai Inoirfiav %a vofAi^Ofieva, xov f.iev nq&tov 
eviavTÖv ev IletQaiei diyxojvxo. Diese geschah um die Zeit, da 
Glaukippos ins Amt trat (14. Juli 410); vielleicht hat also 
Lysias an einer andern Stelle jenes erste Jahr nach Glaukippos 
benannt und Dionysios ihr seine Datirung entlehnt. 

Im Winter nach den Kämpfen des Thrasylos kam Kory- 
phasion wieder in den Besitz der Spartaner, Hell. I 2, 18; 
nachdem es seit Mai 425 15 Jahre lang in Feindeshand 
gewesen, Diod. XIII 64 j4axedcuf.i6vioi iyxQateig eyivovro 
Ttjg TIvXov TtevTeKccidewx errj tcSv l4&r)vaiwv avTr\v ytccTe- 
0%r]>t6Tü)v dcp' ozov Jrjfioad-evrjg avTr^v krteteixioe; also im 
Winter 410|09, nicht 409|8. Aus der dritten Prytanie des 
Glaukipposjahres (22, Sept. — 6. Nov. 410) wird eine Zahl- 
ung an den dortigen Befehlshaber erwähnt, CIA I 188; 
dass nur wenige Monate später der Hunger die Uebergabe 
habe herbeiführen können, findet Müller p. 44 unwahrschein- 
lich; wir meinen aber, dass 4 — 5 Monate dazu vollständig 
ausreichen konnten , auch war nur die Knappheit , nicht 
völliges Ausgehen der Lebensmittel der Beweggrund, in Ver- 
bindung mit der Unfähigkeit, bei karger Nahrung und täg- 
licher Verminderung der Kampffähigen gegen den unaus- 
gesetzten Ansturm der Belagerer den Ort zu halten, Diod. 
a. a. O. ft^XQ 1 H& fivog ovxuxov TtQOodoxtovteg naqa tcov 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 253 

jlcMEdaiixovlwv ßoq&eiav • cog ö'ol fxev 7toki\xioi rag tvqoo- 
ßoXag ex öiaöox^g €7voiovvTO y tüv de Idiwv oi fxev in twv 
TQav/ndvcjv ärte&vyoxov ol <T«c Trjg oirodeiag xaxcog anr\k- 
hxTxov , V7t6ortovdoi tov totiov i^ehnov. Waren die Vor- 
räthe schon völlig zu Ende gewesen, so kam auf die übrigen 
Verhältnisse nichts mehr an. Der andere Einwand Müllers 
gegen Haacke, dass es nicht begreiflich sei, woher die Spar- 
taner sechs Monate nach der Schlacht von Kyzikos die Kraft 
und den Muth genommen haben , Pylos zu Wasser und zu 
Land zu belagern, ist von geringer Bedeutung: der Haupt- 
angriff geschah auf der Land seit e und ein attisches Ge- 
schwader hat sich, wie aus Diodors Darstellung hervorgeht, 
nicht sehen lassen. 

I 3, 1: 409. 

Bei der Gesandtschaft beider kriegführenden Parteien, 
die zu Beginn der Belagerung von Byzantion die Reise zum 
Grosskönig antrat, befand sich laut Hell. I 3, 13 auch der 
frühere Feldherr der Syrakuser, Hermokrates, welcher, zur 
Zeit der Schlacht von Kyzikos geächtet, auf Bitten des Heers 
den Befehl bis zum Eintreffen der neuen Heerführer be- 
halten (I 1, 27 — 29), dann aber sich unter den Schutz des 
Pharnabazos gestellt hatte (I 1, 31); während des Winter- 
aufenthalts bei diesem in Gordion erfuhren die Gesandten 
den Fall von Byzantion (I 4, 2); als sie mit Frühlings 
Anfang weiter reisten, stiessen sie auf eine von Susa zurück- 
kommende spartanische Gesandtschaft und zugleich auf den 
eben die Statthalterschaft antretenden Kyros, welcher die 
attischen Botschafter festhielt (I 4, 5). Von den andern 
Theilnehmern der gemischten Botschaft meldet Xenophon 
nichts; da aber ihr Zweck sowohl durch das Vorgehen des 
Kyros als durch die Nachrichten, welche die Spartaner vom 
Hofe brachten, vereitelt war, so muss angenommen werden, 



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254 Sitzung der philos.~phüol. Classe vom 4. Februar 1882. 

dass sie sich aufgelöst hat. Bei Dodwells Anordnung fallt 
der Anfang der Gesandtschaftsreise und der Belagerung von 
Byzantion in das Spätjahr 408, und ihr Abbruch in den 
Frühling 407 ; aber seit Sommer oder Herbst 408 finden 
wir Hermokrates bereits in Sicilien mit dem Unternehmen 
beschäftigt, seine Aufnahme in Syrakus zu erzwingen (Diod. 
XIII 63) : dazu passt bloss Haackes Jahrvertheilnng , bei 
welcher die Gesandtschaftsreise desselben 409—408 statt- 
findet. Müller p. 51 nimmt mit Schneider an, Hermokrates 
sei schon vor der Belagerung Byzantions Mitte 409 in Si- 
cilien angekommen , habe das bei Diodor XIII 63 und 75 
bis zur Verbannung des Diokles Erzählte bis Herbst 409 
vollbracht, im Frühling 408 Hellas wieder aufgesucht und 
an der Gesandtschaft sich 408/7 betheiligt ; nach ihrer Auf- 
lösung sei er im Frühling 407 zum zweiten Mal nach Si- 
cilien gegangen und dort im Herbst 407 gefallen. Aber 
schon die XIII 63 geschilderten Ereignisse nehmen mindestens 
ein Vierteljahr weg und enden mit dem Schlnss der Jahres- 
geschichte, welcher den Eintritt der rauhen Jahreszeit an- 
zuzeigen scheint (TtaQeOKevd^ero Ttqoq tr\v avxov nd&odov 
imineXtoQ, eldwg tovq dvTiTtoXizevofxevavg dvTi7vqd^ovTag). 
Erst im Laufe der nächsten Jahresgeschichte kommt es 
zum Sturz seines Hauptgegners, des Diokles; als er trotz- 
dem in Syrakus nicht eingelassen wurde, gieng er nach 
Selinus zurück ; nach einiger Zeit (perd xiva xqovov XIII 75) 
rückte er, von seinen Anhängern gerufen wieder vor Syrakus 
und fand dort im Kampfe den Tod. Eine Entfernung des 
Hermokrates in der Zwischenzeit, noch dazu eine so lange 
von einem Jahre und darüber, hätte Diodor nicht wohl 
übersehen können, am allerwenigsten wenn mit ihr die 
Gesandtschaftsreise verbunden war, und sie lässt sich auch 
nirgends einschieben; daher haben die Bearbeiter der Ge- 
schichte Siciliens diese Annahme einhellig verworfen, vgl. 



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ünger: Die histor. Glosseme in Xenophons HelleniJca. 255 

Völkerling de rebus Siculis 1868 p. 58; Holm II 424; 
Meltzer Gesch. d. Karth. I 264. *) 

I 4, 2 : 408. 

Als die oben erwähnte gemischte Gesandtschaft nach 
dem Winteraufenthalt, den sie mit Pharnabazos in Gordion 
genommen, im Anfang des Frühlings {aqxofÄävov xov mQog 
I 4, 2) die Reise fortsetzte, begegnete ihr Kyros und nötjiigte 
den Satrapen, die Athener festzunehmen ; erst drei volle Jahre 
darnach (§ 7 eneidri iviavrol tqbiq r t aav) bewog Pharna- 
bazos jenen ihre Entlassung zu gestatten , sie wurden von 
Ariobarzanes nach Kios geleitet, von wo sie zum attischen 
Heer fuhren. Vom Frühling 407, an welchen Dodwell bei 
aq%oii£vov %ov eagog denkt,, , würden die drei Jahre in 404 
führen; aber seit dem Herbst 405 gab es kein attisches 
Heer ausserhalb des Landes. Die Ausflucht Müllers p. 30, 
diese Gesandtschaft sei nicht aus dem Lager des Alkibiades 
sondern aus Athen gekommen, hat Breitenbach p. 62 wider- 
legt; Müller verdächtigt aber auch die Worte eTteidrj — rjoav, 
weil der Beweggrund, welchen Kyros zur Festnahme der 
Gesandten hatte (§ 5 ßovkopevog tovg Zi&rjvatovg fxrj elöevai 
xa TtgaTTOfACva) , nach Jahresfrist schon hinfällig gewesen 
sein würde. Wie freilich jemand auf den Gedanken ge- 
kommen sein soll, diesen Satz einzuschieben, und was vor- 
her an seiner Stelle gestanden hat, gibt er nicht an. Nitsche 
ZGW. 1873 p. 946 kommt ihm zu Hülfe, indem er iv 

1) Diodor folgt XIII 63 (und 75) nicht mehr dem c. 54—62 in 
der Geschichte der Belagerungen von Selinus und Himera benutzten 
Timaios. Dieser hatte die Zahl der in Asien gewesenen Schiffe auf 25 
angegeben (c. 61, die vier bei Methymna verlorenen waren also dank 
der Unterstützung des Pharnabazos durch neugebaute ersetzt worden), 
dagegen c. 63 sind ihrer wie c. 34 eilf mehr. Diese andere Quelle ist 
wahrscheinlich Ephoros ; daraus und aus der Verbindung zweier Quellen 
mit verschiedener Zeitrechnung erklärt sich der Anachronismus Diodors, 
welcher c. 63 und 75 um ein Jahr zu früh datirt, vgl. Philol. XL 54 ff. 



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256 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 4. Februar 1882. 

'iXov&ig statt eviavzoi Tqeig zu schreiben vorschlägt. Der 
vorausgehende Gegensatz (Daovdßa&g rewg fiev v.axü%e 
rovg 7TQeoßeig, cpdoKcov toie ftev dvd^eiv avxovg naqd ßaailea 
Tote de owaäe a7ton:ejLHpeiv wg /Atjäev ^e^rprjzai erfordert 
jedoch eine Zeitbestimmung wie sie in ejteiöri de eviavzoi 
zqelg tjGav, iderj&t] zov Kiqov zum Gedanken passend und 
dem Sprachgebrauch Xenophons (vgl. z. B. II 1, 25 nqlv 
de r^xeqag dexa yeveod-ai) angemessen vorliegt; durch die 
Ortsangabe wird die Stelle ganz unverständlich und Nitsche 
hat es unterlassen, seine Conjectur zu erklären. Der Ort, 
wo Pharnabazos die Gesandten festhielt, kann Iluza nicht 
gewesen sein, weil es zur Statthalterschaft des Kyros ge- 
hörte; auch würde dann kein Gegensatz vorhanden sein, 
weil die Internirung im Gebiet des Pharnabazos schon im 
ersten Glied (zecog fiev xazeixe) ausgesprochen und ein 
Wechsel ihres Aufenthaltes nicht angegeben ist. Der Leser 
findet überhaupt nicht, welches Subject zu r^oav gedacht 
werden soll : ist nicht ol jrqeaßeig sondern Kvqog xat ®ccq- 
vdßa^og nach Nitsches Ansicht zu ergänzen, so vermisst 
man eine Aufklärung über Anlass und Zeit dieser neuen 
Zusammenkunft; an einen Besuch des Ortes bei der Fort- 
setzung der damaligen Reise des Kyros zu denken würde 
wenig Wahrscheinlichkeit haben, weil Ilaza fern von Gordion 
und der dort nach Susa führenden Strasse im Südwesten 
Grossphrygiens an der lydischen Grenze lag, l ) wohin ihn 
Pharnabazos schwerlich begleitet hat. Die Gesandten waren 



1) Iluza wird als Stadt von Phrygia Pacatiana (auch Karophrygia 
genannt, der westliche Theil Grossphrygiens) im Synekdemos des Hiero- 
kles e. 22 und in den Listen der Bischofsitze angeführt, welche den 
Namen zum Theil Eluza schreiben (8, 411. 9, 321 Iluza; 10, 434. 13, 
284 Eluza; 3, 321 Elaza, s. Parthey's Hierocles); überall erscheint es 
in der Umgebung von Städten der südwestlichen Gegend. Dadurch wird 
die Vermuthung Mannerts bestätigt, welcher es mit Aludda, zwischen 
Akmonion und dem lydischen Philadelpheia, von diesem 65, von jenem 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons HeTlenika. 257 

in der Satrapie desselben, im hellespontischen Phrygien 
internirt, aber die Verfügung über sie stand bei Kyros; 
dieser kümmerte sich in Sardes wenig um ihr Schicksal, 
Hess sie wohl gar absichtlich schmachten: vor der Heim- 
reise, welche er im Sommer 405 antrat, mag er eine Zu- 
sammenkunft mit Pharnabazos gehabt haben und bei dieser 
Gelegenheit von jenem an sie erinnert worden sein. 

Ein Scholion zu Aristot. eth. V, veröffentlicht von 
Bywater im Hermes V 82, verbessert von Usener NJbb. 
CHI 316 enthält zwei neue Fragmente der Atthis des 
Androtion : c Evxrrjiicov Kvdad-rjvfuevg . snl tovtov 7vqeoßeig 
rjX&ov and yLa%t8ai[iovog Id^vaQt MeyeXXog xai "Evdiog 
xal OiXoxccQidag .* xal STtdyei c rwv de 7ceQiyevo[.i€va)v QTtedooav 
(xvav vtczq exdoTOv Xaßovxeg. ixqourctov yaQ yv, oxi tovto 
gvvz&evto vTteQ tcov dXioxofxevwv. Euktemon trat am 2 1 . Juli 
408 ins Amt; bald nachher erschienen die Gesandten, denn 
der Vorgang ist der erste in der Jahresgeschichte. Während 
die nach der Schlacht von Kyzikos erschienene Gesandt- 
schaft Austausch der Gefangenen beantragt hatte (Diod. 
XIII 52 ßovX6fA.E&a tüjv alxiiaXtbxtov XvxqovvTEg avd-' 1 svog 
l4&r]vaiov Xaßelv eva Ad%tova\ wird hier bloss von Lösegeld 
gesprochen: nur die Athener waren demnach im Besitz von 
Gefangenen. Diese werden als Ueberlebende bezeichnet: 
also hatte auch eine namhafte Zahl im Kampfe den Tod 
gefunden. Beides setzt eine grosse Niederlage der Pelo- 
ponnesier voraus , welche nicht lange vorher stattgefunden 
hatte; bei Dodwells Anordnung findet man aber kein hieher 
passendes Ereigniss seit jener früheren Botschaft : vier syra- 
kusische Schiffe sammt der Mannschaft wurden (409 Dodw.) 
bei Methymna weggenommen, aber diese entrann im nächsten 



25 röm. Milien entfernt, identificirt : neben Iluza und Elnza kann auch 
die Aussprache Aluza bestanden haben und <5<5 tritt auch im Aiolischen 
für t ein. 

[1882. 1. Philos.-philol. hist. Cl. 2.] 17 



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258 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 4. Februar 1662. 

Winter aus der Gefangenschaft (I 2, 14); der Harmost von 
Chalkedon fand (Frühj. 408 Dodw.) mit einem Theil seiner 
Leute bei einem Ausfall den Tod, die anderen retteten 
sich in die Stadt (I 3, 7. Diod. XIII 66. Plut. Ale. 30). 

In der ganzen Geschichte dieser Zeit gibt es keinen Vor- 
gang, auf welchen Androtions Angaben passen als die Erober- 
ung von Byzantion, geschehen im Anfang 408 nach Haacke, 
407 nach Dodwell. Die Besatzung bestand nach Plut. Ale. 3 1 
aus Peloponnesiern, Boiotern und Megarern; die Peloponnesier 
aber waren ausschliesslich Lakedaimonier, Xen. I 3, 15 neqioi- 
Y.wv tiveg xai xwv vsoöa/Koöaiv ov itolXoL Es war die Mann- 
schaft der zwölf Schiffe, welche Klearchos im Auftrag des 
Agis nach Byzantion gebracht hatte. Auch wenn, was 
nicht mit Sicherheit aus I 1, 35 zu ersehen ist, die (kleinere) 
Hälfte derselben nach Chalkedon gelegt worden war, ver- 
blieben für Byzantion 1500 — 2000 Mann, von welchen nach 
I 1, 35 vewv aTqaTi(j)xiöo)v fxailov i) Tcc%eid)v ein guter Theil 
aus Hopliten bestand. Nach Diodor XIII 67 , aus dessen 
Bericht sich die Abweichungen Xenophons und Plutarchs 
von einander und von ihm erklären lassen, lieferte die eine 
Hälfte der Besatzung den durch Verrath eingedrungenen 
Athenern eine Schlacht, in welcher sie zum grössten Theil 
aufgerieben, der Rest aber gefangen genommen wurde: die 
Zahl desselben gibt Plut. Ale. 31 rovg 7ceQiyevofxevovg oaov 
TQiaxooiovg £c5vtccq elaße; bei Diod. XIII 67 ol rtSQiXei- 
q)&€vteg elg 7tevTaxoolovg xccTeqwyov 7tqog Tovg ev xoig leqoig 
ßwfÄOvg sind die gefangenen Byzantier (die spartanisch ge- 
sinnten hatten sich , was wir bloss aus Diodor erfahren, 
an diesem Kampf betheiligt) eingezählt, welchen nachher 
die Freiheit geschenkt wurde. Nachher ergab sich auch die 
andere Hälfte der Besatzung (zum grössten Theil wohl in 
der eigentlichen Schiffsmannschaft bestehend), welche während 
des Kampfes die Schiffe im Hafen gehütet hatte. Somit 
mögen etwa 450 — 700 gefallen, 1000—1700 in Gefangen- 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenopkons Hellenika. 259 

schaft gerathen sein. Diese wurden sogleich nach Athen 
geschickt; eine grosse Menge anderer brachte Alkibiades 
im Juni mit (Diod. XIII 68); die Summe aller Pelopon- 
nesier, welche während seiner Heerführung als Gefangene 
nach Athen kamen, betrug nicht weniger als 5000 (Athen. 
Xn 49). 

I 5, 11: 407. 

Nach den eleusinischen Mysterien, also Ende Boedro- 
mion (September) hob Alkibiades 1500 Hopliten und 150 
Reiter aus und fuhr mit 100 Schiffen gegen Andros. Die 
Andrier wurden im Feld geschlagen, dann eingeschlossen; 
wenige Tage später segelte er nach Samos und führte von 
dort aus den Krieg (xäxei&ev OQfxcofxevog irtolefiei I 4, 23). 
Daraus, dass Xenophons Erzählung hier zu den Unterneh- 
mungen der Peloponnesier übergeht (I 5, 1 ff.) und aus der 
späten Jahreszeit, in welcher Alkibiades ausfuhr, ist zu 
schliessen, dass jetzt der Winter eingebrochen war. Die 
Lakedaimonier aber, fährt X. I 5, 1 fort, hatten nicht lange 
vorher, weil die Nauarchie des Kratesippidas abgelaufen 
war, den Lysandros als Nauarchen ausgeschickt (rtQOTeqov 
tovtwv ov 7toÄfo$ %qov(j) e&rtefiipav). Bei Dodwells Anord- 
nung wäre Lysandros im Herbst des J. 407 dem Krate- 
sippidas nachgefolgt, also nur ein halbes Jahr Nauarch ge- 
wesen : denn von I 6, 1 t<$ & ZTtiovii vtu ^ivodvÖQip rtccQe- 
hrjlv&orog rjdr) rov xqovov S7tefxxpav KaXkvKQaxiöav steht die 
Zeit (406) fest. Die Nauarchie dauerte, wie allgemein und 
mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen wird, mindestens 
ein Jahr, unter Umständen auch l*/2, 2 und mehr; selbst 
angenommen aber, es habe kein festes Minimum ihrer Dauer 
bestanden, so würde man doch einen Nauarchen nicht bloss 
für die rauhe Jahreszeit gewählt haben, in welcher er seine 
Tüchtigkeit gar nicht bewähren konnte. Müller bezieht 
daher jenes ttqotbqov tovtwv ov TtoXfop xqovw auf alles von 

17* 



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260 Sitzung der phüos.'phüöl. Classe vom 4. Februar 1882. 

§ 20 an Erzählte, d. i. auf die ganze seit der Ankunft des 
Alkibiades in Athen (25. Thargelion, Mitte Juni) verlaufene 
Zeit und lässt den Wechsel der Nauarchie mit dem Früh- 
ling 407 eintreten, so dass sie Lysandros ein volles Jahr 
bekleidet hätte. Aber tovtmv muss jedenfalls auf den letzten 
vorhergenannten Vorgang, die Ankunft des Alkibiades in 
Samos bezogen werden: auch wenn man die nächstvorher- 
gegangenen dazu nimmt, bleibt doch jene der Hauptgegen- 
stand der zeitlichen Vergleichong: von einem im Frühling 
geschehenen Vorgang aber konnte in einer analistischen 
Erzählung nicht gesagt werden, dass es nicht lange vor 
einem Ereigniss des Octobers stattgefunden habe. 

Als ein Jahresamt scheint die Nauarchie denselben 
Normalanfang gehabt zu haben wie die andern Jahresämter 
der Spartaner, nämlich das Kalenderneujahr im Herbst *), 
entsprechend dem attischen 1. Pyanopsion, was mit Dod- 
well, Haacke u. a. auch Beloch Rh. Mus. XXXIV 117 ff. 
annimmt; wollte man die Dauer verlängern, so wurde wahr- 
scheinlich ein Kalenderhalbjahr oder mehrere hinzugefügt. 
In unserem Falle bekleidet demnach Lysandros die Nau- 
archie vom 1. Pyanopsion (Herbst 408) bis 1. Munychion 
(Frühling 406) attischer Benennung. Er kam nach Rhodos, 
nahm dort Schiffe, mit welchen er nach Kos und Miletos, 
dann nach Ephesos fuhr, wo er verweilte, bis Kyros in 
Sardes anlangte. Dieser war im Frühjahr auf dem Weg 
zwischen Susa und Gordion mit den griechischen Gesandten 
zusammengetroffen : da er ausser Lydien auch Grossphrygien 
und Kappadokien zu verwalten hatte, so musste es ihm 
nahe liegen, die Gelegenheit der Durchreise gleich zur Be- 
sichtigung seiner Provinzen zu benützen, Audienzen zu er- 
theilen, persönliche und sachliche Aenderungen zu treffen; 



1) Dass es dem makedonischen, nicht dem attischen Neujahr ent- 
sprach, wird Philol. XL 91 gezeigt. 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 261 

es ist daher keineswegs auffallend, wenn er erst im Herbst 
Sardes erreicht. Nachdem .Lysandros von Sardes zurück- 
gekehrt war, Hess er die Schiffe an's Land ziehen und hielt 
längere Rast, während die Schiffe trockneten und ausge- 
bessert worden, I 5, 10 dvelxvoag tag sv ^Ecpaott) vccvg r\ov- 
Xiccv rjyev, S7tiOHevd£wv xal dvaxpv%o)v ccvTccg. In diesen 
Worten ist, wie Breitenbach erkannt hat, der Uebergang 
zur Winterruhe 408(7 angedeutet und der Eintritt in die 
gute Zeit des J. 407 daher nicht I 5, 1, wie früher ange- 
nommen wurde, sondern I 5, 11 zu suchen, wo Xenophon 
die Erzählung von den Unternehmungen des Alkibiades 
wieder aufnimmt. 

Die Jahrepoche. 

Für die Zeit nach dem peloponnesischen Krieg legt 
Xenophon Naturjahre zu Grund, beginnend wie bei Hero- 
dotos Hieronymos Timaios Duris und andern Geschicht- 
schreibern mit Frühlings Anfang. Zwischen dem Winter- 
feldzug des Epameinondas in Lakonien und der Botschaft, 
welche die Spartaner im Frühjahr 369 nach Ablauf des- 
selben an die Athener sandten, liegt ihm der Jahreswechsel, 
VII 1,1 r$ de toTSQcp erei Acwedcufiovioi rtQsoßeig fy&ov 
Id&ipoOCp. Dass dieser genau auf den Eintritt des Frühlings 
fiel, lehrt die Vergleichung von V 4, 63 elg vag Qrißag ovk 
spßeßltjxortov tüv TtoXegÄLCov ovt sv tp KXeofißQOzog r^ye Tiijv 
avqaxidv srei ovx sv tp Tipod-eog Ttsqisrcksvos. Das erste 
der hier genaunten zwei Jahre trifft auf 376: in seinen 
Lauf fiel nicht bloss der ganze Feldzug des Kleombrotos, 
sondern laut § 61 auch die Schlacht von Naxos, welche 
nach Plut. Phok. 6 am 16. Boedromion (9. Oktober 376) 
stattfand ; von der Zeit aber, in welcher Kleombrotos aus- 
zog, heisst es § 59 eaq ijzscpaive. Der grosse Seezug, auf 
welchem Timotheos die Akarnanen, Kephallenen, Kerkyraier 
und andere Völker am ionischen Meere gewann, nahm wahr- 



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262 Sitzung der phüos.'philol. Classe vom 4. Februar 1882. 

scheinlich den grossten Theil der guten Jahreszeit von 
375 weg. 

Hätte Xenophon auch in der Geschichte des pelopon- 
nesischen Krieges das Jahr mit Frühlings Anfang begonnen, 
so wäre es demnach fraglich, ob er nicht auch dort nach 
Naturjahren rechnet ; erst durch den Nachweis, dass er dort 
erheblich später anfangt, erhält die herkömmliche Annahme, 
dass er die Anfangsepoche jenes Krieges zu Grunde legt, 
ihre Berechtigung. Geliefert ist derselbe im Obigen für 
den Wechsel von 410, welcher laut I 2, 1 in die erste 
Hälfte des Mai fallt; die späteren Jahranfänge sind durch 
keine Zeitangabe näher bestimmt, ausgenommen den letzten. 
Dieser tritt II, 3, 1 nach der Uebergabe Athens (II 2, 23) 
und vor der Wahl der Dreissig ein, also nach 16. Muny- 
chion, dem Datum der Uebergabe (Plut. Lys. 15), welches 
dem 25. April 404 entspricht. 1 ) Ferner wird II 3, 9—10 
das Ende des Krieges in den Ausgang des Sommers (tsIsv- 
riovrog %ov &sqovs), 27 Jahre 6 Monate nach seinem Aus- 
bruch und unter den Ephoren Endios gesetzt. Da dieser 
erst (am 4.) Oktober 404 das Amt angetreten hat, so ist, 
wie Em. Müller erkannt hat, unter &€Qog hier nicht der 
eigentliche Sommer zu verstehen, auf welchen mit Arkturs 
Frühaufgang Mitte Septembers (zu Athen im J. 432 am 
18. Sept., Boeckh Sonnenkr. p. 84) der Herbst folgt; eben- 
desswegen und weil die sechs Monate erst nach dem 25. April 
anheben, kann auch nicht an die Zweitheilung des Jahres 
bei Thukydides gedacht werden, in welcher die Herbstnacht- 



1) Die im Text gegebenen ßeductionen auf julianische Jahre lassen 
eine Fehlerweite von 1 — 2 Tagen auf oder ab zu; ihre Rechtfertigung 
s. Attischer Kalender, Akad. Sitzangsb. 1875. II 1 ff. und Att. Schalt- 
kreis, Philol. XXXIX 512 ff. Wer die dort begründete, im Wesent- 
lichen schon von Boeckh aufgestellte Annahme, dass zwischen 423 und 
421 ein Schaltmonat ausgemerzt worden ist, verwerfen wollte, würde gar 
den 24. Mai oder einen benachbarten Tag statt des 25. April erhalten. 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 263 

gleiche die Grenze zwischen Sommer und Winter bildet. 
Es bleibt also nur übrig, den Sommer über den ganzen 
Herbst hin bis zum Eintritt des eigentlichen Winters im 
November auszudehnen, und dies bestätigt sich sowohl da- 
durch, dass d-eQog im weiteren Sinn bei Xenophon mit dem 
Frühling anfängt (Philologus XXXVII 5), was auf die Be- 
deutung mildere Zeit des Jahres überhaupt schli essen lässt, 
als durch II 1, 1 ewg fiev &£qog fy, drto te Ttjg äqag ergs- 
q>ovto vuxl €Qya£6pevoi fXLO&ov xara Ttjv %a>qav ertei de %ei- 
fxcov iyevero xai Tqocprp oi% u%ov yvfivol te rjcav xal ävv- 
7t6dt]TOi, §vvt<JTctvTO dXKr(koig. Von den Früchten des Landes, 
welche die bessere Jahreszeit (äqa) bot, konnte man bis zum 
Ende der Weinlese geniessen; diese und die Aussaat des 
Getreides gaben Gelegenheit zu Arbeit und Verdienst bis 
zum Eintritt des Winters (Plin. hist. XVIII 319 u. 224—5). 
Der Krieg endigte also, wenn e^d^rjvog auf sechs volle 
Monate gedeutet wird, nach dem 16. Pyanopsion = 19. Ok- 
tober und vor dem 4. (oder 10.) November 404. *) 

Xenophon hat natürlich, da er seine Darstellung nach 
Kriegsjahren ordnet, wie Thukydides einen bestimmten Tag 
als Anfang derselben gedacht: nämlich den des ersten Ein- 
falls der Peloponnesier in Attika. Dieselben Gründe ferner, 
welche Thukydides bewogen, seine Jahrepoche auf das Ka- 
lenderdatum, nicht auf die Naturzeit des Kriegsausbruches 
zu stellen, 2 ) mussten auch auf ihn bestimmend wirken: das 
Naturjahr lieferte nur selten Mittel zu genauer Bestimmung 
einzelner Ereignisse, durch die Sonn wenden und Nacht- 



1) Aach die zwischen dem 3. September 404 (II 1, 4) und dem 
Ende des Krieges liegenden Vorgänge setzen den Verlauf einer längeren 
Zeit voraus: die Einnahme von Samos, Auswanderung der Kleruchen 
und Zurückführung der früheren Besitzer, Einsetzung eines neuen Regi- 
ments, Entlassung der Bundesgenossen, Heimfahrt, Ablieferung der atti- 
schen Flotte, der erübrigten 470 Talente und anderer Werthe. 

2) Zur Zeitrechnung des Thukydides. Akad. Sitzungsb. 1875. 1 88. 



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264 Sitzung der phüos.-philol. Glosse vom 4. Februar 1882. 

gleichen, durch die hervorragendsten Phasen des Siebenge- 
stirns, Arkturus, Orion, Sirius Hessen sich nicht viele Zeiten 
und auch diese meist nur annähernd fixiren; ein Laie in 
der Astronomie und wer für Laien schrieb, musste behufs 
der Setzung eines Ereignisses auf einen bestimmten Tag 
sich an den bürgerlichen Kalender halten. Man könnte 
meinen (wie man es von Thukydides irrthümlich gemeint 
hat), Xenophon habe den nächst gelegenen Zeitpunkt des 
Naturjahrs, also den Anfang des Sommers gewählt; aber 
I 2, 1 erwähnt er zuerst den Anfang des Jahres und dann, 
als etwas später eingetreten, den des Sommers. Er hat 
vielmehr das Kalenderdatum des ersten Einfalls zur Epoche 
genommen : II 3, 9 sagt er s!;dfirp>os xal €tvtcc %ai ewooiv 
STTj %<# TtoXafjUj} foekevra, nicht rifiiov y.al iitta ktX., und 
verräth damit, dass er vom Monatstage des Einfalls zu 
zählen angefangen hat: denn das Naturjahr der Griechen 
hat keine Monate, diese sind dem Mondjahr eigen. 

Die Zeit des Einfalls hat Thukydides nicht angegeben ; 
nur vom Ende der Berennung Oinoe's, mit welcher die 
Feindseligkeiten eröffnet wurden, schreibt er II 19, dass sie 
am 80. Tag nach dem Ueberfall Plataias (also etwa, vom 
viertletzten Anthesterion (Att. Kai. p. 10) ab gerechnet, 
am 16. Thargelion) abgebrochen worden ist; die Mitte 
dieses Zeitraums würde der 8. Munychion bilden. Die sechs 
Monate II 3, 9 führten im J. 404 vom Jahranfang bis in 
den Ablauf des Herbstes : je nachdem man Winters Anfang 
auf 4. Nov. (3. Maimakterion) oder 10. Nov. (9. Maimakt.) 
stellt, erhält man als vorläufige Spätgrenze den 3. oder 9. 
Thargelion. Die Frühgrenze bildet der 16. Munychion, als 
Datum der Uebergabe Athens x ) : in den nächsten Zeiten 

1) Demnach ist nicht bloss Thuk. V 20 avtoösxa huir duX&ov- 
Xiüv xal jjfjLBQtay okLytuv nageyeyxovacoy, wie Zeitrechn. d. Thukyd. p. 46 
(geschrieben vor Erkenntniss der Jahrepoche Xenophons) aus V 24 er- 
schlossen wurde, sondern auch V 26 en%d xal eXxoaiv hy xal ypigag 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenoj)hons Hellenika. 265 

nach diesem begann Xenophons letztes Kriegsjahr (II 2, 23. 

3, 1). Den Abstand zwischen beiden berechnet Thukydides 

V 26 auf 'nicht viele Tage 5 ; also ist frühestens der 18. Muny- 

chion statthaft. Im J. 410 verlief zwischen der Epoche und 

dem Anfang des Sommers kaum mehr Zeit, als die Ueber- 

nahme der Schiffe und Mannschaften nebst der Wehrhaft- 

machung des Schiffsvolkes wegnahm : dem 16. Mai (Sommers 

Anfang) entsprach aber damals der 1. Thargelion. Spätestens 

also der 27., frühestens der 18., ungefähr der 22. Munychion 

ist das Datum des Einfalls von Oinoe: die 27 Tage vom 

26. Elaphebolion bis dahin passen zur Dauer der Thuk. V 21 

(vgl. 19) — 24 verlaufenen Vorgänge. Dem 22. Munychion 

entsprechen folgende Tage des julianischen Jahrs: 

431 26. Mai 407 4. Mai 

410 8. Mai* 406 23. April 

409 26. April 405 12. Mai 

408 14. Mai 404 1. Mai. 

II. Ausscheidung der Glosseme. 

Jahr 411. I 1, 37 [xal 6 sviavTog elrjyev, iv $ Kclq- 
Xydovioi Idwlßa rjyovfievov OTQctTevoavzeg ETtl Sixellav dexa 
(.ivoidai GTQccTLag aiQOvoiv iv tqloI fitjol ovo 7toXeig 'Etärjvidag 



ov noXkag naQSvsyxovoag gegen Boeckh nctQ(t<p£Qeiv 'abweichen' im 
Sinn eines Deficite nnd xal als 'und zwar* zu nehmen. Der Ausdruck 
ist geflissentlich zweideutig gehalten, weil an beiden Stellen im Wider- 
sprach mit allen andern Angaben des Werks der Einbruch bei Oinoe 
statt des Ueberfalls von Plataia zur Epoche erhoben wird; der Anwen- 
dung auf jenes frühere Ereigniss soll eine Hinterthüre offen bleiben : 
dazu passt die bestimmte (addirende) Bedeutung, welche xai sonst hat, 
während die bestimmte von na^atpsQBiv (verabsäumen) auf Subtraction 
führt. Gerade nur an diesen Stellen, wo Thukydides von sich selbst 
abweicht, findet sich der seltsame Ausdruck; an andern weiss er sich 
deutlich auszudrücken, z. B. IV 32 veatv eß6ofx^xovxa xal oXiyat ntei- 
oviuv einer-, II 2 ntyTrjxoyra dvoiv Seovta itrj andrerseits. 



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266 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 4. Februar 1882. 

2elivovvra xai c I/xiQav.~\ T$ de ixlhfi erei xtL 1 ) Die Be- 
lagerung der zwei Städte nach einander dauerte vom April 
bis zum Juni 409 (p. 246) ; Xenophon würde also einen Ana- 
chronismus von zwei Jahren (bei Dodwells und Müllers An- 
ordnung von einem) begangen haben, wenn die Stelle acht 
wäre. Müller nimmt an, dass er denselben begangen hat, 
und die Späteren sind hier, wie bei den meisten eigentlich 
historischen Glossemen, seinem Vorgang gefolgt, auch die 
welche seine Anordnung nicht billigen. Aber dass ein Ge* 
schichtschreiber einen so groben Fehler in Bezug auf Er- 
eignisse, bei deren Eintritt er das 30. Lebensjahr schon 
überschritten hatte, begangen haben sollte, widerstreitet 
aller Wahrscheinlichkeit, um so mehr als dieselben mit dem 
Inhalt seines Werkes in Zusammenhang standen, und ein 
derartiger Irrthum ist ihm nirgends nachgewiesen worden. 
Natürlich müsste er auch von der Jahreszeit derselben 
nichts gewusst haben, da seine Epoche mitten in jene drei 
Monate hineinfallt , er also den Bericht hätte auf zwei 
Jahre vertheilen müssen. Welche Stirne gehörte dazu, 
Vorgänge, von welchen er weder Jahr noch Jahreszeit 
kannte, über die er nur eine dunkle Kunde vom Hören- 
sagen hatte, unter einem bestimmten Jahr einzureihen, da 
sie doch dem Plan seines Werkes fern lagen: Ereignisse 
des peloponnesischen Krieges waren sie nicht, hellenische 3 
(EAArpnnä) im Sinne seines Werkes auch nicht: denn die 
sicilischen Geschichten der Zeit von 403 bis 362 werden 
in demselben vollständig übergangen. Unsere Stelle hat 
jedenfalls denselben Verfasser wie die andern Notizen über 
Vorgänge Siciliens : sie alle finden sich nur in der Abtheil- 
ung, welche anerkannt auch an andern Stellen historische 
Glosseme enthält ; dieselbe Unkenntniss der Zeiten und der- 
selbe Geschichtstabellenstil, den unsere Stelle zeigt, findet 



1) Ueber das Citat bei Stephanos vgl. cap. III. 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 267 

sich in den andern; auch die Wahl der Worte beweist 
gleichen Ursprung. Mit nal 6 iviavrdg sh\ysv iv q> Kaq- 
X*]dovioi OTQarevaavreg iitl 2ixsXiav dsxa /xvQiaai argariag 
aiQOvoiv sv TQial prjol — c Ifxsqav vgl. I 5, 21 xal 6 sviavrog 
s'Xrjysv, iv $ KaQxqdovioi ig JSineXiav arqarevaavreg — orqari&g 
öwdexa fivqiaaiv elXov ld%qayavra Ttgoanad-e^ofievot S7trd 
[irjvag und die dortige Bemerkung. Bei diesem und den 
übrigen sicilischen Stücken aber werden sich noch mehr 
Beweise der Unächtheit finden. Andere sprachliche An- 
zeichen betreffs unserer Stelle s. zu I 2, 19 und II 3, 5. 

Jahr 410. I 2, 1 T<£ ds äXXq> srei [$ i\v oXvfutiäg rqirri 
nal svevtjKOOT*} , y Tvqoors&s'ioa ^vvwqlg ivlna Evayoqov 
'HXelov, ro ds oradiov Evßwrag Kvqrjvalog, stzi icpoqov fisv 
ovrog sv 27td(rrr] Evaqxirtrtov, aq%ovrog d'sv ^id"^vaig Evx- 
ryjfiovog] ld&rp>avoi fxsv Qoqinov irslyysav. Die Stelle bildet 
im Text die unmittelbare Fortsetzung der eben besprochenen. 
Die 93. Olympienfeier fand 2 1 /* Jahre später, im August 408 
statt, Euarchippos trat im Oktober, Euktemon im Juli 408 
ins Amt. Die eingeschlossenen Worte, ebenso die Stellen 
verwandten Inhalts werden allgemein unsrem Historiker ab- 
gesprochen, sowohl wegen des Anachronismus als weil vor 
Timaios (Polyb. XII 12) Niemand den einzelnen Jahrbe- 
schreibungen solche Datirungen vorgesetzt hat. 

410. I 2, 19 [xai 6 iviavrdg sXtjysv ovrog, sv tt) aal 
Mrfioi ärtd Jaqsiov rov Ileqocov ßaoiXswg drtoordvrsg rcaXiv 
izqoGsytaqr\oav adry.] Tov d* STtiovrog srovg (s. das nächste 
Glossem). Die Zeit dieses Aufstandes ist unbekannt: es 
wird sonst nirgends seiner Erwähnung gethan; aus dem 
gemeinsamen Ursprung der verdächtigen Notizen darf ge- 
schlossen werden, dass er im nächsten Jahr nach demjenigen, 
unter welchem in der Quelle derselben der Fall von Selinus 
und Himera angegeben war, also 408 stattgefunden hat. 
Xenophon, welcher, wie zu I 1, 37 erinnert worden ist, 
nicht einmal die Schicksale der Hellenenstädte Siciliens als 



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268 Sitzung der phäos.-phäol. Glosse com 4. Februar 1882. 

'EkXyvixä behandelt, sollte die uächste beste Empöruug im 
persischen Reich erwäbnenswerth gefunden haben? Aller- 
dings war, wie Müller p. 17 bemerkt, der Zustand desselben 
für die Geschichte Griechenlands nicht gleichgültig, der 
Aufstand der Meder hat aber auf dieselbe nicht eingewirkt; 
konnte es auch nicht, weil er noch in demselben Jahre 
niedergeschlagen wurde. Xenophon übergeht den Abfall 
des grössten Unterthanenlandes , Aegyptens, und die Ent- 
stehung eines zur Zeit, da er schrieb, noch blühenden Reiches 
daselbst mit Stillschweigen, ein Ereigniss, welches durch 
seine Folgen die persische Macht in ihren Grundlagen er- 
schütterte und weitgreifende Einflüsse auf Hellas übte; er 
übergeht die Kriege dieses Reiches mit Persien ebenso wie 
er für den Aufstand des Kyros, dessen Wirkung doch das 
Unternehmen des Agesilaos war, keine besondere Rubrik 
öffnet; ebenso verfährt er mit dem grossen Aufstand des 
Euagoras auf Cypern, der doch ein Hellene und mit Hel- 
lenen verbündet war. Die Unächtheit der Stelle zeigt sich 
auch an der Form. Hätte Xenophon das Ereigniss für er- 
wähnenswerth gehalten, so würde er es als einen inte- 
grirenden Bestaudtheil der Erzählung behandelt, es in einen 
Hauptsatz eingekleidet und vor Erwähnung des Jahres- 
schlusses angebracht haben ; das wäre seiner Weise, welche 
auch die des Thukydides und aller Historiker ist, ange- 
messen gewesen: wie er solche ausserhalb des Zusammen- 
hangs stehende Vorgänge zu behandeln pflegt, zeigt der un- 
mittelbar vorhergehende § 18 Tip d' avT$ %q6v(j) nal Acmz- 
daifxovioi Tovg ig ro KoQvqxioiov äcpeOTcoTag — dcprjuav. kcctcc 
ds tov ayTOv xcciqov %ai ev 'HQctxXelq tjj Tqa%ivi(f !4.%aiol — 
Tvqosdooav xtL ; ferner II 1, 4 xaTci de tovtov tov xctiQÖr 
Av*6q)Qwv 6 (Deqaiog — ivUrjOe ktL und andere Stellen. 
Hier dagegen wird zuerst der Jahresschluss angebracht und 
dann erst mittelst eines Relativsatzes die gleichsam ver- 
gessene Notiz von dem Aufstande nachträglich angeflickt, 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 269 

in derselben Weise und mit denselben Worten wie in den 
Glossemen I 1, 37 %ai 6 eviavxog elrjyev ev (q Kaqxrjdovioi 
aiQovoi, I 5, 21 xal 6 eviavrdg elrjyev ev ($ KaQxrjöovtoi 
eiXov, II 2, 24 xal 6 eviavxog elrjyev ev ip diovioiog ezv- 
Qavvrjoe. Denselben stilistischen Fehler zeigt 1 6, 1 q> r\ 
te oeXqvi] e^elircev %zl. nach t$ 6* enibvii exei. Die Con- 
struction and JclqbIov djiooTavxeg ist, wie das II 3, 5 zwei- 
mal vorkommende aTteoTtjoav and diovvolov lehrt, con- 
stanter Sprachgebrauch der Notizen; Xenophon selbst schreibt 
bald anoozrjvai aizo rivog bald a7tooxr\val xivog. 

Jahr 409. I 3, 1 [xov 6* eixiovxog exovg 6 ev (Dioxalq 
veaig tijg Idfhjvag even^qad-rj TtQrjoxrJQog eptneaovxog.'] enel 
d* 6 xeifidiv elrjye [Ilavvaxleovg fi£v ecpOQevovxog, aQypvxog 
6* l4vxiyevovg~\ [eaqog aQxo/xevov övolv nal £w.ooiv exüv xq> 
nole^ naQelrjlv&oxwv] ol Id&rjvaloi enlevoav elg IIqoikov- 
vrjoov. Antigenes und Pantakles traten erst 407, nicht 409, 
ins Amt, auch nicht zu Frühlings Anfang, sondern jener 
mitten im Sommer, dieser im Herbst. Ihre Erwähnung 
gilt allgemein als unächt; ebenso, was man nicht hätte er- 
warten sollen, die Jahrsummirung. Die Form derselben ist 
untadelig, ebenso die Richtigkeit der allgemein üblichen 
Ansicht von Xenophons Jahrepoche vorausgesetzt der Inhalt: 
wenn das Jahr mit dem Frühling anhob, so waren wirklich 
von 431 bis 409 22 Jahre verflossen. Dass die zwei andern, 
entschieden unächten, Summirungen: I 6, 1 (naQelrjlv&o- 
tcov) t$ Ttolepq) xexxaQtov Kai etKoaiv ercov und II 1, 7 
excov ijdtj xqi noHfÄCo nevxe nal iwooi 7caQelrjlv&6xtov ähn- 
lich gestaltet sind, erregt Verdacht, ist aber doch kein trif- 
tiger Beweis der Unächtheit : der Urheber derselben könnte 
ja unsere Stelle, an welcher eine Summirung zum ersten 
Mal auftritt, zum Muster genommen haben. Erst die Er- 
kenntniss, dass Xenophon die Jahrepoche nicht an den An- 
fang des Frühlings setzen konnte, weil der 22. Munychion 
niemals in eine so frühe Zeit fiel, rechtfertigt die Ausstossung 



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270 Sitzung der phüos.-phüol. Glosse vom 4. Februar 1882. 

der Worte dvdiv — TtctQehrjlv&OTwv. Umgekehrt gilt die 
Notiz von dem Tempelbrand in Phokaia *) jetzt allgemein 
für acht, obgleich ein schlagender Beweis des Gegentheils 
vorliegt. Sollte wirklich Jemand es ftir denkbar halten, 
dass Xenophon, mag er das Jahr mit dem Frühlingsanfang 
oder mehrere Wochen darnach um den 22. Munychion be- 
gonnen haben, die Erwähnung des Jahranfangs, wie in 
unserem Texte geschieht, im Laufe des Winters angebracht 
habe, oder kann man behaupten, dass mit rov 6* Irciovxog 
sTovg vewg kvB7tQ^o&7], E7iü <f 6 xeifiwv sXrjye (eaqog aQyo- 
pievov) ol sf&rjvaioi, S7vXevocev etwas anderes als das geschieht, 
da es doch feststeht und von Niemand geleugnet wifd, dass 
irtiovroQ kzovg auf das Frühjahr (409, Dodw. 408), %ELfiwvog 
aber auf den unmittelbar vorhergegangenen Winter (410/9, 
Dodw. 409/8) zu beziehen ist? 

Die Worte eagog äQxopivov nach $7tel d* 6 xBificov klrjye 
würden unanfechtbar sein, wenn Xenophon sich die chrono- 
logische Terminologie des Thukydides angeeignet und unter 
XEifjoüv ein ganzes Semester, das der rauheren Jahreszeit, 
verstanden hätte; 2 ) so aber, da xetfiwv bei ihm nur den 
eigentlichen Winter bedeutet, bürden sie ihm eine Tauto- 
logie auf und zwar eine der schlimmsten, den Leser am 
meisten beleidigenden Art, welche zwei begrifflich identische 
Ausdrücke nicht, wie es in den aus rhetorischen Gründen 
erlaubten Fällen geschieht, durch copulative Partikeln inner- 
halb desselben Satzes mit einander Verbindet, sondern den 
einen zur Protasis, den andern zu deren Apodosis macht. 



1) Er gehört vermuthlich dem J. 407 an, weil die von dem Inter- 
polator um zwei Jabre früher gesetzte Belagerung von Selinus und 
Himera in 409, die dem nächsten zugewiesene von Akragas in 406 zu 
setzen ist; genauer gesprochen dem im Herbst 407 zu Ende gehenden 
Jahre, s. cap. III. Ueber die Kakophonie iye7i^a^rj 7iQtjat^Qog s. zu 
II 3, 5. 

2) Hierüber s. oben p. 262. f 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 271 

Anderer Art und dem Gebiete der Tautologie gar nicht an- 
gehörig sind Fälle wie I 4, 1 iv roQÖi(p ovzeg %ov %ei\iüva 
tcl 7te7tQ(xyii6va rjKOvoav, aQxo.uevov de tov sagog %%X. und 

II 1, 1 €(OQ fAEV &BQOS 1JV, ETQZCpOVTO — €7tel Ö€ %U(JlWV 

iyevero xal TQoyrjv ovk u%ov wtX. Hiezu kommt, dass 6 
XeLfiwv e'Xrjye, weil es im zeitlichen Nebensatz steht, nicht 
den Ablauf des Winters selbst sondern die letzten Wochen 
dieser Jahreszeit bedeutet, wie II 3, 9 ärtt'dwxe TeXevrüvrog 
rov &€qovq (oben p. 262), der Frühling also damit noch nicht 
begonnen hat. Anders eXrjye, ireXevTa ro erog> 6 xc^wy, 
to &eqog im Hauptsatz bei Thukydides, was auch noch nicht 
den Abschluss an sich, sondern den letzten Abschnitt be- 
zeichnet, dadurch aber, dass in demselben kein Ereigniss 
stattgefunden hat, welches der Geschichtschreiber hätte er- 
zählen können, auch den Abschluss selbst mit in sich be- 
begreift: diesen allein würde eXrjgev, eTeXerntjaev, dvi\X&ev 
ausdrücken. 

Jahr 407. I 5, 21 [xai 6 iviavrog e'Xrjyev, iv $ Kccq- 
yr\d6vioi lg ZZineXlav orqaTevaavTeg ii%ooi xat e%axov TQirjQeoi 
xal 7te£ijg OTQccziag dtodena [ivqlccoiv eiXov l4*Qayavra Xl/uw, 
(A<*Xy psv fjTTtj&svceg rtQOOxa&e^Ofievoi, de ema iirjvag.] r$ 
ö iniovxi (s. d. folgende Glossem). Die Belagerung von 
Akragas begann um Anfang Mai 406 und endigte im De- 
cember desselben Jahres, Diodor XIII 91 iimqov Ttqo Trjg 
XSL^eQtvrlg TQ07trjg; dieser gibt ihr 8 Monate Dauer; ihr 
Anfang fällt demnach später als die erst I 6, 1 erwähnte 
Mondfinsterniss des 15. April 406. Den Anachronismus 
mit Müller u. a. auf Rechnung Xenophons zu setzen, ist 
um so weniger am Platz, als auch andere Anzeichen der 
Unächtheit vorliegen : schon oben erwähnt ist die im 
historischen Stil fehlerhafte Anflickung der Notiz mittelst 
eines Relativsatzes nach dem Vermerk des Jahresschlusses 
und die wörtliche Uebereinstimmung eines Theils mit dem 
Glossem I 1, 37; dazu kommt, dass die Einnahme von 



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272 Sitzung der phüos.'phüöl. Classe vom 4. Februar 1882. 

Akragas zum zweiten Mal II 2, 24 und zwar als ein Er- 
eigniss der dort behandelten, sowohl der ächten Darstellung 
als den verdächtigen Notizen zufolge um zwei Jahre späteren 
Zeit erwähnt wird. 1 ) Mindestens eine von beiden Stellen 
ist also nothwendig für interpolirt anzusehen : auch bei jener 
sind andere Anzeichen des fremden Ursprungs vorhanden, 
beide aber, wie die Uebereinstiramung der Sprache lehrt, 
aus gleicher Quelle geflossen : mit KaQxqdovioi elXov 14kq<x- 
yavxa Xi^ iidxy yTTfj&evceg hier vergl. dort pdxil fov*]- 
d-ävrwv Kaq%rjdovi(i)Vy anavei öi oirov eXovzwv lAKQCcyama ; 
s. auch zu II 3, 5. 

Jahr 406. I 6, 1 t§ d : ' iitibvxi ezei [(p fj tb oeXrjvrj 
e^eXinev eoneQag xal 6 naXaiog tij>£ Id&tjvag vewg ev l4.fr{\- 
vaig €ve7iQT](j&rf\ \Jlixva. ftiv icnoQevorcog ägxovTog de Kctk- 
Xiov Z4&rjv?]Oiv] ol jicMedaifiovioi %(j) Avoav8^ 7taqekr]Xv- 
d-orog ijdt] xov xqovov [xai Ttj) nokefÄ^) tett&qwv xal bmoolv 
iztuv] €7tefxxpav ircl rag vavg KaXXixQazldav. Die Jahr- 
summirung ist falsch (es hätte 25 heissen sollen) und an 
unrechter Stelle eingelegt: TtccQelrjlv&oTog zov %qovov steht 
in ursächlichem Zusammenhang mit S7t€fxxpav 9 während hwv 
nur zeitlich gemeint und bloss auf t$ <T ETtiovxi zu be- 
ziehen, also auch dort zu erwarten ist. Die Datirung ist 
abermals anachronistisch: Kallias und Pityas haben zwar 
406 ihr Amt angetreten, aber jener höchst wahrscheinlich, 
dieser sicher erst nach der Aussendung des Lysandros. Die 
Notizen am Anfang hat Müller halb und halb verworfen, 
freilich mit unzureichenden Gründen: er findet E07tiqag 
neben ry irtiovii %%u unpassend, wir wissen nicht warum; 
die Bemerkung über das Erechtheion wird jetzt durch eine 



1) Die Quelle des Interpolators Hess das Jahr um den 1. Oktober 
wechseln (s. zu II 2, 24); die Belagerung vertheilte sich also über zwei 
Jahre derselben, von welchen das spätere, als Jahr der im Hauptverbum 
angezeigten Handlung, für das Datum der ganzen Notiz (407, zu ver- 
bessern in 405) zu gelten hat. 



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Ünger: Die histor. Glosseme in Xenophons Rellenika. 273 

Inschrift bestätigt, s. Köhler im Hermes II 20. Die Mond- 
finsternis8 ereignete sich am 15. April 406 Abends; von 
8 — 9 Uhr war sie total. Dieser Tag entspricht nach unserer 
Rechnung im Allgemeinen dem 14., in unserem Falle aber, 
weil der griechische Tag mit Sonnenuntergang anfängt, 
dem 15. Munychion, hat also, auch wenn man eine Fehler- 
weite von ein paar Tagen annimmt, schwerlich schon dem 
neuen, 'nicht viele Tage' nach 16. Munychion beginnenden 
Kriegsjahr angehört. Der Beweis der Unächtheit liegt in 
der zu 12, 19 besprochenen Anflickung geschichtlicher 
Mittheilungen an die Jahrepoche und darin, dass Xenophon 
Ereignisse dieser Art nicht um ihrer selbst willen erwähnt 
sondern, wie die Sonnenfinsterniss II 3, 4, nur dann wenn 
sie mit einem politischen Vorgang zusammenhängen. 

406 II 1, 7 — 9 rag fievroi vavg Ttaqeöooav Avoavdqq 
\exwv ijdt] T(fi 7toke\u$ 7tivze xew eikooi 7taQeltjXv^0T(ov^. 
\%ov%($ de Tqi iviavxy nal Kvqog a7reycxetvev Avxoßoiaaytrjv 
Kai Mixqalov vlelg ovxag xrjg Jaqeiotlov ääeXqirjg xrjg xov 
Seqt;ov xov Jaqeiov x ) naxqog, oxi avx$ anavxdvxeg ov die- 
woccv diä Ttjg noqrjg tag %elqag> o noiovai ßaailel povov. 
rj de koqt] eoxl fxaxqoxeqov rj %eiqig, ev jj xrjv yjüqa e%wv 
ovdev av dvvaixo itoirfiai. c Ieqa/ievr]g (xev ovv xal ?) yvvr} 
ekeyov nqog daqetaiov detvov elvai, el Tteqioxpexai xrjv llav 
vßqiv xovxov 6 de avxov iiexaneiinexai d>g dqqwaxwv rtefi- 
ipctg äyyelovg.] Die Summirung gibt unrichtig 25 statt 26 
Jahre und ist in der vorliegenden Form an unrechter Stelle 
angebracht, bei einem Ereigniss, welches nach § 10 vor 
Jahresablauf geschehen ist, statt e'xovg 7tefX7vxov xal elnooxov 
xekevxwvxog. Die von ßreitenbach früher gegen die Aecht- 
heit von § 8 — 9 vorgebrachten Grunde hat Müller p. 17 



1) Wohl Besserungs versuch eines Abschreibers (der nur an dieser 
Stelle erkannte, dass unter Dareiaios der König zu verstehen ist) statt 
Japeiaiov. 

[1882. 1. Philos.-philol. hist. Cl. 2.1 18 



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274 Sitzung der pküos.'phÜol. Glosse vom 4. Februar 1882. 

mit solchem Erfolge bekämpft, dass mit den andern Heraus- 
gebern auch jener auf seine Seite getreten ist. Das Auf- 
treten der Form Dareiaios statt der gewöhnlichen, auch 
von Xenophon (Auab. I 1, 1) gebrauchten hält er für weniger 
wichtig; die andere auffallende, Form Ubq^ov statt l4(rva- 
t;€Qt;ov beseitigt er durch Ausstossung der ohnehin durch 
ihre Breite anstössigen und überflüssigen Worte rJjg xov 
TtaTQOQ. 1 ) Am schwersten fallt der Umstand in's Gewicht, 
dass die hier in das J. 406 gesetzte Heimberufung des Kyros 
§ 13 noch einmal und zwar als ein Ereigniss des nächsten 
Kriegsjahres berichtet wird, und diese Dublette lässt sich 
durch die willkürliche Behauptung, nur das Vergehen des 
Kyros falle in das alte, die Heimladung aber in das neue 
Jahr, nicht bei Seite schaffen. In einer annalistisch geord- 
neten Geschichtsdarstellung, wie es die xenophontische ist, 
gehört jede Meldung eben desswegen dem Jahre an, unter 
welchem sie vorgetragen wird, vorgreifende Erwähnungen 
werden als solche entweder durch allgemeine Ausdrücke wie 
z. B. voztQy xqovlj) II 4, 43 oder durch Jahrangabe wie 
I 4, 7 kenntlich gemacht; au unsrer Stelle findet sich kein 
solcher Fingerzeig, vielmehr wird 6 de avvov ^exaTiefinerat 
Tiefiipag dyyelovg durch das unmittelbar darauffolgende t$ 
d* ertiovTi erei so gut wie ausdrücklich dem alten Jahre 
zugewiesen. Ueberdies gibt die Form des zweiten Berichts 
deutlich genug zu erkennen, dass in diesem eine dem Leser 
noch nicht bekannte Thatsache mitgetheilt wird : es heisst 
§ 13 enei avvcj) naga xov Ttaxqog ijjccv ayyelog y nicht 6 
ayyeXog, und anstatt in zurückverweisenden Ausdrücken den 
Auftrag der Botschaft anzudeuten, wird derselbe als dem 
Leser neu vollständig angegeben : Xeycov oti ccQQtüozcov ixewoy 
xaXoirj. 

1) Kein Verstoss gegen den Sprachgebranch Xenophons ist die 
Anwendung von xoyti (Schleppärmel) : *d»6vg in der Cyropädie bezeichnet 
das mit solchen Aermeln versehene Kleid. 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 275 

Ebenso schwer wiegt ein Verdachtgrund, welchen 
Breitenbach und Müller gar nicht in's Auge gefasst haben. 
Xenophon sieht die Erkrankung des Königs, welche dem 
Kyros gemeldet wurde, als Thatsache und als den wirk- 
lichen Grund seiner Heimberufung an, § 15 Kvqoq 7tQog 
top nccciqa dqqcoaxovvTa iiBxdn^nxog dveßaive; er hält sie 
für die Krankheit, welcher Dareios schliesslich (ein Jahr) 
später unterlag, Anab. I 1, 2 B7tei r^a^evei xai V7ti07treve 
TeXevrrjv xov ßlov, Ktgov ^eraTcefinerat; ebenso Plutarch 
Ar tax. 2 tov 7iatqog vooovvrog ijSrj [letaneiiTZTog. Anders 
und wahrscheinlich besser ist die Quelle des Glossems unter- 
richtet: ihr ist die Beschwerde der Aeltern des gemordeten 
Bruderpaares die wahre Ursache des Rufes, die Erkrank- 
ung des Königs aber ein erdichteter Vorwand ((jieTcutefi- 
nerai wg dqQcooTÜv)* als Kyros heimkam, mag die letzte 
Krankheit desselben ihren Anfang genommen haben und so 
jene falsche Meldung, welche Kyros selbst geglaubt und 
dem Lysauder als Wahrheit mitgetheilt hatte, eine schein- 
bare Bestätigung gefunden haben. Eine weniger bedeutende, 
aber doch eine Abweichung liegt auch darin, dass Xeno- 
phon einen einzigen Abgesandten (§ 13 ayyeXog), die ver- 
dächtige Stelle aber mehrere (dyyeXovg) nennt. Ueber andere 
Eigenthümlichkeiten s. unten p. 285 ff. 

Jahr 405. II 1, 10 ry d° btclovtl srei [ercl Idqyixa pav 
£q>OQevovTog aq%ovxog <f ev lA&rjvaig l4Xe£iov\ ^dvoavdqog 
dg>ixopevog elg "Eq>eoov iiexeneiixpaTo 'EteovMov. Die An- 
kunft .Lysanders fallt, wie aus dem ächten Schluss der vor- 
hergehenden Jahresgeschichte (rag äi vctvg naqsdooav Av- 
4jdvdQq>) und aus den Zeitverhältnissen der ihr nachfolgen- 
den Ereignisse hervorgeht, in den Anfang des neuen Kriegs- 
jahrs (Mitte Mai); Alexias trat erst im Juli, Archytas im 
Oktober das Amt an. 

405. II 2, 24 [xat 6 sviavtog eXrjyev, Iv q> (iboovvti 
diovvoiog 6 'EqfioxQccrovg SvQanooiog itvQdvvrjoe, fidxj] (*ev 

18* 



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276 Sitzung der phüos.'phüöl. Classe vom 4. Februar 1882. 

TtQOTeoov r\xxr\ &6VTtov ino 2vQaxoakov KaQxrfiovUöv, OTtavei 
de oltov eXovziüv lixQayavra, ixXi7i6vrü)v zwv SixekitoTwv 
ttjv nShv.'] T(p d* iniovxi %%u (folgt das nächste Glossem). 
Die im ächten Text unmittelbar vorher erzählte Uebergabe 
Athens gehört dem Schluss des Kriegsjahres 405 (genauer 
405/4) an, sie geschah am 25. April 404; die Mitte des- 
selben, in welche hier die Erhebung des Dionysios zum 
Tyrannen gesetzt wird, fällt November 405 : aber Dionysios 
wurde im März 405, also im vorhergehenden Kriegsjahre 
406/5, Tyrann. Diodor erzählt dies Ereigmss dem Timaios 
nach (Volquardsen , Quellen Diodors p. 92), dessen Jahr- 
epoche Frühlings Anfang ist (Philologus XL 70), unter Bei- 
behaltung der Jahrrechnung desselben: in den Anfang der 
Jahresgeschichte fällt der Beginn der Belagerung von Akragas 
(XIII 86, um 1. Mai 406, oben p. 271); einige Zeit nach 
dem im December 406 (vgl. XIII 91) erfolgten Fall der 
Stadt gewinnt Dionysios die Tyrannis; dies und den Be- 
schluss der Punier, im kommenden Frühjahr 405 anzugreifen, 
berichtet der Schluss der Jahrbeschreibung (XIII 96); von 
der Ausführung jenes Beschlusses ist daher am Anfang cter 
nächsten Jahrgeschichte die Rede (c. 108). Diodors Dar- 
stellung steht mit allen anderweitigen Nachrichten im besten 
Einklang, insbesondere dienen ihr die über Dionysios Thron- 
besteigung vorhandenen Data, welche dieses Datum in OL 
93, 3. 406/5 bringen, und die übereinstimmenden Angaben 
von der 38jährigen Dauer seiner Ol. 103, 1 (Anfang 367) 
beendigten Herrschaft zur Bestätigung, s. Clinton zu Ol. 
93, 3 und 103, 1. Demgemäss haben alle Bearbeiter der 
Geschichte Siciliens den Anfang des Dionysios in die ange- 
gebene Zeit gesetzt und wenn E. Müller p. 48, um den- 
selben in den September 405 zu bringen, die von Diodor 
erzählte Vorgeschichte derselben auf 9, statt 3 Monate aus- 
dehnt, so ist das ein willkürliches Verfahren, welches über- 
dies sowohl von einer falschen Ansicht über Xenophons 



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Unger: Die Mstw. Glosseme in Xenophons Hellenika. 277 

Jahrrechnung ausgeht als auch den Angaben über die spä- 
teren Ereignisse Gewalt anthut, s. unten zu II 3, 5. 

Der Interpolator hat einen Gewährsmann benützt, wel- 
cher nach makedonischer Weise das Jahr mit der Herbst- 
nachtgleiche anfieng : da dessen Mitte, welcher die Throner- 
hebung des Dionysius angehörte, auf März 405 fiel, so hatte 
es mit Oktober 406 begonnen; hierüber s. cap. III. Dass 
entweder diese Stelle oder ihre Dublette I 5, 21 unächt ist, 
wurde schon p. 272 bemerkt: gegen die Aechtheit der vor- 
liegenden zeugt die nicht bloss Xenophons, sondern jedes 
Geschichtschreibers unwürdige Formlosigkeit der Sprache, 
welche sich in der Häufung einander coordinirter, aber zu 
einander und zum Hauptverbum in ganz verschiedenen Be- 
ziehungen stehender Participien und in der Kakophonie , 
vrtb SvQccxoolcov Kaq%ridoviu)v zu erkennen gibt. Müller p. 49 
streicht die Worte [idxjj f*ev — Trp> TtoXiv wegen der schlech- 
ten Sprache; aber auch die relativische Anfügung des von 
ihm als acht behandelten Restes ist vom Uebel (s. zu I 2, 19) 
und der Zweck, welchem die Streichung dienen soll, wird 
durch sie nicht erreicht, die Dublette nicht beseitigt: wäre 
eine von beiden Stellen acht, so müsste es die unsrige sein, 
weil in der andern die Einnahme von Akragas zwei Jahre 
vor der Erbebung des Dionysius gesetzt wird, während in 
Wahrheit nur drei (selbst nach Müllers Rechnung bloss 
neun) Monate in der Mitte liegen. Unsere Stelle setzt ganz 
richtig beide Ereignisse in ein und dasselbe Jahr; indem 
sie aber dieses nach makedonischem Kalender berechnet, 
erweist sie sich als die Notiz eines andern Schriftstellers, 
nicht Xenophons. 

Jahr 404. II 3, 1 ^ (f eniovti etei [q> r\v SXvfiTtidg, 
% to arddiov evUa Kgonivag QevTaXdg, *Evdiov iv 27zaQTr] 
icpOQevovzog IIv&odioQOv d* ev ld§r\vaig aQxovzog^ ov l4&r\- 
vccioi, ort sv dXiyaQxi? ÜQG&i]} wx ovopd^ovoiv aXX avaq- 
%lav tov enccvrov wXovoiv. eyivevo ds ij oXiyaqxia wde] 



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278 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 4. Februar 1882. 

eäo^e t(p drui(p %qta\ovxa avdqag eXeo&ai. Die Einlage stört 
den grammatischen Zusammenhang; der Antritt des Pytho- 
doros (im September) und des Endios (Oktober) fallen in 
den Lanf, nicht, wie es hier scheint, an den Anfang des 
xenophontischen Jahres; die Erklärung der Anarchie ist 
unrichtig und kann von keinem Athener damaliger Zeit 
herrühren, s. unten p. 288. 

II 3, 4. Die Notiz von dem Sieg des Thessalers Ly- 
kophron über seine Gegner ist mit Unrecht verdächtigt 
worden: sie steht chronologisch am rechten Platz und be- 
richtet ein wichtiges Ereigniss der Geschichte von Althellas, 
die Begründung der Tyrannis von Pherai ; auch alle späteren 
Inhaber derselben werden von Xenophon einer zum Theil 
ausführlichen Besprechung gewürdigt. 

404. II 3, 5 [iv de %($ avTcji XQ^ V V xa * diovvoiog 6 
2vQan6oiOQ TVQctvvog [ia%rj rptrftelg vno KaQ%r]dovUov rihxv 
aal KafiaQivav änwXeoe. \iex oklyov de xal Aeovxlvoi 2vqcc- 
xooloig ovvoMOvvreg aTtiozrjoav elg zrjv ccvzcbv nokiv and 
Jiowg'iov nal 2vQaKOOia)v. naqaxqrjfia de xal 61 2vQax6oioi 
InneTg and l ) Jcowaiov elg Katavrp dneoTtjoav.] Ol de 
2d[4ioi xtX. Das Eingeschlossene hat Brückner mit Recht 
beanstandet. Den Worten iv t$ avzqi XQ° V V zufolge müsste 
sein Inhalt in den September und Oktober 404 fallen (vor- 
her ist von der Sonnenfinsterniss des 3. Sept. 404 die Rede, 
nachher von der Beendigung des peloponnesischen Krieges 
um 1. Nov. d.J.), aber die Belagerung von Gela und die 
andern hier gemeldeten Ereignisse gehören, worüber alle 
Kenner der Geschichte Siciliens einig sind, dem J. 405 an. 
Müller, der schon die Erhebung des Dionysios unrichtig 
aus dem März 405 in den September dieses Jahres verlegt 
hat, behauptet p. 49, um die Stelle zu retten, der Inhalt 



1) So, dno and äniattiaccv, ist statt vno and änsaxakrpav zu 
lesen, s. Philologus XXXIII 690. 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 279 

derselben falle in das J. 404; was er zur Begründung dieser 
Ansicht anführt, beschränkt sich auf die Behauptung, dass 
Diodor im Widerspruch mit sich selbst den Angriff auf Gela 
in den der Belagerung von Akragas (406 v. Chr.) folgenden 
Sommer und doch in die Zeit nach der Einnahme Athens 
(Frühj. 404) setze. Bei Diodor ist von einem solchen Wider- 
spruche nichts zu entdecken. Er behandelt in der Jahres- 
geschichte von Ol. 93, 4 zuerst den peloponnesischen Krieg 
und beschliesst sie in Beziehung auf diesen XIII 107 mit 
der Einnahme Athens; c. 108 geht er nach zwei noch dem 
östlichen Schauplatze angehörigen Notizen (Tod des Dareios II 
am Ende von Ol. 93, 4 und Blüthe des Dichters Antimachos) 
zur westlichen Abtheilung der Jahresgeschichte, zu den sici- 
lischen Vorgängen über, welche er mit der stehenden Formel 
xard d£ Tip 2txeXlav eröffnet : auf diesem Schauplatz macht 
der Angriff auf Gela den Anfang und hier ist mit der Er- 
zählung des Timaios auch wieder, wie immer, dessen Jahr- 
epocbe zu Grunde gelegt: Ol. 93, 4 läuft hier von Frühlings 
Anfang 405 bis Winters Ende 404, vgl. Philo]. XL 82. 
Ueber die Jahrform des Glossems s. cap. III. 

Die sprachliche Fassung der Stelle ist ganz und gar 
unclassisch, ja überhaupt vollständig stil- und formlos: vier- 
mal begegnet ein- und derselbe Name, in zwei Fällen (o 2vq<x- 
xooiog und xai 2vQaxooicov) noch dazu überflüssiger Weise; 
die schon bei I 1, 37 und 5, 21 gerügte schablonenhafte, 
sei es aus Armuth an sprachlichen Mitteln oder aus salopper 
Fahrlässigkeit entsprungene Stereotypie des Ausdrucks er- 
reicht ihren höchsten Grad in dem rohen Parallelismus (*st 
okiyov äi xal JLzovtlvoi ärteOTtjoav ig xr(v nokw oltio dio- 
wolov, 7taqax^\(ia de xal ol 2vqcm6oioi Inneig med Jio- 
waiov sg KaTavrjv a7C60Tr]oav: kaum dass in naQaxQfaa 
neben [i&v okiyov (wie II 2, 24 orcavei oirov neben I 5, 21 
li/^qj) ein schwacher Versuch gemacht wird, die Wieder- 
holungen nicht allzusehr zu häufen. Der Ausdruck /ndxj] 



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280 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 4. Februar 1882. 

ijTTr^eig (wie I 5, 21. II 2, 24) und die Constructien äno- 
OTrjvcu oltzo gehören zu dem stehenden Sprachgebrauch des 
Interpolators ; seine Gleichgültigkeit gegen kakophonische 
Wiederholung zeigt auch I 3, 1 evenQjia&ri TtQrjOTtJQog ; I 1 37 
und 5, 21 OTQarevaavteg — axqaxtag; II 1, 9 iieT<X7V€fX7ietcu 
— nifixpag und die Häufung der Genetive ^Ttrj&ivvcov vtzo 
2vqcmooIu)v KaQ%r]dovla)v — eXovzcov — ivXinovxwv II 2, 24. 
Jenes evsTtQrjO&rj würde Xenophon mit Ttatexavd'r] vertauscht 
haben, aber der Interpolator hat, wie es scheint, nur einen 
geringen Wortvorrath zur Verfügung: wie dort 6 h Qco- 
xai<f vedg zijg ^t&rjvag svertQrjo&r] so schreibt er I 6, 1 6 
Ttjg id&rjvcig vewg iv y A§rpaig sveTtQyo&r]. — Auch der In- 
halt verräth einen späteren Schriftsteller. Ein Zeitgenosse 
der Ereignisse würde nicht geschrieben haben: Dionysios 
verlor Gela und Eamarina ; diese Städte waren damals noch 
selbständig und Dionysios nur Herrscher von Syrakus, er 
konnte nicht verlieren, was er nicht besessen hatte. 

II 3, 9 — 10. Die Worte ig o k^dfxrjvog — öixade xavi- 
Ttlevaev werden von allen ausser Clinton und Müller für 
unächt erklärt, obgleich sie dieser p. 12 fg. so gut ver- 
theidigt hat, dass es schwer hält zu begreifen, wie die be- 
reits widerlegten Verdachtgründe jetzt noch vorgebracht 
werden können. Die Erwähnung des dreissigjährigen Friedens 
ist nichts weniger als c albern': bei dem Eintritt des neuen 
Friedens wird passend an den alten, durch den jetzt been- 
digten Krieg abgebrochenen erinnert; an e^dfirjvog ist nach 
Wegräumung des störenden aber in den besten Hdss. feh- 
lenden Artikels 6 nichts Auffälliges mehr zu finden; die 
falsche, von einem Abschreiber, welcher 27 */* Kriegsjahre 
mit 29 Ephoren nicht zusammenreimen konnte, herrührende 
Zahl 28*/2 ist in 27^2 zu verwandeln und die Zählung von 
29 Ephoren nicht nur nicht falsch, sondern im Gegentheil 
einzig richtig, weil bei Lysanders Heimkehr eben das Jahr 
und damit die Ephoren neu gewechselt hatten. Ein posi- 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 281 

tiver Beweis der Aechtheit liegt darin, dass nur die Ephoren 
aufgezählt werden; jeder andere würde entweder auch die 
Archonten oder nur diese angegeben haben ; Xenophon da- 
gegen schrieb auf spartanischem Boden und zu einer Zeit, 
da Sparta anerkannt die Führerschaft in ganz Hellas hatte. 
Die späteren Autoren kennen keine Datirung nach Ephoren, 
während die attische allgemein in Uebung war ; ob noch im 
späten Mittelalter eine Ephorenliste vorhanden war, ist frag- 
lich, dagegen erklärt sich eben daraus, dass Xenophon zwar 
diese Ephoren, nicht aber die nach 404 angegeben hat, das 
Aufhören der datirenden Glosseme nach unserer Stelle. 

III. Ursprung der Glosseme. 

Die Glosseme zerfallen in chronologische und eigent- 
lich historische; jene wieder in summirende (I 3, 19. 6, 1. 
II 1, 7) und datirende (I 2, 1. 3, 1. 6, 1. II 1, 10. 3, 1); 
von den historischen gibt nur eines (II 1, 8—9) eine eigent- 
liche Erzählung, die andern (I 1, 37. 2, 19. 3, 1. 5, 21. 
II 1,8. 2, 24. 3, 5) enthalten blosse Erwähnungen, sum- 
marische Notizen wie. man sie im Texte einer Zeittafel zu 
finden pflegt. 

Die Summirung der Kriegsjahre ist an zwei von den 
drei Stellen falsch (I 6, 1. II 1, 7), also ohne Anwendung 
eines die Zeit von 411 — 404 behandelnden literarischen Hülfs- 
mittels gemacht. Der Urheber dieser Glosseme kennt die 
Geschichte jener Zeit nur aus Xenophon: nachdem er I 2, 19 
in bttü 6* 6 %unwv eXyye die (vermeintliche) Andeutung 
eines Jahreswechsels gefunden und die unter dieser Voraus- 
setzung richtige Summe von 22 zu Winters Ende 409 ab- 
gelaufenen Kriegsjahren hinzugescbrieben hatte, lieferte ihm 
I 4, 2 aQxofiivov di xov sagog das Anzeichen des nächsten 
Jahreswechsels, dagegen verkannte er die auch von vielen 
Neueren missachtete dunkle Andeutung des darauffolgenden 
(I 5, 10); so kam es, dass er bei den ausdrücklich äuge- 



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282 Sitzung der phüos.-phftol. Classe vom 4. Februar 1882. 

gebenen Uebergängen von 406 und 405 irrig 25 und resp. 
26 Kriegsjahre ablaufen liess statt 26 und 27. Woher 
wusste er aber, dass bei I 3, 1 das 22. Jahr zu Ende ging? 
Entweder war sein Exemplar der Hellenika am Anfang noch 
vollständig und fand sich dort angegeben, dass die Erzäh- 
lung im 21. Jahre anhebt, von wo der I 2, 1 angezeigte 
Uebergang ihn in das 22. Kriegsjahr führte; zu dem Irr- 
thum, Frühlings Anfang für Xenophons Kriegsjahrepocbe 
zu halten, konnte er durch die Wahrnehmung kommen, dass 
dieser bald von dem Anfang eines neuen Jahres, bald, an- 
scheinend hiemit in gleichem Sinn, vom Ende des Winters 
oder vom Anfang des Frühlings spricht. Oder, was wahr- 
scheinlicher, 1 ) er erinnerte sich, dass Thukydides den Ueber- 
fall von Plataia und viele Anfangsereignisse späterer Kriegs- 
jahre in den Anfang des Frühlings gesetzt hatte und bis 
in die Mitte des 21. Jahres gekommen war; Kenntniss des 
thukydideischen Werkes dürfen wir einem Leser der Fort- 
setzung desselben, Interesse für die Jahrepoche des einen 
dem Ergänzer der Epochenangaben des andern wohl zu- 
trauen. 

Dass dieser lnterpolator ein anderer ist als der Ur- 
heber der datirenden Glosseme, hat Em. Müller p. 16 an 
dem Widerspruch gezeigt, welcher zwischen ihrer Jahrrech- 
nung besteht. Den Jahresübergaug von 409, welchem jener 
(halb richtig) die Summe von 22 vollendeten Kriegsjahren 
beischreibt, stattet dieser mit der Datirung von 407 aus; 
von da bis zu dem Wechsel von 406 zählt jener um zwei 
Jahre weiter, dieser nur um eines. Müllers Beobachtung 
lässt sich zunächst dahin erweitern, dass auch die Erzählung 
und die Notizen anderen Ursprungs sind als die Jahrsummen 



1) Der Einscbub von eapog dQx°^ y ov I 3, 1 lässt vermuthen, 
dass ihm der Anfang des Kriegsjahres mit dem Frühling von vorn 
herein festzustehen schien. 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 283 

und dass der summirende Interpolator älter ist als die (oder 
der) Verfasser der anderen Zusätze. Die Summirung am 
Ende von II 1, 7 zag vavg Ttaqeäoaav ^ivodvdqq) [eztov i]drj 
zqi TtoXeijKp Ttevze xal ewooi TtaQeXyXv&ozt v\ ist offenbar 
in der Voraussetzung dort angebracht, dass unmittelbar 
nach ihr die ursprünglich d. i. im ächten Text in der That 
an naQedooav AvoavdQy angeschlossene Fortsetzung § 10 
r<£ & ETtiovTi szei folgt; erst später wurde die Erzählung 
§ 8 — 9 zovzq) de z§ eviavziji xal Kvqog a7t€xzeivev xrA. 
zwischen beiden Stellen eingeschoben: stand diese schon 
im Text, so würde das summirende Glossem erst nach oder 
bei den letzten Worten der Erzählung angebracht worden 
sein. Die eigentlich für die Einlage desselben ins Auge ge- 
fasste Stelle war vielleicht eine noch jetzt später kommende 
Stelle, eben der neue Uebergang z(ji § litiovzi ezei selbst, 
und der Umstand, dass das Glossem entweder auf schmalem, 
mehrere Zeilenausgänge begleitenden Rand oder zwischen 
den Zeilen geschrieben war, verschuldete die unrichtige Ein- 
ordnung in den Text der ersten Abschrift. Auch in den 
datirenden Glossemen ist das Vorbandensein der unächten 
Jabrsummen bereits vorausgesetzt. Den von Xenophon ohne 
Anzeige eines Jahreswechsels gelassenen Zeitraum zwischen 
I 2, 1. 410 und I 6, 1. 406 behandelt der Summator als 
dreijährig (410 — 407), indem er zwei Jahreswechsel in dem- 
selben vor sich gehen lässt, der datirende Interpolator als 
zweijährig (408 — 406), von einem einzigen Wechsel unter- 
brochen: er erkennt diesen in enei 6 xuimv eh]ye I 3, 1 
und setzt die Data des nach seiner Rechnung nächsten 
Jahres (407) bei, unter lässt das aber bei ctQyofievov zov k'ccqog 
I 4, 2. Warum? weil der Summator bei I 3, 1 hinzuge- 
fügt hatte dvolv y.cli bIkoolv izwv — nccQeXrjlv&ozcov, wäh- 
rend bei I 4, 2 er zwar, wie seine späteren Summirungen 
lehren, einen neuen Wechsel angenommen, ihn aber durch 
einen ähnlichen Zusatz bemerklich zu machen unterlassen 



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284 Sitzung der pMos.'phüol. Classe vom 4. Februar 1882. 

hatte. Was von den Datirungen, gilt auch von den Notizen : 
beide sind, wie sich später zeigen wird, gleicher Herkunft. 
Eine von den Notizen (I 1, 37) wird in dem Auszug 
aus Stephanos v. Byz. citirt, p. 690 Xeipega, nokig 2txeliag. 
Sevoq)ü)v 'EAArjVMwv tcqwti^ ' OTQaT&uovzeg <? Ini 2ixellav dexa 
juvQidoi OTQctTiag algovoiv iv tqioI prjol ävo rtokeig 'Ekkfjvl- 
dag 2eXivovvrd te xai Xeifjegav. to <f s&vntov XeipeQcuog 
cog 'IfieQalog; doch hat Meineke, wie es scheint ohne an die 
uns hier beschäftigende Glossemenfrage zu denken, den 
ganzen Artikel c ut imperiti et pessirao codice usi interpota- 
toris additamentum' eingeklammert. Die Unkunde, welche 
sich in der Annahme einer sicilischen Stadt Cheimera ver- 
räth, wäre zwar für einen Stephanos nicht zu gross; aber 
die Textverderbniss ist desto grösser : otgarevoavTeg in otqol*> 
revovreg übergegangen, diesem ein de hinzugefügt, welches 
die an Ort und Stelle vorausgehenden Worte KaQxrjdovioi 
Ldvvißa iflovyikvov nicht zulassen, Selivovvra nal 'Ipegav in 
SeXivotvrd tb nal Xei/utQccv verwandelt. Der letzte dieser 
Fehler setzt zwei ältere, sich nach einander fortpflanzende 
und vermehrende Entstellungen voraus : aus *al 'IfieQav 
musste zunächst xal Etpegav, aus diesem durch Erasis Xei- 
[leqav entstehen, ehe ein Dritter daran denken konnte, das 
Asyndeton 2efavovw<x Xeifi€Qav in 2el. re nal Xsip. zu 
corrigiren. Die Notizen müssten also vor der Zeit des Ste- 
phanos, welcher im fünften Jahrhundert schrieb, bereits die 
verderbliche Thätigkeit von drei Schreibern nach einander 
erfahren, in ihrer ursprünglichen Gestalt also spätestens im 
vierten schon bestanden, die unächten Summirungen aber 
noch früher den Text der Hellenika verunstaltet haben. 
Dies ist um so unwahrscheinlicher, als einerseits der Aus- 
zug aus Stephanos auch nicht wenige andere Glosseme ent- 
hält und uns nur in jungen Handschriften (die beste, der 
Rehdigeramus ist ein Papiercodex) überliefert ist, während 
noch in der zweiten Hälfte des XII. Jahrhunderts Eustathios 



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Unger: Die kistor. Glosseme in Xenophons Helleniha. 285 

ein weit besseres Exemplar benutzen konnte, andererseits 
aber von den Handschriften der Hellenika die älteste erst 
im XIV. Jahrhundert geschrieben ist. 

Die zuerst in den Text eingedrungenen Glosseme, welche 
die Jahrsummen enthalten, konnten allgemeine Verbreitung 
erlangen, weil die Handschrift, welche sie enthielt, oder die 
von ihr abgeleiteten vollständiger zu sein schienen als die 
andern; das Gleiche lässt sich von einer zweiten späteren 
Interpolation annehmen; aber kaum von mehr als einer. 
Vielmehr darf man die drei jüngeren Glossemenclassen für 
das Werk eines und desselben Interpolators ansehen: bei 
keiner von ihnen lässt es sich wahrscheinlich machen, dass 
sie beiden andern oder einer von ihnen zur Vorlage gedient 
hat ; alle drei setzen ferner die Benützung literarischer Hülfs- 
mittel voraus; auch kommt die ganze Gattung der histori- 
schen Glosseme in der Geschichte der Glassikertexte so selten 
vor, dass die Thätigkeit so vieler Interpolatoren dieser Art 
an einem einzigen Texte kaum zu begreifen wäre. Die Datp. 
insbesondere und die Notizen stehen mit einander im engsten 
Zusammenhang, selbst die Abweichung, welche zwischen 
ihnen besteht, lässt sich auf einen gemeinsamen Verfasser 
zurückfuhren und der Umstand, dass beim Jahr 404, wo 
die Datirung (wegen Unkenntniss der Ephorennamen von 
403 bis zur Mantineiaschlacht) aufhört, auch die Notizen 
ihr Ende finden, führt auf gleichen Ursprung beider; von 
der Erzählung lässt sich wenigstens sagen, dass kein Grund 
für die Annahme einer andern Herkunft spricht. 

Die Erzählung II 1, 8—9 ist einem Schriftsteller 
entlehnt, zu dessen Zeit das persische Reich noch bestand; 
dies schliessen wir aus dem Praesens § 8 o /coiovoi ßaotXei 
fxovov. Von der Erkrankung des Königs, welche Xenophon 
und der Gewährsmann Plntarcbs für eine Tbatsache und 
für die wahre Ursache der Heimberufung des Kyros halten, 
weiss derselbe oder glaubt es wenigstens zu wissen, dass sie 



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286 Sitzung der phüos-philol. Classe vom 4. Februar 1882. 

nur vorgeschützt, die Ladung vielmehr durch eine Palast- 
intrigue herbeigeführt worden war: was er erzählt, beruht 
entweder auf Hofklatsch oder auf der tieferen Kenntniss 
eines in die Serailyorgäuge Eingeweihten ; in beiden Fällen 
passt es am besten auf Ktesias, welcher 17 Jahre am 
Hofe zuerst des Dareios II, dann des Artaxerxes II lebend 
Nachrichten beider Art in Menge zusammengetragen hat. 
In unserem Falle war er, als Leibarzt des Dareios, wie kein 
anderer in der Lage, zu wissen, ob derselbe damals krank 
gewesen ist oder nicht, und die Erzählung gibt auch ohne 
Zweifel den eigentlichen Sachverhalt wieder. 'Auch Müller 
p. 18 meint, wenn sie nicht von Xenophon herrühre, müsste 
Ktesi$s ihre Quelle gewesen sein, bezweifelt aber, dass dieser 
einem Abschreiber zugänglich gewesen sei. Wir finden 
keinen Grund, dies in Abrede zu stellen : im neunten Jahr- 
hundert war das Werk in Byzantion noch zu haben, da- 
mals veranstaltete Photios den Auszug, welchen wir in 
seiner Bibliothek 5 noch besitzen : er konnte sich von da 
mindestens bis in das XIII. Jahrhundert erhalten, in wel- 
chem unter der Herrschaft der Lateiner ein grosser Theil 
der alten Bücher- und Kunstschätze vernichtet worden ist. 
Bis mindestens in dieses zurück darf man die unsern Hand- 
schriften des Xenophon und Stephanos gemeinsame Inter- 
polation ohne Bedenken verlegen ; der Einwand Müllers 
aber würde ja die auch von ihm und allen für unädht er- 
klärten Datirungen mittreffen. 

Die Namensform Jaqeialog findet sich nur bei Ktesias 
(Phot. bibl. p. 42) wieder und zwar bloss für den auch in 
unsrer Erzählung gemeinten Dareios II Nothos, für diesen 
aber ausschliesslich, so weit es sich um Könige handelt; 
den Sohn des Hystaspes nennt auch er Dareios, bloss ein 
Prinz (der eine von den Brüdern des Artaxerxes I) führt 
ausserdem noch bei ihm die andere Namensform. Wie in 
unsrer Erzählung, so wird Artaxerxes I Makrocheir auch 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 287 

von Ktesias Phot. p. 41b 20. 40. 42 a 10 Xerxes (an andern 
Stellen Artaxerxes) genannt, der Bruder des Kyros dagegen 
bloss Artaxerxes. Mitraios, in unserer Erzählung der Name 
des einen der zwei von Kyros Ermordeten, kehrt in dem 
Auszug des Kephalion aus der assyrischen Geschichte des 
Ktesias wieder (Euseb. chron. I 61. 62. Synkell. p. 317): 
wie Ktesias so bedient sich auch Kephalion des ionischen 
Dialekts, welcher es liebt, die Aspirata durch die Tenuis 
zu ersetzen, und die in gewöhnlichem Griechisch abgefassten 
Listen der Assyrerkönige des Ktesias geben dafür Mithraios 
(Euseb. I 65. II 48. Synkell. 285 u. a.). So schreiben den 
bekannten, auch von Xenophon (Cyrop. VIII 8. Anab. II 5. 
VII 8) beibehaltenen Namen Mithridates oder Mithradates 
Ktesias 43 b 8. 44 a 17 und Herodot I 110 ff. MiTQaddzrjg; 
ebenso MiTQoßdtyg 1 ) Her. III 120, MiTQajovrjg Ktes. 43 b 
33 (= Mi&QavOTr]Q Arrian Alex. III 8, 5), l4o7caf.uTQyg 
Ktes. 39 b 40. 40 a 13; MiTQaipe^vrjg Nicol Damasc. fr. 10 
in seinem Auszug aus Ktesias. Die gewöhnliche Form 
Mi&Qaddtrjg findet sich in Schriften ionischen Dialekts nur 
Ktes. 43 a 28, durfte aber dort wegen der zwei andern Stellen 
als Textfehler anzusehen sein. Endlich noch eine stilistische 
Parallele : dieselbe tautologische Breite, welche in ttjq daqu- 
aiov ddeXq>fjg rijg xov StQ&v tov Jaqei(ai)ov naxqpg An- 
stoss erregt hat, findet sich in Bezug auf eine andere 
Schwester des Dareios II (der als Prinz Ochos geheissen 
hatte) und Tochter des Artaxerxes I Ktes. 42 a 10 xov di 
£2%ov £c5j> 6 TtaTtjQ c Y(maviü)v öazQajirjv BTtoirjoe dovg avz(^ 
yvvaiica Haqvöariv^ ijzig v\v Säq^ov frvydzqQ ddelcprj öi 
otY.ua. 

Die unrichtige Einstellung des Glossems in das der 
Heimreise des Kyros vorausgegangene Jahr kann aus irriger 
Abschätzung der Zeitverhältnisse hervorgegangen, aber auch 



1) So auch Xen. Hell. I 3, 12; Mtzgäufig Heliodor V 8 ff. 



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288 Sitzung der philos.-phüol. Glosse vom 4. Februar 1882. 

auf das richtige Jahr berechnet und nur, weil es wegen 
seines Umfangs einen grossen Theil des Randes der Hand- 
schrift einnahm und über ty (P iitiovti evei hinaufreichte, 
vom ersten Abschreiber am unrechten Platze eingeschaltet 
worden sein. Ob Ktesias von Jahr zu Jahr erzählt und 
die einzelnen datirt hat, ist aus dem Auszug nicht zn 
ersehen. 

Bedeutend jünger als die Quelle der Erzählung ist die 
zu den Datirungen benutzte, dies beweist uns der Um- 
stand, dass dort (II 3, I) dem ganzen attischen Jahre Ol. 
94, 1. 404/3 die Bezeichnung Anarchie gegeben und diese 
aus der Eigenschaft der Regierung erklärt wird, unter wel- 
cher der Archont Pythodoros gewählt worden war. Beides 
konnte keinem Kenner der Geschichte, weder einem Histo- 
riker noch einem Chronologen der hellenischen und alexan- 
drinischen Zeit einfallen. Die Oligarchie der Dreissig war 
vom attischen Demos in der Volksversammlung gewählt und 
anerkannt, also legitim; erst geraume Zeit nach der Ar- 
chontenwahl (Xen. II 3, 11) gieng sie in eine Gewaltherr- 
schaft über. Wenn, wie das Glossem will, die Archonten- 
wahl jenes Jahres wegen des aristokratischen Regiments, 
unter welchem sie zu Stande kam, mittelst der Benennung 
Archontenleere nicht anerkannt worden wäre, so würde man 
diese auch auf die Jahre der Archonten von 321 — 319 und 
317 — 307 angewendet finden, zumal auf die ersteren, während 
welcher mehr als die Hälfte des Demos in der Verbannung 
schmachtete. Man müsste denn die Beschränkung derselben 
auf die Zeit der Dreissig aus dem besonderen Hasse, welchen 
sich diese zugezogen hatten, erklären und daher die Ent- 
stehung und Herrschaft der Benennung auf die Demokratie, 
von welcher die Dreissig gestürzt wurden, zurückführen. 
Aber gleich beim Einzüge in die Stadt schwor der Demos, 
alles vergeben und vergessen zu wollen, und ist nach Xeno- 
phon II 4, 43 diesem Schwur noch zur Stunde, da dieser 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 289 

schrieb, *) treu geblieben ; kaum zehn Jahre nach dem Sturz 
der Dreissig schreibt ein erbitterter Feind derselben und 
Vorkämpfer der Demokratie, Lysias, um dieses Jahr anzu- 
zeigen, VII 9 enl TIvd'odojQOv ccqxovtoq, nicht €7ti Trjg dvaq- 
%lag. Der Gewährsmann des Interpolators hält für Bezeich- 
nung des ganzen Jahres, was die eines kleinen (kaum des 
sechsten) Theiles war; er oder einer seiner Vorgänger kam 
zu dieser Verwechslung dadurch, dass in der Mutterliste 
zuerst die Anarchie und nach ihr die Regierung des Pytho- 
doros aufgeführt war. 

Eine ävaq%la im engsten und eigentlichsten 2 ) Sinn be- 
stand vom ersten Tage jenes Jahres bis zur Wahl und 
Amtsübernahme des Archonten Pythodoros, welche, bald 
nach der Einsetzung der Dreissig stattfand: diese wurden 
nach Xen. II 3, 4 um den 3. September (29. Metageitnion) 
404 gewählt, also etwa 59 Tage nach dem Abgang der vor- 
jährigen Archonten. Den einen der zwei Fehler unsrea 
Interpolators begeht auch Diodor XIV 3, indem er eben- 
falls das ganze Jahr Ol 94, 1 als Anarchie bezeichnet ; 
richtig dagegen ist seine Erklärung des Wortes: dvaq%iag 
ovorjg Id&Tjvyoi diä tt\v xctTaXvoiv vrjg iqye^oviag, und ihr 
entsprechend vermeidet er den Irrthum, die Anarchie mit 
Pythodoros gleichzeitig zu setzen. Hier ist nicht die Auf- 
lösung der Hegemonie gemeint, welche thatsächlich seit der 
Schlacht von Aigospotamoi, in aller Form aber durch die 
Annahme der Friedensbedingungen und Uebergabe Athens 
schon 2 1 /* Monate vor Ol. 94, 1 ihr Ende gefunden hatte, 
sondern das Erlöschen der aQx<xi (aller Jahresbehörden ein- 
schliesslich der höchsten, des Rathes) beim Ablauf von 



1) Etwa zwanzig Jahre nach dem Schwor, s. Nitsche, über die 
Abfassungszeit von Xen. Hell. 1872. 

2) Aus den Inschriften und aus Phlegon sind viele Jahre der 
späteren Zeit bekannt, welche in Folge Archontenmangels jene Bezeich- 
nung führen. 

[1882. I. Philos.-philol. hist. Cl. 2.] 19 



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290 Sitzung der phüos.-phüöl. Glosse vom 4. Februar 1882. 

Ol. 93, 4: x[ye\iovla heisst, wie das Lexikon lehrt, jede Re- 
gierung eines Staats, gleichviel ob einer Monarchie oder Re- 
publik, z. B. auch das Consulat, und ist insofern mit dq%rj 
synonym, der Zusatz did rrjv xaTaXvoiv Trjg r\ye\ioviag dient 
der Deutlichkeit, weil dvaqyia zugleich die weitere, moderne 
Bedeutung staatlicher Unordnung hat, in welcher es mit 
dvofxia synonym ist. In jenen Zeiten bestanden aber noch 
zwei andere Anarchien. Die Archontenleere wiederholte sich 
mit dem Abgang des Pythodoros beim Ablauf von Ol. 94, 1 
(wenn er nicht mit den Dreissig schon früher abgetreten 
ist): erst nachdem der Demos am 16. Boedromion eingezogen 
war, wurden die Jahresbehörden gewählt, Xen. II 4, 13 *<xl 
xoxe fiev aQ%äg xaraaTTjadf^evoi 6tvoXit€vovto ; auf diese über 
2*|a Monate dauernde Zeit bezieht sich [Pltit.] decem orat. 
835 f yqdipavTog ccvt$ (dem Lysias) QqaovßovXov itoXiielav 
\iexd xr\v xd&odov en dvaq%lag xi\g n qo EvxXeidov. Voll- 
ständige Listen mussten für Ol. 94, 2 zuerst die Anarchie, 
dann Eukleides aufführen, Diodor XIV 12 begeht hier den 
umgekehrten Fehler, das ganze Jahr dem Eukleides zuzu- 
theilen. Eine dritte, diesen beiden vorausgegangene Anar- 
chie erwähnt Suidas ®eo7to\mog\ yeyovwg ncttd tovg xQOvovg 
T^g dvccQxlag *-A$v\vau\)v enl rrjg evevrjxoOTrjg %ol%r\g oXvft- 
niddog, vjg ytal "Ecpogog, vgl. Suidas "EcpOQog'] v\v de enl xijg 
ewaxooTtjg TQiTrjg oXv^nddog, tag xal ttqo rrjg (DiXirtnov 
ßaoiXeiag elvai xov Maxedovog, wo r\v aus Missverständniss 
des zweideutigen yeyovwg an die Stelle von eyevvr\&r) ge- 
treten ist. Karl Müller fragm. hist. I p. CVIII denkt an 
die Blüthezeit beider Schriftsteller (welche viel später ein- 
getreten ist) und nimmt betreffs der Anarchie ein grosses 
Missverständniss an: gemeint sei die zwischen Amyntas 
und Perdikkas liegende makedonische Anarchie und das 
Datum Olymp. 103, nicht 93, etwa 366 oder 365 v. Chr. 
Eine solche Anarchie kennen die geschichtlichen Berichte 
nicht: Amyntas, Alexandros, Ptolemaios, Perdikkas folgten 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 291 

ohne Unterbrechung aufeinander und nahmen die Zügel der 
Regierung sogleich fest in die Hand. Eine Anarchie im 
modernen Sinn bestand während der zweiten Hälfte von 
Ol. 93, 4 und darüber hinaus : nachdem es entschieden war, 
dass die Stadt sich nicht halten könne, gewann die Aristo- 
kratenpartei immer grössere Macht and die demokratische 
Verfassung und Regierung herrschte fast nur dem Namen 
nach ; die anarchischen Zustände dieser Zeit schildert Lysias 
in der Rede gegen Agoratos. 

x Die vom Interpolator benützte Quelle war kein erzäh- 
lendes Geschichtswerk, sondern eine Olympionikenliste. Die 
Geschichtschreiber und überhaupt alle, welche sich der Olym- 
piaden zum Datiren von Ereignissen bedienen, fügen selbst- 
verständlich der Zahl derselben und dem Namen des Sta- 
dioniken nicht die Erwähnung von Festakten hinzu, welche 
sich nicht bei jeder Feier wiederholt, sondern nur einmal 
stattgefunden hatten : Zusätze wie y TtqoOTe&eloa ^vvcoqlg 
evlxa EvayoQOv 'Hleiov I 2, 1 nach oXv^miag xqbtr\ xat &>- 
evrpiooTri gehören ausschliesslich zur Geschichte der olym- 
pischen Spiele und werden daher auch nur in Olympioniken- 
verzeichnissen mit jenen eigentlichen Daten verbunden. So 
in dem des Eusebios chron. I 204 ivevrjxooTr] TQfarj. ]$jßa- 
toq KvQtjvalog ozddiov . . . rtgooeted-r] ovviaqlg xal evUa 
EvayoQag 'HXelog, während Diodor XIII 68 am Anfang der 
Jahrbeschreibung die Datirung dXv[A7tiäg iyevero tqiti] nqdg 
Talg ivevijKOVTa xa& qv evixa otclölov Evßarog KvQtjvalog, 
aber erst c. 75 unter den geschichtlichen Notizen fCQoaeTi&r] 
de xccl awiaqlg xata rrjv avzrjv okvfiTtiaöa angiebt. Die 
Mehrzahl der Schriften, welche solche Verzeichnisse ent- 
hielten, bestand in Zeittafeln, in welchen mit der Liste eine 
Chronographie, d. i. Notizen über die wichtigsten Ereig- 
nisse jedes Jahres verbunden waren ; zur Bezeichnung der 
vier einzelnen Jahre dienten ausser den Nummern meist noch 
die Nameu von Jahresbeamten, vor allen die der attischen 

19* 



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292 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 4. Februar 1882. 

Archonten. Ein Werk dieser Art, eine Olympiaden- 
chronik war die Quelle unsres Interpolators : sie fügte 
der Festgeschichte die Archontennamen und geschichtliche 
Notizen bei; Aufschluss über ihren Verfasser können wir 
daher erst nach Untersuchung der Notizen gewinnen. Dass 
dieselbe auch die treffenden spartanischen Ephoren ange- 
geben hatte, ist schon an sich unwahrscheinlich, weil kaum 
eine oder die andere dieses gethan und die einzige,, von 
welcher es sich annehmen Hesse, die des Timaios, sich schwer- 
lich bis in das spätere Mittelalter erhalten hat ; völlig aus- 
geschlossen wird es durch einen Umstand, welcher auf Ab- 
leitung der Ephorennamen aus einer anderen Quelle schliessen 
lässt. Für die Frage, in welcher Weise die Amts- oder 
Kalenderjahre der Olympiadenzähluug angepasst worden sind, 
darf der Kanon aufgestellt werden, dass dasjenige bürger- 
liche Jahr als erstes der Olympiade gilt, in welchem die 
Spiele abgehalten wurden, z. B. als Ol. 93, 1 das der Con- 
suln von 346/408, des Archonten Euktemon (Antritt Juli 408), 
des Ephoren Arakos (Antritt Oktbr. 409) ; ebenso nach make- 
donischer, byzantinischer und nach Timaios' Zeitrechnung 
das um 1. Oktober, 1. September 409, mit dem Frühling 
408 beginnende Jahr. Dies liegt in der Natur der Sache, 
da im andern Fall die Spiele in das 4. Jahr der Olympiaden 
gefallen sein würden, und wird durch alle thatsächlichen 
Fälle bestätigt, für das lakonische Jahr des Ephoros und für 
das des Timaios durch Diodor (Philologus XL 54), für die 
späteren Kalender z. B. durch Julius Africanus (Philol. Anz. 
XI 83), die Olympiadeuliste und die Kaiserdata des Euse- 
bios, durch die byzantinischen Chronographen. Unser Inter- 
polator setzt aber bei jedem Olympiadenjahr und dem dazu 
passenden Archonten den Ephoren, welcher erst l */* Monate 
nach dem olympischen Festtermin ins Amt getreten ist, 
z. B. bei Ol. 93, 1 statt des Arakos seinen Nachfolger 
Euarchippos. Dies erklärt sich daraus, dass er die Ephoren 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 293 

aas Xenophon II 3, 10 entlehnt hat: d'eu für das letzte 
Kriegsjahr dort genannten Endios stellt er mit dem Ar- 
chonten desselben Kriegsjahrs Pythodoros, mit welchem er 
zwar beim Ende des Krieges aber noch nicht bei der vor- 
hergehenden Olympienfeier verbunden werden konnte, zu- 
sammen und ordnet dem entsprechend auch die Vorgänger. 
Die Notizen hat dem Interpolator kein Geschicht- 
schreiber geliefert. In einem erzählenden Geschichtswerk 
würde er gelesen haben, dass 410 die Schiffe von Selinus 
wegen des Krieges dieser Stadt mit Carthago, 409 die von 
Syrakus wegen der Bedrohung ganz Siciliens durch die 
Punier aus Kleinasien zurückgerufen worden sind; selbst 
der kurze Auszug Diodors aus Timaios erwähnt die Heim- 
kehr der letzteren bei der Belagerung von Himera, ähnlich 
der noch dürftigere des Justinus aus Trogus: der Inter- 
polator würde daher nicht die Eroberung von Selinus und 
Himera ein Jahr vor der Betheiligung der selinuntischen 
und syrakusischen Schiffe an der Schlacht von Ephesos ge- 
meldet, er würde auch die anderen starken Anachronismen 
nicht begangen haben. Seine Quellte ist also eine Chrono- 
graphie, welche nur einzelne Hauptereignisse in Gestalt 
fragmentarischer Notizen verzeichnete; da sie aus dem Zu- 
sammenhang gerissen waren, konnten sie leichter in eine 
falsche Verbindung gebracht werden. Wenn, wie wahr- 
scheinlich, von demselben Interpolator die Erzählung des 
Ktesias eingeschoben worden ist, so folgt daraus, dass die 
Notizenform schon der Quelle eigen war : sonst versteht 
man nicht, warum er nicht auch die Heimladung des Kyros 
als Notiz oder umgekehrt, soweit es der Raum erlaubte, 
den Inhalt der Notizen ausführlicher behandelt hat. Dass 
als Quelle ein später Compilator, kein Kenner der Geschichte, 
auch schwerlich ein gelehrter Alexandriner gedient hat, 
schliessen wir aus den Angaben über die Anarchie (II 3, 1) 
und über die politische Stellung der sicilischen Städte im 



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Xen. 


Data 


411 


(409) 


410 


408 


(409) 


407 


(408) 
( 4.071 




406 


406 


405 


405 


404 


404 



294 Sitzung der philos.'phüol. Classe vom 4. Februar 1882. 

J. 405 (113,5) und denken daher an eine Olympiaden- 
chronik der Eaiserzeit. 

Die Abweichungen der Notizen von den Daten und beider 
von Xenophon veranschaulicht am leichtesten eine Zu- 
sammenstellung der Jahre vor Christi Geburt, welche über- 
all vorausgesetzt werden: 

Notizen 

409 Selinus, Himera 
408 Medien 
(407) Phokaia 
(406) 

405 Akragas 

406 Finsterniss; Athen 
405 Akragas, Dionysios 
404 Gela; Leontinoi u. a. 

Diese Tafel zeigt, dass die Notizen Anfangs genau den- 
selben Fehler, einen Anachronismus von zwei Jahren, be- 
gehen wie die Daten, was auf gleichen Ursprung beider 
führt; auch ihre Abweichung von einander spricht nicht 
dagegen: in den Notizen sind die Jahre 406 405 zweimal 
behandelt, offenbar um die am Anfang verlorenen zwei 
Jahre hier wieder einzubringen; alles andere stimmt über- 
ein. Ehe jedoch der Gang, den die Interpolation vermuth- 
lich genommen hat, dargelegt werden kann, mu$s erst die 
in der Tafel aufgestellte Gleichung der Jahrzahlen begrün- 
det werden. 

Die Erhebung des Dionysios zum Tyrannen im März 
405 geschah der Notiz II 2, 24 zufolge ivitxvvy fxeaovvTi; 
das Jahr ihrer Quelle begann also ungefähr um September 
406, d. i. sie rechnete nach lakonischen oder, was wegen 
ihres späten Zeitalters vorzuziehen, nach makedonischem 
Kalender, dessen Neujahr ebenfalls auf den Neumond nächst 
der Herbstgleiche fiel. Die Olympiadenchronik musste dieses 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 295 

Jahr als Ol. 93, 4 (nicht 93, 3) zählen ; und diese Zähl- 
ung wird auch wirklich in der Datirung desselben II 1, 10 
(vgl. 3, 1) vorausgesetzt. In das folgende Jahr Ol. 94, 1 
setzt die Notiz II 3, 5 den Fall von Gela und Kamarina, 
die Auswanderung der Leontiner und der vornehmen Syra- 
kuser, Ereignisse, welche nach Timaios (p. 279) zwischen 
Frühlingsanfang 405 und Winters Ende 404 geschehen sind, 
und zwar wahrscheinlich erst in der zweiten Hälfte dieses 
Zeitraums. Die Belagerung von Gela, deren Ende das erste 
jener Ereignisse bildet, begann im Hekatombaion (c. 18. Juli 

— 16. Aug. 405), vgl. Timaios bei Diod. XIII 108 mit 
Arrian Alex. II 24, 6 ; erst viel später, nach vielen Stürmen 
einer- und Ausfällen andrerseits, rückte Dionysios, welcher 
grosse Rüstungen angestellt und die Streitkräfte der Hel- 
lenenstädte Siciliens und Italiens mit den syrakusischen ver- 
einigt hatte, zum Entsatz heran; 20 Tage nach seinem Er- 
scheinen vor der Stadt wurde die Schlacht geschlagen, welche 
über ihr Schicksal entschied. Ihr Fall darf daher in die 
Zeit um die Herbstnachtgleiche verlegt werden, so dass 
dieses Jahr der Notizen, entsprechend dem vorausgegangenen, 
vom Herbst 405 zum Herbst 404 läuft und als Olympiaden- 
jahr wiederum mit dem in der Datirung angegebenen (Ol. 
94, 1) zusammenfällt. Dasselbe gilt von den früheren No- 
tizen, so weit deren Zeit bekannt ist, und darf daher auch 
für die nicht näher bekannten (Medischer Aufstand, Brand 
in Phokaia) gleiche Jahrform angenommen werden. Die 
Belagerungen von Selinus und Akragas, März — Juni 409 
fallen nach makedonischer Rechnung in Ol. 92, 4. Okt. 410 

— Okt. 409 : die Datirung setzt wirklich Ol. 92, 4 voraus ; 
die Mondfinsterniss des 15. April 406, makedonisch Ol. 93, 3. 
Okt. 407 — Okt. 406, geschah auch der Datirung zufolge 
Ol. 93, 3. 

Bei dieser ist der Interpolator von dem letzten Jahre 
Ol, 94, 1 ausgegangen. Seine letzten Datirungen treffen (von 



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296 Sitzung der phüos-phüol. Classe vom 4. Februar 1882, 

der Verschiedenheit der Jahrepoche zwischen Xenophon und 
dem Chronographen abgesehen, welche der Interpolator nicht 
erkannt hat) auf die von Xenophon gemeinten Jahre, seine 
ersten nicht; gerade das letzte Jahr aber konnte auch ein 
oberflächlicher Leser am besten treffen, weil es den grössten 
und berühmtesten, auch in der magersten Chronographie 
nicht leicht fehlenden Vorgang, den Fall Athens, enthält; 
die Quelle des Interpolators deutete selbst in der Datirung 
(Anarchie) jenen an : in das vorletzte Jahr entfallt die ebenso 
bekannte Niederlage von Aigospotamoi. Der letzten Jahr- 
beschreibung Xenophons (II 3, 9 — 10) sind die Ephorendata 
des Interpolators entflossen, von ihr inusste er also bei der 
Einlegung derselben ausgehen. Eben dort finden wir auch 
die Ursache der ganzen Datirungsinterpolation, Jene Zu- 
sammenstellung sämmtlicher Datirungsephoren des pelopon- 
nesischen Krieges konnte in zwei Beziehungen nicht ohne 
Grund auffallend und anstössig erscheinen: weil nur die 
Jahresbeamten der einen, nicht auch die der andern krieg- 
führenden Partei verzeichnet sind, und weil Xenophon sie 
alle an einer Stelle angebracht hat, anstatt bei jedem Jahres- 
wechsel einen von ihnen zu nennen und so, unter Hinzu- 
fügung des gleichzeitigen Archonten und von vier zu vier 
Jahren der Olympiade eine ordentliche Datirung herzustellen. 
Diesen Mängeln wollte der Interpolator abhelfen. Der rück- 
läufige Gang, welchen er einschlug, erklärt es am besten, 
dass er zwei Jahreswechsel übersehen hat : durch ihn ver- 
hindert, den Verlauf der Ereignisse und die feineren Andeu- 
tungen der Jahreszeiten zu erkennen, verfolgte er lediglich 
das Vorkommen des Wortes erog in Verbindung mit einem 
Begriffe des Uebergangs und sprang so, von 404 auf 405 
von da auf 406 gekommen, über die zwei bloss angedeuteten 
Wechsel der Jahre 407 408 gleich auf 409 hinüber, wo 
der ältere Interpolator für eine solche Angabe gesorgt hatte; 
daher wurde ihn 409 zu 407 und 410 zu 408. 



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Unger; Die histor. Glosseme in Xenojphons Hellenika. 297 

Beim ersten Jahreswechsel angelangt und wohl ;nit Be- 
friedigung auf die anscheinend so schön gelungene Verbes- 
serung eines berühmten Werkes zurückblickend, mag er 
sich zu weiteren Thaten gedrungen gefühlt haben, um so 
mehr als ihm die Olympiadenchronik ausser den Daten auch 
Notizen über Ereignisse an die Hand gab, deren Erwähnung 
man bei Xenophon vergebens suchte. Hier freilich genügte 
es nicht mehr, das Werk rückwärts und flüchtig zu durch- 
blättern: um Stellen zu finden, welche einer Ergänzung 
bedürftig oder fähig schienen, musste er es im Zusamnier4- 
hang von Jahr zu Jahr mit Aufmerksamkeit durchlesen. 
Eben beim ersten Jahre, 409, bot ihm die Chronographie 
zwei Ereignisse , deren gesonderte Behandlung man bei 
Xenophon um so mehr hätte erwarten dürfen, als von ihm 
auf das eine in der nächsten Jahrbeschreibung hingewiesen 
wird, in der Motivirung der besonderen Auszeichnung, welche 
die Ephesier den Selinuntiern für ihren kräftigen Beistand 
im Kampfe widmeten, I 2, 10 2eXivovoloig de, 67tel rj nokig 
ccTcoltoXei, nal nokuvuav k'dooav. Diese Stelle bedeutet zwar 
in Wirklichkeit: nachdem Selinus gefallen war, d. i. erst 
nach der an dieser Stelle behandelten Zeit, ertheilten sie 
ihnen das Bürgerrecht; aber die in der That dem Leser 
zuerst sich aufdrängende Deutung ist die, von welcher der 
Interpolator, da er den Fall der Stadt im vorhergehenden 
Capitel anbringt, ausgegangen sein muss : weil Selinus ge- 
fallen war. Nachdem er bei den drei ersten, ihm für 409 
408 407 geltenden Jahren die nach seiner Ansicht wichtig- 
sten *) Notizen aus der Chronographie herübergenoramen 



1) Da88 er Anfangs nicht alle aufgenommen hat oder aufnehmen 
wollte, geht aus der Nachholung der Notizen über die Finsterniss und 
den Brand in Athen hervor. Ebenso lehrt die Vergleichung von I 5, 21 
mit II 2, 24, dass er manche wenigstens nicht vollständig ausgeschrieben 
hat: hier war er vermuthlich durch die Rücksicht auf den knappen 
Baum des Bandes beengt. 



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298 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 4. Februar 1882. 

hatte, ^am er an die nur angedeuteten Jahr Übergänge. Da 
konnte ihm denn, nachdem er so ebeti bei dem von ihm 
selbst mit einer Datirung ausgestatteten letzten Wechsel 
I 3, 1 die Worte eaqog aQxopevov gelesen hatte, kaum ent- 
gehen, dass mit aq^ofxivov de tov eaQog I 4, 2 ein neuer 
eintrete, dass er mithin beim Datiren einen, eben diesen, 
übersehen hatte. Hiedurch zu erhöhter Aufmerksamkeit 
gespornt, mag er in I 5 auch den andern gleichfalls früher 
verkannten entdeckt haben. Er glaubte sich verbessert zu 
haben, wenn er diese als 406 (statt 408) und 405 (statt 407) 
behandelte und, da er bloss bei 405 eine ihm wichtig schei- 
nende Notiz in der Chronik fand, sie dort anbrachte. Volles 
Licht über seine Irrungen, die Erkenntniss, dass er nicht 
bloss zwei Jahre übersprungen, sondern alle vom Anfang 
an falsch datirt hatte, gieng ihm auf, als er jetzt zu 406, 
ihm bisher für 404 geltend, kam : denn bei 404 selbst zeigte 
die Chronik den Fall von Athen und was sich daran schloss, 
Vorgänge also, welche er zum Ausgang bei der Datirung 
genommen hatte, von denen er noch wusste oder leicht er- 
sehen konnte, dass sie bei Xenophon zwei Jahre später 
standen. 

Bei 406 beginnt er also die Besserung, so weit sie aus 
äusseren Gründen, d. i. ohne das früher Geschriebene, das 
den zu gründlichen Aenderungen nöthigen Raum wegnahm, 
umzuschreiben, möglich war; ein Plickwerk das neue Fehler 
machte um alte zu compensiren. Er behandelt die J. 1 406 
und 405 nach ihrer wahren Zeit, und holt zu diesem Zwecke 
die bei Xenophons J. 408 und 407 verschmähten Notizen 
der Chronographie aus 406 und 405 nach: bei jenem die 
Mondfinsterniss und den athenischen Brand, bei diesem die 
Erhebung des Dionysios ; dass er die Eroberung von Akragas 
hier noch einmal angebracht hat, kann als Eingeständniss 
des begangenen Fehlers gegenüber denkenden Lesern, in 
Betreff anderer als Versuch ihn zu verdecken angesehen 



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Uriger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 299 

werden: jenes wegen iieoovvti, dieses wegen der absoluten 
Participia Aoristi mit aQOTeqov, durch welche der Schein 
erregt wird als gehörte die ganze Belagerung von Akragas 
in ein früheres Jahr. Nachdem er so den Inhalt der Chronik 
in reicherem Masse auszunützen begonnen hatte, setzte er 
dieses Verfahren bei 404 fort. Noch weiter zu gehen mit 
seinen Bereicherungen und den Rest des Werkes zu vervoll- 
ständigen, durfte ihm nach dieser Probe die Lust vergehen, 
auch wenn der Verbrauch des von Xenophon gelieferten 
Vorraths an lakonischen Datirungen und die grosse Selten- 
heit der angezeigten Jahrübergänge ihm das nicht von vorn- 
herein verwehrt hätte. Möglich aber war die lange, bis 
Hell. I 6, 1 vorhaltende Verkennung seiner Anachronismen 
nur, wenn die Chronik bis dahin kein Ereigniss des 
peloponnesischen Krieges erwähnt hatte, welches 
durch sein Vorkommen bei Xenophon ihn aus seinem Irr- 
thum zu reissen im Stande gewesen wäre : nicht die Erober- 
ung von Byzantion, den Triumph und den Sturz des Alki- 
biades, nicht einmal die Schlacht bei den Arginusen und 
die bei Aigospotamoi. Dass solches möglich war, lehrt der 
Kanon des Eusebios, welcher (chron. II 108) von 411 — 404 
gar keines, nicht einmal den Fall von Athen oder das Ende 
des peloponnesischen Krieges erwähnt und, wenn man von 
diesem in der profanen Geschichte früherer Zeiten ganz un- 
wissenden Scribenten absehen wollte, die Chronik des Julius 
Africanus: auch diese" findet weiter nichts als die Schlacht 
von Aigospotamoi und die Uebergabe Athens nennenswerth 
(Syncell. p. 490, s. Geizer Afr. I 182). Aber möglich war 
solche Gleichgültigkeit gegen die bedeutendsten Kriegser- 
eignisse der classischen Zeit doch erst späten und unhel- 
lenischen Schriftstellern. 

Sowohl hiedurch als durch die in den geschichtlichen 
Irrthümern liegenden Anzeichen späten Zeitalters werden 
die einschlägigen Werke eines Aristoteles (6Xv[Amov7xcu), 



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300 Sitzung der phüos.-phUol. Glosse vom 4. Februar 1882. 

Timaios (6Xvfi7ciovM<xi) , Philochoros (7teqi oXviATiiadcov), 
Eratpsthenes (oXvftniovlxai oder xQOvoyQaqtlcu) und das aus 
letzterem geflossene des Apollodoros (xqovmol) von voru 
herein ausgeschlossen ; ebenso durch ihre Jahrepoche : den 
Timaios etwa ausgenommen (wenn derselbe wie in seiner 
Geschichte Siciliens und Unteritaliens vom Frühlingsanfang 
ausgieng) haben sie alle nach attischem Kalender gerechnet, 
nicht wie die Quelle des Interpolators nach makedonischem ; 
Eratosthenes und Apollodoros insbesondere haben , nach 
Diod. XIV 3 zu schliessen, die Anarchie anders und besser 
erklärt und den Stadioniken Krokinas nicht als Thessaler 
(Gloss. II 3, 1) sondern als Larissaier bezeichnet. Die Zeit 
der dqxovrvov nai oXv(X7tioviytwv ävayQaqrri des Stesikleides 
(Diog. La. II 55) und der 6Xvf.i7vioviY.ai des Skopas (Plin. 
bist. VIII 82) lässt sich nur aus der ihrer Benutzer be- 
stimmen, aber Skopas hat wahrscheinlich wie die Eleier 
Euanorides, ein Zeitgenosse Hannibals, und Aristodemos, 
ein Schüler Aristarchs, der Festgeschichte keine Chrono- 
graphie hinzugefügt und Stesikleides als ein Athener weder 
die Herbstepoche zu Grund gelegt noch die Geschichte des 
peloponnesischen Krieges stiefmütterlich behandelt. Gegen 
alle diese Schriften spricht überdies noch, dass sie im 
späteren Mittelalter wahrscheinlich nicht mehr vorhanden 
gewesen sind. Von den %qovm<x des Charax (um 160 n. Chr.) 
ist es nicht nachweislich, dass sie eine Olympionikenliste 
enthielten; gegen ihre Benützung in den Notizen spricht, 
dass Charax die Geschichte von Althellas, zumal von Athen, 
mit Vorliebe behandelt hat. Die bis Ol. 247 (209—213 n.Chr.) 
reichende und von andrer Hand bis Ol. 249 fortgeführte 
Festgeschichte, welche Eusebios chron. I 193 ff. erhalten 
hat, wird von vielen als ein Bestandtheil der 221 geschriebenen 
XQOvixä des Julius Africanus angesehen; diesem können die 
Notizen des Interpolators nicht entlehnt sein, weil er aus 
der Zeit von 411 — 404 ausser der Niederlage und dem Fall 



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TJnger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 301 

Athens nur noch den Synoikismos von Rhodos erwähnt 
(Geizer Afr. I 182) und innerhalb der Olympiaden die ein- 
zelnen Jahre in der Regel nicht unterschieden hat; ebenso 
stimmt auch die Festgeschichte in Betreff des Krokinas 
nicht mit dem Glossem sondern mit Diodor iiberein. Herenuios 
Dexippos, dessen %(>aj>«cij igtoqlcc laut Cramers Anecd. par. 
II 153 die Olympioniken bis Ol. 262 (269 n. Chr.) ver- 
zeichnete, war ein Athener und das von Stesikleides Gesagte 
gilt daher auch von ihm, um so mehr als er selbst nicht 
nur ein Datirungsarchont gewesen ist, sondern auch durch 
seine glänzende Heerführung gegen die Heruler, an welchen 
er die Einnahme seiner Vaterstadt, die Vertreibung und 
Ermordung ihrer Einwohner blutig rächte, eben im J. 269 
dem Stolze auf die Herrlichkeit früherer Zeiten neue Nahrung 
gegeben hatte. Was endlich die Chronik des Eusebios be- 
trifft, so lehrt der Augenschein, dass diese den Stoff der 
Glosseme nicht geliefert hat. 

Die gegen diese Chroniken geltend gemachten Gründe 
finden nur auf eine einzige keine Anwendung: auf die 
ohjfXTtioviy.cov xal %qöviy.wv ovvaywyrj des Phlegon aus 
Tralleis, eines Freigelassenen Hadrians, welche in Ol. 229 
(137 — 141 n. Chr.) zu Ende ging. Unter allen profanen 
Chronisten hat Phlegon in christlicher Zeit neben Charax 
das grösste Ansehen genossen, sich aber noch länger er- 
halten als jener ; zu Statten kam ihm besonders seine Notiz 
über eine Sonnenfinsterniss und Erderschütterung, welche 
allgemein auf die Verfinsterung und das Erdbeben bei Christi 
Tod bezogen wurde. Von den vielen , welche ihn citiren, 
hat nicht nur Africanus und Origenes sondern auch im J. 593 
Euagrios (hist. eccl. I 20) ihn wirklich benützt; im IX. Jahr- 
hundert hatte Photios noch das ganze Werk in Händen, 
den Anfang desselben hat eine Pfälzer Handschrift des 
X. Jahrh. auf unsere Zeit gebracht. Seine Vaterstadt ge- 
hörte zur Provinz Asia, in welcher nach makedonischem 



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302 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 4. Februar 1882. 

Kalender datirt wurde; das Neujahr desselben fiel dort auf 
den 1. Kaisarios, welcher bei Einführung des Sonnenjahrs 
auf den 24. September fixirt wurde (ldeler I 414). Dass 
er wirklich, wie die Quelle unserer Notizen, sowohl das 
Jahr im Herbst als auch die Olympiaden mit dem vor, 
nicht nach der Festfeier liegenden Herbst anheben Hess, soll 
jetzt an seiner Beschreibung der 177. Olympiade, welche 
Photios bibl. cod. 97 vollständig abgeschrieben hat, erwiesen 
werden. 

Die chronographische Abtheilung derselben beginnt mit 
dem Anfang oder der Fortsetzung der Belagerung von 
Amisos, welche Phlegon bei attischer Jahrrechnung (Ol. 177 
= Juli 72 — Juli 68) in Ol. 176 hätte setzen müssen, da 
sie im Herbst 73 und Winter 73/2 stattgefunden hat: Aev- 
xolkog de !d[iiodv itvoXioQxei xai MovQqvav erri xfjg tzoXioq- 
xiag xaTaki7tü)v [texä dvdiv xay\xaxoiv avxog \A&ta xqiwv 
äXfoüv rtQorjyev ircl KaßeiQCov , otvov die%eiixat t e. xal 
l4dqiavov inexa^e 7toXef.ifjocu Mt^Qidaxrj xcw TtoXefxr^oag 
sviytrjae. Gegen Drumann IV 133 fg., welcher wegen dieser 
Stelle die Belagerung in den Winter 72/1, die Niederlage 
und Flucht des Mithridates nach Armenien in das J. 71 
setzt, haben die Späteren sich mit^Recht für die um ein 
Jahr höhere Datirung erklärt, sowohl wegen der Zeit der 
vorausgegangenen und der nachfolgenden Ereignisse, als 
wegen des bestimmten Zeugnisses eines Zeitgenossen, Plu- 
tarch Luculi. 33 Salovoxiog cprjai xaXercclJg diaxe&ijvai xovg 
axQccxiarxag nqog avxov ev$vg ev olqxJ} xov noXefxov nqog 
Kv^Uq* xal Ttakw rcqog lifALö^ dvo xeifxüvag e^rjg ev %aqaxi 
diayayetv ävayKao&evxag ; der Krieg begann 74, die Be- 
lagerung von Kyzikos nahm den Winter 74/3, die von 
Amisos also den folgenden von 73|2 in Anspruch. Phlegous 
Datum der Belagerung steht keineswegs in Widerspruch mit 
der wahren Zeitrechnung: Ol. 177, 1 beginnt ihn nicht 
mit Juli 72 sondern Oktober 73. 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenilca. 303 

Ebenso wie der Anfang wird auch das Ende der Olym- 
piade von Phlegon nach makedonischem Kalender berechnet : 
das 4. Jahr ist ihm nicht Mitte 69 — Mitte 68, sondern 
Herbst 70 — - Herbst 69: %($ de xexaqx^ exu TiyQavyg xccl 
Mi&Qiddrrjg ä&Qoloavreg 7ie£ovg pev Teoaaqag fXvquxdag 
i7C7tiag de rqelg xal xov y ha%iY.6v avxovg Ta&vzeg xqoTtov 
irtokefiirjoav ^/tevKoHq* xai vtxijc jLevY.olXog xai 7tevTaY.io%lXioi 
fxiv twv fierä TiyQavovg eneoov rtXeiovg de tovtcov j^uaAoj- 
Tio&rjoav x w QiS T °v alAov ovyxXvdog oxXov. Diese Stelle 
bezieht man, in Folge des Vorurtheils, dass ihr attische 
Jahrrechnung zu Grunde liege, auf die zweite Schlacht des 
Tigraneskrieges, die von Tigranocerta, 6. Oktober 685/69 
nach altrömischem Kalender ; aber Phlegon spricht von der 
ersten. Er setzt in Ol. 177, 4, wie sowohl der Anfang der 
Stelle als sein Schweigen über Tigranes beim 3. Jahr lehrt, 
die Eröffnung des Krieges. Mitte 70 beschloss der König 
in den Kampf einzutreten (Plut. Luc. 22. Memnon 46. App. 
Mithr. 82, s. Fischer röm. Zeittafeln p. 204) ; auf die Nach- 
richt davon reiste Lucullus zum Heer in den Pontus, eröff- 
nete die Belagerung von Sinope, eroberte die Stadt und er- 
fuhr bei seinem Aufenthalt daselbst, dass Tigranes, um in 
seiner Abwesenheit die Provinz Asia zu überfallen, sich 
schon den Grenzen Lykaoniens und Kilikiens genähert habe 
(Plut. Luc. 23). Er zog daher in Eilmärschen an den 
Euphrat, in den ersten Monaten von 69, Plut. L. 24 odev- 
aag im xov EvcpQdtrjv xal xcctiovtcc nokvv xal d'oXeqov vtco 
Xeipwvog evQwv ijoxaXXev, von da durch Sophene an den 
Tigris; nach seinem Einzug fn Armenien, Frühjahr 69, fand 
die erste Schlacht statt. Die zweite, durch die völlige 
Niederlage, welche das ungeheure Heer des Tigranes trotz 
zwanzigfacher Ueberzahl (Plut. Luc. 28) erlitt, wird schon 
durch die bescheidenen Zahlen unsrer Stelle ausgeschlossen. 
Nicht 40 000 sondern 170 000 (Plut. Luc. 26), nach Appian 
(M. 85) sogar 250000 Mann zählte sein Fussvolk; die Rei- 
terei 55 000 (nach Appian 50 000). Nie zuvor hatte die 



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304 Sitzung der phüos.-philol. Glosse vom 4. Februar 1882. 

Sonne eine solche Schlacht beschienen, schrieb ein Augen- 
zeuge (der Philosoph Antiochos), nie ein römisches Heer 
gegen solche Ceber macht gefochten, Livius bei Plut. Luc. 28 ; 
die 15 000 heranziehenden Römer waren dem König c fur 
Gesandte zu viel, als ein Heer zu wenig' vorgekommen. 
Getödtet wurden von seinen Soldaten nicht 5 000, wie es 
bei Phlegon heisst, sondern vom Fussvolk über 100 000, 
von der Reitern entkam fast keiner (Plut, L. 28): das 
Metzeln war nach der Schlacht an den Fliehenden fortge- 
setzt worden 120 Stadien weit, bis die Nacht einbrach (App. 
M. 85). Auf solche Stärke hatten aber Tigranes und Mithri- 
dates ihr Heer erst nach der ersten Schlacht gebracht (Plut. 
L. 25. Appian M. 84); in dieser hatte seine Ueberzahl sich 
in weit massigeren Verhältnissen bewegt, Plut. L. 25 Mi&qo- 
ßaqCdvt^g €7t€[icp&r] avv IttifEVGL TQio%i'kloig ne£di$ de na(x- 
TtoXkotg; Appian M. 84 Mi&QoßctQ^dvrjv ngövrieftTte ixeta 
öiaxMcov i7tnewv übersieht, mit gewohnter Flüchtigkeit, das 
Fussvolk. Die 40 000 Phlegous passen zu Plutarchs Ttetpi 
7ta[X7ZoXkoi, die 30000 Reiter zwar nicht zu den 2 — 3000, 
aber ein Verhältniss von 3 : 4 zwischen Reiterei und Fuss- 
volk findet man nicht einmal in den parthischen Heeren, 
geschweige denn in den armenischen und pontischen: die 
Zahlen Plutarchs und Appians für beide Schlachten setzen 
ein ganz anderes voraus. Phlegon schrieb TQLG%ikiovg, nicht 
TQelg (fxvQiddag) : ein Abschreiber hat jy mit / verwechselt, 
Ebeuso stimmt Phlegons Angabe über den Verlust der 
Könige nur zu den Mittheilungen Plutarchs (cpevyoweg änw- 
Xovxo nkr\v oliycov anavTeg) und Appians (Mi&QoßccQtdvtjv 
TQeipdpevog sdiwxe) über den Ausgang der ersten Schlacht. 
Die ungleich berühmtere von Tigranocerta hat Phlegon unter 
Ol. 177 nicht mehr erwähnt, die Zeit derselben, Herbst 69, 
mithin schon zu Ol. 178, 1 gerechnet. 1 ) 

1) Jahreszeit und Datum der Schlachten hat er vermuthlich seiner 
griechischen Quelle entlehnt ; rein römische Data, wie die Geburt Vergils, 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 305 

Die Olympiadenchronik des Interpolators hatte einige 
Eigentümlichkeiten ganz individueller Art, welche man 
schwerlich bei mehreren Verfassern solcher Werke vereinigt 
findet. Das vornehmste, geschichtlich wichtigste Land der 
Zeit von 411 bis 404 war Hellas, der hervorragendste Staat 
Athen, der grösste und zugleich am längsten dauernde Vor- 



überträgt er unverändert in das Olympiadenjahr, mit welchem nach dem 
angegebenen Kanon das Consulat zn gleichen ist. In OL 177, 4 (Okt. 
70 — Okt. 69) setzt er auch den Anfang des kretischen Krieges: xal 
MiteXkog inl xop Kqtjzixov noXepop oQftjaccs xqicc xdypaxa e/top yX&ep 
Big Xtjp ptjgop xccl ftd/fl viXr^aag xop Acco&ivrj ccvxoxqdxtüQ dprjyoQev&ri 
xal xec/rj^eig xaxeaxijae tovg Kgrjxag. Dieser wird mit Unrecht in 68 
gesetzt : Metellns übernahm als Consul, also 69, die bei der Loosung 
seinem Collegen zugefallene, von jenem aber verschmähte Provinz Kreta, 
Dio Cass. fr. 138 xXrjQOv/uepiop rmp vndxtop 'Ogxrioiog xop TtQog KQtjxag 
iXa/6 noXtpop* dXX dxeipog — xqi avpag/opu xijg öxgccxiccg i&eXopxrig 
sgiaxtj. 6 6s <5ij MixeXXog iaxUXaxo xe elg Kqt^xijp xal xtjp prjaop anaaap 
eX€iQü}aaxo ptxcc xoZxo, wo pexd xovxo offenbar hinzugesetzt ist, weil 
die Beendigung des Krieges nicht in jenem Jahre, sondern 67 erfolgt 
ist; er gibt noch einmal das J. 685/69 als erstes des Krieges an, indem 
er in dieselben Zeiten "die Schlacht von Tigranocerta setzt : AovxovXXog 
xaxd tovg xaiQovg xovxovg Tiygdpijp noXsfjux) pixr^occg xai cpvyofxax^tp 
dpayxdaag xd TiygapoxsQxa inoXiogxu. Die herrschende Zeitbestim- 
mung beruht ausser der attischen Berechnung der Olympiaden Phlegons 
auf Liv. epit. 98 Q. Metellas proconsul bello sibi adversus Cretenses 
mandato Cydoniam obsedit, wo proconsul ein dittographischer, ans epit. 99 
Q. Metellus proconsul eingeschlichener Fehler statt consul ist : die Epi- 
tome behandelt den kretischen Krieg an drei von einander entfernten 
Stellen, setzt also drei, nicht "zwei, Jahresfeldzüge voraus (69, 68 u. 67); 
ebenso schreibt Velleius II 34, dass er per triennium geführt, und Eutro- 
pius Vi 11, dass er post triennium beendigt worden ist: was man doch 
von einem 68 — 67 geführten Kriege nicht sagen konnte. Umgekehrt 
war es bei 69 — 67 ganz statthaft, so zu schreiben wie Orosius: Cretam 
per biennium Metellus evertit; denn nach Pblegon und Livius wurde 
im ersten Jahre bloss Kydonia belagert, keine Stadt erobert und ver- 
wüstet oder zerstört; evertit konnte nur vom zweiten und dritten ge- 
sagt werden, vgl. Livius ep. 99 vom zweiten: Gnosson et Lyctum et 
Cydoniam et plurimas alias urbes expugnavit. 

[1882. 1. Philos.-philol. hist. Cl. 2.] 20 



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306 Sitzung der phüos.-philöl. Classe vom 4. Februar 1882. 

gang jenes Zeitraums der peloponnesische Krieg; aber der 
Interpolator fand in seiner Quelle von politischen und krie- 
gerischen Ereignissen, welche Hellas betrafen, gar keines als 
den Fall Athens berücksichtigt. Der Chronist hatte also — 
und daraus erklärt sich auch die Unkunde, welche er in 
der Geschichte jener Zeiten verräth — wenig Sinn und In- 
teresse für diejenigen Vorgänge, welche den Hauptinhalt 
der alten Gesch ich ts werke bilden und demgemäss auch von 
den meisten Chronographen in erster Linie berücksichtigt 
worden sind. Unter diesen gibt es einen einzigen, dem sich 
diese Eigenthümlichkeit nachweisen lässt, das ist eben 
Phlegon. Der am längsten dauernde Krieg der 177. Olym- 
piade, zugleich der grösste, eigenthümlichste und den Römern 
furchtbarste, der Fechterkrieg, wurde in dem Lande gefuhrt, 
welches jetzt die Hauptrolle spielte, in Italien 73: begonnen 
und 71 beendigt nahm er etwa die Hälfte der mit Oktober 73 
anhebenden Olympiade weg; aber Phlegon erwähnt weder 
die Niederlagen beider Consuln von 72 im Kampf gegen 
Spartacus noch ein anderes Ereigniss dieses Krieges. Er 
meldet auch nichts von der Niederlage' des Perperna und 
dem Ende des hispanischen Krieges: über diese und andre 
Vorgänge gleitet er nach Erwähnung des Mithridateskrieges 
und des Erdbebens von Ol. 177, 1 mit den Worten aal 
aXka de itkuGxa iv TavTtj £vvrjV€%&rj rg oXvfATtiaÖL hinweg, 
um mit Uebergehung des zweiten Jahres zu der römischen 
Censuszahl des dritten zu kommen. 

Sein Interesse haftet vorwiegend an den kleineren Vor- 
kommnissen der Geschichte, welche bei den anderen theils 
die zweite theils gar keine Rolle spielen : die Fragmente 
melden von merkwürdigen kosmischen Vorgängen, von einem 
Wunderkind, den Münzen der Gergithier mit dem Bild der 
Sibylla, Christus war als Prophet besprochen, Orakel citirt 
er mit Vorliebe und widmet dem Caltus grosse Aufmerk- 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 307 

samkeit, 1 ) die Plünderung der heiligen Insel Delos durch 
Seeräuber und die Schutzmassregeln der Römer gegen eine 
zweite Beraubung beschliesst den chronographischen Theil 
der 177. Olympiade. Wichtig ist ihm die Literatur : Vergils 
Geburt und die Neubesetzung des epikureischen Lehrstuhls 
wird in Ol. 177 gemeldet. Von politischen Vorgängen der- 
selben beschäftigen ihn nicht etwa die grossen Verfassungs- 
änderungen des J. 70 in Rom, aber die Zählung der Bürger 
und im Osten der parthische Thronwechsel. Hiemit ver- 
gleiche man in den Notizen des Interpolators die Thron- 
besteigung des Dionysios, mit der Sonnenfinsterniss Phlegons 
die Mondfinsterniss des Glossems, mit der Plünderung des 
delischen und der Einweihung des nach dem Brand 
wieder aufgebauten capitolinischen Heiligthums bei jenem 
die Tempelbrände in Phokaia und auf der athenischen 
Akropolis bei dem Interpolator. Die kriegerischen Vor- 
gänge, welche Phlegon nennenswerth findet, sind die seine 
Heimat am nächsten berührenden : der mithridatische, welcher 
zum Theil in der Provinz Asia spielte, der armenische, welcher 
diese bedrohte, der kretische ; auch die Erwähnung des me- 
dischen Aufstandes bei dem Interpolator lässt sich dahin 
rechnen. Alle andern Notizen dieser Art in den Hellenika 
betreffen Sicilien : die Belagerungen von Selinus , Himera, 
Akragas, Gela, die Schlachten von Akragas und Gela ; selbst 
gegenüber dem peloponnesischen Krieg so geringfügige Vor- 
gänge wie der Abfall der Leontiner und die Auswanderung 
der vornehmen Syrakuser werden einer Erwähnung gewürdigt. 



1) Die Festgeschichte von Ol. 177 ist fast so lang wie die ganze 
Chronographie derselben : wohl nur wenige haben wie Phlegon die Sieger 
in allen Kampfesarten aufgeführt. Die kürzere Ausgabe des Werks in 
8 statt 16 Büchern konnte einfach durch Beschränkung der Sieger auf 
die Stadioniken die Hälfte des ursprünglichen Umfangs bekommen: die 
grosse Ausgabe umfasste in ihrem ersten Drittel (5 Büchern) mehr als 
zwei Drittel der ganzen Zeit, 170 von den 229 Olympiaden. 

20* 



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308 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 4. Februar 1882. 

Diese ganz auffallende Inconseqnenz erklärt sieb daraus, dass 
Phlegon ein besonderes Interesse für Sicilien batte : als eines 
seiner Werke nennt Suidas eine Beschreibung der Insel, I'xcjpga- 
oiv Sixeltag. 

Die Sprache anlangend muss berücksichtigt werden, 
dass der Interpolator durch Rücksichten auf den Raum ge- 
bunden und auf möglichste Kürze angewiesen war; doch 
erkennt man auch in der Beschreibung der 177. Olympiade 
die an jenem gerügte Stillosigkeit wieder: fast alle, zum 
Theil zeitlich oder inhaltlich einander fernstehende Angaben 
werden durch xcu mit einander verbunden, wodurch der 
Chronographie das Gepräge der Eintönigkeit aufgedrückt* 
wird; schablonenhafter Parallelismus, welcher sich dem an 
Hell. II 5, 3 auffallenden nähert, zeigt die Stelle xal 2iva- 
TQOvxyv tov ndcQ&cov ßaatXäa TeXevr^aavTa diedi^ccvo ®qcc- 
dtrjg — aal 0a7ÖQOv xov 'EnixovQtiov ötede^avo TIaTQWv ; 
gleiche oder ähnliche Worte kehren auch sonst bei kurzem 
Zwischenraum ohne Noth wieder : inoXiOQKei — no'kiOQY.iag, 
fterd dvdlv — /xstcc tqiwv, /toXefxriaai — nole^ijaag, erovg — 
€T€i , auch Namen : ^teixoXXog — ^tevxoXXqt. Der Anfang 
des Werkes und die Schrift tvbqI &avfiaolo)v zeigen, dass er 
diese Härten, welche dort fehlen, hier geflissentlich zuliess, 
als Eigentümlichkeiten welche zum Gegenstand passen. 

Die einzelnen Jahre werden in der Beschreibung der 
177. Olympiade nur mit Zahlen bezeichnet, nicht wie in 
den Glossemen auch nach Archonten datirt; das schliesst 
indess nicht aus, dass Phlegon auch diese aufgeführt hat: 
er kann sie an einer andern Stelle vereinigt angegeben 
haben. Eusebios hat die Olympiadenliste nicht mit dem 
Kanon , welchem seine Notizen beigeschrieben sind , ver- 
schmolzen, sondern sie dem ersten Buch seiner Chronik ein- 
verleibt, welches Auszüge aus den Quellenwerken über die 
Geschichte der einzelnen Völker und seine eigenen Dar- 
legungen über die biblische Zeitrechnung enthält: dort, in 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophons Hellenika. 309 

dem untergegangenen Schlüsse des Buchs stand laut der 
Vorrede (I 6 Seh.) die Consulnliste ; in jenem Buche würde 
er auch die Archonten aufgeführt haben, wenn er ihre Er- 
wähnung nicht für überflüssig gehalten hätte. Das andere 
Buch, der xQOvixog xavwv mit den Notizen, bezeichnet daher 
die einzelnen Jahre, wie Phlegons Beschreibung der 177. Olym- 
piade, nur mit Zahlen. Ein ähnliches Verfahren hatte schon 
Eratosthenes eingeschlagen: nach den Angaben genau ci- 
tirender Schriftsteller zu schliessen, hat er die Chronologie 
entweder in zwei Abtheilungen eines Werkes oder in zwei 
getrennten Werken behandelt: aus dem I. Buch der oXvp- 
7TiovM.cLi citirt Athenaios IV 39 eine Bemerkung über den 
Faustkampf, aus derselben Schrift berichtet Diog. La. VIII 51 
über einen Olympiensieger; dagegen eine literarhistorische 
Notiz stand h Tt$ Tteql xQ°voyQ<xq)iü)v (Harpokrat. Evrjvog), 
ebenso die über Roms Gründung in den xQOvoyqaylai (Dionys. 
Hai. ant. I 74). Phlegon selbst datirt in der Schrift Tteqi 
&av[*aoiwv nicht nach Olympiadenjahren sondern bloss nach 
Archonten und Consuln, c. 6 lyhvto dvdqoyvvog aQxovvog 

Z4&rjvT](JlV 14VT17TCLTQ0V VTtCCTeVOVTtoV iv'Pcbfxj] Mccqxov BlVl- 

ntov xal Titov ^taxiklov Tavqov tov Kogßlvov B7tinh]&evTog; 
ebenso c. 7—10. 20. 22 — 25. 27, vgl. auch c. 3. Ist diese 
vor der Chronik entstanden, so begreift man nicht, wie ein 
Schriftsteller, welcher gewohnt war nach Archonten und 
Consuln zu datiren, bei der Abfassung seines grossen chrono- 
graphischen Werkes, in welchem die Olympiaden mit ver- 
schwenderischer Ausführlichkeit behandelt waren, seiner Ge- 
pflogenheit hat untreu werden können, noch dazu zum 
Schaden der Brauchbarkeit desselben und in hohem Lebens- 
alter, in welchem nicht ohne die triftigsten Gründe auf 
gute Gewohnheiten verzichtet wird, während hier absolut 
kein Anlass dazu erfindlich ist und jene Beigabe wenige 
Worte kostete. Ist aber die Chronik das frühere Werk, so 
würde Phlegon in dem späteren durch die Datirung nach 



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310 Sitzung der phüos.-philöl. Glosse vom 4. Februar 1882. 

Jahresbeamten, deren Zeitalter und Jahr in seinem grossen 
Werke gar nicht aufzufinden war, dieses desavouirt und 
indirekt selbst die Unbrauchbarkeit desselben eingestanden 
haben. 

Dass er anstatt der Jahrzahlen Namen wählt, kann 
man erklären : diese waren vor Abschreiberfehlern besser 
gesichert als die Zahlen; und er konnte sich auf sie be- 
schränken, wenn er der Chronik einen Anhang beigegeben 
hatte, welcher die leisten der Archonten und Oonsuln ent- 
hielt. Solches Verfahren durfte sich im eigenen und im 
Interesse des Lesers empfehlen. Die herrschende Datirung 
z. B. der römischen Ereignisse gab nicht die Zahl der 
Stadtjahre sondern die Consuln an : nach diesen, wenn die 
Zeit derselben gefunden werden sollte, in sämmtlichen 15 
oder 16 Blichern herumzusuchen, sie mitten in einer ihnen 
fremden Umgebung zu erkennen, wäre sehr zeitraubend ge- 
wesen ; er selbst aber hätte sowohl , da er bei manchem 
Jahre wie z. B. bei Ol. 177, 2 nichts zu bemerken hat und 
daher gar nichts darüber sagt, bloss jener Beamten wegen 
demselben eine besondere Bemerkung widmen als auch die 
Worte aQxowog Zd&r'jvrjoiv — vrtccTevovTtov ev 'Pwfirj oder 
ähnliche unaufhörlich wiederholen und so auch sich selbst 
eine zeit- und raumraubende Plackerei auferlegen müssen; 
beides unnöthiger Weise, da es ihm freistand, durch Ver- 
einigung der Namen in einer leicht übersichtlichen Liste 
ihre Aufzeichnung abzukürzen, und der Leser dann nur 
wenige Blätter zu durchlesen hatte, um zu den Namen die 
Zahl der Olympiade und vermuthlich auch die des römischen 
Stadtjahrs zu findeu. 

Die Schrift 7ieql davpaolcov ist, wie Klein Rh. Mus. 1878 
p. 134 durch Verbesserung von c. 10 erwiesen hat, erst 
nach 150 abgefasst; die Chronik reichte nach Photios bibl. 
cod. 97 f*&XQ l ™v 'Aöqiavov xQOvojv, nach Suidas f*£xQ l T ^S 
<jx&' dlv^7Ciaöog ; ungenau Euseb. chron. I 265 in compen- 



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Unger: Die histor. Glosseme in Xenophöns Hellenika. 311 

dium reduxit olympiadas CCXXIX. Hadrian starb während 
der 229. Olympiade: sein Tod (10. Juli 138) fiel nach 
Phlegons Rechnung Ol. 229, 2, nach attischer 229, 1 oder 2 ; 
diese. Olympiade ist also nicht, wie es nach Eusebios scheinen 
könnte, vollständig von ihm beschrieben. Dass das Werk 
den Tod Hadrians nicht mehr enthielt, also vor diesem 
Ereigniss vollendet und herausgegeben wurde, ist aus (jl&xqi 
^zcbv lAÖQtavov xqovcov zu schliessen : wenigstens pflegt in ent- 
gegengesetzten Fällen n£%Qi i% — TeXewrjg gesagt zu werden ; 
mit Sicherheit folgern wir es aus Photios Angabe über die 
Widmung 7tQoa<pü)vei to avvraypa Ttqög !Alxißiadrjv tivd, 
og elg i(v twv elg rrjv qtvXctKrjv Tevaypevwv %ov lAöqLavov: 
die Stellung dieses sonst nicht genannten Alkibiadea kennt 
Photios ohne Zweifel aus der Widmung, nach dem Tode 
des Kaisers gab es ein solches Amt nicht mehr. Hienach 
ist die Chronik nach der Olympienfeier des August 137 
und vor Juli 138 veröffentlicht worden. Der Inhalt der 
sechs letzten Olympiaden war vor allen auf einen Leser, 
den Kaiser, und auf Befriedigung der bekannten Eitelkeit 
desselben berechnet ; auch der Umstand , dass das Werk 
nicht, wie man erwarten sollte, diesem selbst gewidmet ist, 
darf damit in Zusammenhang gebracht werden : jener Zweck 
sollte, im Einverständniss mit dem Kaiser, verhüllt werden, 
s. Spartian Hadr. 16 famae celebris Hadrianus tarn cupidus 
fuit, ut libros vitae suae scriptos a se libertis literatis de- 
derit, iubens ut eos suis nominibus publicarent: nam et 
Phlegontis libri Hadriani esse dicuntur. Unter den 'Büchern* 
Phlegons ist nicht etwa eine (nirgends erwähnte) Biographie 
zu verstehen, dies verbietet die Partikel et ; in der Chronik 
gab 6s Gelegenheit genug, vom Leben und Wirken des 
Kaisers zu schreiben ; sie ist das Hauptwerk Phlegons ; mit 
der Mirabilienschrift zusammen ist die über die ältesten 
Personen der Vergangenheit, wie der Titel 7teqi [AaxQoßlajv 
Kai &av(x(xoia)v lehrt, herausgegeben, also auch diese erst 



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312 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 4. Februar 1882. 

nach 150 geschrieben worden ; ausserdem wird nur die Be- 
schreibung Siciliens namhaft gemacht, in welcher von Hadrian 
nicht viel gesagt werden konnte. Die Vermuthung der Mit- 
urheberschaft des Kaisers an der Chronik konnte entstehen, 
wenn ihm in derselben stark geschmeichelt war. Mit An- 
gabe der Buchzahl werden aus dieser 11 Fragmente citirt, 
darunter nicht weniger als 6 aus B. XV, keines aus XVI; 
die aus XV aber beziehen sich, wie Meineke Steph. Byz# 
p. 204 zeigt, mehr oder weniger deutlich alle auf die Re- 
gierungszeit Hadrians, welcher doch wahrscheinlich nur das 
letzte, höchstens noch ein geringer Theil des vorletzten 
Buches gewidmet sein konnte. Meineke und Bekker ver- 
muthen daher, bei Suidas eyqaipev oXv/tTtiddag iv ßißXioig 
ig sei die Zahl in te zu verwandeln; unnöthiger Weise, 
wie wir jetzt sagen dürfen. 1 ) Die Aufzählung von etwa 
647 Consulaten und 820 Archonten mochte gerade den Um- 
fang eines Buches ergeben ; dieses wurde das letzte der 
sechszehn. 



1) Die Angabe von 14 Büchern bei Euseb. ehr. I 265 ist offenbar 
unrichtig. 



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Historische Classe. 



Sitzung vom 4. Februar 1882. 



Herr Friedrich hielt einen Vortrag: 

„Die vocati episcopi Erchanfried und Ot- 
kar der Passauer und der Oadalhart 
episcopus der Freisinger Urkunden." 

I. Die Bezeichnung vocatus episcopus im 8. Jahrhundert. — 
Erchanfried und Otkar in den Passauer Urkunden. 

Die Bezeichnung vocatus episcopus bereitete den Ge- 
schichtsforschern schon vielfache Verlegenheiten, und nament- 
lich in der bayerischen Geschichte wurde die Deutung der- 
selben in mancher Hinsicht bedeutsam. In den Passauer 
Urkunden kommen ja zwei vocati episcopi, Erchanfried und 
Otkar, vor, welche nach Schreitwein im Anfange des 7. Jahr- 
hunderts gelebt haben sollen, und auch in den Freisinger 
Traditiones treten, wenigstens zu Anfang des 9. Jahrhunderts, 
solche Bischöfe auf. 

Die Lage der Dinge ist aber nicht so geartet, dass man 
nicht das Bedürfniss gefühlt hätte, eine nähere Untersuch- 
ung über die Bedeutung dieser Bezeichnung anzustellen ; im 
Gegentheil gab sich Resch an mehreren Stellen seiner 
Annales Sabionenses mit der Frage ab, und das Ergebniss 
seiner Untersuchung, das er dahin zusammenfasste : vocatus 



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314 Sitzung der histor. Classe vom 4. Februar 1882. 

episcopus bedeute, besonders in den Freisinger Urkunden 
dieser Zeit, meistens das nämliche als Coepiscopus oder 
Coadjutor eines anderen Bischofs oder auch Chorepiscopus, *) 
— blieb seitdem massgebend. So kommt es denn, dass 
auch Graf Hundt die vocati episcopi der Freisinger Ur- 
kunden, soferne sie nicht als fremde Bischöfe nachweisbar 
sind, als Coepiscopi von Freising zählt, - obwohl ihm trotz 
der Untersuchung Resch' ein Zweifel an der Richtigkeit 
der Annahme aufgestiegen ist. 2 ) Andere gaben der Be- 
zeichnung die Bedeutung von „Land- oder Chorbischöfen u , 
oder, da über der von Erchanfried redenden Urkunde, doch 
offenbar von späterer Hand, steht : Sub Erchanfrido regio- 
nario episcopo, — von Regionarbischöfen. 8 ) 

In neuester Zeit hat sich meines Wissens nur Oelsner 
behufs Feststellung der Zeit des Convents von Attigny und 
der Chronologie der S. Gallischen Begebenheiten in den Jahr- 
büchern des fränkischen Reiches 4 ) mit der Bezeichnung 
vocatus episcopus befasst; allein eine erschöpfendere Unter- 
suchung lag nicht in seinem Plane. 

Es dürfte sich daher wohl der Mühe lohnen, den Ver- 
such zu machen, die Bedeutung von vocatus episcopus min- 
destens für das VIII. und angehende IX, Jahrhundert fest- 
zustellen, indem für das VII. Jahrhundert kein Material 
vorhanden ist, im IX. aber eine Wendung eintritt. Da ich 
jedoch zunächst nur Bayern im Auge habe, so beschränke 

1) Resch, Annal. Sabion. I, 775. n. 648; II, 91. n. 204; Ad- 
denda II, 736. 

2) Hundt, Die Urkunden des Bisth. Freising aus der Zeit der 
Karolinger. Akad. Abhandl. 13. Bd. I. Abthlg. S. 55 ff. 

3) Edlbacher, Die Entwicklung des Besitzstandes der bisch. 
Kirche zu Passau 1870 (?), S. 13. — Auch AI. Hub er, Gesch. der 
Einführg. u. Verbreitg. des Christenth. in Südostdeutschland III, 351 
nennt Erchanfried u. Otkar „ Gaubischöfe ". 

4) Oelsner, Jahrbücher des frank. Reiches unter König Pipin, 
S. 476. 514. v ; 



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Friedrich: Die vocati episcopi der Passauer Urkunden etc. 315 

ich mich bei meiner Untersuchung blos auf jene Länder, 
welche nachweisbar in irgend einer Beziehung zu Bayern 
standen, also auf Süddeutschland, oder ausser Bayern noch 
auf die Diöcesen Augsburg, Constanz, Basel und Chur, und 
mache davon nur insofern eine Ausnahme, als ich auch 
die Formelbücher (mit dem Liber diurnus der päpstlichen 
Kanzlei; heranziehe. Es ist diese Ausnahme schon darum 
geboten, weil man sich zur Bestimmung der Bedeutung des 
vocatus episcopus auch früher, z. B. Mabillon, Resch und 
Oelsner, darauf bezog. 

Es ist nämlich allerdings richtig, dass der Liber diurnus 
eine epistola vocatoria enthält, 1 ) worin der eben erwählte, 
noch nicht consekrirte Bischof vocatus episcopus beisst. 
Allein wenn diese Formel nach de Roziere's Meinung auch 
keine ursprünglich römische, sondern aus dem Frankenreiche 
stammende wäre, da sie fast wörtlich, nur in etwas erwei- 
terter Form sich auch hier findet, 2 ) so wäre doch damit wenig 
gewonnen. Denn das Alter derselben zu bestimmen, bleibt 
gleich schwierig, da sie keineswegs zu dem ursprünglichen 
Liber diuruus, sondern nur zu Appendix I gehört, und da 
auch für die fränkische Formel ein chronologisches Merkmal 
nicht gegeben ist. Dieselbe scheint vielmehr, wie sie auch 
Cordesius unter den opuscula Hincmari zuerst druckte, in 
die Zeit dieses Rheiraser Erzbischofs zu gehören, welcher 
sich wirklich kurz nach seiner Wahl auf der synodus Bello- 
vacensis im April 845 zuletzt als presbiter et vocatus archi- 



1) Liber diurn., ed. de Roziere, form. 107. p. 247 sq.: Dilectissi- 
inis fratribns et filiis, presbyteris, diaconibus, clericis, honoratis, posses- 
soribuset cunctae plebi illius ecclesiae, simulque vocato Uli episcopo» 
auxiliante Domino, futuro illius sanctae ecclesiae. 

2) Roziere, Recueil g&ieral des formales II, 637, form. 522: Dilec- 
tissimis fratribus et filiis . . . simulque vocato episcopo illi, M., auxili- 
ante Domino, metropolitanus sanctae sedis apostolicae illius. Auch de 
Roziere lässt sie von da in den lib. diurn. übergehen, 



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316 Sitzung der histor. Classe vom 4. Februar 1882. 

episcopus unterzeichnete. *) Diese Formel fällt daher in 
eine zu späte Zeit und kann nicht ohne Weiteres, wie z. B. 
noch Oelsner thut, für das VIII. Jahrhundert als beweisend 
herangezogen werden. Ihr Gebrauch im VIII. Jahrhundert 
kann aber auch nicht nachgewiesen werden; denn in allen 
Formeln, welche sich auf die Wahl der Bischöfe beziehen, 
kommt nicht ein einziges Mal der Ausdruck vocatus epis- 
copus vor. 2 ) Daraus ergibt sich aber, dass das gesammte 
Material, das die Formelbücher für unsere Untersuchung 
bieten, unter die übrigen Quellen gestellt werden muss. 
Diese sind aber keineswegs ohne Weiteres zu gebrauchen, 
sondern müssen erst daraufhin untersucht werden, ob sie 
sich etwa auf einen blos gewählten, nicht consekrirten 
Bischof, oder auf einen consekrirten mit oder ohne Bischofs- 
sitz beziehen. Erst aus dieser Untersuchung wird es sich 
ergeben, was wir im VIII. Jahrhundert unter vocatus epis- 
copus zu verstehen haben. 

Vorerst ist zu bemerken, dass die Bezeichnung vocatus 
überhaupt nicht auf die Bischöfe beschränkt ist, sondern 
von Priestern, Diakonen, Mönchen und Aebten angewendet 
wird. Es kann aber durchaus kein Zweifel seiu, dass sie 
hier einen wirklichen Priester, Diakon oder Mönch bedeutet 
und nur heissen soll: -obwohl ich unwürdig einer solchen 
Würde bin, so besitze ich sie doch durch die Gnade Gottes, 
weshalb in der Kegel ac si indignus, quamvis indignus, ac 
si peccator oder blos indignus hinzugefügt wird. 8 ) Weniger 
bestimmt gilt dies freilich schon von vocatus abbas; denn 
gerade bei den Aebten bemerken wir zuerst eine bestimmte 



1) Pertz, leg. I, 387. Oelsner S. 476. Resch II, 91. n. 204. 

2) Roziere II, 611 sqq. 

3) Grandidier, hist. de l'egl. de Strasbourg IL Preuv. No. 71. 
— Neugart, Cod. dipl. Alem. I. No. 40. 90. 101. 103. 131. 137. — 
Mon. boica 28. 2. No. 1. 15. 70. — Schöpflin, Alsat. dipl. I. No. 65. 
66. 76. — Meichelbeck, hist. Fris. I. 1. No. 7. 19. 75. 



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Friedrich: Die vocati episcopi der Passauer Urkunden etc. 317 

Wendung in dem Gebrauche des Ausdrucks. Es fragt sich 
nun aber, wie es sich bei den Bischöfen verhält, wenn sie 
sich dieses Ausdruckes bedienen. Die Frage wird sieb am 
sichersten dadurch erledigen lassen, dass ich nachweise: die- 
selben sind thatsächlich consekrirte Bischöfe mit festen Sitzen 
gewesen. 

Am wenigsten hat dieser Nachweis bei den Strass- 
burger Bischöfen, welche fast durchgängig diese Be- 
zeichnung führen, eine Schwierigkeit. Widegern, seit 720 
Bischof, schreibt im Eingange seiner Schenkungsurkunde 
für Kl. Murbach 728 : Ego Widegernus . . in Stradoburgo 
civitate vocatus episcopus; am Schlüsse aber: Ego Wi- 
degernus, hac si indignus Episcopus subscripsi. *) Heddo, 
seit 734 Bischof, in einer Schenkungsurkunde von 748 (nach 
Oelsner 749) im Eingange: Heddo gratia Dei ecclesiaeque 
matris in Stradburgo civitate vocatus episcopus; am Schlüsse: 
Ego in Dei nomen Heddo peccator per misericordiam Dei 
vocaius episcopus. 2 ) Der gleiche Ausdruck findet sich aber 
auch noch in seinem Testament von 763 (Oelsner 762): 
Ego in Dei noraine Eddo peccator, vocatus Argentinensis 
urbis episcopus, während der Schluss lautet: Actum est hoc 
testamentum . . regnante D. N. Pipino . . et venerabili 
episcopo Eddone. Ego in Dei nomine Eddo peccator per 
misericordiam Dei vocatus episcopus hoc testamentum a me 
factum relegi et subscripsi. 8 ) Ausserdem heisst er jedoch 
einfach Eddo Strazburgensis ecclesie episcopus etc. 4 ) Im 
J. 788 überschreibt aber gar B. Rachio seine Canonen- 
sammlung: Ego itaque Rachio hmnilis Christi servus ser- 
vorum Dei . . gracia Dei vocatus episcopus Argentoratensis 



1) Grandidier I. Prenv. No. 39. 

2) L. c. No. 43. 

3) L. c. No. 55. 

4) L. c. No. 63. 65. 68. 



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318 Sitzung der histor. Classe vom 4. Februar 1882. 

urbis in anno V. Episcopati mei. 1 ) Und diese Bezeichnung 
reicht bei den Strassburger Bischöfen noch ins 9. Jahr- 
hundert hinüber, aber nunmehr scheint sie wirklich nur 
noch den eben erwählten, aber noch nicht consekrirten 
Bischof zu bezeichnen, denn sowohl bei B. Adaloch in einem 
Diplom Ludwigs des Frommen 817 als bei B. Rathold in 
einem solchen Kaiser Lothars vom 29. Juli 840 2 ) fallt sie 
mit der Erhebung zum Bischof zusammen, während letzterer 
schon im folgenden Jahre am 30. März in einem Diplome 
Ludwigs des Deutschen einfach Bischof heisst. 8 ) 

Damit ist aber das Beweismaterial der Strassburger 
Urkunden noch nicht erschöpft. Abgesehen von einem nicht 
bestimmbaren Ardolinus vocatus episcopus, welcher die Ur- 
kunde Widegerns unterschreibt, findet sich unter den Unter- 
schriften der Schenkung Heddo's von 749: in Dei nomen 
Hiddo peccator vocatus episcopus von Autun, dessen Er- 
nennungszeit sich nicht mehr feststellen zu lassen scheint, 
aber jedenfalls, da die Unterschrift erst später als 748, zu 
Attigny 762, hinzugefügt ist, früher als die Unterzeichnung 
der Schenkung Heddo's liegt. B. Remedius von Ronen 
(seit 755) unterschreibt zwar Heddo's Urkunde nur: In Dei 
nomine ego Remedius peccator donum Dei Episcopus, aber 
zu gleicher Zeit in Attigny: Remedius vocatus episcopus 
civitas Rodoma. 4 ) In einer weiteren Urkunde von 778 
schreibt der Passauer Bischof Walderich (seit 774): Ego in 
Dei nomine Waldericus vocatus episcopus, sowie Baldebert 
von Basel (seit den Tagen des P. Zacharias 741 — 752): Ego 
Waldebertus vocatus episcopus. 6 ) 



1) L. c. No. 78. 

2) L. c. No. 91. 114. 

3) L. c. No. 115. 

4) Pertz, leg. I, 30. Oelsner S. 366. 

5) Giandidier II. No. 73. Oelsner S. 365. Die Annal. Alam. 
bei Pertz, SS. I, 26 haben: 751 Baldebertus episcopus benedietus. 



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Friedlich: Die vocati episcopi der Passauer Urkunden etc. 319 

Der Bischof Tello von Chur, welcher schon längst 
Bischof war, als solcher 759 — 60 bei Bischof Sidonius von 
Constanz zu Gunsten St. Gallens umsonst intervenirte und 
762 den Todtenbund von Attigny unterschrieb, nennt sich 
in seinem Testament vom 15. Dezember 765: ego indignus 
Tello vocatus episcopus, und damit gar kein Zweifel übrig 
bleibt, dass er wirklich consekrirter Bischof sei, sagt 
er in demselben auch: ego Tello peccator ordinatus epis- 
copus, sowie: qui (Jesus Christus) me etiam indignum et 
exiguum omnium servorum Dei, non meis meritis, sed sua 
dementia inter praesules ecclesiae suae dignatus est col- 
locare. l ) 

Die Bezeichnung vocatus episcopus treffen wir auch 
bei Sindpert von Augsburg, zwar nicht in den Urkunden 
von Murbach, in welchen er genannt wird, aber in dem 
Formelbuch von St. Gallen: Sindbertus gracia Dei vocatus 
episcopus atque abba de monasterio Morbac 2 ) und : Sind- 
bertus donum Dei vocatus episcopus atqne abba de mona- 
sterio Morbac. 3 ) Da aber Sindpert nach allgemeiner An- 
nahme früher Bischof von Augsburg als Abt von Murbach 
gewesen wäre, so nannte er sich, obwohl er consekrirter 
und sesshafter Bischof war, doch vocatus episcopus. Vor 
oder nach seiner Uebernahme der Abtei Murbach fiele dann 
die Formel, worin er sich Sindpertus episcopus nennt. 4 ) 

In den bayerischen Bisthümern kommt der Ausdruck, 
wenn wir zunächst von Erchanfried und Otkar noch ab- 
sehen, im VIII. Jahrhundert nicht vor, jedoch sehen wir, 
dass er den Vertretern derselben nicht ganz fremd war, in- 
dem sich der Passauer Bischof Walderich in einer Strass- 
bnrger Urkunde von 778, also vier Jahre nach seinem Amts- 



1) Eichhorn, Episcopat. Curiens. Cod. probat. No. 2. 

2) Roziere Recueil form. 677. 

3) L. c. form. 678. 

4) L. c. form. 742. 



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320 Sitzung der histor. Classe vom 4. Februar 1882. 

antritt, vocatus episcopus nannte. Auch ist es wahrschein- 
lich, dass Urolf von Passau noch in der Weise des VIII. 
Jahhrhunderts um 805 eine Urkunde, in der es zuerst von 
ihm heisst: in praesenti Urolfo episcopo et omnium nobi- 
liuni, unterzeichnete: Et iterum ego Urilfus tarnen per dei 
misericordiam in ore episcopus vocatus. 1 ) Nicht mehr 
zweifelhaft kann es aber sein, wenn er 806 schrieb : Et ego 
Urolf tarnen per Dei misericordiam vocatus episcopus. 2 ) Auch 
schon darum konnte er übrigens den bayerischen Bischöfen 
nicht fremd sein, weil sich B. Rachio von Strassburg in 
der Einleitung zu seiner Canonensammlung, welche auch in 
Bayern bekannt war, so benannte, obwohl er schon im 
fünften Jahre seines Episkopates stand. Aus ihr nämlich 
stammt ohne Zweifel der, soviel ich sehe, hier allein vor- 
kommende Eintrag in das Verbrüderungsbuch von S. Peter 
in Salzburg: rachto vocatus episcopus. 8 ) Nur weil Karajan 
diesen Umstand übersah, sowie der Meinung war, vocatus 
episcopus heisse allein der nicht consekrirte Bischof, kam 
er über blose Vermuthungen über diesen Eintrag nicht 
hinaus: „Vocatus wird aber in der Sprache der Kirche ein 
Bischof genannt, so lange er noch nicht consecrirt ist. Diess 
Hesse schliessen, dass Rachto an dieser Stelle im Jahre 783 
oder kurz vorher eingetragen worden sei. Dem widerspricht 
aber die für d ermittelte Eintragszeit, welche das dritte bis 



1) M. b. 28. 2. No. 48. 

2) L. c. No. 31. — Allerdings schreibt auch Arn von Salzburg: 
Venerabilibus patribus, omnibus senatoribus, et coabbatibus italia manen- 
tibus, ego Arn exiguus et quasi abortivus servus servorum dei indignus 
vocatus abba et episcopus successor religiosissimi et famosissimi Virgilü 
in doinino salutera (Mon. boica 14, 351. No. 2); allein diese Formel ist 
zu unbestimmt, so dass man nicht weiss, ob sich vocatus nur auf abba 
oder auch auf episcopus beziehen soll. Wahrscheinlich daserstere; aber 
gerade hinsichtlich der Aebte ändert sich zuerst die Bedeutung des 
vocatus. 

3) Karajan, Das Verbrüderungsbuch v. St. Peter, col. 14, 3. 



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Friedrich: Die vocati episcopi der Passauer Urkunden etc. 321 

achte Jahrzehend des neunten Jahrhunderts umfasst. Wir 
können diesen Widerspruch uns dadurch erklären, dass wir 
annehmen, d habe aus irgend einer anderen Vormerkung, 
welche bis zum Jahre 783 zurückreichte, den Bischof Rachto 
sainmt jenem Beisatze hier unter die Lebenden herüberge- 
tragen . . ." Die Hand d hatte allerdings eine Vorlage 
vor sich, welche, wenn zwar nicht bis 783, doch bis 788 
zurückreichte und Rachto, den consekrirten Bischof Rachto, 
als vocatus bezeichnete, nämlich seine oben erwähnte Canonen- 
sammlung. 

Uebersehen wir nun alle Fälle, in denen Bischöfe im 
VIII. Jahrhundert sich des Ausdrucks vocatus episcopus be- 
dienten, 1 ) so bezeichnet er nie wedereinen Chorbischof 
(Gaubischof) noch auch einen ernannten, nicht con- 
sekrirten Bischof. 

Oelsner kann sich für die letztere Annahme auch nur 
auf die epistola vocatoria im Liber diurnus berufen, von 
der schon die Rede war, ferner auf die zu spät liegende, 
ebenfalls oben berührte Unterschrift Hinkmars von Rheims 
und endlich auf die Unterschrift des Bischofs Johannes von 
Constanz : Ego Johannis ac si peccator vocatus episcopus 
sive abbas in der Urkunde 36 bei Wartmann. Es kann 
sich aber nur um diesen handeln. Ich muss jedoch ge- 
stehen, dass ich vorweg bezweifle, ob hier der Ausdruck 
den nicht consekrirten, aber ernannten Bischof bezeichnen 
solle; denn wenn die Formel vocatus episcopus, wie hier, 
mit ac si peccator vervollständigt wird, ist sie durchgehends 
der Ausdruck der Demuth. Es kommt aber hinzu, dass 
Wartmann und Oelsner hinsichtlich der Datirung differiren, 



1) Oelsner S. 476 weist noch auf Fulcharios vocatus indignus 
episcopus, Vulfrannus vocatus episcopus unter den Unterschriften der 
Urkunde Chrodegangs für Gorze 757 hin und bemerkt selbst, dass Folc- 
ricus schon 748 Bischof von Lüttich war. 

[1882. I. Philos.-philol. bist Cl. 2.] ' 21 



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322 Sitzung der hifttor. Classe vom 4. Februar 1882. 

der erstere sie auf den 18. August 762 l ) der letztere gerade 
wegen des Ausdrucks vocatus episcopus auf den 18. August 
760 ansetzt, 2 ) indem es sich darum bandelt, von welchem 
Jahre die Regierungsjahre K. Pipins zu rechnen sind. In- 
dem aber Oelsner in dieser Urkunde dem Ausdrucke vocatus 
episcopns die signifikante Bedeutung: erwählt, aber nicht 
consekrirt beilegen will, sieht er sich gezwungen, die ähn- 
liche Formel des B. Johannes : Ego in Dei nomine Johannes 
episcopus, Dei dono vocans (vocatus bei Neugart) episcopus 
et abbas vom 29. März 779, 8 ) sowie die andere: In Dei 
nomine Johannes episcopus Dei gratia abbas vocatus 4 ) von 
780 dahin abzuschwächen : „ . . . in den übrigen 7 Ur- 
kunden Johann's . . . kehrt der gleiche Ausdruck nicht 
wieder; denn Dei dono vocans in No. 87 bedeutet nur so 
viel als: heissend, genannt; derselbe Sinn liegt in der ver- 
änderten Wortfolge der No. 93 : Johannis episcopus, gratia 
Pei abba vocatus.' 4 

Allein diese Gründe kann ich nicht als entscheidend 
betrachten. Dass B. Johannes den Ausdruck vocatus später 
nicht mehr gebrauche, ist schon darum zu beschränken, 
weil er allerdings in zwei folgenden (Nr. 87. 93) noch 
vorkommt ; entscheidet aber insofern nichts, als auch andere 
Bischöfe ihn bald gebrauchen, bald nicht. Von B. Sind- 
pert z. B. ist er zweimal in den Formeln von S. Gallen 
gebraucht, einmal nicht, und in den von Schöpflin mitge- 
theilten vier Urkunden schreibt Sindpert kein einziges Mal 
sich vocatus episcopus, während wohl die Schreiber der- 
selben sich ab wechslungs weise vocatus presbjter (der näm- 
liche auch blos presbjter) und vocatus monachus nennen. 5 ) 



1) Wartmann, Urkundenbuch der Abtei S.Gallen I, 38 No.36. 

2) Oelsner S. 514. 

3) Wartmann No. 87. — Neugart No. 74. 

4) Wartmann No. 93. — Neugart No. 77. 

5) Schöpflin No. 63. 64. 65. 66. 



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Friedrich: Die vocati episcopi der Passauer Urkunden etc. 323 

Dann hat Oelsner zweifellos mit Unrecht die Datirung 
Wartmann's bestritten und die Urkunde um zwei Jahre 
früher angesetzt. Es geht dies aus dem von ihm ganz 
übersehenen Umstände unwiderleglich hervor, dass der 
Schreiber der Urkunde vom 18. August (Nr. 36) sich Au- 
doinus presbiter nennt, während er in den Urkunden 
Nr. 27 vom 27. März 761 und Nr. 33 vom 15. Jan. 762 
sich noch als Audoinus lector und Autwinus lector be- 
zeichnet. Da es aber kein Aufsteigen vom presbiter zum 
lector gibt, sondern umgekehrt Audoinus nur vom lector 
zum presbiter aufgestiegen sein kann, so muss nothwendig 
die Urkunde Nr. 36 vom 18. August im Jahre 762, wie 
Wartmann annahm, geschrieben sein, nicht, wie Oelsner 
will, 760. *) «Es ist dann aber auch nicht gestattet, mit 
Oelsner in der Datirung des Audoinus : anno fceptimo Pippino 
rege, anno octavo Pippino rege, anno nono regnante Pippino 
re. einen „Fehler der Urkunde" anzunehmen; es müsste denn 
sein, dass man behaupten wollte, Audoinus habe nicht blos 
hinsichtlich des Datums sondern auch der Angabe seines 
Charakters lector und presbiter irrig geschrieben. 

Mit der Feststellung dieser Urkunde Nr. 36 als am 
18. August 762 geschrieben ist aber auch der letzte An- 
halt geschwunden, dass im VIII. Jahrhundert ein Bischof, 
der sich vocatus episcopus nannte, sich als erwählten, aber 
noch nicht consekrirten Bischof bezeichnen wollte. 

Ein anderes Resultat wird sich aber auch aus den 
Formelbüchern nicht gewinnen lassen. Die unter die 
S. Gallener Formeln aufgenommenen Briefe des B. Sindpert 
sind schon besprochen. Dann bleibt aber nur noch weniges 
Material übrig, und dieses ist äusserst schwierig zu be- 

1) Neugart Cod. dipl. Alem. I. No. 31 übersieht ebenfalls die 
Bezeichnung Audoins als presbiter und setzt die Urkunde am 18. Aug. 
760 an. — Ueber einen Fall, wie er nach der Ausführung Oelsners an- 
genommen werden müsste, vgl. Wartmann I. No 6, Anmerkg. 

21* 



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324 Sitzung der histor. Glosse vom 4. Februar 1882. 

handeln, da es nur selten möglich ist deren Alter genau 
festzustellen und die Bezeichnung vocatus episcopus ihrer 
Bedeutung nach zu bestimmen. Marculf selbst hat den 
Ausdruck überhaupt nicht, wohl aber kommt er in dem 
Anhang zu seinen Formeln vor. So : Igitur ego ille, sanctae 
ille ecclesiae vocatus episcopus, iniungo, mando et per has 
litteras delego tibi illo , fideli meo . . . *) Ich glaube aber 
nicht, dass ein erst erwählter, noch nicht consekrirter und 
in sein Bisthum eingeführter Bischof bereits die Verwaltung 
des Bisthams übernahm und bezüglich des Besitzstandes 
Anordnungen traf. Em wirklich consekrirter und sesshafter 
Bischof ist aber sicher in dem Tndiculum ad regem gemeint, 
wenn es heisst: Domino tarn piissimo religiosissirao , ego 
ille indignus vocatus episcopus, tarnen fidelis vester sum et 
omnia devotus.* 2 ) Ebenso verhält es sich mit der, wie es 
scheint, jüngeren Formel: Sanctis ac venerabilibus claraque 
culmina sacerdotum, illo vocato episcopo vel cuncto clero 
ecclesiae Bituricensis urbem, salutem in Domino, welche 
die Dimissorien eines Priesters betrifft. 8 ) In den folgenden 
commendatitias litteras differiren schon die Handschriften, 
indem die einen haben : Domino beatissimo et meritis vene- 
randum sancto patri illi abbate, ille in Domno perpetuam 
mitto salutem, eine andere aber schreibt : Domino beatissimo 
et meritis venerando sancto patri illo abbate sive episcopo, 
ego ille, ac si indignus, vocatus ille . . . 4 ) Zu der gewöhn- 
lichen Art gehört :... ille ultimus servorum Dei servus, ac 
si vilis, ille infimus vocatus episcopus, salutem. — 5 ) De- 
siderabili domino perque magnifico et amantissimo magistro 
episcopo ac si vilis et indignus vocatus episcopus devot us 



1) Ro ziere, Kecueil No. 390. 

2) L. c. No. 636. 

3) L. c. No. 659. 

4) L. c. No. 665. 

5) L. c. No. 723. 



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Friedrich: Die vocati episcopi der Passauer Urkunden etc. 325 

tarnen et fidelia orator perpetem in Christo pacem et sa- 
lutem ... ist die erste der Epistolae Alati, welche nach des 
Collegen Rockinger Untersuchung in der zweiten Hälfte 
des IX. Jahrhunderts entstanden sind. 1 ) 

Hingegen dürfte t die schon besprochene epistola voca- 
toria im Anhange des Liber diurnus, welche auch in den 
fränkischen Formeln sich findet, den Wendepunkt im Ge- 
brauche des vocatus episcopus bezeichnen. Es ist noch 
nicht gelungen, den Zeitraum genau zu begränzen, in welchem 
der liber diurnus entstand. Nimmt man aber mit de Roziere 
an, dass die Redaction desselben in den Jahren 685 bis 751 
stattgefunden, und beachtet man ferner, dass die epistola 
vocatoria wegen der Differenz der Handschriften als zum 
Anhang gehörig sich charakterisirt, so fällt ihre Entstehung 
etwa um das Ende des "VIII. Jahrhunderts, also kurz vor 
der Zeit, wo es allerdings üblich wird, dass die ernannten, 
noch nicht consekrirten Bischöfe sich vocatus episcopus 
nennen. 

Doch wenn es auch im VIII. Jahrhundert vorgekommen 
wäre, dass sich ernannte, nicht schon consekrirte Bischöfe 
vocatus episcopus genannt hätten, so wäre dies doch in 
Bezug auf den Punkt, welchen ich im Auge habe,, gleich- 
gültig. Ich wollte nur die Annahme untersuchen und, wenn 
möglich, beseitigen, dass vocatus episcopus im VIII. Jahr- 
hundert Coepiscopus (Coadjutor) oder Chor-, Gau- oder 
Regionarbischof bezeichnet habe. Dieses, glaube ich, ist 
mir aber vollkommen gelungen. Ist dieses aber der Fall, 
so müssen danach auch die in den Passauer Urkunden vor- 
kommenden vocati episcopi Erchanfried und Otkar beurtheilt 
werden. 

Die Stellen, in welchen sie genannt werden, lauten 



1) Rockinger, Drei Formelbücher, S. 171. No. 1 u. Einleitung 
S. 28. — Roziere No. 811. 



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326 Sitzung der histor. Classe vom 4. Februar 1882. 

aber : . . . illa prefata Eoza venit ad patavia civitate quando 
erchanfridus vocatus episcopus cum suis fidelibus ibidem 
fuisset et renovavit omnem traditionem *) . . . Hec igitur 
ego Sigiricus presbyter . . . renovavi traditionem meam, quam 
olim factam babueram ad sauctum §tephanum anteriorum 
episcoporum temporibus. Erchanfrido vocato episcopo prae- 
sente et donavi . . . 2 ) Dum non est incognitum, sed coram 
plurimis ponitur noticia qualiter Reginolf presbyter propriam 
hereditatem ad ecclesiam b. Stephani martyris infra rauro 
civitate Patavie tradidit sicut hie continetur ... In ea vero 
die manentibus Otkario vocato episcopo una cum fidelibus 
suis in loco nuneupante ad Puoche, ubi preciosus martyr 
Florianus corpore requiescit ut ipso praefato presbytero a 
nobis humiliter rogante praestare ei quasdam causas a s. 
Stephano una ad Ofterigon, alia ad Tegerinpach. In ea 
vero ratione econtra suam traditionem ipse renovavit. qnia 
antea coram Erchanfrido vocato episcopo similiter fecit, et 
nobis placuit atque convenit. 8 ) 

Die Folgerungen daraus zu ziehen, kann ich unter- 
lassen; aber ich meine, man sollte, auch wenn man mit 
Dümmler Erchanfried und Otkar zu gleicher Zeit und neben 
Rupert im VIII. Jahrhundert auftreten lässt, 4 ) dieses Auf- 
treten beider Bischöfe zugleich mit der Erwähnung von 
vorausgehenden Bischöfen (anteriorum episcoporum) nicht 
ignoriren, sondern als hochwichtige Zeugnisse anerkennen, 
und diesen Bischöfen ihre Stelle auch nicht dadurch ver- 
kümmern, dass man sie zu blossen Regionär- oder Gau- 
oder Chorbischöfen herabdrückt. 



1) M. b. 28. 2. No. 78. 

2) L. c. No. 44. 

3) L. c. No. 38. 

4) Dümmler, Piligrim von Passau S. 4 f. 151. 



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Friedrich: Der Oadälhart episcopus d. Freisinger Urkunden etc. 327 

IL Der Bischof Oadälhart (Udalhart) der Freisinger 
Urkunden als Bischof von Neuburg. 

Ein anderer Punkt, den ich noch bei dieser Gelegenheit 
besprechen möchte, betrifft die Methode, Bischöfe, welche 
in Schenkungsurkunden einer Diöcese neben dem Diöcesan- 
bischof vorkommen und deren Sitze nicht bekannt sind, 
sofort und ohne Bedenken zu Hilfsbischöfen oder auch zu 
Chorbischöfen dieser Diöcesanbischöfe zu machen. Dieses 
Verfahren hat sich namentlich in der Behandlung der Frei- 
singer Urkunden, auch jüngst noch in den fleissigen Ar- 
beiten unseres verstorbenen Collegen, des Grafen Hundt, 
geltend gemacht. Man kann auf diese Weise allerdings die 
Reihe der Freisinger „Weihbischöfe 41 bis in das VIII. Jahr- 
hundert hinauf verfolgen, wie ich aber an einem Beispiele 
zeigen werde, mit Unrecht. 

Bei der vorausgehenden Untersuchung begegnete mir 
in den Freisinger Urkunden auch der Bischof Oadälhart, 
und es lässt sich nicht leugnen : sein Auftreten kann Ver- 
legenheiten bereiten, wenn man seine Stellung nur aus den 
Freisinger Urkunden allein zu beurtheilen versucht. Allein 
auch sie, das muss ich schon hier bemerken, zwingen nicht 
zu der Annahme, dass er ein Freisinger Weihbischof sein 
muss. Meichelbeck selbst hielt ihn für einen Freisinger 
Chorbischof, 1 ) Resch glaubte ihn aber verbessern und Oadäl- 
hart zu einem Coepiscopns oder Coadjutor von Freising 
machen zu sollen. 2 ) Ich selbst habe schon in meiner Kirchen- 
geschichte Deutschlands darauf hingewiesen und unter dem 
Vorbehalt, später darauf zurückzukommen, kurz zu begründen 
gesucht, dass Oadälhart Bischof von Neuburg gewesen ist. 3 ) 



1) Meichelbeck, h. Fr. I, 88. 

2) Resch, Annal. Sabion. I, 712. No. 484. p. 772. n. 647. 

3) Friedrich, Kirch.-Gesch. Deutschlds. II, 652. n. 2082. 



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328 Sitzung der histor. Classe vom 4. Februar 1882, 

Gleichwohl hat Graf Hundt neuerdings die Annahme Resch 1 
in seiner Schrift: Die Urkunden des Bisthums Freising aus 
der Zeit der Karolinger — wiederholt und geschrieben (S. 56): 
„Bischof Oadalhart steht neben Bischof Arbeo zuerst in 
einer Urkunde vom 16. November 777 in villa publica vel 
Castro Frisinga. Während des Wechsels der Bischöfe Arbeo 
und Atto scheint um das Jahr 784 eine weitere Urkunde 
ausgestellt, ohne Tag und Ort, worin Oadalhart allein als 
Bischof erscheint. Mit Bischof Atto ist er dann in Tegern- 
see im Juni 804, ohne ihn im Juli 807 im Kloster Caroz, 
Gars am Inn, bei Erzbischof Arno, dann mehrmals in Frei- 
sing und zuletzt am 8. September 809 genannt. Er scheint 
demnach die Funktionen des Weihbischofs in Freising unter 
den Bischöfen Arbeo und Atto 777 — 810 versehen zu haben. 
Niemals wird er Chorepiscopus oder vocatus Episcopus ge- 
nannt 41 . 

Diese ganze Beweisführung ist verfehlt; denn weder 
folgt aus der Unterschrift eines Bischofs neben dem Diöcesan- 
bischof, dass derselbe des letzteren Coadjutor oder Weih- 
bischof sein muss, noch aus dem sonstigen Auftreten Oadal- 
harts, dass er in Freising seinen Sitz gehabt hat. Die 
Regesten des Grafen Hundt selbst beweisen dies auf's 
schlagendste. 

In gleicher Weise nämlich, wie Oadalhart neben Arbeo 
und Atto unterschreibt, thun es auch andere Bischöfe, z. B. 
Manno (zu Freising) : Signa joseph epi,Maunoni epi (Reg.19); 
AI im (zu Freising): Inprimis doranus dux Tassilo testis; 
deinde Alim et Heres epi . . . und am Schlüsse noch: T. Vir- 
gilius eps, Wisurih eps (Reg. 38); Virgilius (zu Freising): 
in manus Arbeonis epi. T. Virgilius (Reg. 52); Virgilius 
(zu Passau) : Virgilius eps rogitus a Wisurihho epo (Reg. 95); 
Virgilius als Abt: Signa Virgilii abb. (Anhg. I. No. 3) 
Es kann durchaus kein Zweifel daran bestehen, dass diese 
Bischöfe, wenn man ihre Sitze nicht kannte, ebenfalls zu 



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Friedrich: Der Oadälhart episcopus d. Freisinger Urkunden etc. 329 

Coadjutoren oder Weihbischöfen von Freising u. s. w. ge- 
macht würden. Das Verfahren wäre irrig ; aber ebenso 
unstatthaft ist es, aus einer gleichen Unterschrift des Oadäl- 
hart sofort darauf zu schliessen, dass er ein Coadjutor der 
Bischöfe Arbeo und Atto von Freising gewesen. 

Es ist aber eben so falsch, von einer Häufigkeit seines 
Aufenthalts in Freising zu sprechen oder gar, wie Meichel- 
beck, zu behaupten, hie und da scheine er deutlich als 
zum Freisinger Klerus gehörig bezeichnet zu sein. Oadäl- 
hart erscheint in Anbetracht seiner langen Amtsthätigkeit 
(c. 774 bis c. 809) kaum öfter in Freising als Zeuge unter- 
schrieben als andere Bischöfe, und in der Regel ist noch 
die Veranlassung seiner Anwesenheit dort oder anderwärts, 
entweder Tagen der Bischöfe oder der Sendboten, angegeben. 

Allein ist er in Freising 789 (?), obwohl der Ort 
nicht angegeben ist : Actum est haec in praesentia Domni 
Attonis Episcopi, et Oadalharti Episcopi (M. nr. 98), und 
später wo es zweimal heisst: in praesentia Attonis Epis- 
copi, seu Oadharti Episcopi.. und: Actum est haec in 
IUI. Non. Aprilis in domo s. Mariae seu s. Corbiniani 
conf. Christi in praesentia Attonis Episcopi, et Oadalharti 
Episcopi . . . (M. 157). Dagegen tritt er dreimal zugleich 
mit anderen Bischöfen oder Aebten auf. So 777 
in Freising zugleich mit Virgilius : . . Duce consentiente vel 
Proceribus, qui ibidem esse potuerunt Virgilio praesente 
Episcopo, hos testes per aures utrisque partibus tradiderunt 
. . . Arbeo , Oadälhart testes , seu alii quam plurimi layci 
(M. 54). Zugleich mit einem Abte (in publico placito) in 
einer undatirten Urkunde: Actum est haec in praesentia 
Attonis Episcopi, et Oadalharti Episcopi, Meginhart abbatis 
(M. 250), und ebenso: Actum est haec in praesentia cunctae 
familiae s. Mariae, seu aliorum, qui praesentes adfuerunt, 
qucfrum nomina haec sunt: inprimis Oadälhart Episcopus, 
Sigimoat vocatus Abbas (M. 285). Die anderen Male be- 



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330 Sitzung der histor. Classe vom 4. Februar 1882. 

gegnet er uns nur noch ausserhalb Freising, aber wieder 
zugleich mit anderen Bischöfen oder mit Aebten. Das ist 
der Fall 804 zu Tegernsee. Nachdem schon auf einem Con- 
vente von Bischöfen und Aebten zu Regensburg eine An- 
gelegenheit zwischen B. Atto von Freising und Abt Adal- 
bert von Tegernsee verhandelt worden war (coram Epis- 
copis, et Abbatibus . . . Inprimis Altheus Episcopus, Walterich 
Episc, Arn Episc., Itheri Abbas etc.), wurde sie neuerdings 
der Gegenstand einer Vergleichung auf einem pro hoc an- 
gesagten publicum placitum, et qualiter adunata est cohors, 
et stipata caterva in loco, qui dicitur in Tegarinseo ad 
translationem corporis s. martyris Christi Quirini hie in- 
telligitur. Ipso die resedentibus viris inlustrissimis Arnonem 
Archi-Episc, Attonem Episc, Oadalhardum Episc, Hiltigero 
vocato Episc, Maginhardo Abbate etc. (M. 121). Im J. 807 
tagen die Sendboten Erzbischof Arn und die Grafen Orendil 
und Amalrih zu Kloster Gars; auch hier ist Oadalhart 
ebenso wie Atto anwesend : Et haec nomina testium per 
aurem tracti in conspectu Arnonis, et Oadalharti Episcopis, 
et in conspectu Amalricis, et Orendil Comitibus etc. (M. 1 24). 
Endlich begegnet er in einer Urkunde, deren Ausstellungs- 
ort fehlt, in welcher aber, wie Hundt vermuthet, Oadalhart 
als Freisinger Weihbischof die Geschäfte des Bisthums zwischen 
dem Tod Arbeo's und dem Antritt des Bischofs Atto ge- 
führt zu haben scheint. Allein die Vermuthung wird durch 
nichts gestützt. Die Veranlassung zum Erscheinen des 
Oadalhart war ein Tag, den Herzog Tassilo, unbestimmt 
an welchem Orte, hielt, und wozu auch noch Aebte und 
Andere zusammengekommen waren : Signum Huuasmoti. 
Signum Tassiloni duci. Signum Oadalharti Episcopi. Signum 
Hunrih abbatis. Signum Frichoni presbyteri. Signum Sigideo 
Abbatis . . . (M. 97). Er ist bei der auf diesem Tage ge- 
machten Schenkung eben Zeuge, wie die übrigen auch, und 
keine Silbe deutet an, dass die Schenkung zur Freisinger 



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Friedrich: Der Oadalhart episcopus d. Freisinger Urkunden etc. 331 

Kirche, und zwar durch die Hände des Oadalhart vermacht 
worden wäre. Die Urkunde ist sogar ganz so abgefasst, 
wie die über eine Schenkung Tassilo's an die Freisinger 
Kirche, welche bei Meichelbeck (M. 11) noch unter Bischof 
Joseph, der jedoch nicht erwähnt wird, gestellt ist: Inprimis 
Tassilo propria manu signum fecit. Signum Virgilii Abbatis. 
Signum Reginperti . . . Gesetzt aber auch den Fall, Oadal- 
hart hätte sich während der Sedisvakanz nachweislich in 
Freising aufgehalten, so würde dies noch nichts beweisen, 
indem es recht gut zu denken wäre, dass er als Visitator 
zum Schutze der Kirche sich dort befand, wie z. B.^im 
Liber diurnus eine Formel eine solche Anweisung enthält. 1 ) 

Aus diesem fünfmaligen Auftreten Oadalharts in Freising 
lässt sich also durchaus kein Schluss darauf ziehen, dass er 
in Freising seine Stellung hatte, da Virgil von Salzburg 
ebenfalls drei-, oder vielleicht viermal als Zeuge in Freising 
erscheint. Ich möchte hinzufügen, dass es geradezu un- 
glaublich wäre, dass Oadalhart in den zahlreichen, in Freising 
selbst errichteten Urkunden nicht öfter hätte genannt werden 
sollen, als es wirklich der Fall ist. Was mir aber ganz 
besonders wichtig erscheint, ist der Umstand, dass er gerade 
bei mehreren von den Sendboten Arn von Salzburg und 
Adalwin von Regensburg zu Freising gehaltenen Gerichts- 
tagen nicht anwesend ist (M. 115. 116. 117). 

Ich weiss, dass ich mit dieser Ausführung nur die bis- 
her üblichen Beweise als unzureichend dargethan, keines- 
wegs aber auch die Annahme beseitigt habe, dass Oadalhart 
trotzdem Weihbischof in Freising gewesen sei. Es wird 
darum noth wendig sein, den Sitz desselben nachzuweisen, 
weil erst dann die eben berührte Annahme ganz unhaltbar 
geworden ist. Ich glaube nun, dass der Beweis vollständig 
geliefert werden kann. 



1) Lib. diurn. form. 109, ed. ßoz. p. 251. 



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332 Sitzung der histor. Classe vom 4. Februar 1882. 

Wir sahen, dass der Bischof Marino gerade so neben 
dem Bischof Joseph von Freising auftrat, wie später Oadal- 
hart neben den Bischöfen Arbeo und Atto. Die Bischöfe 
sämmtlicher bayerischer Bisthüraer seit ihrer festen Ein- 
richtung durch Bonifatius sind uns aber bekannt, nur für 
Manno ist uns ein Nachfolger nicht bekannt. In der Ge- 
bets-Convention der bayerischen Bischöfe zwischen 771 bis 
773 (?) tritt Manno, wahrscheinlich als der älteste dem 
Weihealter nach, noch an der Spitze derselben auf: Manno, 
Alim, Virgilius, Wisurih, Sindperht, Heres epi. 1 ) Seitdem 
verschwindet er, und zeitlich zusammentreffend tritt nun- 
mehr lange Jahre hindurch zu den bayerischen Bischöfen 
ein Oadalhart episcopus hinzu, ohne dass sein Sitz genannt 
würde. Es liegt nahe in diesem Bischof den Nachfolger 
Manno's zu erblicken, mit Hilfe des Verbrüderungsbuches 
von S. Peter in Salzburg können wir ihn aber als solchen 
auch nachweisen. In die Columne 70 trug die erste Hand 
die gestorbenen bayerischen Bischöfe mit Ausnahme der 
Salzburgischen ein und darunter auch Manno ; in Columne 35 
hingegen die lebenden, und zwar, wie die Regierungsjahre 
derselben zeigen, zwischen 784 und 792. 2 ) Da finden wir 
nun folgende Reihenfolge: 

Ordo episcoporum viv. 

aljni ep. et congregatio ipsius 

sindperht ep. et cong. ips. 

u dal hart ep. et cong. ips. 

chaldrih (Waldrih) ep. et cong. ips. 

atto ep. et cong. ips. 



1) Pertz, leg. III, 461. Hundt, die agilolf. Urk. p. 215 No.14. 

2) Ueber die Hand a vgl. Karajan, Verbrüderungsbuch, p. IX, 
der schliesslich sagt: „die Hand a hat somit im äussersten Falle in 
den letzten beiden Jahrzehnten des 8. und dem ersten des 9. Jahrh. 
eingetragen. Wahrscheinlich aber schon vor dem 13. August 780." 



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Friedrich: Der Oadälhart episcopus d. Freisinger Urkunden etc. 333 

Es kann nun kein Zweifel sein, dass wir hier die 
Fortsetzung der schon erwähnten Gebets-Convention der 
bayerischen Bischöfe vor uns haben, und zwar ihrem Weihe- 
alter entsprechend (Alim c. 769 bis c. 806; Sindpert 766 (?) 
bis 791 2 ); üdalhart c. 774; Waldrich 774 bis 804; Atto 
784 bis 811). Die Bischöfe, welche die erste Gebets-Con- 
vention schlössen und inzwischen gestorben sind (in Co- 
lumne 70 sämmtlich verzeichnet) , sind insgesammt ersetzt 
bis aufManno; aber statt seiner erscheint Üdalhart. Schon 
der Eintrag mitten unter den lebenden bayerischen Bischöfen 
bezeichnet ihn als einen Bischof mit einem Sitze in Bayern. 
Da aber ausser dem des Manno kein anderer übrig ist, und 
üdalhart in der Liste der Lebenden genau die Stelle Manno's 
in der Todtenliste einnimmt, so muss dieser wohl in üdal- 
hart seinen Nachfolger gefunden haben, und da Wisurich 
von Passau (f 774) nach Manno in die Todtenliste, üdal- 
hart hingegen vor Waldrich von Passau (seit Aug. 774) 
in die Reihe der lebenden Bischöfe eingetragen ist, so dürfte 
Manno 773 oder vielleicht schon 770 gestorben sein, da er 
auf einem Conyente Tassilo's mit sämmtlichen bayerischen 
Bischöfen in Freising am 26. September 770 (M., hist. Fr. 
I, 68) nicht mehr ist, und üdalhart ihm spätestens in der 
ersten Hälfte des Jahres 774 gefolgt sein. 

Ganz und gar unhaltbar ist aber gegenüber dem Ver- 
brüderungsbuch die Annahme geworden, dass Oadälhart 
Freisinger Weihbischof gewesen ; denn Oadälhart erscheint 
nicht blos ebenbürtig unter den bayerischen Bischöfen, 
sondern das Entscheidende liegt in der Beobachtung, dass 



1) Da Alim hier wie in der Gebets-Convention oben dem Sindpert 
vorangesetzt wird, ist dieser ohne Zweifel der jüngere Bischof. Dass 
man in der That in Col. 35 u. 70 chronologische Einträge hat, zeigt 
der Umstand, dass der Todtenliste col. 70: Sigirih (761—768), Manno 
(c. 759—773), Wisnrih (t vor Aug. 774) der Ersatz in der Liste der 
Lebenden entspricht: Sindpert, üdalhart, Waldrih. 



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334 Sitzung der histor. Classe vom 4. Februar 1882. 

er wie Atta von Freising eine Coagregation unter sich hat, 1 ) 
also einen, nm mich so auszudrücken, bischöflichen Klerus. 
Zwei Congregationen als bischofliche Kleriseien hat aber 
noch Niemand für Freising im VIII. Jahrhundert nachge- 
wiesen. Aber Klostervorstand konnte Udalhart ebensowenig 
sein, da die lebenden Klostervorsteher Bayerns neben den 
lebenden Bischöfen eine besondere Columne (36) haben. 
Oadalhart und seine Congregation müssen also anderwärts 
ihren Sitz gehabt haben, wie wir sahen, in Neuburg. Es 
ist jedoch möglich, dass er, wie eine Reihe anderer Bischöfe, 
ebenfalls aus dem Freisinger Domklerus stammte, da in der 
That zweimal, um 760 und 770, ein Kleriker Oadalhart in 



1) Das sah übrigens schon Earajan ein, der zu col. 35, 23 be- 
merkt : „ udalhart ep. et cong. ips. Den hier genannten Bischof, der in 
Freisinger Urkunden öfters als ,Oadalbardus episcopus' vorkommt, hält 
Meichelbeck für einen Land- oder Regionarbischof. Vergl. dessen hist. 
Fris 1, 1, 88 und 1, 2, 79. Mich macht aber der Zusatz auf unserer 
Zeile ,et cong. ips.' bedenklich. Es scheint mir nämlich derselbe eher 
auf den Vorstand einer Ordens-Congregation, also einen Bischof mit 
bleibendem Sitze, zu weisen. Die Urkunde 1. c. 1, 2, 79, in welcher 
Odalhart als gegenwärtig erscheint, gehört übrigens in 's Jahr 788. Resch 
in den Annal. Sabion. 1, 712 Note 484 hat eine ganze Reihe (sie) von 
Urkunden aufgeführt, in denen Odalhart wiederholt neben dem Bischof 
Atto von Freising und als derselben ,familiae s. Mariae' angehörig be- 
zeichnet wird.* Hundt hat leider das Verbrüderungsbuch zu seinen 
Arbeiten wenig herangezogen. Was übrigens die auch von Earajan hin- 
genommene Behauptung Meichelbeck's betrifft, dass Oadalhart als zum 
freisingischen Klerus gehörig erscheine, so ist dieselbe durchaus falsch; 
denn das besagt nicht N. 157: in praesentia Attonis Episcopi et Oadal- 
harti Episcopi, seu praedietae familiae s. Mariae, denn dann müssten, 
wie gezeigt, auch andere Bischöfe Bayerns zu der familia s. Mariae in 
Freising gehört haben. Im Gegentheil nimmt ihn die Urkunde N. 258 
ausdrücklich aus der Familia s. Mariae aus: in praesentia eunetae 
familiae s. Mariae seu aliorum, quorum nomina haec sunt: 
inprimis Oadalhart Episcopus, Sigimoat vocatus abbas etc. So wenig 
Sigimoat zu dem Freisinger Klerus nach dieser Formel gehörte, eben- 
sowenig Oadalhart. 



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Friedrich: Der Oadälhart episcopus d. Freisinger Urkunden etc. 335 

Freisinger Urkunden auftritt; vielleicht ebendeswegen kam 
er auch manchmal nach Freising, ohne durch öffentliche 
Angelegenheiten dahin gerufen zu sein. 

Die Erinnerung an Oadälhart als Bischof von Neuburg 
ist auch später nicht ganz erloschen. Schon im Verbrüder- 
ungsbuche von S. Peter können wir bemerken, dass die 
Hand i, welche nach Karajan seit c. 820 eintrug, das Ge- 
dächtniss desselben festhalten wollte. Sie schrieb nämlich 
zu der Columne 70 und gerade zu den verstorbenen baye- 
rischen Bischöfen odalhart, freilich ohne den Beisatz epis- 
copus, aber ich meine doch, dass der Eintrag unter der 
Ueberschrift : Ord. comm. epor. vel abb. defnnct. zwischen 
zwei Columnen von Bischöfen und Aebten unseren Oadälhart 
betreffen sollte. 1 ) Ebenso hatte man auch in Benedikt- 
beuern noch einige Jahrhunderte später, offenbar auf Grund 
älterer Aufzeichnung, die Kenntniss davon, dass Oadälhart 
der Nachfolger Manno's von Neuburg war. Kunstmann 
hat zum ersten Male, ohne die Notiz in unserer Richtung 
weiter zu verfolgen, darauf aufmerksam gemacht.. Er ent- 
nahm dieselbe dem Cod. Ben. 118 saec. X/XI (jetzt Cod. 
lat. Monac. 4618). In ihm ist nämlich bei der Vertheilang 
der bischöflichen Sitze, Bayerns durch Bonifaz in Willibaldi 
vita s. Bonifatii c. 7 eingefügt: Quartum (episcopum) in 
Nova civitate nomine Mannonem, cui Uodalhart episcopus 
successit. 2 ) Dazu stimmen auch Annalen einer alten Hand- 
schrift, welche Lazius benützt und in Bezug auf unsere 
Frage erhalten hat. Auch nach ihnen wäre Manno nicht 
ohne Nachfolger geblieben ; aber derselbe heisst nicht Oadal- 



1) Col. 21, 10 steht der Abt Adalhart von Corbie auch ohne den 
Beisatz Abb. eingetragen. 

2) Kunstmann, Bemerk, üb. eine ungedr. Stelle aus der Lebens- 
beschreibung des h. Bonifacius. Oberbay. Archiv. I, 155. — Jaffe, Mon. 
Mog. p. 457. 



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336 Sitzung der histor. Classe vom 4. Februar 1882. 

hart, sondern Hildegart. 1 ) Ich glaube aber, dass hier nicht 
ein unter anderen Verhältnissen leicht denkbarer Fehler 
des Schreibers untergelaufen ist, indem er Hildegart statt 
Oadalhart schrieb, sondern eine Combination vorliegt, welche 
absichtlich Hildegart statt Oadalhart setzte. Jm J. 804. 
kommt nämlich auf dem schon erwähnten Tage zu Tegern- 
see unmittelbar hinter Oadalhart: Hiltigero vocato Episcopo, 
und dieser Hiltiker verdrängte wahrscheinlich bei dem Anna- 
listen des Lazius den Oadalhart, wie es noch bis in die 
neuere Zeit bei den Schriftstellern der Fall ist. „Resch, 
schreibt Graf Hundt, glaubt in seinen Sebener Annalen 
Hiltikern wegen des Vorhandenseins zweier Bischöfe in 
Freising anderwärts unterbringen zu sollen , und weist auf 
das Bisthnm Neuburg hin. Rettberg (in seiner Kirchen- 
geschichte Deutschlands) ist geneigt, in Hiltiker jenen Hilde- 
gart zu erkennen, welcher nach einer Vormerkung bei Wolf- 
gang Lazius aus ungenannten Annalen dem Bischof Mammo, 
vielmehr Manno, zu Neuburg gefolgt sein soll. Nach Anton 
Winters in seinen Vorarbeiten für Bayerns Kirchengeschichte 
entwickelten Ansichten hätte das Bisthum Neuburg bis zum 



1) Lazius, de gentium aliquot migrationib. Frcf. 1600, p. 232. 
Es ist von der kirchl. Eintheilung Bayerns durch Bonifatius die Rede, 
dann fährt er fort : Haec ex antiquo Annalium codice, ubi praeterea ista 
leguntur, sub paragrapho Zachariae Romani episcopi: Jste Zacharias, 
rogante Carole rege, duos episcopos ordinavit, Wicconem in novam civi- 
tatera , et Rozilonem (Tozzilonem, Tozzonem ?) in Augustam. Deinde 
Dominus Pipinus jussit Bonifacium episcofram Maguntinum, cui secundus 
Gregorius vicem suam per Galliam et Gerraaniam commiserat, et Bili- 
baldum una cum ceteris sapientibus viris, ex praecepto domini Apostolici, 
per omne regnum res ecclesiasticas ordinäre. Proinde b.Bonifacius epis- 
copus eodem itinere venit in Boiariam, et sedens in civitate nova, ordi- 
navit exinde episcopales sedes per totam Boiariam, atque ob merita sua 
deposuit Wicconem episcopum, et consensu atque praecepto domini Pipini 
regis et Odilonis ducis ordinavit iilic Mannonem, eoque mortuo ordi- 
natus est illic Hildegart episcopus. 



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Friedrich: Der Oadcdhart episcopus d. Freisinger Urkunden etc. 337 

J. 809 gedauert, und so wäre dann 804 für das Auftreten 
Hiltikers als dessen Bischof Platz. Allein Rettberg bekämpft 
mit guten Gründen Winter in Bezug auf die Dauer des 
Bisthums Neuburg, indem er darthut, dass jener Reichs- 
kataster, in welchem die Civitas nova um 809 mit solcher 
Bedeutung erscheinen soll, dass in ihr ein Bischofssitz an- 
zunehmen wäre, weder der Zeit nach feststehe, noch eine 
kirchliche Beziehung habe. Das Bisthum Neuburg, welches 
in Bonifazius Einrichtung der Kirche Bayerns sich nicht 
findet, kann wohl nur aus dem Zeiträume der Kämpfe 
zwischen Franken und Bayern stammen, wo es von politi- 
scher Bedeutung war, das Bisthum Augsburg nach den das- 
selbe durchschneidenden Landesgränzen in zwei zu theilen. 
Mit der Einverleibung Bayerns in das grosse Frankenreich 
fielen die Gründe für einen Bischofssitz in Neuburg und 
war derselbe der Lage und Gestaltung nach unhaltbar ge- 
worden. Nach dem J. 788 fehlt denn auch jegliche Nach- 
richt über ein Fortbestehen des Bisthums Neuburg, während 
schon an sich Bischof Manno's Leben über 788 hinaus kaum 
zu erstrecken sein dürfte, Hiltiker aber, wie vorbemerkt, 
noch 793 sich unter der Domgeistlichkeit Freising befunden 
zu haben scheint. Es wird daher eine spätere Aufstellung 
eines Bischofs zu Neuburg nach längst erloschenen Gründen 
für das Fortbestehen des Bisthums, aber auch in gleichem 
Grade eine weiter gefolgte Wiederabsetzung des Bischofs, wie 
sie Rettberg zur Erklärung des vocatus Episcopus Hiltiker 
andeutet, höchst unwahrscheinlich, zumal der Titel vocatus 
Episcopus in der Ausdehnung von zehn und mehr Jahren 
geführt worden sein müsste. u Da aber Hundt den Oadal- 
hart für einen Freisinger Coepiscopus erklärt, darum auch 
meint, Hiltiker erscheine auf dem Tage zu Tegernsee „mitten 
unter der Priesterschaft des Bisthums Freising nach den 
Bischöfen Atto und Oadalhart und vor den Aebten u , und 
da nirgends angedeutet ist, dass Hiltiker anderwärts die 
[1882. I. Philos.-phüol. hist. Cl. 2.1 22 



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338 Sitzung der histor. Classe vom 4. Februar 1882. 

bischöfliche Würde bekleidet habe, so kommt er begreiflich 
wegen der zwei gleichzeitigen Freisinger Coepiscopi in Ver- 
legenheit, glaubt aber unter Hinweis auf die viel spätere 
Synode von Dingolfing 902 , wo zwei Chorbischöfe des 
Bischofs von Eichstätt zugegen waren, diese Erscheinung 
für begründet halten zu dürfen. „Wir erblicken demnach, 
schliesst er, in Hiltiker einen Coepiscopus von Freising, 
dessen Wirksamkeit aber im Hinblicke auf bald auftauchende 
andere Namen eine sehr kurze gewesen sein dürfte." Bei 
dem Verfahren Hundt's treten nämlich in der kurzen Zeit 
von 804 — 811 nicht weniger als vier, eigentlich sogar fünf 
Coepiscopi von Freising auf. 1 ) 

Durch den oben geführten Nachweis, dass Oadalhart 
Bischof von Neuburg und Manno's Nachfolger war, ist diese 
ganze Combination mit Hiltiker als unbegründet beseitigt; 
aber allerdings auch wieder mehr Raum für ihn als Co- 
episcopus in Freising gewonnen. Gleichwohl ist Hundt 
auch hiemit auf einen Irrweg gerathen. Vocatus episcopus 
bedeutet auch jetzt keinen Chor- oder Weihbischof, sondern 
mindestens einen ernannten, noch nicht seinen Stuhl in Be- 
sitz nehmenden Bischof. Mit Hilfe des Verbrüderungsbuches 
von S. Peter wäre er aber vielleicht darauf gekommen, wo 
dieser Hiltiker Bischof gewesen. In der Celumne 61 steht 
nämlich an der Spitze mehrerer Bischöfe hiltigaer eps, aller- 
dings erst von der Hand k eingetragen, welche dem dritten 
bis achten Jahrzehent des IX. Jahrhunderts angehört; aber 
die Bischöfe, welche sich folgen : hiltigaer, Daniel, heimpert 
sind, wie Karajan bemerkt, drei sich folgende Bischöfe 
Trients, deren Lebenszeit in die Jahre 802 bis 845 fallt, 
der erste, Hiltigaer, also gerade in die Zeit, wo er in der 
Freisinger Urkunde auftritt. In der Columne 47 ist er von 
der Hand q, der nämlichen, welche hier auch Arn Archiep. 



1) Hundt, Karol. Urkunden, S. 56 ff. 



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Friedrich: Der Oadälhart episcopus d. Freisinger Urkunden etc. 339 

eintrug, als hiltegarius eps eingeschoben, ein Beweis, dass 
der Trienter Bischof in Salzburg und in der bayerischen 
Kirche wohlbekannt war. Würde der Freisingische Dom- 
geistliche, welcher 772 (M. 28) und 793 (M. 111) in Frei- 
singer Urkunden erscheint, der spätere Bischof Hiltiker sein, 
so würde dieser allerdings aus Freising nach Trient berufen 
worden sein und vielleicht vor seinem Abgange in seine 
Diöcese der Translation des hl. Quirinus und dem Tag zu 
Tegernsee beigewohnt haben, 

Oadälhart als Nachfolger Manno's im Bisthum Neuburg 
ist, glaube ich, vollkommen gesichert. Nun entstehen aber 
neue Fragen: Wie lange war er Bischof von Neuburg? 
Hatte er selbst noch einen Nachfolger? Die Antwort auf 
diese Fragen ist weit schwieriger noch, als die Feststellung 
Oadalharts als Bischof von Neuburg. Während der Lebzeit 
desselben tritt nämlich noch der Bischof Sindpert von Augs- 
burg auf, welcher das Bisthum Neuburg wieder mit dem 
von Augsburg vereinigt hat. Dieses steht fest aus folgenden 
Thatsachen. Gegen Ende des VIII. Jahrhunderts tritt Oadäl- 
hart, obwohl noch am Leben, als bayerischer Bischof zurück 
und Sindpert an seine Stelle, ja als Papst Leo III. den 
bayerischen Bischöfen 798 die Erhebung Arn's zum Erz- 
bischof ankündigt, wird er in dessen Schreiben ausdrücklich 
Bischof von Neuburg genannt: Sintperto ecclesiae Nivuin- 
burcgensis. *) Auf der Synode der bayerischen Bischöfe zu 
ßeisbach, in Bezug auf welche Sintpert eine Sendung des 
Königs Karl des Grossen an Erzbischof Arn erhalten haben 
soll, war ebenfalls neben den übrigen bayerischen Bischöfen 
nur er als Bischof von Neuburg vertreten: Simbertus New- 
burgensis, 2 ) und wenn er auch in der von Meichelbeck an- 



1) Kleymaiern, Juvavia, Anhang No. 10. Zahn, Urkdhch. d. 
Herzogth. Steiermark. I. Nr. 2. 

2) Pertz, leg. III, 496. 

22* 



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340 Sitzung der histor. Classe vom 4. Februar 1882. 

geführten, für die Freisinger Kirche zu Reisbach ausge- 
fertigten Urkunde zugleich mit Alim von Seben nicht ge- 
nannt ist , so fehlt doch auch Oadalhart. 1 ) Ebenso fehlen 
beide auf der Synode zu Salzburg 807, 2 ) obgleich Oadalhart 
wenige Monate später auf dem schon erwähnten Tag zu 
Kloster Gars wieder auftritt. Endlich ist Sindpert auch 
faktisch in einer Freisinger Urkunde als der Ordinarius in 
der Diöcese Neuburg anerkannt, da von ihm der Freisinger 
Bischof Atto (f 810) die Erlaubniss zur Einweihung zweier 
Kirchen in Ecknach bei Aichach auf dem Boden der Neu- 
burger Diöcese erhielt. 8 ) 

Darüber kann also kein Zweifel erhoben werden, dass 
Sindpert gegen Ende des VIII. Jahrhunderts das Bisthum 
Neuburg besass. Es fragt sich nur: seit welchem Jahre 
diese Aenderung eingetreten ist. Dasselbe ist annähernd 
nachzuweisen und trifft allerdings mit der Zeit zusammen, 
in welcher ein Grund für ein besonderes Bisthum Neuburg 
nicht mehr bestand. Wir sahen, dass Oadalhart spätestens 
in der ersten Hälfte 774 Bischof von Neuburg wurde, zu 
einer Zeit, wo Sindpert noch gar nicht Bischof von Augs- 
burg (seit 779) gewesen sein soll. Im Eintrage der lebenden 
Bischöfe Bayerns in das Verbrüderungsbuch von S. Peter 
ist wohl Oadalhart mit seiner Congregation , nicht aber 
Sindpert von Augsburg oder Neuburg genannt, und da 
derselbe, wie oben gezeigt, zwischen 784—792 gemacht 
sein muss, so muss Oadalhart in diesen Jahren noch Bischof 
von Neuburg gewesen sein, und kann es Sindpert mindestens 
784, wo der zuletzt eingetragene Freisinger Atto Bischof 
wurde, noch nicht gewesen sein. Nun verwickelten sich 



1) Meicbelbeck, bist. Pris. I, 94. 

2) L. c. II, No. 286. — Pertz, leg. III, 479 sq. 

3) L. c. II No. 429 : . . . propter familiärem fraternitatem, quam cum 
Aitone fidele Episcopo semper habuerunt, cum licentia Sindberti Episcopi 
Attonem ep. conduxerunt, ut ipse illorum consecrasset ecclesias. 



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Friedrich: Der Oadälhart episcopus d. Freisinger Urkunden etc. 341 

die Verhältnisse in Bayern immer mehr, und 788 wird das 
Land dauernd mit dem Frankenreiche verknüpft. Auch die 
kirchlichen Verhältnisse konnten sich dem Wechsel nicht 
entziehen. Schon 789 vergab Karl das Kloster Chiemsee 
an den Bischof Angilramm von Metz und Papst Leo III. 
selbst erwähnt in seinem Schreiben an die bayerischen Bi- 
schöfe (798), dass sich Karl der Grosse der Ordnung der 
Kirchenprovinz Bayern angenommen und diese allseitig, 
wie es sich ziemte, wunderbar geordnet habe. 1 ) Da sich 
aber der Papst auf ein Bittgesuch der Bischöfe beruft, so 
muss die Sache wohl einige Jahre zurückreichen. Und in 
der That sehen wir Sindpert selbst um 792 von einer Aender- 
ung seiner Stellung getroffen. Derselbe vereinigte 787 nach 
dem Tode des Abtes Amicho die Abtei Murbach mit seinem 
Bisthum, behielt sie jedoch nur bis 792, indem sie nach 
einer kurzen Verwaltung durch Karl den Grossen selbst 2 ) 
an Bischof Gerhoch von Eichstätt 793 verliehen wurde. 
Sollte diese Aenderung ohne Entschädigung Sindperts vor 
sich gegangen sein? Ich glaube nicht und möchte letztere 
gerade in der Verleihung des Bisthums Neuburg erblicken, 
das ja auch in Neuburg seine Congregation nach dem Ver- 



1) Kleyraaiern, Juvav. Anhg, No. 10: Dilectionis vestre quas 
nobis petitorias emisistis sillabas, libenti suscepimus animo, in quibus 
ferebatur ut in provincia vestra Bajovuarioram arcbiepiscopum ordina- 
remns, quomodo provincia ipsa mirifice a filio nostro Domino Karolo 
excellentissimo rege Francorum et Longobardorura atque patricio Roma- 
noram penitus ex omni parte sicut decuit ordinata est. 

2) Schöpfiin, Alsat. dipl. I. No. 67. 68, von 792—794, wenn 
in der zweiten wie in der folgenden 69 das Regierungsjahr richtig ist 
und nicht ebenfalls 792 gelesen werden muss, da dem B. Gerhoh von 
Eichstatt nach den Annal. Alam. bei Pertz Scr. I, 47 schon 793 das 
Kl. Murbach verliehen worden ist. Auch Jaffa, Mon. Alcuin. p. 340 
n. 5 bestreitet diese letztere Angabe nicht, obwohl er auf Schöpfliu u. 
die Gall. ehr. XV, 540 hinweist, welche Gerhoh erst 795 Abt werden 



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342 Sitzung der histor. Classe vom 4. Februar 1882. 

brüderungsbuche von S« Peter oder Religiösen nach der 
Gebets-Convention der bayerischen Bischöfe hatte. In diese 
Zeit also mnss anch die Verdrängung des Bischofs Oadal- 
hart fallen. 

Von da an gibt es nur noch Vermuthungen über die 
Stellung des Oadalhart. Das Einladungsschreiben Arn's an 
die Bischöfe, sich zur Synode in Reisbach einzufinden, 
fordert dieselben auf, auch ihre Chorbischöfe und Archi- 
presbiter zur Synode mitzubringen. In den Verzeichnissen 
sind aber keine Chorbischöfe, sondern nur Archipresbiter 
als anwesend genannt. Da ist nun bemerkenswerth , dass 
an der Spitze derselben ein Odalhart steht. 1 ) Hundt, welcher 
nur die schon berührte Freisinger Urkunde bei Meichelkteck 
in Betracht zieht, meint: die Archipresbiter „Arno und 
Paldrih sind auf der Synode zu Reisbach um 799, wohin 
Erzpriester Ellannod seinen Bischof (Atto von Freising) be- 
gleitet hatte. Es waren daselbst auch Arno und die Bischöfe 
von Regensburg und von Passau. Jene Erzpriester, welche 
in den Urkunden von Freising nirgends genannt sind, 
werden daher mit den erwähnten Bischöfen nach Reisbach 
gekommen sein". 2 ) Nach den weiteren Nachrichten waren 
aber ausser diesen auch die anderen bayerischen Bischöfe 
von Seben und Neuburg (in unum congregatis archiepis- 
copo, cunctis episcopis Bavarie . . .) Alim und Sindpert an- 
wesend, und sie werden wohl ebenso wie ihre Collegen ihre 
Archipresbiter mitgebracht haben. Wenn aber in der Frei- 
singer Urkunde Alim und Sindpert sowie zwei Archipresbiter 
fehlen, so werden diese letzteren wohl auch die Archipres- 
biter der fehlenden Bischöfe gewesen sein. Jedenfalls aber 
gehört der Archipresbiter Odalhart nicht nach Freising. 



1) Pertz, leg. III, 496: Archipresbiteri: Odalhart, Paldrih, Os- 
pald, Emod. Früher las man statt Odalhart: Adalhard. 

2) Hundt, Karol. Urk. S. 92. 



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Friedrich: Der Oadälhart episcopus d. Freisinger Urkunden etc. 343 

Würde er nun der Oadälhart episcopns der Freisinger Ur- 
kunden sein, 1 ) so würde sich uns die Erscheinung darbieten, 
dass der frühere Neuburger Diöcesanbischof, seitdem Sind- 
pert das Bisthum Neuburg mit dem von Augsburg ver- 
einigte, die Stellung eines Archipresbiters unter Sindpert 
einnahm. Es würde diese Vermuthung auch zu einer anderen 
fast gleichzeitigen Nachricht stimmen. Gerade damals näm- 
lich gab es eine neue Veränderung in der Diöcese Augs- 
burg-Neuburg , indem Sindpert seinen Sitz von Neuburg, 
wo er nach dem Schreiben Leo's III. von 798 war, nach 
Staffelsee verlegte; denn in dem Schreiben des nämlichen 
Papstes vom IL April 800 an die bayerischen Bischöfe 
heisst es bereits: Sintberto Stafnensis ecclesie. 2 ) Das kann 
nicht ohne eine Auseinandersetzung mit Oadälhart und den 
bayerischen Bischöfen geschehen sein. Es wäre möglich, 
dass Sindpert den bayerischen Theil seiner Diöcese (Neu- 
burg) Oadälhart in der Stellung eines Archipresbiters über- 
liess, und dass dieser in der Gegenwart Sindperts, wie in 



1) Es ist höchst wahrscheinlich, dass dieser Odalhart wirklich der 
Archipresbyter Sindperts war. In der Urkunde für Freising kommen 
vier Bischöfe: Waltrih von Passau, Arn von Salzburg, Adalwin von 
ßegensburg und Atto von Freising vor. Der Archipresbyter Atto's ist 
bekannt und der in den Freisinger Urkunden oft genannte Ellannod. 
Der in der Reisbacher Urkunde für Freising wie in den Unterschriften 
der Reisbacher Synode vorkommende Hiltiperht .diaconus ist an Stelle 
eines Archipresbyters der Begleiter Arn's von Salzburg. Vgl. den Ein- 
trag desselben im Verbrüderungsbuch col. 14, 5 hiltibertus diac. un- 
mittelbar unter am. Arno und Paldrih fallen dann auf Walderich und 
Adalwin. Für Paldrih ist dies auch durch M. 118 erwiesen, da hier 
neben Arn, Adalwin, Atto und Walderih vorkommen: Ellannod archi- 
presb., Theorolf diac, Paldrih archipresb., Oadalfried presb. Die Archi- 
presbyter Odalhart und Ospald können also in der That nur auf die 
Bischöfe Sindpert und Alim, welche die Urkunde für Freising nicht 
unterzeichneten, fallen. Es ist also nur die Wahl, ob man Odalhart 
Sindpert oder Alim zutheilen will. 

2) Kleymaiern, Juvav. Anhg. No. 14. 



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344 Sitzung der histor. Classe vom 4. Fehruar 1882. 

Reisbach, sich nur als Archipresbiter unterzeichnete, ausser- 
dem aber seinen Titel Bischof fortführte und mit ihm ge- 
nannt wurde. Denn wir sehen auch anderwärts, dass Bischöfe 
nicht gerade immer als solche bezeichnet wurden, wenn sie 
noch ein anderes Amt bekleideten, indem z. B. Johannes, 
Bischof von Constanz und Abt von S. Gallen öfter nur 
Abt heisst. 1 ) Es wäre jedoch auch denkbar, dass nach 800 
eine neue Aenderung eingetreten und Neuburg als selb- 
ständiges Bisthum fortgeführt worden wäre. 

Diese Vermuthung scheint nicht ohne Anhaltspunkte 
zu sein. Eben in diesen Jahren nahm Karl der Grosse 
eine durchgreifende Organisation der deutschen Kirche vor. 
Wie die Kirchenprovinz Bayern ihren Metropoliten in dem 
Salzburger Bischof Arn erhielt, so wurde Köln gleichzeitig 
zur Metropole erhoben und dem Bischof Hiltebold als Erz- 
bischof übertragen. Damit erlitt aber die Metropole Mainz 
wesentliche Verluste. Im J. 751 constituirte Papst Zacharias 
die Mainzer Provinz aus den Bisthümern: Tongern, Köln, 
Worms, Speier, Utrecht und denjenigen, welche in den von 
Bonifaz neu bekehrten Ländern errichtet werden, 2 ) also 
Würzburg und Eichstätt, da Erfurt bald wieder einging. 
Durch die Erhebung Köln's zur Metropole gingen also dieses, 
dann Tongern und Utrecht für Mainz verloren, welcher 
Verlust natürlich wieder gedeckt werden musste, und wozu 
zunächst nur die ftlamannischen Bisthümer übrig blieben. 
Die Suffraganstellung Augsburgs war darum selbst eine 
schwankende, indem es sich fragte, ob es zu Salzburg oder 
Mainz geschlagen werden solle. Wenn aber das bisherige 
Bisthum Neuburg zugleich mit Augsburg unter Mainz ge- 
stellt werden sollte, so war dies gleichbedeutend mit der 
Verkleinerung der Kirchen pro vinz Bayern oder mit einer 



1) Wart mann, Urkdtroch. von S. Gall. I. No. 87. 47. 62. 

2) Jaffe, Mon. Mag. p. 227. 



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Friedrich: Der Oadalhart episcopus d. Freisinger Urkunden etc. 345 

empfindlichen Beeinträchtigung der Metropole Salzburg. 
Das würde aber so wenig als andere Erzbischöfe Arn gern 
gesehen haben, der so sorgfaltig über den Besitz seiner 
Kirche und die Grenzen seines Erzbisthums gegen Aquileia 
hin wachte. Im J. 800, wie das Schreiben Papst Leo's III. 
bezeugt, war auch in der That Sindpert als Bischof von 
StafFelsee wenigstens für den bayerischen Theil seiner Diö- 
cese, das Bisthum Neu bürg, noch Mitglied der bayerischen 
Kirchenprovinz. Es entspräche daher ganz der Lage der 
Dinge, wenn die bayerischen Bischöfe die Selbständigkeit 
des Bisthums Neuburg hätten bewahrt wissen wollen. Da 
aber schon 829 auf der vom Kaiser angeordneten Mainzer 
Synode Augsburg zur Metropole Mainz gehört und die 
Metropole Salzburg nur noch die Suffraganbisthümer 
Freising, Regensburg, Passau und Seben zählt, 1 ) so ist 
zwischen 800 und mindestens 827/8 die Aenderung in der 
SuflFragan Stellung Augsburgs erfolgt. Solange aber Arn, der 
am Hofe wie in Rom gleich angesehene und um beide 
gleich verdiente Erzbischof, lebte (f 24. Jan. 821), wurde 
wohl keine völlige Veränderung vorgenommen; allein die 
Verhandlungen über die Stellung Augsburgs und Neuburgs 
zu Salzburg oder Mainz mögen schon in seine Lebenszeit 
sich erstreckt haben. Sindpert wenigstens und überhaupt 
ein Augsburger Bischof erscheint nach 800 nie mehr unter 
den bayerischen Bischöfen, so oft sie sich auch versammeln 
oder zusammenfinden, während dabei noch immer Oadalhart 
auftritt. So fehlt Sindpert 807 auf der bayerischen Synode 
zu Salzburg, wo manches Nützliche und auch das Zehent- 
verhältniss verhandelt wurde, 2 ) und in gleicher Weise ist 

1) He fele,Conc -Gesch. IV, 72. Hartz he im Conc. Germ. 11,54 sq. 

2) Meichelbeck IL No. 286 : Dum se congregasset Synodns Epis- 
coporum, Abbatum ceteroruraque Clericorura Bajoariae Provinciae ad 
metropolim Salzburgensem . . . Arn archiepisc. Atto, Adalwinus, Einricu«, 
Hato . . , 



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346 Sitzung der histor. Classe vom 4. Februar 1882. 

kein Augsburger Bischof auf der Regensburger Synode, 
deren Zeit nicht angegeben ist , aber von Resch l ) um 809 
angesetzt wird, sowie auf dem Gerichtstag von Ergolting 823, 2 ) 
während bei den beiden letzten Conventen regelmässig ein 
Agnus als bayerischer Bischof zu den übrigen an letzter 
Stelle hinzutritt. Resch nimmt diesen als Neuburger Co- 
episcopus des Sindpert, 8 ) was jedoch Hundt bestreitet, indem 
er meint: „Er dürfte einem der Bayerischen Bisthümer als 
Coepiscopus zuzutheilen sein. Ihn mit Rosch, in dessen 
Annalen von Seben, dem Bisthum Augsburg-Neuburg zu 
überweisen, können Gründe kaum geltend gemacht werden. 
Keinenfalls war Neuburg um 822 noch eigenes Bisthum." 4 ) 
Allein diese Behauptung Hundt's kann ich zu der 
meinigen durchaas nicht machen, indem sie von zwei nicht 
bewiesenen Voraussetzungen ausgeht, dass nämlich einmal 
um 822 Neuburg kein selbständiges Bisthum mehr gewesen 
sein könne, und dass zweitens jeder Bischof, dessen Sitz 
man nicht anderswoher wisse, ein Coepiscopus sein müsse. 
Mir erscheint die Lage der Dinge anders. Oadalhart ist 
bis 808 sicher , und zwar als Bischof, zu verfolgen 6 ) ; im 
J. 809 oder 810 muss er hochbetagt gestorben sein. Der 
Tod Sindperts wird ebenfalls 809 angesetzt, um die näm- 
liche Zeit tritt aber auch Agnus als bayerischer Bischof 
auf, und zwar gerade so wie Manno und ursprünglich Oadal- 



1) Resch, Annal. Sabion, II, 21. — Meichelbeck, No. 256: 
Hoc autem factum est ad Reganaspuruc in publico conventu Episco- 
porum, seu etiam Presbyterorum, in quo erat Arn Archiepisc, Atto 
Episc, Adalwinus Episc, Hato Episc, Einrich Episc, Agnus Episc. 

2) Meichelbeck No. 434: Dum scdissent Cotafrid videlicet, et 
Hatto ad Ergeltingas, Adalram, Hitto, Baturich, Beginnen, Agnus 
Episcopi ... 

3) Resch II, 21 n. 46. 

4) Hundt, Karol. Urk., S. 60. 

5) Hundt, a. a. O., S. 56 erblickt auch M. 172 in dem Oadal- 
hart ohne Titel unseren Bischof, also 8. Sept. 809. 



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Friedrich: Der Oadälhart episcopus d. Freisinger Urkunden etc. 347 

hart als fünfter neben Salzburg, das jetzt Metropole ist. 
Es mag also sein, dass mindestens nach dem Tode Sind- 
perts und Oadalharts die bayerischen Bischöfe die Wieder- 
herstellung der ursprünglichen bayerischen Provinz an- 
strebten und erreichten, 1 ) dass aber nach dem Tode Arn's 
das Bisthum Neuburg für immer mit Augsburg und der 
Metropole Mainz vereinigt wurde. Dazu stimmt auch das 
Zusammentreffen der einzelnen Daten sehr gut: Arn stirbt 821, 
Agnus kommt zum letzten Male vor 823, und 829 ist Augs- 
burg Suffragan- Bisthum von Mainz, während von Neuburg 
oder einem fünften bayerischen Bischof keine Rede mehr ist. 



1) Ganz unstichhaltig ist jedenfalls die Meinung St reber 's i. d. 
Art. Augsburg der 2. Aufl. des Wetzer und Welte'schen Kirchenlexikons 
col. 1620: „Als im J. 798 Salzburg zur Metropole der bayer. Lande er- 
hoben wurde, bewirkte Sintbert, dass alle der Augsburger Kirche zuge- 
hörigen bayer. Theile von Salzburg unabhängig wurden und die parochia 
ambarum partium Lici fluminis (Translat. s. Magni, MG. SS. IV, 425) 
der Metropole Mainz unterstellt blieben." Bis zum J. 800 stand Augs- 
burg kaum schon unter Mainz und war Sindpert die Lostrennung der 
Neuburger Theile von Salzburg noch nicht gelungen. Dem Papste war 
wohl bekannt, dass derselbe sich nunmehr in Staffelsee aufhalte, aber 
er rechnete ihn doch noch zu den Bischöfen der „provintia Baiuuariorura" 
(Juvavia, Anhg. No. 14). Später kommt aber Sintpert, ausser in dem 
Mandatum von Aachen (Pertz, leg. I, 90), wo sich aber keine Ortsangabe 
findet, in gleichzeitigen Schriftstücken nicht mehr vor. Die Stelle in 
der Translat. s. Magni, auf welche sich Streber beruft, heisst aber: 
Parochiam vero ambarum partium Lici fluminis per auctoritatem domni 
Leonis tunc temporis papae et confirmationem domni Karoli iara facti 
imperatoris in utroque regno siraul Domino favente coadunavit. Darin 
steht aber keine Silbe davon, Sindpert habe bewirkt, dass die Diöcese 
Augsburg sammt ihrem bayerischen Theile der Metropole Mainz 
unterstellt blieb; vielmehr nur soviel, als uns auch sonst aus gleich- 
zeitigen Quellen bekannt ist, dass nämlich wirklich Sindpert das Bis- 
thum Augsburg mit Neuburg innehatte. Wie schlecht übrigens der 
späte Verfasser der Translatio s, Magni unterrichtet war, zeigt er schon 
dadurch, dass er die Vereinigung erst geschehen lässt, als Karl d. Gr. 
bereits Kaiser war. 



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348 Sitzung der histor. Classe vom 4. Februar 1882. 

Ich wiederhole jedoch, dass die Erörterungen über Neu- 
burg seit dem Auftreten Sindperts als Neuburger Bischof 
nur Vermuthungen sind, welche übrigens ebensoviel Be- 
rechtigung für sich haben, als die gegentheiligen An- 
nahmen. 



Herr v. Druffel hielt einen Vortrag: 

„Beiträge zur militärischen Würdigung 
des schmalkaldischen Krieges." 

Derselbe wird später in den Sitzungsberichten veröffent- 
licht werden. 



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Verzeichni8S der eingelaufenen Büchergeschenke. 



Von der Babaviaasch G-enootschap van Künsten en Wetenschappen 

in Batavia : 

Verhandelinger Deel 41, Stuck 2. 1880. 4°. 

Vom Kgl. Instituut voor de Taal-, Land- en Volkenkunde van 
Nederlandsch Indie im Haag: 

Bydragen tot de Taal-, Land- en Volkenkunde van Nederlandsch- 
Indie. 4 Reeks. Deel 5. s' Gravenhage 1881. 8°. 

Vom Institut des langues orientales in Petersburg: 

Collections scientifiques. IV. Monnaies de dififörentes dynasties 
musulmanes. 1881. 8 e . 

Von der Provinciaal Utrechtsch Genootschap der Künsten en 
Wetenschappen in Utrecht: 

a) Jaarverslag 1879 en 1880. 1879/1880. 8°. 

b) Sectie-Verslag. 1879. 8°. 

c) De Polybii fontibus et auctoritate scripsit J. M. J. Valeton 
Trajecti ad Eh. 1879- 8°. 

d) Het Leven en de Verdiensten van Petrus Camper, door 
C. E. Daniöls. 1880. 4°. 

e) Het Kloster te Windesheim, door J. G. E. Acquoy. 3. /Deel. 
1880. 8°. 

f) Naamlyst der Leden.' 1880. 8°. 

g) Eegisters. 1879. 8°. 



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350 Einsendungen von Druckschriften. 

Vom Sächsischen Alterthumsverein in Dresden: 

a) Neues Archiv für sächsische Geschichte. Bd. II. 1881. 8°. 

b) Jahresbericht f. d. J. 1880—81. 1881. 8°. 

Von der Societä Slciliana per la storia patria in Palermo : 

Documenti per servire alla storia di Sicilia. Vol. I fasc. 2. 
1881. 8°. 

Von der Asiatic Society of Bengal in Cdlcutta : 

Bibliotheca Indica. Old Series. No. 243. New Series No. 469 — 
471. 1881. 8°. 

Von der American Oriental Society in New Haven: 
Proceedings at New Haven. Oct. 26. 1881. 8°. 

Von der Archäologischen Gesellschaß in Agram: 
Viestnik. Bd. IV. 1882. 8°. 

Vom historischen Verein für Niedersachsen in Hannover: 
Zeitschrift Jahrg. 1881. 1881. 8°. 

Von der k. preussischen Akademie der Wissenschaften in Berlin : 

Politische Korrespondenz Friedrich's des Grossen. Bd. VII. 
1881. 8°. 



Vom westfälischen Provinzial- Verein für Wissenschaft und Kunst 
in Münster: 

8. u. 9. Jahresbericht pro 1879 u. 80. 1880 — 81. 8°. 



Vom Geschichtsverein und Naturhistorischen Landesmuseum in 

Klagenfurt : 

Carinthia. 71. Jahrgang 1881. 1881. 8°. 



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Einsendungen von Druckschriften. 351 

Von der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde in Salzburg: 
Mittheilungen. 21. Vereinsjahr 1881. 8°. 

Von der Archäologischen Gesellschaft in Berlin: 

41. Winckelmannsprogramm. Ueber die Verwendung von Terra- 
kotten an griechischen Bauwerken. 1881. 4°. 

Vom Geschichts- und Alterthums-Verein in Leisnig: 
Mittheilungen. 6. Heft. 1881. 8°. 

Von der Academie de Metz in Metz: 

Memoires. 60 e annöe (= 3 e Sdr. 8 e ann^e). 1878 — 79. 
1881. 8°. 

Von der Societe d'histoire de la Suisse romande in Lausanne: 
Memoires et Documents. Tom. 36. 1882. 8°. 

Vom Verein für Hamburgische Geschichte in Hamburg: 
Mittheilungen. 4. Jahrgang. 1882. 8°. 

Vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg: 

a) Mittheilungen. Heft 3. 1881. 8°. 

b) Jahresbericht f. d. Jahr 1880. 1881. 8°. 

Von der Universidad de Chile in Santiago: 

a) Anales de la Universidad 1879—80, 2 voll. 1879 — 80. 4°. 

b) Cämara de Senadores. Sesiones estraordinarias en 1879. 
Sesiones ordinarias en 1880. 1879—80. 4°. 

c) Cämara de Diputados. Sesiones ordinarias y estraordinarias 
en 1879. 4°. 

d) Cuenta jeneral de las entradas y gastos fiscales de la repu- 
blica de Chile en 1879. 1880 % 4". 

e) Annuario estadistico de la Republica de Chile en los afios 
1877-78. Tom. XX. 1879. 4°. 



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352 Einsendungen von Druckschriften. 

f) Memorias de los ministerios : 

a) del Ministerio del Interior 1880. 

b) Memoria de justicia, culto e instraccion publica 1880. 

c) Memoria del Ministerio de hacienda 1880. 

d) Memoria de guerra y marina 1880. 

e) Memoria de relaciones esteriores 1880. 1880. 4°. 

f) La cuestion de limites entre Chile y la Eepüblica 
Argentina por Miguel Luis Amunategui. Tom. 2. 
Santiago 1880. 4°. 

g) Informe sobre si conviene a Chile la inmigracion de 
los Chinos por Francisco Casanueva. 1880. 4°. 

h) El arbitraje internacional en el pasado, en el presente 
y en el porvenir (trad. del francös) Sant. 1877. 8°. 

Von der Societe des sciences historiques et naturelles de la Corse 

in Bastia: 

Bulletin 1881. 8°. 

Von der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerhunde 
Ostasiens in Yokohama: 

Mittheilungen. 25. Heft. December 1881. fol. 

Von der Real Academia de la historia in Madrid: 
Boletin. Vol. II. 1882. 8°. 

Von der k. böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften in Prag: 

a) Abhandlungen. 6. Folge. 10. Bd. 1881. 8°. 

b) Sitzungsberichte. Jahrg. 1880. 1881. 8°. 

c) Jahresbericht ausgegeben am 3. Juni 1880. 1880. 8°. 

d) Decem registra censuum bohemica ed. Jos. Emier 1881. 8°. 

Von der Südslavischen Akademie der Wissenschaften in Agram : 

a) Ead. Bd. 58. 1881 8°. 

b) Starine. Bd. 13. 1881. 8°. 



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Einsendungen, von Druckschriften. 353 

Von der Royal Dublin Society in Dublin: 
The scientific Proceedings. New Ser. Vol. III. 1880—81. 8°. 

Von der Finnländischen Gesellschaft der Wissenschaften in 
Helsingfors : 

Observations mötöorologiques. Vol. 7. Annöe 1879. 1882. 8°. 

Vom K. statistisch-topographischen Bureau in Stuttgart: 

Württemberg'sche Vierteljahrshefte für Landesgeschichte. Jahr- 
gang IV. 1881. 4". 

Von der R. Accademia delle seiende in Turin: 
Atti. Vol. 17. 1881. 8°. 

Von der Societe scientifique polonaise in Thorn: 

Carte archöologique de la Prasse occidentale avec un texte ex- 
plicatif. Cracovie 1881 fol. 

Von Teylers godgeleerd Genootschap in Haarlem: 

a) Verhandelingen rakende der natuurlijken en geopenbaarden 
gotsdienst. N. Ser. 9. Deel. 1880. 8°. 

b) Archives du Musee Teyler. Se>. II. Partie II. 1881. 8°. 



Von Herrn Stephan Dubrawski in Stryjl (Galizien): 
Der slavische Interrogativsatz. 1881. 8°. 

Von Herrn Ernst Trumpp in München: 

Bemerkungen über den indischen Eeformator Kabir s. 1. s. a. 
1881. 8°. 

[1882. I. Philos.-philol. Hist. Cl. 2.] 23 



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354 Einsendungen von Druckschriften. 

Von Herrn Willibald Hauthaler in Salzburg: 

Die Salzburgischen Traditions- Codices des X. und XI. Jahr- 
hunderts. 1881. 8°. 

Von Herrn L. A. Huguet-Latour in Montreal, Canada: 

a) Annuaire de Ville-Marie. Vol. I. Livr. 2. Vol. IL Livr. 
1. 3. 4. 1878/1880. 8°. 

b) The Canadian Antiquarian. Vol. II. No. 2. VIII. No. 4. 
IX. No. 3. 4. X. No. 1. 2. Montreal 1873—1881. 8°. 



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Sitzungsberichte 

der 

philosophisch-philologischen und 
historischen Classe 

der 

k. b. Akademie der Wissenschaften 

zu IVEüucheii. 



1882. Heft III. 



Hünchen. 

Akademische Buchdruckerei von F. Straub. 

1882. 

In Commission bei G. Franz. 



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; 






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Sitzungsberichte 

der 

königl. bayer. Akademie der Wissenschaften. 



Philosophisch-philologische Classe. 



Sitzung vom 4. März 1882. 



Herr v. Christ hielt einen Vortrag: 

„Die Attikus-Ausgabe des Dem os th en es u . 

Derselbe wird in den „Abhandlungen" veröffentlicht 
werden. 



Herr G. Thomas trug vor: 

I. 

„Bemerkungen zu einer Relation über 
Schweden aus dem Jahre 1578 u . 

Unter den Schriften, welche bei Gelegenheit des dritten 
internationalen Geographen-Congresses in Venedig vergang- 
enen Herbstes zu Tage kamen, befindet sich auch eine 
Abhandlung von C. Bullo über eine abenteuervolle, an Müh- 
salen und Gefahren, Noth und Elend überreiche Reise des 
venezianischen Flandern-Fahrers Piero Querini, welcher 1431 
Schiffbruch gelitten hatte, vom Sturme weit nordwärts an 
die Lofodden der Norwegischen Küste verschlagen worden 
war, und mit wenigen Geretteten von da durch Schweden 
und Deutschland in die Heimat zurückkehrte; daran reiht 
sich dann eine weitere über die Beziehungen der Republik 
[1882. 1. Philos.-philol. hist. Cl. 3] 24 



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356 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 4. März 1882. 

zu Schweden überhaupt: „(7. Bullo il viaggio di M. Piero 
Querini e le relazioni della repubblica Veneta colla Svezia" 
— Venezia tipografia Antonelli 1881 — , also lautet der 
Titel. 

Ich habe in einem allgemeinen Bericht über den Con- 
gress — Allgemeine Zeitung, Beilage Nr. 327 vom 23. No- 
vember 1881 — die Hoffnung ausgesprochen, auf diese Ab- 
handlung zurückzukommen, weil ich im Stande wäre, mit 
einem Münchener Codex einem Theil derselben berichtigend 
aufzuhelfen : dieses möge hier geschehen ! 

Unter den Documenten nehmlich, welche ausser einem 
neuen Texte des einen Reiseberichts der „infelice e sven- 
turata chocha Querini 41 — es sind zwei dergleichen über- 
liefert — aus einer Handschrift der Marciana der Abhand- 
lung beigegeben sind, befindet sich auch als Nr. II eine 
„Relatione delle cose pertinenti alla cognitione delh stato 
presente del Regno di Svetia 1578" welche einer Handschrift 
des Museo Civico — Miscellanea Correr Nr. 1358 entnommen 
ist. Schon die Zeit des Berichtes, aus der Regierungsperiode 
Johann III., rief gleich anfangs eine alte Erinnerung wach, 
als ob ich einer ähnlichen bei Bearbeitung der italienischen 
Codices unserer Bibliothek (im J. 1857) begegnet wäre. 
Als ich nach der Heimkehr den Catalog nachschlug, stimmte 
die Zeit, und als ich die Handschrift selbst hervorholen 
liess, fand sich, dass dieselbe wesentlich die gleiche Relation, 
wie jene Correr'sche, darbietet. Ich habe über diesen Codex 
auf Seite 173 unter Nr. 811 des Catalogs gehandelt. Es 
ist der Codex Italiens Nr. 90, einer jener vielen und inhalt- 
reichen, welche die Bibliothek dem gelehrten und trefflichen 
Probst Töpsl von Fölling zu danken hat. 

Der Vergleich nun des von Bullo herausgegebenen 
Textes mit dem im Münchener Codex fol. 145 — 183 ergab 
alsbald die Erkenntniss, dass unsere Copie von Anfang bis 
zu Ende viel besser, viel genauer, viel ausführlicher her- 



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Thomas: Bemerkungen zu einer "Relation über Schweden etc. 357 

gestellt ist, als jene im Correr'schen Codex, wobei übrigens 
der Abschreiber zum Zweck dieses Drucks noch vielfache 
Irrthümer begangen haben mag, und wenn auch die Münchener 
Copie, besonders in Eigennamen u. dgl., nicht ohne sicht- 
bare Fehler gemacht ist. 

Die Hauptsache aber ist, dass der Herausgeber aus der 
fehlerhaften letzten Abschrift verleitet wurde, anzunehmen, 
diese Relation sei für den Dogen von Venedig gemacht, 
welcher dieselbe vom päbstlichen Nuntius in Stockholm, 
dem Jesuiten Antonio Possevino sich erbeten habe. 

Im Schluss-Satz nehmlich der Relation hat der letzte 
Abschreiber — wie ick vermuthe — gewisse Abkürzungen 
falsch gefasst, er setzt eine „Serenitä" an die Stelle der 
, x Santitä" und „Beatitudine" , und daraufhin stejlt der 
Herausgeber das eben genannte geschichtlich unnachweis- 
bare, an sich damals unwahrscheinliche Verhältniss auf, 
ohne, wie billig, auf den Geist und die Richtung der Re- 
lation, und auf andere bestimmte Hinweise in derselben 
Acht zu geben. 

Jener Schluss-Satz lautet im Druck also: Io qui ho 
posto quanto e di relatione ho inteso dall' istesso Re, e da 
suoi principali, et anco d' altri molto periti di quei paesi. 
II che tutto. ho fatto per ordine mandatomi da Vostra 
Serenita a Bologna. II restante oltre quel che neH'altra 
Relatione ho toccato, et il che tocca piu propriamente alla 
mia vocatione e missione, poträ dirsi a bocca a chi si deg- 
nerä Vostra Serenitä di comandarmi che io lo dica — 

im Codex Monacensis aber: 

Io qui ho posto quanto di vista e di relatione ho in- 
teso in piu ragionamenti fatti con V istesso Re, e da suoi 
piü Principali, et anco da altri molto periti e pratichi di 
quei Paesi. II che ho fatto per V espresso ordine manda- 
tomi dalla Santitä Vostra a Bologna. 

24* 



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358 Sitzung der phüos.-phüaH. Classe vom 4. März 1882. 

II restante, oltre quello che nell 1 altra mia Relatione 
ho toccato, e che tocca piü propriamente alla mia vocatione 
e missione, poträ dirsi a bocca a chi si degnera Vostra 
Beatitudine di coinmandarmi , ch' io lo dica , alla quäle 
humilissimamente baccio li santissimi piedi. — 

Jedermann erkennt aus dieser Parallele ohne weiteres, 
mit welch' einer Schrift wir es hier zu thun v haben , und 
welchen Werth der Münchener Text vor jenem abgedruckten 
haben muss. 

Es ist der zweite Theil der Relation Possevino's an 
Gregor XIII. über Schweden unter dem katholisirenden 
König Johann III. ; im ersten Theil hatte der päbstliche 
Abgeordnete eigens über die religiösen Verhältnisse des 
Königreichs berichtet, wie es das erste Capoverso des Druckes 
ausdrücklich bezeugt — dieses fehlt im Münchener Codex — 
und wie es das letzte oben wiedergegebene und auch der 
Context (p. 90 des Drucks) wiederholt bestätigt. 

Aber, hätten wir auch diese redenden Stellen nicht 
überliefert, der ganze Ton dieser Relation auch über die 
staatlichen und weltlichen Dinge in Schweden, die Ausfälle 
auf das Lutherthum, die vertrauensvollen Aussichten auf 
Gegenreformation und römische Propaganda von Schweden 
aus über Finland bis Moscovien — dieses und anderes 
würde verbieten, auch nur von ferne anzunehmen, die Re- 
lation sei für einen Dogen von Venedig bestimmt gewesen. 
Selbst ein minder gewandter und geschulter Mann, als wie 
Possevino, möchte kaum den Herren in Venedig u. a. damit 
aufgewartet haben, dass er die steigende Trunksucht der 
Männer in Schweden mit der Ausbreitung der Lehre Luthers 
in Zusammenhang bringt, eine culturhistorische Bemerkung, 
welche einer gewissen Partei von heute unzweifelhaft richtig 
und verwendbar erscheinen muss. Sonst kann der Bericht- 
geber nicht umhin, die Tugendhaftigkeit der Bevölkerung 



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Thomas: Bemerkungen zu einer Belation über Schweden etc. 359 

zu loben ; doch habe fremdes Soldatenthum und die Häresie 
der Einfalt der Sitten Eintrag gethan, auch, wie er an- 
nimmt, der allgemeinen Gastlichkeit — eine angestammte 
Eigenschaft aus heidnischer Zeit, Vgl. Konrad Maurer, 
Norwegen 2, 184 — ; doch gibt er dabei wieder zu, dass 
dieselbe wie früher von den katholischen Geistlichen, so 
nun von den Pastoren gepflegt werde. Die Genossen Que- 
rini's sind dagegen voller Bewunderung über die Unver- 
dorbenheit ihrer Wirthe auf der Insel Rost: sie kamen sich 
im Vergleich italienischer Art vor als wären sie dort im 
Paradies gewesen, vgl. Seite 69: „nel primo zerchio de 
paradixo a confnsione et obprobrio de chosturai italiei". 

Ist nun auch die angenommene Adresse dieser Relation 
entschieden verfehlt und werden damit auch einige andere 
Aufstellungen des Herausgebers hinfällig, der rein sachliche 
Werth ebenderselben bleibt ungeschmälert; die römischen 
Emissäre in fremden Ländern waren nicht minder gute 
Beobachter als die venezianischen Gesandten — nur fehlte 
ihnen in einem grossen Puncte ein Grosses, die Unpartei- 
lichkeit, und jede römische Mission war zugleich ein Er- 
oberungsplan für die Alleinherrschaft des Pontifex. 

Was die Relation des weiteren über Schweden darlegt, 
über Regierung und Volk, über Land und Einwohner, über 
die Einrichtungen des staatlichen Lebens, über Militär und 
Marine, über Einnahmen und Gefälle, über Sitten, Gebräuche, 
Lebensart und Umgang, ist ebenso anziehend als klar dar- 
gelegt; es wäre von Nutzen, würde dieser Bericht mit Zu- 
grundelegung der Münchener Handschrift neu herausgegeben 
und von kundiger Hand erläutert. 

Zum Beweis, welcher Gewinn aus unserem Codex zu 
ziehen wäre, will ich noch eine Stelle aus dem Druck neben 
jenem Text zur Anschauung bringen, eine Stelle, welche 
dort mehrfach geradezu unverständlich ist. 



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360 Sitzung der phüos.-phüöl. Glosse vom 4. März 1882. 



Druck, Seite 90; 

De peccati, ne fraudi non 
ho veduto, ne udito, le*donne 
sono prudenti, come quelle 
che si astengano dall'ebrieta 
il che negli huomini special- 
mente da 40 anni in qua 
(poiche s-' inebriano della 
dottrina di Luthero) e molto 
frequente. Non hanno be- 
stemmie salvo talhora quella 
di maledire e dare al de- 
in onio le creature. 

Quanto ai riti, e cose della 
religione se bene nell' altra re- 
latione a longo se ne ragiona, 
nondimeno dirö questo che 
il Popolo si puö dire vera- 
mente ingannato, non distin- 
guendosi i veri da i falsi Preti, 
per cioche questi vanno con 
habito lungo da Sacerdoti 
eccetto la berretta la quäle 
portano ritonda a guisa de 
i laici. In Italia pefö i seco- 
lari in Svetia non la portano 
in quel modo. 

Serba il Popolo molti riti 
antichi (che bestemmiano i 
luterani) percioche osserva 
i digiuni, prega buona parte 
di loro, massime i piü vecchi, 



Codex Monacensis fol. 178 
verso : 

De peccati nefandi non hö 
udito parlarne: le Donnesono 
assai prudenti, come quelle 
che si astengono dall' ebrietä. 
II che negl' huomini, e special- 
mente da 40. Anni in qua, 
poiche s' inclinorno alla Dot- 
trina di Lutero, e molto fre- 
quente. Non hanno alcuna 
sorte di bestemmia: salvo che 
talhora quella del maledire 
e dare al Demonio le Creature. 

Quanto ä riti e cose della 
Religione, se bene nell' altra 
mia Relatione assai ä lungo 
se n' e ragionato, nondimeno 
dirö an cor al presente questo, 
che quel Popolo si puö dire 
veramente ingannato , non 
distinguendosi li veri dalli 
falsi Profeti, percioche questi 
vanno con habito lungo da 
Sacerdoti, eccetto la Beretta, 
la quäle usanq portare ro tonda 
ä guisa de Laici d' Italia: perö 
li secolari in Suetia non la 
portano ä quel modo. 

Osserva quel Popolo ancora 
molti riti antichi, che bestem- 
miano li Lutherani, percioche 
osserva i digiuni, prega buona 
parte di loro, massime quelli 



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Thomas: Bemerkungen zu einer Relation über Schweden etc. 361 



per i morti. Honora e prega 
in molti luoghi la Madre di 
Dio, et ancora hoggidi in 
Finlandia quando uno star- 
nuta si usa dire: Iddio e la 
sna Madre ti aggiutano. 



Laonde chi guadagnerä in 
Finlandia la coüversione dell' 
anime, aprirä nna gran porta 
alla Moscovia, e perö meno 
alcuni di qualche paese, 
purche siano in Roma in- 
stituiti. 



che sono molto in lä con 
T etä loro , per li morti : si 
honora e si prega in molti 
luoghi la Madre di Dio, et 
ancora hoggi in Firilandia, 
quando uno stranuta, se gl' 
usa di dire: Iddio, e la sua 
Madre t' aiutino. 

Laonde chi guadagnerä in 
quella Provincia la cenversi-* 
one deir Anime, aprirä una 
gran Porta alla Moscovia: 
Et perciö io ho menati alcuni 
giovanetti di quel Paese, per- 
che sieno qui in Roma bene 
instrutti e disciplinati. 



Man erkennt, dass der Münchener Codex gleichsam die 
ursprüngliche Redaction darbietet, und zugleich viel sorg- 
fältiger abgeschrieben ist. Firilandia statt Finlandia geht 
durch den ganzen Text ; qui in Roma ist für die Abfassung 
nicht zu übersehen. 

Ausheben möchte ich gerade hierorts, was der Bericht 
über die Sprachen und das Sprachtalent in Schweden vor- 
bringt. Drei Idiome seien im Reich gebräuchlich: das 
Schwedische in allen Theilen des eigentlichen Schweden, 
in Gothland, Norwegen und Dänemark; dem Schwedischen 
nahe verwandt sei das Sächsische in vielen Wörtern, wie 
mit einiger Aenderung der Aussprache das Vlämische und 
Englische. Dann das Finnische im ganzen sogenannten 
Grossherzogtbum Finnland, ausgenommen einer Provinz, 
Nyland, wo das Schwedische sich erhalte, und in Rival und 
seiner Umgebung. Das dritte das Lappische. 



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362 Sitzung der phüosrphUdl. Classe vom 4. März 1882. 

Das Schwedische und Finnische sei wegen des Reich- 
thums an Vocalen nicht so schwierig zu erlernen, und zu 
sprechen, als die Sprache des oberen Deutschland; der Be- 
richterstatter habe Franzosen und Italiener kennen gelernt, 
welche nach Versicherung von Schweden ihrer Sprache gut 
Herren waren. 

Im Capitel „della qualitä de gl' Ingegni" — Druck 
S. 89. Codex fol. 177 verso — wird bemerkt, diese Völker 
seien geistig wohl befähigt, nicht bloss zur Erlernung von 
Handfertigkeit, sondern auch für Unterricht, speculatives 
Wissen und auch für Sprachen ; wer von gewissem Ansehen 
sei, lerne insgemein die deutsche oder die lateinische Sprache, 
oder beide zusammen. Wenn dieselben andere Sprachen 
erlernten, hätten sie bei der Aussprache nicht jene Schwierig- 
keiten, wie sie die Deutschen haben, weder in der italienischen 
noch in der lateinischen Sprache. — 

Wie diese Relation, gibt auch die Erzählung von der 
Reise Piero Querini's interessante Einzelnheiten scandi- 
navischen Lebens; „die Beschreibung des Zustandes von 
Norwegen und dessen Handel, sowie auch das Gemälde der 
Sitten der Einwohner, sind ungemein schöne Bruchstücke 
der Geschichte der Menschheit" — so Joh. Reinhold Forster, 
in seiner Geschichte der Entdeckungen und Schiffahrten im 
Norden, Frankfurt a. d. Oder 1784, Seite 273, welcher 
diese Berichte Querinis und seiner Gefährten gut ausgezogen 
hat — , aber auch sie erwartet noch in der Zukunft schul- 
gerechte Behandlung. 



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Thomas: Der Einzug Kaisers Karl F. in München etc. 363 



Ferner : 

IL 

„Der Einzug Kaisers Karl V. in München 
am 10. Juni 1530. Zwei Briefe eines Veue- 
zianers als Augenzeugen." 

Die Reise Karls V. zum Augsburger Reichstag war 
von Innsbruck an bis zum Einritt in die altberühmte 
Augusta am Lech, 6. — 15. Juni 1530, ein beständiger Zug 
durch festliches Gepränge; vorzüglich glänzend und mit 
verschiedenen Spielen, Darstellungen und Gelagen ausge- 
stattet war der Empfang des Kaisers in München : die Her- 
zoge wollten sich zeigen und dabei ihre politisch-religiöse 
Parteistellung zur Schau tragen. Es gibt eine kurze, aber 
sehr seltene Beschreibung dieses Einzuges in deutscher 
Sprache „Kayserlicher Majestaet Einreyttung zu München, 
den X. tag Junij. Im M. CCCCC. vnd XXX. Jar u , ohne 
Druckort und andere Angaben, — auf der Münchener Biblio- 
thek bei Eur. 412/20 4° — , wiedergegeben in Förste- 
mann's Urkundenbuch zu der Geschichte des Reichstages zu 
Augsburg 1 , 245. Eine weitläufigere Erzählung enthält 
der bei Laemmer Monumenta vaticana unter Nr. XXXII 
pag. 36 abgedruckte Brief des Cardinal-Legaten Campeggi. 
Zu diesem bieten nun zwei Briefe eines Venezianers, welcher 
sich im Gefolge des Orators der Republik befand, eine nicht 
unbedeutende Ergänzung. Dieselben hat uns Marino Sanuto 
im 53. Band seiner einzigen Diarien aufbewahrt. 

Der erste Brief gibt eine anschauliche Schilderung 
theils von den Schauspielen vor und ausserhalb der Stadt, 
eines militärischen und einer Art Fischerstechen auf der 



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364 Sitzung der philos.-philöl. Classe vom 4. März 1882. 

Isar, tbeils und insbesondere von drei plastischen Vorstel- 
lungen, welche auf eigens aufgerichteten Bühnen nach 
einander inner der Stadt während des Einrittes der Herr- 
schaften aufgeführt wurden. Eine, die erste, friedlich und 
ansprechend, die beiden andern aber so wahrhaft blutrünstig, 
dass man dabei im Lesen von Schaudern erfüllt wird. Den 
Vorwurf zu diesen schrecklichen Bildern nahm man zweifels- 
ohne aus, den Erzählungen der Alten, namentlich aus Hero- 
dot 111, 35, wo berichtet wird, wie Cambyses den Sohn 
des Prexaspes vor den Augen des Vaters ins Herz schiesst 
und dem Getroffenen sofort die Brust öffnen lässt, um die 
Wunde im noch zitternden Herzen zu prüfen. Die andere 
Darstellung bezog sich auf den Ausgang des Cyrus in der 
Schlacht gegen die Massageten Königin Tomyris: man sah 
abgeschlagene Köpfe, abgerissene Gliedmassen, und das Blut 
kochen und quellen aus den offenen Wunden! Die erste 
Bühne war nach dem deutschen Bericht im „Thal" am Bach, 
die zweite bei den „Fleischbenken", die dritte beim „Schloss." 
Wozu, fragt man, solches Grausal und solche Barbarei bei 
dieser Gelegenheit ? Auch damals frug man, was hat solches 
zu bedeuten? 

Der Cardinal-Legat errieth sofort den geheimen Sinn 
der Darstellungen. Man könne dergleichen, sagte er dem 
Kaiser, gegen die Ketzer anwenden; wollen sie sich nicht 
friedlich fügen, werde man die eiserne Ruthe gebrauchen. 
Darauf der Kaiser: nicht mit Eisen, sondern mit Feuer sei 
es hergebracht selbe zu strafen. So schreibt Campeggi 
selbst mit kaltem Blut pag. 38; vgl. De Leva, storia do- 
cumentata di Carlo V. Band 3, Seite 10. Wie stimmt 
dieser Zug so ganz und gar zur berüchtigten Instruction 
ebendesselben Mannes; vgl. Ranke, Päpste (2. Aufl.) I, 111, 
und De Leva am angeführten Orte, Seite 6 seines classischen 
Geschichtswerks, welches diesseits und jenseits der Alpen 
des ernstesten Studiums würdig ist. 



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Thomas: Der Einzug Kaisers Karl V. in München etc. 365 

Im zweiten Brief ergeht sich der Verfasser in einer 
genauen Beschreibung des herzoglichen Gartens, in welchem 
damals ein mehr als luxoriöses Banket gehalten wurde, beim 
32. Gericht war man erst in der Mitte des Schmauses. 
Die Herstellung dieses Prachtgartens habe 40000 Ducaten 
gekostet. Dieser Theil des Briefes erscheint für die Ge- 
schichte des Hoflebens sehr beachtenswerth. Ob von den 
hiebei mit Lust gezeichneten Kunstwerken noch sonst etwas 
bekannt sein mag? 

Sicher haben diese Briefe für uns mindestens die gleiche 
Anziehung, als wie einstens für Marin Sanuto, bei welchem 
man nicht weiss f was man mehr bewundern soll , Fleiss, 
Ausdauer und Beharrlichkeit, oder Richtigkeit und Feinheit 
des Urtheils bei der Auswahl eines überströmenden hi- 
storischen Stoffes. 

Ich will bei dieser Gelegenheit bekannt geben, dass 
Marin Sanuto den deutschen Dingen, der geistigen Beweg- 
ung der Reformation einen vorragenden Antheil geschenkt 
hat — so dass er z. B. auch die „Confessio opinionis sive 
resolutio intentionis Martini Lutheri in presenti Imperiali 
dieta Augustae proponenda, decem et Septem articulis com- 
prehensa" , voll aufgenommen hat, eine nebenbei gesagt 
von der gewöhnlichen Form abweichende Redaction — , und 
dass ich alles was sich darauf bezieht, in vollständigen Ab- 
schriften vieler Documente zumal, aus den Bänden 28 — 56 
d. h. den Jahren 1519—1532 besitze. Diese Auszüge würden 
einen Band wichtiger Beiträge zur Geschichte jener grossen 
Epoche darstellen. Eine schöne Probe gab Herr Th. Elze 
in* der Rivista Cristiana 1875: „Martino Lutero alla Dieta 
di Vormazia nel 1521." 



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366 Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 4. März 1882. 

SANVTO. Diarii. Vol e - 53. 3. Luglio 1530. C te - 182—183. 

Sumario di lettere di Älemagna scritte per Paxim Berecio l ) 
a ser Thomä Tiepolo q n - ser Francesco, la prima data a 
Monaco alli XI. di Zugno 1530, et ricevute tutte doe adi 

3. Luio. 

Alli 6. di lo instante se partissimo de Hispnrch 2 ) im 
compagnia dello Iraperador et per viaggio fin qui havemo 
patito grandemente, et questo e stato perche alla terra 
dove si allogiö, la sera che fö a Sboz, 8 ) si erano preparati 
X m - persone che venivano incontra al Imperador, et per 
veder quello si facea, non parse al Clarissirao Patron 4 ) di 
partirse niente dal Imperator. 

Qneste persone veramente erano benissimo in ordine, 
giovane et belle di corpo, aspettavano in doi battag lioni 



1) Pasin Bereccio war im Gefolge des venezianischen Gesandten 
Nicolö Tiepolo, vielleicht sein Hofmeister (Maestro di casa). 

2) Hispnrch = Innsprnck. 

3) Sboz = Schwaz. 

4) 11 clarissimo suo Patron war Nicolö Tiepolo, einer der berühm- 
testen Diplomaten Venedigs in jener Zeit. Ist Doctor, Ritter und Senator 
gewesen. 1523 ist er als ausserordentlicher Gesandter an Clemens VII. 
gesendet worden, um im Namen der Republik dem neuerwählten Papste 
den Huldigungsakt auszurichten. 

1529 ausserordentlicher Gesandter an Kaiser Karl V. in Bologna. 
1530—33 gewöhnlicher Gesandter an denselben Kaiser. 

1534 ausserordentlicher Gesandter an den neuerwählten Papst 
Paul III. 

1535 Bailo in Constantinopel. 

1536 Gesandter in Genua bei Kaiser Karl V. 
1538 Commissär beim Congress von Nizza. 
1542 wieder Gesandter an Kaiser Karl V. 

Und ungeachtet aller dieser diplomatischen Sendungen fand er Zeit, um 
einen Commentar über die Probleme des Aristoteles zu schreiben, und 
viele Gedichte in italienischer Sprache, die den allgemeinen Beifall 
erhielten, zu publiciren. — Tommaso Tiepolo war sein Bruder. 



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Thomas: Der Emzug Kaisers Karl V. in München etc. 367 

sopra una prateria lo Imperador; el quäl gionto, a modo 
di fatto d' arme , corendosi V una parte contra V altra, lo 
serarono in mezzo lui et il Serenissimo Re con assaissime 
altre gente et scaricarono tutti li archibusi et artillarie, et 
cosi T Imperator passö per mezzo di detta gente et poi 
d' intorno, quäle tutte seinginochiavano et abassavano li loro 
piche in terra in segno di riverentia. 

Eravi etiam da zirca 500 puti d' anni 13, fin 17, in 
nno battaglion armati con le bandiere et tamburi al ordi- 
nanza, che con bonissima ciera furono veduti dalla Maesta 
Cesarea et dal Serenissimo Re suo fratello. 

Fu fatto grandissiraa festa in ditto loco per tal venuta 
de li loro Signori et allegrezza, et cussi alli 9. gion'gessemo 
qui a Monaco, terra di Baviera, dove siamo bene allogiati. 

Alli X, fe T intrata lo Imperator, et fu incontrato 
dalli Duchi de ditto loco con zerca 600 cavalli alla borgog- 
nona armati, bellissimi e di grandissima Valuta, quali haveano 
ciascuno il suo ragazo 5 ) che portava 1' elmetto , e tutti 
coperti di penacchi, a diverse liyree li penachii soli, et 
eravi tale elmetto che havea pene per XXV. scudi et piü. 
Le lanze erano dipinte mezze negre et mezze bianche, et 
li vestimenti loro erano saglioni 6a ) rossi con la divisa alla 
manicha de li Signori soi. Li Capi di questi erano vestiti 
di damasco et di raso cremesino con catene d' oro al collo 
di valuta grandissima. 

Inanti che intrasse nellä terra, vi erano doi bataglioni 
ivi in foggia di voler far fatto d' arme , zoe di fantarie 
benissimo in ordine con cerca 130 pezi d' artillarie posti in 
cadauno di questi bataglioni, et li scaricarono dette artillarie 
et ambi doi si andarono ad incontrarsi che fu cosa bellissima 
a veder. 



5) Ragazo = Page. 

6a) Sagloni, von sajo, lat. sagum, abgeleitet, militärische Oberröcke. 



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368 Sitzung der phüos.'philol. Classe vom 4. März 1882. 

Gionto poi soa Maiestä apresso la terra dove e uno 
ponte 6 ) sopra un aqua corente corae h il Adese, 7 ) che con- 
duse zatere et etiam se navega con barche, et e fora di la 
terra longo da braza 100 et piü; et era in ditto fiume un 
caratello 8 ) posto sopra un legno in forma di quintana, 9 ) 
con una bandiera sopra; et erano sei barche con homini 
dentro, che giostravano in ditto caratello e i piü di loro 
andavano in aqua, repercossi dalle loro botte, et erano 
guidate da doi remi V una, et a seconda 10 ) grandissima 
dil fiumo venivano. 

Sopra ditto ponte se firmö lo Imperator a veder la 
giostra per un pezo, et poi intrö in la terra et andö alla 
habitatione preparata per sua Maestä. 

Et in tre lochi avanti chel giungesse alla habitatione, 
erano tre soleri 11 ) di longheza di braza 12 et di largheza 
di braza 8., sopra il primo de li quali era uno vestito da 
Re, che sedeva sopra un tribunale et intorno a se molti gen- 
tilbuomini che sedevano, et nanti a se una Regina con uno 
sceptro in mano con li ginochij in terra, et erano tanto 
fermi che molti credevano che fusseno di pietra o di legno. 

Sopra il secondo erano gente armate, che haveano 
fatto d' arme, et vi si vedevano quelle persone tanto ben 
poste, che pareva propriamente, che alcuni havessero tag- 



6) Die Brücke über die Isar. 

7) Adese, Adige, Etsch. 

8) Caratello, Pass. 

9) quintana, Zielscheibe, eigentlich eine männliche Figur von Holz, 
welche als Ziel der Lanze galt; gewöhnlich in der Gestalt eines Sara- 
cenen. Die Entstehung des Wortes, welches auch im französischen vor- 
kommt — quintaine — ist noch unklar. Vgl. Diez sub voce. 

10) a segonda grandissima del fiume: längs der starken Strömung 
des Flusses ; flussabwärts. 

11) soleri, Gerüste, auf welchen plastische Bilder dargestellt wurden: 
Buhne, wie der deutsche Bericht sagt. 



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Thomas: Der Einzug Kaisers Karl V. in München etc. 369 

liata la testa et alcuni le mani et alcuni le braza, e alcuni 
le gambe, et vedevasi loro tutti star tanto fermi, che non 
si poteva credere che non fosseno cosi feriti et morti, perche 
si vedeva bollire et scaturire il sangue fora di le piaghe, 
cosa amiranda a vedere. 

Sopra il terzo era uno in habito regale, che havea fatto 
aprire nno et cavarli il cor, et havea in mano uno core 
caldo et semivivo, che palpitava alhora alhora, et intorno 
erano persone che stavano quiete ad admirare. 

Nel mostrar di queste cose usavano gran cerimonie et 
come haveano aperto le corfcine per spazio de mezzo quarto 
de hora, le seravano, et poi serate per un poco, le ritor- 
navano ad aprire. 

Qaesti tre palchi erano di bellissimi drappi di seta 
adornati, et ben ordinati, et niuno si poteva saziar di 
vederli. 

Molte altre belle cose sono sta fatte, che io non so per 
aver convenuto star in casa con il Sig. Marco Savorgnano, 
quäl e araalato di dragonzelli, 1 2 ) et e risanato per la Dio 
gratia. 

Hoggi doi de li illustrissimi Signori Duchi di Baviera 
hanno mandato a donare al Clarissimo patron mio sachi 
quattro di biava da cavallo, pol esser sta stara 16 venetiani 
zircha, mastelli tre di bon vin et un gran cervo morto, et 
lo hanno invidato doman da sera a cenar con loro nel suo 
giardino, si dice che hanno speso in far quello giardino 
40 000 ducati, credo debbia essere bellissirao. 

Questa terra e di bellezza e supera a judicio di cadauno 
di la famiglia Bologna, Mantua, et Ferrara, et altre citade 
di Italia, siehe la e bellissima et ha de bell issi ine doune. 



12) dragonzelli. Ist echt venezianisch; es sind Geschwülste anter 
dem Kinn und um den Hals, welche das Einschlacken verhindern. Dieser 
Marco Savorgnan war ein junger Edelmann im Gefolge des Gesandten. 



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370 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 4. März 1882. 

SANTJTO. Diarii. VoK 53. 3. Luglio 1530. C te - 183. 
183 terg0 - 

Lettera dil ditto data in Auspurch ditta Augusta adi 
16. Zugno 1530. 
Da Monaco scrissi la lntrata dil Imperador, et mi di- 
menticai dirli, come da poi li soldati era fabricato sopra la 
piaza nno castello di lignami, qualle al gionger di saa 
Maestä in piazza in uno instante fu rninato da certi fochi 
artificiadi che erano dentro et archibusi con gran rumor, 
et fo molto bello a veder, et dissi del invito fatto per li 
duchi al Imperador et altri Signori a cena nel suo giardino, 
e bora ho avuto Y ordine dil seder dei convitati, lo scrivo, 
el quäl e questo: in capo di la tavola sedeva lo Imperator, 
a parte dextra il Rev mo Legato Pontificio Campegio, il Car- 
dinal di Trento, V orator di Franza, V orator di Venetia, 
il marchese di Arescolt, 1 ) il marchese di Villa Franca, il 
Gran maestro dil Imperator monsignor di Granville, suo 
consier, il Gran Comendador di Leon, il vescovo di Costanza, 
il Duca Guilelmo di Baviera, a parte sinistra il Re Feran- 
dino, il Card, di Salzpurch over Curzense, il Cardinal di 
Leggie, il nuntio Pontificio, 2 ) V archiepiscopo di Bari, 1' ora- 
tor di Mantoa, il marchexe di Brandiburg, il vescovo di 
Spira, il vescovo di Brexanon, il vescovo di Patavia, il Duca 
Lodovico di Baviera, il fratello dil Card, di Brandiburg — 
capo di tavolla — di sotto il Conte Palatino fratello de lo 
Elector. 

Questi tutti erano alla tavola cosi ordinatamente et vi 
sentarono a höre XXI. et stetteno fina un hora di notte, 



1) vielmehr Areschott. 

2) Vincenzo Pimpinello, Erzbischof von Rosano; er hielt die Predigt 
vor Eröffnung des Reichstags, und zwar in allbefriedigender Weise. De 
Leva a. a. 0. 8. 10. 



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Thomas: Der Einzug Kaisers Karl V. in München etc. 371 

et fin quell' hora haveano portato in tavola 32. sorte di 
vivande che si era a mezzo la cena, et portavano alcnne 
vivande di aniroali, che parevano vivi; allo Imperator fu 
portato primo una aquila, cicogna, grua, cervo et altre 
sorte di animali; et essendo a mezzo il convitto V Imperator 
si levö et comandö che tutti si levassero , et questo perche 
si faceva una festa nella terra, dove erano le piü belle donne 
della terra, et fu etiam assignato a tutti il suo ballo, pur 
T Imperator et il Re ne volse piü di uno, et ivi stetteno 
fio alle 3V 2 DOre di notte, et poi tutti andarono alle loro caxe. 

II Giardin preditto e molto bello e di gran Valuta, e 
a volerlo descriver, li vorebbe altro ingegno che il mio, 
pur dirö questo, che a tutti parve il piü bello. 

Quasi al mezzo vi e una fontana et ha sopra doi leoni 
et doi orsi che stanno a sedere , et sopra la testa loro 
hanno uno putto per cadauno et cosi uno in brazo, che 
pareno vivi et butano V aqua da alcune trombette che hanno 
in bocca et la pissano etiam, et cosi li orsi et li leoni. 

Sopra di questa fontana vi e una stuva, 8 ) quäl ha tre 
quadri dipinti di guerre di Romani, che sono pycture di 
gran precio et ha il fornello facto a figure, che pareno 
vive ; — dalla parte di sotto vi sono gente che ballano, 
et per il ballo fanno questione; dove si vede molti morti 
e feriti, al mezzo vi e una ordinanza di fanteria a tre a 
tre armati con le bandiere che danno lo assalto a una terra 
et quelli di la terra si difendono et ne amazanp molti. 

Di sopra vi e Salomone che ha le due donne et le sen- 
tentia che il figliolo sia diviso et dato a ciaschuna una 
parte; poi da un' altra parte e uno Re, che inanti a se 
ha tre giovani, et ciascun si crede esser figliolo suo e a 



3) Stuva, stufa, eigentlich Ofen; dann gewärmter Raum, Warm- 
stube, Warm- und Treibbaus, welches hier eine Art Gartensalon darge- 
stellt haben mag. 

[1882. 1. Philos.-philol. bist. Cl. 3.] 25 



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3 72 Sitzung der phiios.-pkitöl. Ctasse vom 4. März X882. 

lui pervenir la facultä; quäl Re par sia extrato dalla se- 
pultura et voler colui, che li passerä il core con la frezza 
esser lo herede, si vede doi di loro haverli tirato con r 
T arco le loro frezze in mezzo al core, et il vero figliolo 
romper V arco et la freza piangendo, et a lui fu sententiä 
havesse la facultä. 

Poi e David che combatte con Golias et lo amazoe, e 
vi etiam Pyramo et Tisbe morti alla fontana, con molte 
altre cose belle che tutte pareno vive. Sono etiam altre 
statue belle e altro che non so dirle, basta ch' e bellisöimo 
giardino. 



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Historische Classe. 



Sitzung vom 4. März 1882. 



Herr v. Löher trug vor: 

„Ueber angebliche Menschenopfer bei 
den Germanen." 

Für die richtige Auffassung des Bildungsstandes der 
Germanen ist die Frage, ob sie Menschen opferten, von 
einschneidender Bedeutung. Von den Meisten wird diese 
Frage noch bejaht: die Gründe dafür sind aber der Art, 
dass sie von selbst anreizen, sie näher zu untersuchen. 

Es wäre doch ein seltener Widerspruch, wenn die Ger- 
manen, bei denen vor andern Völkern eine reine und geistige 
Religion blühete, geglaubt hätten, es sei dem göttlichen 
Wesen wohlgefällig, wenn ihm das edelste Geschöpf zwischen 
Himmel und Erde geschlachtet werde. Wären die Ger- 
manen wirklich von so furchtbarem Wahne verblendet ge- 
wesen, so müsste doch ihr gesammtes Religionswesen ein 
anderes Gesicht tragen. 

Sehen wir uns zunächst auf ihren sogenannten Opfer- 
stätten um, die zahlreich festgestellt sind. Da müssten sich 
neben der Menge von Thierknochen doch auch regelmässig 
wenigstens ein paar Schädel und Gebeine von Menschen 
finden. Soviel man aber danach gesucht und gegraben hat, 

25* 



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374 Sitzung der histor. Ölasse vom 4. März 1882. 

sie wollten und wollen sich nirgends so, wie erwartet, zeigen. 
Doch an einem Orte fand sich etwas, dies ist der Lochen- 
stein, der — gegen dreitausend Fuss hoch — im westlichen 
Süddeutschland eine ähnliche Stelle einnimmt wie der Brocken 
im Harze. Während man in Norddeutschland sagt: „Ich 
wollte, dass du auf dem Blocksberg sässest !" heisst es hier: 
„Ich wollte, dass du auf der Lochen wärest!", und die 
Hexen tanzten und buhlten mit den Teufeln auf der einen 
wie der andern Berghohe. Neben dem sogen. Opfersteine 
auf der Lochen lag unter der Rasendecke, wie 0. Fraas jüngst 
nach sorgfältigen Erhebungen festgestellt hat, l ) bei zahllosen 
Knochen eine solche Menge von rohen Stein Werkzeugen der 
ältesten Zeit, sowie von fein gearbeiteten Eisen- und Bronze- 
sachen aus der Römerzeit, dass man die Jahrhunderte, wäh- 
rend welcher hier Feste gefeiert wurden, auf einige vor und 
ebensoviele nach Christus berechnen muss. Es fanden sich 
da Mahlsteine zum Kornzerreiben, um Mehl und Schrot für 
Brodbacken zu gewinnen, zu Tausenden Scherben von Töpfen, 
aus denen man einst Meth und Bier getrunken, und endlich 
die Knochen der Thiere, welche gebraten und verspeist 
wurden. Von den letzteren gehörten 40 Prozent dem Rinde, 
26 dem Schaf und der Ziege, 17 dem Schweine, nur 8 dem 
Pferde, 4 dem Hirsch, 3 dem Hunde an, in die noch übrigen 
2 Prozent theilteu sich Auerochs, Elch, Biber, Reh, Schwan 
und — Mensch. Ein menschliches Schenkelbein war von 
Hieben zerhauen und ein Menschenschädel arg mitgenommen. 
Darf man nun wohl von diesem ganz verschwindend kleinen 
Antheil des Menschengebeins einen Beweis hernehmen, dass 
seine Besitzer einst geopfert worden? Liegt denn die Ver- 
muthung nicht viel näher, dass in den fünf oder sieben 
Jahrhunderten auf dieser Stätte auch einmal ein paar 



1) Correspondenzblatt der deutschen Gesellschaft für Anthropologie, 
Ethnologie und Urgeschichte. München 1883, XIII. No. 3. 



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v. Loher: Ueber angebliche Menschenopfer bei den Germanen. 375 

Menschen bei einer Rauferei erschlagen oder wegen argen 
Frevels anf der Stelle bestraft sind ? 

Wir durchgehen nun die zahlreichen Bildwerke, die sich 
um die Antonins- und Trajanssäule winden, von denen nicht 
bloss die erste, sondern, wie leicht darzuthun, auch die andere 
uns anschauliche Genrebilder aus dem Leben und Treiben 
der Germanen darstellen. Hätte es bei Diesen Menschen- 
opfer gegeben, so würden wir unter den Bildwerken ihre 
Schilderung ebenso sicher antreffen, wie die aufgespiessten 
Feindesköpfe auf germanischen Verschanzungen, die Peinig- 
ung der Gefangenen mit Feuer und Eisen durch die Weiber, 
die Selbstvergiftung der überwundenen Häuptlinge. Allein 
weder an der Trajans- noch an der Antoninssäule lässt sich 
das Geringste entdecken, was auf Menschenopfer hindeutet. 

Wir wenden uns endlich zu den schriftlichen Quellen, 
die über die Germanenzeit Kunde geben. Es kommen hier 
vorzugsweise drei Arten in Betracht: die Sagen, die Volks- 
rechte und Gesetze, und die Lebensbeschreibungen der 
Glaubensboten, 

In den Liedern und Sagen der älteren Edda, sowie im 
Beowulfs- und Waltarilied, im Ruodlieb, und dem Bruch- 
stücke der Muspilli und der Sage von Hildebrand und Hade- 
brand liegt vom religiösen und sittlichen Brauch und Glauben 
nicht wenig ausgebreitet vor uns. Trifft man aber nur auf 
eine einzige Andeutung von Menschenopfern darin? Auf 
keine einzige. 

Wo bei einem Volke ein so gräulicher Götterdienst 
Wurzel geschlagen, da wird dadurch — es kann nicht 
anders sein — das ganze öffentliche Leben verdüstert und 
verzerrt. Wir müssten also auch in Recht und Sitte und 
Verfassung der Germanen noch vielfach auf die Spuren 
solchen Opferdienstes stossen. Diese Spuren fehlen aber 
gänzlich, so reichlich auch die Aufzeichnungen sind, die 
wir von den alten Volksrechten besitzen. Mindestens müsste 



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376 Sitzung der histor. Classe vom 4. März 1882. 

doch in den Gesetzen der Merowinger und Karolinger, die 
auf's Strengste den alten heidnischen Wahn und Brauch 
verfolgten, vor allem andern wiederholt und ausdrücklich 
von Menschenopfern die Rede sein. Sie schweigen davon. 

Jedenfalls würden, wenn solche Gräuel vorgekommen 
wären, die Glaubensboten, die zahlreich sich unter die . heid- 
nischen Germanen wagten, die blutige Feier selbst geschil- 
dert und ihres Sieges über den entsetzlichen Wahn sich 
gerühmt haben. Allein auch davon lesen wir nicht das 
Mindeste in den Lebensbeschreibungen dieser Missionäre, so 
sehr die Verfasser auch dem Glauben an Wunder und Selt- 
samkeiten sich zuneigen. 

Bei solchem Stande der Dinge lässt sich die Anforder- 
ung nicht abweisen, dass das Wenige in den ältesten Ge- 
setzen und Berichten, das man allenfalls von Menschenopfern 
verstehen könnte, erst wohl darauf zu prüfen ist, ob es sich 
nicht mit viel mehr Fug und Recht auch anders erklären 
lasse? 

Wie aber? Wenn wir alle diese Stellen durchlesen, 
rnuss es da nicht auffallen, dass — ausgenommen die einzige 
Angabe des Tacitus, es kämen bei den Germanen auch 
Menschenopfer vor, die ganz allgemein gehalten ist und auf 
gleicher Höhe steht mit seiner fabelhaften Erzählung vom 
Isisdienst und von der odysseischen Gründung der Asciburg, 
— dass mit dieser einzigen f werthlosen Ausnahme alle die 
Stellen immer nur von Sachsen und Friesen handeln und 
nicht auch von anderen Stämmen auf deutschem Boden? 
Warum sollen nur Sachsen und Friesen solche Unheilssöhne 
gewesen sein? Zwar waren sie ihrer Härte und Wildheit 
wegen verschrieen, allein, da bei allen deutschen Stämmen 
in Denkungsart Recht und Einrichtungen entschiedene Ueber- 
einstimmung herrscht, so wäre es geradezu unmöglich, dass 
eine so gräuliche Sitte , wie Menschenopfer , wenn sie bei 
Sachsen und Friesen wirklich bestand, bloss auf Diese wäre 



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v. Löher: Ueber angebliche Menschenopfer bei den Germanen. 377 

beschränkt geblieben. Nun hatten die Römer einige Jahr- 
hunderte lang mit Markomannen, Franken, Allemannen und 
Burgundern, mit West- und Ostgothen, Vandalen, Herulern, 
Rugiern und Gepiden zu thun. Es wanderten so viele Händler 
über den Rhein und die Donau in's Innere Germaniens, es 
kehrten so viele Kriegsgefangene, die dorthin geschleppt 
waren, zurück: irgend einmal müsste doch einer von ihnen 
einem feierlichen Menschenopfer beigewohnt und in der 
Heimath den begierig Horchenden davon erzählt haben uud 
diese Erzählung in die Berichte der römischen und griechischen 
Geschichtschreiber eingeflossen sein. In all' diesen Berichten 
aber findet sich — eine noch zu erwähnende Stelle bei 
Prokop ausgenommen — wohlmal eine allgemeine Andeut- 
ung, eine bestimmte klare Erzählung aber ebenso wenig, 
als bei den nationalen Geschichtschreibern der Gothen 
Franken Sachsen und Angeln. 

Doch prüfen wir nun die Stellen selbst, die angeblich 
von Menschenopfern bei Sachsen und Friesen berichten. Es 
sind zehn. Richthofen, der an Menschenopfer glaubt, hat 
Alles darüber in seinem vortrefflichen Werke über die alte 
Lex Saxonum sorgfältig gesammelt. 1 ) Prüfen wir die Be- 
richte alle zehn nach der Reihe. 

Der Hauptartikel findet sich in dem Kapitular, welches 
Karl der Grosse im Jahr 877 für die sächsischen Lande 
erliess. Darin werden die heidnischen Bräuche mit Strafe 
belegt. Diese sind nämlich das Gelübde, das zu heiligen 
Bäumen oder Hainen oder Quellen gemacht wurde, — das 
Verspeisen von etwas zu Ehren eines göttlichen Wesens, — 
das Wahrsagen und Zaubern, — der Vampyrglaube, — das 
Leichenverbrennen, — und da beisst es denn auch im neunten 
Artikel : Si quis hominem diabulo sacrificaverit et in hostiam 



1) Dr. Karl Freiherr von Richthofen Zur lex Saxonum. 
Berlin 1868. Monum. Germ. Leg. tom. V fasc. I, Hannover 1875. 



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378 Sitzung der histor. Classe vom 4. März 1882, 

more pagaDorum daemonibus obtulerit, morte moriatur. Hier 
könnte wirklich von Menschenopfern die Rede sein, wenn 
schon anderweit feststände, dass sie bei den Sachsen im 
Schwünge gewesen. Da aber dies nicht der Fall , da das 
Gesetz nicht lautet „geopfert und getödtet hat", so 
dürfen wir den Zusatz von „den Dämonen darbringen " nur 
dahin auslegen, dass er deutlicher machen soll, was unter 
dem Opfern (sacrificare) zu verstehen, nämlich das förmliche 
Verwünschen und Uebergeben an Dämonen mit feierlichen 
Worten, ein Heidenbrauch, zu welchem das bekannte. „Dass 
Dich der Teufel hole!" noch tagtäglichen Nachklang giebt. 
Die Härte der Strafe aber darf nicht auffallen ; denn Todes- 
strafe soll nach dem achten Artikel schon erleiden, wer 
sich aus Furcht vor der Taufe versteckt, und nach dem 
siebenten auch, wer eine Leiche verbrennt und die Knochen 
in Asche verwandelt. Denn das Verbrennen der Weichtheile 
des Körpers blieb straflos. 

Die andere Stelle ist aus dem Friesenrecht. Als im 
achten Jahrhundert die alten Volksgesetze der Friesen auf- 
geschrieben wurden, fand sich auch ein Zettel von Ulemar, 
einem früheren angesehenen Rechtsverständigen, und auf 
diesem Zettel lautet der Satz, welcher jetzt den Schluss des 
Friesenrechts bildet, noch recht altgermanisch: „Qui fanum 
effregerit et ibi aliquid de sacris tulerit, ducitur ad mare 
et in sabulo, quod accessus maris operire solet, finduntur 
aures ejus, et castratur, et immolatur diis, quorum templa 
violavit. Offenbar spricht dies Gesetz von keinem Menschen- 
opfer, sondern von einer Strafe für Frevel am Heiligthum. 
Das immolare bestand , wie aus dem gleich anzuführenden 
Bericht Wulframs zu ersehen, darin , dass der Frevler ins 
Meer geworfen wurde. Dass er aber auf dem trügerischen 
Sande, welchen die Fluth zu unterwässern pflegt, also kurz 
vor Erleidung der Todesstrafe erst durch Ohrenschlitzen 
und Entmannen auf die fürchterlichste Weise geschändet 



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v. Löher: Ueber angebliche Menschenopfer bei den Germanen. 379 

wird, zeigt nur, welchen Abscheu sein arges Verbrechen 
erregte. 

Ganz dasselbe, was dieses alte Gesetz aus der Heiden- 
zeit besagt, nämlich die Bestrafung wegen Verbrechens am 
Heiligthum, kehrt in drei andern Berichten wieder : 

Von Bischof Wulfram von Sens, der unter den Friesen 
als Bekehrer gewirkt und 695 im französichen Kloster 
Fontanelle gestorben , hat eiu Klosterbruder nicht lange 
darauf eine Lebensbeschreibung verfasst. Darin heisst es: 
Praedicante sancto pontifice in populo (Fresionum) contigit 
die quadam, puerum ex ipsa Fresionum natione ortum, diis 
immolandum, duci ad laqueum. Orabat autem vir sanctus 
incredulem ducem (Rathbodum), ut hujus pueri vitam sibi 
donaret. Tunc animosi gentiles unanimes frustrabantur 
ejus precem, dicentes : si tuus Christus eum de tormento mortis 
eripuerit, sit ejus tuusque servus aevo perenni. Appenditur 
deinde puer in patibulum. — Im folgenden Kapitel wird ein 
ähnlicher Vorfall erzählt. Alii quoque adolescentes ex prae- 
dicta Fresionum natione similiter ritu profano daemonibus 
immolandi, missa sorte more patrio, sunt deprehensi. Pro 
quibus supplicaturus inclytus praesul Wulframus accessit, 
sed gentiles, preces illius audire contemnentes , pvaefatos 
pueros projecerunt in pelagus, ut illic inter fluctus illis ne- 
catis sacrificium execrabile perficerent daemonibus. Quo 
peracto ajunt Sancto: Vade nunc jam et si inde liberare 
eos poteris, habeat eos deus tuus in servos jure perenni. — 
Der Friesenapostel Wulfram sah also einmal einen Knaben 
zum Galgen führen, und ein andermal wurden Jünglinge, 
welche das Loos getroffen, ergriffen und in's Meer geworfen: 
beidemal braucht der Erzähler den Ausdruck, sie wären 
den Dämonen geopfert. Dass aber hier bloss Rache für 
Frevel an Heiligthümern geübt wurde, geht sowohl aus dem 
eben hergesetzten Artikel des Friesenrechts, und aus den 
herkömmlichen Verbrechensstrafen — Galgen oder Er- 



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380 Sitzung der histor. Classe vom 4. März 1882. 

tränken, — als aus einer Stelle in der von Alkuin her- 
rührenden Lebensbeschreibung Willibrords hervor, die eben- 
falls Menschenopfer beweisen soll: Injurias suorum deorum 
ulcisci cogitabat (rex Radbodus) et per tres dies semper 
tribus vicibus sortes suo more mittebat, et numquara dam- 
natorum sors super servum Dei aut aliquera ex suis cadere 
potuit, nee nisi unus tantum ex sociis suis sorte monstratus 
martyrio coronatus est, quia violatores sacroruni illius atro- 
cissima raorte (rex) daranare solebat. — Der Missionär hat 
nämlich auf Helgoland um das Jahr 700 Rinder schlachten 
lassen, die auf einer heiligen Stätte weideten, und eine dort 
springende Quelle, aus welcher man nur in stiller Ehrfurcht 
trinken durfte, zu einer öffentlichen redereichen Taufe be- 
nutzt. Gaukönig Radbod ist ergrimmt darüber uud lässt 
drei Tage hinter einander dreimal das Loos werfen, um 
Diejenigen zu erfahren und mit dem Tode zu bestrafen, 
welche Haupturheber des Frevels gewesen. 

Ferner sagt Rudolf von Fulda in einer Beschreibung 
der Translation der Reliquien des hl. Alexander: coluernnt 
(Saxones pagani) eos, qui natura non erant dii; inter quos 
maxime Mercurium venerabantur, cui certis diebus humanis 
quoque hostiis litare consueverant. Das ist wörtlich aus 
dem Tacitus genommen , kann also für sich selbst nichts 
beweisen. 

Zwei andere Stellen, die eine in Lebuins, die andere 
in Liudgers Lebensbeschreibung, deren jede erst im neunten 
Jahrhundert oder später noch geschrieben wurde, werden 
ebenfalls zum Beweis von Menschenopfern angeführt: sie 
sprechen aber nur von Gelübden und Opfern überhaupt, 
von Menschentödten ist darin nicht die Rede. Von der 
grossen Versammlung der Sachsen 770 zu Marklo an der 
Weser heisst es nämlich: omnis concionis illius multitudo 
primo suorum proavorum servare contendit instituta, nu- 
minibus videlicet suis vota solvens ac sacrificia. Herzog 



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v. Löher: lieber angebliche Menschenopfer bei den Germanen. 381 

Widukind aber hatte im Jahre 782 einen Theil der Friesen 
dazu gebracht, vom Christenthum abzufallen, et usque ad 
Fleo fluvium fecit Fresones Christi fidem relinquere et im- 
molare idolis juxta morem erroris pristini. 

Von einem grausamen Herkommen bei sächsischen See- 
räubern, die an den gallischen Küsten heerten und raubten, 
berichtet zu Ende des fünften Jahrhunderts der Bischof von 
Clermont , Sidonius Apollinaris, der bekanntlich seine Er- 
zählungen gern in einem blühenden Stil vortrug. Priusquam 
(archipiratae Saxonici) de continenti in patriam vela laxantes 
hostico mordaces ancoras vado vellant, mos est remeaturis, 
decimum quemque captorum per aequales et cruciarias poenas, 
plus ob hoc tristi quam superstitioso ritu necare, superque 
collectam turbam periturorum mortis iniquitatem sortis aequi- 
tate dispergere; talibusque eligunt votis, victimis solvunt. 
Et per hujusmodi non tarn sacrificia purgati, quam sacri- 
legia polluti, religiosum putant caedis infaustae perpetratores 
de capite captivo magis exigere tormenta quam pretia. — 
Ehe die Seeräuber vom Festlande die Anker zur Heimkehr 
lichteten, musste der zehnte Mann der zusammengeraubten 
Menschen sterben. „Ueber diese Schaar der Todgeweihten 
verstreuen sie des Todes Unrecht durch des Looses Recht: 
unter solchen Gelübden wählen sie, zahlen sie mit Schlacht- 
opfern. Und durch solchen heiligen Brauch weniger ge- 
reinigt als durch Heiligthumsschändung befleckt halten die 
unheilvollen Mörder es für etwas Religiöses, von ihrer 
Menschenbeute lieber Qualen, als Verkaufspreise zu erpressen 11 . 
Offenbar ist hier nicht von Menschenopfern die Rede, sondern 
von einer gräulichen Art und Weise, die Zukunft zu er- 
forschen, ob nämlich auf Heil zur Heimfahrt zu hoffen. 

Aehnlich wird man auch die einzige Stelle verstehen 
müssen , die bestimmt von Menschenopfern redet. Papst 
Gregor III. schreibt nämlich im Jahr 732 an Bonifacius: 
Et hoc inter alia discrimen agi in partibus illis dixisti, 



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382 Sitzung der histor. Glosse vom 4. März 1882. 

quod quidam ex fidelibus ad immolandum paganis sua ve- 
nundant mancipia. Hoc ut magnopere corrigere debes, frater, 
nee sinas fieri ultra: scelus enim est et impietas. — Sollten 
aber wirklich die neuen Christen einen so schändlichen 
Brauch, wenn sie ihm selbst nicht mehr fröhnten, bei 
ihren Nachbarn begünstigt haben? Und warum kaufte man 
denn Fremde, da der heimischen Leibeigenen aller Orten ge- 
nug waren ? Wenn des Missionärs Zuträger nicht ihn oder 
nicht selber sich getäuscht, so lief wohl die Sache darauf 
hinaus, dass selten einmal ein fremder Sklave oder Kriegs- 
gefangener gekauft wurde, um aus seinem strömenden Blute 
eine Weissagung zu ziehen. Denn von solchem Aber- 
glauben waren die Germanen allerdings tief umnachtet. 
Gleichwie bei den Römern ekelhaft in den Eingeweiden 
geschlachteter Thiere gewühlt wurde, um aus dereu Ver- 
schlingungen in das Wirrsal der Zukunft hinein zu blicken, 
so diente germanischen Weibern dazu das Ringeln und 
Quirlen von frischem Menschenblut im siedenden Kessel. 
Auch bei den Cimbern schon erschienen diese fürchterlichen 
Frauen, welche das Blut gefangener Römer in ihre Kessel 
laufen liessen. 

Das sind nun alle Stellen in Quellenschriften, die be- 
zeugen sollen, dass es bei den alten Sachsen und Friesen 
— und diese waren doch berüchtigt ihrer eisernen Herzen 
wegen — Menschenopfer gegeben. Ganz ähnlich ergiebt 
bei den andern und noch dazu äusserst wenigen Nachrichten, 
die von Menschenopfern bei Germanen ausserhalb Deutsch- 
land etwas enthalten, die Untersuchung sofort, dass ent- 
weder von Kriegsgefangenen die Rede, die aus Rache, oder 
weil man sie nicht länger ernähren konnte, erschlagen, — 
oder von Verbrechern, die bestraft werden, — oder von 
Solchen, die freiwillig den Tod als Sühnopfer auf sich 
nahmen. Was wird nicht Alles noch heutzutage im Volke 
von Hexen Wärwölfen und Vampyren erzählt, oder von 



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v. Löher: Ueber angebliche Menschenopfer bei den Germanen. 383 

Christenkinder schlachtenden Juden, oder von Hexenmeistern, 
die, um ihren Zauber zu vollbringen, des Blutes oder Fingers 
von einem unschuldigen Kinde bedürfen ! Soll man also 
Prokop, der beständig sich auf der Anekdotenjagd befindet, 
Glauben beimessen, wenn er für Menschenopfer ausgiebt, 
als christliche Franken in Italien gefangene Feindeskinder 
tödteten und in einen Fluss warfen „als des Krieges Erst- 
linge"? Oder muss man gleich an Opferfeier denken, wenn 
Jordanis schreibt: „Die Dankopfer für den Kriegsgott waren 
die Tode der Kriegsgefangenen"? Wenn aber Dietmar von 
Merseburg bloss aus Hörensagen von einer dänischen Opfer- 
feier erzählt, die vor einem Jahrhundert alle 9 Jahre auf 
Seeland stattgefunden hätte und bei welcher je 99 Menschen, 
Pferde, Hunde und Habichte oder Hähne geschlachtet worden 
seien , und wenn Adam von Bremen dasselbe Mordfest als- 
dann nach Upsala verlegt, so kann man solche Nachrichten, 
welche der erste Erzähler selbst als bedenklich bezeichnet, 
ebenso wohl auf sich beruhen lassen, als wenn der nor- 
wegische Chronist Snorro versichert: in den ältesten Zeiten 
seien in Skandinavien Menschenopfer nicht Brauch gewesen, 
erst unter König Domald habe man sie erfunden, um eine 
allgemeine Hungersnoth abzuwenden, weil erkannt worden, 
mit dem bisherigen Opfer eines wegen Uebermastung halb 
tollen Stiers lasse sich bei Odin nichts mehr ausrichten. — 

Doch wir dürfen noch einen Schritt weiter gehen und 
fragen, ob es bei Germanen überhaupt solche Opfer gab, 
wie bei Semiten Griechen und Römern? 

Germanen hatten, worüber die neueren Forscher fast 
sämmtlich einverstanden sind, keinen Priesterstand, sondern 
gleichwie jeder Hausvater für seine Familie, so übten Richter 
Grafen und Könige alles das für das Volk, was anderswo 
zu priesterlichem Amte gehörte, nämlich Festzüge sammeln, 
Hymnen anstimmen und jeden andern religiösen Brauch 
ordnen. Wer in der öffentlichen Yersammlung priester- 



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384 Sitzung der histor. Glasse vom 4. März 1882. 

liebe Handlungen verrichtete, hiess einfach e-wart oder a-säga, 
Rechtssager oder Rechtswart, denn ewa bedeutete das ge- 
sammte Recht und Gesetz. Wo man aber keine Priester 
im Sinne der Alten kannte, da liegt der Zweifel nahe, ob 
es denn dort auch Opfer im Sinne der Alten gegeben? 

Gewiss gab es Opfer, soweit sie nämlich im ehrfürch- 
tigen Darbringen und Weihen und damit verbundenen Ver- 
zehren von Thieren und Früchten des Feldes bestanden, — 
jedoch in Bezug auf Opfer, insofern ihr Wesentliches in der 
Vernichtung von etwas Geschaffenem liegt, ist die Frage 
zu verneinen. 

Im Verhältniss zu semitischen Völkern, die sich ewig 
mit Opfern und Heiligthümern müheten, erschienen die 
Germanen als weltlich gesinnte Leute. Ja, man hätte das 
Volk, das in seinem tiefsten Wesen von Ehrfurcht vor dem 
Göttlichen und vom Glauben an Unsterblichkeit erfüllt und 
durchdrungen war, im Vergleich mit all jenen Völkern ein 
irreligiöses nennen müssen; denn des Germanen religiöses 
Gefühl war ein wesentlich innerliches. Es war. ihm weder 
ßedürfniss noch Gewohnheit, in bestimmten gottesdienst- 
lichen Gebäuden und zu bestimmten Zeiten äussere religiöse 
Handlungen zu verrichten, sondern wenn sein übervolles 
Gemüth oder der Ernst des Augenblicks ihn drängte, da 
flehte er zu den göttlichen Wesen, wo er ging und stand. 
Er flehete zu ihnen und weihete sich ihnen im ahnungs- 
vollen Grauen des Morgens, im mittäglichen Allschweigen 
der besonnten Flur, in feierlicher Abendstille, — oder wenn 
ihn das heilige Rauschen des Waldes oder die stürzende 
Fluth und des Wasserfalles Schäumen oder ernste hoch- 
ragende Felsen zur Andacht stimmten, — oder wo sein 
Haus, sein Geschlecht, sein Volk sich feierlich versammelte, 
— oder wenn der Heerbann alles mit sich fortreissend in 
die Schlacht stürmte. Dass man die lichten Höhen bestieg, 
dass man dort die Hände faltete und über's Haupt empor- 



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v. Loher: lieber angebliche Menschenopfer bei den Germanen. 385 

hob, oder sie zum Himmel ausstreckte, oder dass man bei 
Bestürzung, Trauer und Reue die Blicke zur Erde schlug, 
bei Dank- und Hoffnungsgefühl das frohe Antlitz empor 
richtete, — diese natürlichen Geberden, in welchen halb 
unbewusst religiöses Ergriffensein sich kundgab, waren allen 
Germanen ebenso gemeinsam, wie allen Semiten die Ge- 
wohnheit, sich vor des Allerhöchsten un er messlicher Allge- 
walt niederzuwerfen, dass das Haupt den Boden schlug. 

Wenn aber bei wichtigen Ereignissen des Hauses — 
bei Geburtsfesten und Namengebung, bei Eheschliessung, 
bei Gutsübertragung an den Sohn, bei Bestattung eines 
Greises — die Hausbewohner sich mit Verwandten und 
Nachbarn versammelten, — oder wenn man je nach dem 
Wechsel der Jahreszeiten das Erstemal auszog zu Feld und 
Wald zu gemeinsamen Arbeiten, oder den letzten Aernte- 
wagen herein holte, — oder wenn das gesammte Volk nach 
altem Herkoramen sich schaarte zur Naturfeier am Sonne- 
wendtage, oder zur Erinnerungsfeier an nationalen Ge- 
dächtnisstagen, oder bei den Hügeln edler Todten, oder zu 
des Landes Ordnung und Gericht, zu Berathungen und Ver- 
bindungen der Stämme, zur Heerfahrt gegen den Feind, — 
bei solchen Gelegenheiten suchte das innere Verlangen, der 
Gottheit Theilnahme Schutz und Weihe zu erflehen, nach 
stärkerem Ausdruck. Nicht um die Familie oder die Ge- 
meinde oder das Volk förmlich zu heiligen, nahm man feier- 
liche Handlungen vor, sondern das lebendige religiöse Ge- 
fühl machte sich ganz von selbst um so mächtiger geltend, 
je gehobener die gemeinsame Stimmung war durch die 
Menge und Erregung der Versammelten, durch die Wichtig- 
keit dessen, was sie vornahmen, und durch die Ungewiss- 
heit des Ausgangs. Da vereinigte sich Alles zu feierlichen 
Umzügen, in denen man die Thiere, die zum gemeinsamen 
Festmahl dienen sollten, mit Grün und Blumen bekränzt 
einher führte. Da wurden auf den Höhen Freudenfeuer an- 



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386 Sitzung der histor. Classe vom 4. März 1882. 

gezündet, alte Hymnen und Heldendichtungen vorgetragen, 
Gesänge und Jubelruf angestimmt, und Reihentänze, Kampf- 
spiele und Gelage beschlossen den Tag. 

Von förmlichen Bitt- Sühn- und Dankopfern war bei 
solcher Feier keine Rede. Nennt man es Opfer, wenn man 
im gemeinsamen ehrfürchtigen Gedenken einer höheren Macht 
Speise und Trank geuiesst, oder wenn der Bauer im stillen 
Gefühl des Dankes gegen den Segenspender bei Aernten 
etwas Obst an den Bäumen oder ein paar Aehren im Felde 
lässt, so übten die Germanen gar manchen Opferbrauch. 
Es brachten die Verwandten und Nachbarn zu ihren Festen 
Krüge voll Meth und Bier, Rinder Ochsen Schafe und 
Pferde, die den Göttern geweihet geschlachtet und verzehrt 
wurden. Sie setzten auch vor ihre Hausthüre oder an ge- 
heiligte Stellen Blumen oder abgehauenes junges Baumgrün, 
oder von Speise und Trank etwas für die Thiere des Waldes 
und Feldes, vor Allem theilten sie Armen und Bedürftigen 
mit. Der Gedanke aber, der Gottheit zu gefallen bloss da- 
durch, dass man Erschaffenes vernichtet, wäre nach ihrer 
Geistesart den Germanen eine Thorheit gewesen. Das Wort 
Opfer kommt in die deutsche Sprache erst durch die Kirche, 
und gleichwie die Sprache anzeigt, dass Kelch und Altar, 
Orgel und Messe aus der Fremde eingeführt wurden, so 
verhielt es sich auch mit Wort und Sache des Opferns. 
Insoferne es Darbringen von Lebendigem odqr Unleben- 
digem bedeutet, indem man es vernichtet, Blut umherspritzt, 
durch Feuer das Geweihete verzehren, die Erde das Aus- 
gegossene trinken, oder die Luft es zerstören lässt, nöthigt 
keine einzige Stelle in den alten Gesetzen und Schriften dazu, 
gerade solche Art von Opfern bei Germanen anzunehmen. 

Wäre dergleichen üblich gewesen, gewiss, es lebte 
heute noch in Gebräuchen unseres Landvolkes fort; denn 
es ist beinahe nichts völlig untergegangen , was uns von 
religiösem Glauben und Aberglauben der Germanen zuver- 



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v. Löher: lieber angebliche Menschenopfer bei den Germanen. 387 

lässig berichtet worden. Hätten Diese jene Bitt- und Sühn- 
und Dankopfer gehabt, so würde sich in ihrer Sprache auch 
eine ganze Reihe Namen für Opfergebräuche und Opfergeräthe 
finden. Die Sprache schweigt aber davon, und vergebens 
werden im althochdeutschen neihunga Opfer wie bei Juden 
und Römern üblich, im zepar oder Geziefer die Opferthiere, 
im fraglichen Worte „Gebütt" das Brandopfer von Herz Lunge 
und Leber, was den Göttern gehören sollte, gesucht. Ulfilas kam 
in Verlegenheit, als er das jüdische Opferwesen ausdrücken 
musste in gothischer Sprache. Er fand in dieser das Wort 
blotan, welches jede Art von religiöser Verehrung bedeutet, 
und übersetzte Gebet und Flehen zu Gott richtig mit Us- 
bloteins, Gottesverehrung mit Blotinassus, und Gottesver- 
ehrer mit Guthblostreis. Für Altar aber konnte er, weil 
die Gothen keinen Altar kannten, nur das Wort Biuds, das 
heisst Platte oder Tisch, benützen. Für die verschiedenen 
Arten der jüdischen Opfer fehlten ihm die Wörter gänzlich : 
für Räucheropfer nahm er daher das griechische Aroma an, 
Brandopfer, übersetzte er mit Allbrunst, das ist heiliger 
Brand, und um Opfer überhaupt auszudrücken, wusste er 
sicji nicht anders zu helfen, als dass er dafür Sauths, das 
heisst Sud, anwendete. Nicht an einen_ Fleisch-Siedekessel 
dachte er dabei, denn dieser hätte doch zu sehr an das Zu- 
bereiten von Fleisch zum Essen erinnert, selbst vorausgesetzt, 
dass seine Gothen bei ihren Festen das Fleisch lieber ge- 
sotten als gebraten verspeist hätten, sondern, was ihm vor- 
schwebte, war der Sud, welchen die wahrsagenden Weiber 
seines Volkes unter religiösen Sprüchen bereiteten, um je nach 
dem Wellen und Wogen der im Kessel treibenden gemeinen 
oder edlen Flüssigkeit zu weissagen. 

So auffallend arm aber das Germanische an Ausdrücken 

für liturgische Gebräuche ist, so äusserst selten ist von 

Opfern, welche Menschen verrichten, in den Götter- und 

Heldensagen die Rede. Die ganze Hälfte der älteren Edda 

[1882. L Philos.-philol. hist. Ol. 3.] 26 



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388 Sitzung der histor. Classe vom 4. März 1882. 

besteht in Dichtungen von mehr oder minder religiöser Art: 
Opferhandlungen von Menschen werdeu aber kaum er- 
wähnt, es sei denn, man wolle Stellen, wie sie in Odins 
berühmtem Runenlied gleich hinter einander folgen, von 
Opfern im Sinne des alten Testamentes verstehen. Die eine 
Stelle lautet: 

Weisst du, wie man (Runen) beten soll? 
Weisst du, wie man (Runen) opfern soll? 

Dies ist wohl so zu deuten, dass Gebet und Weihe- 
spruch in Runen aufgeschrieben sind, und das Opfern darin 
besteht, dass Stäbchen oder Täfelchen mit den Runen in 
die Luft verstreuet oder in einen Fluss geworfen werden. 
Dann heisst es gleich, offenbar nur von Geschenken unter 
Menschen, etwas hausbacken: 

Besser ist, um nichts bitten, 

Als zu viel opfern; 

Immer erwartest du Vergeltung der Gabe; 

Besser nichts gesendet, 

Als zuviel verschwendet. 

Die Meinung aber der Germanen bei ihren mit Religion 
verknüpften Schmausen und Gelagen wird uns durch einen 
schönen Gebrauch deutlicher, dureh das Minnetrinken. Man 
trank Thors oder Wodans Minne oder eines anderen gött- 
lichen Wesens, indem man bei dem Trinken voll Ehrfurcht 
ihrer gedachte. So trank man auch eines abwesenden oder 
verstorbenen Freundes Minne, wobei, wenn Mehrere bei- 
sammen waren, ein Spruch, ein Zuwinken und Anstossen 
mit den Bechern vorherging. Minnan Lieben ist ja eines 
Stammes mit man d. h. denken: man trinkt des Freundes 
Minne, indem man auf sein Bild und Wesen die Kraft der 
Seele und der Gedanken richtet. Geradeso dachte man ehr- 
fürchtig des Gottes, indem man die Hände zu dem Mahl 
ausstreckte, das von dem ihm heiligen Thier, von Wodans 



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v. Löher: lieber angebliche Menschoiopfer bei den Germanen. 389 

Pferd oder Nerthus Eber oder Freyas Hirsch oder der Erden- 
mutter geduldigen Rindern, bereitet war. Geradeso isst 
man noch heutzutage Namenstagskuchen , Fastenbrezeln, 
Osterscbinken, Martinsgänse zu Ehren eines Lebenden oder 
Vorgestellten. Wird doch auch schon im Alterthum von 
Götterbildchen aus Mehlteig (consparsa farina) berichtet! 

Wie in der That die eigentliche Opferhandlung höchst 
einfach darin bestand, dass man Speise und Trank einem 
göttlichen Wesen darbrachte und sodann — frohe oder 
ernste Gedanken auf dasselbe gerichtet — zu sich nahm, 
erhellt noch deutlich aus der Frage in dem Wormser Beicht- 
spiegel zu Ausgang des zehnten Jahrhunderts: „Bist Du, 
um zu beten, an einen andern Ort gegangen, als zur Kirche, 
nämlich zu Felsen oder Quellen oder Scheidewegen? Hast Du 
dort ein Licht angezündet, Brod hingebracht und dort ge- 
gessen?" Gerade so hiess es im Gesetz über den Sachsen- 
Glauben: „Wer zu Quellen oder Bäumen oder Hainen ein 
Gelübde gethan, oder etwas nach heidnischer Weise darge- 
bracht und zu Ehren der Götter gegessen hat, soll, wenn 
es ein Adeliger ist, 60, wenn ein Freier, 30, wenn ein 
Höriger, 15 Schilling büssen. Wenn sie nichts besitzen, 
wovon sie sofort zahlen, sollen sie der Kirche zum Dienst 
gegeben werden, bis diese Schillinge gezahlt sind u . Die 
Strafgesetze wissen von heidnischen Gebräuchen nichts zu 
verfolgen, als das Zusammentreffen von drei Dingen, näm- 
lich: zu altheiliger Stätte gehen, auf ihr Licht oder Feuer 
machen, und etwas dort essen und trinken. Wenn aber die 
einzige Ausuahmestelle , die der Wormser Beichtspiegel er- 
kennt , davon spricht , dass man den Scbicksalsschwestern 
etwas zur Speise hinstellte, so war das ein ähnlicher Aber- 
glauben, wie wenn noch in später Zeit den Hausgeistern 
etwas in eine Ecke gesetzt wurde, nicht zu heidnischer 
Opferverrichtung, sondern Jenen zu wirklicher Labung. 

Ein Opfer aber kannten die Germanen, ein hohes und 

26» 



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390 Sitzung der histor. Classe vom 4. März 1882. 

herrliches, das Sühnopfer des eigenen Lebens durch hoch- 
herzigen Entschluss. Dem gottgläubigen und sinnenden 
Menschen liegt es nahe, Unheil als Unrechts Folge aufzu- 
zufassen, und wenn das unselige Wesen nicht von der 
Schwelle weichen will, zu deuken, dass eine grosse Schuld 
begangen und zu sühnen sei. Dann aber kann wohl in 
grossmüthigen Seelen der Gedanke keimen, die Schuld auf 
das eigene Haupt zu nehmen und sich zu opfern, damit die 
Geliebten wieder glücklich werden. Von solchen Sühnopfern, 
die freiwillig in den Tod gingen, um ihr Volk zu retten, 
sind uns Beispiele überliefert. In der nordischen Heims- 
kringlasage heisst es sogar: in offener Volksversammlung 
sei in einer Zeit, als schwere Noth und Misswachs das Land 
bedrückte, beschlossen worden, der Edelste des Volkes, der 
König selbst, solle Unheil und Tod aufsein Haupt nehmen. 1 ) 



1) Was sich an Berichten und Sagen bei älteren und späteren 
Schriftstellern auf Menschenopfer deuten lässt, hat bereits der Altonaer 
Pastor Gottfried Schütze gesammelt in seinem 1743 in Leipzig ver- 
öffentlichten Buche De cruentis Germanorura gentilium victimis humanis. 



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Oeffentliche Sitzung der königl. Akademie der 
Wissenschaften 

zur Feier des 123. Stif tuügstages 

am 28. März 1882. 



Der Classensecretär Herr v. Prantl widmete den im 
abgelaufenen Jahre verstorbenen Mitgliedern Adalb. Kuhn, 
Albr. Bernh. von Dorn, Theod. Benfey, Herrn. 
Lotze, Theod. Bergk, Franz Hoffmann, Adr. 
de Longperier, John Muir, Charles Thurot eine 
kurze Ehren-Erwähnung, das Nähere der hiemit folgenden 
Druck- Veröffentlichung vorbehaltend : 

Franz Felix Adalbert Kuhn 

war geboren am 19. November 1812 zu Königsberg in der 
Neumark, woselbst sein Vater Gymnasial-Lehrer war ; nach 
dem frühen Tode des letzteren (1813) siedelte die Wittwe 
nach Berlin um, und dort besuchte der Sohn zunächst die 
Hartung'sche Schule, dann (1825) das Gymnasium zum 
grauen Kloster und hierauf das Joachimsthaler Gymnasium, 
an welchem Meineke wirkte. Nachdem Kuhn bereits in den 
letzten Jahren dieser Vorbereitungsstudien durch den Gym- 
nasiallehrer Classen, sowie durch Dr. Poley, einen eifrigen 
Schüler Bopp's, in das Sanskrit eingeführt worden war, setzte 
er (seit 1832) als Studirender der Berliner Universität, wo 



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392 Oeffentliche Sitzung am 28. März 1882. 

er insbesondere durch Bopp sich der trefflichsten Leitung 
erfreute, diese Bestrebungen mit hingehendstem Fleisse fort; 
einen mächtigen und bestimmenden Eindruck machte auf 
ihn (1835) das Erscheinen von Jakob Grimm's deutscher 
Mythologie. Im J. 1837 promovirte er mit einer Abhand- 
lung „De coniugatione in \xi linguae sanscritae ratione 
habita", und nachdem er im gleichen Jahre die staatliche 
Prüfung mit glänzendem Erfolge bestanden, fand er sofort 
eine Verwendung am Köllnischen Real-Gymnasium zu Berlin, 
woselbst er 1841 die Stelle eines ordentlichen Lehrers er- 
hielt und unter .dem tüchtigen Director E. Ferd. August 
mit Freuden seines Amtes walten konnte; nach dem Tode 
des letzteren (Oct. 1870) wurde er mit der Leitung dieser 
Anstalt betraut. Im J. 1872 wurde er unter die Mitglieder 
der Berliner Akademie aufgenommen (unserer Akademie ge- 
hörte er seit 1879 an) und 1876 war er an der Conferenz 
behufs Herstellung einer deutschen Orthographie betheiligt. 
Das Leben dieses Mannes, welcher durch seine treue Wahr- 
haftigkeit, sein Pflichtgefühl und seine Arbeitskraft sich die 
allgemeinste Achtung erworben hatte, wurde plötzlich am 
5. Mai 1881 durch einen Schlagfluss geendet. Zeugniss für 
die hohen Verdienste, welche er sich um den Fortschritt 
der Wissenschaft erwarb, geben seine zahlreichen schrift- 
stellerischen Leistungen. Er begann zunächst mit Studien, 
welche sich an Grimm anschlössen, und gab in den Publi- 
cationen des Vereines für Geschichte der Mark Branden- 
burg Untersuchungen über das Verhältniss märkischer Sagen 
und Gebräuche zur altdeutschen Mythologie (1841); dann 
folgten als Ergebnisse eines auf Ferien-Reisen bethätigten 
Sammelfleisses „Märkische Sagen und Märcheu" (1843), hier- 
auf später gemeinschaftlich mit seinem Schwager Schwartz 
bearbeitet „Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche" 
(1848). Sowie er aber bereits unterdessen durch eine Re- 
cension über Rosen's Rigveda (1844) seine gründliche 



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v. Prantl: Nekrolog auf Franz Felix, Addlbert Kuhn. 393 

Kenntniss des Sanskrit bekundet hatte und in einem Gyni- 
nasial-Programme „Zur ältesten Geschichte der indogerma- 
nischen Völker" (1845, später umgearbeitet im I. Bande von 
Weber's Indischen Studien) den Kern seiner Methode histo- 
rischer Linguistik andeutete, so wirkte er bald als persön- 
licher Mittelpunkt dieser Studien und zugleich als hervor- 
ragender Förderer ihrer Portschritte, indem er (1852) in 
Gemeinschaft mit Aufrecht die „Zeitschrift für vergleichende 
Sprachforschung auf dem Gebiete des Deutschen, Griechi- 
schen und Lateinischen 11 gründete, welche später (1858) 
eine Ergänzung erfuhr durch die mit Schleicher herausge- 
gebenen „Beiträge zur vergleichenden Sprachforschung auf 
dem Gebiete der arischen, celtischen und slavischen Sprachen". 
Hauptsächlich dem Sanskrit zugewendet beschäftigte sich 
Kuhn mit der sprachlichen, metrischen und mythologischen 
Erklärung der Veden und veröffentlichte in den genannten 
Beiträgen „Sprachliche Resultate aus der vedischen Metrik" 
und die bezüglich der Lautlehre wichtige Abhandlung „Ueber 
das alte S", sowie (in Weber 's indischen Studien) „Ueber 
die Brihaddevatä", ausserdem auch zahlreiche Aufsätze zur 
vergleichenden Sprachwissenschaft und Mythologie in der 
von ihm redigirten Zeitschrift, in Haupt' s Zeitschrift (Band 
II bis VI) und in der Zeitschrift für Kunde des Morgen- 
landes. Daneben erschien ein Gymnasialprogramm „Die 
Mythen von der Herabkunft des Feuers bei den Indoger- 
manen" (1858), und die hiebei gegebenen Grundlagen fanden 
eine reiche Ausführung in der Schrift „Die Herabkunft des 
Feuers und des Göttertrankes" (1859), während er zu gleicher 
Zeit „Sagen, Märchen und Gebräuche aus Westfalen" (1859, 
2 Bände) herausgab. Nach seinem Eintritte in die Aka- 
demie verfasste er neben mehreren (bisher ungedruckten) Ab- 
handlungen, welche er daselbst vortrug, die hochwichtigen 
Untersuchungen „Ueber Entwicklungsstufen der Mythen- 
bildung" (1873), auch brachte 1876 aus seiner Feder die 



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394 Oeff entliche Sitzung am 28. März 1882. 

„Vossische Zeitung" Aufsätze zur Beurtheilung der in den 
ältesten Ausgaben Schiller 1 s bestehenden Orthographie. Kuhn's 
Name bleibt für immer verflochten mit der Geschichte der 
indogermanischen Sprachwissenschaft und der vergleichenden 
Mythologie, denn ausgerüstet mit umfassenden Kenntnissen, 
mit scharfem Blicke, geistvoller Combination und unbestech- 
lichem Urtheile eröffnete er neue bedeutungsvolle Richtungen, 
indem er die Linguistik als Mittel der Erforschung der 
ältesten Culturzustände verwerthete und auf solchem Wege 
mittelst sorgsamster Untersuchung die Einsicht in eine ur- 
sprüngliche Gemeinsamkeit manigfacher geistiger Verhält- 
nisse der arischen Völker gewann und verbreitete. Weit 
entfernt von phantastischer Combinationssucht brachte er 
durch besonnenste Forschung die vedische Literatur in Ver- 
bindung mit mythologischen Gestalten der Hellenen und 
mit germanischen Volkssagen, wovon eines der schönsten 
und wohl auch bekanntesten Beispiele in seiner Abhand- 
lung über die Herabkunft des Feuers vorliegt, und nicht 
minder suchte er in das allgemeine Princip des Vorganges 
der Mythenbildung einzudringen, so dass seine Arbeiten für 
die Methode der Mythen-Forschung auf indogermanischem 
Gebiete als bahnbrechend gelten können. (Seine sämmt- 
lichen Schriften sind aufgezählt in Bursian's Biogr. Jahrb. 
f. Alterthumskunde, 1881, S. 54 u. 63 f.) 



Joh. Albrecht Bernhard v. Dorn, 

welcher seit 1860 unserer Akademie als auswärtiges Mitglied 
augehörte, war am 11. Mai 1805 in Scheuerfeld bei Koburg 
geboren, besuchte das Gymnasium zu Halle und studirte 
dann in Leipzig zuerst Theologie, hierauf aber unter Rosen- 
müller's Leitung Orientalia. Im Jahre 1825 habilitirte er 
sich als Docent in Leipzig mittelst einer Dissertation „De 
psalterio aethiopico conimentatio" und wurde alsbald hierauf 



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# v. Prantl: Nekrolog auf Joh. Albrecht Beruh, v. Dorn. 395 

der russischen Regierung durch Chr. M. Frähn zur Ueber- 
nahme eiuer Professur der orientalischen Sprachen an der 
Universität Charkow empfohlen, welche Stelle er aber erst 
1829 antrat, nachdem er eine längere Reise durch Frank- 
reich und England gemacht hatte. Nach sechs Jahren ver- 
liess er Charkow, da er (1835) nach Petersburg als Pro- 
fessor der Geschichte und Geographie Asiens an das orien- 
talische Institut des auswärtigen Ministeriums berufen wurde; 
im Jahre 1839 trat er als Mitglied in die Petersburger 
Akademie ein und 1842 wurde er Director des asiatischen 
Museums; als 1843 jene mit dem Ministerium verbundene 
Lehrstelle aufgehoben wurde, erhielt Dorn die Stelle eines 
Oberbibliothekares an der kaiserlichen Bibliothek. In den 
Jahren 1860 und 1861 durchreiste er den Kaukasus und 
die persische Provinz Ghilan am Südwestufer des kaspischen 
Meeres, sowie die östlich daran gränzende Provinz Masen- 
deran; mit reichen Forschungs-Ergebnissen an Inschriften 
und sprachlichem Materiale kehrte er nach St. Petersburg 
zurück, wo er nach vieljähriger literarischer Thätigkeit am 
31. Mai 1881 starb. Das specielle Gebiet, in welchem die 
Fachwissenschaft dankbar seine Leistungen anerkennt, liegt 
in Geschichte, Geographie und Sprache Afghanistans, Kau- 
kasiens, der südlichen Küstenländer des kaspischen Meeres 
und der nördlichen Provinzen Persiens. Nach einer Ueber- 
setzung dreier Abschnitte aus Sadi's Rosenhain (1827) ver- 
öffentlichte er „History of the Afghans translated from the 
Persian of Neamet-Ullah" (1829 ff.), „Grammatische Be- 
merkungen über die Sprache der Afghanen' 4 (1840), sodann 
„Beiträge zur Geschichte der kaukasischen Länder und Völker 
aus morgenländischen Quellen" (1841 — 43, 5 Theile), ferner 
„Das asiatische Museum der kaiserl. Akademie der Wissen- 
schaften zu St. Petersburg" (1846) und „A chrestomathy 
of the Pushtü or Afghan language" (1847). Hierauf folgten 
1850 — 58 „Muhammedanische Quellen zur Geschichte der 



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396 Oe ff entliehe Sitzung vom 28. März 1882. 

südlichen Küstenländer des kaspischen Meeres" (nemlich 
Uebersetzungen von Schireddin's Geschichte von Tabaristan, 
Dschurdschan und Masenderan, von Khondemir's Geschichte 
Tabaristans, von Ali-Ben-Schems-Eddin's Khanischem Ge- 
schichtswerke und von Fumeni's Geschichte von Ghilan). 
Daneben erschienen „Catalogue des manuscripts et xylo- 
graphes orientaux de la bibliotheque imperiale" (1852) und 
„Vier syrische Handschriften der kaiserlichen Bibliothek zu 
St. Petersburg" (1853) und später folgten „Beiträge zur 
Kenntniss der iranischen Sprachen" (1860 und 1866, 2 Theile), 
worin er zum ersten Male Texte im persischen Dialekte 
von Masenderan veröffentlichte, sodann „Sur la collection 
de manuscripts orientaux achetee par la bibliotheque im- 
periale" (1865) und „Drei in der kaiserlichen Bibliothek zu 
St. Petersburg befindliche astronomische Instrumente" (1865), 
sowie „Chronologisches Verzeichniss der von 1801 — 1866 
in Kasan gedruckten arabischen, türkischen, tatarischen 
und persischen Werke" (1867). Ferner veröffentlichte er 
„Caspia, über die Einfalle der alten Russen in Tabaristan" (1875) 
und „Ueber die semmanische Mundart" (1878); ausserdem 
gab er hinterlassene numismatische Schriften des Chr. M. 
Frähn heraus (1855) und lieferte zahlreiche Beiträge in die 
Bulletins und Memoires der Petersburger Akademie. 



Theodor Benfey 

geboren am 28. Januar 1809 in Nörten bei Göttingen be- 
suchte 1816 — 24 das Göttinger Gymnasium, von wo er als 
Studirender der classischen Philologie an die dortige Uni- 
versität übergieng und Vorlesungen bei Ottfr. Müller, Dissen, 
Mitscherlich, Heeren, sowie bei dem Philosophen und Literar- 
historiker Bouterweck hörte; im Jahre 1827 studirte er in 
München unter Thiersch und Ast, zurückgekehrt nach Göt- 
tingen proinovirte er am 28. Oct. 1828. Als er 1830 nach 



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v. Prantl: Nekrolog auf Theodor Benfey. 397 

Frankfurt a/M. gieng, lernte er den Sanskritforscher Poley 
kennen, wodurch die wissenschaftliche Richtung des jungen 
Mannes für die Folgezeit bestimmt wurde, und mit Studium 
des Sanskrit und der Sprachvergleichung beschäftigt ver- 
weilte er bis 1834 theils in Frankfurt theils in Heidelberg. 
Im Jahre 1834 habilitirte er sich als Privatdocent in Göt- 
tingen, wo er 1848 ausserordentlicher und 1852 ordent- 
licher Professor wurde und mit anerkanntem .Ruhme bis zu 
seinem am 26. Juni 1881 erfolgten Tode wirkte. Seine 
Erstlingsschrift „Ueber die Monatsnamen einiger alter Völker, 
insbesondere der Perser, Kappadokier, Juden und Syrer*' 
(1836) hatte er gemeinschaftlich mit seinem Freunde Stern 
verfasst ; alsbald aber trat er — abgesehen von einer Ueber- 
setzung des Terentius (1837, 2. Aufl. 1854) — mit einem 
kühnen Wurfe seiner Genialität in die Oeffentlichkeit, indem 
sein „Griechisches Wurzel-Lexikon" (1839, 2 Bände), welches 
den Voluey'schen Preis erhielt, auf Grund einer ausgedehnten 
Gelehrsamkeit und einer staunenswerthen Combinationsgabe 
den griechischen Wortschatz nach seinen verwandtschaftlichen 
Beziehungen allseitig darzustellen versuchte. Hierauf zeigte 
der umfangreiche Artikel „Indien" in der Ersch-Gruber 'sehen 
Encyclopädie (1840) sowohl die Weite und Tiefe des Wissens, 
über welches Benfey bereits damals verfügte, als auch die 
Selbständigkeit seiner Auffassung, indem er z. B. die Vermuth- 
ung aussprach, dass die indische Schrift ursprünglich von der 
phönikischen abstamme, womit dann auch seine spätere 
Hypothese zusammenhing, dass der Ursitz der Indogermanen 
nicht in Asien, sondern in Europa zu suchen sei. Die Viel- 
seitigkeit aber seiner wissenschaftlichen Werkstätte tritt 
uns wieder vor Augen, indem er in den folgenden Jahren 
„Ueber das Verhältniss der ägyptischen Sprache zum semi- 
tischen Sprachstamme" (1844) schrieb und bald darauf ,,Die 
persischen Keilinschriften mit Uebersetzung und Glossar 4 
(1847) veröffentlichte, woneben „Die Hymnen des Sama- 



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398 Oeffentliche Sitzung vom 28. März 1882. 

Veda mit Uebersetzung und Glossar u (1848) hergingen, 
während in Bälde mehrere „Beiträge zur Erklärung des 
Zend" (1850 — 53) folgten. Zugleich aber hatte er das 
Sanskrit-Gebiet reichlichst durchgearbeitet und als Ergeb- 
niss hievon erschien „Handbuch der Sanskritsprache, 1. Ab- 
theilung Vollständige Grammatik der Sanskritsprache" (1850) 
und „2. Abtheilung Chrestomathie aus Sanskritwerken und 
Glossar" (185.4, 2 Tbeile), wobei er insbesondere auch die 
eingehendste Kenntniss der alten indischen Grammatiker 
verwerthete. Einen Auszug gab er als „Kurze Sanskrit- 
Grammatik zum Gebrauche für Anfänger 14 (1855), worin 
er unter Anderem die auch von Jac. Grimm getheilte An- 
sicht aussprach, dass der gesammte Wortschatz aus dem 
Verbum hervorgegangen sei, und hiemit eine Frage berührte, 
welche* für Sprachphilosophie von hoher Wichtigkeit ist, 
während er allerdings im Ganzen sich gegen die philoso- 
phische Richtung der Sprachforschung spröde oder selbst 
gegnerisch verhielt. Im Jahre 1859 erschien das wichtige 
Werk „Pantschatantra, fünf Bücher indischer Fabeln, Mär- 
chen und Erzählungen" in 2 Bänden, deren erster Unter- 
suchungen über die Quellen und die Verbreitungs-Wege 
dieser Literargattung enthält, während der zweite Text, 
Uebersetzung und Commentar gibt. Neben einer englischen 
Bearbeitung der Sanskrit-Grammatik (A practical graminar 
of the Sanscrit language, 1863, 2. Aufl. 1868) veröffent- 
lichte er als eine Vierteljahrsschrift „Orient und Occident, 
insbesondere in ihren gegenseitigen Beziehungen" (1. Bd. 
1862, 2. Bd. 1864, vom 3. Bd. 1866 drei Hefte), worin der 
Aufsatz „Ein Wort über primitive Verba oder Wurzeln 
der indogermanischen Sprache" hervorragen dürfte. Hier- 
auf folgten „Ueber die Aufgabe des platonischen Dialoges 
Kratylos" (1866), „A Sanscrit-English Dictionary" (1866), 
„Ueber einige Plural bildungen des indogermanischen Ver- 
bums" (1867) und sodann in dem von der historischen 



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v. Prantl: Nekrolog auf Theodor Benfey. 399 

Commission unserer Akademie herausgegebenen Unternehmen 
einer Geschichte der Wissenschaften die „Geschichte der 
Sprachwissenschaft und orientalischen Philologie in Deutsch- 
land seit dem Anfange des 19. Jahrhunderts mit einem Rück- 
blicke auf die früheren Zeiten" (1869), ein Werk, in dessen 
staunenswerthe Fülle des literarischen Materiales Benfey 
das ordnende Band geistvoller Auffassung zu flechten ver- 
stand, wobei er vielfach auch auf die Ergebnisse seiner 
eigenen Forschung hinweisen konnte. Waren mit dieser 
Leistung seine grösseren Publicationen abgeschlossen, so 
verdankt ihm die Wissenschaft aus seinen späteren Jahren 
noch zahlreiche Einzeln-Untersuchungen, welche er haupt- 
sächlich in den Abhandlungen der k. Societät der Wissen- 
schaften zu Göttingen niederlegte; unter denselben mögen 
genannt werden: „Jubeo und seine Verwandte" (1871), 
„Ist in der indogermanischen Grundsprache ein nominales 
Suffix ia oder ya anzusetzen?" (1871) „Ueber die Entsteh- 
ung und Verwendung der im Sanskrit mit r anlautenden 
Personal endungen" (1871), ,, Ueber die Entstehung und 
die Form des indogermanischen Optatives" (1872) „Ueber 
die Entstehung des indogermanischen Vocatives" (1872), 
womit auch die sprachvergleichenden Untersuchungen über 
den Accent zusammenhängen, „Einleitung in die Gram- 
matik der vedischen Sprache" (1874), „Ueber die indoger- 
manischen Endungen des Genetiv Singular ians, ias, ia u 
(1874), „Die Quantitätsverschiedenheiten in den Samhitä- 
und Pada-Texten der Veden" (1874 ff.) „Das indogermanische 
Thema des Zahlwortes t zwei' ist t du'" (1876), „Hermes, 
Minos, Tartaros" (1877), „Altpersisch mazdäh, zendisch 
mazdäonh, sanskrit medhäs" (1878), „Einige Derivate des 
indogermanischen Verbums ANBH =: NABH" (1878), „Ueber 
einige Wörter mit dem Bindevocal i im Rigveda" (1879), 
„Die Behandlung des auslautenden a in na im iügveda" 
(1881). Ausserdem flössen aus seiner Feder viele Beiträge 



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400 Oeffentliche Sitzung vom 28. März 1882. 

zu den Göttinger Gelehrten Anzeigen, zur Zeitschrift für 
Sprachvergleichung und zu „Das Ausland" ; auch schrieb er 
eine Vorrede zu Fick's indogermanischem Wörterbuche und 
eine Einleitung zu G. Bickell's Ausgabe der alt-syrischen 
Uebersetzung des indischen Fürstenspiegels. Neben all' 
solcher Thätigkeit aber arbeitete er während der letzten 
Jahre an einer „Grammatik der Vedensprache" , welche 
wohl sicher einen würdigen Abschluss des so reichhaltigen 
literarischen Lebens hätte bilden können. Benfey gehörte 
unserer Akademie seit 1856 an, und auch die Akademien 
zu Berlin, Wien, Pest, sowie das Institut de France, die 
Asiatic Society und die American Oriental Society hatten 
durch die Aufnahme dieses Gelehrten sich selbst geehrt. 



Rudolf Hermann Lotze 

war als Sohn eines Militärarztes in Bautzen am 21. Mai 1817 
geboren , besuchte das Gymnasium zu Zittau und bezog 
Ostern 1834 die Universität Leipzig, wo er neben dem 
Fachstudium der Medicin , welches er völlig berufsmässig 
betrieb, mit grösstem Eifer auch philosophische Vorlesungen 
besuchte und in dieser Richtung insbesondere durch Chr. 
H. Weisse reiche Anregung empfieng. Er erlangte im 
März 1838 die philosophische und im darauffolgenden Juli 
die mediciniscbe Dootorwürde und habilitirte sich alsbald 
als Privatdocent in diesen beiden Facultäten, in letzterer 
im Herbste 1839 und in ersterer im Mai 1840; am Schlüsse 
des Jahres 1842 wurde er ausserordentlicher Professor der 
Philosophie und 1844 erhielt er auf Anregung Rud. Wagner's 
einen Ruf als ordentlicher Professor an die Universität Göt- 
tingen, woselbst er als einflussreicher Lehrer eine lange 
Reihe von Jahren wirkte. Im Frühjahre 1881 folgte er 
einem Rufe nach Berlin, wo jedoch seine Thätigkeit nur 
nach Wochen zählte, da er am 1. Juli einem Herz- und 



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v. Prantl: Nekrolog auf Budolf Hermann Lotze. 401 

Lungen-Leiden erlag. Seine schriftstellerische Laufbahn 
begann er mit einer „Metaphysik" (1841) und einer 
„Logik" (1843), in welch' beiden er vorerst kritisch gegen 
Hegel und Herbart Boden zu gewinnen versuchte; zugleich 
aber betrat er das Gebiet der Naturwissenschaften, und es 
erschienen von ihm „Allgemeine Pathologie und Therapie 
als mechanische Naturwissenschaften" (1842, 2. Aufl. 1848) 
und in Rud. Wagner's Handwörterbuch der Physiologie die 
Artikel „Leben und Lebenskraft", „Instinct", und „Seele 
und Seelenleben" (1843—46), sodann „Allgemeine Physio- 
logie des körperlichen Lebens" (1851) und „Medicinische 
Psychologie oder Physiologie der Seele" (1852), woneben 
er übrigens in den „Göttinger Studien" die Aufsätze „lieber 
den Begriff der Schönheit" (1845) und „Ueber Bedingungen 
der Kunstschönheit" (1847) veröffentlicht hatte. Hierauf 
folgte jenes sein Hauptwerk, durch welches das Ansehen 
seiner Philosophie alsbald auch in weitere Kreise drang, 
nemlich „Mikrokosmus, Ideen zur Naturgeschichte und Ge- 
schichte der Menschheit" (3 Bände, 1856—64, 2. Aufl. 1869 
bis 1872, 3. Aufl. 1876 — 80), womit dann auch die gegen 
H. J. Fichte gerichteten „Streitschriften" (1. Heft. 1857) 
zusammenhiengen. Nicht unerwähnt möge bleiben, dass er 
auch „Quaestiones Lucretianae" (im „Pbilologus" 1852) 
schrieb und als Frucht einer Ferien-Musse eine metrische 
lateinische Uebersetzung der Antigone des Sophokles ver- 
öffentlichte (1857). Nachdem er in dem von der historischen 
Commission unserer Akademie herausgegebenen Unternehmen 
einer Geschichte der Wissenschaften die „Geschichte der 
Aesthetik in Deutschland" (1869) bearbeitet hatte, begann 
er, seinen nunmehr längst ausgereiften speculativen An- 
schauungen die erforderliche systematische Gestaltung zu 
geben, und so erschien „System der Philosophie, erster 
Theil: Drei Bücher der Logik" (1874, 2. Aufl. 1880) und 
„Zweiter Theil: Drei Bücher der Metaphysik" (1879); den 



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402 Oeffentliche Sitzung am 28. März 1882. 

dritten Theil, welcher Ethik, Aesthetik und Religionsphilo- 
sophie enthalten sollte, konnte er nicht mehr vollenden. 
Sein letztes Erzeugniss war, veranlasst durch eine Schrift 
G. Th. Fechner's, ein Aufsatz „Alter und neuer Glaube, 
Tagesansicht und Nachtansicht u in der „Deutschen Revue", 
Mai 1879. (Eine vollständige Aufzählung seiner sämmt- 
lichen Schriften mit Einschluss der Recensionen und dgl. 
findet sich in „Grundzüge der Psychologie, Dictate aus den 
Vorlesungen von H. Lotze", 1881, S. 93 ff.). Lotze, welcher 
an Kenntniss der Naturwissenschaften unter seinen Fachge- 
nossen eine hervorragende Stellung einnahm, hatte in seinen 
musterhaften biologischen und psychologischen Schriften be- 
züglich der materiellen Vorgänge und Kräfte die mechanische 
Naturerklärung auf Grund exactester Forschung durchge- 
führt und erweitert, ja er wurde bis 1855 nicht zu den 
Philosophen, sondern zu den Physiologen gezählt. Aber es 
galt ihm grundsätzlich der natürliche Mechanismus nur als 
der eine unerlässliche Bestandtheil, nie aber als das Ganze 
der Philosophie, und so fügte er die andere idealistische 
Seite hinzu, indem er sich dabei auf die unmittelbaren Er- 
lebnisse des Gemüthes stützte. Da er die Einsicht gewonnen 
hatte, dass der Idealismus auf den Wegen, welche er durch 
Fichte, Schelling, Hegel betreten, nicht als Wissenschaft 
bezeichnet werden könne, suchte er seinerseits in wissen- 
schaftlicher Untersuchung mittelst einer Berichtigung und 
Umarbeitung der Begriffe dem idealen Impulse Zucht und 
Ordnung einzuflössen, und er konnte hiemit den metho- 
dischen Verdiensten Herbart's Anerkennung zollen, mit 
welchem er auch inhaltlich durch Hinneigung zu Leibniz 
einige Berührungspuncte besass, während er in den Prin- 
cipien des Systemes weit von demselben geschieden war. 
Indem er einen höchsten idealen Lebensinhalt als das Wesen- 
liafte aller Wirklichkeit darzulegen bestrebt war, erlangten 
bei ihm die Thatsachen des Gemüthes, welche in ethisch- 



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v. Prantl: Nekrolog auf Budolf Hermann Lotze. 403 

i 

ästhetischen und religiösen Empfindungen vorliegen , eine 
derartig principielle Stellung, dass er in der That die Meta- 
physik aus der Ethik ableitete, wobei er von einem an sich 
subjectiven Standpunkte aus zur vollen Objectivität des 
höchsten Ideales zu gelangen hoffte. Die Idee des Guten, 
die Existenz eines persönlichen Gottes und die Freiheit des 
Willens waren ihm die Kernpunkte eines eigenthümlichen 
Theismus, welcher unverkennbar in pantheistische Anschau- 
. ungen. hinüberstreift. An die Durchführung des Standpunktes, 
dass alle Einzeln- Wesen als gesetzlich zweckmässig zu- 
sammenhängende Modifikationen der Einen absoluten leben- 
digen Persönlichkeit gelten, knüpfte er allseitig scharfsinnigste 
Untersuchungen über Räumlichkeit, über Wechselwirkung, 
über Freiheit und Teleologie, wobei er stets mit subtilster 
Sorgfalt die streitenden Parteien verhörte, um schliesslich 
Frieden zu stiften und wenigstens bei der Möglichkeit einer 
erklärenden Bewahrung des letzten idealen Kernes anzu- 
langen. Auch wer den Aufbau des Systemes für anfecht- 
bar hält, wird freudigst anerkennen, dass neben der Ge- 
schichte der Aesthetik die neue Bearbeitung der Logik 
zweifellos auch in Zukunft ihre tief anregende Wirkung er- 
weisen wird, und Niemand wird ihm das allgemeine Ver- 
dienst bestreiten , dass er nicht nur durch scharfsinnige 
Analyse sondern auch durch Darlegung einer idealistischen 
Weltanschauung einen förderlichen Einfluss bis in weitere 
Kreise hinein ausübte, zu welch' letzterem in nicht geringem 
Grade sein meisterhaft geschmackvoller Stil beitrug. Der 
hohe wissenschaftliche Werth seiner Leistungen fand die 
verdiente Anerkennung, indem ihn die Berliner Akademie, 
die Academie des sciences morales et politiques zu Paris 
und die Accademia dei nuovi Lincei unter ihre Mitglieder 
aufnahmen; unserer Akademie gehörte er seit 1876 an. 



[1882. I. Philos.-philol. hist. Cl. 3J 27 



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404 Öeffentliche Sitzung vom $8. März 1882. 

Theodor Bergk, 

Sohn eines Privatgelehrten Job. Adam Bergk, welcher zahl- 
reiche populär-philosophische Schriften verfasste, war ge- 
boren am 22. Mai 1812 in Leipzig, wo er 1825 als Schüler 
in die Thomas-Schule eintrat und hernach (seit 1830) an 
dortiger Universität unter Christ. Daniel Beck, Gottfr. Her- 
mann und Dindorf classische Philologie studirte. Im Jahre 
1836 erhielt er von der Universität Rostock das Doctor- 
diplom und begab sich nach Halle, wo er alsbald eine Lehr- 
stelle an der lateinischen Schule des Waisenhauses erhielt; 
von da kam er als Gymnasiallehrer auf kurze Zeit nach 
Neustrelitz und 1838 in gleicher Eigenschaft an das Joa- 
chimsthaler Gymnasium in Berlin, wo für ihn eine, wenn 
auch kurze , doch sehr wichtige Lebensperiode begann ; er 
trat nemlich zu dem Director der Anstalt A. Meineke in 
die engsten persönlichen Beziehungen (— etwas später ver- 
mählte er sich mit einer Tochter desselben — ) und sowie 
er im Umgange mit ihm vielfache Förderung seiner philo- 
logischen Studien fand, so weckte auch zugleich das viel- 
bewegte Leben Berlins sein Interesse für andere geistige 
Bestrebungen. Er vertiefte sich damals in philosophische 
Studien und suchte sich in der deutschen Literatur in ihrem 
ganzen Umfange zu orientiren; auch die politischen und 
kirchlichen Fragen beschäftigten lebhaft seinen Geist. Im 
J. 1840 kam er als Gymnasiallehrer nach Cassel, und von 
dort gieng er 1842 als ordentlicher Professor an die Uni- 
versität Marburg über; hier übernahm er gemeinschaftlich 
mit Cäsar die Redaction der „Zeitschrift für die Altertums- 
wissenschaft' 1 , bei welcher er bis 1853 betheiligt war. Er 
musste in den Jahren 1847 und 1848 sein Lehramt unter- 
brechen, da das Vertrauen seiner Mitbürger ihn sowohl in 
den hessischen Landtag als auch in das Frankfurter Parla- 
ment wählte, in welch beiden politischen Körperschaften er 



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v. Pranth Nekrolog auf Theodor BergJc. 405 

mit entschiedenem Freimnthe seine Ansicht vertrat; gerne 
aber kehrte er 1849 nach Marburg zurück, welches er 1852 
verliess, um einem Rufe nach Freiburg i. Br. zu folgen, 
woselbst er (1854) auch das Amt des Oberbibliothekars über- 
nahm. Nach fünf Jahren aber (1857) wurde er nach Halle 
an die Stelle des verstorbenen E. Meyer berufen; indem 
jedoch seine von Jugend an zarte Köperbeschaffenheit, deren 
Pflege ihm wiederholte Reisen in den Harz und in den 
Schwarzwald zum Bedürfnisse machte, allmälig zu dauernder 
Kränklichkeit geführt hatte, sah er sich im April 1869 ge- 
nöthigt, die Professur niederzulegen, und er siedelte nach 
Bonn um, wo er als Professor honorarius nach freiem Be- 
lieben noch bis zum J. 1877 öfters Vorlesungen hielt. Er 
starb in Ragaz am 20. Juli 1881. Bergk's Aufnahme als 
Mitglied des archäologischen Institutes (1844), der Berliner 
Akademie (1845), sowie unserer Akademie (1860) war nur 
eine Anerkennung der bedeutsamen Stellung, welche er im 
Gebiete der classischen Philologie einnahm, da er sowohl 
ausgedehntes Wissen als auch geistvolle Auffassung und 
hervorragenden Scharfsinn in Grammatik, Text-Kritik, Lite- 
raturgeschichte, Antiquitäten, Kunstgeschichte, Mythologie 
und Epigraphik der Griechen und Römer manigfachst be- 
währt hatte. Allerdings stand mit seinen körperlichen 
Leiden eine grosse Reizbarkeit in Verbindung, welche sich 
auf literarischem Gebiete in scharfer Polemik kundgab ; jeder 
hergebrachten Schulmeinung feind suchte er überall eine 
eigene Meinung zu fassen und vertrat diese gegen Wider- 
spruch nicht selten mit äusserster Schärfe, wodurch er sich 
manche Gegner zuzog; aber die ihm näher Stehenden 
wussten, dass er ein weiches liebevolles Gemüth hatte und 
seine Polemik stets mehr der Sache, als der Person galt. 
Schriftstellerisch war er seit seiner Studienzeit unablässig 
thätig; noch als Mitglied des Leipziger philologischen Se- 
minares hatte er eine „Commentatio de fragmentis Sophoclis" 

27* 



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406 Oeffentliche Sitzung vom 28. März 1882. 

(1833) und seine Ausgabe der Fragmente des Anakreon 

(1834) veröffentlicht,, worauf „Commentationes de reliquiis 
comoediae atticae antiquae" (1838) folgten, sowie bald her- 
nach die Sammlung der Fragmente des Aristo phanes (1840, 
in Meineke's Fragmenta comicorum graecorum); auch ver- 
fasste er ausführliche ablehnende Recensionen über Becker's 
Charikles (Halle'sche Jahrbücher, 1841) und über Otfr. 
Müllers Gesch. d. griech. Literatur (Deutsche Jahrb., 1842). 
Sodann erschien die für den betreffenden Zweig der griechi- 
schen Literaturgeschichte epochemachende Ausgabe der 
„Poetae lyrici graeci" (1840, 4. Aufl. 1878—82), hierauf 
die Abhandlung „De Aristotelis libello de Xenophane, Zenone 
et Gorgia u (1843) und „Beiträge zur griechischen Monats- 
kunde 1 ' (1845), ferner in der Teubnerischen Sammlung die 
Textausgabe des Aristophanes (1852, 2. Aufl. 1857), sowie 
bei ' Tanchnitz eine mit literar-geschichtlicher Einleitung 
versehene Ausgabe des Sophokles (1858) und inzwischen 
„Anthologia lyrica" (1854, 2. Aufl. 1868); dann folgten 
„Etymologicum Vindobonense" (1861), „Theocriti Carmen 
ineditum" (1865), ,,Simmias Rhodius" und „Theocriti fistula" 
und „Corinnae reliquiae u (1866). Etwas später erschienen 
noch „Beiträge zur lateinischen Grammatik" (1870), worin 
Untersuchungen über das auslautende d enthalten sind, und 
ein erster Band einer griechischen Literaturgeschichte (1872), 
sowie „Augusti rerum a se gestarum index cum graeca 
metaphrasi" (1873) ; auch der Abriss der griechischen Lite- 
raturgeschichte in der Ersch-Gruber'schen Encyclopädie ist 
von ihm verfasst. Neben all diesem entfaltete er von 1841 
bis 1869 eine fruchtbarste Tbätigkeit in zahlreichen Pro- 
grammen, welche sich auf die griechischen Lyriker, auf 
Aeschylos, Sophokles, Epicharmos, Parmenides, Kallimachos, 
Eratosthenes, Hermesianax, Phönix von Kolophon, Babrios, 
auf griechische und lateinische Inschriften, auf römische 
Geschichte, auf Ennius, Varro, Plautus, Lucretius, Cicero, 



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v. Prantl: Nekrolog auf Franz Hoffmann. 407 

Catullus, Cornificius, Plinius, Persius, Marius Victorinus be- 
zogen ; besonders hervortreten dürften „De Chrysippi libris 
7teql ärtocpccTMaiv (1841), „Artifices, qui Laocoontem finxer- 
unt, ad Macedonum aetatem referendos esse" (1846) und 
„Ueber das älteste Versmass der Griechen 44 (1854); ferner 
in den Annali dell' Instituto archeologico (1846) die Be- 
sprechung einer Gemme „Ulisse füren te e la nascita di 
Tagete", und in den Jahrbüchern des Vereins von Alter- 
thumsfreunden in den Rheinlanden (Heft 55) „Inschriften 
römischer Schleudergeschosse 1 ', sowie das letzte, was er 
schrieb „Der Verfasser der Schrift Tteql xoa/iot;" (im Rhein. 
Museum, Neue Folge, Bd. 37). Endlich mag erwähnt werden, 
dass er im J. 1857 acht bis dahin unbekannte Lieder Göthe's 
veröffentlichte, sowie, dass eine in Aussicht gestellte Publi- 
cation unter dem Titel „Zur Geschichte und Topographie 
der Rheinlande in römischer Zeit*' mehrere Aufsätze Bergk's 
enthalten wird. 



Franz Hoffmann, 

welcher i. J. 1857 als auswärtiges Mitglied in unsere Aka- 
demie aufgenommen wurde, war am 19. Januar 1804 in 
Aschaffenburg geboren, woselbst er auch das Gymnasium, 
sowie das dortige Lyceum besuchte; i. J. 1826 begab er 
sich nach München, um Jurisprudenz zu studiren, aber be- 
reits nach dem ersten Jahre wandte er sich hievon ab und 
besuchte nunmehr philosophische, naturwissenschaftliche und 
auch theologische Vorlesungen. Vor Allem waren es Schel- 
ling und Franz v. Baader, an welche er sich anschloss, und 
ausserdem hörte er bei Ast, Görres, Schubert und später 
bei Oken; die philosophische Doktorwürde erlangte er 1832 
durch eine Dissertation über die Dialektik Piatons. Im 
Jan. 1834 wurde er an Stelle des in den Ruhestand treten- 
den Rixner zum Professor am Lyceum zu Amberg ernannt, 



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408 Oeffentliche Sitzung vom 28. März 1882. 

von wo er nach kurzer Zeit (1835) als ordentlicher Professor 
an die Universität Würzburg übergieng. In den letzten 
Jahren zog er sich allmälig vom Lehramte zurück und gab 
sich völlig seiner schriftstellerischen Thätigkeit hiu ; in Folge 
seiner persönlichen Liebenswürdigkeit verblieb ihm stets die 
allgemeinste Achtung und Zuneigung bis zu seinem Tode, 
welcher am 22. Oktober 1881 eintrat. Die speculative Rich- 
tung Baader's hatte von Anfang an massgebend und be- 
stimmend auf ihn eingewirkt, und so war er in all seiner 
reichen Thätigkeit einer der lebhaftesten Vertreter jenes 
Theismus, welcher eine durchweg idealistische Weltanschau- 
ung auf theosophische Grundlagen stützt. In solchem Sinne 
liess er auf eine kleinere Schrift „Grundzüge der Erkennt- 
nisslehre" (1834) alsbald folgen „Speculative Entwicklung 
der ewigen Selbsterzeugung Gottes" (1835), woran sich an- 
reihten „Zur katholischen Theologie und Philosophie" (1836) 
und „Vorhalle zur speculativen Lehre Franz v. Baader's 
(1836). Nach einer Ausgabe von Baader's kleinen Schriften 
(1848, 2. Aufl. 1850) erschienen „Frz. v. Baader in seinem 
Verhältnisse zu Hegel und Schelling" (1850) und „Grund- 
züge einer Geschichte des Begriffes der Logik" (1851). Nun 
begann er im Vereine mit Hamberger, Lutterbeck, Osten- 
Sacken und Schlüter die Gesammtausgabe der Werke Baader's, 
welche nicht ohne nachhaltige Unterstützung seitens der 
bayerischen Regierung in den Jahren 1851 — 1860 in 15 
Bänden veröffentlicht wurde; hiebei verfasste Hoffmann die 
Biographie Baader's (1857), sowie auch die Einleitungen, 
welche daneben unter dem Titel „Acht philosophische Ab- 
handlungen" in besonderem Abdrucke erschienen. Während 
dieser Jahre vertrat er, — abgesehen von einem Leitfaden 
seiner Vorlesungen „Grundriss der allgemeinen reinen Logik" 
(2. Aufl. 1855) — , seine philosophische Anschauung auch 
in den Schriften: „Zur Wiederlegung des Materialismus, 
Naturalismus, Pantheismus und Monadologismus" (1853), 



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v. Prantl: Nekrolog auf Henri Adrien Prevost de Longptrier. 409 

„Zur Würdigung der herrschenden Vorurtheile Über die 
Lehre Baaders" (1855) und „Franz v. Baader als Begründer 
der Philosophie der Zukunft 4 ' (1856). Hierauf folgten : Ueber 
die Gottesidee des Anaxagoras 44 (1860), „Ueber Theismus 
und Pantheismus 41 (1861), ferner „Die Weltalter, Licht- 
strahlen aus Frz. v. Baader's Werken 14 (1868), und im Hin- 
blicke auf die durch das vaticanische Concilium erfolgte 
Bereicherung der katholischen Dogmatik erschien „Frz. v. 
Baader's Blitzstrahl wider Rom, die Verfassung der christ- 
lichen Kirche und der Geist des Christenthums, mit Vor- 
reden und Anmerkungen von Prof. Frz. Hoflfmann 44 (1871), 
womit die Schrift zusammenhängt „Kirche und Staat, die 
Revolution von Oben in der römisch-katholischen Kirche 
und Beiträge zur Politik und Staatsphilosophie 44 (1872). 
Seit 1867 hatte er begonnen, seine gesammelten kleineren 
„Philosophischen Schriften 4 * herauszugeben, welche bis 1881 
auf 7 Bände angewachsen sind und theils Recensionen über 
nahezu sämmtliche neue Erscheinungen der philosophischen 
Literatur, theils Erläuterungen zu Baader und Darlegung 
der Stellung desselben zu anderen Vertretern der Philo- 
sophie enthalten. Ausserdem hatte er (1845, 1853, 1858) 
Rectorats-Reden zu verfassen und hielt auch die Festreden 
zur Schiller-Feier (1859) und zur Fichte-Feier (1862). 



Hftiri Adrien Prevost de Longperier, 

welcher zu den hervorragendsten Archäologen Frankreichs 
gehörte, war am 21. September 1816 in Paris geboren und 
wurde, da seine Eltern früh starben, bei einer reichen 
Familie in Meaux erzogen; 1835 kam er wieder nach Paris 
und sowie er schon als heranreifender Knabe neben einer 
vielseitig von Fach zu Fach umspringenden Begabung ein 
besonderes Geschick für Numismatik gezeigt hatte, so be- 
gann er jetzt wissenschaftliche Studien am Münzcabinete 



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410 Oe ff entliehe Sitzung vom 28. März 1882. 

der Bibliothe'que royale, woneben er zugleich in jahrelanger 
Ausdauer sich reiche Kenntnisse in allen Zweigen der an- 
tiken Plastik zu erwerben bemühte und ausserdem auch 
orientalische Sprachen, insbesondere die arabische und die 
persische, kennen lernte. Nachdem er bereits 1835 eine An- 
stellung am Cabinet des medailles gefunden hatte und 1838 
Mitglied der Societe des antiquaires de France geworden 
und 1840 in die Vorstandschaft der Societe asiatique ein- 
getreten war, erhielt er 1846 nach Dubois' Tod die Stelle 
eines Adjuncten am ägyptischen Museum des Louvre, mit 
welchem bald darauf nach dem Eintreffen der Botta'schen 
Funde aus Khorsabad (1847) auch das neue assyrische 
Museum verbunden wurde. Im Jahre 1848 wurde Longperier 
zum wirklichen Conservator des Musee des antiquites er- 
nannt und als solcher unternahm er auf Grund einer neuen 
Anordnung der Denkmäler eine Katalogisirung derselben ; 
1854 wurde er Mitglied der Academie des Inscriptions, deren 
Vorstandschaft ihm 1867 übertragen wurde. In Verbindung 
mit Anderen rief er zwei literarische Unternehmungen ins 
Leben, nemlich 1855 war er Mitgründer des „Athenaeum 
fran£ais", dessen Bulletin archeologique er redigirte, und 
1856 entstand durch ihn in Gemeinschaft mit De Witte 
die „Revue numismatique" , durch welche er einen frucht- 
baren Einflusss auf dieses Gebiet der Wissenschaft ausübte. 
Sowie er in verschiedene wissenschaftliche Commissionen und 
auch unter die Preisrichter der Pariser Ausstellung aufge- 
nommen wurde, so fanden seine Verdienste auch die ge- 
bührende Anerkennung seitens des Archäologischen Institutes 
in Rom, des Aegyptischen Institutes in Alexandria, der Royal 
archeologic society in London, des Musee imperial in Moskau 
und der Akademien zu Berlin, Brüssel, Turin, Madrid (unsere 
Akademie nahm ihn 1868 unter ihre auswärtigen Mitglieder 
auf). Manche seiner Schriften beanspruchen ebensosehr für 
die Orientalisten wie für die Numismatiker eine hohe Wichtig- 



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v. Pranfl: Nekrolog auf Henri Adrien Prevost de Longperier. 411 

keit, und die Fachgenossen erkennen überhaupt rühmend 
an, dass er mit einem ausserordentlichen Kenntniss-Reich- 
thume einen seltenen natürlichen Spürsinn (insbesondere 
bei allen Fälschungen jeder Art) und eine feine künstlerische 
Auffassung verband, sowie dass er seine amtliche Stellung 
im Louvre, welche er jedoch 1869 in Folge mehrfacher 
Verdriesslichkeiten aufgab, durch liebenswürdige Dienstfertig- 
keit zum Besten der Wissenschaft verwerthete. Er starb 
in Paris am 14. Januar 1882. Neben einer „Etüde sur 
des monnaies inedites de quelques prelats fran^ais" (1837) 
und der Beschreibung einiger Privat-Sammlungen fran- 
zösischer Münzen der Herren Dassy, Magnoncour und Rousseau 
sowie der Linck'schen Sammlung griechischer und römischer 
Münzen (1840 bis 1843) erregte er zuerst allgemeinere 
Aufmerksamkeit durch seinen „Essai sur les medailles de 
rois Perses de la dynastie Sassanide" (1840) und „Sur la 
numismatique des röis Sassanides et des rois Arsacides 
(1840 und 1854); dann folgten „Description de quelques 
monuments emailles du moyen-äge(1842), „Ninive et Khorsa- 
bad u (1844); „Explication d'une coupe Sassanide inedite" 
(1843) hierauf unter dem Titel „Notice des monuments 
exposes etc." die Kataloge der griechischen, der assyrischen, 
baylonischen, persischen, hebräischen und der amerikanischen 
Alterthümer des Louvre (1849 — 52) und „Description de 
quelques poids antiques" (1847), „Dissertation sur deux 
deniers frappes en Provence" (1849), sowie „Documents 
numismatiques pour servir ä F histoire des Arabes d* Es- 
pagne" (1851), ferner „Memoires sur la Chronologie et 
V iconographhie des rois Parthes Arsacides" (1853) , von 
welcher Schrift aber wegen einiger mit untergelaufener Irr- 
thümer er möglichst alle Exemplare aus dem Handel zurück- 
zog, „Antiquites de la Perse" (1853) und eine Beschreibung 
des Mnsee Napoleon III., eingetheilt in Architecture, Sculp- 
ture, Ornementation, Terres-cuites (1864, unvollendet, indem 



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412 elf entliche Sitzung vom 28. März 1882. 

von 140 versprochenen Lieferungen nur 25 erschienen), so- 
dann noch „Une anecdote iconographique, extrait d' un me- 
moire sur des coupes Sassanides" (1866) und „Choix de 
monuments antiques pour servir ä V histoire de V art en 
Orient et en Occident" (1867). Ausserdem verfasste er 
mehrere Gedächtnissreden für die Academie des Inscriptions 
und zahlreiche Aufsätze in Revue archeologique , Revue 
numismatique , Annali dell' instituto archeologico , Journal 
asiatique, Revue de philologie, Tresor numismatique, Moni- 
tenr des arts, Memoires de Ja Societe des antiquairs, An- 
nuaire de la Societe de Y historire de France und im Plu- 
tarque fra^ais. Ein Verzeichniss seiner sämmtlichen Schriften 
beabsichtigt sein Freund Schlumberger in den Memoires de 
la Societe des Antiquaires zu veröffentlichen. 



John Muir 

geboren am 5. Februar 1810 in Glasgow studirte in Irvine, 
dann an der Universität seiner Vaterstadt, hierauf an der 
Schule der ostindischen Compagnie zu Haileybury und be- 
gab sich 1828 nach Bengalen, wo er das College von Fort 
William absolvirte und zunächst Secretär der Finanzkammer 
in Allahabad wurde ; hernach wirkte er als Lehrer in Azim- 
ghur, dann in Benares, und erhielt zuletzt die Stelle eines 
Civilrichters des Kreises Futtehpoor im nordwestlichen In- 
dien. Während dieses Aufenthaltes in Brittisch-Indien ver- 
fasste er zahlreiche grössere oder kleinere Tractate, um die 
gebildeten Stände der Inder für die christliche Religion zu 
gewinnen, worunter als die hauptsächlichsten zu erwähnen 
sind : „A sketch of the argument for Christianity against 
Hinduism, in sanskrit verse" (1839), „Sarmapaddhati , the 
way of happiness" (1841), „History of St. Paul, in sanskrit 
verse" (s. a.) „Qri Yeshu Khrista Mahatmya, the glory of 
Jesus Christ" (2. Aufl. 1849) und „Mataparftshä, or exami- 



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v. Prantl: Nekrolog auf John Muir. 413 

nation of religions" (1852, 2 Bände, im Sanskrit und zu- 
gleich in englischer Sprache erschienen) ; zum gleichen 
Zwecke stiftete er auch einen Preis von 500 Lstr. für die 
Universität Cambridge, welchen Rowland Williams durch 
die Schrift „Dialogue of the knowledge of the Supreme 
Lord" gewann. Im Jahre 1853 verliess er den indischen 
Dienst und auf dem Rückwege nach Europa veröffentlichte 
er in Capstadt „Remarks on the conduct of missionary 
Operations in Northern India u (1853). Heimgekehrt erwarb 
er sich ein grosses Verdienst um die im Jahre 1862 er- 
folgende Gründung einer Professur für Sanskrit und ver-r 
gleichende Sprachwissenschaft in Edinburg, wozu er aus 
seinen Privatmitteln einen Beitrag von 4000 Lstr. bei- 
steuerte, welchen er in Bälde auf 5000 erhöhte. In Folge 
des Studiums der kritischen Literatur, welche durch David 
Strauss begonnen hatte, verliess er seine theologisirenden 
Bestrebungen und warf sich ausschliesslich auf die Veden. 
Sein Hauptwerk, welches ihm durch Förderung der Ge- 
schichte , Alterthumskunde und Literatur des indischen 
Volkes die allgemeine Anerkennung seitens der Fachwissen- 
schaft verschafft, war „Original Sanskrit texts, on the ori- 
gine and history of the people of India, their religion and 
institutions" (5 Bände, 1858—70, 2. Aufl. 1868 ff.), ein 
aus zahlreichsten Sanskrit-Stellen mit beigefügter englischer 
Uebersetzung bestehendes Sammelwerk, dessen Inhalt durch 
die Titel der fünf Haupttheile folgendermassen bezeichnet 
ist: 1) Mythical and legendary accounts of caste, 2) Trans- 
himalayan origin of the Hindus, 3) The Vedas, opinions of 
Indian autbors on their origin, inspiration and authority, 
4) Comparison of the Vedic with the later representations 
of the principal Indian deities, 5) Contributions to a know- 
ledge of the cosmogony, mythologie, religions, ideas, life 
and manners of the Indians in the Vedic age. Er verfolgte 
dabei namentlich auch die Absicht, auf die tief greifenden 



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414 Oeff entliche Sitzung vom 28. März 1882. 

Widersprüche hinzuweisen, welche zwischen den späteren 
Gestaltungen der indischen Religion und den alten Veden 
bestehen, Widersprüche, welche von den modernen gelehrten 
Indiern durch sophistische Künsteleien beseitigt werden wollen. 
Eine Fortsetzung und Ergänzung des Werkes gab Muir in 
mehreren Aufsätzen im Journal of the royal Asiatic Society 
(1865 u. 1866), wo er z. B. über die Theogonie der Veden, 
über die im Rigveda und Atharvaveda enthaltene Lehre 
vom Leben nach dem Tode, und über die vedischen Priester 
handelte. Auch gab er „Some account of the recent pro- 
gress of Sanskrit studies" (1863) und „Beiträge zur Kennt- 
niss der vedischen Theogonie und Mythologie" (1866 in 
Benfey's „Orient und Occident u ) ; später folgte „Metrical 
translations from sanskrit whriters with an introduction, 
prose versions and parallel passages from classical authors" 
(1879), eine Sammlung von 258 Sprüchen, wobei er sich 
in der Einleitung mit der Ansicht Lorinser's auseinander- 
setzte, dass in Bbagavadgita zahlreiche Entlehnungen aus 
dem Neuen Testamente zu erkennen seien. Ein Nachtrag 
erschien als „Further metrical translations with prose versions 
from the Mahabharata and two short metrical translations 
from the Greek" (1880). Muir, welcher Mitglied der Asiatic 
Society in London, der Akademien zu Paris, Leyden, Ber- 
lin, seit 1873 auch unserer Akademie, sowie mehrerer 
anderer gelehrten Gesellschaften war, starb in Edinburg am 
7. März 1882. 



Francis Charles Eugene Thurot, 

welcher unserer Akademie seit 1876 als correspondirendes 
Mitglied angehörte, war am 13. Februar 1823 in Paris ge- 
boren, wo er in seinen Jünglingsjahren durch Weil in die 
Philologie eingeführt wurde. Nachdem er als Lehrer in 
Pau , Rheims , Besan$on , Poitiers und Clermont gewirkt 



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v. Prantl: Nekrolog auf Francois Charles Eugene Ihurot. 415 

hatte, erhielt er 1861 die Professur der Grammatik an der 
Ecole normale zu Paris, woselbst er ausgerüstet mit einer 
seltenen Lehrgabe den Unterricht durch Hinweis auf Sprach- 
geschichte zu erhöhen verstand. Im J. 1866 gründete er 
in Vereinigung mit Anderen die „Revue critique d'histoire 
et de litterature", deren eifriger Mitarbeiter er stets blieb, 
sowie er sich auch an der „Revue de philologie" und der 
„Revue archeologique" lebhaft betheiligte. Sowohl bei dieser 
literarischen Thätigkeit als auch in der Academie des In- 
scriptions, deren Mitglied er im J. 1871 wurde, gehörte er 
zu jenen Gelehrten Frankreichs, welche den Leistungen der 
Deutschen eine liebevolle Aufmerksamkeit schenken, und 
wirkte so in der That als ein Vermittler deutscher und 
französischer Wissenschaft. Durch die freundliche und opfer- 
willige Unterstützung, welche er den Arbeiten Anderer zu- 
wandte, wurde er auch ein Mittelpunkt der wissenschaft- 
lichen Bewegung innerhalb der jüngeren Generation der 
Philologen Prankreichs. Er starb am 17. Januar 1882 in 
Paris. Seine zahlreichen Schriften, welche besonders in der 
aristotelischen Literatur und vor Allem in der Geschichte 
der Grammatik ihm bleibende Verdienste sichern, zeigen 
durchweg eine sorgfältige Gewissenhaftigkeit der Einzeln- 
Forschung, mit welcher er auch grössere Gesichtspunkte 
verfolgte. Er begann die literarische Laufbahn mit einer 
Abhandlung „De Alexandri de Villadei Doctrinali eiusque 
fortnna" (1850), worauf unmittelbar folgte „De Torgani- 
sation de l'enseignement dans l'universite de Paris au inoyen- 
äge" (1850); dann erschienen „Etudes sur Aristote, Poli« 
tique, Dialectique, Rhetoriqne" (1860) und hierauf in der 
Revue archeologique (1864) „De Ja logique de Pierre 
d'Espagne" ( — dagegen richtete ich meine Schrift „Michael 
Psellus und Petrus Hispanus" — ), sowie ebendaselbst kri- 
tische Bemerkungen zu den aristotelischen Schriften Rhet., 
Poet., D. part. anim. und Meteor, und „Recherches histo- 



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416 Oeff entliche Sitzung vom 28. März 1882. 

rique sur le principe d'Archimede" (1868). Sodann ver- 
öffentlichte er die auf unermüdlicher Durchforschung der 
Pariser und mehrerer Provincial-Bibliotheken beruhenden 
„Extraits de divers manuscripts latins pour servir ä l'his- 
toire des doctrines grammaticales au moyen-äge (1869 in 
den Notices et extraits des manuscripts de la bibliotheque 
national) und damit zusammenhängend „Documenta relatifs 
ä Thistoire de la grammaire au moyen-äge u (1870 in den 
Comptes-rendus de TAcademie des Inscriptions) ; ferner Ale- 
xandre d'Aphrodisias commentaire sur le traite d'Aristote 
de sensu et sensibili (1873) und eine Ausgabe des Epik- 
tetos (1875), daneben eine Abhandlung über die syntaktische 
Stellung des „non" (1870) in den Memoires de la Society 
de linguistique) sowie über verschiedene Puncte der grie- 
chischen Moduslehre (1871 im Annuaire de Tassociation 
pour les etudes grecques) und „Ciceron, Epist. ad famil., 
notice sur un manuscript du 12 me siecle" (in der Biblio- 
theque de Tecole des hautes etudes, 1874). Nachdem er 
bereits 1854 im Journal de Instruction publique eine Ab- 
handlung über die Aussprache der auslautenden Consonanten 
im Französischen gegeben hatte, verfolgte er dieses Gebiet 
fortwährend in umfassender Weise, und als Ergebniss dieser 
sorgfältigen Studien erschien noch im letzten Jahre seines 
Lebens der erste Band seiner „Histoire de la prononciation 
fran^aise dans les trois derniers sieeles" (1881); aus dem 
Nachlasse ist die Herausgabe des zweiten Bandes ebenso 
gesichert, wie auch noch seine „Prosodie latine" er- 
scheinen wird. 



Das ordentliche Mitglied der philos.-philol. Classe Herr 
Prof. Dr. Lauth hat am 16. März 1882 freiwillig seinen 
Austritt erklärt. 



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v. Giesebrecht: Nekrolog auf Karl Friedr, Stumpf-Brentano, 417 



Der Classensecretär Herr von Giesebrecht sprach: 

Auch die historische Classe hat ein schmerzlicher Ver- 
lust betroffen. Am 12. Januar ds. Js. starb nach kurzer 
Krankheit zu Innsbruck der k. k. ordentliche Professor an 
der dortigen Universität Dr. Karl Friedrich Stumpf-Bren- 
tano, seit 1866 correspondirendes Mitglied unserer Akademie. 

Sodann wurde vom Classensecretär auf den nachstehenden 
Nekrolog verwiesen: 

Stumpf, geboren am 13. August 1829 zu Wien, ver- 
lebte seine Kindheit theils in seiner Vaterstadt, theils in 
Pest. Die Gymnasialstudien machte er 1839 — 1845 in dem 
Convict der Piaristen zu Totis bei Komorn und besuchte 
dann 1845 — 1851 die Universitäten zu Olraütz und Wien. 
Obwohl er sich die Jurisprudenz zum Fachstudium erwählt 
hatte, zogen ihn doch schon in Olmütz, wo damals der 
rühmlichst bekannte Statistiker Ad. Ficker Geschichte lehrte, 
die historischen Studien besonders an, uud bei der 1849 
begonnenen Reform des österreichischen Unterrichtswesens 
reifte in ihm der Entscbluss sich ganz dem historischen 
Lehramt zu widmen. Er trat deshalb 1S51 in das neu er- 
richtete historisch-philologische Seminar zu Wien, wo auch 
Bonitz damals wirksam war und auf ihn einen grossen Ein- 
fluss übte. Nach der mit dem besten Erfolge bestandenen 
Lehramtsprüfung wurde Stumpf an der Wiener Universitäts- 
bibliothek als Amanuensis angestellt, zugleich vertrat er im 
Sommersemester 1853 als Supplent den erkrankten Professor 
der Geschichte an der Universität Olmütz. Aber schon 1854 
begab er sich nach Berlin, weil er dort die lebhaftesten 
Anregungen für seine historischen Studien zu finden hoffte. 
Fast zwei Jahre verweilte er in Berlin und trat besonders 
mit den jüngeren Gelehrten, die sich dort um Pertz und 
Ranke als ihre Meister schaarten, in die lebhafteste Verbind- 



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418 Oeff entliche Sitzung vom 28. März 1882. 

trag. Seine liebenswürdige Persönlichkeit und die Lebhaftig- 
keit, mit welcher er auf alle geistigen Bestrebungen ein- 
ging, verschafften ihm leicht in weiten Kreisen Eingang 
und gewannen ihm dauernde Freundschaften. 

Mit Vorliebe wandte sich Stumpf schon früh der Ge- 
schichte des deutschen Mittelalters zu, und immer mehr be- 
festigte er sich in der Ueberzeugung, dass nur durch Heran- 
ziehung des grossen, noch zu wenig benutzten Urkunden- 
raaterials eine feste Grundlage für diese Geschichte gewonnen 
werden könne. Dies gab ihm die Veranlassung, sich im 
Sommer 1856 nach Frankfurt a. M. zu begeben, um mit 
J. F. Böhmer, dem Meister der Urkundenforschung, in nähere 
Beziehungen zu treten. Böhmer kam ihm auf das Freund- 
lichste entgegen, und es entspann sich zwischen beiden ein 
Verhältniss, welches auf alle weiteren Studien Stumpfs den 
bestimmenden Eiufluss geübt hat; als den Schüler Böhmer's 
hat sich Stumpf dann immer mit besonderem Nachdruck 
bezeichnet. Nachdem er kurze Zeit (October 1856 bis 
Juli 1857) als Professor der Geschichte an der Rechtsaka- 
demie zu Pressburg gewirkt hatte, kehrte er im December 
1858 nach Frankfurt zurück und verweilte dort bis zum 
April 1860 bei Böhmer, um sich ganz ungestört in seine 
urkundlichen Forschungen vertiefen zu können. 

In Frankfurt war Stumpf auch mit Julius Ficker in 
Berührung gekommen, und die durch gemeinsame Studien 
und Gesinnungen begründete Freundschaft mit diesem Ge- 
lehrten veranlasste ihn nach Innsbruck überzusiedeln, wo 
ihm bald (November 1861) eine Professur der Geschichte 
und der historischen Hilfswissenschaften an der Universität 
übertragen wurde. Wiederholt wurden ihm später Aus- 
sichten an grösseren Universitäten eröffnet, aber er ist 
immer Innsbruck treu geblieben; theils fesselten ihn dort 
persönliche Beziehungen, theils die Ueberzeugung, dass er 



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v. Giesebrecht: Nekrolog auf Karl Friedr. Stumpf-Brentano. 419 

die begonnenen Arbeiten von dort aus am besten durch- 
fähren könne. 

Im Interesse dieser Arbeiten hat Stumpf durch zwei 
Jahrzehnte eine lange Reihe von wissenschaftlichen Reisen 
unternommen, für welche er kein Opfer an Zeit und Geld 
scheute. Zahlreiche Bibliotheken und Archive in Deutsch- 
land, der Schweiz, Belgien, Frankreich und Italien sind von 
ihm durchforscht worden, und manche von ihnen mehr als 
einmal. Diesen Reisen dankte er nicht nur die Hebung 
vieler bis dahin unbekannter Urkundenschätze, sondern auch 
zahlreiche persönliche Verbindungen mit hervorragenden Ge- 
lehrten, und diese Verbindungen waren denn auch seinen 
Arbeiten weiter förderlich. Für solche Reisen war Stumpf 
wie geschaffen; bei seinem herzlichen und lebensfrischen 
Wesen war er überall willkommen, und überall wusste er 
für seine Bestrebungen Interesse zu wecken. 

Stumpf 's literarische Arbeiten beziehen sich fast sämmt- 
lich auf das Urkundenwesen. Manche kleinere Arbeiten 
sind in gelehrten Zeitschriften veröffentlicht; besonders er- 
schienen sind die „Acta Moguntina sec. XII." (Innsbruck 1863), 
„Die Würzburger Immunitäts-Urkunden des 10. und 11. Jahr- 
hunderts 41 (Innsbruck 1874) und vor Allem sein Hauptwerk: 
„Die Reichskanzler vornehmlich des 10., 11. und 12. Jahr- 
hunderts (Innsbruck 1865— 1881)". Dieses Werk, in welchem 
Stumpf recht eigentlich seine Lebensaufgabe sah, umfasst 
drei Abtheilungen. Von der ersten, welche die Geschichte 
der Reichskanzler und Reichskanzlei in den bezeichneten 
Jahrhunderten im Zusammenhange darlegen sollte, ist ein 
einziges Heft publicirt, welches eigentlich nur die Einleitung 
giebt. Dagegen ist die zweite Abtheilung, welche das chrono- 
logische Verzeichniss der Eaiserurkunden in der angegebenen 
Epoche enthält, bis auf die beabsichtigten Nachträge und 
Register vollständig erschienen, und die dritte Abtheilung, 
in welcher über 500 Kaiserurkunden aus jenen Jahrhunderten 
[1882. L Phüos.-philol. hist. Cl. 3.] 28 



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420 Oeffentliche Sitzung vom 28. März 1882. 

meist zum ersten Male gedruckt sind, ist völlig zum Abschluss 
gebracht worden. Die Resultate der unermüdlichsten Nach- 
forschungen und sehr mühevoller kritischer Untersuchungen 
sind in gedrängter Kürze in diesem Werke niedergelegt, 
welches schon längst Allen, die sich mit der Geschichte 
unserer alten Kaiser beschäftigen, ein unentbehrliches Hilfs- 
mittel ist. 

Wie Stumpf bei seinen überaus beschwerlichen und 
oft trocken erscheinenden Arbeiten doch stets höhere Ge- 
sichtspunkte leiteten, hat er selbst in der Vorrede zur 
zweiten Abtheilung seines grossen Werks in folgenden 
Worten ausgesprochen : ^Indern ich diese Arbeit der Oeffent- 
lichkeit übergebe, hoffe ich etwas Nützliches und Förderndes 
für die vaterländische Geschichtsschreibung beitragen, zu- 
gleich aber auch zur Stärkung und Befestigung der Bande 
mitwirken zu können, die meine engere Heimat mit dem 
gemeinsamen grossen Vaterlande umschliessen. Denn was 
ist geeigneter, um dauernd an einander zu fesseln, als die 
Pflege grosser geschichtlicher Erinnerungen, die das Gemein- 
gut aller unserer Stämme sind. Darin liegt das Erhabene 
unseres Berufs, zugleich aber auch unsere beste Genugtu- 
ung". In der That konnte nur das Gefühl patriotischer 
Pflicht eine so lebhafte und vielseitig angeregte Natur, wie 
Stumpf war, Jahrzehnte hindurch bei diesen entsagungs- 
vollen Studien erhalten. 

Auf den Beifall des grossen Publicums können Arbeiten, 
wie sie Stumpf lieferte, nicht rechnen, aber doch hat es an 
Anerkennung seiner Verdienste nicht gefehlt. Es sind ihm 
von der österreichischen Regierung, wie von den Akademien 
und gelehrten Gesellschaften Deutschlands und Italiens viel- 
fache Auszeichnungen zu Theil geworden. Die Wiener Aka- 
demie der Wissenschaften, deren correspondirendes Mitglied 
er seit 1872 war, wählte ihn auch zum Mitgliede der Cen- 
traldirection der Monumenta Germaniae, und das germanische 



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v. Giesebrecht : Nekrolog auf Karl Friedr. Stumpf-Brentano. 421 

Nationalmuseum nahm ihn in seinen Verwaltungsausschuss 
auf; hier wie dort hat er durch seinen Eifer, seine Umsicht 
und Dienstwilligkeit sehr Erspriessliches geleistet. 

In voller Manneskraft raffte der Tod ihn hin. Er starb 
zu früh der Wissenschaft, ohne sein grosses Werk ganz 
vollendet zu haben, zu früh seiner Familie, in deren Mitte 
er beglückt und beglückend waltete, zu früh seinen zahl- 
reichen Freunden, welche ohne Ahnung dieses tiefschmerz- 
lichen Verlustes die Nachricht von seinem Tode wie ein 
Donnerschlag traf. Die Ruhestätte ist ihm in Frankfurt a. M. 
bereitet worden, welche Stadt ihm durch seine Vermählung 
mit Maria Brentano (1862) zur zweiten Heimath geworden 
war. Auf dem Schloss im benachbarten Rödelheim pflegte 
er in dem letzten Jahrzehnt die Sommermonate zuzubringen, 
während er im Winter meist seine Lehrthätigkeit in Inns- 
bruck fortsetzte. Seit dem Jahre 1873 führte er den Namen 
Stumpf-Brentano. 1 ) 



1) Nach eigenen Aufzeichnungen des Verstorbenen, die durch Herrn 
Professor A. Busson in Innsbruck mitgetheilt wurden und die auch in 
v. Wurzbach's Biographischem Lexicon des Kaiserthums Oesterreich 
Bd. 40 S. 197—199, wie in dem Nekrolog der Allgemeinen Zeitung 
(1882. Beilage 88) benützt sind. 



28* 

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Philosophisch - philologische Classe. 



Sitzung vom 6. Mai 1882. 



Herr Wölfflin hielt einen Vortrag über: 

„Die Gemination im Lateinischen." 

Wer in München in den frühen Morgenstunden Colleg 
liest oder hört und seinen Weg durch den Garten der Forst- 
schule nimmt, der wird regelmässig einen Beamten der 
Anstalt mit verschiedenen Messungen beschäftigt autreffen. 
Er wiederholt dieselben zu anderen Zeiten des Tages und 
übergiebt sie dem Vorstande, der vielleicht nach zehn Jahren 
auf Grund eines umfassenden Materiales die Beobachtungen 
veröffentlicht und daraus allgemeine Schlüsse zieht, denen 
dann die verdiente Anerkennung nicht vorenthalten bleibt 
Auch die Philologen, welche diess täglich sehen, finden es 
ohne Zweifel ganz in der Ordnung ; dass sie selbst in gleicher 
Weise beobachten sollten, fallt wohl. Wenigen ein. Wo sollte 
da die eigene Gescheidtheit bleiben, wenn man sich so von 
äusseren Factoren abhängig machen wollte? Die Philologie 
hat es ja mit dem Geiste, und nicht mit der Natur zu 
thun. Und doch, so gut man der Natur ihre Geheimnisse 
ablauschen und abrechnen muss und keine vorgefassten 
geistreichen Hypothesen in dieselbe hineintragen darf, so 



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WÖlfflin: Die Gemination im Lateinischen. 423 

gut gilt diess von der Sprache. Wenn freilich in der 
Sprachbildung nur die Natur thätig wäre, so hätte man, 
wie dort mit den verschiedenen Himmelsstrichen und Boden- 
beschaffenheiten, so hier nur mit Stammesunterschieden und 
nationalen Anlagen zu rechnen, und wenn die Grundformeln 
genau festgestellt wären, so Hesse sich alles Einzelne mathe- 
matisch sicher bestimmen: so aber wirken, wenn auch we- 
niger in der Urzeit als in der Periode der höheren Ent- 
wicklung, einzelne hervorragende Geister durch die Litera- 
tur so mächtig auf die Sprache ein und der Geschmack der 
Völker und Jahrhunderte bewegt sich in so launischen 
Curven, dass der individuelle Einfluss und die Macht der 
menschlichen Freiheit der der Natur oder der constanten 
ratio mindestens gleich zu setzen ist. Dadurch gewinnt 
das Leben der Sprache in dem Maasse an Reichthum, als 
die Beobachtung verwickelt und erschwert wird. Darum 
wird aber der Philologe der Detailbeobachtung sich so wenig 
zu schämen haben als der Naturforscher, und im Gegentheile 
sich wie dieser bestreben müssen zum Behufe möglichst 
scharfer und genauer Beobachtungen eigene Messmethoden 
und Messinstrumente zu ersinnen. Das Wort Beobach- 
tung muss ein Schlagwort der Philologie werden, nicht 
die rohe Observation der alten Holländer, die mehr nur das 
Phraseologische, insofern es für den Stil und die Kritik 
wichtig war, in's Auge fasste, sondern die unserem Jahr- 
hundert und der historischen Grammatik angepasste. Wie 
der mit guten Augen Gesegnete, aber archäologisch nicht 
Vorgebildete an einem antiken Kunstwerke nur die Hälfte 
dessen sieht, was der Künstler zum Ausdrucke gebracht hat, 
so muss man auch in der Philologie erst lernen, worauf es 
bei sprachlichen Untersuchungen in erster Linie ankommt, 
dann aber, nachdem diess erkannt ist, die einzelnen Glieder 
der Gleichung möglichst genau bestimmen. Eine solche 
Rechnung, auf Grund der vorhandenen Litteratur einmal 



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424 Sitzung der phüos.-phüöl. Glasse vom 6. Mai 1882. 

gemacht, genügt, wenn das Material sich nicht durch Ent- 
deckungen in ungeahnter Weise vermehrt, für alle Zeiten, 
während approximative Berechnungen nur zu unsicheren 
Werthen fuhren und durch die Portpflanzung des Irrthums 
Alles, was weiter darauf gegründet wird, in Frage stellen. 
Wie weit die approximativen Werthe in unserer heutigen 
Grammatik auseinandergehen, wollen wir im Interesse der 
Sache lieber verschweigen; denn nicht nur bezeichnet der 
Eine als ,häufig ft , was dem Andern als ,selten 4 erscheint, 
sondern man ist sehr oft darüber im Unklaren, ob etwas 
überhaupt vorkomme oder nicht : man behauptet das Fehlen 
und wird bald des Gegentheiles überführt, oder man be- 
hauptet das Vorkommen und die zum Beweise angeführten 
Stellen erweisen sich bei näherer Prüfung als hinfällig. 

Die Wiederholung eines Wortes ist ein so einfaches 
und naheliegendes Mittel des sprachlichen Ausdruckes, dass 
nicht nur die indogermanischen, sondern auch die semiti- 
schen und wohl alle Sprachen überhaupt dasselbe in ver- 
schiedenem Sinne ausgenutzt haben (die Nubier sagen bei- 
spielsweise ben ben, zwischen zwischen =■ mittelmässig) und 
daher von vornherein die Ansicht auszuschliessen sein wird, 
als müsste, was sich hier oder dort Aehnliches findet, darum 
gleich auf Nachahmung oder Entlehnung beruhen. 1 ) 

Man kann unter dieser Verdoppelung Verschiedenes 
verstehen, wie auch Aug. Friedr. Pott in seinem bekannten 
Buche über die Doppelung (Lemgo und Detmold 1862) sehr, 
sehr Vieles unter diesem Namen verstanden hat: denn man 
kann darunter ebenso gut die Wiederholung des Wortstammes 
(Reduplication) als auch die ganzer Wörter und Wort- 
gruppen, in unveränderter wie auch in wenig veränderter 



1) Eine in ihrer Allgemeinheit nichtssagende Bemerkung darüber 
findet sich in der Romania VIII 615. 



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Wblfflin: Die Gemination im Lateinischen. 425 

Form begreifen. Wir haben die Bezeichnung „Gemina- 
tion 11 vorgezogen, weil Fremdwörter Gefässen zu ver- 
gleichen sind, in die man hineinlegen kann, soviel man 
will. Daher haben wir uns an dieser Stelle dahin zu er- 
klären, dass wir die Reduplication nur streifen, soweit es 
um des Zusammenhanges willen wünschenswerth erscheint; 
gänzlich soll aber die Wiederholung in veränderter Form 
ausgeschlossen sein, also Beispiele wie : in diem ex die Cato 
bei Priscian p. 482 H. ; diem ex die expectare Gic. Attic 
7, 26, 3; facie ad faciem hist. misc. 24, 38, und selbst 
wenn die Formen gleich wären, wie in poco a poco (die 
Nubier sagen schwäije schwdije = ein wenig ein wenig = 
langsam), vis ä vis (Diez, roman. Gram. II 8 , 465), Hand 
in Hand, Zahn um Zahn, könnten wir solche Beispiele wegen 
der in der Mitte stehenden Präposition in unsere Unter- 
suchung nicht hereinziehen. Demnach werden wir die 
Wiederholung gleicher Wörter nur in so weit berücksich- 
tigen, als dieselben unmittelbar, asyndetisch, oder bloss 
durch Copula (et, que, ac, atque) verknüpft aufeinander 
folgen. Auch mag noch etwa eine schwache Trennung, 
etwa durch eine Interjection, einen Vocativ oder durch iw- 
quit mit in den Kauf genommen werden. Stärkere Tren- 
nung führt aus dem Gebiete der Gemination hinüber in das 
der Anapher, welche schon alte Grammatiker und Rhetoren 
als eine Wiederholung ,uno alterove verbo interposito* von 
derjenigen geschieden haben ,quae nullum verbum in medio 
habet 4 . Beide Figuren gehen auch äusserlich dadurch aus- 
einander, dass die Gemination sich in der Regel nur auf 
zwei Worte, die Anapher häufig sich auf drei Glieder er- 
streckt, und dass letztere immer das Gepräge der Kunst 
trägt, selbst bei Plautus Cist. 1, 1, 60 doleo ab animo, 
doleo ab oculis, doleo ab aegritudinc, während viele Formen 
der unmittelbaren Wiederholung, wie sich zeigen wird, auch 
der kunstlosen Conversationssprache eigen thümlich sind. Vgl. 



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426 Sitzung der phüos.-phüöl. Glosse vom 6. Mai 1882. 

Charisius p. 281, 22. Diomedes 446, 11 K. Mart. Cap. 
p. 178, 22 Eyss. Ebenso Hegt die Wiederholung ganzer, 
aus mehreren Worten bestehender Sätze oder Satztheile 
über unser Programm hinaus, es müsste denn sein, dass 
zwei Worte nur einen Begriff ausdrücken, wie Plautus 
Cas. 3, 5, 1 nulla sum, nulla sunt = occidi, occidi. 

Der eigentliche Ausgangspunct der Untersuchung war 
die Frage, ob die italienische Elativbildung wie 
lungo lungo, piccolo piccolo im Lateinischen gleiche 
oder doch ähnliche Vorläufer habe und ob die Möglich- 
keit eines Zusammenhanges mit dem Italienischen in den 
Kreis sprachgeschichtlicher Erwägungen einzuführen sei oder 
nicht. Die Beobachtungen des Latinisten haben für die 
Kenntniss der romanischen Sprachen immer die Bedeutung 
eines Lichtes, welches in der Höhe schwebt; ist es auch 
an sich nicht sehr intensiv, so wirkt es doch vermöge seiner 
günstigen Stellung, und in diesem Gefühle ist die folgende, 
mit ungewöhnlichen Schwierigkeiten verbundene Darstellung 
versucht worden. 

Eine Litteratur über diese Frage gibt es nicht; die 
besten Grammatiker geben ein oder höchstens zwei Beispiele 
der Gepiiqatio, viele auch das nicht ; das Meiste Fr. H a a s e 
in den Vorlesungen über lat. Sprachwissenschaft, I, 192 f. 
H. Paldamus, de repetitione vocura in sermone Graeco 
ac Latino (Ztschr. f. Alterthumswissenschaft. 1838. 1205 ff.), 
bei dem man erwarten könnte wenigstens brauchbares Ma- 
terial zu finden, mengt so Heterogenes durcheinander, dass 
für unsere Zwecke nichts herausspringt ; dagegen giebt eine 
sehr gute Uebersicht über die Reduplication in der lateini- 
schen Wortbildung das im J. 1878 erschienene Danziger 
Gymnasialprogramm von Dr. Carl Jacoby; ausserdem ist, 
abgesehen von dem bereits genannten Buche Potts, zu ver- 
gleichen: Richard Volkmann, Rhetorik der Griechen und 
Römer, Berlin 1872, S. 397, und die Noten von C. L. Kayser 



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Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen. 427 

zu Cornificius 4, 28, 38, S. 296; endlich der Aufsatz von 
Friedr. Diez, ,Gemination und Ablaut im Romanischen 4 
(in Höfers Zeitschr. f. d. Wiss. d. Sprache, 1851, 397—405), 
der übrigens nur die Wortbildung, nicht die Syntax betrifft. 

1. Die affirmative (rhetorische, emphatische) 
Gemination. 

Wenn die Rhetoren von der Gemination als einer 
Redefigur sprechen, so denken sie an eine Ausdrucksweise, 
welche zwischen den beiden wiederholten Wörtern keine 
Copula in der Mitte duldet und den Sinn einer Bekräftig- 
ung hat. Die Griechen nannten sie meist ävadl7tlcooig; 
ihre Musterbeispiele sind xvQie MQie (Evang. Matth. 7, 21) 
liye Xeye Taty&eQi womit gesagt sein soll, dass sie ebenso 
gut das Nomen als das Verbum treffen könne. Die Römer 
fanden sie in der gehobenen Poesie wie in der rhetorischen 
Prosa, also beispielsweise mehr in den ausgearbeiteten Reden 
Ciceros als in den eben nur skizzenhaften Controversien 
Senecas, mehr in den Reden der Geschichtsschreiber als in 
der historischen Erzählung; sie findet sich aber auch in 
der Conversationssprache, so oft Pathos und Affect in die 
Rede gelegt wird. Cornificius giebt ihr 4, 28, 38 den Namen 
conduplicatio 1 ) und erkennt als ihre beiden Haupt- 
zwecke an eine Sache zu amplificieren oder Mitleid zu er- 
regen, wobei indess zu beachten ist, dass ihm nicht der 
Schriftsteller überhaupt, sondern der Redner im engeren 
Sinne des Wortes vorschwebt. Cicero, welcher de orat. 3, 206 
statt duplicatio lieber sagte g e m i n a t i o , spricht ihr inter- 
dum vim, leporem alias zu, was Quintilian 9, 3, 28 dahin 



1) Die Präposition con ist in diesem Substantivtim archaisch- vulgär, 
wie auch das Verbum conduplicare bei Plautus, Terenz und Lucrez 
vorkommt. Vgl. Thielmann, De sermone Cornific. 1879, p. 10 = Dissert. 
Argentor. II. p. 356 sqq. 



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428 Sitzung der phüos.-phüol. Glosse vom 6. Mai 1882. 

erläutert, dass er zwar die amplificatio und die commiseratio 
des Coruificius beibehält, aber auch entsprechend dem lepor 
Ciceros eine humoristisch -ironische Anwendung zugiebt. 
Richtig interpretiert er auch die Worte Ciceros p. Mil. 72 
occidi, occidi non Spurium Maelium etc. mit den Worten: 
(dterutn est, quod indicat, alterum quod adfirmat, d. h. 
das erste occidi giebt die Thatsache an, das zweite bekräf- 
tigt, betheuert sie. Wiewohl nun auch der Vf. des Carmen 
de figuris Vers 76 (Rhet. lat. min. ed. Halm, p. 66) mit 
den beiden grossen Rhetoren den lateinischen Namen gemi- 
natio festgehalten hat, so ist dieser doch nie ein allgemein 
anerkannter terminus technicus geworden. In den Namen 
und Definitionen der Redefiguren herrscht überhaupt grosse 
Willkür, so dass Gellius 13, 25 (24) 4 unter dem nämlichen 
Worte die Häufung zweier Synonyma verstehen konnte. 
Aquila Romanus § 29 und Martianus Capeila p. 178, 17 
Eyss. nannten unsere Figur lieber iteratio (naXdoyia), 
unter welchem Ausdrucke Cicero de orat. 3, 53, 203 die 
€7tavdXr]ipig verstand, wenn das Schlusswort eines Satzes an 
der Spitze des folgenden wieder aufgenommen wird, Quin- 
tilian 4, 2, 43 die tadelnswerthe Tautologie. Die grosse 
Masse der Grammatiker indessen blieb bei den griechischen 
Kunstausdrücken stehen: anadiplosis heisst es in dem 
Commentuin Pompeii (Gramm, lat. ed. Keil, 5, 302, 26 = 
Donat. gramm. p. 398, 1 und Isidor orig. 1, 35, 7) von 
dem Falle, wenn die beiden wiederholten Worte sich auf 
den Schluss eines Verses und den Anfang des folgenden 
vertheilen; Epizeuxis gebrauchen Charisius p. 281, 22 
und Diomedes p. 446, 11 mit der Einschränkung, dass die- 
selben unmittelbar aufeinander folgen müssen, nach dem 
Musterbeispiele Virgils Aen. 9, 427 rne, tne, und ihnen ist 
Beda de schematibus gefolgt, p. 609, 23 ff. Halm, nur mit 
dem Unterschiede, dass er seine Belegstellen dem alten Testa- 
mente entnommen hat (auch das bisher nicht nachgewiesene 



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WÖlfflin: Die Gemination im Lateinischen. 429 

vivens vivens aus Jes. 38, 19); Epanalepsis sagt Diomedes 
445, 22 mit Bezug auf den Vers des Horaz Od. 2, 14, 1 Eheu 
fugaces Postume Postume etc. Ob es passend sei, mit Volk- 
mann die Theilung in amplificatio und commiseratio beizube- 
halten, wollen wir nicht entscheiden ; doch scheint uns Ap- 
sines p. 406 richtiger sich auszudrücken, wenn er von den 
rhetorischen Geminationen im Allgemeinen sagt nd&og 

TtOlOVGlV. 

Da diese Gemination in den verschiedenen Redetheilen 
verschieden reflectiert, so werden wir dieselben im Folgen- 
den auseinanderzuhalten haben. 

Der Casus des Substantivs, welcher am häufigsten 
wiederholt worden ist, wird wohl der Vocativ sein. Pflegt 
man schon im gewöhnlichen Leben, wenn man jemanden 
ruft, den Namen zu wiederholen um die Aufmerksamkeit 
in höherem Grade zu erregen, oder auch auf die Gefahr 
hin, dass der erste Ruf nicht verstanden worden wäre, so 
wird diess ebenso oft der Fall sein, wenn man jemanden 
ins Gewissen reden will, überhaupt wenn man in die An- 
rede einen stärkeren Aflfect irgend welcher Art hineinlegt. 
Daher finden wir schon bei Plautus Merc. 4, 4, 60 heus 
uxor uxor (heda), Cure. 166 Palinure Palinure, Mil. 313 
Sceledre Sceledre; Petron. 36 Carpe Carpe, 45 Glyco Glyco, 
64 bucca bucca personifiziert; evang Luc. 10, 41 Martha 
Martha, 22, 31 Simon Simon. Mit Interjectionen Plaut. 
Rud. 1235 o Gripe Gripe, Cure. 626 o cives cives (= HQr. 
epist. 1, 1, 53), ßacch. 814 o stulte stulie, Trin. 1180 o 
pater pater; Mil. 415 eho Sceledre, Sceledre, ibid. Pulaestrio, 
eho Palaestrio; mit doppelter Interjection Poen. 5, 4, 36 
o patrue, o patrue mi patruissime, wo die stärkere Emphase 
des zweiten Gliedes noch besonders durch den Superlativ 
hervorgehoben wird. Auch die höhere Poesie gebraucht 
diese Form zum Ausdrucke des Schmerzes, der Verzweiflung 
und ähnlicher Stimmungen. So Virgil Buc. 2, 69 a Corydon 



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430 Sitzung der phüos.-phüöl. Glosse vom 6. Mai 1882. 

Garydon (schon Theoer. id. 11, 72 c3 Kvxliaxp, Ktmhoifi), 
ibid. 6, 44 Hyla Hyla; in der Hochzeitspoesie der Griechen 
IlaQ&evlct, FIctQ&evict (personifiziert: Sappho) und der be- 
kannte auch von Catull aufgenommene Refrain Hymen o 
Hymenaee, sammt den Variationen von carm. 61. Dass die 
Form aber nur bei fingierten Namen vorkomme, dass mit- 
hin der von Horaz od. 2, 14, 1 angeredete Postumus in 
Wirklichkeit nicht existiert habe (rhein. Mus. 1882, 234), 
wage ich nicht zu behaupten. Besonders häufig wird diess 
im Gebetsstile aller Völker gewesen sein ; so schon im alten 
Testamente Psalm 139, 8. 140, 8 domine, domine; Ps. 8, 2 
und 10 domine, dominus noster; Ps. 49, 7 deus dem; 47, 15. 
66, 7 deus deus noster; bei Ennius Annal. 115 o Bomule, 
Bomüle die, dem Gebetsstile nachgebildet Ovid art. am. 2, 91 
pater, o pater, und schliesslich bei den Christen, im evang. 
Matth. 7, 21. 22 non omnis, qui dicit mihi Domine Domine, 
intrabit in regnum caelorum. Christus selbst hat die be- 
kannten Worte ,mein Gott, mein Gott, warum hast du 
mich verlassen'? (Matth. 27, 46. Marc. 15, 34) aramäisch 
(Eli Eli oder Eloi Eloi) gesprochen, und Aehnliches weisen 
wohl alle modernen Sprachen auf, Comparetti canti pop. 4, 
p. 36 oh dio 9 oh diol franz. mon dieu, mon dieu. Indessen 
ist die Anrufung ,Herr, Herr* nicht auf das religiöse Ge- 
biet eingeschränkt, sondern auch die thörichten Jungfrauen 
empfangen den Bräutigam mit diesen Worten nach Matth. 
2£, 11 domine domine (xvgie xvQie) aperi nobis. 

Dem Vokativ am nächsten steht der Nominativ, so 
Virg. Buc. 5, 64 deus, deus ille Menalca; bei Hör. Epod. 14, 6 
deus, deus nam me vetat; Virg. Buc. 8, 48 puer, a puer im- 
probus ille ; Lucr. 2, 434 tactus enim, tactus etc. ; fälschlich 
bei Caes. b. Gall. 5 , 44 hie dies dies . . . iudicabit , wo 
höchstens hie, hie dies stehen könnte. Dann wird sich der 
Accusativ anreihen, wie Hör. od. 3, 3, 18 llion Ilion 
(vgl. Schütz im krit. Anhang z. St.) in der Rede der Juno; 



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Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen. 431 

Cornif. 4, 38 tumultus, C. Gracche, tumultus comparas als 
Beispiel der conduplicatio. Natürlich sind auch die übrigen 
casus obliqui der Gemination nicht unzugänglich, aber die 
Beispiele sind doch seltener, so dass man aus dem augen- 
fälligen Ueberwiegen des Vokativs die Ueberzeugung ge- 
winnt, die rhetorische Gemination des Substantivs sei aus 
der Wiederholung der persönlichen Anrede hervorgegangen. 
Nach dem Vorgange Homers Iliad. 6, 395 
'UmWog, | 'Herttov dg evctiev yx%. 
haben die augusteischen Dichter gerne einen Eigennamen 
an das Ende des Hexameters gestellt, um ihn im Anfang 
des folgenden wieder aufzunehmen, so schon 
Catull 64, 285 viridantia Tempe, \ T. quae silvae cingunt. 
Virg. Buc. 6, 20 supervenit Aegle, \ A. Naiadum pulcherrima. 

ib. 10, 72 maxima Gallo \ G. cuius amor etc. 
Aen. 10, 180 pulcherrimus Astyr, \ A. equo fidens. 
Prop. 3, 32, 85 Varro, \ V. Leucadiae maxima flamma suae. 
Mit nomen appellativum schon Catull 63, 8 
leve typanum. \ Typanum, tuom Cyhebe. 
Virg. Aen. 10, 821 ora, \ Ora modis pollentia miris; 

6, 495 ora \ Ora manusque ambas. 
Sidon. Apoll, carm. 7 (4) 260) arma f \ Arma fremit; 
Corippus in laud. Just. 1, 103 portum, Portum, quem. 
Wie die Beispiele zeigen, ist dem zweiten Substantiv oft 
entweder eine Apposition beigegeben, oder es wird an das- 
selbe ein Relativsatz angeknüpft, so dass die Gemination sich 
dann mit der ächtlateinischen Wiederholung des Substantivs 
im Relativsatze berührt (diem quo die; leges quibus legi- 
bus). Ein dactylisches Wort kann natürlich nur den fünften 
und den ersten Versfuss einnehmen, wie 
Catull 64, 259 orgia cistis, \ Orgia quae etc. 

ib. 321 talia divino fuderunt carmine fata, 
carmine quod etc. 



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432 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 6. Mai 1882. 

Prop. 5, 1, 63 ut nostris tumefacta superabat Umbria libris, 
Umbria Romani patria Callimachi. 
1, 3, 25 omniaque ingrato largibar tnunera somno, 
munera de prono saepe voluta sinu. 

Andere Stellungen Prop. 1, 3, 31. 1, 11, 28. Hoin. 
Od. 1, 22. 

Die Redner fügen dem zweiten Gliede gerne in quam 
hinzu, welches wir mit ja 4 übersetzen können : Cic. Cluent. 
168 pater, pater L illius; \errin. 5, 162 crux, crux i. ; 
p. Mur. 80 cives, cives i.; Phil. 5, 33 hello, b. i. decertan- 
dum est; diess geschieht namentlich, wenn die beiden Sub- 
stantiva getrennt sind, wie Cic. Cluent. 12 t&ater...m. in- 
quam, wo das Verbum den halb vergessenen Subjectsbegriff 
wieder aufnimmt. Selbst in den philosophischen Dialog ist 
diese Form gedrungen; wenigstens entspricht bei Cic. Lael. 
27, 100 Virtus, virtus inquam . . . conciliat amicitias voll- 
kommen dem feierlichen Tone des Epiloges, wenn auch 
mehrere Handschriften und Herausgeber das zweite Sub- 
stantiv weglassen. Vgl. Mor. Seyffert z. St. 

Entsprechend dem Vocativ der Substantive wird man 
auch bei dem Pronomen diesen Casus am häufigsten ge- 
miniert zu finden erwarten. Um zu begreifen, dass diess 
nicht der Fall ist, hat man sich einfach zu vergegenwärtigen, 
dass das Pronomen personale der ersten Person wegfallt, 
weil man sich selbst in der Regel nicht anredet, das der 
dritten, weil es erst in die zweite übergehen müsste um 
zur Anrede verwendet werden zu können, endlich, dass tu 
und vos wohl Vocative sein können, durch Hinzutritt des 
Verbnms aber meist eine andere Casusform (Subject) an- 
nehmen , wenn sie nicht gar wegfallen , weil sie in dem 
Personalsuffixe schon enthalten sind. Cic. Phil. 2, 91 tu, 
tu, inquam, illas faces incendisti; Catull 68, 21 tu mea 9 tu 
moriens fregisti commoda frater. Dazu kommt dann noch, 
dass die Römer seltener, als man vermuthen könnte, das 



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WÖlfflin: Die Gemination im Lateinischen. 433 

Pronomen personale verdoppelt haben, nicht sowohl aus 
Gründen der Bescheidenheit, die überhaupt in ihrer Beredt- 
samkeit eine untergeordnete Rolle spielt, sondern weil neben 
den Composita meme, tete, sese (s. unten) bei mangelnder 
Worttrennung eine Gemination me, me u. s. w. schweren 
Stand hatte , und dann weil diesen Bildungen die Neben- 
formen auf met Concurrenz machten. Begnügen wir uns 
daher mit wenigen Beispielen wie : egone, egone ? bei Plautus 
Poen. 1, 3, 19; me, me (ergänze petite), adsum qui feci, 
in me convertite ferrum Virg. Aen. 9, 427; a me, me 
discet Catull 21, 11; me, me duce Virg. 12, 260 (Vgl. a 
me f me vole be' Comparetti canti pop. IV. p. 37): nos nos- 
met Plautus Mil. 429; nos, nos, dico aperte, consules desumus 
Cic. Catil. 1, 1, 3. Per te, per te, inquam Cic. Ligar. 15; 
vos, vos appello Cic. Mil. 101. Daran reihen sich von selbst 
die Pronom. possessiva, wie Hör. Od. 3, 4, 21 vester, Ca- 
menae, vester; Cic. Flacc. 94 vestris, vestris, inquam, umeris. 
Zahlreichere Belege stellen die Pronomina demonstrativa 
wie hoc, hoc est Plaut. Bacch. 5, 1, 13 ; haec, haec, inquam 
Cic. Verrin. 1, 61; hoc, hoc tribuno militum Hör. Epod. 4, 
20, einschliesslich der Lokaladverbia, z. B. hie, hie sunt Cic. 
Catil. 1, 9; huc 9 huc veni Catull 61, 8. Petron 23. Pacat. 
Paneg. 44.; namentlich ille, bei Cic. Catil. 3, 22 itte, i. 
Juppiter, ähnlich Cic. p. Caec. 14, p. Balb. 11; en illa, i. 
quam saepe optastis libertas Sali. Catil. 20, 14; Lesbia illa, 
illa Lesbia Catull 58, 1 ; quid hohes illius, i. quae spirabat 
amores Hör. Od. 4, 13, 18; illo, i. inquam loco Cic. p. 
Font. 4; equites Romani Uli, Uli tui Cic. Mil. 94. Ge-^ 
ringeren Antheil an der Gemination haben iste, ipse 9 
talis u. ä. : Virg. Catal. 2, 2 iste, iste rhetor; Fronto p. 144 
N. ipsi, ipsi inquam ; Val. Flacc. 1 , 343 tales, tales (reges) ; 
gar keinen die Pronomina relativa und indefinita, dagegen 
wieder starke Berührungen mit unserer Figur alle Arten 
der fragenden Fürwörter, wie quid, quid bei Plaut. Epid. 1, 



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434 Sitzung der phüos.-phüol. Glosse vom 6. Mai 1882. 

1, 99. Petron 49 ; unde y unde haec Ulis modestia Livius 8, 
4, 10; o quantum, q. Plaut. Poen. 3, 4, 28; ma quanno, 
quanno, umbrisches Volkslied bei Marcoaldi, canti pop. N. 47 ; 
und die negierenden wie nemo, nemo inqwxm Cic. Font. 4. 
Mamert. grat. act. 31; nihil, n. inquam Cic. Gluent. 62. l ) 

Beim Verbum hat der Imperativ, entsprechend dem 
Vocativ des Nomens, die Gemination am häufigsten ange- 
nommen ; namentlich sind es die Aufforderungen zu sprechen 
oder zu schweigen, zu bleiben oder fortzugehen, bei welchen 
dieses Mittel zur Anwendung kommt. So tace t. Plaut. 
Pers. 4, 4, 42. Pseud. 579. Ter. Eun. 834. Apul. Met. 1. 8 ; 



1) Auszuschliessen sind hier die nur äasserlieh ähnlichen Redens* 
arten wie hie et hie, üle et üle u. ä., weil hier unter dem zweiten hie 
oder üle, wie schon die Copula andeutet, eine andere Person verstanden 
wird. Während die classische Latinität zur Bezeichnung verschiedener 
Personen auch verschiedene Pronomina anwendete, also hie et üle, dieser 
und jener, finden wir seit Cornificius (vgl Thielmann, de serm. Cornif. 69) 
hie et hie, der und der, Hör. Sat. 1, 1, 112 hunc atque hunc als Nach- 
hildung des Conversationsstiles, und bei Cic. epist. 9, 16, 4 eine Aeus- 
serung des Servius ,hic versus Plauti non est, hie est 1 ; entsprechend 
hinc atque hinc Virg. Aen. 12, 431, Hör. Epod. 2, 31. 5, 97. huc et 
huc ibid. 4, 9, und mehr hei Porbiger zu Virg. Buc. 4, 56, von wel- 
chem den Gebrauch Livius angenommen zu haben scheint, z. B. 21, 8, 8 
hinc spes, hinc desperatio, wornach Dräger § 330, 2 zu berichtigen ist. 
Es mag dazu auch die Analogie von alibi . . alibi, oder von &da pkv, 
sv&a de u. ä verführt haben, wo freilich per und 6s den Gegensatz be- 
zeichnen. Mit gleichem Rechte könnte auch üle (et) üle im Sinn von 
hie (et) üle oder alter, alter, alii . . alii gebraucht werden, so schon bei 
Ter. Phorm. 2, 2, 18, in Ulis fruetus est, in Ulis opera luditur; dann 
bei Cic. Rose. Am. 59. August, civ d. 13, 24. üle aut üle; üle et üle 
bei Gaius Digest. 40, 7, 31. Pulgent. Rusp. serm. 45 (col. 911b Migne); 
üle atque üle Cassiod. epist. 11, 7; üle vel üle August, civ. d. 12, 10. 
Als Vorläufer des französischen tel et tel mögen noch angeführt sein 
Tertull. adv. Hermog. 31 scaena erat talis et talis t und bei Augustin 
talis vel talis, wie überhaupt die Afrikaner nicht selten vel für et 
setzen. 



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WÖlfflin: Die Gemination im Lateinischen. 435 

eloquere e. Enniu^ Trag. 323 ; matte m. Plaut. Asin. 229. 
Epid. 2, 2, 22. Merc. 2, 4, 6. 5, 2, 87. Pseud. 234. Jnc. 
ine. trag. 79 R. Catull 10, 27. ite ite Plaut. Truc. 2, 7, 1. 
dbi tibi Plaut. Mil. 857. Ter. Ad. 620. redi redi Ter. Heaut. 
349. discede (L Apul. met. 2, 7. migrate m. Vict. Vit. 2, 20 ; 
unsicher perge [perge] Plaut. Men. 150 nach Schwabe in 
Jahns Jahrb. 105, 407. Auch beim Gruss und Abschied 
wird gerne verdoppelt: have h. Grut. inscr. 1123, 2; valev. 
ibid. 708, 5. Ovid met. 3, 501 und substantiviert longum 
vale v. bei Virg. Buc. 3, 79, salve salve bei Coripp. Just. 
3, 35, und die ungeduldig vor der Thüre Wartenden rufen 
in der Komödie oft genug ihr aperi a.; aperite a. Plaut. 
Pseud. 1272. Trin. 870. 1174. 

Zur Tnterjection herabgesunken ist der Imperativ age 
age Plaut. Mil. 1024. Epid. 5, 1, 25. Ter. Ad. 877. Andr. 
310. Heaut. 332. 722. Phorm. 559. 662. Cic. fin. 5, 8, und 
entsprechend das noli noli als blosse Umschreibung des Ver- 
botes bei Cato 37, 6 Jord. Fronto p. 100 N. Vict. Vit. 
3, 28. Man könnte mit Leichtigkeit einige weitere Dutzende 
von Beispielen zusammenstellen, wenn es einen Nutzen hätte ; 
doch dürfte von einigem Interesse sein, dass die Gemination 
bei Petron und Apuleius besonders hervortritt: voca v. 
Petr. 49 und cave \cave~\ canem unsicher 29, obschon wahr- 
scheinlich durch die Parallele Hör. Epod. 6, 11 cave, cave, 
womit man vergleiche guarda, g. bei Dante Inf. 21, 23. 
Bei Apuleius finden wir sine sine Met. 1, 7, wie schon 
bei Ter. Heaut. 1, 1; miserere m. 2, 28; desine . . desine 
2, 29; proeliare et fortiter p. 2, 17 ; aas der Vulgata mögen 
angeführt werden Jesaia 40, 1 consolamini c; 51, 17 ele- 
vare e.; das zweimalige crueifige bei Luc. 23, 21. Joh. 19, 6 
und das dem Johannes allein gehörende tolle tolle crueifige 
19, 15. In formeller Hinsicht ist beachtenswerth , dass 
Dichter die Gemination namentlich einsilbiger Imperative 
dadurch gemildert haben, dass sie die beiden, wie wir ähn- 
fl882. I. Philos.-pbilol. hist. Cl. 3.1 29 



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436 Sitzung der phüos.-phüol. Classe vom 6. Mai 1882. 

lieh (S. 431) beim Substantiv gesehen, an das Versende und 
den Versanfang vertheilen, so Juvenal 6, 279: 

Die | Die aliquem, sodes . . . colorem, 

oder auch durch Einschiebung einer Interjection wie bei 
Ovid Met. 14, 842 duc, o duc (vgl. 2, 424 sunt, o sunt). 
Zeigen nun schon die oben genannten Beispiele aus dem 
alten und neuen Testamente, dass diese Ausdrucksweise 
durchaus nicht der lateinischen Sprache eigenthümlich ist, 
so lehrt es auch die Erzählung vou den Avaren (a. 582 
p. Chr.) in der histor. misc. 19, 13: patria voce dicens 
,torna torna' und maximis voeibus exclamantes ,torna torna'. 
Ein interessantes Beispiel von der dritten Person giebt 
Plutarch im Leben des Pompeius 14, wo er erzählt, Sulla 
habe, als der junge Pompeius gegen das Gesetz, aber hart- 
näckig einen Triumph verlangte, endlich in grösster Auf- 
regung zweimal hintereinander ausgerufen ^Qiafißevadvo). 

Da der Coniunctiv der Aufforderung oder des 
Wunsches an Energie hinter dem Imperativ zurücksteht, 
so eignet er sich auch weniger zur Gemination ; immerhin 
wird der Grammatiker um Beispiele nicht gerade verlegen 
sein, wie Plaut. Pseud. 295 (307 Fl.) nach Lorenz det, det 
usque; Ci'c Mil. 93 valeant, v. cives mei, womit der dop- 
pelte ImperativS. 435 zu vergleichen; Frontop. 155 negle- 
gas n.; Apul. flor. 1, 9 velim velim; Tert. de resurr. carn. 9 
absit absit. 

Unter den Indicati v formen sind sowohl Gegenwart 
als Vergangenheit und Zukunft vertreten ; also beispielsweise 
video v. te Inc. ine. trag. 47 R. (viget veget Varro sat. M. 
157, 7 R.) ; parce precor, precor Hör. Od. 4, 4, 70 ; gaudeo g. 
Sen. suas. 2, 17; teneo te, inquit, teneo Apul. met. 10, 22 
(entsprechend tene tene Plaut. Aulul. 4, 9, 1. Cas. 3. 5, 15. 
retine r. Cure. 310); erras e. Inc. ine. trag. 125 R. ; ince- 
dunt L Trag. ine. bei Cic. acad. pr. 2, 89. Auch wird das 



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Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen. 437 

zweite Glied durch in quam verstärkt Cic. Verrin. 2, 128. 
4, 37, und ohne Trennung video, video inquam p. Scauro 49. 

Häufiger als das Imperfectum (dolebam, d. Cic. Phil. 
2, 37) ist das Perfect zur Bezeichnung eines glücklichen 
Abschlusses (Cic. Mil. 72 occidi, o.) oder umgekehrt in dem 
Sinne, dass es aus sei mit etwas ; so Cic. Catil. 1,4 fuit 
f. ista quondam virtus (Fronto 117); occidit, o. spes omnis 
bei Hör. od. 4, 1, 2 und analog cecidit, c. Babylon magna 
Apocal. 18, 2; recepi, r. Fronto 120: im Passiv ßsßlcoTai, ß. 
Sen. epist. 12, 8; deserti, d. inquam sumus Cic. Phil. 8, 22; 
decepti, d. inquam sumus, ibid. 12, 3. 

Mit Futurum: erit, e. profecto Cic. Mil. 69 (wie est, 
est profecto ibid. 84); ibimus, i. Hör. Carm. 2, 17, 10; 
veniam v. Suet. Cal. 49 ; dabo, inquit, d. Apul. met. 2, 30 ; 
non patiar, inquit, non p. ibid. 10, 9; vivet ilicet, v. Sid. 
Apoll, epist. 8, 5. Alles diess wird auch in anderen 
Sprachen so ziemlich gleich sein, zumal für den Imperativ, 
weil hier die Emphase ganz natürlich ist, z. B. ital. mari- 
tete, maritete! Blessig canti pop. Romani 55; lo vojo (= 
vogliö) lo vojo Comparetti canti pop. IV. p. 39. 

Schliesslich noch einige Bemerkungen über die In- 
declinabilia. Giebt man auf eine Frage eine entschieden 
bejahende oder verneinende Antwort, so greift man unwill- 
kürlich zur Gemination, heisst es doch schon im Evang. 
Matth. 5, 37 ,Eure Rede sei Ja, ja, Nein, nein, und was 
darüber ist, das ist vom Uebel 1 . (Brief Jacobi 5, 12). Da 
der Ausdruck der lateinischen Conversationssprache für ,ja l 
ita war, so spricht Quartilla bei Petron 25 ganz correct, 
wenn sie sagt: Ita, ita bene admonuisti. Ja, ja, du hast 
ganz Recht, und so geben auch die guten Handschriften. 
Sic gebrauchte die classische Sprache nur in Verbindung 
mit est, später aber, als ita untergieng, an dessen Stelle, 
so der Verfasser von Sic et non und mit Gemination heute 
noch die Italiener ihr Si, si 9 während die Vulgata der 

29* 



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438 Sitzung der phüos.'phüöl. Classe vom 6. Mai 1882. 

oben citierten Matthäusstelle est est bietet, wie Ausonius 
Epist. 25, 40 est und non, ja und nein. Ein Compositum 
davon ist cosi, c. = consic (vgl. cotanto, cotäle), obwohl es 
Diez Wörterb. P, 141 von aeque sie ableitet. Neugriechisch 
entspricht IV£(*) IV£(*), deutsch so so, auch so so, lala, er- 
weitert nach der Terminologie der italienischen Tonleiter. 
(cosi e cosi, er^i X6ir£(i) enthält überdiess die Copula, eigent- 
lich so und so). 

Für Nein gebrauchte schon das alte Vulgärlatein und 
selbst Cicero non; so mit Gemination bei Apul. met. 7, 3 
identidem boavi Non, non, wie heute noch die Italiener, 
und nefeh stärker bei Plautus Trin. 752, Cic. Mil. 104 
minume minume. Natürlich kann non auch in der Be- 
deutung von , nicht 1 wiederholt werden, z. B. Catull 14, 16 
non non hoc tibi sie dbibit; Prop. 3, 2, 27 non non humani 
partus sunt talia dona; Sulp. Sever. epist. 2 non deerit, 
mihi crede, non non deerit; analog ne im energischen Ver- 
bote, wie Sanskrit ma ma. In weiterem Sinne mag auch 
nunquam nunquam bei Properz 2, 6, 41 und Aehnliches 
hierher gerechnet werden. (Schiller: und begehre nimmer 
und nimmer zu schauen.) 

Von wiederholten Temporalpartikeln belegt Hand 
Tursell. 4, 343 nunc nunc aus Horaz Epod. 5, 51 (adeste), 
und in Verbindung mit dem nämlichen Imperativ treffen 
wir es bei Sen. Herc. für. 502 P. Med. 13, mit insurgite 
bei Virg. Aen. 5, 189, mit, o liceat crudelem abrumpere 
vitam ibid. 8, 579. Es ist vielleicht nur poetische Variation 
für das prosaische iamiam, worauf wir im zweiten Capitel 
zu sprechen kommen; dass es steigern solle im Sinne des 
Comparativs ocius = je bälder, desto lieber, Hesse sich wohl 
denken, doch nicht überall beweisen, und gerade an der 
zuletzt genannten Stelle Virgils entspricht der Verdoppel- 
ung ein doppelgliedriger Temporalsatz mit dum . . dum. 
Das correspondierende tunc tunc habe ich zufallig nur aus 



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Wolf f lim Die Gemination im Lateinischen. 439 

der Anthol. lat. 253, 118 R. notiert; häufiger ist simul 
sitntd, bei Catull 63, 12 und durch Iiterjection getrennt 
bei Ovid Trist. 1, 3, 81 simul , a simul ibimus. Tandem 
tandem sagt Palinurus bei Plaut. Cure. 7, wie intus, intus 
inquam, est equus Troianus der Redner Cicero p. Mur. 78. *) 

Daran reihen sich die Interjectionen der Freude, 
des Schmerzes, der üeberraschung. So vero vero bei 
Petron 72, etwa unserem Bravo bravo entsprechend; euge 
eugem ähnlichem Sinne bei Plautus Epid. 3, 3, 20. 3, 4, 62. 
Trin. 705. Stich. 5, 6, 3. Rud. 1, 2, 75 neben perlene. 
Aulul. 4, 6, 11 (wie Martial 2, 27 enge, beate); viermal 
in den Psalmen 34, 21. 25. 39, 16, 69, 4. und Ezech. 25, 3. 
Zum Ausdrucke des Gegen theiles heu heu bei Plaut. Pseud. 
1312, Ennius trag. 307, ine. trag. 22. Virg. Buc. 2, 58. 
3, 100. Ciris 264. Culex 256. Hör. od. 1, 15, 9. 4, 6, 17 
(heu, nefas, heu), epod. 15, 23. Petron. 42. 44. 64, und 
noch im chronicon Novaliciense 21. 59. 76. 84, wogegen 
dem Catull und Tibull die Verdoppelung wohl mit Recht 
abgesprochen wird von Bährens analecta Catulliana p. 64. 

Au au bei Terenz Ad. 336, Petron 67 ; a a bei Hör. 
Epod. 5, 71. Andere geminierte Partikeln sind zusammen- 
gewachsen oder von Haus aus Reduplicationsbildungen ge- 
wesen, so das vieldeutige attat (besser als atat, Richter 
de usu particularum, Strassb. 1874) und attatae = ärrarai; 
babae = ßaßai Plaut. Pseud. 353 mit der Note von Lorenz, 
verdoppelt Petron 37, weiter gebildet zu babaeculus ; papae = 



1) In der Wortbildung kommt es seltsamer Weise vor, dass Verba 
dieselbe Präposition doppelt zn sich nehmen. Es kann diess natür- 
lich nur geschehen, wenn die erste Präposition in Folge der Assimilier- 
ung mit dem Verbum so zusammengewachsen ist, dass die beiden Be- 
standtheile nicht mehr kenntlich sind und damit auch die Kraft der 
Präposition erlischt. Dahin gehören adalligo, häufig bei dem Natur- 
forscher Plinius, (adagnosco), adagnitio bei Tertullian, concolligo im 
Spätlatein. 



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440 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 6. Mai 1882, 

7ta7tai; fufae von Charisius ohne Beleg angeführt 239, 6, 
etwa unserni ,pfui'%)der dem französischen fi entsprechend; 
butubatta bei Nävius und Piautas. Vergl. darüber die ein- 
gehenden Untersuchungen von P. Richter im Hagenaaer 
Programm von 1878 und in Studemunds Studia in priscos 
scriptores latinos collata, vol. II. Fase. 2. 

Damit ist eine Uebersicht über die im Allgemeinen be- 
kannte, wenn auch bisher nicht in ihre Einzelerscheinungen 
zergliederte Figur gegeben, so weit sie den Stilisten inter- 
essiert; Paralleles wird sich in allen Litteraturen finden 
und auch in dem oben übergangenen Redetheile, dem Zahl- 
worte, z. B. unuSi unus Virg. Aen. 10, 691; in einem eng- 
lischen Volksliede bei Shakespeare, twelthnigt II, Sc. 4: 
a thousand, thousand sighs. Für den Sprachforscher ist in- 
dessen dieser Theil der minder bedeutende; sein Blick wird 
sich vielmehr auf ganz andere Gebiete richten. 

2. Die plurativ-iterative Gemination. 

Lange bevor die Sprache und Rhetorik, bewusst und 
unbewusst, die Wiederholung eines Wortes zur nachdrück- 
licheren Hervorhebung desselben ausgebildet hatte, wandte 
die noch werdende Sprache die Gemination in einem anderen 
Sinne an, und zwar zunächst wohl zur Bezeichnung des 
Plurals, wie diess beispielsweise im Sumerischen geschehen 
ist, wo kur kur, eigentlich Land Land, so viel als Länder 
bedeutet. Auch in den malayisch-polynesischen Sprachen 
wird der Plural vermittelst der Gemination gebildet, z. B. 
radja radja Könige, während in Mankassar mit bälla-bälla 
ein kleines Haus, also das Deminutiv bezeichnet wird. Die 
Hieroglyphen haben die Gemination wenigstens graphisch 
zur Bezeichnung des Plurales beibehalten , und wenn die 
Buchstabenschrift gewiss späteren Ursprungs ist, so möchte 
man wohl schliessen, die älteste sprachliche Bezeichnung 
der Mehrzahl sei die Gemination gewesen. 



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Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen, 441 

Diese plurative Gemination ist indessen der lateinischen 
wie der griechischen Sprache fremd geblieben, oder, wenn sie 
ihr je einmal eigen war, überwunden worden durch die in allen 
Theilen des Wortschatzes durchdringenden organischen Plural- 
bildungen. Nur in demjenigen Redetheile könnte ein Ueber- 
rest erhalten sein, der überhaupt manche alterthümliche 
Bildung bewahrt hat, in dem Pronomen, welches als Suffix 
zur Conjugation verwendet wurde. Wenigstens soll nach 
einer heute weit verbreiteten Ansicht fertis, ihr traget, ent- 
standen sein aus fer-ti-si, tragen du du, gleichsam tu 
av zu tragen ihr, und auch der Plural des Imperativ ama- 
tote könnte vielleicht so gedeutet werden. 

Andrerseits ist es kein lateinisch empfundener Ausdruck, 
wenn Apuleius von Madanra de magia 9 sagt: ignis et 
ignis, d* h. die Liebe zum Critias und zur Charine ver- 
zehre ihn, was er gleich im folgenden Verse mit den 
Worten- hasce duas flammas patiar verdeutlicht. 1 ) Vielmehr 
erinnert diess an das hebräische eben va-eben, ejphah va 
ejphah, beleb valeb, in der Vulgata Proverb. 20, 10 pondus 
et pondus, mensura et mensura, bei Luther ,mancherlei 
(zweierlei?) Gewicht und Mass 1 . Vgl. Deuteron. 25, 13. 
Psalm. 12, 3 in corde et corde, 1 Chron. 12, 33 in corde 
duplici. Die Frage, ob mit der Gemination der Dual oder 
der Plural bezeichnet werde, scheint sich ursprünglich so 
gelöst zu haben, dass die Wiederholung ohne Copula sym- 
bolisch eine Vielheit ausdrückte, während durch Einschieb- 
ung einer solchen (Gewicht und Gewicht) ein Gewicht einem 
anderen gegenübergestellt, mithin ein Dual bezeichnet wird. 

Erscheinen im Plural die Personen oder Sachen neben- 
einander und gleichzeitig, so kann man sich dieselben auch 



1) Ebenso unlateinisch hat sich der Afrikaner Liberatus, Diaconi 
breviar. cp. 6' (Migne 68, 981) ausgedrückt, wenn er septem et Septem 
episcopi für 14 schreibt. Dichterisch wäre bis septem. 



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442 Sitzung der phUos.-phüol. Glosse vom 6. Mai 1882. 

räumlich oder zeitlich getrennt denken, und von dieser die 
Vertheilung der Mehrheit andeutenden (distributiven, itera- 
tiven) Gemination sind noch Spuren vorhanden. Diese Aus- 
drucksweise verletzt nicht einmal, so selten sie auch sein 
mag, unser modernes Sprachbewusstsein, da ja Göthe schreiben 
konnte (Pandora, 1. Aufzug, 3. Scene gegen das Ende): 

Einzeln schafft sich Blum' und Blume 
Durch das Grüne Baum und Platz. 

So heisst es nun N aber schon in der Vulgata des 4. 
(2.) Buches der Könige 17, 29 von den zehn nach Assyrien 
entführten Stämmen Israel, gens et gens habe sich ihren 
Gott gemacht, aber ebendaselbst auch unaquaeque gens, so 
dass die Stämme nicht gemeinsam verbunden, sondern um- 
gekehrt vereinzelt gedacht werden, was Luther richtig über- 
setzt mit ,ein jegliches Volk 1 . Giebt das alte Testament 
selbst schon eine Pluralform, so wird durch die Verdopp- 
lung derselben der Begriff der Vielheit noch stärker hervor- 
gehoben, so Genes. 14, 10 beerot beerot, puteos multos nach 
der Vulgata, Exod. 8, 10 (14) von der Aufhäufung der 
todten Frösche chomarim chomariin, nach der Vulgata in 
immensos aggeres, nach Luther ,hier einen Haufen und da 
einen Haufen 1 . 

Oefter begegnet uns in der ältesten lateinischen Bibel- 
übersetzung die Gemination von dem Nacheinander bei Sub- 
stantiven, welche selbst schon einen Zeitbegriff enthalten. 
So lesen wir in dem zweiten Corintherbriefe 4, 16, der 
innere Mensch erneuere sich ^/hsqijc xal fjfisQq, was Ter- 
tullian Scorp. 13 mit die et die, Luther mit ,von Tag 
zu Tag' übersetzt; Exod. 3, 15 in generationem et gene- 
rationem, für und für; evang. Luc. 1, 50 in progenies et 
progenies, für und für. Aber dass diess weder Griechisch 
noch Lateinisch, sondern nur wörtliche Uebersetzung sei, 
bedarf wohl des Beweises nicht mehr; mindestens müsste 



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Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen. 443 

es rjftaQ xcct' r^iaq heissen, wo die Wiederholung durch die Prä- 
position ausgedrückt ist, und das deutsch-griechische Wörter- 
buch empfiehlt erst noch für unser ,Tag um Tag 1 eine grössere 
Anzahl von Redensarten, in denen das Substantiv nur ein- 
mal vorkommt. Auch die Vulgata hat die oben angeführten 
Uebersetzungen grossentheils gegen andere dem lateinischen 
Sprachidiom näher liegende vertauscht, so Luc. 1, 50 apro- 
genie in progenies ; 2 Corinth. 4, 16 de die in diem, und 
an vielen andern Stellen ist die wortgetreue Wiedergabe 
des semitischen Originales vielleicht gar nie versucht worden. 
Diess zeigen zur Genüge Deuteron. 14, 22. 15, 20 per an- 
nos singulos, Genes. 39, 10 per singulos dies, Psalm. 61, 9 
de die in diem, Deuteron. 32, 7 generationes singulas, 
Esth. 2, 11 quotidie, 9, 21 revertente semper anno, wo 
überall der Urtext Gemination des Hauptwortes hat. Nur 
an einer einzigen Stelle hat der lateinische Uebersetzer die 
Gemination sogar ohne Copula *) beizubehalten gewagt , in 
dem Propheten Sophan. 3, 5 dominus mane mane iudicium 
suum dabit in lucem, nach Luther richtig jeden Morgen 1 , 
während in der Uebersetzung des Ezechiel 46, 14. 15 von 
dem täglich in der Frühe darzubringenden Opfer cata mane 
mane, ebendaselbst V. 13 quotidie semper mane gesagt ist. 
Damit man freilich in dieser Ausdrucksweise keinen speci- 
fischen Semitismus erkenne, müssen wir hier gleich bei- 
fügen, dass sie auch in indogermanischen Sprachen heimisch 
gewesen ist; denn im Sanskrit finden wir djavi-djavi oder 
dive-dive, Tag für Tag, Rig-Veda 1, 4, 1. 1, 25, 4. 2, 20, 2 
und oft, im Ganzen in den Veden 46 mal, also nicht aus- 



1) Das Asyndeton muss im Hebräischen, wie auch im Lateinischen, 
die ältere Form gewesen sein, z. B. schanäh schanah, jedes Jahr, 
Deuteron. 14, 22. 15, 20. le dor dor, alle Zeit, Exod. 3, 15; jom jom, 
jeden Tag, Genes. 39, 10. Psalm. 61, 9: doch auch mit Verbindungs- 
partikel ve (vaj Deuter. 32, 7. Esth. 9, 21. 2, 11. isch ve-isch Psalm 
87, 5. Vgl. Gesenius-Kautzsch, hebr. Gr. (1878), § 108. 



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444 Sitzung der phüos.-phüöl. Glosse vom 6. Mai 1882. 

nahms weise, sondern normal, weil ein Adverb — quotannis 
fehlt; im späteren Indisch varshe-varshe, alle Jahre; neu- 
persisch gäh-gäht, von Zeit zu Zeit. Nach dem Vorbilde 
dieser Ausdrücke sind weiter gebildet worden vrätain-vrätain 
(Rig Veda 3, 26, 6) Rotte für Rotte, ebendaselbst gaqain- 
ganain, Schaar für Schaar ; Sanskr. pade pade, auf Schritt 
und Tritt (eigentl. Locativ von pada, Schritt), und ver- 
gleichen lässt sich noch das italienische colpo colpo, Schlag 
auf Schlag; doch tritt gewöhnlich die Präposition hinzu, 
wie in a grado a grado, a passo a passo, a luogo a luogo, 
bald hier bald dort, ad uno ad uno^ einer nach dem andern, 
successiv. 

Sind wir so aus der plurativen Gemination in die itera- 
tive gelangt, so lässt sich dieser Uebergang auch iu der la- 
teinischen Wortbildung verfolgen. Denn murmur ist zu- 
nächst nur ein mur Vieler (vgl. Petron 57 nee mu nee rna 
argutas), aber gewöhnlich doch ein eine Zeit lang fortge- 
setztes Gemurmel; ähnlich susurrus = sursurrus ein Ge- 
säusel, während cincinnus das sich örtlich fortsetzende 
Kräuseln des Haares bezeichnet. Indisch marmara rauschend; 
lat. marmor der glänzende Stein, von dem sich immer wieder- 
holenden Ausstrahlen des Lichtes ; papilio^ Fifalter, ital. fan- 
falla, der Schmetterling, von dem lange fortgesetzten Flattern. 

Daher ist die Gemination oder Reduplication *) regel- 
mässig gebraucht zur Bezeichnung der sich wiederholenden 



1) Dass die durch Compositum in der Mitte der Wörter ent- 
stehende Reduplication im Lateinischen durch Unterdrückung der ersten 
Silbe vermieden wird, z. B. fastidium =z fastitidium, domusio = 
domus usio, ist zwar im Ganzen bekannt und auch ruf das Deutsche 
(Beamter = Beamteter, Bedienter = Bediensteter, der mit einem Dienste 
Betraute) und für das Griechische (xelcctyeyfc = xelaivoreyris , fxojvv 
%sg = lAovcSvvxes) in weitem Umfange zutreffend, obwohl es noch an 
einer zusammenfassenden Darstellung fehlt. Vergl. namentlich Kuhn's 
Zeitschr. f. vergl. Sprachforsch. 14, 415. 20, 79. 347. 22, 98—102. 222. 



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Wolf f lim Die Gemination im Lateinischen. 445 

Laute, so in tintinnire^ welches, von tinnire hergeleitet, 
ein längeres Klingeln, z. B. der Ohren ausdrückt. Recht 
plastisch sind die Namen einer Reihe von Vögeln, wie 
turtur Turteltaube, ulula Eule, upupa Wiedehopf (ertoxp), 
cuculus -Kukuk, und im Indischen heisst der Hund kurkura = 
der Knurrer. Ihnen entsprechen die Verba wie cuculare 
(xoxxi$£w) vom Kukuk, pulpulare vom Geier, cacabare vom 
Rebhuhn, cucubare von der Nachteule, pipiare von jungen 
pipenden Vögeln, cucurare vom Hahn, singt ja auch die in 
einen. Vogel verwandelte Procne nach Virg. Culex 252 Ityn 
Ityn. Unser Kikeriki hat sein Analogon in cocococo, womit 
Petron 59, 2 den Naturlaut der Hühner ausdrückt, (franz. 
coq, Hahn, koxkvKco vom Hahne Aristophanes) und ebenso 
sind onomatopoietische Ausdrücke, welche wiederholte Laute 
malen, gern geminiert, z. B. taxtax oder taxpax, oder mit 
Ablaut tuxtax, wenn es Schläge regnet, Klatsch Klatsch, 
wie im Italienischen toppa toppa. Mehr findet man theils 
in ~W. Wackernagels Variae voces animantium, 2. Aufl. 
Basel 1869, theils in dem zu Anfang genannten Programme 
von Jakoby. 

Man braucht diese reduplicierten Bildungen durchaus 
nicht als einen Sieg der Kunst und der höheren Cuitur in 
eine spätere Entwicklungsperiode der Sprache zu verlegen, 
da ja die Dopplung im Anfange der Wörter den Kindern 
so leicht fällt und man ja das Stottern umgekehrt als eine 
Vorstufe des Sprechens bezeichnen könnte. Es kann doch 
nicht bloss auf Rechnung des Geschmackes der Ammen ge- 
setzt werden (in jener Urzeit gab es überhaupt noch keine), 



234. 371 f. Corssen III. 347. 525. Leo Meyer, vergl. Gram. 1, 281. 
Fleckeisens Jahrb. f. Philol. 105, 104. Rhein. Mus. 1879. 499. Hermes 
1881. 232. Vielleicht ist daher auch vestibulum = vestistibulum, 
Aufbewahrungsort der vestis im weitesten Sinne (vgl. naustibulum, vav- 
atcc&fios) zu erklären, da ja auch Vitruv 6, 8, 2 das Wort mit stabulum 
in Verbindung bringt. 



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446 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 6. Mai 1882. 

wenn heute noch die Kleinen das Pferd Hühü, den Hund 
Wauwau, das Huhn Pipi, die Ziege Didi (im Canton Aar- 
gau), den Ludwig Lalu, die Elise Lili, die Emilie Mimi, 
die Kinderspeise Pappe (vgl. papa, Varro bei Nonius 81, 3), 
das Getränk Memmem (vgl. mamma, Brust, Mutter; Pott 
Dopplung S. 32), einen Schmerz (Weh) Wiwi, die Uhr mit 
Ablaut Tiktak nennen. Genau entsprechende Bildungen 
weist Diez auf romanischem Boden nach, pepere Väterchen, 
memere Mütterchen =z Grossmutter, tatan Tante, (vgl. don- 
don dickes Weib, fanfan Kindchen) fifile, frefrere, Ghachale 
Karlchen, Bdbarpe Bärbchen, bebete Thierchen, cocoche 
Schweinchen, boulboul (normannisch) Stier, dedet Fingerchen, 
doch (genferisch = cloche) Uhr. Ueber bonbon Zucker- 
zeug, joujou Spielzeug, cancan u. ä. vgl. Diez, Gramm. II 8 , 
441. Wenn man diesen sich noch weiter ausdehnenden, 
aber fast nur auf die Dinge der Kinderwelt beschränkten 
Wortschatz ,Ammensprache' genannt hat, so ist man damit 
der Sache nicht auf den Grund gegangen. Vgl. Herrn. Paul, 
Principien der Sprachgeschichte, 1880, S. 191. L. Tobler, 
Wortzusammensetzung, Berl. 1868. S. 7. 

Ist es uns bisher nur gelungen zerstreute Spuren dieser 
Gemination aufzudecken, so finden wir eine weitverzweigte 
hiehergehörige Wortfamilie in demjenigen Redetheile wieder, 
dessen conservativen Character wir schon oben haben kennen 
lernen, im Pronomen, und zwar in quisquis und den 
davon abgeleiteten Formen (assyrisch m am man, wer nur 
immer, hebr. #*# ttfyt, jedermann, Gen. 40, 5. Exod. 36, 4. 
Joel 2, 7). Pluralisch dürfen wir diese Gemination nicht 
nennen, weil das Pronomen nicht für omnes steht, sondern 
die Mehrheit immer in die einzelnen Theile auflöst, so bei 
Plaut. Amph. 1, 1 158 quisquis homo huc profecto veneria 
pugnos edet =: jeder einzelne, nicht alle zusammen. Das 
älteste Latein sagte dafür nach Varro ling. lat* 7, 2, 8 
quirquir, was insofern ungewöhnlich ist, als sonst rnn- 



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Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen. 447 

gekehrt das s der archaischen Sprache, das r der classischen 
angehört, wie in honos honor, quaeso quaero, lases lares. 
Dass quisquis beiden Geschlechtern dient und dafür seltener 
in alter Latinität auch quiqui gesagt worden ist, darf als 
bekannt vorausgesetzt werden (vgl. Neue, Formenlehre der lat. 
Spr. II 2 , 241); dagegen ist es ein in der Lexicographie und 
anderwärts beharrlich wiederholter Irrthum eines späteren 
lateinischen Grammatikers, dass das Neutrum quidquid 
oder quicquid eine Nebenform quodquod gehabt habe. 
Las man sie noch bei Sen. contr. 2, 9, 25 (127, 10 Bu. 
quodquod simulabat, ad verum redegit), so beruhte sie nur 
auf Öonjectur und ist desshalb von Kiesling mit Recht be- 
seitigt, zumal man in dem Rhetor kein zweites Beispiel 
findet; möglich, dass die Form nicht gebildet wurde, weil 
sie sich mit quotquot zu nahe berührt hätte. 

Sind die beiden genannten Formen quisquis und quid- 
quid in der Latinität immer lebenskräftig geblieben, so ist 
eine dritte, der Ablativ quo quo auf ein engeres Gebiet 
zurückgedrängt worden. Gebrauchen sie schon Plautus und 
Terenz nur in der Verbindung mit modo und pacto, so 
haben auch die guten Klassiker mit Vorliebe die erstere 
Formel festgehalten, während pactum als Synonymum von 
modus, noch häufig bei Cornificius und Cicero de inventione 
(Cornif. 1, 26. 3, 2. Cic. inv. 2, 44 und öfters) immer 
mehr ztirückgieng. Da Neue, Formenl. d. lat. Spr. II 2 , 247, 
bereits die zahlreichen Belegstellen aus den Reden Ciceros 
vorgelegt hat, so brauchen wir wohl nur die ältere aus 
Cornific. 4, 23 quoquo modo possit und die wenig jüngere 
aus Sallust. Jug. 60 quoquo modo potuere, endlich einige 
aus den philosophischen Schriften und den Briefen beizu- 
fügen, um die Vermuthung von C. F. W. Müller zu Cic. 
Laelius 41, in der Ueberlieferung des cod. Paris, quoque 
modo potuimus stecke quoquo und nicht quocunqm, beinahe 
zur Sicherheit zu erheben. Und wenn gar noch quoquo 



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448 Sitzung der phüos.-phüol. Glosse vom 6. Mai 1882. 

modo, wie in der Laeliusstelle, häufig mit posse verbunden 
wird, Brut. 237; offic. 3, 118; ad Q. fr. 1, 2, 14; ad 
Attic. 2, 4, 1. 8, 12, 1, so wie dreimal in den Reden, quo- 
cunque modo dagegen nur ausnahmsweise von Cicero ge- 
braucht wird, so lässt die Bündigkeit des Schlusses nichts 
zu wünschen übrig. Demnach war quoquo modo nahezu 
so zusammengewachsen wie quomodo und quemadmodum, 
oder wie das von Cornificius bei der Anführung von Bei- 
spielen so oft und so formelhaft in dem Sinne von ita oder 
sie oder veluti gebrauchte hoc modo und ad hunc modum. 

Von späteren Prosaikern sind namentlich Tacitus (hist. 
1, 7. 5, 5. Ann. 2, 50. 3, 5. 17. 19. 73. 6, 38. 12, 46. 14, 
16. 15, 53) und Apuleius (metam. 4, 16. 6, 11. 7, 19. 9, 15. 
mund. 24 mit posse) bei quoquo modo stehen geblieben, 
nur mit dem Unterschiede, dass sie es nicht in relativem, 
sondern in indefinitem Sinn gebrauchen, wie schon Cic. epist. 
9, 16, 1, wo an der Ergänzung [quo]quo modo nicht ge- 
zweifelt werden darf. Man erklärt solche Sätze, wie: ut 
quoquo modo liberarem te cura durch Ellipse von posse = 
quoquo modo fieri posset. 

Die folgenden Casusformen müsseo geradezu als Selten- 
heiten bezeichnet werden: der Accusativ quem quem bei 
Ter. Hec. 1, 1, 8 (Umpfenb. quemque) 9 den auch Cledonius 
mit dieser Stelle belegt; der Nomin. plur* quiqui bei 
Plautus, der mit der alten Singularnebenform collidierte; 
wenn ausserdem namentlich Juristen, Gaius, Ulpian, Paulus 
u. A. Formen wie qua qua als Ablat. sing, (auch Tac. annal. 
6, 7) quaequae als Neutr. plur. quosquos conserviert 
habe», so verrathen sie auch darin ihr conservatives Prinzip, 
und wenn sich ihnen gerade Tertullian de virg. vel. 13 
(quaequae), vielleicht auch adv. Marc. 2, 20, sicher de 
poenit. 3 (quaqua) anschliesst, so wird er diese Formen 
weniger aus der lebendigen Umgangssprache als aus seinen 
juristischen Studien — er war ja Advokat — geschöpft 



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Wolfflin: Die Gemination im Lateinischen. 449 

haben. (Unsicher Pseodo-ApuL mund. 27.) Quamquam 
als Accus, fem. ist, soviel wir wissen, gar nicht gebildet 
worden, offenbar wegen der Collision mit der concessiven 
Partikel. 

Am meisten aber hat sich die Sprache gegen die Ver- 
doppelung der mehrsilbigen Prominalformen gesträubt ; denn 
quibusquibus findet sich nur bei Livius 41, 8, 10 und 
quorumquorum kennen wir gar nicht. Der Dativ cui- 
cui, durch diphthongische Aussprache zweisilbig geworden, 
musste wegfallen, weil der Genetiv cuiuscuius durch 
Kürzung diese Form annahm, allerdings nur in der festen 
Verbindung mit modi, die wir analog auch im Ablativ ge- 
funden haben, und so selbst bei Cicero, obwohl er in dem 
sorgfaltig stilisierten Werke de fin. 4, 28 und 5, 49 der 
Form cuiuscunque modi den Vorzug gegeben hat, wie auch 
Sallust Cat. 52, 5 : pacti concurriert in diesem Casus gar 
nicht, so wenig als neben eiusmodi und huius(ce)modi. 

So sehen wir, dass die lateinische Sprache mit Aus- 
nahme zweier oder dreier Casus sich der geminierten Formen 
zu erwehren öder deren Weiterbildung zu stören gesucht 
hat, was natürlich nur möglich war, wenn sie dafür eine 
bessere und deutlichere Ersatzbildung bieten konnte. Eine 
solche fand sie in cunque, in welchem cum = quom tem- 
poral im Sinne von ,wann, jedesmal wann, immer* zu ver- 
stehen ist; also quicumque = wer immer. In que aber er- 
kennen wir denselben wiederholten, nur abgeschwächten und 
unflectierten Pronominalstamm, so dass der alte Nominativ 
quiqui durch die Umbildung zu quicumqui zunächst nur 
verdeutlicht, zugleich aber auch in euphonischer Hinsicht 
verbessert wurde, indem die Einschiebung der Partikel die 
Härte der Reduplication milderte. Auch ist in archaischer 
wie in archaistischer Latinität der Mittelweg eingeschlagen 
worden, ohne Hülfe des cum den zweiten pronominalen Theil 
für alle Casus zu que zu schwächen, so dass quisque für 



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450 Sitzung der pMos.-phüol. Glosse vom 6. Mai 1882. 

quisquis, quemque für quemquem gebraucht wird (Brix zu 
Plaut. Men. 717 und Zangemeister, Corp. inscr. lat. IV, 1937. 
VIII. 1027 im Hexameter quisque sapis. Minuc. Fei. 13, 1. 
nicht bei Tertullian und Arnobius, doch sehr oft bei Cyprian 
nach Hartel, ind. S. 449, bei Venant. Fort, nach Leo, bei 
Auson. VII Sap. Pittac. 5 pareto legi, quisque legem san- 
xeris, Cleob. 5 parcit quisque malis, per der e vult bonos). 
So ist denn das classische quisque, ein jeder, identisch mit 
quisquis, nur mit Ellipse des Verbums est, wer es immer 
sei, und beide Arten der Neubildung können nur als ein 
Beweis dafür betrachtet werden, dass man die verdoppelten 
Formen als eine Last empfand. Am altertümlichsten ist 
in diesem Puncte Lucrez; denn er verbindet quidquid mit 
Superlativen, wofür man sonst nur quisque gebraucht, so 
primum quidquid = pr. quodque 5, 264. 284. 304; sum- 
mum quidquid 4, 145; unum quidquid 5, 1454. Daneben 
sind die Formen quilibet etc. seit Plautus im Gebrauch. 

Betrachten wir diesen Kampf zwischen quisquis und 
quicumque näher, so ist er am lebhaftesten um die Ablativ- 
form des Mascul. geführt, und selbst das beinahe stereotyp 
gewordene quoquo modo heftig angegriffen worden. Hatte 
Cicero in den Reden consequent, d. h. an 15 Stellen, an 
dieser Formel festgehalten, so schrieb er doch im Orator 
§ 69 auch quocunque modo postuldbit causa, und de fin. 5, 30 
quomodocunque (cod. Palat. B. quoquomodocunque) dicitur; 
ebenso Lucr. 2, 774, Sallust Jug. 103 und Propert. 1, 8, 17 
quocunque modo; von dem Philosophen Seneca kann man 
sogar in Anbetracht der Grösse seines litterarischen Nach- 
lasses sagen, dass er den geminierten Ablativ verworfen, 
und nur quocunque modo oder quomodocunque (epist. 36, 6. 
98, 14 u. s. w., ebenso Juvenal 14, 117. Florus 2, 11 = 
3, 23) gebraucht hat, während Quintilian als Nachahmer 
Ciceros nach Belieben wechselte. Wie genau Cicero die 
Grenzen seines Sprachgebrauches &bmass, ersehen wir daraus, 



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Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen. 451 

dass er, obschon er quoquo modo billigte, doch nur qua- 
cunque ratione schrieb, Catil. 2, 11. offic. 1, 43 u. s. w. 
wie ad Q. fr. de pet. cons. 18 quibuscunque ratiönibus. 

Blieb also für den Ablativ der Usus schwankend und 
von dem subjectiven Geschinacke des Einzelnen abhängig, 
so bot die Bildung mit cumque unter allen Umständen die 
Möglichkeit, die fehlenden Casus von quisquis zu ergänzen, 
z. B. quorumcumque stilus velox est Sen. controv. 1. praef. 18; 
quoscumque audivi Cic. Q. fr. 1, 2, 4; Nomin. plur. qui- 
cunque estis Sen. contr. 1, 2, 21; quicunquc fuerant Sen. 
epist. 21, 6; und während Seneca epist. 18, 7. 78, 8 und 
oft quidquid aliud geschrieben hatte, bildete er den Plural 
mit quaecunque alia Epist. 14, 11. Durch das nämliche 
Mittel wurde auch die Bezeichnung des Geschlechtes unter- 
stützt durch Bildungen wie: quaecunque quinquennio non 
peperit bei Sen. controv. 2, 13. 14. 15. Was die Stelluug 
von cumque anbetrifft, so hat es sich zwar in der Regel 
an das Pronomen unmittelbar angehängt, doch haben wir 
schon im Vorhergehenden Beispiele eines freieren Gebrauchs 
gefunden, und speziell die Dichter haben sich nie in eine 
feste Regel zwängen lassen. Vgl. Ter. Andr. 1, 1, 36 cum 
quibus erat cumque una; Manil. 3, 141 movent ut mundum 
sidera cumque, und noch Apul. mag. 54 quod conditum 
cunque. 

Da nun quisquis und quidquid nie zu Falle gebracht, 
ja nicht einmal erschüttert werden konnten, so lag es nahe 
die Doppelformen quicumquc und quodcunquc uicht als nutz- 
lose Doppelgänger stehen zu lassen, sondern syntactisch zu 
differenzieren, zunächst so, dass man die eine Form substan- 
tivisch, die andere adjectivisch anwandte. So gebrauchte 
das archaische Latein quicunque lieber ohne Substantiv, z. B. 
in der lex Papiria tribuuicia des J. 213 v. Chr. Quicumque 
praetor f actus erit, und darum hat es einen alterthürnlichen 
Anstrich, wenn Cic. de rep. 1, 50 schreibt: cum esset haben- 
[1882. 1. Philos.-phüol. bist. Ol. 3.] 30 



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452 Sitzung der phüos.-phüol. Classe Dom 6. Mai 1882. 

dus rex, quicumque genere regio natus esset. Allein die 
Scheidung ist nicht durchgedrungen und in der Classicität 
eher quisquis auf den substantivischen Gebrauch angewiesen 
worden, so dass quisquis color, q. honos bei Virgil und 
Horaz als dichterische Freiheiten gelten, die der doch sonst 
nicht von dichterischem Geiste getragene Naturforscher 
Plinius in geschmackloser Weise nachgeahmt hat. Vielleicht 
aus Rücksicht auf den Wohllaut hat Cic. epist. 10, 31, 3 
umgekehrt gesagt : quicunque is est, (mag der Alleinherrscher 
Cäsar oder Pompejus oder sonst wie heissen) ei me profiteor 
inimicum. 

Dass es mit der Unterscheidung der Neutral formen 
eher schlimmer stand, kann man an einer einzelnen, oft 
gebrauchten Redensart deutlich nachweisen. Bei Terenz 
Heaut. 3, 1, 75 lesen wir: quod cuique cunque inciderit in 
mentem, und ebenso bei Cic. fin. 4, 43. 47; daneben aber 
quidquid in mentem venu, incidit bei Cic. Attic. 9, 9, 1, 
oder vulgär quidquid in buccam venit ad Attic. 1, 9. 12, 
1, 2. Martial 12, 24, 5. Hieron. epist, 2, 9 extr. Pompeius 
schreibt (Cic. Att. 8. 12% 4) quodcunque militum contrahere 
poteritis, und Livius 22, 8, 4 quodcunque adversi inciderit 
(vgl. Fabri-Heerwagen zur St.), wofür Cicero quidquid ge- 
sagt hätte. Dichter und nachclassische Prosaiker lassen 
beide Formen wechseln, so Tibull 4, 4, 7 

Et quodcumque malist et quidquid triste timemus. 

Prop. eleg. 2, 1, 15 

Seu quidquid fecit sivest quodcunque locuta. 
Sen. epist. 97, 7 quidquid prospici potest . . . quodcumque 
laesurum est. 

Darum darf aber der sorgfältige Stilist die Formen 
doch nicht promiscue gebrauchen, da die guten Classiker 
oft deutlich genug unterschieden haben, z. B. Cic de orat. 
1, 51 quidquid erit, quacunque ex arte, quocunque de genere. 



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Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen. 453 

Jeder Leser wird quicumque adjectivisch verstehen in Cic. 
Orator 12, oratorem si modo sim aut etiam quicunque 
(= qualis) sim, wo der Conjunctiv durch den Accus, c. 
inf. veranlasst ist, oder Cic. offic. 3, 27 homini quicumque 
sit, mag er hoch oder niedrig gestellt sein, wogegen quis- 
quis est bedeutet, möge er der A oder der B sein. Sogar 
die Dichter suchen trotz der Fesseln des Metrums der 
Grammatik zu ihrem Rechte zu verhelfen, wie Tibull 4, 2, 
17, metit quidquid . . . et quascumque gemmas colligit; Mar- 
tial 6, 68, 1 1 quidquid id est, subitae quaecungue est causa 
rapinae. Darnach sind beispielsweise normal geformt Sätze 
wie Sen. suas. 1, 1 cuiuscunque rei magnitudinem natura 
dederat; Cic. fin. 4, 76 cuicunque artißcio praesunt; Cic. 
Mil. 96 quemcumque casum fortuna dederit et quaecumque 
fortuna erit oblata; Cic. Rab. Post. 21 quaecunque mens 
illa fuit et quoquo consilio (für Cicero möglich nach Ana- 
logie seines quoquo modo) fecit. 

Die Sprachentwicklung ist somit auf halbem Wege 
stehen geblieben. Hätte sie die alten verdoppelten Formen 
sämmtlich beibehalten und ihnen die mit cumque an die 
Seite gestellt, so hätte sie ein Mittel gehabt den substan- 
tivischen und den adjectivischen Gebrauch genau zu scheiden; 
da sie aber nur zwei Geminationen sanctionierte und eine 
dritte nur halb, so konnte auch von keiner consequenten 
Trennung die Rede sein, weil der Ausweg verfehlt wurde, 
quicunque im Gegensatz zu dem indefiniten quilibet nur als 
Relativum zu gebrauchen. Andrerseits hat sie wohl quis- 
quis als Relativum, quisque als Indefinitum geschieden, aber 
auch das nicht ohne Ausnahmen, wie oben gelegentlich be- 
merkt worden ist. 



Wenn nun schon bei quisquis von der Vorstellung 
einer Mehrheit ausgegangen wird, so gilt die Aussage doch 
nicht von Allen miteinander, sondern nur von jedem Ein- 

30* 



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454 Sitzung der philos.-phüöi. Glosse vofn 6. Mai i88$. 

zelnen, und darum wird das Pronomen kaum v.a%a ovveoiv 
mit dem Plural verbunden werden , obschon diess bei dem 
indefiniten quisque häufig genug der Fall ist, z. B. Plaut. 
Capt. 497 ubi quisque vident, wozu man die Note von Brix 
vergleiche. Aber während quisquis fecit ursprünglich be- 
deutete ,jeder, der es gethan hat 4 , sowohl der A als auch 
der B u. s. w. in welchem Falle der Indicativ allein zu- 
lässig war, kann es bekanntlich auch heissen ,wer es auch 
gethan haben möge 1 , so dass unter Vielen die Auswahl ge- 
lassen, aber nur Einer als der Thäter gedacht wird. Dieses 
quisquis werden wir nicht mehr plurativ nennen dürfen, 
wie man es auch nicht durch einen Plural umschreiben 
könnte. In diesem zweiten (verallgemeinernden) Sinne sind 
die Lokaladverbien quo quo und qua qua und das con- 
cessive quam quam zu verstehen: es ist immer nur ein 
Ort, ein Grad gemeint und nur frei gelassen denselben 
nach Belieben zu bestimmen. Wie nun cum in quicumque 
(irgend einmal, jedesmal, immer) die Personen oder Dinge 
zeitlich auseinanderlegt, so können quoquo und andere Ad- 
verbia (s. unten) eine örtliche Bestimmung erhalten durch 
gentium Plaut. Merc. 5, 2, 17; Solin. 22, 8 (pg. 114, 
10 M.), durch t er rar um Ter. Phorm. 551 (indefinit Tac. 
ann. 14, 1), durch locorum (ubicunque) Apul. mag. 40, 
durch orbis Solin. 21 (pg. 111, 13 M. q. o. velis , exeas). 
Denken wir uns quoquo loci, so ist quicumque dem Sinne 
nach =z qui temporis qui eine durchaus änliche Bildung; 
nur konnte sich die einsilbige Partikel in die Mitte ein- 
schieben, wogegen das Substantiv sich hinten anhängt. 

Quoquo wird von Plautus mit, Verben der Bewegung 
und Richtung, wie mittere, spectare verbunden, Aulul. 5, 
3, 1; Cure. 5, 3, 22; Pseud. 858. quoquo versum oder 
vorsum, wie bei Cato de re rust. 15. 22. 46 K. ohne Vari- 
ante überliefert ist, blieb technischer Ausdruck für in omnes 
partes, findet sich daher sehr oft bei Vitruv, aber auch bei 



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WÖlfflin: Die Gemination im Lateinischen, 455- 

Cäsar, bei Cic Phil. 9, 17 locum sepulchro pedes triginta 
quoquo versus adsignet, bei Apul. met. 2, 2. 4, 6. 8, 27 u. s. w. 
woraus sich denn erklärt, dass Cicero Lael. 6, 22 sich zu 
schreiben erlaubte quoquo te verteris, de divin. 2, 24 quoquo se 
verterint Stoici, parad. 3, 20 g. verteris, Epist. 7, 24 1 q. tne verti, 
während er das Adverb mit andern Zeitwörtern nicht verbunden 
zu haben scheint. Die von Nipperdey in den quaest. Caesar, 
pg. 71. 72 aufgestellte Unterscheidung, dass nur im Relativ- 
satze quoquoversus, in allen andern Fällen die von quisque her- 
geleitete Form quoqueversus zu gebrauchen sei, findet in 
den Handschriften nicht genügende Bestätigung. Während 
die classische Latiuität sich des adverbiellen quoquo mit 
Ausnahme der Verbindung mit verto im Ganzen enthielt (Ti- 
bull 4, 2, 7 quidquid agit, quoquo vestigia movit ist Aus- 
nahme), haben die Afrikaner sie wieder aufgenommen, Apul. 
mag. 63 quoquo eam, mag. 14 velis; mag. 52 duxerit; Ter- 
tullian de anima 21, später Solin 12, 13 (87, 19 M.) q. eant 
(Variante eunt) coniuges evagantur. Sidonius Apollinaris 
gebrauchte das Wort in uncorrecter Weise auf die Frage 
Wo? Epist. 4, 2. 7, 11 Bar. quoquo loci es und est. Der 
Ersatz ist in quocumque, welches schon Lucr. 3, 51. 4, 
166. 424 neben quolibet (4, 901) bevorzugte, von selbst ge- 
geben, und gerade Cicero, welcher sich für quoquo modo 
entschieden hatte (oben S. 447), musste quocunque in die 
Function des Adverbs einsetzen, z. B. Verrin. 5, 167 q ve- 
ner int; Mil. 1 q. inciderunt (oculi); orat. 52. Indessen hat 
auch die ganze silberne Prosa diese geminierten Formen 
perhorresciert , z. B. Seneca epist. 12, 1 quocunque me 
verti, 12, 4 q. adverteram, 19, 4 fugeris, 21, 8 transtuleris, 
9 ierint, u. ,s. w. 

Qu aqua (ergänze parte oder via) ist plautiuisch (Mil. 
2, 1, 14 incedit, Epid. 5, 2, 9 tangit), bereits von Lucret. 
(1 , 507 quacunque vacat spatium . . . qua porro cunque 
tenet se corpus, 1076 motus q. feruntur^ Uli etc.) abge* 



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456 Sitzung der philos.-phäol. Classe vom 6. Mai 1882. 

worfeü, dann von Apuleius z. B. metam. 4, 6 und Amtnian 
14, 6, 17 wieder aufgegriffen, von Classikern durchweg ver- 
mieden und nicht einmal in der Verbindung mit versus zu- 
gelassen. Der gewissenhafte Stilist muss dafür quacunqtte 
schreiben mit Cic. fin. 5, 5 q. ingredimur, de leg. agr. 2, 
34 u. s. w. oder qualibet nach Plaut. Most. 809 R. u. A. 

Quamquam, wörtlich ,wie sehr auch immer 1 , ist, 
wenn man von quamlibet absieht, allein durch keine Con- 
currenzform bedroht worden; vielmehr ist quamcunquc 
auf den Accus, sing, beschränkt, während die Conjunction 
der Gemination treu blieb. Dafür hat diese Bildung zuerst, 
nach Analogie von licet u. ä. bei Dichtern den Coniunctivus 
hypotheticus zu sich genommen, der in der silbernen Prosa 
solche Aufnahme gefunden hat, dass er bei Tacitus über- 
wiegt und in der Vulgata sogar allein vorkommt. Das 
Spätlatein begann überhaupt zu den verallgemeinernden Re- 
lativa auch den Coniunctiv zu setzen, der im Französischen 
nach quiconque Regel geworden ist. 

Der Gang der Untersuchung führt uns von quoquo und 
quaqua auf ubiubi, undeunde, utut, da diese Formen von 
jenen sich nur dadurch unterscheiden, dass das c oder q im 
Anlaute abgefallen ist, während es sich beispielsweise in 
sicubi = si cubi = si alicubi erhalten hat. 

Es verlohnt sich der Mühe, was Neue übergangen 
und Holze II, 292 nur mit drei Beispielen andeutet, den 
Gebrauch von ubiubi zu verfolgen. Es ist nämlich an 
sechs Stellen bei Plautus überliefert (Asin. 287. Cas. 3, 6, 5. 
Cure. 97. Epid. 3, 4, 60. Mil. 1379. Rud. 1210), beruht 
auf Conjectur Bacch. 1087 qui quomque [ubi]ubique sunt, 
wo es in ungewöhnlicher Weise Pronom. indefin. statt rela- 
tivum sein inüsste, desgleichen auf Ergänzung Pseud. 580 
[ubi]ubi congrediar, wo das Verbum auffällt, weil sonst das 
Adverb bei Plautus nur mit esse, zweimal ausserdem mit 
gentium verbunden erscheint, wie auch bei Terenz Andr, 684« 



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Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen. 457 

Enn. 295. 1042. Vollkommen entspricht dagegen dem 
Sprachgebrauche die Conjectur bei Attius trag. 425 Rib. 
ubiubi est statt des überlieferten ubi, und der Vorschlag 
von Andr. Spengel bei Publil. Syr. 154 Exuli ubi[ubist], 
nusquam domus est, den Ribbeck billigt; wogegen Ritschis 
auf die editt. vett. gegründete Lesart bei Aquilius Com. 6 
Rib. ubiubi monebat wegen des Verbums Bedenken erregt. 

Während nun die classische und sogar die silberne 
Latinität dem Worte consequent ausweicht, mit Ausnahme 
von Livius 42, 57, 12 ubiubi essent conversuros aciem (denn 
Cic. Tusc. 1, 70 ist die Conjectur ubiubi sit längst aufge- 
geben) , holt es wieder Frontos Schüler , Marcus , hervor, 
pg. 70 N. ubiubi es, ferner der gleichzeitige Pseudosallust 
in Cicer. 1, 1 ubiubi M. Tullius leges defendit, und Ter- 
tullian de resurr. carn. 15; auch die Juristen haben es nicht 
vergessen nach Dirkgen manuale 983. Noch spät erscheint 
es bei Liutprand von Cremona in der Antapod. 3, 21. legat. 
44. 58. Die Fähigkeit auch auf die Zeit übertragen zu 
werden, wie das einfache ubi, hat das Compositum nie er- 
langt: dagegen ist es interessant zu beobachten, wie das 
Spätlatein seine Abneigung' gegen das zweigliedrige Asyn- 
deton darin äussert, dass es die Copula et einschiebt. Vgl. 
Pardessüs, diplom. chart epist. leg. N. 282 (anno 636 
p. Chr.) ubi et ubi, in quascunque regiones; 518 (a. 721) 
ubi et ubi, in quiscunque libet pagis und nochmals 569 (743). 

Die Ersatzbildung ist eine doppelte, in erster Linie und 
schon sehr frühe ubicumque, gern durch gentium, locorum, 
terrarum u. ä. verstärkt; bei Plautus Bacch. 252 noch in 
Tmesis ubi fit quomque mentio; in der Asin. 110 (ubi erisP 
ubiquomque lubitum erit animo meo) und bei Ter. Heaut. 
578. Hec. 608, bei Inc. trag. 92 Rib. (patria est, ubicum- 
que estbene), Lucr. 1, 980 schon zusammengewachsen, mehr- 
mals bei Cicero und normal in classischer Latinität nament- 
lich mit esse (Cic. Verrin. 5, 55» Phil, 2, 113. nat. d. 1, 121. 



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458 Sitzung der phUos.~phüol. Glasse vom 6. Mai 1882. 

Epist. 2, 5, 1. 5, 17, 4. Attic. 3, 25. Caes. b. Gall. 7, 3. 
Hör. Epist. 1, 3, 34), bei beiden Seneca, controv. 2, 1, 4. 
7, 5, 13. 7, 7, 15. Epist.. 62, 1. 71, 21. 77, 4. 89, 21 u. s. w. J ) 
Ausserdem sagen Cicero u. A. umschreibend quocumque 
inloco, z. B. Martial 14, V quo vis cunque loco; Sen. tranq. 
an. 1, 4 und Augustin ulilibet. 

Seltener ist in archaischer Latinität undeunde, sehr 
unsicher bei Plaut. Pseud. 106 (undeunde dicam, nescio), 
nicht viel besser bei Catull 67, 27 (et quaerendus [unde] 
unde foret), verbürgt bei Hör. Sat. 1, 3, 88 numos u. extricat, 
was für uns wichtig ist, weil damit das Fortleben der Form 
in der Volkssprachp constatiert wird. Erst Apuleius (met. 5, 
30 solatium u. spernendum) und Tertnllian greifen das Wort 
wieder auf, schwerlich aus der Leetüre des Plautus ; letzterer 
an zahlreichen Stellen adv. nat. 2, 12 (Conjectur von Oehler), 
test. an. 1, adv. Marc. 3, 9 (dreimal), 4, 33. adv. Herrn. 



1) Diese und die folgenden Fragen wird die historische Syntax 
im Capitel der Localsätze zu hehandeln haben. Wenn ich die Ab- 
sonderung dieser heute nicht anerkannten Satzart verlange, so will ich 
zur Rechtfertigung nur in Kürze beifügen, dass man die Localsätze nicht 
unter die Relativ- (Adiectiv, Attributiv) sätze stecken darf; denn die 
Temporal-, Causal-, Comparativ- u. a. Sätze sind der Form nach auch 
Relativsätze, werden aber selbstständig behandelt. Da man nun bei 
den Partikeln eine locale, dann eine temporale, endlich eine modale Be- 
deutung unterscheidet, so müssen in der Syntax den Temporalsätzen 
noth wendig die Localsätze vorausgehen, möge darüber viel oder wenig 
zu sagen sein. Immerhin werden, analog den Sätzen mit quom tum, 
eo quod, ut ita die mit tibi ibi, unde inde, quo eo, qua ea, quatenus 
eatenus, quousque eousque u. a. zu besprechen sein. Dabei dürfte 
Manches Unbekannte an das Tageslicht kommen, z. B. dass die classische 
Latinität eatenus quatenus vermieden hat (Cicero eatenus qua oder 
e. quoad) f und dass zuerst die der Deutlichkeit huldigenden Juristen 
Gaius (4, 73), Ulpian, Javolenus u. A. und nach ihnen Spätlateiner die 
monotone Form angenommen haben, ausser Celsus Veget. mil. 4, 41. 
Gromat. 42, 15 L. Schol. Bob. Cic. pg. 300 Or. August, retract. 1, 11, 
3. 1, 19, 2. u. A. 



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Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen. 459 

10. 22. 27. de anhna 51 als Relativuni und Indefinitum. 
Es vermochte aber, wiewohl es auch in der juristischen 
Litteratur einen schwachen Halt hatte (Dirksen Manuale 1013), 
bei der allgemeinen Antipathie gegen die Geminationsbild- 
ungen nicht mehr durchzudringen und kann daher bei 
Sidonius Apollinaris epist. 4, 2 (9) (non u. quarumpiam 
personarum voluntates inquirerem), Marc. Empir. u, A. nur 
als gelehrte Reminiscenz betrachtet werden. Die Ersatz- 
bildung undecumque tritt uns auch hier wieder zunächst 
in Tmesis entgegen bei Lucr. 6, 1015 unde vacefit cunque 
locus, in der guten Prosa als ein Wort; undelibet zu- 
erst bei Cornific. 4, 63 als indefin. 

Noch am meisten Glück hatte utut, welches den vier- 
silbigen Schwesterformen gegenüber sehr im Vortheile war; 
von einer Verdopplung der altern Form uti ist uns nichts 
bekannt; Schon bei Plautus ist es zwar am häufigsten mit 
est verbunden (Bacch. 1201. Merc. 3, 2, 15. Pseud. 298. 
310.)» ebenso bei Terenz Phorm. 468. 531, synonym bei 
PI. Most. 530 utut res sese haec habet; allein es tritt auch 
zu den mit esse umschriebenen Tempora, PI. Amph. 1101 
utut meritast, Cist. 1, 1, 110 utut est meritus, Amph. 397 
utut facturus, Ter. Ad. 630 rem utut erat gcsta> Ad. 248 
utut haec sunt acta, und bei Plautus Merc. 1, 1, 81 ganz 
frei zu animum offirmo meurn (?). Cicero hat die Form 
nicht so verworfen, wie ubiubi und undeunde, sie aber doch 
nur ungern gebraucht, Verrin. 11, 1, 4 utut esset hoc iu- 
dicatum, ad Attic. 15, 25 utut est res; ibid. 15, 26 \ut]ut 
erit. Die silberne Latinität hat sich noch viel consequenter 
von dem Worte fern gehalten und auch die Spätlateiner 
(Tertull. adv. Hermog. 41 und wohl auch adv. nat. 1, 10, 
wo Havercamp das handschriftliche ut aut so verbessert hat) 
sind so massig, dass man es tadeln muss, wenn die Neu- 
lateiner es so häufig gebrauchen. 

(Ueiphbedeutende Redensarten, die man an die Stelle 



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460 Sitzung der phüos.-ph'dol. Classe vom 6. Mai 1882. 

setzen konnte, gab es mehrere; einmal quidquid est, welches 
wenigstens unter bestimmten Umständen in die Lücke tritt, 
namentlich aber das oben erwähnte quoquo modo, welches 
genau die nämlichen Verbindungen eingeht, nämlich mit 
est Cic. Q. fr. 1, 2, 14; mit res se habet Cic. epist. 4, 12, 1. 
ad Q. fr. 2, 2, 1. Attic. 10, 4, 6. 14, 13 b , 3. Verrin. 5, 89. 
Ligar. 23; mit meritus sum Cic. Mil. 93. Tac. Anual. 3, 17. 
Das Einfachste, durch die Analogie Gegebene war freilich 
utcumque zum Nachfolger zu machen, was die archaische 
Latinität nur darum nicht gerne that, weil das Wort bei 
Plautus (Epid. 1, 1, 47. Poen. 3, 5, 9) und bei Horaz die 
Bedeutung von ,sobald 4 (ut primum) hat. Bei Cicero ist 
das Wort ganz gewöhnlich, fin. 5, 11 utcunque res postu- 
aret, offic. 1, 135. or. ad Quir. 23, ebenso bei Virgil, 
Tibull, Properz, Ovid, Livius, Seneca u. a. Die Lieblings- 
formel ist auch hier utc. est (Tibull 3, 4, 11. Livius praef. 
3. 42, 40, 3. Sen. epist. 15, 8. 24, 6) und u. res se habet 
Liv. 37, 54, 7. Plin. Epist. 7, 33, 10. Durch Ellipse des 
Verbums wurde die Relativform in der silbernen Latinität 
eine indefinite, z. B. Suet. Tib. 1 1 utcunque meritae (s. oben) 
quidquid umquam dcmo dedisset concedere, so wenig sie es 
auch verdient hatte: in Verbindung mit tolerare und Syno- 
nymen (Liv. Curt. Sen. epist. 83, 21. Quintil.) kann es mit 
,wohl oder übel, leidlich 1 übersetzt werden. Dass aber die 
Form doch einmal uticunque gelautet habe, scheint aus der 
Verkürzung utique hervorzugehen, die sich mit quandoque 
= qwxndoeunque vergleichen lässt. 



Ausser quis sind auch noch quantus, qualis, quotus 
einer Verdopplung fähig. Quantusquantus (oaog ooog) ent- 
gieng schon den lateinischen Grammatikern wie Priscian 
(vgl. auch Gramm, lat. 5, 207, 25 K.) nicht, da sie es bei 
Plautus Poen. 3, 4, 28. Ter. Ad. 394. Phorm. 904 fanden; 
dass es in der Volkssprache fortlebte, verbürgt die Stelle 



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Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen. 461 

Cic. ad Attic. 12, 23, 3 "quantiquanti, bene emitur quod 
necesse est, die an den alten Cato erinnert, und die pompei- 
anische Inschrift (corp. inscr. 4, 3061), sowie der Gebrauch 
bei Apul. met. 9, 35 quantulumquantulum nicht anders zu 
interpretieren sein wird. Wenn es Markland bei Cic. de domo 
118 verlangte, so widerstrebt die Form freilich dem jdleren 
Stile, so dass wir mindestens dem grossen Redner eine 
Ersatzbildung zuschieben müssten; findet man es noch im 
Kirchenlatein (evang. Luc. 5, 3 inducere a terra quantum- 
quantum nach cod. Cantabr.), so wird man es auch den 
Juristen zutrauen, und bedauern, dass Dirksen Man. 800 
die Stelle des Ulpian Dig. 38, 5, 1, 2 legare quantumquantum 
vellet übersehen hat. Quant uscunque wird von Cicero 
und Livius oft von der Grösse wie von der Menge gebraucht 
(vgl. Madvig, Emend. Liv. zu 27, 45, 3); eine Steigerung 
dazu ist quantuluscunque, von Cicero ab nicht selten, z. B. 
Martial 11, 14, 2. quicquid est, quantumcumque est Pseudo 
Apul. Asciep. 16 und ebenso übersetzt die Vulgata Hebr. 
10, 37 jämqov oaov ooov nicht wörtlich, sondern mit quan- 
tultmtcumque; quantuslibet seit Ovid und Livius ; durchaus 
vulgär quammagnuscunque in dem Compend. Vitruv. 
p. 303, 4 Rose. 

Qualisqualis und qualiterqualiter ist nament- 
lich den Juristen geläufig (Dirksen Man. 797) und arta% 
elqrjiievov bei Tertullian de anima 54 qualiterqualiter vo- 
lunt; Cicero sagt qualiscunque ad Att. 13, 41. 14, 14 
oder qualislibet (pron. indefin. Nat. deor. 2, 93) und 
auch die silberne Latinität nur qualitercunque. 

Quotquot wird aus quotiquoti entstanden sein, wie 
tot aus toti. Das Alter der Bildung lässt sich aus den 
Wörterbüchern nicht mit Sicherheit bestimmen, da, man 
weiss nicht ob zufällig, Belege aus der archaischen Latinität 
fehlen , obschon doch sonst alle Analogie für ein hohes 
Alter spricht» Jn der alten Gesetzessprache heisst es bei 



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462 Sitzung der philos.-philol. Classe vom 6. Mai 1882. 

Cic. leg. 3, 8 quotcunque senatus creverit populusve iusserit, 
tot suntOy wo man um so weniger an Modernisierung durch 
Cicero glauben möchte, als ja das archaische creverit == de- 
creverit treu bewahrt ist. Cicero hat selbst auf eigene 
Rechnung und Gefahr de invent. 2, 145 quotquot erunt ge- 
schrieben, während die Form Epist. 11, 23 auf Cratander 
beruht und jetzt der Lesart quot gewichen ist. Bekannt 
sind Catulls Verse 42, 12 

Adeste hendecasyllabi, quot estis 
Omnes undique, quotquot estis omnes. 

In der Zusammenrückung quotquotannis (Varro ling. 
lat. 9, 24) = alljährlich wurde die eine Silbe unterdrückt 
und quotannis allgemein recipiert (s. S. 444 Anm.), während 
quotquot mensibus, omnibus mensibus, singulis mensibus 
nebeneinander bestehen blieben, Varro 5, 47. Jordan im 
Hermes 1881 , 232. In Anbetracht dass noch die Vulgata 
quotquot an einem Dutzend Stellen hat, (Evang. Luc. 11, 8 
Var. quantos) und noch Richer. hist. 1, 7, kann man doch 
nicht behaupten, dass die geminierte Form stark angegriffen 
oder gar verdrängt worden sei, wenn auch quotcumque 
ebenso alt (Catull 64, 280) und ebenso häufig sein mag; 
quotlibet Hyg. astron. 1, 6 ist nur Lesart jüngerer Handschr. 
statt quaslibet. 

Hier ist, so viel mir bekannt, die Gemination des Pro- 
nom. qui stehen geblieben; die Personalpronomina meine, 
tete, sese lassen sich nicht wohl in Parallele bringen, da 
die Bedeutung eine verschiedene ist. Die bisher erläuterten 
'Bildungen sind sämmtlich alt und auch die von den Juristen 
geretteten als solche anzusehen; wie Koffniane (Gesch. des 
Kirchenlateines 138) sagen konnte, das spätere Latein habe 
eine Reihe von Verdopplungen gebildet, ist mir unverständ- 
lich. Mit Ausnahme von quisquis, quidquid, quamquam, 
quotquot haben die Classiker und die Autoren des silbernen 



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Wolfflin: t>ie Gemination im Lateinischen. 463 

Lateins sämmtlichen Bildungen stärkeren oder schwächeren 
(diess bei quoquo) Widerstand entgegengesetzt, und nicht 
ohne Erfolg: sie empfanden sie als rohe und meistentheils 
übelklingende, und sie scheuten sich daher nicht, durch 
Zulage von 1 — 2 Silben organischere herzustellen. Wurde 
schon der Gemination zweisilbiger Worte entgegengearbeitet, 
so ist die dreisilbiger nur in qualiterqualiter erhalten; in 
allen andern Fällen musste man cunque zu Hülfe nehmen, 
z. B. quotienscunque oder quotieslibet (Boeth. inst, music. 1, 4), 
nicht quotiensquotiens ; quandocunque oder quandolibet (Neuer- 
ung des Lact. opif. dei 4, 7), nicht quandoquando. Den 
nämlichen Grundsätzen sind auch andere Sprachen gefolgt. 



Forschen wir weiter nach, ob sich diese Gemination 
oder Reduplication (denn die Reduplication in der Wort- 
bildung ist doch gewissermassen nur eine unvollständige 
Gemination) bei andern Redetheilen nachweisen lasse, so 
dürfen wir sie wohl für das Sumerische im Verb um finden. 
In dieser Sprache nämlich drückt die Verbalreduplication 
die fortdauernde (also sich immer erneuernde, wiederholende) 
Handlung aus, da die Assyrer die betreffenden Formen mit 
ihrem Präsens wiedergeben. Deutlicher tritt der Begriff der 
Wiederholung hervor in einer Gerundialbildung des Sanskrit, 
utthäya u. so oft man aufsteht, und noch deutlicher bei 
dem Afrikaner Luxorius N. 327, 5 anthol. lat. R. 

Mox cadit et cadit et rursum cadit, inde rcsurgit. 

So auch im Deutschen: sinkt und sinkt, weint und weint. 

Endlich glaube ich sie im Comparativ des Adiectivs 
gefunden zu haben, wo die Gemination zur Bezeichnung 
eines successiven Zunehmens oder Abnehmens dient ; während 
nämlich der einfache Comparativ eine Eigenschaft als seiend 
und bleibend bezeichnet, drückt die Wiederholung des Com- 
parativs die im Werden begriffeue Entwicklung aus. 



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464 Sitzung der phüos.-phüol. Glosse vom 6. Mai 1882. 

Die Wiederholung in der Zeit wird bei magis magis- 
que sehr oft noch besonders durch in dies 1 ) ausgedrückt, 
von Cicero fil. Epist. 16, 21, 2 (duplicari), Sallust Cat. 5, 7 
(agitabatur), 20, 6 (accenditur; nach cod. Vatic), Jug. 7, 6 
(amplecti), Fronto p. 187 (augetur), Apul. met. 11, 21 
(gliseebat), Inc. paneg. in Constant. (814 (venerari), Spart. 
Hei. 6 (adgravari), Dictys 1, 19 (saeviens), 3, 3 (aestuare); 
durch in dies et horas von Catull 38, 3 (malest); durch 
cotidie von Cic. Brut. 308 (probabatur), Philip. 1, 2, 5 
(minttari), ad Attic. 14, 18, 4 (cogito), entsprechend bei 
Augustin civ. d. 13, 10 cotidie fit minus minusque; durch 
semper von Tibull 1, 7, 64 (candidior s. eandidiorque 
veni); durch s üb in de von Pomp. Mel. 2, 79 (grandis et 
subinde grandior) ; durch quotannis Priap. 86 (85) 4 
(beata). So wenig diese hinzutretenden adverbialen Aus- 
drücke unumgänglich nothwendig sind, so wenig darf man 
sie als müssig auffassen ; vielmehr bestimmen sie die Wieder- 
holung, welche durch die Gemination nur im Allgemeinen 
aasgedrückt wird, genauer nach den einzelnen Zeitmomenten. 
Genügt somit ,es wurde schlimmer und schlimmer 1 , so wird 
diess doch näher präcisiert durch den Zusatz ,von Stunde 
zu Stunde, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr 4 ; nur 
empfiehlt es sich dann vom Standpunct einer vernünftigen 
Oekonomie in der Sprache dafür den zweiten Comparativ 
fallen zu lassen. Auch das Uebrige, was an diesen Ver- 
bindungen Interesse erregt, wird sich am leichtesten an der 
häufigsten Formel magis magisque beobachten lassen, die 
in plus plusque (Plaut. Aulul. 3, 6, 11. Cic. Att. 6, 2 
in dies diligebat; piü e piü, Blanc Vocabolario dantesco 
p. 2 fg.) nur sehr schwache Concurrenz hat. 



1) Diess ist eigentlich ein Pleonasmus, da dem strengeren Stile 
Ciceros magis in dies (p. Mil. 25) vollkommen genügt, ebenso dem 
reiferen Sallust hist. 3, 61, 28 u. a. 



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Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen. 465 

Einmal bietet hier das Griechische eine Analogie in 
txXeov tvXsov bei Aristophanes, \iaXkov iiaXkov bei Menander. 
Dann darf es als sicher gelten, dass das asyndetische, dem 
Griechischen entsprechende magis magis, erhalten bei Catull 
38, 3. 64, 275 nnd Virgil Georg. 4, 311 die älteste Form 
gewesen sein muss. Das classische Latein gab dem magis 
magis que (welches Lucilius durch ein Wort zu trennen 
pflegt, Aetna V. 482. 526) den Vorzug, so dass es über- 
flüssig sein dürfte, hiefür Beispiele anzuführen; das älteste 
ist vielleicht Plaut. Pseud. 1197. Magis et magis ist 
bei Dichtern zu entschuldigen, wie Priap. 86 (85) 4, anthol. 
Lat. II, 240, bei Cic. Attic. 14, 18, 4 jedenfalls Ausnahme, 
und daher unsicher, ob Cic. Attic. 16, 3, 1 gerade magis 
[et magis] delectari zu ergänzen sei. Ungleich gebräuch- 
licher, in Prosa wie in Poesie, ist magis ac magis, 
allerdings nicht bei Cicero, wohl aber bei Lucr. 3, 546. 6, 
126. Hör. Sat. 2, 4, 60 und namentlich in der silbernen 
Prosa bei Sen. dial. 5, 1, 4. benef. 2, 14, 4. nat. q. 3, 25, 
12. epist. 114, 25; bei Sueton Vit. 11. Tit. 3. gramm. 3; 
bei Tacitus und Plin. epist. 7, 3, 4. 10, 28, 3, wenn auch 
nicht bei Quintilian. Magis atque magis passte den 
hexametrischen Dichtern wie Catull 68, 48. Virg. Aen. 2, 
299. Hör. Sat. 2, 3, 318. Seren. Sammon. 372. 901. 946. 
anthol. lat. I. 1. pg. 46 R, Vers 36 und 38. Polysyn- 
detisches magisque magis que wird wohl um so eher 
vorkommen, als schon Ennius Annal. 315 mit plusque 
magisque vorangegangen war. 

Asyndetisches plus plus und minus minus hat weder 
S. Preuss gefunden (De bimembris dissoluti usu solemni, 
Edenkoben, 1881), noch ist es mir erinnerlich; die älteste 
nachweisbare Verbindung war minus m%nusque (Plaut. 
Aulul. 18. Ter. Heaut. 594), minus atque minus wohl 
Neuerung des Virgil Aen. 12, 616 (August, epist. 3, 2); 
minus ac minus Neuerung der silbernen Prosa nach dem 



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466 Sitzung der phüos.'phüol. Glosse vom 6. Mai 1882. 

Vorgange Virgils bei Livius 26, 17, 12. Pomp. Mel. 3, 74. 
Plin. nat. hist. u. a. minus et minus Licenz des Hör. 
Carm. 1, 25, 6. Ovid raet. 11, 723. Heroid. 2, 129. 

Die übrigen Comparative ordnen wir chronologisch nach 
ihrem ersten Vorkommen. Cic. Attic. 13, 21, 6 Attica 
levius ac levius (ergänze se habet). Tibull 1, 7, 64 
candidior semper candidiorque veni. Ovid met. 7, 
639 crescere . . . et maius maiusque videri. Pomp. 
Mel. 2, 79 iam grandis et subinde grandior. Sen. dial. 
5, 42, 4 und Epist. (nach Otto Rauschning, De latinitate 
L. Annaei Senecae philosophi. Regim. 1876. p. 54) propius- 
que ac propius accedere (p. p. que accedere Stat. silv. 
5, 1, 184; p. p. que sonoro quadrupedum cornu tellus gemit 
Sil Ital. 4, 95. p. p. que agnosci Mamert. genethl. Max. (3) 
10). Apul. met. 8, 2 carior cariorque factus. Pseudo- 
apul. Asclep. 41 melius melius (ohne Copula!) ominare 
entspricht der Stelle des Lactant. 6, 25, 11 bene bene ominare, 
und der des Plautus Rud. 337 melius ominare. Genethl. 
Mamert. 16, 3 longius longiusque protendere. Passio 
Theodoti c. 35 (a. 303 nach Chr. in den Acta sine, mar- 
tyrum ed. Ruinart) amplius et ampliu$ eis offerebat 
de vino. Schiller im Taucher : ,und hohler und hohler hört 
man's heulen 1 . 

Vermöge seiner an den griechischen Comparativ erin- 
nernden Endung ist auch Herum hier einzureihen. Herum 
iterumque (Awesta Vendidad 8, 27 vifjeiti vifjeitika 
nach der Erklärung von Dr. Wilh. Geiger) nicht in clas- 
sischer Prosa, zuerst bei Ovid met. 11, 619. art. am. 2, 127 
(rogare); dann bei Pomp. Mela 1, 51. 3, 9. Plin. pan. 
79, 1. Martial 2, 14, 13. Flor. 1, 23 (2, 7) 15. Veget. 
mulomed. 4, 27: 9 iterum atque Herum Hör. Sat. 1, 10, 
39. Sil. Ital. 7, 393. Plin. pan. 28, 6. Fronto p. 94 N. 
Vopisc. Aurel. 45, 15. Vulg. 3 Reg. 22, 16 und 2 Par. 
18, 15 mit adiuro. Querul. Peip. 45, 23. Victor Vit. pass 



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Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen. 467 

b. M. 14: polysyndetisch iterumque iterumque mit 
vocare Virg. Aen. 2, 769 und consol. ad Liv. 219; mit 
monere Aen. 3, 436. Die Clapsiker sagen dafür saepius 
iterumque, rursus iterumque u. ä. 

Ueberhaupt können auch andere, formell der Comparativ- 
bildung fremde Wörter, welche an sich eine einmalige 
Wiederholung oder Erneuerung bezeichnen, durch Gemination 
eine mehrmalige Wiederholung ausdrücken. So sagt Ter- 
tullian vom Jenseits, Sterben und Auferstehen setzten sich 
dort nicht mehr fort, apol. 48: ideo nee mors iam nee rur- 
sus ac rursus resurrectio, womit der in die Anapher 
übergehende Vers des Valerius Flaccus Argon. 3, 596 Rur- 
sus Hylan et rursus Hylan reelamat verglichen werden 
kann. Und in derselben Schrift Tertullians, Apol. 35 heisst 
es von dem jedesmal den Thron besteigenden Kaiser: no vi 
ac novi (ac novi fehlt in DF) Caesaris scaena congiario 
dividundo praesidentis , und adv. Marc. 1, 8 novo semper 
ac novo titulo, wo die Wiederholung wie bei den Compara- 
tiven durch das Adverb besonders ausgedrückt ist. Diese 
Redeweise hat sich bei alius uud seiner ganzen Familie bei 
allen Autoren erhalten; alii atque alii (Lucr. 1, 813. 
2, 243. 377 etc. Cicero) bedeutet also nicht nur ,der eine 
und der andere 1 , sondern ,immer wieder Andere, Neue 1 . 
Verdeutlichend können Adverbia dazu treten, wie Sen. epist. 
85, 29 pars subinde (ein bei Sen. sich auffallend hervor- 
drängendes Wort =: souvent) alia atque alia, oder epist. 
32, 2 aliud eius subinde atque aliud facientes initium. Nur 
geht Rauschning p. 54 zu weit, wenn er glaubt, eine Tren- 
nung der beiden Pronomina komme sonst nicht vor, da er 
Ja bei seinem eigenen Autor epist. 90, 15 subinde alia facics 
atque alia hätte finden können. Die Verknüpfung durch 
que gehört wohl der silbernen Latinität an (Tibull 4, l, 17) 
und ist bei Celsus (s. den Index von Matth. Gesner) stehend, 
auch für das Adverbium, aliter aliterque. Qnintiliau 
[1882. I. Philos.-philol. bist. Cl. 3.] 31 



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468 Sitzung der phüos.-phüol. Glosse vom 6. Mai 1882. 

hat mit Ausnahme von 10, 5, 9 aliae aliaque formae das 
ciceronianische atque beibehalten , so wie auch Celsus 3, 
3 extr., der Philosoph Seneca und der Naturforscher Plinius. 
Nur um die Mannigfaltigkeit des Gebrauches klar zu macheu, 
erinnern wir an Beispiele wie Sen. epist. 35, 14 aliubi 
atque aliubi adparere, immer anderswo, immer wieder 
an einem neuen Orte auftauchen; de brev. vit. 11, 2 alio 
atque alio spargi; Plin. nat. hist. 13, 4 alibi atque 
alibi; in der histor. miscella 19, 31. 25, 17 alias atque 
aliter 1 coli. 19, 53. Die deutsche Sprache, welche in der 
Gemination der Comparative mit der lateinischen zusammen- 
stimmt, weicht hier entschieden ab. 

Sem per semperque petere , immer und immer 
wieder, bei Seneca apocol. 15 kann nach dem satirischen 
Character der Schrift nur vulgär gewesen sein = Herum 
iterumque, und ist im italienischen sempre sempre erhalten; 
asyndetisches semper semper aber, welches Rauschning p. 66 
aus Sen. vit. beat. 7, 4 anführt, ist Glossem, von Haase 
schon eingeklammert, von Koch-Vahlen getilgt, und bei 
Catull 65, 11 semper amabo, semper als Anapher zu fassen. 
Parallel steht noch das seltene, von Muret gern gebrauchte 
usque et usque (allatrare Martial 5, 60, 1. fines pro- 
terminare Apul. met. 9, 38). 

Es ist schwer hier abzubrechen. Denn dem Sinne nach 
ist auch das bekannte etiam atque etiam, welches oft 
mit reputare, videre, monere, considerare u. ähnl. Verben 
verbunden wird (= nochmals und nochmals) hier einzu- 
reihen. Von Plautus an (Aulul. 4, 2, 7. Trin. 3, 2, 48) 
zieht es sich bis in das Spätlatein, findet sich vereinzelt 
bei Ennius, Lucrez, Catull, doch nicht bei Cäsar und nur 
einmal bei Sallust in der Rede des Marius Jug. 85, 28, 
häufig dagegen in den Reden und Briefen Ciceros, vor vale 
elliptisch zu verstehen mit Ergänzung eines Verbums wie 
moneo (ad Attic. 5, 19, 2. 5, 20, 9 u. s. w. und besonders 



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Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen. 469 

oft am Schlüsse der Briefe des 16. Buches ad famil.), etwa 
zehnmal bei Livius, bei Curtius (5, 4, 13), Seneca (benef. 
3, 14, 2) und wieder bei Fronto p. 66. 152, Apulejus 
flor. 4, 19, Gellius 2, 30, 3. Die Formel etiam etiamque, 
welche Bentley zu Hör. Sat. 1, 6, 18 und Haase, Vorles. 
I. 193 anführen, ist mir so wenig bekannt, als Hand, Tur- 
sell. Tl. 576 ff. und etiam et etiam mag Baibus verant- 
worten, der es geschrieben Cic. epist. Att. 8, 15% 2. Vgl. 
auch Ferd. Heerdegen, Unters, z. lat. Semasiologie, III 
(1881). S. 44. 

Es ist unmöglich hier mit Stillschweigen über das ver- 
wandte iam iamque hinwegzugehen, wenn auch gewisse 
Gelehrte etiam gar nicht von iam ableiten, sondern aus tri 
und dem Suffixe am (vgl. protinam, coram, palam) ent- 
stehen lassen. Nur hatte Haase nicht so ganz Unrecht, 
wenn er (Vorles. I. 193) mit Rücksicht auf die Unsicher- 
heit der Ueberlieferung {iam ) iamiam, iamiamque) und die 
verschiedenen mit dem Ausdrucke verbundenen Tempora 
(Präsens, Perfect, Futurum) die Frage als weiterer Unter- 
suchung bedürftig bezeichnete. Vorerst wird sich heraus- 
stellen, dass in archaischer Latinität iamiam (spanisch ya yd) 
überwiegt (Plaut. Cure. 218. 707. Mil. 1084 R. Most. 403. 
Pers. 5, 2, 41. Ter. Ad. 853. Att. trag. 611), iamiamque 
(PI. Pseud. 219) zurücktritt, gerade wie in magis magisque 
die Copula spätere Zuthat ist. Der Begriff der Wieder- 
holung tritt insofern hervor, als es mit Futurum oder leb- 
haftem stellvertretendem Präsens verbunden ,im nächsten 
Augenblick = jeden Augenblick' bedeutet, so namentlich 
in Verbindung mit adesse, Cic. Att. 7, 20 illum rucre 
nuntiant et iamiamque adesse (er kommt jeden Augenblick 
= er kann jeden Augenblick kommen), ibid. 14, 22 ipse 
iamiamque adero. Caes. civ. 1, 14 Caesar adventare iam- 
iamque et adesse eius equites nuntiabantur. Tac. anual. 14, 7 
iam iamque adfore obtestans. Enmen. paneg. Constaut. 15 

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470 Sitzung der phüos.-phüöl. Classe vom 6. Mai 1882. 

iamiamque venturum. Auf die nämliche Anschauung hinaus 
laufen Verbindungen mit expectare Cic. epist. 12, 10, 4; 
video (bellum) Cic. Att. 16, 9; sciemus ibid. 7, 25; imminere 
Sen. dial. 7, 26, 3 ; iamiam puto (ich überzeuge mich jeden 
Augenblick mehr) bei Sallust Jug. 14, 22, wo eine er- 
klärende Anmerkung nicht überflüssig wäre, dem Sinne 
nach = magis magisque, wie bei Catull 63, 73 iamiam 
dolet quod egi iamiamque paenitety und Virgil Aen. 12, 940 
Et iam iamque magis cunctantem etc. Man wird freilich 
zugeben müssen, dass diese iterative Bedeutung sich all- 
mählig verdunkelte, und selbst bei den besten Prosaikern, 
wie Cicero, da wir uns ja Philip. 2, 87 statt iam iam minime 
miror eigentlich zu denken haben minus oder minus minus- 
que = mehr und mehr, von Tag zu Tag mehr begreife ich. 
Steht dagegen iamiam mit einem Tempus der Vergangen- 
heit = soeben, bereits , so kann nicht mehr von Wieder- 
holung gesprochen werden, vielmehr ist dann die Gemi- 
nation intensiv zu verstehen (unten S. 482) nach Analogie 
von modo modo. Vgl. Madvig, emendat. Liv. 2. Aufl. 384. 
624 Note. 

Die Analogie der besprochenen Redensarten bestimmt 
uns nun vielleicht, identidem in gleicher Weise mit 
Priscian als Wiederholung von idem zu betrachten, obschon 
Vaniceck, griech. lat. etymol. Wörterb. T 320. u. A. die 
Bildung anders erklären. Es lässt sich dafür geltend machen, 
dass wir das Wort oft zu den Verbis monendi gestellt finden, 
gerade wie etiam atque etiam. Ueber den Gebrauch, der 
mit Plautus anhebt (Trin. 147. Truc. 4, 2, 25) und sich 
noch bei Richer. hist. 2, 32. 3, 51 findet, kann man sich 
nach Hand Tursell. III. 174 eine Vorstellung machen; nur 
glauben wir beifügen zu sollen, dass das Wort ein Lieb- 
lingswort des Apuleius und in den Metamorphosen allein 
zwanzig mal gebraucht. 



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Wölfflin: Die Gemination im Lateinischen. 471 

Selbst der Vers des Ennius Annal. 527 
Atque atque accedit muros Bomana inventus 

= adque adque, heran und heran, kann nur in dem Sinne 
des oben angeführten propius propiusque accedere inter- 
pretiert werden, obschon Gellius 10, 29 die Worte nicht 
iterativ, sondern intensiv verstanden wissen will (gemina 
si ftat, äuget intenditque rem), immerhin besser als P. Böhmer, 
die latein. Vulgärsprache. Oels 1869. 19, der ,und dazu 
und dazu 4 erklärt. 

3. Die intensive Gemination. 

Um von der plurativ-iterativen Gemination auf die 
intensive hinüber zu kommen ist dem Grammatiker eine 
bequeme Brücke gebaut. Da nämlich pulsare wiederholt 
klopfen und stark klopfen bedeutet, so könnte man den 
Uebergang der Verba frequen